Archiv der Kategorie: Zeitungen

Rerum cognoscere causas

Screenshot Tagesspiegel vom 5. Mai 2012:

Wegen eines vor Jahren angestrebten Zusammenschlusses der Verlage, die hinter Tagesspiegel und Berliner Zeitung stehen, bemerkte das Bundeskartellamt, dass der Tagesspiegel “einen anderen Markt bediene, indem er einen höheren Qualitätsanspruch als die beiden anderen Berliner Abonnementzeitungen Berliner Zeitung und Morgenpost verfolge”.

Und unser Lieblingsjournalist Giovanni di Lorenzo, im Nebenjob derzeit Herausgeber des Tagesspiegel, bemerkte anlässlich einer Diskussion über ein neues Layout im Jahr 2004 (damals noch Chefredakteur):

“Zwischen Sein und Schein kann sich eine Qualitätszeitung nur für das Sein entscheiden…”

P.S.: BER ist das Kürzel des neuen Berliner Flughafens.

Alle gegen Bild – bitte unterschreiben!

Endlich mal was Sinnvolles auf diesem Blog:


Springer will am 23. Juni, dem 60. Geburtstag der Bild-Zeitung, das Blatt an alle deutschen Haushalte verschicken. Für den eigenen Haushalt kann man das verhindern, wenn man sich via der Gegenkampagnenseite  einträgt – der Link ist hinter den Briefkästen versteckt.

(Man kann sich auch via campact eintragen.)

Hintergrund der Aktion  (soweit ich das verstanden habe): Es wird für Springer unmöglich, das Vorhaben durchzuziehen, wenn wenigstens 50.000 Menschen bundesweit Einspruch erheben, weil es dann logistisch schwierig und zu teuer wird, jeden einzelnen Nichtzustellwunsch (der juristisch bindend ist) zu berücksichtigen.

Bei campact, die die Aktion unterstützen, gibt es Hintergründe.

Nett ist auch, dass es schon eine Menge Berichte in der Presse gab, obwohl die Aktion erst gestern gestartet ist.

Eine prima Sache und Wallfraff ist nicht mehr der jüngste, also bitte flott unterschreiben, man kann ja praktischerweise einfach sitzenbleiben, ein bequemer Protest.

Und man muss am 23. Juni weniger Altpapier entsorgen.

Update: Die Website der Bild-Gegner ist unter dem Ansturm zusammengebrochen. Die 50.000er-Marke ist laut campact schon heute Vormittag erreicht worden :-)

Lucas Zeise: “Ein Kurswechsel wäre populär und einfach”

Der coole und sympathische Lucas Zeise, Mitbegründer der Financial Times Deutschland und Marxist, in der jungen welt:

Das Hauptproblem ist grob gesprochen die ungleiche Entwicklung in der Eurozone, die ihrerseits die Finanzprobleme verursacht. Konkret erkennt man das an den wachsenden Export- und Leistungsbilanzüberschüssen Deutschlands und den entsprechend wachsenden Defiziten in den meisten Südländern. Nach der 2007 einsetzenden Weltwirtschaftskrise haben sich die Staaten noch stärker auseinanderentwickelt. Sinkende Reallöhne in Deutschland und entsprechend sinkende Kosten haben die deutschen Exportunternehmen in die Lage versetzt, in den Märkten der schwächeren Euro-Länder die heimische Konkurrenz zurückzudrängen.

Einen Kurswechsel vorzunehmen und damit das Kernproblem im Euro-Raum zu lösen, wäre für die deutsche Wirtschaftspolitik einfach. Sie müßte nur ihren auf Lohnkürzung und Sozialabbau ausgerichteten Kurs um 180 Grad ändern, Mindestlöhne einführen, die Leiharbeit abschaffen, Renten erhöhen, die Sozialversicherungen auf alte Standards zurückführen und zum Ausgleich die obere Einkommens- und Vermögenszehntel sowie die Unternehmen höher besteuern.

Ein solcher Kurswechsel wäre beim Volk durchaus populär. Dennoch weiß jeder, daß er nicht kommen wird. Deshalb wird auch die Krise der Währungsunion nicht gelöst.

Nichts neues, aber schön zusammengefasst und wichtig in diesen unübersichtlichen Zeiten, in denen immer mehr Leute mit merkwürdigen Theorien kommen, nach denen alles zusammenbrechen müsse und den Begriff der “Blase” dahingehend missverstehen, dass keine realen Werte hinter den Zahlen stehen. Apokaplyptiker und Esoteriker haben Hochkonjunktur derzeit.

Doch, es gibt Vermögen. Und da muss man ran. Eigentlich ganz einfach, sagt nicht nur Lucas Zeise. Dass das einfach wäre und gleichzeitig nicht kommt, ist das interessante, das systemisch bemerkenswerte, worüber man reden und ansetzen muss.

Die FASZ am Opfertisch von Geld und Zeit

Immer wieder bemerkenswert, wie verblüffend schlicht die meisten Angehörigen der Sorte Mensch denken, die sich Ökonomen nennen. Und solche Leute haben bekanntlich die Macht. Gruselig. Ein Beispiel aus der Sonntags-FAZ.

Da gaben gestern Patrick Bernau und Christian Zungenbrecher Siedenbiedel den Museen dieser Welt Verhaltensratschläge. Ist ja klar, die weltfremden Kulturhanseln brauchen Tipps von Leuten, die im Leben stehen. Von Ökonomen beispielsweise. Hintergrund ist die gestern zuende gegangene ziemlich erfolgreiche  Ausstellung im Berliner Bode-Museum “Gesichter der Rennaissance”. Lange Schlangen schon am frühen Morgen, die begrenzte Zahl von Tickets für den Tag war meist schon kurz nach Öffnung der Kasse weg. Für Bernau und Siedenbiedel Anlass zum Handeln.

