Archiv der Kategorie: Sonderbare Orte

Die neue Dreifaltigkeit

Dieses Foto hier, auf das mich dankenswerterweise Yunus hingewiesen hat, möchte ich aus ikonographischen Gründen nicht unkommentiert lassen. Es ist ein echter Glücksfall, wann bekommt man sowas schon mal geboten?


Die Protagonisten sind die Dame ganz in schwarz namens Fatima Özoguz (ehem. Elke Schmidt), eine biodeutsche Islam-Konvertitin und bekennender Fan der Islamischen Republik Iran (daneben ihr Mann Yavuz), im Vordergrund Herr Ahmadinedschad und ganz rechts steht der ehemalige Antideutsche und jetzige Volksfront-Aktivist Jürgen Elsässer. Die anderen Abgebildeten sind Statisten. Das Foto wurde vor ein paar Tagen im Präsidentenpalast geknipst, die Damen und Herren waren unterwegs auf Friedensmission in Teheran.

Ganz wunderbar sind die Köperhaltung und der Gesichtsausdruck Fatimas: statuenhaft. Unbedarfte Beobachter könnten sie für eine Figur aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett halten und bemängeln, dass der Wachsfigurenformer eine recht schematische Figur geschaffen habe, der man gleich ansehe, dass sie nicht lebendig ist. Doch genau das macht den Reiz des Bildes aus und lässt Fatima alle Blicke des Betrachters auf sich ziehen. Gerade diese Demutshaltung mit dem niedergeschlagenen Blick, dem schmalen Gesicht, den hervortretenden Wangenknochen und der Hand am Herzen zeigen ihre Ergriffenheit in einem ganz besonderen Augenblick. Eine Ergriffenheit, die an mittelalterliche Marienstatuen erinnert.

Ahmadinedschad ist, folgt man der gewohnten Bildanalytik, derjenige, dem die Bewunderung gilt und der den höchsten Rang unter den Abgebildeten genießt. Er steht außerhalb der Reihe, er kann es sich offenbar leisten. Doch seine in Form betender Hände dargebrachte Huldigung hat ob des vermutet – oder doch andeutungsweise erkennbar – verschmitzten Blicks etwas Künstliches, vielleicht sogar Verlogenes, zumindest Berechnendes. Wenn Fatima die Maria darstellt, dann ist Ahmadinedschad Jesus, und zwar der, der gerade auferstanden ist von den Toten und nun kurz vor der Himmelfahrt steht. Er erweist seiner Mutter das letzte Mal die Ehre, ist aber schon sichtlich ernüchtert oder vielmehr desillusioniert ob der Tortur nach Stunden am Kreuz, drei Tagen im Grab und dem scheinhaften Dasein in den 40 Tagen danach. Und Mama hat ihm nicht geholfen.

Möglich wäre allerdings auch, dass Yavuz Özoguz den Jesus spielt und deshalb so beglückt lächelt, weil er neben der Statue seiner Mutter stehen darf. Ahmadinedschad stellt dann den Judas dar. Diese Frage kann derzeit nicht abschließend beantwortet werden und harrt der weiteren ikonographischen Forschung.

Der coole Elsässer jedenfalls betrachtet die Szene mit Sicherheitsabstand, hat einen Arm aber schon zur Tat angewinkelt und die Mutter Gottes präzise im Blick. Ob er sie sich weiter nutzbar machen kann für seinen Traum von der Volksfront gegen das Kapital mit ihm als Führer? Auch wenn Occupy nicht angebissen hat und der verrückte Oliver Janich ihm bestimmt auf den Senkel geht: Mit den Moslems läuft es wie am Schnürchen. Sein Heiliger Geist behält den Überblick und hat taktisch alles im Griff.

Je länger ich das Bild betrachte, desto sicherer werde ich mir, dass die Maria tatsächlich eine mittelalterliche Holzstatue ist, die sie da in den Präsidentenpalast gestellt haben; angesichts des fein gearbeiteten Gesichts vermutlich eine vom Naumburger Meister. Sie ist die einzige des Dreifaltigkeitsclans plus Judas, die es ernst meint.

Und Elsässer hat sie reingeschmuggelt.

