Zu Besuch bei Pina Bausch

Ich habe in der Pause der Aufführung im Tanztheater von Pina Bausch Sauerkraut mit Bratwürstchen gegessen, superlecker. Das Kraut war zwar schon ziemlich durch, aber trotzdem gut, die Würstchen erst recht. Ein Gaumenschmaus, und die Sorge, dass die Pausenzeit nicht reichen könnte, hat den Genuss noch erhöht. Überhaupt, das, wo man mit geringen oder keinen Erwartungen drangeht, ist das beste, und wenn es Sauerkraut ist. Ein Gemeinplatz, natürlich. Die Pause hat dann locker gereicht, umso besser.

Pina Bausch kam am Ende des Stücks auf die Bühne. Wir hatten sie schon in der Pause gesehen, auf den Tipp einer Garderobenfrau hin, sie käme gleich da aus der Tür, aschfahl, aber trotzdem vital, 60 soll sie sein, ein bisschen theatralisch, vielleicht auch sorgenvoll, aber auf alle Fälle mit viel, viel Würde. Das Publikum steht ausnahmslos auf vor soviel Würde. Die Garderobenfrau meinte, es kämen immer wieder diesselben, und ob wir wirklich das erste Mal da wären. Ja, waren wir. Und vielleicht nicht das letzte Mal.

Die erste Viertelstunde war ja eher Panne, ziemlich bürgerlich, aber dann immer besser. Einige Szenen waren bestimmt vom Absurden, da ist mir deutlich geworden, dass genau das mich anzieht, mir fast immer gefällt, absurde, groteske Situationen, vielleicht auch nur grotesk.

Ein junger Mann steht auf der Bühne, Hemd an, aber keine Hose, und Gummistiefel, alte schwarze. Er steht da ziemlich geistesverloren und konzentriert sich auf eine Frau, ein Stück weg auf der Bühne, und dann kippt er sich Mineralwasser aus einer Vitellflasche in die Stiefel. Oder eine Frau, die Wasser auf die Sitzfläche eines Stuhls kippt und sich dann mit einem ordentlichen Ruck und sichtlich genussvoll draufsetzt, immer wieder.

Ich kann nicht gut erklären, was mich daran so reizt. Das Sinnlose in eine Szene konzentriert und bis zur Penetranz ausgebreitet, isoliert von der Welt, von allem, was vernünftig sein könnte. Das ist zumindest EIN Sinn des Theaters, Sinnlosigkeit zu thematisieren, wo doch ansonsten immer alle so tun, als sei alles so sinnvoll. In der S-Bahn nachhause sah jede zweite Frau aus wie Pina Bausch.

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