Der Artikel in der FASZ ist ein faszinierendes Beispiel für instrumentelle Vernunft und dafür, wie tief sie gesellschaftlich verwurzelt ist. Weder die Kapitalismuskrise noch die ökologischen Probleme lassen sich ohne dieses Denken denken, das uns die beiden Wirtschaftsheinis hier stellvertretend aufzeigen.

Für die Apologeten des sogenannten freien Marktes steht fest: Es geht bei der Ausstellung um…

“…den richtigen Umgang mit knappen Ressourcen … Wenn aber die Nachfrage größer ist als das Angebot, so lernt man es im Wirtschaftskurs für Anfänger, dann steigt normalerweise der Preis. Die Nachfrage sinkt – in diesem Fall die Besucherzahl. Doch gerade bei beliebten Ausstellungen halten die Museen den Preis traditionell niedrig, dass viel mehr Leute in das Museum wollen als hineinpassen – vor allem am Sonntagnachmittag. Plötzlich wird der Museumsbesuch rationiert: Es können nicht mehr alle die Ausstellung sehen, die das wollen. Und vor dem Museum bildet sich eine lange Schlange. Die Schlange ist in der Ökonomie immer ein Zeichen dafür, dass der Preismechanismus nicht funktioniert: Wie früher in der DDR, als es überall Schlangen gab – weil die Preise staatlich festgelegt waren.

Wer aber kommt bei einer Schlange zum Zug? Nicht die Leute, die bereit sind, am meisten Geld zu zahlen. Sondern die Leute, die bereit sind, am meisten Zeit zu opfern. Gezahlt wird also in einer anderen Währung: in Lebenszeit. Diese Art von Bezahlung hilft dem Museum allerdings nicht bei der Finanzierung seiner Ausstellungen.” (FASZ vom 20.11.2011, S. 30/31)

Man spürt richtig, wie es in den beiden Ökonomisten kribbelt: Da stehen die Leute stundenlang in der Schlange, und die Museumsbetreiber heben den Preis nicht einfach solange an, bis die Schlange weg ist! Sagt uns doch schon der Wirtschaftskurs für Anfänger! Stattdessen: DDR!

Die FASZ will natürlich nicht komplett unsozial daherkommen und plädiert deswegen dafür, den “Kunstgenuss pro Minute abzurechnen”. Dann können die nicht so Potenten (im FASZ-Sprech die, die “nicht bereit sind, Geld zu opfern”; der Eintrittspreis betrug übrigens 14 Euro) sich die Bilder ja im Sauseschritt angucken, vielleicht in einem eigens dafür angelegten Korridor, während das finanzkräftige und genussfähige reiche Zehntel der Gesellschaft endlich mal Zeit für Muse vorm Portrait hat.

Verräterisch ist die Empfehlung, den Preis an Sonntagen zu heben und an Wochentagen zu senken:

“Die Besucher, die mehr Zeit als Geld haben, würden auf die nachfrageschwächeren Tage ausweichen – nur die Besucher mit viel Geld würden zu den Stoßzeiten kommen.”

Mal abgesehen davon, dass der Andrang auf die Frührenaissanceausstellung an allen Wochentagen extrem stark war und die Schlange sich immer schon morgens um sieben gebildet hatte, dieser Vorschlag also faktischer Humbug ist: Die lustigen Ökonomen gehen offenbar von einer direkten Korrelation “viel Geld – wenig Zeit” und “viel Zeit – wenig Geld” aus. Wer wenig Geld hat, hat also unter der Woche viel Zeit und kann dann ins Museum gehen. Die Reichen arbeiten die Woche über 70 Stunden und müssen auf den Sonntag ausweichen. Eine kleine Einsicht ins banale und deshalb so typische Weltbild neoliberaler Technokraten.

Auf die eigentlichen gesellschaftlichen Mechanismen dieses Besucherandrangs kommen Bernau und Siedenbiedel, für die es wahrscheinlich sowieso keine Gesellschaft, sondern nur Individuen gibt, ohnehin nicht: Die Ausstellung ist nicht vom Sujet her so wahnsinnig massenkompatibel. Portraitmalerei der Frührenaissance ist ja eher ein randständiges Thema. Es lag hier, wie so oft in Berlin, ein Fall exzeptioneller PR vor. Die Show wurde in allen TV-Stationen gezeigt, bundesweit in allen Lokalzeitungen besprochen, die langen Schlangen waren immer wieder Thema in Fernsehsendungen. Das stachelt im Zeitalter des Bildungswahns und der Eventkultur den durschnittlichen Möchtegernbildungsbürger an: Wenn da alle hingehen, muss ich mich auch anstellen. Man muss eben dabeigewesen sein. Kurz gesagt: Ohne Schlange hätte es keine Schlange gegeben.

Vielleicht einfach mal hinnehmen, dass die Bilder jetzt eben nicht alle sehen konnten, die das angeblich wollten. Den meisten war es inhaltlich eh egal. Und ihre gesellschaftliche Reputation können sie sich sicher auch anderswo holen.

Zeitgleich gibt es Berliner Museen wie die Gemäldegalerie, die trotz hervorragender Exponate auf einer riesigen Fläche nur mäßiges Besucherinteresse verzeichnen können. Doch da könnte man ja immer hin, da gibt es keine Deadline.

Und Bernau/Siedenbiedel können schon gar nicht begreifen, dass der Preis nicht alles regeln muss, das könnte vielleicht eine Ausstellungsverlängerung. Aber auch da ist irgendwann Schluss, den die licht- und feuchtigkeitsempfindlichen Bilder müssen über kurz oder lang wieder ins schützende Depot.