P.S.: Einen Protagonisten habe ich vergessen. Ganz hinten an der Wand, da hängt Gott/Allah/Häuptling/Mr.Riesenpimmel/Superhirn/BigBang/Cheffe/20cm/derBossvomGanzen/etc. Die Qualität seines Blicks ist auf die Entfernung nicht zu beurteilen.

(Foto: Webseite des Präsidenten der Islamischen Republik Iran, dort gibt es noch mehr Fotos vom Event)

Iran: “…trotzdem entspannt und glücklich”

Der deutsch-iranische Schauspieler Mathias Kopetzki hat erst im Alter von 20 Jahren erfahren, dass sein Vater Iraner ist. Mit Mitte 30 reiste er zum ersten Mal in den Iran. Sein Versuch einer Einschätzung eines Landes und einer Kultur, die einem fremd ist, ist lesenswert, denn es geht hier darum, dass man nur um den Preis der teilweisen Aufgabe der eigenen Perspektive die Möglichkeit des Verstehens bekommt:

“Ich habe dort gesehen, wie Menschen Lebensweisen präferieren, die ich wohl niemals leben könnte, und wie sie trotzdem entspannt und glücklich dabei wirken. Ich denke da an die übermächtige Präsenz des Glaubens, die offensichtlichen Restriktionen.

Aber trotzdem habe ich als Westler nicht den Eindruck, dass die Leute sich nicht offen in die Augen schauen können oder paranoide Ängste voreinander entwickeln – wie ich das hierzulande, in unserer ach so freien Gesellschaft täglich erlebe.”

“Das Interesse an unserem “Lifestyle” ist deutlich größer. Dort bin ich in meiner Verwandtschaft zum Beispiel allein deshalb ein Held, weil ich als Schauspieler bei einem wahren Straßenfeger mitgespielt habe: “Alarm für Cobra 11″, ein seit vielen Jahren vom Staatsfernsehen importiertes deutsches Produkt, das hier vermutlich westliche Sehnsüchte weckt und trotzdem mit dem staatlichen Moralkodex vereinbar scheint: Auge um Auge, Zahn um Zahn.”

Jeder Satz ist wahr. Für uns restriktive Lebensweisen können eine glückliche Entspanntheit bewirken, die sich an den Gesichtern ablesen lässt; einen Eindruck, den ich auch schon in Kairo gewann – ohne genau zu wissen, ob der Eindruck stimmt. Der Besucher bleibt mit diesem Eindruck vielleicht ratlos zurück, hat er doch das Bild der von religiösen Sittenwächtern unterdrückten Gesellschaften vor Auge. Das mag auch so sein, aber es ist nicht das ganze Bild.

Dieses ganze Bild kann man eh nicht erfassen, aber Bruchstücke daraus lassen sich nur ohne Vorurteile gewinnen. Es fällt auch bei der aktuellen Berichterstattung über Ägypten auf: Mit gängigen westlichen Erklärungsmustern kommt man da nicht weiter und muss es auch nicht. Diese gängigen Muster fabulieren sowieso in der Regel vom Endsieg des westlichen Demokratiemodells, das aber massenhaft diesen nicht offenen Blick und paranoide Ängste produziert.

Richtig peinlich wird es, wenn ausgerechnet eine derart primitive TV-Produktion wie “Alarm für Cobra 11″ in fremde Länder exportiert wird. Ein vorsintflutlicher Kodex, eben das “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, ist in Deutschland mit der ach so aufgeklärten, toleranten und fortschrittlichen Gesellschaft seit Jahren ein Quotenhit. Schlimmer noch: Eine dramturgisch, schauspielerisch und plotmäßig grauenhafte Unterhaltungsserie mit faschistischen Herrenmenschentendenzen, die den Zustand dieser Gesellschaft vielleicht besser spiegelt als vieles andere. Ein Krimiformat, das in jeder Hinsicht eine einzige und absolute und im TV-Segment nicht überbietbare Katastrophe darstellt. (Ich habe eine Folge dieser Serie vor Jahren mal versehentlich angeschaut.) Dass die Iraner das offenbar gerne sehen, hängt wohl auch mit den tollen deutschen Autos zusammen, die da umherfahren und manchmal explodieren und überhaupt mit dem westlichen Lifestyle, der aber in seiner Plattheit und Geistlosigkeit dann doch nur oberflächlich akzeptiert werden kann.

