Ein paar Gedanken zur seit Monaten andauernden Debatte um die Krise von schwarz-gelb, die ich schlicht nicht mehr verstehe und mich frage, ob ich der Einzige bin. Was mich vor allem stört: Es gibt keinen Sinn mehr für Geschichte und Strukturen.
Kürzlich meinte jemand im Bekanntenkreis, “die” (gemeint war die Regierung) sollen jetzt endlich aufhören zu streiten und anfangen zu regieren. Eine bemerkenswerte, weil ziemlich törichte Meinung.
Rückblick: Schwarz-gelb ist seit 1983 das durch Wahlen legitimierte “bürgerliche Projekt”. 1998 wurde es abgewählt, dann radikalisierte sich erst die FDP und verkam endgültig zur reinen Vertreterin des Kapitals, die CDU folgte ihr spätestens 2003 mit dem Leipziger Programm. Damit war die “bürgerliche Mitte” vollends ins neoliberale Lager abgedriftet. Beide wollten deutliche Steuersenkungen für die Wirtschaft und für hohe Einkommen, Abschaffung von Steuern auf Vermögen und Kapital, Privatisierungen von allem und jedem und nicht zuletzt sind beide programmatisch für die Kopfpauschale.
Von 1998 bis 2009 konnte das radikalisierte bürgerliche Lager seine Politik zwar nicht direkt durchsetzen, aber immerhin das ebenfalls neoliberalisierte rot-grüne Projekt von rechts vor sich hertreiben (“Noch weniger Steuern! Noch weniger Sozialstaat!”). Dann kam 2008, als Ergebnis der globalen neoliberalen Politik, die Finanzkrise und ein Jahr später, noch mittendrin, die Bundestagswahl. Und was passierte? CDU und FDP gewannen mit einer völlig substanzlosen Propaganda (“Mehr Wachstum durch noch weniger Steuern!”) die Wahl. Schwarz-gelb als Volkes Wille, obwohl der Scherbenhaufen direkt vor uns lag.
So weit, so bekannt. Aber was sollte die Regierung denn jetzt anderes machen, als zu versuchen das durchzusetzen, wofür sie stehen?
Das Problem ist also nicht, dass sie die Mehrwertsteuer für Hotels ermäßigt haben, dass sie das Kindergeld für alle, auch für Reiche erhöht haben, dass sie jetzt Sozialkürzungen durchsetzen, dass sie die Kommunen ausbluten lassen, dass sie die AKWs länger laufen lassen wollen, sondern, dass die Wähler ausgerechnet im Höhepunkt der Krise die Programme genau derer gewählt haben, die für die Krisenerscheinungen verantwortlich sind.
Wer waren die 15 Prozent FDP-Wähler? Abgesehen von einem harten Kern von drei oder vier Prozent, denen alles egal ist außer der eigenen, prall gefüllten Brieftasche? Wer sind die zwei Drittel der FDP-Wähler vom letzten Jahr, die jetzt, laut Meinungsumfragen, die FDP nicht mehr wählen (CDU 30 Prozent, FDP 5 Prozent)? Wie bildete sich die offensichtliche Unzurechnungsfähigkeit eines Teils der Wählerschaft?
Die schwarz-gelbe Koalition wurde zu einem Zeitpunkt gewählt, als sich deren Parteien einer gründlichen Revision ihrer politischen Ansichten hätten unterziehen müssen. Ohne die beiden Parteien loben zu wollen, aber sowohl die CDU als auch die FDP waren einmal mehr als reine Kapitalvertreter. Der Arbeitnehmerflügel der CDU heißt CDA und kam mit seinen gemäßigten Ansichten in den 1980er Jahren am laufenden Band in den Nachrichten. Die sind heute schlicht nicht mehr existent. Die FDP hatte auch mal ein paar Ansätze zur Bürgergesellschaft, gegen Überwachungsstaat, für liberalen Umfang mit Strafgefangenen (es gab da mal einen Gerhard Baum). Alles verschwunden. Eine Neuorientierung in der Regierung ist wohl kaum möglich.
