Archiv der Kategorie: Religionen

Matthias Matussek: nervt, rechts, nazi, scheiße

Wenn ich wissen will, ob der Superkatholik, (Ex)-PI-Freund und Spiegel-Journalist Matthias Matussek in den Medien wieder einmal bleibenden Eindruck hinterlassen hat, schaue ich nicht TV, sondern mir die Suchbegriffe an, mit denen Exportabel-Artikel gefunden werden. Nach einem durchschnittlichen Matussek-Auftritt in einer Talkshow im TV sieht das in den Original-Suchanfragen via google so aus (Beispiel 16. Mai 2012):

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matthias matussek polnisch
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Keine Ahnung, was Matussek aktuell vom Stapel gelassen hat: Die erwähnten Assoziationen habe nicht nur ich.

Die neue Dreifaltigkeit

Dieses Foto hier, auf das mich dankenswerterweise Yunus hingewiesen hat, möchte ich aus ikonographischen Gründen nicht unkommentiert lassen. Es ist ein echter Glücksfall, wann bekommt man sowas schon mal geboten?


Die Protagonisten sind die Dame ganz in schwarz namens Fatima Özoguz (ehem. Elke Schmidt), eine biodeutsche Islam-Konvertitin und bekennender Fan der Islamischen Republik Iran (daneben ihr Mann Yavuz), im Vordergrund Herr Ahmadinedschad und ganz rechts steht der ehemalige Antideutsche und jetzige Volksfront-Aktivist Jürgen Elsässer. Die anderen Abgebildeten sind Statisten. Das Foto wurde vor ein paar Tagen im Präsidentenpalast geknipst, die Damen und Herren waren unterwegs auf Friedensmission in Teheran.

Ganz wunderbar sind die Köperhaltung und der Gesichtsausdruck Fatimas: statuenhaft. Unbedarfte Beobachter könnten sie für eine Figur aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett halten und bemängeln, dass der Wachsfigurenformer eine recht schematische Figur geschaffen habe, der man gleich ansehe, dass sie nicht lebendig ist. Doch genau das macht den Reiz des Bildes aus und lässt Fatima alle Blicke des Betrachters auf sich ziehen. Gerade diese Demutshaltung mit dem niedergeschlagenen Blick, dem schmalen Gesicht, den hervortretenden Wangenknochen und der Hand am Herzen zeigen ihre Ergriffenheit in einem ganz besonderen Augenblick. Eine Ergriffenheit, die an mittelalterliche Marienstatuen erinnert.

Ahmadinedschad ist, folgt man der gewohnten Bildanalytik, derjenige, dem die Bewunderung gilt und der den höchsten Rang unter den Abgebildeten genießt. Er steht außerhalb der Reihe, er kann es sich offenbar leisten. Doch seine in Form betender Hände dargebrachte Huldigung hat ob des vermutet – oder doch andeutungsweise erkennbar – verschmitzten Blicks etwas Künstliches, vielleicht sogar Verlogenes, zumindest Berechnendes. Wenn Fatima die Maria darstellt, dann ist Ahmadinedschad Jesus, und zwar der, der gerade auferstanden ist von den Toten und nun kurz vor der Himmelfahrt steht. Er erweist seiner Mutter das letzte Mal die Ehre, ist aber schon sichtlich ernüchtert oder vielmehr desillusioniert ob der Tortur nach Stunden am Kreuz, drei Tagen im Grab und dem scheinhaften Dasein in den 40 Tagen danach. Und Mama hat ihm nicht geholfen.

Möglich wäre allerdings auch, dass Yavuz Özoguz den Jesus spielt und deshalb so beglückt lächelt, weil er neben der Statue seiner Mutter stehen darf. Ahmadinedschad stellt dann den Judas dar. Diese Frage kann derzeit nicht abschließend beantwortet werden und harrt der weiteren ikonographischen Forschung.

Der coole Elsässer jedenfalls betrachtet die Szene mit Sicherheitsabstand, hat einen Arm aber schon zur Tat angewinkelt und die Mutter Gottes präzise im Blick. Ob er sie sich weiter nutzbar machen kann für seinen Traum von der Volksfront gegen das Kapital mit ihm als Führer? Auch wenn Occupy nicht angebissen hat und der verrückte Oliver Janich ihm bestimmt auf den Senkel geht: Mit den Moslems läuft es wie am Schnürchen. Sein Heiliger Geist behält den Überblick und hat taktisch alles im Griff.