Entspannt und glücklich trotz “Alarm für Cobra 11″:  Wie das geht, ist die eigentlich interessante Frage, auf die eine interessante Antwort erwartet werden kann.

Schon die Architektur ist uns Europäern fremd: Das Außenministerium in Teheran:


(Foto: genova 2011)

Überwachte Hygiene


Gesehen auf dem Herrenabort der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.

(Foto: genova 2012)

Warum Wulff noch heute zurücktreten muss

Darum:

Jeder Haus- mit Gartenbesitzer weiß, dass man eine große Rasenfläche nicht mit der Gardena-Classic-Impuls-Brause wässert, wie Wulff es oben tut, sondern mindestens mit einem Gardena-Standardregner, bei der Wulffschen rechteckigen Rasenfläche besser noch mit einem Gardena-Viereckregner. Und wer etwas auf sich hält, was der Präsident sicher tut, müsste ein ausgeklügeltes Gardena-Sprinkler-System zum Einsatz kommen lassen. Wichtig für den vielreisenden Wulff ist zudem die Gardena-Urlaubsbewässerung, mit der man “entspannt in den Urlaub fahren und mit einem Lächeln zurückkehren” kann, wie der sympathische Gartenausstatter aus Ulm auf seiner Webseite berichtet. Doch auch davon ist auf dem Foto nichts zu sehen.

Das mit dem Lächeln ist Wulff jedoch gelungen.

Also: Wer seinen Rasen mit der falschen Brause wässert, ist dümmer als jeder Kleingärtner und somit als Präsident nicht geeignet, nicht einmal als Kleingarten-Präsident. Wer darüber hinaus eine halbe Million Euro ausgibt für ein ausgesprochen hässliches Haus mit Billig-Klinkern, lächerlichem Krüppelwalmdach und Sprossenfensterimitaten ist auch ästhetisch ungeeignet für das höchste Amt im Staat. Und wer meint, er müsse nur mal schnell Jackett und Krawatte ausziehen, die Gardena-Classic-Impuls-Brause als Gardena-Viereckregner- oder gar als Gardena-Sprinkler-System-Imitat in die Hand nehmen und ein Schwiegersohngrinsen aufsetzen, um die nötige Glaubwürdigkeit für den Bundespräsidentenposten zu ergattern, hat die Rechnung ohne die Millionen deutscher Gartenfreunde gemacht. Denen kann man vielleicht einen Wust von 476 abgeschriebenen Seiten als Doktorarbeit verkaufen, aber keine Gardena-Classic-Impulsbrause als Gardena-Viereckregner oder gar als Gardena-Sprinkler-System. Irgendwo hört der Spaß auf. Wobei: Wer Sprossenfenster imitiert, imitiert auch Viereckregner. Wulff bleibt sich also treu.

Im selben und lesenswerten FAZ-Artikel von Niklas Maak ging es übrigens hauptsächlich um neue, innovative Wohnarchitektur in Tokio in Fortschreibung dessen, was die Metabolisten in den 1960ern vorschlugen. Sehr sehenswerte Sachen, mit individuell gestaltbaren Grundrissen auf kleinem Raum, mit einer schönen Balance zwischen individuellem Freiraum und den Anforderungen des Kollektivs, und zwar immer wieder neu austarierbar, mit geradezu skulpturalen Eigenschaften. Und viel preiswerter als das Wulffsche Haus, obwohl in Tokio gelegen und nicht in Hannover. Wulffs fremdfinanziertes Heim diente der FAZ als das deutsche Negativ-Beispiel. Man könnte fast eine Ahnung davon bekommen, was Fremdschämen bedeutet.

(Fotos abfotografiert aus der FAZ vom 4. Januar 2012)

Geraderücken II

„Städte werden vor allem von Bauten geprägt, die nicht in Architekturzeitschriften veröffentlicht werden. Dadurch entsteht auf dem Papier ein geschöntes Bild der Wirklichkeit. Um das wieder etwas geradezurücken, wird auf dieser Seite gezeigt, wie der Alltag wirklich aussieht.“

deutsche bauzeitung

Stadtrand in Chemnitz:


(Foto: genova 2011)

In Fortsetzung dieses Artikels.

