Archiv der Kategorie: Städte

Neues aus Kreuzberg und von Gott

Der Tagesspiegel über Gentrifizierung im westlichen Kreuzberg:

Am Mehringdamm weist die Mietenspirale nach oben. Investoren kaufen jedes Haus, dessen sie habhaft werden können. Im Schlepptau der in jedem Reiseführer erwähnten Bergmannstraße hat sich auch die extrabreite sechsspurige Ausfallstraße aus dem Stadtzentrum nach Süden zu einer attraktiven Touristenverweilzone entwickelt, trotz des dichten Verkehrs…

Das Café do Brasil, seit 2001 am westlichen Mehringdamm angesiedelt, hat geschlossen, das Lokal steht leer. „Die Miete wurde fast verdoppelt“, sagt Inhaber Thomas Kleindienst, von 23 auf 40 Euro pro Quadratmeter, da habe er die Segel gestrichen. In der Bergmannstraße sollen Kneipenmieten innerhalb weniger Jahre verzehnfacht worden sein. Das strahlt aus. Weiter südlich hat das Ø aufgemacht, ein Gourmetschuppen des Ex-Borchardt-Kochs Markus Herbicht. Auch Sänger Herbert Grönemeyer soll mit im Boot sein. Das Ø will vom subversiven Image Kreuzbergs jenseits von „Ordnung und Gelecktheit“ profitieren. So was wirkt ungemein anziehend…

Eigentlich nichts Neues, aber das zumindest anschaulich. Das Image von Kreuzberg jenseits von Ordnung und Gelecktheit wird genutzt, um Ordnung und Gelecktheit zu etablieren und Menschen auszubeuten. Mietverdoppelung, Mietverzehnfachung: Alles kein Problem im Rechts- und Sozialstaat Deutschland. “Investoren” sind im Kapitalismus sowas wie Gott bei Religionsfanatikern, beiden darf nicht widersprochen werden. In der Bergmannstraße gibt es jetzt ein neues indisches Restaurant, das es vielleicht mit Kampfpreisen und einer sehr großen Fläche irgendwie schafft, dem Eigentümer das Konto zu füllen. Über Bio, vernünftige Löhne oder gar artgerechte Tierhaltung kann man da natürlich nicht mehr reden. Der Investor hätte etwas dagegen.

Man merkt an solchen Beispielen auch, wie sehr die Ideologie, die sich als Nichtideologie sieht, unsere Hirne aufweicht: Rechtsstaat, Sozialstaat, Marktwirtschaft, alles idologisierte Begriffe herrschaftlichen Denkens. Man könnte Deutschland genauso überzeugend als feudalistischen Unrechtsstaat beschreiben.

Eine Hoffnung gibt es allerdings: Wenn Grönemeyer so gut kocht wie er singt, macht der Laden noch vor dem Sommer wieder zu.

Radfahren in Mailand

In Fortsetzung von dem hier.

101(Foto: genova 2013)

Athen III

Als Goethe im Verlauf seiner italienischen Reise nach Paestum kam, war er enttäuscht. Er befand sich “in einer völlig fremden Welt” und empfand die “stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten Säulenmassen” der beiden Tempel “lästig, ja furchtbar”. Aber Goethe wäre nicht Goethe und seine Aufzeichnungen der italienischen Reise nicht heute noch lesenswert, wenn er es dabei hätte bewenden lassen.

“Doch ich nahm mich bald zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren Geist solche Bauart gemäß fand … und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich befreundet.”

Goethe beschäftigte sich also mit seinem Sujet. Und er lief fast alleine in Paestum umher, heute ist man an solchen Orten nie alleine.

Reiche Brasilianer in großen Gruppen, eine hektische chilenische Geschäftsfrau auf der Durchreise, die schnell die Akropolis mitnimmt, rein körperlich, gigantisch große Schulklassen irgendwo aus Griechenland: Es sind alle da. Es sind alle schnell. Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Die Akropolis gilt als einer der bedeutendsten Ort der Welt, zumindest der westlichen Welt, was Baukultur und Geistesgeschichte angeht, aber es ist real offenbar nur ein Punkt zum Abhaken. Die Akropolis ist nur Teil der üblichen Fast-Food-Kultur.