Je länger ich das Bild betrachte, desto sicherer werde ich mir, dass die Maria tatsächlich eine mittelalterliche Holzstatue ist, die sie da in den Präsidentenpalast gestellt haben; angesichts des fein gearbeiteten Gesichts vermutlich eine vom Naumburger Meister. Sie ist die einzige des Dreifaltigkeitsclans plus Judas, die es ernst meint.

Und Elsässer hat sie reingeschmuggelt.

P.S.: Einen Protagonisten habe ich vergessen. Ganz hinten an der Wand, da hängt Gott/Allah/Häuptling/Mr.Riesenpimmel/Superhirn/BigBang/Cheffe/20cm/derBossvomGanzen/etc. Die Qualität seines Blicks ist auf die Entfernung nicht zu beurteilen.

(Foto: Webseite des Präsidenten der Islamischen Republik Iran, dort gibt es noch mehr Fotos vom Event)

Iran: “…trotzdem entspannt und glücklich”

Der deutsch-iranische Schauspieler Mathias Kopetzki hat erst im Alter von 20 Jahren erfahren, dass sein Vater Iraner ist. Mit Mitte 30 reiste er zum ersten Mal in den Iran. Sein Versuch einer Einschätzung eines Landes und einer Kultur, die einem fremd ist, ist lesenswert, denn es geht hier darum, dass man nur um den Preis der teilweisen Aufgabe der eigenen Perspektive die Möglichkeit des Verstehens bekommt:

“Ich habe dort gesehen, wie Menschen Lebensweisen präferieren, die ich wohl niemals leben könnte, und wie sie trotzdem entspannt und glücklich dabei wirken. Ich denke da an die übermächtige Präsenz des Glaubens, die offensichtlichen Restriktionen.

Aber trotzdem habe ich als Westler nicht den Eindruck, dass die Leute sich nicht offen in die Augen schauen können oder paranoide Ängste voreinander entwickeln – wie ich das hierzulande, in unserer ach so freien Gesellschaft täglich erlebe.”

“Das Interesse an unserem “Lifestyle” ist deutlich größer. Dort bin ich in meiner Verwandtschaft zum Beispiel allein deshalb ein Held, weil ich als Schauspieler bei einem wahren Straßenfeger mitgespielt habe: “Alarm für Cobra 11″, ein seit vielen Jahren vom Staatsfernsehen importiertes deutsches Produkt, das hier vermutlich westliche Sehnsüchte weckt und trotzdem mit dem staatlichen Moralkodex vereinbar scheint: Auge um Auge, Zahn um Zahn.”

Jeder Satz ist wahr. Für uns restriktive Lebensweisen können eine glückliche Entspanntheit bewirken, die sich an den Gesichtern ablesen lässt; einen Eindruck, den ich auch schon in Kairo gewann – ohne genau zu wissen, ob der Eindruck stimmt. Der Besucher bleibt mit diesem Eindruck vielleicht ratlos zurück, hat er doch das Bild der von religiösen Sittenwächtern unterdrückten Gesellschaften vor Auge. Das mag auch so sein, aber es ist nicht das ganze Bild.

Dieses ganze Bild kann man eh nicht erfassen, aber Bruchstücke daraus lassen sich nur ohne Vorurteile gewinnen. Es fällt auch bei der aktuellen Berichterstattung über Ägypten auf: Mit gängigen westlichen Erklärungsmustern kommt man da nicht weiter und muss es auch nicht. Diese gängigen Muster fabulieren sowieso in der Regel vom Endsieg des westlichen Demokratiemodells, das aber massenhaft diesen nicht offenen Blick und paranoide Ängste produziert.

Richtig peinlich wird es, wenn ausgerechnet eine derart primitive TV-Produktion wie “Alarm für Cobra 11″ in fremde Länder exportiert wird. Ein vorsintflutlicher Kodex, eben das “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, ist in Deutschland mit der ach so aufgeklärten, toleranten und fortschrittlichen Gesellschaft seit Jahren ein Quotenhit. Schlimmer noch: Eine dramturgisch, schauspielerisch und plotmäßig grauenhafte Unterhaltungsserie mit faschistischen Herrenmenschentendenzen, die den Zustand dieser Gesellschaft vielleicht besser spiegelt als vieles andere. Ein Krimiformat, das in jeder Hinsicht eine einzige und absolute und im TV-Segment nicht überbietbare Katastrophe darstellt. (Ich habe eine Folge dieser Serie vor Jahren mal versehentlich angeschaut.) Dass die Iraner das offenbar gerne sehen, hängt wohl auch mit den tollen deutschen Autos zusammen, die da umherfahren und manchmal explodieren und überhaupt mit dem westlichen Lifestyle, der aber in seiner Plattheit und Geistlosigkeit dann doch nur oberflächlich akzeptiert werden kann.