Brandenkarest

Vergangenes Jahr habe ich hier über ein Haus in Bukarest berichtet. Bei einer Landpartie ins Brandenburgische kürzlich musste ich feststellen: Warum in die Ferne schweifen; das Gute liegt so nah. Unterschiede gibt es eigentlich nur bei der Qualität der Autoüberzieher.

(Fotos: genova 2010 & 2011)

Die Essenz der deutsch-polnischen Völkerfreundschaft

Tabak, tanken, Titten, möglichst grenznah:

(Fotos: genova 2011)

Norddeutschland: Anmerkungen zu einer Kulturnaturkatastrophe

Es ist jeden Sommer das Gleiche: Der deutschlandweite Verkehrsfunk meldet lange Staus auf den Autobahnen Richtung Norden. Hinter Hannover und hinter Osnabrück wird das Autoaufkommen dichter. Es handelt sich hierbei – das haben meine Recherchen zweifelsfrei ergeben – um sogenannte Urlaubsstaus. Es gibt offenbar viele Menschen, die nach Norddeutschland fahren, um dort Urlaub zu machen. Das wirft Fragen auf.

Der Gedanke ist an sich flüchtig und kaum denkbar: Urlaub in Norddeutschland. Die schönsten Wochen des Jahres, wie man sagt, in Norddeutschland verleben. Wozu ist Urlaub gut? Erholung, Sonne, Wandern, Landschaft, Köperertüchtigung, Kultur, regionale Küche: All das können Anliegen für einen Urlaub sein. Aber in Norddeutschland? Was also bringt erwachsene und bislang nicht für unmündig erklärte Menschen dazu, hunderte von Kilometern in eine Landschaft und in eine Kultur zu fahren, wie sie dumpfer, wie sie öder, wie sie einschläfernder und wie sie also menschenfeindlicher nicht sein könnte? In eine Katastrophenlandschaft und in eine Katastrophenkultur mit einem durch und durch katastrophalen Wetter zu reisen? Dröseln wir die Problematik auf.

Was heißt Landschaft? Was man in Norddeutschland außerhalb von Städten antritt, nennt man behelfsmäßig “Landschaft”. Doch der Begriff widersetzt sich der gewohnten Verwendung: Landschaft im herkömmlichen Sinn existiert dort nicht, alles ist nur zweidimensional. Alles, was man sieht, wenn man in Norddeutschland umherfährt, sind entfernt ein paar Baumkronen, davor Acker, dahinter Acker. Es gibt keinen Raum, es gibt nur das Nichts. Und zwar aus der Perspektive des Reisenden nicht etwa mal eine Viertelstunde, in der man eine Ebene durchquert. Nein, Stunden, Tage, immer. Der Süddeutsche verliert im Norden sein Gefühl für Raum und somit für Zeit. Der Norddeutsche hat beides wahrscheinlich nie bessessen.

Die Erfahrung von Topographie geht dem Norddeutschen zwangsläufig ab. Die Erfahrung von Raum, von Verhältnissen in ihm, ebenso. Das glücksbringende Gefühl, einen Talkessel zu durchfahren, ihn auf der anderen Seite leicht ansteigend zu verlassen und eine Natur- und Kulturlandschaft dadurch erfahren zu haben, also im buchstäblichen Rückblick auch einen Bruchteil des eigenen Lebens zu sehen, eine Ahnung von Nähe und Distanz zu bekommen, die Frucht der Arbeit in Form der geleisteten Bewegung, inklusive einem Gefühl von Geborgenheit, die ständigen Perspektivwechsel, die buchstäblich den Horizont erweitern: All diese Erfahrungen sind in Norddeutschland noch nie gemacht worden. Es ist traurig. Ich denke, dass in Norddeutschland Sozialisierte diese Erfahrung im Erwachsenenalter auch nicht mehr machen können, selbst wenn sie nach Süddeutschland ziehen. Es fehlt ihnen das sensuative Instrumentarium, das maßgeblich im Kinder- und Jugendalter ausgebildet wird. Der Norddeutsche ist nicht in der Lage, mit Raum umzugehen. Für ihn ist Bewegung im Raum sinnlos, weil es ja eh überall gleich aussieht. Auf dem Deich oder im Torf ein paar Meter hin oder her: egal. Deshalb bleibt er einfach sitzen. Der Norddeutsche freut sich angeblich über die Weite vor ihm, den unverstellten Blick. Aber unverstellt worauf? Man kann das Nichts nicht verstellen. Die einzige Möglichkeit für den Norddeutschen, eine Ahnung von Geborgenheit im Raum zu erfahren, ist, wenn er sich hinter den Deich kauert. Vielleicht kommt das ja vor. Ich weiß es nicht.