Ein gut situiertes Ehepaar aus Florida, um die sechzig, mit der Amerikanern üblichen Mischung aus Feistheit und Freundlichkeit: Ein kurzer Blick auf die Ruinen, dann kommen sie mit einem ähnlich situierten und ähnlich alten Ehepaar aus Australien ins Gespräch. Man steht ruinenabgewand herum, schaut auch nicht auf die Stadt herunter und unterhält sich ausschließlich über Praktisches: Der Streik in der Stadt, die Qualität des Hotels, die Dauer des Aufenthaltes, der Name der Fluglinie, wann wohl wieder Taxis fahren werden. Man könnte auch in Florida oder Sydney auf einem Supermarktparkplatz stehen.

Ein Australier um die dreißig will eine Frau kennenlernen. Das beste Mittel: Er bittet sie um darum, ein Foto zu knipsen, im Vordergrund er, im Hintergrund das Parthenon, das er sich noch gar nicht angeschaut hat. Danach schaut man sich gemeinsam das Foto auf dem Display an. Die Frau ist Deutsche aus München und erfährt nun, dass der Australier gerade auf Weltreise ist. Acht Monate hinter, vier Monate vor sich. Wo er schon war? “Berlin, Dresden and whole asia”. So geht das. Ihm geht das Gereise offensichtlich auf den Sack, alleine, ohne Interesse und nun hat er sich vom Lonely Planet auch noch das alte Gerümpel als Kulturgut andrehen lassen. Aber wer Geld hat muss reisen und good old Europe heißt nun mal auch Akropolis, was soll man da machen?

Es ist ausgeschlossen, dass der moderne Tourist die Akropolis als lästig und furchtbar empfindet. Dazu müsste er die Fähigkeit besitzen, überhaupt etwas zu empfinden. Es ist eine Stumpfheit, die wohl zeitbedingt ist. Es muss schnell gehen und es gibt noch viele andere Ziele. Es gibt kein Staunen mehr, sondern Abhaken.
Es hängt wohl mit diesem merkwürdigen Bildungsbegriff zusammen: Bildung ist wichtig heute, also rennen die Massen auf die Akropolis und in jede toskanische Kirche, die ihnen der Reiseführer für Individualisten als sehenswert markiert. Interessieren tut sie nichts.

Wieso sollen sich auch die Massen für alte Kirchen interessieren?

Mir sind die Prolls lieber, die Leute, die sich zehn Tage in Benidorm in die Sonne legen und Sangria aus Eimern trinken und nachts auf eine Frau oder einen Mann. Die machen das, was ihnen gefällt und was die anderen insgeheim auch am liebsten machen würden. Die sich aber nicht trauen, weil sie den lächerlichen Anspruch, den die Herrschaft an sie stellt, erfüllen wollen.

Die rüstigen Senioren aus Florida, die rüstigen Australier und der weltreisende Einsame: Sie hätten sich in Benidorm besser amüsiert, ohne die mühselige Kraxelei und das ständige So-tun-als-ob. Ein Hoch auf den Ballermann.

Und auf die Akropolis.

(Fotos: genova 2012)

Salzbau: Wohnungsneubau für 4,78 Euro pro Quadratmeter

Thomas Bernhard nannte die Architektur in Salzburg noch menschenfeindlich und die Stadt nationalsozialistisch und katholisch. Dennoch brachte die taz kürzlich eine bemerkenswerte Meldung, die leider im allgemeinen Medienrauschen untergegangen ist: Dort hat eine Wohnungsbaugesellschaft architektonisch anspruchsvolle Wohnungen mit Balkon und nach neuesten Kriterien für Energieeffizienz errichtet, und zwar für einen Mietpreis von 4,78 Euro nettokalt. In Deutschland behaupten die üblichen Experten gerne, unter acht Euro sei da nix zu machen.