Entspannt und glücklich trotz “Alarm für Cobra 11″:  Wie das geht, ist die eigentlich interessante Frage, auf die eine interessante Antwort erwartet werden kann.

Schon die Architektur ist uns Europäern fremd: Das Außenministerium in Teheran:


(Foto: genova 2011)

Randnotiz zum Thema “Christentum und Moderne”

(Foto: genova 2005)

Immer wieder Kälteströme – bis auf sonntags

Notiz aus der Provinz: Der Chefredakteur der Ludwigshafener Tageszeitung Rheinpfalz, Michael Garthe, hat sich in einem Leitartikel zu Pfingsten gewünscht, dass die Kirche wieder “in die Mitte unserer Gesellschaft rücken” soll. Warum?

“Kirche ist doch notwendiger Kontrapunkt zu unserem materiellen Lebensstil, zu unserer durchrationalisierten Arbeitswelt, zu Egozentrik und schneller Bedürfnisbefriedigung … Nie ist die Zeit so rastlos und hektisch gewesen wie heute.”

Und:

“Der Sonntag als Tag des Gottesdienstes, des Rastens und der Muße, als Tag für Familie und Freunde ist heute notwendiger denn je … Kirche kann die Kälteströme globaler Wirtschaft, Wissenschaft und Technik mit den Wärmeströmen der Zuwendung und Zuneigung, der Liebe und der Gemeinsamkeit des Glaubens durchmischen.”

(online nicht verfügbar)

Kurzversion: Das Diesseits ist ein Jammertal, da hilft nur noch die Konzentration aufs Paradies.

Wer ist dieser Garthe? Den Chefredakteursposten hat er seit 16 Jahren inne, außerdem ist er Fellow des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP). Das CAP ist ein Ableger der Bertelsmann-Stiftung, zu der schon genug geschrieben wurde. Garthe ist sozusagen ganz offiziell ein publizistischer Propagandist des Neoliberalismus.

So geht das: Erst sorgen die irdischen Vertreter des Neoliberalismus für eine Politik der Ausgrenzung und der realen Kälteströme, dann postulieren dieselben Gestalten die Hinwendung zur Kirche, um ebendiese Kälteströme so zu “durchmischen”, auf dass die Durchschnittstemperatur gerade noch erträglich ist, so eine Art umgekehrte Oase. Dass Politik dafür sorgen müsste, aus den Kälte-strömen Wärmeströme im Hier und Jetzt zu machen, ist zwar ein naheliegender Gedanke, dessen Ausführung aber von neoliberalen Apologeten unter allen Umständen verhindert werden muss. Dann doch lieber die Kirche als transzendente Retterin präsentieren, natürlich nur, solange die der herrschenden Klasse verbunden bleibt. Bezeichnend auch, dass Garthe in seinem Leitartikel zustimmend Udo di Fabio zitiert, der seit Jahren versucht, die Reaktion in der gesellschaftlichen Entwicklung (ja zur Familie, nein zur Homoehe) mit einem Manchesterkapitalismus zusammenzubringen.

Natürlich ist das, was Garthe da verkauft, eine Beruhigungspille mit Verdum-mungsfunktion, und genau das soll es auch sein. Wahrscheinlich funktioniert es: Garthe schreibt gegen schätzungsweise 95 Prozent seiner Leser an und hält sich dennoch seit 16 Jahren an der Spitze der Zeitung. Daran sieht man, wie eingespielt das System ist,  die Politik der herrschenden Klasse als die des kleinen Mannes darzustellen.

Apropos Kirche und Neoliberalismus: Naomi Klein berichtet in ihrer “Schockstrategie”, dass die Chefstrategen der neoliberalen Bewegung um Milton Friedman bei ihrem Versuch, in Chile Fuß zu fassen, von der dortigen Katholischen Universität bereitwillig unterstützt wurden. Die Uni-Leitung hat sogar extra eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät gegründet, fast komplett beherrscht von Friedmans Chicago Boys. Die sorgten dann einträchtig mit dem Diktator Pinochet dafür, dass die chilenische Gesellschaft ab September 1973 in die Freiheit gefoltert wurde.

Meint Garthe diesen Typus Kirche?