Nicht nur Kunstkaufen soll also nach Meinung von Bernau und Siebenbiedel wieder eine Sache der Reichen werden, sondern im Zweifelsfall auch der Museumsbesuch. Sagt doch schon der Anfängerkurs. Dem Geld muss die komplette Verfügbarkeit über alles immer gegeben sein.

Faszinierend immer wieder die geistige Schlichtheit dieser Leute, die mit ihrer Eingenommenheit von sich selbst korrespondiert. Sie haben die schwarze Zahl unterm Strich. Um mehr geht es ja nicht.


(Foto: genova 2011)

Was man verwechlsern kann: taz neoliberal, Tagesspiegel links

Kurzer Nachschlag zu dem Blogeintrag über die Kooperation zwischen der Humboldt-Universtität mit google:

Während in der taz Meike Laafe diese Kooperation für unbedenklich hält und sich über die Kritiker lustig macht, berichtete der Tagesspiegel vor ein paar Tagen wesentlich reflektierter:

Mit dem gestrigen Tag ist die in Deutschland so wahrgenommene datengierige Skandalnudel Google endgültig als edler Spender über die deutsche Wissenschaft gekommen. Wenn sich aber eine Forschungsförderung mit zunächst 4,5 Millionen Euro für drei Jahre komplett aus einer Quelle speist, ist eine Abhängigkeit kaum zu umgehen. Zumal, wenn man sich in drei Jahren bei Google um eine Verlängerung bewerben will.

Und:

Was in dieser unter Umständen historischen Stunde dabei ein wenig unterreflektiert blieb, waren die Forschungsziele des Instituts. Mögen sie erst später ausformuliert werden, müsste aber doch eine Richtung erkennbar sein, ein Charakter.

Die Festredner an der HU warben…

…um Verständnis dafür, dass ein Akteur, der die Welt verändert, sich an der wissenschaftlichen Einordnung dieser Veränderung beteiligt.

Was indes mit dem humboldtschen Entdeckergeist und dem akademischen Arbeiten geschieht, sollte Google diesen Geist in drei Jahren zurück in eine Flasche stopfen wollen, darüber wollte in dieser frohen Stunde niemand reden.

Wo dieses Institut hinwill, ist also völlig unklar – offiziell. Google wird schon rechtzeitig Bescheid geben.

Ein Kommentator unter dem Artikel weist dankenswerterweise noch auf einen vor drei Jahren abgeschlossenen Kooperationsvertrag zwischen google und der Krake Bertelsmannstiftung hin, die praktischerweise schräg gegenüber der Humboldt-Uni ihren Deutschlandsitz eingerichtet hat.

Die HU war übrigens vor ein paar Monaten mit einem ähnlichen Fall in den Schlagzeilen. Damals ging es um ein von der Deutschen Bank gesponsertes Institut, in dem sich die Banker, “das letzte Wort vorbehalten” hatten.

Der Saftladen Humboldt-Uni ist also auf dem besten Weg zu einer Elite-Uni in der Logik einer neoliberalisierten Gesellschaft. Und die taz findet nichts dabei. Ist doch nur Internet. Guck ich doch auch jeden Tag. Ist doch toll.

Shame on you.

UPDATE:

In den USA ist man, wie so oft, schon ein bisschen weiter. Naomi Wolf schreibt heute in der Financial Times Deutschland:

Die Großbank JP Morgan Chase hat der New York City Police Foundation, der Stiftung der New Yorker Polizei, 4,6 Mio. Dollar an Spenden zukommen lassen; das Ministerium für innere Sicherheit der Vereinigten Staaten hat kleinere Polizeibehörden auf kommunaler Ebene mit militärspezifischen Waffensystemen ausgerüstet; die Bürgerrechte der Rede- und Versammlungsfreiheit sind schleichend durch undurchsichtige Genehmigungsauflagen zersetzt worden … Überall im Land werden Zeltlager, die von Anhängern der Occupy-Wall-Street-Bewegung errichtet wurden, auf Anordnung lokaler Behörden von der Polizei geräumt – manchmal mit schockierender und unnötiger Gewalt. Beim bislang schlimmsten Vorfall haben Hundertschaften der Polizei in schwerer Schutzausrüstung das Lager von Occupy Oakland umstellt und Gummigeschosse (die tödlich sein können), Blendgranaten und Tränengas abgefeuert.

Über den Umgang mit den Seibelhauers

Wenn ich wissen will, ob die sogenannte Journalistin Andrea Seibel in der Welt einen neuen Kommentar geschrieben hat, schaue ich in die internen Statistiken meines Blogs. Die nämlich sind zuverlässig: Wenn Seibel mal wieder zugeschlagen hat, suchen und finden viele Dutzende Internetuser via google und der Eingabe “Andrea Seibel” einen Exportabel-Artikel über sie aus dem Jahr 2009. Das, was Frau Seibel schreibt, ist das immergleiche. Lupenrein neoliberale Positionen auf dem intellektuellen Niveau der Tea-Party-Bewegung. Aktuell wettert sie darüber, dass die Reichen noch nicht reich genug sind:

“…mit dem Dauergebet von der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich wird nur ein Ressentiment bedient und Neid gegen „die Reichen“ geschürt”.