Über die Realität im sogenannten sozialen Wohnungsbau berichtete die taz im gleichen Artikel:

Der Bau von Sozialwohnungen gilt in Deutschland als gescheitert. Zu teuer. Ohne lang anhaltenden Effekt. Die Sozialbindung der mit Milliarden geförderten Wohnungen läuft meist nach 30 Jahren aus. Bundesweit fallen so pro Jahr rund 100.000 günstige Wohnungen weg.

Besonders absurd ist die Situation in Berlin. In den 60er und 70er Jahren wurden dort viele Sozialbauten errichtet. Aber sie waren vor allem Steuerabschreibungsmodelle für betuchte Westdeutsche. Wer mehr als 150.000 Mark im Jahr verdiente, konnte seine Einlage innerhalb von fünf Jahren über Steuerersparnisse wieder zurückholen.

Gleichzeitig konnten die Baukosten nicht hoch genug sein, denn nach diesen richtete sich die sogenannte „Kostenmiete“, die in einigen Häusern 14 Euro pro Quadratmeter erreichte. Die Differenz zu den niedrigen Sozialmieten zahlte jahrelang die Berliner Landesregierung. Mittlerweile hat der Berliner Senat diese Dauersubvention gestoppt. Damit entfällt aber auch die Sozialbindung. Künftige Eigentümer dürfen ihre Mieten an den fiktiven „Kosten“ ausrichten.

Allein seit 1990 wurden in Berlin rund 21 Milliarden Euro in den sozialen Wohnungsbau gesteckt. Die befinden sich heute in den Taschen der Eigentümer und Banken. Die Mieten aber steigen.

Sozial tun und in Wirklichkeit kommen Steuersparmodelle für Besserverdienende raus: Das nimmt einen nicht Wunder, unter anderem so funktioniert Kapitalismus.

Was läuft in Salzburg anders?

Das Gegenmodell aus Österreich heißt „Salzburger Wohnbaufonds“. Er beruht im Kern auf drei Säulen: staatliche Förderung; gemeinnützige Bauträger; und vollständiger Verzicht auf Bankkredite.

Üblicherweise werden Neubauten von Banken vorfinanziert; der Eigentümer zahlt den Kredit über 25 bis 30 Jahre zurück. Die Geldgeber wollen dafür eine entsprechende Rendite. Das kann im Laufe der Jahrzehnte die Gesamtkosten fast verdoppeln. Ein Effekt, der auch in Österreich nicht unbekannt ist.

„Im Jahr 2005 stand das Land Salzburg mit 1,5 Milliarden Euro Schulden in der Wohnbauförderung da“, erklärt Walter Blachfellner, der im Bundesland Salzburg der für die Wohnbauförderung zuständige sozialdemokratische Landrat. „Deshalb haben wir uns seit 2006 komplett von der Finanzierung über private Banken verabschiedet.“

Die Kredite kommen nun aus dem eigens gegründeten Salzburger Fonds. Auch der nimmt Zinsen. Aber er berechnet je nach Förderart für Mietwohnungen oder selbst genutzte Eigenheime nur 1 bis 2,5 Prozent – festgelegt auf die gesamte, im Schnitt 30-jährige Laufzeit.

So konnten in Salzburg bei einer typischen Beispielwohnung die Bruttokosten von knapp 1.000 Euro auf knapp 600 Euro gesenkt werden. „Was bisher die Banken verdient haben, fließt nun in billigere Mieten und mehr Bauvolumen“, sagt der Landrat.

Im Kern: Niedrige Zinsen, die gerade mal die Inflation ausgleichen, und Anschubfinanzierung.

Experten der EU waren auch schon vor Ort und lobten das Modell. Ein Leser berichtet im Kommentarteil des taz-Artikels von ähnlichen Modellen in Wien. 350 Euro warm für 50 Quadratmeter sind da offenbar normal. In einem Neubau.

Eigentlich müsste seit November eine mindestens deutschlandweite Diskussion zu diesem Modell eingesetzt haben mit dem Ziel, das möglichst schnell und massenhaft in den Städten mit hoher Nachfrage zu realisieren. Es geht immerhin fast um eine Halbierung der Mietkosten. Doch man hört und sieht nichts. Kann das damit zusammenhängen, dass die Banken ihre diesbezüglichen Gewinne abschreiben müssten? Und überhaupt: Warum redet niemand von der Verstaatlichung von Banken?