Eigentlich kein Wunder: Neoliberalismus und weite Teile des Katholizismus sind seit Beginn ihrer Existenz damit beschäftigt, Emanzipation zu verdrängen und Sozialdarwinismus in Szene zu setzen – und zwar immer mit einem tröstenden Gegenpart. Während die Neoliberalen die freien Märkte propagieren, die irgendwann ertragreich für alle sein sollen, zeigt uns die Kirche, wo das immaterielle Glück zu finden ist – eben auch im Irgendwann und bis dahin immer wieder sonntags.

In der Gegenwart reicht es also, perfide Tipps zu geben. Die Rheinpfalz ist keine Ausnahme, die meisten Regional- und Lokalzeitungen ticken so. So gesehen ist das Zeitungssterben keine Tragödie. Ganz im Gegenteil.

(Foto: genova 2008)

“Zionisten sind Rassisten”

…behaupten pikanterweise manche Juden, und zwar die ultraorthodoxen, die in dem Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim (Bild 1) wohnen. Sie sind gegen den Staat Israel, weil der nur vom Messias gegründet werden darf, nicht von gewöhnlichen Sterblichen. Die Ultraorthodoxen aus Mea Shearim haben auch etwas gegen die archäologischen Ausgrabungen, die israelische Behörden seit der Staatsgründung intensiviert haben, um vermutete israelitische Siedlungsstellen, gerne dreitausend Jahre alt, zutage zu fördern und so eine gewisse historische Begründung ihres Staates herzuleiten. Die Tora lügt nicht, sagen die Ultraorthodoxen, da braucht man nicht buddeln, um irgendwas zu finden, was sowieso da ist.

Die Vorfahren dieser Ultraorthodoxen sind in den 1870er Jahren aus Osteuropa eingewandert und haben Mea Shearim gegründet. Sie waren arm und ihre Nachfahren sind arm und haben sich allesamt um einen israelischen Staat nie gekümmert.

Man könnte meinen, die Hauptfeinde der Ultraorthodoxen sind die Zionisten. Sie sind nicht nur Rassisten, sondern auch Verursacher eines weiteren Holocaust an den Juden und selbst gar keine:

Mit den Palästinensern scheinen die Mea-Shearim-Leute insofern gut klarzukommen, als dass es keinerlei Berührungspunkte gibt: Man verlässt einfach sein Viertel nicht (und verbietet anderen den Zutritt). Imperialistisch kann man diese Auslegung von Religion nicht nennen. Man wartet einfach auf den Messias, der wird es schon richten. Eigentlich nicht das schlechteste Verhalten in einer Stadt, in der, keine fünf Kilometer weiter östlich, eine Politik der Landnahme immer weitere Teile der Westbank als israelisches Staatsgebiet faktisch festschreibt.

Die strikte Trennung von Juden und Zionisten geht zusammen mit dieser Buchreihe, gefunden in einem linken Buchladen in Jerusalem:

Dass Juden sich gegenseitig die Schuld an einem weiteren Holocaust vorwerfen, war mir neu. Die Welt ist nicht einfach im Nahen Osten.

(Fotos: genova, 2010)

NRW: vornehmstes Bildungsziel ist “Ehrfurcht vor Gott”

Man könnte meinen, Staat und Kirche seien in Deutschland getrennt. In Nordrhein-Westfalen zumindest ist das nicht so. Dort lernen die Schüler rechnen und schreiben und lesen auf einer ganz besonderen Grundlage. In Artikel 7 der Landesverfassung heißt es:

(1) Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.

Ehrfurcht wird von Wikipedia als Begriff “für eine mit Verehrung einhergehende Furcht” definiert. Der Brockhaus von 1896 meint, Ehrfurcht sei

der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst, sei es eine Person oder eine geistige Macht, wie Vaterland, Wissenschaft, Kirche, Staat, Menschheit, Gottheit.

Nun wurde die NRW-Landesverfassung 1950 beschlossen, da sprach man generell etwas pathetischer (wobei Achtung vor der Menschenwürde und Bereitschaft zum sozialen Handeln Erziehungsziele sind, die man nicht besser formulieren kann). Dennoch darf man fragen, ob es zeitgemäß ist, Schülern – zumindest absichtsweise – Ehrfurcht vor irgendetwas beizubringen, zumal vor Gott, und das noch als eines der wichtigsten Ziele. Schule sollte weder Furcht noch Ehrfurcht vermitteln, sondern Wissen, soziales Handeln und Respekt vor Differentem. Davon abgesehen sind schätzungsweise die Hälfte aller Schüler nicht einmal mehr christlichen Glaubens. Wenn schon, dann sollte man den Artikel 7 um Allah, Buddha, den Dalai Lama und Tom Cruise ergänzen.

