Was sagen zu dem Occupy-Ding? Ich sage erstmal was zu Wolfram Siener, dem neuen Star der Bewegung. Er scheint mir symptomatisch für das, was da läuft.
Siener ist (bzw. war bis er sich gestern wegen anonymer Morddrohungen gegen seine Familie zurückzog) der Sprecher von Occupy Frankfurt, 20 Jahre alt, sieht aus wie 15 und wie ein Mitglied der Jungen Union und ist empört. Er saß vergangenen Donnerstag bei Maybrit Illner und plapperte drauflos ohne jeden Zusammenhang.
(Screenshot: ZDF)
Ein Auszug:
“Der Steuerzahler rettet sich doch irgendwann selbst, da müssen wir hinkommen. Wir selbst als Volk haben eine Stimme, wir können etwas verändern … Ich denke, man muss verstehen, dass die Berichterstattung und das, worauf gezeigt wird, das, was gerne verteufelt wird, nicht das ist, was uns wirklich zurückhält …. Wir bieten dem Volk eine Plattform, wo es sich ausdrücken kann … Ich muss da mal ganz ehrlich die Frage stellen: Sind die Leute, die uns führen, diejenigen, die unsere Häuser bauen, sind das die, die sich in Stromkraftwerken, in Wasserkraftwerken und auf dem Bauernhof tagtäglich abschuften? Das sind sie nicht. Das sind wir.”
Auf die Frage, ob Siener, wie in den USA geschehen, auch “vor die Villen der Reichen” gehen würde, antwortet er:
“Ich denke nicht. Ich denke, die Reichen sind auch ein Teil des Systems. Wir sind alle gemeinsam da drin, es hat sich über eine lange Zeit entwickelt. Machen wir das gemeinsam als die gesamte Menschheit.”
Und, besonders erwähnenswert:
“Es ist die Verantwortung der Banken, dafür zu sorgen”, dass die Zocker nicht mehr zocken können.”
Kein Wunder, dass selbst der anwesende Standard & Poor´s-Chef Deutschlands, Torsten Hinrichs, auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, in Frankfurt auch mit auf die Straße zu gehen, antwortete: “Im Grundsatz ja”. Angela Merkel findet ihn auch gut. Siener, meine ich. Den Hinrichs wohl auch.
Mit diesen Bemerkungen ist Siener über Nacht zum Medienstar geworden. Die Financial Times schreibt:
Mit einfachen, präzise gewählten Bildern kann er aber im nächsten Atemzug die Schwächen des Finanzkapitalismus darlegen und zeigen, dass er versteht, wovon er redet. Er sucht die Schuld nicht allein in der Upperclass.
Der Spiegel hält ihn für den “Hoffnungsträger der Generation Occupy”. Ist das die gleiche wie die Generation Wodka?
Dazu passt auch, dass der ebenfalls bei Frau Illner anwesende Ulrich Wickert “den Leuten” empfahl, die Piratenpartei zu wählen. Warum? Weil die etablierten Parteien dann wüssten: “Jetzt wird es gefährlich”. Aha.
Was will ich damit sagen? Es herrscht Konfusion. Es herrscht Empörung. Es herrscht Sprachlosigkeit. Siener wird zum Medienstar, weil er genau dafür steht. Weil er nichts zu sagen hat außer Plattitüden, die er aber authentisch und mit den Armen rudernd rüberbringt. Im Moment scheint jeder toll zu sein, der kein Politiker einer etablierten Partei ist und sich authentisch empört. Die Piraten kommen bundesweit auf acht Prozent, obwohl oder gerade weil sie kein Programm haben. Acht Prozent für eine Partei, die als einzige Merkmale “nicht-etabliert” und “für´s Internet” hat. Die Financial Times freut sich über soviel Harmlosigkeit und darüber, dass sich kritisches Potenzial medial in dem unkritischen Hampelmann Siener fokussieren lässt.
Wozu gibt es seit 170 Jahren Kapitalismuskritik, wenn sich im Ernstfall keiner dafür interessiert? Warum besetzen genau dann, wenn Analyse gefragt wäre, die Unpolitischen, die Gefühligen, die jungdynamisch Authentischen die Bühne?
Es sind meines Erachtens immer noch die Nachwehen der politisch grauenhaften 1990er Jahre bis weit in die Nuller hinein. Wer in diesem Zeitraum politisch sozialisiert wurde, ist zwangsläufig sprachlos. Man wuchs auf mit dem Bewusstsein, dass der Kapitalismus das Ende der Geschichte darstellt und dass Deutschland aufgeteilt ist in Ossis und Wessis und ein paar Nazis und man doch jetzt endlich wieder stolz aufs Land sein müsse. Neoliberales Denken war en vogue, es gab keine Alternative.
Jetzt ist klar, dass etwas nicht stimmt, aber es fehlen die Begriffe. In dieser desolaten Situation sind Bekenntnisse wie dieses (vergangenen Samstag bei Occupy Berlin) bezeichnend:

