Ein paar Assoziationen, zu deren kompletter Verknüpfung mit die intellektuellen Möglichkeiten fehlen. Es geht um Lagos, Tempelhof und Luanda.
Die Nigerianerin Bisi Silva, Gründerin des Centre for Contemporary Art (CCA) in Lagos, sagt über den öffentlichen Raum in ihrer Heimat:
Leute, die nach Lagos kommen, sagen, es sei die größte Open-Air-Shopping-Mall der Welt. Man kann von einem Ende der Stadt zum anderen fahren, und weil die vielen Straßenhändler den Weg versperren, fährt man langsam. Also erledigt man gleich aus dem Auto seine Einkäufe. Man bekommt dort alles: Brot, Spiegel, Schreibwaren. Die Regierung aber geht unter dem Banner der Entwicklungspolitik gegen die Straßenhändler vor. Dass das unsere traditionelle Lebensweise ist, spielt keine Rolle. Die Regierung versucht eine westliche urbane Struktur zu etablieren und baut Bürohäuser und Shopping-Center. Aber unser Leben findet draußen statt, weil es heiß ist. Wir lieben offene Architektur, der Hof ist das Herzstück eines jeden Hauses. Diese Höfe gibt es immer seltener und das treibt uns natürlich auf die Straßen. Was ist hier nun der öffentliche Raum? Der, den wir selbst gestalten und der unserer Lebens- und Denkweise entspricht? (Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2012, S. 16)
Unterm Banner der Entwicklungspolitik, klingt interessant. Nebenbei: Man merkt bei solchen Berichten, wie unglaublich normiert und eingezwängt das öffentliche Leben in hysterisch normierten und deshalb so aggressiven Ländern wie Deutschland abläuft. Man kriegt hier ja allen Ernstes einen Strafzettel, wenn man mit dem Rad bei rot über die Ampel fährt, wie man sagt. Deutschland ohne Spuren von Faschismus ist nach wie vor nicht denkbar.
Interessanter an dem Zitat als der Bezug auf deutsche Ampeln ist die aktuelle Form des Kolonialismus, die sich da zeigt. Ich kenne mich in Lagos nicht aus und kenne die Hintergründe dieser Entwicklung nicht. Aber wenn es stimmt, was Frau Silva sagt: Dann geht es um Rendite, die mit westlich erprobten Renditemodellen wie der Shoppingmall sicherer zu machen sind als mit eigenen Traditionen, die gerade durch den Kolonialismus teilweise zerstört wurden. Eine weitere, vielleicht mildere Form von Kolonialismus, die sich noch darin zeigt, dass das westliche Konsummodell weltweit via Medien Attraktivität verspricht, auch denen, die mit Garantie nie daran partizipieren werden.
Interessant an den Ausführungen von Bisi Silva außerdem: Die Stadtverwaltung von Lagos will neue Grünflächen ausweisen, die aber von Zuzüglern einfach besetzt werden, zu billigem Wohnraum umfunktioniert werden. Occupy Nigeria besetzt diese Flächen, weil das Grünzeug in einer Stadt mit massivem Wohnungsmangel offenbar als überflüssiger Luxus angesehen wird.
In Berlin gibt es Überlegungen, einen kleinen Teil des stillgelegten Flughafens Tempelhof zu bebauen, mit Wohnungen, auf zehn bis zwanzig Prozent der Fläche. Was passiert in Deutschland in einem solchen Fall, in Berlin? Romantisierte Ökos gründen sofort eine Empörteninitiative mit der Forderung, null Prozent zu bebauen. Dahinter steckt der alte deutsche Romantikerwaldwahn und also Menschenfeindlichkeit. Das immer anzustrebende unbedingte Paradies ist nur da, wo der Mensch nicht ist. Oder nur vereinzelt als Waldschrat. Stadt und Kultur sind bestenfalls ein notwendiges Übel. Tempelhof zu 100 Prozent nicht zu bebauen ist der unbewusste Versuch sich selbst im linken Spektrum Verorteter, Stadt aufzulösen.