Die Trennung von Staat und Kirche hat in Deutschland nie stattgefunden, das sieht man bei der Kirchensteuer, den Rundfunkräten, den kirchlichen Krankenhäusern, dem Religionsunterricht und der NRW-Landesverfassung.

Die Linkspartei in NRW will den Ehrfurcht-Passus übrigens aus der Verfassung streichen. Aber die sind ja eh radikal.

Nicht zielgerichtete Protestanten

Hacker haben in den USA 130 Millionen Kreditkarten gehackt. Das sollen “rund zehn Prozent aller in Amerika ausgegebenen Kreditkarten” sein. Kann das sein? 300 Millionen Amerikaner besitzen also 1,3 Milliarden Kreditkarten. Die Amis sind irgendwie immer noch vorn.

Gedanke: Im Mittelalter haben die Leute mehr oder weniger hart gearbeitet (da gehen die Meinungen auseinander) und haben den Lohn (via Tauschgeschäft, materiell oder immateriell) direkt verbraucht. Gespart wurde nicht, höchstens bis über den nächsen Winter. Dann kam die protestantische Ethik und der Kapitalismus: Die Leute arbeiteten effizienter und härter, sparten quasi automatisch. “Nicht zielgerichtetes Sparen” nennen das die Schwaben. Im Kapitalismus sorgten sie so für Akkumulation von Kapital, das dann investiert werden konnte. Nicht zielgerichtet war das Sparen also nur, was die fehlende Phantasie des Sparers anging, der sich ja gar nichts anschaffen wollte, weil er so protestantisch-bescheiden war. Das System hat die Richtung vorgegeben (und der Protestant mal wieder nichts gechekt).

Und dann kamen die 1980er Jahre und der instrumentalisierte Hedonismus und das Verprassen und Shoppen als Lebenszweck – eine vom Kapital natürlich freudig unterstützte, wenn nicht gar vorgegebene Ideologie, denn sie brauchten das Geld des Protestanten nicht mehr als Investitionsgrundlage, sie brauchten das Geld jetzt als Kaufkraft. Nicht zielgerichtetes Geldausgeben, der Vorgang des Einkaufens als “Lebensgefühl” war das wichtige, der Weg das Ziel. Die Amerikaner haben es halt ein wenig übertrieben und sitzen jetzt auf mehr als 900 Milliarden Dollar Kreditkartenschulden.

Die eigentlichen Verlierer dieser Entwicklung sind also die armen Protestanten, die entweder, gegen alle Überzeugung, beim Exzessivshoppen mitgemacht haben oder als belächelte Minderheit abseits standen. Vielleicht werden sie deshalb so langsam radikal.

Ob die Bible-belt-Fundis auch so viele Kreditkarten haben?

“Keine Entspannung dulden”

Zufällig mal wieder darauf gestoßen: Adorno und Horkheimer schreiben 1943 im Kapitel “Elemente des Antisemitismus” der “Dialektik der Aufklärung”:

“Wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt. Es gibt keinen genuinen Antisemitismus … Die Gefolgschaft aber, die weder ökonomisch noch sexuell auf ihre Kosten kommt, hasst ohne Ende; sie will keine Entspannung dulden, weil sie keine Erfüllung kennt.” (DA, Ausgabe im Fischer-Taschenbuch-Verlag von 1969, S. 154)

Adorno hätte heute Muslime angefügt, das ist aber auch der einzige Unterschied. Ansatzweise vertritt diese These heute Wolfgang Benz (Zentrum für Antisemitismusforschung), der Antisemitismus und Islamophobie vergleicht (nicht gleichsetzt). Natürlich kommt dann schnell jemand mit der Nazikeule – Broder darf da nicht fehlen. Passend dazu las ich kürzlich in irgendeinem  Forum, dass Broder mit den Islamhassern genau die Leute unterstützt, die danach auch ihn um die Ecke bringen wollen. Vielleicht ist das ja Todessehnsucht oder der Wunsch, zu den Starken zu gehören.

“Die Gefolgschaft will keine Entspannung dulden, weil sie keine Erfüllung kennt” – präziser kann man es nicht ausdrücken. Und schon wären wir mitten drin in einer systemischen Debatte mit allem drum und dran. Keine Zeit, schönen Tag.