Ein typischer Sommertag in Norddeutschland. Im Vordergrund wächst Kohl, im Hintergrund beginnt das Nichts.

Damit leider nicht genug: Der Norddeutsche hat auch kein Verhältnis zu Farben, weil die einzige für ihn existierende Farbe Grau ist. Die dafür in allen Schattierungen. Das hat sicher seinen Reiz, aber nur ein paar Minuten lang. Norddeutsche müssen das ein Leben lang aushalten. Kaum vorstellbar, aber wahr. Auch das Gras ist in Norddeutschland nicht grün, sondern blass-grau, meinetwegen grün-grau. Selbst die Natur hat da oben eine depressive Komponente. Wer mag es ihr verdenken?

Wer nun meint, ich hätte zwar grundsätzlich recht, würde aber ein wenig übertreiben, dem empfehle ich eine Zugfahrt von Dortmund nach Hamburg. Irgendwo hinter Osnabrück sollte man die Sonnenblende runterlassen. Sonst erlebt man eine architektonische, materiale und somit kulturelle Unwucht, die dort flächendeckend praktiziert wird: Einfamilienhaussiedlungen mit vorgeblendeten Baumarktbilligklinkern, dazu Erker, Hochglanzziegel. Es ist alles voll davon. Sandstein ist in Norddeutschland unbekannt. Davor sitzen griesgrämige Menschen in Funktionsjacken. Früher setzte man in Norddeutschland herkömmliche Backsteine ein, ohne Klinker, jeder einzelne Stein hatte einen eigenen Charakter, war unverwechselbar, das hatte seinen Charme. Diese Individualität war wohl nicht erträglich. Die Norddeutschen haben mit ihrer Ersetzung des Backsteins durch den Baumarktklinker  das einzige, was in dieser Gegend je sehenswert war, was laut Merian oder Baedecker oder vielleicht sogar Lonely Planet einen Umweg und in einzelnen Fällen sogar eine Reise gelohnt hat, vernichtet, mutwillig und endgültig und – so vermute ich – hasserfüllt.

Norddeutschland ist – das muss ich leider schon an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen, auch wenn es schwer fällt – eine allumfassende ästhetische Katastrophe: Landschaft, Häuser, Freizeitkleidung. Je weiter man sich Richtung Westen begibt, desto schlimmer wird es. Ostfries- und Emsland stellen die Höhepunkte der durch und durch und überall spür- und sichtbaren Kulturnaturkatastrophe dar. Dort hat man das beklemmend klare Gefühl, an einem Ende der Welt angekommen zu sein, nämlich ganz unten. Nichts geht mehr.

Vielleicht merkt es der Leser: Im Versuch der Beschreibung Norddeutschlands versagt das herkömmliche Vokabular. Neben “Landschaft” ist  “Vegetation” so ein Fall. Die besteht im Norden aus teilweise trockengelegten Sümpfen, aus Torf und aus kurzem, hartem, ausgesprochen hässlichem Gras, es wächst wegen der Brise nicht höher. Hin und wieder ein geduckter, vom Wetter ausgemergelter Busch. Es wächst sowieso fast überhaupt nichts in Norddeutschland. Eigentlich nur Bäume mit sauren Äpfeln und Kohl. Der dafür aber in den Variationen Grün-, Rot- und Blumenkohl. Immerhin. So sieht dann auch die norddeutsche Küche aus. Es gibt Grün-, Rot- oder Blumenkohl, dazu antibiotikagefüllte Hühnereier aus Legebatterien (eine der wenigen gewinnbringenden Industrien da oben). Das Meer heißt Nordsee, es ist grau-braun und brackig. Engländer und Schotten bohren dort nach Öl, der Norddeutsche fängt dort hin und wieder Rollmops, der vermutlich so schmeckt, wie der Name klingt. Man isst, was man kriegt. Der nordische Vegetationsgott heißt Thor und fällt vor allem dadurch auf, dass er Steine wirft und mit selbstgebastelten Äxten um sich schlägt. Dieses Verhalten muss angesichts des realen Nahrungsangebots und also seines offensichtlichen Scheiterns als Verzweiflungstat gedeutet werden und belegt: Vor Norddeutschland kapituliert sogar Gott.