Lustig, authentisch, ehrlich. Und jetzt? Vielleicht sollte man auch von einem neoliberal-medialen Komplex sprechen, der diese Form des Unpolitischen hypt. (Interessant in dem Zusammenhang: Das Versagen des Wirtschaftsjournalismus in der Finanzkrise. Auch systemisch bedingt.) Es herrscht Unzurfriedenheit im “Volk”, es herrscht Empörung über die da oben und die Banken. Da ist es doch praktisch, wenn sich nette junge Menschen vor die EZB in Frankfurt stellen und demonstrieren. Was die EZB für den Schlamassel kann, weiß wohl niemand so genau, aber egal. Man ist empört, das reicht. Und man nimmt damit jeder ernsthaften Kritik den Wind aus den Segeln. Was besseres kann Merkel und Co. nicht passieren.
Lustigerweise meldete sich jetzt Joachim Gauck zu Wort, er findet die Occupy-Bewegung “unsäglich albern”. Gauck war ja ebenfalls ein von den Medien Gehypter, seinerzeit als Bundespräsidentschaftskandidat. Ein Mann von gestern, reaktionär, ohne Durchblick, aber ein rot-grüner Volksheld. Eine schon wieder vergessene anti-emanzipatorische Katastrophe.
Kann eine Bewegung etwas erreichen, die niemandem wehtut? An die sich Gabriel, Merkel, die FDP und überhaupt alle dranhängen können?
Die Situation ist kompliziert, sicher, und niemand fordert finale Lösungen hier und jetzt. Doch wer ein wenig PR-affin ist, weiß, dass es Symbole braucht, die eine Richtung ausdrücken. So wie in Wackersdorf der Bauzaun wichtig war, an dem man rütteln oder sägen konnte, bräuchte man auch jetzt etwas Griffiges. Beispielsweise den Hinweis auf Vermögensverhältnisse. Es ist ja viel von den 99 Prozent die Rede. Wie wäre es, man wiese konzentriert darauf hin, dass in Deutschland ein Prozent der Bevölkerung über ein Finanzvermögen von 2,2 Billionen Euro verfügt, zufälligerweise fast exakt die Summe der Staatsverschuldung? Und dann Namen nennt? Köpfe zeigt? Deren Enteignung fordert? Das ist sicher keine genuine Kapitalismuskritik, aber es ist plastisch, nachvollziehbar, und es drückt konkrete Verhältnisse aus.
Das Plakat hier könnte auch weiterführen, weil es, gerade vor dem Reichstag, auf die innere Logik des Kapitalismus verweist:

In einer Gesellschaft, die sich nicht in jeder Ritze von kapitalistischen Zumutungen zurichten lässt, geht es und es geht gleichzeitig nicht, wenn man sich die Mechanismen nicht klarmacht, also auch die Abhängigkeit des Parlaments vom Kapital. Parteispenden sind da nur die offensichtlichste Form der Korruption, obendrein noch legal.
Und so ist an dieser zufällig festgehaltenen Verbindung zweier Plakate wohl was dran:

Gut möglich also, dass das Occupy-Ding zumindest in Deutschland als große Lachnummer in Erinnerung bleiben wird. Als ein Versuch, die Verhältnisse zu ändern, der sich als die Visualisierung der realen Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen erweist. Ein Beleg dafür, dass die gesellschaftliche Totalität im kapitalistischen System weiter fortgeschritten ist, als man es vielleicht glaubt. Wir sind sprachlos.
(Fotos: genova 2011)