AdornoHorkheimer Horkheimer und Adorno, rechts hinten der junge Habermas.

Neue Hauptstadt der Bewegung

Die rechtsradikale (oder rechtsextreme oder rechtspopulistische) Kölner Partei “Pro Köln” hat vergangenes Wochenende in – na, wo wohl? – einen “Anti-Islamisierungskongress” veranstaltet. Erwartet haben die Veranstalter 2.000 Teilnehmer, gekommen sind 200. Dazu kommt, dass der “Kongress” keiner war. Alles, was diese Hampelmänner an drei Tagen zustandebrachten, waren fünf Mini-Kundgebungen, sonst nichts. Ein besseres Familientreffen also. Dennoch war die Veranstaltung Thema in allen deutschen Medien, sogar in der Tagesschau.

So muss man “Pro Köln” attestieren, dass sie aufmerksamkeitsökonomisch einen großen Erfolg errungen haben. Es haben zwar alle relevanten Medien negativ über das Grüppchen berichtet, aber das dürfte mögliche Interessenten nicht nachhaltig schrecken. Deshalb ist mir nicht ganz klar, wieso jetzt alle behaupten, “Pro Köln” habe eine veheerende Niederlage erlitten. Sicher, 200 Teilnehmer sind nichts, aber was heutzutage zählt, ist, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu bekommen. 200 Menschen auf einen Platz zu stellen und dann in die Tagesschau zu kommen: Weniger ist offenbar mehr.

Dass “Pro Köln” jetzt bekannter ist, liegt also nicht an ihnen selbst, sondern an ihren Gegnern, denn die haben massiv mobilisiert, ohne strategisch zu denken. Natürlich: Sämtliche Redebeiträge der Rechten waren fremdenfeindlich, in Teilen volksverhetzend, Aufstachelung zum Rassenhass und mehr. Es gibt also gute Gründe, gegen diese Leute zu demonstrieren und aufzuklären, und das ist am Samstag in Köln bei einer Veranstaltung in der Stadtmitte mit mehreren tausend Teilnehmern ja auch geschehen. Direkte Konfrontation aber ist meiner Meinung kontraproduktiv. Niemand wird überzeugt, geschürt wird der Hass. Und damit kennen sich die Pro-Kölner aus: sie hassen Muslime, Linke, vor allem wohl sich selbst.

Und das ist der zweite Punkt: “Pro Köln” spricht Leute an, die Feindbilder brauchen, damit es ihnen selbst besser geht. (Damit ähneln sie dem Hassblog “Politically Incorrect”, der bezeichnenderweise “Pro Köln” massiv unterstützt.) Wer das Feindbild ist, ist wurscht. Derzeit sind es eben Muslime. Ohne Feindbilder zerfallen solche Gruppierungen schnell. Wenn sich nun in Köln am Veranstaltungsort mehrere tausend Pro-Köln-Gegner versammeln und laut gegen die Kundgebung opponieren, tun sie Pro Köln einen Gefallen. Wären die Gegendemonstranten nicht in Sichtweite, wäre zumindest ein Feindbild momentan schlechter verfügbar.

Das wird deutlich, wenn man sich die Redebeiträge der Rechtsradikalen-Kundgebung anschaut (z.B. via youtube.com). Kaum einer kommt aus, ohne das Feindbild “Gegendemonstranten” zu bedienen. Von “Kommunisten und Anarchisten” ist die Rede, von “Terror von links”, von “Meute”, von “Terroristen der Zukunft” und “dreckigen Demonstranten”, die sich waschen sollen. Eine Italienerin dankt der “Antifa” sogar für deren Anwesenheit – so wisse man wenigstens, wogegen man sei. Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe das Gefühl: Weniger direkte Konfrontation wäre eher eine Schwächung von “Pro Köln” als das Gegenteil.

Viel effektiver, neben Aufklärung: Der Barmer Platz, wo die Hauptkundgebung von “Pro Köln” stattfand, ist riesig. Bilder von oben, auf denen man gesehen hätte, wie sich das Häuflein Rassisten (und sonst niemand) auf der großen Asphaltfläche verliert, wären effektiver gewesen als jede direkte Gegendemo.

“Köln ist heute die Hauptstadt der europäischen Widerstandsbewegung gegen die Islamisierung Europas”, sagte ein Sprecher auf der Kundgebung. Eine Hauptstadt mit 200 beschränkten Einwohnern, die nun in aller Munde sind.

Dumm wäre es allerdings, wenn da plötzlich doch 2.000 stünden. Oder noch viel mehr.