Zu Mops und Kohl gibt es selbstgebrannten Schnaps, der den Vorteil hat, das Elend um einen vergessen zu können.

Apropos Alkohol: Das ist im Norden nicht etwa ein Stimulationsmittel, um Geselligkeit, i. e. Kommunikation, verbal und nonverbal, zu fördern, sondern schlicht ein Antidepressivum. Allerdings eines, das nicht funktioniert. Was in der  Flensburger-Werbung für Unbedarfte als lustige Selbstironie rüberkommt, ist bittere Realität: Norddeutsche sitzen in der Regel schweigend nebeneinander. Zum einen, weil in der völlig ereignislosen Gegend nichts passiert, was soll man also erzählen? Zum anderen, weil das Getöse des “Windes” (den man in Norddeutschland gerne “Brise” nennt, aus der Perspektive von Kulturmenschen aber schon längst die umfassende Macht eines Orkans hat) eine Unterhaltung an durchschnittlich 350 Tagen im Jahr unmöglich macht. An Zeitunglesen ist auch nicht zu denken. Es haut einem die Seite im Nu ins Gesicht oder ins nächste Moor. Also sitzt man halt da und trinkt. In Funktionsjacken vorm Baumarktindustrieklinkerhaus hinterm Deich. Vielleicht blättert der ein oder andere Norddeutsche manchmal in der “Deutschstunde” von Siegfried Lenz, der dort oben deshalb gemocht wird, weil er Nordeutschland so beschreibt, wie es seine Leser gerne sehen möchten: als lebenswert. Naturgemäß interessiert sich außerhalb Norddeutschlands kein Mensch für Lenz. “Geselligkeit” bedeutet für Norddeutsche, dumpf im Wind zu sitzen  und alle paar Stunden eine neue Flasche Bier zu öffnen. Es erinnert an Loriot, aber es gibt keinen doppelten Boden. Es ist die Wirklichkeit.

Selten, sehr selten, kommt es vor: Die Temperatur steigt auf 20 oder gar 21 Grad, die Sonne lugt kurz durchs Dauergrau, die Brise lässt ein wenig nach. Wie reagiert der Nordeutsche? Er ist “wegen der Hitze” ernsthaft besorgt und befürchtet Ernteausfälle beim Kohl. Er kauft einen Tischventilator und flüchtet sich hinter den Baumarktbilligindustrieklinker. Das ist eine unterbewusste Abwehrhaltung gegen das Andere, das Angenehme, das in solchen kurzen und allzukurzen Momenten durchschimmert, die Ahnung, dass das Leben schöner sein könnte als nur grau und Wind und Kohl und Mops. Aber das ist dann wohl doch zu direkt, zu konkret, zu massiv. Und wie soll man sich darüber freuen, wenn man weiß, dass spätestens morgen alles wieder beim Alten ist?

Schwüle Luft, die die Menschen in Kulturgegenden weltweit so angenehm umfängt und ihnen zeigt, dass das Leben auf eine sorglose Art ernstgenommen werden kann, gibt es in Norddeutschland nicht. Schweiß gilt hier als Krankheit. Immer nur Brise. Wärme ist verdächtig. Frieren ist gut, weil das hart macht. Ich vermute, dass dem Norddeutschen selbst seine Köpertemperatur von 37 Grand verdächtig hoch vorkommt. Würden es 17 Grad nicht auch tun?

Als eine verschärfte Form von Folter stelle ich mir eine Radtour durch Norddeutschland vor. Man ist der Natur- und Kultur- und Wetter und also Menschenkatastrophe sonnenblendenfrei und also ungeschützt ausgesetzt, den ganzen Tag lang, man hat die glanzlackierten Industrieklinkerfassaden und Funktionsjacken in einer Massivität vor sich, dass es kein Entrinnen gibt. Hin und wieder, vielleicht, steht noch eine alte Scheune zwischen den Kulturnaturkatastrophen, die mit ihren Ziegeln daran erinnert, dass selbst Norddeutsche einmal eine Ahnung davon hatten, was eine kulturelle Leistung sein könnte. Es ist lange her. Wind und kalt und grau und stumme Menschen, die hinterm Deich kauern und Fremde feindselig anstarren. Besser keine Radtour durch Norddeutschland.