Das Elaborat ist erwartungsgemäß nicht weiter interessant, außer unter dem Aspekt der Aufmerksamkeitsökonomie. Seibel ist für die Welt das, was ein Jan Fleischhauer für den Spiegel ist. Es geht hier nicht um Meinungen, es geht nicht um Argumente, um Analyse, um Differenzieren, gar um Erkenntnis. Es geht schlicht darum, im marktorientierten Meinungsmonopoly möglichst noch eine inhaltliche Leerstelle zu finden, die für Aufregung sorgt, die man besetzen kann. Damit die auffällt, würzt man seinen Kommentar einfach mit ein paar geistigen Ausfällen, mit Fehlschaltungen in der Argumentationskette, mit etwas Konfrontativem, Beleidigendem, Sozialdarwinistischem. Das erzeugt Aufmerksamkeit in Form von Auflage, Klicks, Reichweite. Darum geht es, um sonst nichts.

So wie Fleischhauer kürzlich im Spiegel den Erzkapitalisten geben musste, der Schirrmachers kritischer Kapitalismusanalyse widersprach und einfach mehr Thatcher empfahl, so behauptet jetzt Frau Seibel, alles sei nur “Neid”. Es sind weder neue noch originelle Analysen, aber in der aktuellen Debatte halt noch nicht besetzt. Doch beide sind erfolgreich: Seibel bringt es innerhalb kurzer Zeit auf 500 Kommentare der geneigten Welt-Leserschaft und auf unzählige Leute, die ihren Namen bei google eingeben. Fleischhauer ist mit seinen recht begrenzten analytischen Fähigkeiten einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Beide zielen mit ihren Artikeln unter die Gürtellinie, intellektuell und anstandsmäßig. Darum geht es, um sonst nichts. Man wünscht sich ja fast einen zünftigen Gerhard Löwenthal und sein ZDF-Magazin zurück.

Und natürlich ist es ein Punktsieg für die seibelhauersche Fraktion, wenn sich ein seriöser und hochqualitativer Blog wie dieser hier mit diesen Aufmerksamkeitsökonomisten beschäftigt. Finito.

“Das Resultat ist die Oligarchie”

Ein Blick in die Schweiz, was sich manchmal nicht nur der schönen Landschaft wegen lohnt. Der Tagesanzeiger aus Zürich bringt heute einen bemerkenswert guten Kommentar über die politische Rechte in den USA und einen rechten Journalisten, der nach rund 30 Jahren begreift, welcher neoliberalen und somit sozialdarwinistischen Scheiße er jahrzehntelang nachgerannt ist:

Charles Moore ist Konservativer bis in die Knochen. Er war 20 Jahre lang Chefredakteur strenger und konservativer Zeitungen, zuletzt des «Telegraph». Er konvertierte zum Katholizismus, ist ein beliebter Gast des Papstes und der offizielle Biograf von Margaret Thatcher. Vorletzte Woche schrieb Moore eine Kolumne, die sein ganzes Leben in Frage stellt. Ihr Titel lautet: «Ich fange an zu denken, dass die Linke vielleicht doch Recht hat».

Moore schreibt: «Ich habe mehr als 30 Jahre gebraucht, um mir diese Frage zu stellen. Aber heute muss ich es tun: Hat die Linke doch Recht?» Und fährt fort: «Die Reichen werden reicher, aber die Löhne sinken. Die Freiheit, die dadurch entsteht, ist allein ihre Freiheit. Fast alle arbeiten heute härter, leben unsicherer, damit wenige im Reichtum schwimmen. Die Demokratie, die den Leuten dienen sollte, füllt die Taschen von Bankern, Zeitungsbaronen und anderen Milliardären.»

Dann blendet Moore zurück zu seinen Anfängen als Journalist. Damals, in den 80er-Jahren, entfesselte Thatcher die Finanzmärkte und zerschlug die Gewerkschaften. Moore unterstützte beides. Nun schreibt er: «Die Kreditkrise hat gezeigt, wie diese Freiheit gekidnappt wird. Die Banken sind ein Spielfeld für Abenteurer, die reich werden, auch wenn sie Milliarden verfeuern. Die Rolle aller anderen ist, ihre Rechnung zu zahlen.»

Man kann sich natürlich fragen, warum man 30 Jahre braucht, um diese Mechanismen für sich selbst offenzulegen. Und das als Journalist. Aber immerhin.

Constantin Seibt, der Verfasser des Kommentars, schreibt im Weiteren all das, was eigentlich schon bekannt ist. Doch dessen Wiederholung schadet nichts, denn die Zusammenhänge im neoliberalen System sind bekanntlich kompliziert. Seibt macht am Beispiel USA deutlich, wohin die neoliberale Logik seit Reagan geführt hat. Er folgert, dass die kapitalistische Radikalisierung mit Reagan begann, er aber angesichts der Tea-Party heute fast schon dem linken Flügel der Republikaner zugehörig wäre.

Nochmal Seibt:

Die Politiker der Rechten reden von Freiheit und dem kleinen Mann, aber sie betreiben das, was Joseph Stiglitz trocken «Sozialismus für Reiche» nannte. Das Resultat ihrer Politik ist unter dem Strich die Oligarchie. Kein Zufall, werden die Parteien, etwa der Tea-Party-Flügel in den USA oder auch die SVP in der Schweiz von Milliardären geführt.

Und Moore ergänzt:

«Das alles ist eine schreckliche Enttäuschung für uns, die wir an freie Märkte glaubten, weil sie freie Menschen hervorbringen würden…»

Mit dem Glauben ist das halt so eine Sache.

Analogien zu Deutschland bieten sich an. Hier heißen die publizistischen Vertreter des Tea-Party-Levels Matthias Mattusek, Henryk Broder, Jan Fleischhauer, Marc Beise oder Andrea Seibel, mal auf kulturellem, mal auf ideologischen, mal auf ökonomischen Sektor. Für eine neue rechtspopulistische Partei stünden die Gewehr bei Fuß. Und in der CDU läuft just jetzt eine Debatte über die Ausrichtung der Partei. Einige fordern ein “Bekenntnis zu konservativen Werten”. Was meinen sie damit? Wahrscheinlich Moslembashing und Steuern runter. Euphemistisch wird das dann “Betonung des C im Namen” genannt.