Es ist hier auch ein schönes Beispiel dafür, wie Medien funktionieren: Ohne die richtige Strategie geht die sensationellste Meldung unter. Oder wird sowas in den großen Medienkonzernen hierzulande gedeckelt? Eben weil es reale Milliardenverluste fürs Kapital bedeuten würde? Und weil hierzulande es eine Menge junger Architekten gibt, die ähnliches hinkriegen? Und weil man dann vielleicht noch ergänzend und notwendigerweise über Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden reden würde?

Aber wir wollen ja keine Verschwörungstheoretiker werden.

Lagos, Luanda und die Kolonialisierung namens Kapitalismus

Ein paar Assoziationen, zu deren kompletter Verknüpfung mit die intellektuellen Möglichkeiten fehlen. Es geht um Lagos, Tempelhof und Luanda.

Die Nigerianerin Bisi Silva, Gründerin des Centre for Contemporary Art (CCA) in Lagos, sagt über den öffentlichen Raum in ihrer Heimat:

Leute, die nach Lagos kommen, sagen, es sei die größte Open-Air-Shopping-Mall der Welt. Man kann von einem Ende der Stadt zum anderen fahren, und weil die vielen Straßenhändler den Weg versperren, fährt man langsam. Also erledigt man gleich aus dem Auto seine Einkäufe. Man bekommt dort alles: Brot, Spiegel, Schreibwaren. Die Regierung aber geht unter dem Banner der Entwicklungspolitik gegen die Straßenhändler vor. Dass das unsere traditionelle Lebensweise ist, spielt keine Rolle. Die Regierung versucht eine westliche urbane Struktur zu etablieren und baut Bürohäuser und Shopping-Center. Aber unser Leben findet draußen statt, weil es heiß ist. Wir lieben offene Architektur, der Hof ist das Herzstück eines jeden Hauses. Diese Höfe gibt es immer seltener und das treibt uns natürlich auf die Straßen. Was ist hier nun der öffentliche Raum? Der, den wir selbst gestalten und der unserer Lebens- und Denkweise entspricht? (Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2012, S. 16)

Unterm Banner der Entwicklungspolitik, klingt interessant. Nebenbei: Man merkt bei solchen Berichten, wie unglaublich normiert und eingezwängt das öffentliche Leben in hysterisch normierten und deshalb so aggressiven Ländern wie Deutschland abläuft. Man kriegt hier ja allen Ernstes einen Strafzettel, wenn man mit dem Rad bei rot über die Ampel fährt, wie man sagt. Deutschland ohne Spuren von Faschismus ist nach wie vor nicht denkbar.

Interessanter an dem Zitat als der Bezug auf deutsche Ampeln ist die aktuelle Form des Kolonialismus, die sich da zeigt. Ich kenne mich in Lagos nicht aus und kenne die Hintergründe dieser Entwicklung nicht. Aber wenn es stimmt, was Frau Silva sagt: Dann geht es um Rendite, die mit westlich erprobten Renditemodellen wie der Shoppingmall sicherer zu machen sind als mit eigenen Traditionen, die gerade durch den Kolonialismus teilweise zerstört wurden. Eine weitere, vielleicht mildere Form von Kolonialismus, die sich noch darin zeigt, dass das westliche Konsummodell weltweit via Medien Attraktivität verspricht, auch denen, die mit Garantie nie daran partizipieren werden.

Interessant an den Ausführungen von Bisi Silva außerdem: Die Stadtverwaltung von Lagos will neue Grünflächen ausweisen, die aber von Zuzüglern einfach besetzt werden, zu billigem Wohnraum umfunktioniert werden. Occupy Nigeria besetzt diese Flächen, weil das Grünzeug in einer Stadt mit massivem Wohnungsmangel offenbar als überflüssiger Luxus angesehen wird.