Man stelle sich den Kontrast zu Süddeutschland (oder, als erweiterter Begriff: Süden) vor: Es gibt dort Gegenden, in denen wachsen Wein, Bananen, Feigen, Oliven, Datteln, Pinien, es blühen Mandelbäume, es schlängeln sich saubere Bäche durch liebliche, wettergeschützte Täler, es gibt Mischwälder mit Buchen, Seen und Meere sind grün-blau und klar, nicht grau-braun und brackig, kurzum, es existieren dort Natur- und Kultur- und also Menschenlandschaften, in denen heitere Gelassenheit sich von selbst einstellt. Und das seit zweitausend Jahren. Damals brachten die Römer den Germanen bei, wie man sich wäscht und die Fußnägel schneidet und dass man sich auch ohne Grunzlaute verständigen kann. Ein typischer Südgott ist Bacchus, der für guten Wein als Quell der Freude sorgt und überhaupt allen Genüssen zugeneigt ist. Er soll auch schon mit einem Joint in der hohlen Hand gesehen worden sein.

Ein typischer Sommertag in Süddeutschland. Im Vordergrund wachsen Wein und Südfrüchte, im Hintergrund erkennt man einen lieblichen Talkessel.

In Nordddeutschland hat dieser Zivilisationsprozess nie stattgefunden. Die einzige mir bekannte kulturelle Eigenleistung der Norddeutschen besteht darin, sich auch am Abend noch mit “Guten Morgen” zu begrüßen. Immerhin, sie reden manchmal doch miteinander. Und als wohlwollender Mensch möchte ich diese Eigenleistung ausdrücklich würdigen.

Dennoch kann ich, soll das Wohlwollen nicht in lächerlich-übertreibendes und somit dieser sachorientierten Analyse abträgliches Anhimmeln umschlagen, nur konstatieren: Der Limes hat sich in den letzten 2.000 Jahren ideell ein bisschen nach Norden verschoben, ist aber nach wie vor die gültige kulturelle Grenze.

Die Hauptsstadt Norddeutschlands und somit das Zentrum der Katastrophe, die hier naturgemäß vor allem eine kulturelle ist, heißt Hamburg. Doch auch hier betone ich das Positive: Es gibt in Hamburg ein paar angenehme Straßenzüge, in denen aus dem Süden eingewanderte Menschen wohnen. Die machen das Beste aus ihrer misslichen Lage, ihnen gebührt all mein Respekt. Es gibt dort Restaurants, in denen man Speisen bekommt jenseits von Kohl und Rollmops. Der typische Hamburger dagegen zeichnet sich dadurch aus, dass er diese kleinen Oasen ignoriert und “seine” Stadt lieber aus der Rollmops-Perspektive für die schönste der Welt hält. Und zwar völlig ironiefrei. Die meinen das Ernst. Wer einem Hamburger gegenüber behauptet, dass es vielleicht doch eine schönere Stadt auf der Welt geben könne, ist raus aus dem Geschäft.

Andererseits ist der Glaube der Hamburger an die angebliche Schönheit ihrer Stadt verständlich. Im Umkreis von mindestens 200 Kilometern (i. e. “Norddeutschland”) sieht es ja so scheiße aus, dass Hamburg unter den Einäugigen König ist. Wie gesagt, die paar Straßenzüge. Ansonsten: Eine extrem weit auseinandergezogene Großsiedlung, durch die Tag und Nacht die Brise pfeift, mit geduckten, trüben Häusern, die vor allem nicht auffallen wollen, in der auch neue Architektur in keinem Fall auch nur Mittelmaß erreicht, eine Stadt, der jeder architektonische Ansatz von Urbanität und Flair und Atmosphäre und Aufenthaltsqualität, wie man das nennt, abgeht. Die “Hafencity” setzt diese urbanistische, atmosphärische und also menschliche Katastrophe nur fort. Hamburg mag mehr Brücken haben als Venedig, aber warum drübergehen? Drüben bleibt alles, wie es hüben ist: steril, industrieklinkerig, kalt, windig, geistlos und also lebensfeindlich. Da hilft auch der Hafen nichts. Das Tor zur Welt, wie man sagt, was darauf hindeutet, dass durchaus geheime Sehnsüchte nach Flucht existieren.