Es funktioniert nicht. Einerseits eine prokapitalistische Politik fordern, die zur kulturellen Entwurzelung beiträgt, andererseits das Ideal der Kleinfamilie hochhalten und irgendwelche imaginären “konservativen” Werte. Bezeichnend für diese Haltung ist immer noch Friedrich Merz: Sich sonntags in seinem Heimatdorf im Sauerland mit Frau und züchtig gekleideten Töchtern im trauten Heim beim Hausmusikmachen fotografieren lassen und montags ins Büro nach Köln fahren und dort für Heuschrecken arbeiten. Aber genau diese Verlogenheit zieht deutsche Tea-Party-Adepten an.

Konservative Politik zerstört sich selbst, weil das Spannungsfeld zwischen kapitalistischer Dynamik und dem, was Konservativismus sein könnte, gar nicht mehr thematisiert wird. Instinktiv merken das die sogenannten Konservativen natürlich. Aber wie das Dilemma auflösen?

Es fehlt in weiten Teilen nach wie vor eine ernsthafte Analyse der kapitalistischen Logik, also dem Streben nach Rendite, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Warum fällt mir jetzt nur der von Geißler kürzlich missbrauchte Satz vom totalen Krieg ein?

In den USA und in Großbrittanien sind die Ergebnisse neoliberaler Politik heute mehr denn je sichtbar; aber je offensichtlicher, desto vehementer geht das Kapital auf Konfrontationskurs. In Amerika impfen eine Handvoll Milliardäre via Medienmacht den Leuten ein, dass Steuererhöhungen kommunistisches Teufelszeug sind und nehmen für sich die Position des ideellen Patrioten ein, der das Land gegen den Kommunisten Obama verteidigt. Der Staatsbankrott ist egal, Hauptsache das eigene Kapital rentiert sich.

In England sieht es nicht besser aus:

Bis 2015 sollen die Ausgaben um 91 Milliarden Euro gekürzt werden – das meiste Geld will Schatzkanzler George Osborne bei den Sozialausgaben sparen: Kindergeld, Betreuungsgeld, Wohnzuschüsse, Steuererleichterungen für Familien werden zusammengestrichen. Angst treibt viele Arme, Arbeitslose, Rentner, Alleinerziehende und andere Empfänger der entsprechenden Unterstützung um.

Während es in Tottenham knallt, arbeiten in der City ein paar Kilometer weiter die Finanzjongleure, als wäre nichts geschehen. Es gälte, diese Zusammenhänge deutlicher zu machen:

Doch “der Wohlstand der City of London findet seinen Weg nicht zu Orten wie der Siedlung Broadwater Farm oder Northumberland Park”, kritisiert Lammy [Labour-Abgeordneter in Tottenham] im April 2011. London sei “die ungerechteste Stadt in den Industriestaaten – Londons reichste zehn Prozent besitzen 273 Mal mehr als die ärmsten zehn Prozent”. Der Kapitalismus habe den Stadtbezirk Haringey vergessen.

Bei der Süddeutschen wird es trotz mancher Bemühungen nicht dafür reichen, eine ernsthafte Analyse zu betreiben. Jens Bisky beispielsweise sorgt sich in Berlin lieber darum,

“wie das Stadtbild durch das Schloss gewinnen, die historische Mitte wieder einen Maßstab gewinnen würde.” (SZ vom 30. Juni)

Die “historische Mitte” soll mittels eines neu zu errichtenden monarchistischen Repräsentationsbaus “einen Maßstab gewinnen”, während in den einstigen Arbeitervierteln drumherum die Neumieten jährlich um zehn Prozent steigen. Die Schnittmenge von Schlossbefürwortern und Kapitalismuspropagandisten ist groß. Kapitalistische Logik verbindet sich problemlos monarchistischem Ethos. Für eine entsolidarisierende, antidemokratische und schlicht verdummende kapitalistische Politik steht das Schloss in Form kultureller wie die Tea-Party für ideologische und die City of London für ökonomische Regression. Es gälte, das zumindest den Pro-Schloss-Adepten der SPD (namentlich Wowereit und Thierse) unter die Nase zu reiben.

Nochmal kurz zu Constantin Seibt, er schrieb früher bei der linken Schweizer Wochenzeitung. Den Namen merke ich mir. Lustig auch, dass ein “Kommentar” in der Schweiz offenbar Seite-3-Länge haben darf. Die meisten deutschen Journalisten wären vermutlich gar nicht in der Lage, eine ganze Zeitungsseite als Kommentar inhaltlich zu füllen. Angesagt ist ja der knappe Kommentar, in dem nur eine Behauptung an die nächste gereiht wird, möglichst ohne jede Begründung, Herleitung, ursächliche Verbindung.

Man will den Leser nicht überfordern. Also hat er zu glauben. Wie bei der Tea-Party eben.

Passend dazu ein letztes Mal Seibt:

Wie nie zuvor regiert die Ökonomie die Welt und ihre Entscheidungen. Und trotzdem besteht sie fast nur aus Jargon. Wenn verhandelt wird, dann fast nur in Schlagworten, die als Universalrezepte verstanden werden. Meist fällt, irgendwie verlängert, der Jahrhundertsatz, den einst Margaret Thatcher erfand: «There is no alternative!»

Angenehm in diesem Umfeld sind die Massenproteste in Tel Aviv. Nur so am Rande.