Eine ähnliche Situation wie in Nigeria lässt sich derzeit in Angola beobachten. 1974 sind nach jahrhundertelanger Besatzung die Portugiesen über Nacht aus dem Land abgehauen, es folgte ein unvermeidlicher Bürgerkrieg. Seit ein paar Jahren werden neu entdeckte riesige Ölfelder vor der Küste ausgebeutet, die Gewinne steckt sich eine dünne Oberschicht ein. Das hängt damit zusammen, dass sich in dem Land keine Zivilgesellschaft entwickeln konnte; und dass die Mehrheit der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag lebt, ist eine Folge der portugiesischen Besatzerpolitik.
Es sind auch kulturelle Phänomene, die die desaströse Lage zeigen. So baute in den vergangenen Jahren ein chinesischer Investor im Auftrag der angolanischen Regierung eine komplette Stadt namens Kilamba auf dem Reißbrett. Bezahlt wurde mit Öl. Leben sollen dort, 30 Kilometer von der Hauptstadt Luanda entfernt, einmal 500.000 Menschen. Die Stadt ist seit mehr als einem Jahr bezugsfertig, leben tut dort derzeit fast keiner.
So sieht die Siedlung aus:



Die Chinesen investierten 3,5 Milliarden US-Dollar, die Wohnungen sollen zwischen 120.000 und 200.000 Dollar kosten. Geschätzte zwei Drittel der Bevölkerung leben von weniger als drei Dollar pro Tag. Wenn die sich anstrengen und jeden Tag einen Drittel ihres Verdienstes, also einen Dollar, zurücklegen, dann können die sich schon nach 120.000 Jahren die billigste Wohnung leisten.
Richtig verdienen an dem Bauprojekt tun die Chinesen:
Tatsächlich waren die Angolaner in Planung und Bau Kilambas praktisch nicht involviert: Zehntausend Arbeiter der staatlichen China International Trust and Investment Corporation (Citic) stampften die Monsterstadt aus dem Boden. … Weil China nur einen einst vertraglich festgelegten Spottpreis von 60 US-Cent für ein Fass angolanisches Rohöl bezahlt, hat sich der grosse asiatische «Bruder» zu bedeutenden Investitionen in der Infrastruktur und dem Wohnungsbau Angolas bereit erklärt.
Und der Kreis zum Umgang mit Raum in Lagos schließt sich in den Beobachtungen einer Anthropologin zum Thema:
Selbst wer sich ein Apartment in Kilamba leisten könne, würde sich einen Umzug in die Trabantenstadt dreimal überlegen, ist die an der Universität von Chicago über Angolas Wohnungsprobleme promovierende Anthropologin Claudia Gastrow überzeugt: «Es widerspricht so gut wie allem, was die Angolaner für lebenswert halten.» Die Südwestafrikaner liebten den freien Raum um ihr Anwesen – auch wenn es sich etwa in einem Slum nur um die wenigen Meter rund um eine Bretterhütte handle. Die Angolaner verachten Apartments – vermutlich weil sie während des Bürgerkriegs misstrauisch gegenüber ihren Mitmenschen geworden seien. «Sie sind die individualistischsten Menschen, die ich kenne», sagt Gastrow: Und ausgerechnet sie sollen nun in Massensilos leben, die von den «kollektivistischsten Menschen der Welt», den Chinesen, ausgedacht und aufgebaut worden sind.
Architektonische Standards, die mit der Geschichte von Lagos und Luanda nichts zu tun haben, werden implementiert, weil Kapital sich verwerten soll. Der Bürgerkrieg machte die Menschen zu Zwangsindividualisten, denen nun ein Behausungstyp vor die Nase gestellt wird, der gegenteilige Voraussetzungen erfordert. Eine dünne und korrupte Führungsschicht in den afrikanischen Ländern lässt sich dafür gut bezahlen. Nennt man das Ironie der Geschichte?
Was ich eigentlich sagen will? Es sind die unterschiedlichen urbanen Entwicklungen, die hier sichtbar werden. In Lagos die unkontrollierte, auf die täglichen Bedürfnisse großer Menschenmengen ausgerichtete, die sich kaum steuern lässt, weil der Aufstand nie ausgeschlossen werden kann, Menschen, die sich öffentlichen Raum einfach nehmen, weil sie überleben wollen. Auf der anderen Seite die komplette Organisation und Kontrolle von öffentlichem Raum durch eine dünne und extrem ausbeuterische herrschende Klasse, der sich die fokussierte Zielgruppe verweigert. Und in Berlin Luxusprobleme fehlgesteuerter Wollsockenökos.
Muss man ja mal gesagt haben.
(Fotos: Facebook)