Die beiden meist überschätzten Deutschen wohnen, wie soll es anders sein, auch in Hamburg. Klaus von Dohnanyi und König Helmut Schmidt I. passen perfekt in dieses kleingeistige Geldmilieu. Jedes unwillige Grunzen der beiden wird als göttliche Weisheit verkauft. “Hanseatisch” nennt man die um solche Hamburger entstandene Aura gerne.  Das Wort klingt gut, kann aber in seinem norddeutschkatastrophischen Umfeld naturgemäß keine positive Wirkung entfalten. Das, was man hanseatische Gelassenheit nennt, ist schlicht Ideen- und Sprachlosigkeit, die Gründe hierfür wurden oben genannt.

Apropos reich und geistesbeschränkt: In Hamburg findet diesbezüglich sogar Düsseldorf seinen Meister. Und das will was heißen.

Die zweite große Stadt in Norddeutschland heißt Bremen. Zu der gibt es eigentlich nicht mehr zu sagen, als dass die Einwohner dort vor allem dadurch auffallen, dass sie ihre Fahrradhelme auch in geschlossenen Räumen aufbehalten. Sicher ist sicher.

Ich möchte mich aber nicht zu einseitiger Kritik hinreißen lassen und bin überdies ein versöhnlicher Mensch. Deshalb noch etwas Positives. Ich gebe dem Claim der norddeutschen Institution vorbehaltlos recht: Der NDR ist das Beste am Norden. Es ist ja alles relativ.

Einen Trost für Norddeutsche immerhin gibt es: die Klimakatastrophe, die hier keine Katastrophe ist, sondern die reale Chance, sich aus der Kulturnaturkatastrophe zu befreien. Bei einer Erwärmung von fünf oder, besser noch, zehn Grad (vielleicht lässt dann auch die Brise nach) ließe sich ein kultureller wie natürlicher Wandel herbeiführen – einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren und die freundliche Anleitung des Südens vorausgesetzt. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich an diese Perspektive glaube, aber jeder hat eine Chance verdient. Auch Norddeutschland.

Und ein kleiner Trost für sofort: In Dänemark, so habe ich mir sagen lassen, soll es noch schlimmer sein. Man erwarte nun nicht, dass ich da hinfahre und das nachprüfe. In den schönsten Wochen des Jahres.

Vielleicht sind, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, Urlauber aus dem Süden in Norddeutschland Katastrophentouristen: Sie fahren da hoch, um sich am Unglück anderer zu weiden, einen extremen Einblick in Kultur- und Natur- und also Lebenshässlichkeit zu bekommen und sich so zu bestätigen, wie gut sie es haben. Das ist natürlich zu kritisieren. Katastrophentourismus ist moralisch nicht in Ordnung, ob in Norddeutschland oder in Somalia. Andererseits: Katastrophen ziehen an, Menschen schauen hin.

Sonst wäre auch dieser Artikel nicht entstanden.

Ein typischer Sommertag in Deutschand: Im Süden und Osten warm, in Norddeutschland kalt. Dazu Regen und Brise.

(Fotos: genova 2011)

Schnell zwei Fotos zu Detailfragen

Zwei Fotos zu den Themen Vorgartenbegrünung, Barrierenästhetik, Pergolamaterialität und die Beziehung zwischen Fassaden- und Gartentorfarbe:

(Fotos: genova 2011)

Eigentlich musste ich nur mal

Frauen habe es hier gut, sie dürfen eine Treppe benutzen, während Männer sich direkt nach unten stürzen müssen (bitte nicht nach oben stürzen). Wenn einen Flammen verfolgen, darf man es sich aussuchen, ob man stürzt oder die Treppe benutzt. Nur schnell muss es gehen.

Wer dringend muss, könnte dieses Schild auch als “Deutschland-Toilette” interpretieren und geschlechtsunabhängig reingehen, sofern er Deutscher ist. Oder Deutschland.

Toilette, Version Guttenberg:

(Fotos: genova 2011)