P.S.: Man schaue sich die Leserkommentare unter dem Tagesanzeiger-Artikel an (offenbar lesen SVP-Wähler andere Zeitungen) und vergleiche sie qualitativ mit denen in der Welt, bei Spiegel-Online und anderswo. Was läuft bei uns schief?

(Foto: genova 2011)

Norwegen und Henryk Broder: Der geistige Brandstifter zündelte erfolgreich

Auch Kolumnist Henryk Broder findet Erwähnung in dem Manifest des norwegischen Attentäters. Anders Breivik zitiert ein Interview, das Broder einer niederländischen Zeitung gab, und in dem der Autor Europäer aufforderte auszuwandern, sollten sie ihre Freiheit weiter behalten wollen. Broder ist überzeugt, dass die Europäer sich der Islamisierung nicht widersetzen werden”, so B. (Quelle: redblog)

Mit “B.” ist der Attentäter Breivik gemeint. Broder forderte in dem Interview in der Tat zum Auswandern auf.

Broder ist einer der zahlreichen geistigen Brandstifter. Er ist einer derjenigen, ohne die auch Breivik nicht zur Waffe gegriffen hätte. Jemand, der 1.500 Seiten zur Begründung seines Tuns verfasst, ist geradezu süchtig nach Legitimation, nach einem theoretischen Fundament, wie verschroben es auch wirken mag. Breivik brauchte Leute wie Broder, um die Schwelle zur Tat zu überwinden.

Broder im Tagesspiegel auf die Frage, ob er sich Sorgen machen, weil er nun “weltweit in so einem Zusammenhang exponiert werde”:

“Das einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp.”

Klingt ähnlich realitätsverlustigt wie die Begründungen Breiviks.

Broder ist in dem Zusammenhang deshalb interessant, weil er ein Scharnier herstellt zwischen den offen Rechtsradikalen von NPD, PRO, der Bloggerwelt einerseits und dem anständigen, offiziellen Diskurs im TV, in Zeitungen etc andererseits. Wer laufend bei Anne Will und Maibritt Illner sitzt, wer führender Kolumnist bei der Welt ist, wessen Bücher ausführlich rezensiert und sehr gut verkauft werden, der wird schon irgendwie recht haben. Der Kommentarbereich der Welt ist übrigens manchmal von dem einer NPD-Zeitung nicht zu unterscheiden. Die Fans wissen genau, was sie an ihrem Broder haben.

Broder und Co. fördern die braune Verseuchung der Gesellschaft, die dadurch – und begünstigt vom neoliberalen Denken allgemein – wächst. Die Fraktion Broder streut und bedient dabei das Ressentiment und lebt gut von ihm, gerne humorvoll, gerne gut geschrieben, vor allem “querdenkend”, was heute so viel heißt wie: der “schweigenden Mehrheit” entsprechend. Die Fraktion “Dr. Sarrazin” gibt den vermeintlich versierten Statistiker, der, dem neoliberalen Bildungskonzept entsprechend, einfach recht hat, weil er ganz, ganz viele Zahlen präsentiert und weil ein “Dr.” vor dem Namen steht. Er weiß viel, wie man sagt. Gemeinsam sind sie effektiv. Ob sie das glauben, was sie schreiben oder goebbelsmäßig ihre Anhängerschaft (zu der auch Breivik gehörte) verachten, weiß ich nicht. Das ist aber auch egal.

P.S.: Pro Deutschland tritt die Flucht nach vor an: Sie wollen sich heute Vormittag vor der norwegischen Botschaft in Berlin “mit den Opfern solidarisieren”.

(abfotografiert von genova, 2011)

Broder: hochbrisant und hochbekloppt

Eigentlich sollte man den Krawallpublizisten Henryk Broder ignorieren. Er schreibt in aller Regel fremdenfeindlichen Blödsinn für den rechten Stammtisch, skurrilerweise gerne als “pointierte Polemik” bezeichnet. Immerhin, er hat mich gestern kurz genervt, das muss man ja auch erstmal schaffen, deswegen flott ein paar Zeilen.

Broder hat kürzlich in der Welt gezürnt, Thema war der Rücktritt des Projektleiters von Stuttgart 21, Hany Azer. Er wurde offenbar bedroht und angefeindet, wohl von unbekannt.

Dazu Broder:

Der neue Verkehrsminister von Baden-Württemberg, Winfried Hermann, selber gerade ein paar Tage im Amt, kommentierte den Vorgang mit den Worten, der Rücktritt des Projektleiters zeige, wie “hochbrisant” das Projekt Stuttgart 21 inzwischen sei.

Wir halten fest: Das einzige Wort, mit dem Broder den neuen Verkehrsminister zitiert, lautet “hochbrisant”. Dass das Projekt S 21 hochbrisant ist, ist ein Allgemeinplatz, den Befürworter wie Gegner unterschreiben würden. Eine Nullaussage, Politikersprech. Was macht Broder daraus? Das hier:

Nein, Sie haben sich nicht verlesen, das hat er gesagt, und weder sein Ministerpräsident noch irgendein anderer Politiker hat ihn für dieses Statement zur Ordnung gerufen.

Ja, wir haben uns nicht verlesen. Das ist ja das Problem. Denn wofür genau hätte man Hermann zur Ordnung rufen sollen? Vielleicht meint Broder ja, die Bundeskanzlerin (oder besser gleich der Bundespräsident?) hätte Hermann erklären sollen, dass S 21 gar nicht hochbrisant ist?

Broder weiter:

Das Gruselige des Vorgangs liegt in der Gelassenheit, mit der ein grüner Minister über den Tatbestand der Nötigung hinweggeht. Er stellt sich nicht hinter den gemobbten Ingenieur, übrigens: einen Deutschen mit Migrationshintergrund, sondern rechtfertigt das Mobbing mit der “Brisanz” des Projekts.