Es stellt sich also die Frage, wie die öffentliche Meinungsbildung, aufgrund derer Wahlen entschieden werden, in den letzten, sagen wir zehn Jahren funktionierte. Und hier kommen die Medien ins Spiel. Die hetzen jetzt gegen die Regierung, was das Zeug hält, fahren Kampagnen und beobachten sich gegenseitig, wer wohl die größte Durchschlagskraft hat. Isses der Spiegel? Oder doch noch Springer? Inhaltlich ist es egal: Sie haben lange Jahre mit einer neoliberal eingefärbten Meinungsmache genau die Grundlagen geschaffen, damit die aktuellen Hampelmänner ihre absurde Politik machen können.
Und diese Meinungsbildung funktioniert nicht nur bei den großen Blättern und beim ZDF, sie hat sich durchgesetzt bis ins letzte Käseblatt. Ein in diesem Blog vor kurzem thematisiertes Beispiel ist die an sich harmlose Regionalzeitung Rheinpfalz mit ihrem Chefredakteur Michael Garthe. Um das kurz zu wiederholen: Garthe ist Mitglied beim Centrum für angewandte Politikforschung (CAP), das wiederum ein Ableger der neoliberalen Bertelsmann-Stiftung ist. Den Lesern der Rheinpfalz dürften diese Zusammenhänge zu knapp 100 Prozent unbekannt sein und somit auch unbekannt, dass diese Zeitung massiv gegen ihre eigenen Interessen schreibt. Solcherart gefärbte Provinzzeitungen gibt es wie Sand am Meer.
Der Spiegel ist ein anderes, weithin bekanntes Beispiel für die neoliberale Umpolung der Medien, die Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung ist eins, die sozialdarwinistischen Tendenzen in der Welt und die Besetzung der Chefredaktion des ZDF sind weitere, die Kürzung kritischer Politsendungen in der ARD auch eins und so weiter und so fort.
Mediale Meinungsbildung ist ein substanzieller Bestandteil einer Demokratie, ihre Bezeichnung als vierte Macht nur zu richtig. Und genau diese Meinungsbildung funktioniert nicht mehr, denn bis auf ein paar vereinzelte aufklärerische Sequenzen sind nur noch wenig Sachverstand und kein aufklärerischer Impetus mehr vorhanden.
Ein Steingart und ein Beise plappern ökonomischen Bullshit, ein Heimsohn und ein Sloterdijk würzen das mit Sozialdarwinismus und ein Broder und ein Mohr laden das Ganze für den Stammtisch rassistisch auf.
Wer sich widerstandslos von rechten Thinktanks und PR-Agenturen füttern lässt, wer sich in die offensichtlichen Kampagnen der privaten Versicherungswirtschaft einspannen lässt, wer grundlegende VWL-Kenntnisse über Bord wirft, wer soziologische Erkenntnisse über Bildungspolitik nur noch als hohle rhetorische Figur (“Bildung ist unser Rohstoff!”) verhunzt, der kann im Versuch, aufzuklären, nur noch eine demagogische Rolle spielen.
Die aktuelle Schacherei um die Bundespräsidentenwahl, wo die Linkspartei mal wieder das Böse ist, ist nur ein weiteres, eigentlich trauriges Beispiel für das Funktionieren dieses gut geölten, weil vom Kapital geschmierten Getriebes. Der gemeine Bürger ist mit den komplizierten Fragen naturgemäß überfordert, Hilfe bekommt er keine. Da gibt man sich sogar mit einem reaktionären Gauck zufrieden, nur, weil der irgendwie nicht aus dem System kommt.
Also: Dass die Regierung jetzt in der Krise steckt, dafür kann sie nichts. Sie kann nicht anders. Sie wurde mit völlig substanzlosen Versprechen gewählt und macht jetzt die Politik fürs Kapital, für die sie ja steht.
Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, doch es ist die kapitalistische Logik, es sind die kapitalistischen Strukturen, die den Brei gekocht haben. Wir wollen ihn nicht mehr schlucken. Aber den Koch auswechseln wollen wir auch nicht.
Selbst schuld.