In Berlin gibt es Überlegungen, einen kleinen Teil des stillgelegten Flughafens Tempelhof zu bebauen, mit Wohnungen, auf zehn bis zwanzig Prozent der Fläche. Was passiert in Deutschland in einem solchen Fall, in Berlin? Romantisierte Ökos gründen sofort eine Empörteninitiative mit der Forderung, null Prozent zu bebauen. Dahinter steckt der alte deutsche Romantikerwaldwahn und also Menschenfeindlichkeit. Das immer anzustrebende unbedingte Paradies ist nur da, wo der Mensch nicht ist. Oder nur vereinzelt als Waldschrat. Stadt und Kultur sind bestenfalls ein notwendiges Übel. Tempelhof zu 100 Prozent nicht zu bebauen ist der unbewusste Versuch sich selbst im linken Spektrum Verorteter, Stadt aufzulösen.

Eine ähnliche Situation wie in Nigeria lässt sich derzeit in Angola beobachten. 1974 sind nach jahrhundertelanger Besatzung die Portugiesen über Nacht aus dem Land abgehauen, es folgte ein unvermeidlicher Bürgerkrieg. Seit ein paar Jahren werden neu entdeckte riesige Ölfelder vor der Küste ausgebeutet, die Gewinne steckt sich eine dünne Oberschicht ein. Das hängt damit zusammen, dass sich in dem Land keine Zivilgesellschaft entwickeln konnte; und dass die Mehrheit der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag lebt, ist eine Folge der portugiesischen Besatzerpolitik.

Es sind auch kulturelle Phänomene, die die desaströse Lage zeigen. So baute in den vergangenen Jahren ein chinesischer Investor im Auftrag der angolanischen Regierung eine komplette Stadt namens Kilamba auf dem Reißbrett. Bezahlt wurde mit Öl. Leben sollen dort, 30 Kilometer von der Hauptstadt Luanda entfernt, einmal 500.000 Menschen. Die Stadt ist seit mehr als einem Jahr bezugsfertig, leben tut dort derzeit fast keiner.

So sieht die Siedlung aus:

Die Chinesen investierten 3,5 Milliarden US-Dollar, die Wohnungen sollen zwischen 120.000 und 200.000 Dollar kosten. Geschätzte zwei Drittel der Bevölkerung leben von weniger als drei Dollar pro Tag. Wenn die sich anstrengen und jeden Tag einen Drittel ihres Verdienstes, also einen Dollar, zurücklegen, dann können die sich schon nach 120.000 Jahren die billigste Wohnung leisten.

Richtig verdienen an dem Bauprojekt tun die Chinesen:

Tatsächlich waren die Angolaner in Planung und Bau Kilambas praktisch nicht involviert: Zehntausend Arbeiter der staatlichen China International Trust and Investment Corporation (Citic) stampften die Monsterstadt aus dem Boden. … Weil China nur einen einst vertraglich festgelegten Spottpreis von 60 US-Cent für ein Fass angolanisches Rohöl bezahlt, hat sich der grosse asiatische «Bruder» zu bedeutenden Investitionen in der Infrastruktur und dem Wohnungsbau Angolas bereit erklärt.

Und der Kreis zum Umgang mit Raum in Lagos schließt sich in den Beobachtungen einer Anthropologin zum Thema:

Selbst wer sich ein Apartment in Kilamba leisten könne, würde sich einen Umzug in die Trabantenstadt dreimal überlegen, ist die an der Universität von Chicago über Angolas Wohnungsprobleme promovierende Anthropologin Claudia Gastrow überzeugt: «Es widerspricht so gut wie allem, was die Angolaner für lebenswert halten.» Die Südwestafrikaner liebten den freien Raum um ihr Anwesen – auch wenn es sich etwa in einem Slum nur um die wenigen Meter rund um eine Bretterhütte handle. Die Angolaner verachten Apartments – vermutlich weil sie während des Bürgerkriegs misstrauisch gegenüber ihren Mitmenschen geworden seien. «Sie sind die individualistischsten Menschen, die ich kenne», sagt Gastrow: Und ausgerechnet sie sollen nun in Massensilos leben, die von den «kollektivistischsten Menschen der Welt», den Chinesen, ausgedacht und aufgebaut worden sind.