Echt gruselig. So geht das: Jetzt hat Broder das Wörtchen “hochbrisant” direkt mit Mobbing in Verbindung gebracht und es auch noch geschafft, dem Verkehrsminister die Rechtfertigung des Mobbings zu unterstellen. Das ist für Broder der Startschuss für eine, äh, Gesellschaftsanalyse:

Diese Miniatur aus dem Land der sauren Kutteln und Maultaschen passt gut in ein größeres Bild. Der deutsche Staat hat sein Gewaltmonopol weitgehend aufgegeben …. Im Südwesten wird Nötigung nur noch dann verfolgt, wenn sie ökologisch nicht vertretbar ist. Zwar gelten noch immer die allgemeinen Gesetze, das Nähere aber bestimmt der grüne Mob.

Nicht schlecht: Der Untergang des Gemeinwesens, des Staates ist nicht mehr aufzuhalten. Wir werden regiert von einem Mob, ob braun oder grün ist wohl egal. Eine Öko-Diktatur, merkwürdigerweise verbunden mit somalischen Verhältnissen, was das Gewaltmonopol angeht. Warum? Weil der baden-württembergische Verkehrsminister S 21 als “hochbrisant” bezeichnet hat. So geht Analyse, Argumentation und Meinungsbildung im Springer-Verlag.

Entweder ist Broder debil und er verliert beim Schreiben schnell den Überblick. Das kann ich nicht ausschließen. Dann kann er es nicht besser und er nichts dafür. Oder er weiß, dass sein Geschreibsel Bullshit ist. Dann sollte man Klartext sprechen.

Das Problem ist nicht (wie in diesem Blog schon mehrfach geschrieben), dass es narzistische Neurotiker wie Broder gibt. Das Problem ist, dass offenbar Millionen Menschen narzistischen Neurotikern applaudieren und ihre Hetzerei lesen WOLLEN. Feindbildbestätigung, Selbstentlastung. Die Tea-Party lässt grüßen. Dass Broder-Fans mehrheitlich dem intellektuellen Prekariat zuzuordnen sind, ist sicher richtig, sollte aber keine Rolle spielen. Jeder Hilfsarbeiter ist prinzipiell in der Lage, die Brodersche Argumentationslogik zu entlarven.

Es gibt einen Markt für rassistische, volksverhetzende, demagogische Propaganda. Die Erfolge rechter Parteien in ganz Europa zeigen das. Voraussetzung dafür ist ein gesellschaftliches Klima, in dem der rechte Stammtisch nicht mehr isoliert ist, sondern immer größere Akzeptanz erfährt. Der bewusste Verzicht auf Geist, die gewaltvolle Deformierung realer Zusammenhänge ist gewünscht, weil so am einfachsten Hass entsteht. Die dauernde Wiederholung falscher, aber gezielter Analysen führt irgendwann zu deren Akzeptanz. Das ist wohl auch eine Form des Extremismus der Mitte. Das Ergebnis kann man in einschlägigen Interneforen nachlesen, wo die Broder-Fans Linke, Grüne, Moslems, Islamisten etc. als lebensunswertes Gesockse bezeichnen. Die Bilder “grüner Mob” und “böser Ausländer” werden nach ähnlichen Prinzipien skizziert.

Broder macht sich da natürlich die Finger nicht schmutzig, er zündelt nur, die Welt ist ein Medium dafür. Das angebliche intellektuelle Flaggschiff von Springer bindet meines Erachtens solche Krawallbeiträge bewusst ein.

Fade out.

So sieht er aus, der, laut Broder, Chef des “grünen Mobs”: Winfried Hermann, grüner Verkehrsminister in Baden-Württemberg.

(Foto: Wikipedia)

Mubarak und Guttenberg – von der Wirkungsmacht politischer Kommunikation

Die Bezug zwischen beiden Staatsmännern in der Überschrift ist hetzerisch. Wen es stört, bitte ändern in “Guttenberg geht – Frühling kommt” o.ä. Andererseits sind Bezüge zwischen Mubaraks und  Guttenbergs letzten Tagen nicht von der Hand zu weisen. Unterschiede ebenso.

1.Beide logen bis zum Schluss, they have left the building mit Schuldzuweisungen an andere und der dreisten Bagatellisierung des eigenen Anteils. Mubarak aber weniger effektiv: pathetisch, in einem vormodernen Stil (“Meine geliebten Söhne und Töchter!”) Mubarak log so plump und offensichtlich, das sein PR-Berater sicher die Hände vorm Gesicht zusammenschlug und einen Tag später weite Teile des Herrschaftssystem abtraten. Mubarak knatterte mit dem Hubschrauber ins Nirgendwo.

Guttenberg war beraten von PR-Strategen, die auf der Höhe der Zeit sind. Sein wichtigster Berater hieß (und heißt wahrscheinlich immer noch) Joachim Peter. Der war vorer, oh Wunder, Parlamentskorrespondent bei der Welt, also Springer.

Die Guttenbergs Abschiedsrede war erwartungsgemäß interessant, gespickt von Tricks, die alle dazu dienten, ihn als das Unschuldslamm, den Verfolgten, den Selbstlosen, den Aufrechten darzustellen. Getäuscht hat er nicht. Nach wie vor fragt er sich offenbar: “Wie konnte das passieren?” Er trat zurück, so erfuhren wir, weil er sich um seine toten Soldaten sorgte. So geht das. Er trat erst so spät zurück, weil er noch zu tun hatte:

“Es gehört sich, ein weitgehend bestelltes Haus zu hinterlassen, weshalb letzte Woche noch einmal viel Kraft auf den nächsten entscheidenden Reformschritt verwandt wurde, der nun von meinem Nachfolger bestens vorbereitet verabschiedet werden kann.”

