Die Frauenkirche – nach 80 Jahren ausgetauscht

Ein Mediziner und Nobelpreisträger will in der FAZ irgendwas erzählen, sagt aber vorher dummerweise noch, dass er sein Nobelpreisträgerpreisgeld für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche gespendet hat. Tja, schade, das war´s dann, der Mann interessiert mich nicht mehr.

Ich hab doch noch weitergelesen, und er hat die tolle Theorie, dass die IDEE ja noch in dem nicht mehr vorhandenen Gebäude steckt, und auch die jetzt verwendeten Steine wären so alt wie die damaligen. Der menschliche Stoffwechsel würde einen Körper innerhalb eines Lebens ja auch vollständig austauschen. Mag alles sein, doch merkt der denn nicht, wie reaktionär er daherredet? Er meint bestimmt alles gut, keine Ursache. Aber die Idee kann man doch nicht einfach so aus der Vergangenheit, 300 Jahre alt, hierher transportieren, nur weil man alte Steine aufeinander setzt. Was für eine Idee war das denn damals mit der Kirche? Protestantischer Freiheitskampf oder sowas? Die Idee ist heute völlig uninteressant, und wenn nicht, dann ist sie seitdem schon zigfach transformiert worden und zeitgenössisch müsste sie total anders umgesetzt werden. Vielleicht ist diese Idee heute Techno, oder Baghwan, von mir aus, aber dann doch bitte mit HEUTIGEN Mitteln. So wie die das damals mit IHREN Mitteln dargestellt haben. Wie kann man Millionen für so eine blödsinnige Rekonstruktion ausgeben? Und dafür auch noch spenden? Eine komplette Absage an das, was heute möglich ist. Ein Affront an alle, die HEUTE kreativ was auf die Beine stellen wollen.

Das ist seit 1989 sowieso eine Sache, über die ständig geredet wird. Irgendwas rekonstruieren, so wieder aufbauen wie es mal war. Dabei klappt ja nicht mal das. In der Regel ist es alles Stahlbeton, altertümlich verkleidet. Weil auch hier das System zu wirtschaftlich rationellem Handeln zwingt. Aber der Schein soll stimmen. Stimmt aber nicht. Diese Rekonstruktionsleute sind zutiefst reaktionär und stellen das auch noch zur Schau. Schaut her, wir sind von vorgestern, und wir sind stolz drauf. Das ganze tolle, kreative, was heute läuft, wird damit komplett ignoriert. Und dazu dann dieses ganze oberflächliche Geplapper über Internet und New Economy und ja den Anschluss nicht verpassen. Alles nur die nackteste ökonomische Angst, aber keine kulturelle Überzeugung. Wie viel kostet die neue Frauenkirche? Was für ein geiles Gebäude könnte man da mitten rein stellen in Dresden, lauter junge Büros nach Kreativem fragen, auch nutzungsmäßig. Und eben NICHT Kirche. Und warum werden es immer mehr Leute, die sich für das Stadtschloss in Berlin aussprechen? Keiner fragt mehr ganz schlicht: Habt Ihr einen Knall? Das Schloss wiederaufbauen? Architektur und gesellschaftliche Intention: Nicht zu trennen. Prost Mahlzeit. Klar, tausend Gegenargumente sind möglich, aber es läuft darauf hinaus, letztlich.

Der Stoffwechsel tauscht den Körper innerhalb eines Lebens einmal aus. Eine komische Perspektive. Aber interessant. Aber auch da könnte er selber draufkommen, der Medizinmann: Nach 80 Jahren ist der Mensch eben nicht mehr der, der er bei der Geburt war. Das Leben ist Veränderung. Und selbst wenn die Idee gleichgeblieben ist, die Umsetzung, die Form, und damit auch die inhaltliche Konsistenz, die Zutaten, haben sich im Laufe der Zeit verändert, sind beeinflusst, haben auf Äußeres gewirkt, das dann verinnerlicht wird, das wiederum nach außen sich produziert, schafft und so fort. Eben so, wie Thomas Bernhard schreibt. Das Thema bleibt gleich, aber die Entwicklung läuft unaufhörlich, in Kreisen, in elliptischen Bewegungen, und ich bin immer gespannt, was rauskommt.

Vielleicht ist das bei Bernhard das Spannende: Die erst mal MINIMALE Entwicklung, das unendlich langsame Tempo, das man als Leser mitgeht und mit allen Windungen und Fluchten und Verspannungen mitmacht. Und dabei die Gewissheit, dass Bernhard so viel weiterkommt, und nach 300 Jahren eben nicht wieder bei der Frauenkirche rauskäme. Dann hätte er sich bestimmt sofort in Salzburg von irgendeinem Balkon gestürzt.

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