Architektonische Standards, die mit der Geschichte von Lagos und Luanda nichts zu tun haben, werden implementiert, weil Kapital sich verwerten soll. Der Bürgerkrieg machte die Menschen zu Zwangsindividualisten, denen nun ein Behausungstyp vor die Nase gestellt wird, der gegenteilige Voraussetzungen erfordert. Eine dünne und korrupte Führungsschicht in den afrikanischen Ländern lässt sich dafür gut bezahlen.  Nennt man das Ironie der Geschichte?

Was ich eigentlich sagen will? Es sind die unterschiedlichen urbanen Entwicklungen, die hier sichtbar werden. In Lagos die unkontrollierte, auf die täglichen Bedürfnisse großer Menschenmengen ausgerichtete, die sich kaum steuern lässt, weil der Aufstand nie ausgeschlossen werden kann, Menschen, die sich öffentlichen Raum einfach nehmen, weil sie überleben wollen. Auf der anderen Seite die komplette Organisation und Kontrolle von öffentlichem Raum durch eine dünne und extrem ausbeuterische herrschende Klasse, der sich die fokussierte Zielgruppe verweigert. Und in Berlin Luxusprobleme fehlgesteuerter Wollsockenökos.

Muss man ja mal gesagt haben.

(Fotos: Facebook)

Kommunisten in Graz erzielen bei Wahlen 20 Prozent

Aus der Rubrik “skurrile Meldungen”:

Die Spitzenkandidatin der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) ist die eigentliche Siegerin der Gemeinderatswahlen in Graz, der zweitgrößten Stadt des Landes. 20,1 Prozent Zustimmung bescherten der KPÖ am Sonntag den zweiten Platz hinter der regierenden ÖVP, die Neuwahlen vom Zaun gebrochen hatte und massiv verlor.

Elke Kahr heißt die Spitzenkandidatin der KPÖ.

Noch skurriler:

Grüne und SPÖ wären sogar bereit gewesen, Kahr zur Bürgermeisterin zu wählen. Doch daraus wird nichts, weil diese beiden Parteien zu viel verloren haben.

Am skurrilsten: Am stärksten schnitt die KPÖ bei den Selbstständigen ab. Die Arbeiter wählten mehrheitlich FPÖ.

Außerdem:

75 Prozent der KPÖ-Wähler sahen die KPÖ bei der Wohnungspolitik als kompetent an, 60 Prozent bei der Bekämpfung von Korruption und 40 Prozent bei Zuwanderung und Integration.

Kommunisten in Graz werden vor allem von Selbstständigen gewählt und Sozialdemokraten wählen deren Spitzenkandidatin zur Bürgermeisterin. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Wohnungsbaupolitik: Ein heißes Eisen auch in Berlin, und da wurden die Linken vergangenen September abgestraft. Zurecht, weil sie sich der SPD angebiedert hatten und – unter anderem – in der Wohnungsbaupolitik versagten. Die Kommunisten in Graz sind offenbar nicht so dämlich.

Die Kommunisten sind in Graz traditionell stark. 2003 kamen sie sogar auf 29 Prozent. Es liegt, soweit ich weiß, vor allem an Persönlichkeiten. Mir fällt ein, dass es in Graz eine ganze Menge guter, innovativer, mutiger Architektur gibt, Grazer Schule und Domenig.

Es hängt ja bekanntlich alles mit allem zusammen.

Zum Thema “sozialer Wohnungsbau” in Österreich:

http://taz.de/Sozialer-Wohnungsbau/!105262/

Interessant, was alles geht, wenn man das Kapital einfach auschließt. Wohnungsbau für 4,78 Euro den Quadratmeter. In Deutschland behaupten offizielle Stellen ja, dass Wohnungsbau unter acht Euro nicht mehr drin sei. Und Sozialwohnungen in Berlin, bei denen die Förderungshöchstdauer ausgelaufen ist, kosten mittlerweile auch mal neun Euro. Nettokalt.