Der arme Kerl. Er musste also die Tage seine Doktorarbeit nochmal komplett durchackern UND die Bundeswehrreform voranbringen! Oder wollte er noch schnell nicht mehr hintergehbare Entscheidungen treffen?

Anschaulich analysiert hat die Rede Peter von Becker im Tagesspiegel. Sie, wie auch seine vorangegangenen zwei, sollten künftig zur Anschauung in Rhetorikkursen dienen.

Guttenberg  entschwand nach seiner Rede im gut sitzenden Anzug federnd in den Hintergrund des Raumes, dann auf die herrschaftliche Treppe nach oben in den ersten Stock. Ein perfektes Bild. Kein Outlaw, keine Flucht, keine Hektik. Man stelle sich vor, er hätte eine schmale Treppe in den Keller benutzt.

2. Beide Aufstiege wären ohne die kräftige und völlig unkritische Mithilfe der Medien nicht möglich gewesen. Mubarak machte das rustikal und gewalttätig, mit Zwang, Verboten, Drohungen, Folter. Das führte zu so grotesken Berichten im Staatsfernsehen wie dem, wonach an den Vorkommnissen auf dem Tahrir-Platz nur Engländer, Tunesier und Juden beteiligt gewesen seien: “Ägypter waren keine zu sehen.”

Guttenberg ging den zeitgemäßeren Weg: Er brachte von Haus aus günstige Eigenschaften mit (blaues Blut, weiße Zähne, blonde Frau, bunte Rhetorik), erwarb einen Doktortitel und ideologisch eine neoliberale Grundausstattung. In den Machtverhältnissen bei den Medien brauchte man da keinen Zwang mehr zur positiven Berichterstattung und zur Vermeidung von allem, was nach Recherche und kritischem Journalismus aussehen könnte. Es lief wie geschmiert. Die Yellow Press stieg begeistert ein. Guttenberg mit Kerner auf Talkshow in Afghanistan war wohl der Höhepunkt dieser speziellen Form journalistischen Engagements. Zwang, Verbote und Drohungen wären da geradezu ineffektiv gewesen. Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Wende in der Berichterstattung kam erst in den letzten Monaten.

3. Beide Rücktritte waren ohne das Internet nicht denkbar gewesen. Ohne Twitter und Blogs einerseits und das Wiki Guttenplag andererseits wäre die Organisation der Proteste bzw. das Offenlegen der Fälschungen wohl nicht rausgekommen. Kein Journalist hätte sich wochenlang hingesetzt und geprüft, Fischer-Lescano auch nicht. Die Masse macht´s, sobald sie zu einer kritischen wird. Der Begriff des informationstechnischen Zeitalters bekommt einen spezifischen Gehalt.

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Wer jetzt noch nicht davon überzeugt ist, dass die Affäre Mubarak und die Affäre Guttenberg einiges gemeinsam haben, den verweise ich auf den Freiherrn persönlich. Der beschwerte sich gestern über den

“Umstand, dass wochenlang meine Maßnahmen bezüglich der Gorch Fock die weltbewegenden Ereignisse in Nordafrika zu überlagern schienen.”

Guttenberg ist weggeschrieben worden mithilfe von Internetaktivisten, Angehörigen des Bildungsbetriebs und einer Presse, die sich dann doch mal wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben besonnen hat. Dass die Kriterien eines kritischen Journalismus künftig generell wieder öfter Anwendung finden, ist aber eine unrealistische Hoffnung. Der Journalist Tom Schimmeck hat kürzlich beschrieben woran es krankt. Nichts neues, aber schön zusammengefasst:

“Viele Medienmacher verkünden inzwischen stolz, daß sie Bild jeden Tag als Pflichtblatt lesen – und zwar gerne. Dafür kann man aber schlecht Bild die Schuld geben. Das hat eher mit der Entleerung des Journalismus zu tun, dem Verlust von Begrifflichkeiten, Kategorien und Zusammenhängen, dem Trend zur schnellen News, zum Event. So greifen immer mehr Boulevard-Themen Platz. Auch werden immer mehr Themen nur noch als Personality-Geschichte aufgezogen, auch ein Boulevard-Phänomen. Fast alle Medien sind inzwischen Teil des Promizirkus.”

Zu ergänzen wäre, dass, meines Erachtens, hinter dem Verlust von Begrifflichkeiten, Kategorien und Zusammenhängen im Fall Guttenberg handfeste Kapitalinteressen stehen. Der Verlust von Begrifflichkeiten als Mittel zum Zweck. Die neoliberale Logik in der öffentlichen Kommunikation ist das Problem. Wäre Guttenberg seine allzu offensichtliche akademische Schummelei nicht in die Quere gekommen, es wäre in der medialen Berichterstattung über ihn munter weitergelaufen mit der Entbegrifflichung des Politischen. Guttenberg auf dem Times Square ist wirkungsmächtiger als Mubaraks Abnahme einer mächtigen Militärparade. Weiße Folter ist wirksamer als die althergebrachte. Wie schon an anderer Stelle geschrieben: Der Mann war fürs Kapital Milliarden wert. Der falsche Doktortitel war nur ein Zufallsprodukt.

Vielleicht könnte hier ja das ganze Bloggen, unabhängiger Journalismus im Internet etc ansetzen. Der professionelle Verlagsjournalismus wird das nicht leisten. Doch ich mache jetzt einen Punkt. Ist eh schon zu lang.