Cannibalization á la Starbucks

Howard Schultz (Foto) lamentiert. Der Gründer von Starbucks hat weltweit 13.000 Niederlassungen und jetzt sind seine Läden nicht mehr richtig gemütlich, die Wohnzimmeratmosphäre ist futsch. Kann man denn bei einer McDonald-artigen Kette Wohnzimmergemütlichkeit erwarten? Oder kann das nichts anderes sein als Fassade? Die Angestellten von Starbucks, sie heißen Baristas, haben laut taz die Funktion, dass man mit ihnen „quatschen“ kann, also ein Stück Privatheit herstellen. Geht das zusammen mit einer Kette und 13.000 Filialen? Und wollen die Barristas überhaupt mit den Kunden privat quatschen? Schultz jedenfalls ist einer von denen, die in ihrer Entwicklung in der Pubertät stehen geblieben sind: „Egal, ob Amerikaner, Deutsche oder Filipinos – wir alle haben das Bedürfnis, zusammenzukommen. Starbucks ist der Ort. Starbucks bringt Menschen zusammen.“

Auf der Internetseite der Firma kann man lesen, dass Starbucks eine Mission hat. Unter anderem gibt es dort ein Kapitel „Our Neighborhood“. Dort steht wörtlich:

Every store is part of a community, and we take our responsibility to be good neighbors seriously. We want to be invited in wherever we do business. We can be a force for positive action— bringing together our partners, customers, and the community to contribute every day. Now we see that our responsibility—and our potential for good—is even larger. The world is looking to Starbucks to set the new standard, yet again. We will lead.

Schultz kommt mir vor wie ein alter Achtundsechziger, der früher von kleinteiligen Strukturen träumte, lokaler Community, alles schön zwischenmenschlich, alles schön gerecht, gegen den bösen Kapitalismus, den es aber irgendwann gepackt hat. Jetzt hat eine Ikea- oder Aldi-ähnliche Kette und will seine früheren Ideale nicht völlig verraten. Ein Konzern setzt sich in ein Stadtviertel, in ein Kiez, verdrängt andere Cafés, will aber gute Nachbarschaft und sogar noch eingeladen werden. Hört sich nach einer neuen Qualität von Kapitalismus an. Erfolgreiche, kleinteilige Strukturen aufsaugen, einverleiben, vordergründig fördern und in Wahrheit in kapitalistischer Manier ausbeuten und somit zerstören. Es bestätigt sich erneut, dass der Kapitalismus genial anpassungsfähig ist. Das einzig ideologische Element des Kapitalismus ist die unbedingte Akkumulation. Die Mittel sind völlig pragmatisch.

hschultz

Die Ökonomie frisst sich in jede menschliche  und zwischenmenschliche Ritze. Wenn es Starbucks nicht gäbe, kämen die Menschen nicht so schön zusammen. Es würde also weniger Menschlichkeit geben. Gut möglich, dass Schultz das alles glaubt, was er erzählt. Würde zu der Theorie mit der Pubertät passen. Dazu passt auch, dass sein Ziel 40.000 Filialen und 25 Prozent Profitzuwachs sind. Es geht im Flachbrennerkapitalismus offenbar nicht ohne das Extrem „immer schneller, immer höher“ etc. Mit 13.000 Filialen zufrieden zu sein, könnte ihm vielleicht als Schwäche ausgelegt werden. Andererseits ist schon etwas dran: Schultz hat es geschafft, dass Leute massenhaft bereit sind, 4 Euro für einen Kaffee auszugeben.

Lustig am Rand: Konsumententests haben laut taz ergeben, dass McDonalds „eindeutig den qualitativ besseren Kaffee“ verkauft als Mr. Schultz.

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