Deuschland ist scheiße. (Nur, falls ich das noch nicht erwähnt habe.)

Berlin: Die Autolobby und die Politik

Die Politik der Stadt Berlin ist vielfach das Gegenteil ihres Images: behäbig, vorgestrig, repressiv und bonzig. Hier sind beispielsweise lupenreine Sozialdemokraten der Idee verfallen, ein Schloss zu bauen. Aktueller anderer Fall: die Verkehrspolitik.

In Berlin beginnen jetzt die Bauarbeiten für weitere 3,5 Kilometer Stadtautobahn. Veranschlagte Kosten: knapp 500 Millionen Euro. Ebenfalls derzeit wird eine neue U-Bahn-Linie gebaut, die U 5 vom Hauptbahnhof zum Alexanderplatz.

Beide Projekte sind objektiv absurd. Die Autobahn in Berlin mitten durch die Stadt braucht niemand außer der Autolobby, es wird hier aus einem derzeit funktionierenden und abgeschlossenen Autobahnnetz eine große Staufalle herbeigebaut. Dies Staufalle wird dazu führen, dass die Autolobby weitere Forderungen stellen kann: Die nächsten drei Kilometer sind schon projektiert. Detaillierte Infos gibt es hier.

Die U-Bahnlinie 5 führt zur einen Hälfte durch unbebautes Gebiet (Hauptbahnhof bis Reichstag), zur anderen Hälfte unter dem Boulevard Unter den Linden, der 60 Meter breit ist, entlang. Hier keine Straßenbahn zu bauen, sondern sich durch die Erde zu graben, ist rational nicht erklärbar. Auch das wird rund 500 Millionen Euro kosten. Macht zusammen eine Milliarde. Eine Straßenbahn statt der U-Bahn käme vermutlich auf keine 150 Millionen.

In beiden Fällen lässt sich höchstwahrscheinlich der enorme Einfluss der Auto- und der Bauwirtschaftslobby in Deutschland ablesen. Man kann es auch legale Korruption nennen.

Ich komme darauf, weil ich mir kürzlich in Kopenhagen deren Radsystem angeschaut habe. Um es kurz zu machen: Die sind den Berlinern um Welten voraus. Alle Radewege sind geteert, breit und in gutem Zustand, die Ampelschaltungen sind auf Radfahrer abgestimmt, es gibt Parkhäuser für Räder. Es gibt Radstrecken aus den Vorstädten in die City, was dazu führt, dass mehr als 50 Prozent der Berufspendler das Rad benutzen.

Die Berliner Zeitung schrieb kürzlich:

Und so gibt es in der dänischen Hauptstadt nicht nur die wohl breitesten und ebensten Radwege Europas, sondern auch grüne Wellen für Radfahrer, eigene Brücken, privilegierte Abbiegespuren. 20 Angestellte arbeiten im „Cykelsekretariat“ der Stadt Kopenhagen. Es gibt dort Menschen, die sich über nichts anderes Gedanken machen als darüber, wo man in Kopenhagen noch Fahrradparkplätze schaffen könnte. Berlin hat einen ehrenamtlichen Fahrradbeauftragten – und das nur auf dem Papier, das Amt ist seit einem halben Jahr nicht mehr besetzt … Breit sind die Radwege, bis zu fünf Meter. Überholen ist überall problemlos möglich – auf vielen Strecken ist der Verkehr aber so dicht, dass zwei Kolonnen in gleichem Tempo nebeneinander her fahren.

Und dann wird es aus einer ganz anderen Perspektive interessant, wenn der Verkehrsplaner Mikael Colville-Andersen sagt:

Ob das nicht alles furchtbar teuer ist? „Natürlich kostet es Geld“, sagt Mikael Colville-Andersen. „Aber dafür ersparen Radfahrer der Gesellschaft ja auch immense Kosten, sie sind gesünder, sie schädigen die Umwelt nicht.“ 240 Millionen Euro tragen Kopenhagens Radler jedes Jahr zum dänischen Wohlstand bei, erklärt Colville-Andersen. Gemeint sind eingesparte Arztkosten und verhinderte Umweltschäden. „Das ist gerade erst in einer Studie berechnet worden.“

Ein volkswirtschaftliches Plus von jährlich 240 Millionen Euro in Kopenhagen durch Vermeidung von Krankheiten und Umweltschäden gegenüber einer projektierten Milliarde für die Autobahn und die U-Bahn.

Warum die Autobahn gebaut wird, hat wohl vor allem seinen Grund in der falschen Finanzierungslogik. Das gibt der Senat auch versteckt zu:

Die Finanzmittel des Bundes für den Bau von Bundesstraßen können ausschließlich zu diesem Zweck verwendet werden. Sie sind durch Bundesgesetz dafür bestimmt. Werden sie nicht genutzt, verfallen rund 420 Mio. € für Berlin und kommen Bundesstraßenprojekten in anderen Ländern zugute.

Für die U-Bahn gilt die gleiche Finanzierungsstruktur: der Bund zahlt. Na, dann bauen wir halt sinnlose Verkehrswege, weil Ramsauer die Millardenrechnung begleicht. Warum der das macht? Die politischen Verflechtungen würden mich interessieren. Zu dem Autobahnprojekt meinte er kürzlich:

Der CSU-Minister bezeichnete die Teilstrecke als “das teuerste Stück Autobahn, was je in Deutschland gebaut” worden sei.

Und die Berliner Radwege? Die Berliner Morgenpost meldete im März dieses Jahres:

Berlin fährt Rad, der Senat spart: Die Mittel für die Sanierung der Radwege sollen halbiert werden. 90 Prozent sind aber marode, warnen Experten.

Allzeit gute Fahrt!

P.S.: Wem die Verkehrsplanung in Kopenhagen zu geregelt und schematisch vorkommt, könnte auch über shared spaces reden. Aber das führte hier und jetzt zu weit.

Parkplätze II

Hier die Fortsetzung unserer beliebten Parkplatzserie. Es handelt sich um einen vergleichsweise rückschrittlichen, altmodischen Parkplatz ohne Parkhäfen (auch Parkharfen genannt), sondern um eine schlichte und große und nicht baulich strukturierte Fläche, auf der als Orientierung lediglich weiße Striche aufgemalt wurden. Kein Abstandsgrün, nur mäßige Auflockerungen, die Versickerungsmöglichkeiten für Regenwasser sind mangelhaft bis ungenügend.


(Fotos: genova 2012)

Sehenswertes in Hamburg

Der Gesteinsanteil im Hamburger Asphalt ist höher als anderswo. In Zeiten, in denen Städte sich auf kapitalistischer Basis immer mehr gleichen und in denen sie gleichzeitig unverwechselbar sein wollen, von mir also ein freundlicher Wink an die hanseatischen Marketingexperten.

Angesichts der bekannten wie zweifelhaften Hamburger Alleinstellungsmerkmale wie schlechtestes Wetter und übelster Wind Deutschlands, hässlichstes Meer der Welt um die Ecke und der penetranteste Lokalpatriotismus nördlich von Düsseldorf (siehe auch hier) ist das doch endlich mal eines, auf das die Leute da oben zurecht stolz sein können.

Mir gefällt dieser Asphalt jedenfalls immer wieder.

(Fotos: genova 2012)

Was heißt Kiez auf englisch?

Der Tagesspiegel in einer Bilanz über das Guggenheim-Lab im Prenzlauer Berg, über das ich bereits hier und hier berichtet habe:

Im Guggenheim Lab sollten andere zu Wort kommen – Anwohner mit eigenen Erfahrungen und individuellem Blick. Gern im Dialog, damit beide Seiten voneinander lernen …. Nicht bei allen funktioniert die Strategie der Umarmung, schon weil die verbindliche Lab-Sprache Englisch war. Das schloss viele aus.

Mit Anwohnern in Berlin über ihren Kiez diskutieren wollen, aber bitte nur auf englisch. Ich hätte nicht gedacht, dass BMW und Co. ihr Desinteresse so offensichtlich zeigen.