Archiv der Kategorie: Rechtsaußen

Matthias Matussek: nervt, rechts, nazi, scheiße

Wenn ich wissen will, ob der Superkatholik, (Ex)-PI-Freund und Spiegel-Journalist Matthias Matussek in den Medien wieder einmal bleibenden Eindruck hinterlassen hat, schaue ich nicht TV, sondern mir die Suchbegriffe an, mit denen Exportabel-Artikel gefunden werden. Nach einem durchschnittlichen Matussek-Auftritt in einer Talkshow im TV sieht das in den Original-Suchanfragen via google so aus (Beispiel 16. Mai 2012):

matthias matussek nazi
matthias matussek nervt
matthias matussek rechts
scheiß matussek
matussek matthias nazi
matthias matussek npd
matthias matussek polnisch
matyssek, spiegel, radikal
matussek verbindung
matussek brandstifter

Keine Ahnung, was Matussek aktuell vom Stapel gelassen hat: Die erwähnten Assoziationen habe nicht nur ich.

Ich bitte um Gnade für Günter Grass

Zu der aktuellen Grass-Geschichte nur die Randnotiz, dass Grass mittlerweile viellleicht einfach senil ist. Das sollte man dem Mann nachsehen, das passiert halt. Denn Grass hat schon vor vier Jahren dummes Zeug geplappert in einer Qualität, die man rein intellektuell nicht mehr zu fassen vermochte und vermag.

Grass äußerte sich 2008 in der Zeit zu seiner Lieblingspartei SPD und meinte, der “demokratische Sozialismus” habe sich

„immer wieder erneuern müssen. Ihn prägt kein Dogma. Der Weg ist ihm Ziel. Ständig bedarf er der Revision. Demokratische Sozialisten sind gelernte Revisionisten. Weshalb die Agenda 2010 und in ihr Hartz IV, weil von Menschenhand geschaffen und deshalb fehlerhaft, auf Revision angewiesen sind. Nur dank dieser Fähigkeit konnte der demokratische Sozialismus Verbot und Verfolgung überleben.

Wer also 2008 Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Peer Steinbrück und die anderen Kameraden als “demokratische Sozialisten” bezeichnete, die mit der Agenda 2010 doch bloß den Sozialimus erneuern wollten (und im gleichen Atemzug in der Zeit der Linkspartei das Etikett des demokratischen Sozialismus abspricht): Wie soll so einer vier Jahre später etwas Angemessenes zu einem weitaus komplizierteren Phänomen sagen? Noch dazu, wo der alte SS-ler da noch tiefer drinhängt als der alte Sozialdemokrat?

Die Welt ist kompliziert. Man möge seiner Seele gnädig sein.

(Hervorhebung und Foto von genova, 2012)

Grass im Original:

Was gesagt werden muss

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

(2) Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar, aber – weil keiner Prüfung zugänglich – außer Kontrolle  ist? Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

(3) Jetzt aber sage ich, was gesagt werden muß, weil aus meinem Land – das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird – ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll (wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert), dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will.

(4) Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten. Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

(5) Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben, und letztlich auch uns zu helfen.

Wenn Nazis Gas geben

Aus einem Artikel des rechtsradikalen Internetblogs pi-news über einen Bericht, der sich mit den neonazistischen Hintergründen einiger PI-Mitstreiter beschäftigt:

“Wir kreuzbraven Islamkritiker aus der Mitte der Gesellschaft von BPE und der FREIHEIT kennen diese linksradikalen Diffamierungskampagnen zur Genüge. Sie prallen mittlerweile von uns ab wie Regentropfen von der Windschutzscheibe eines immer schneller fahrenden Autos.

Was passiert mit einem Auto, das bei Regen immer schneller fährt? Genau. Diese Leute fahren nicht nur schneller, als die Polizei erlaubt, sie tappen auch immer wieder in die selbstgestellte Falle. Denn letztlich ist dieses merkwürdige Bild gar nicht so falsch. Pi und Co. hoffen unterbewusst auf das große gesellschaftliche Aquaplaning. Hauptsache, es passiert was. Schuld sind dann eh wieder die linksgrünversifften Moslems.

Aber nehmen wir die Jungs einfach wörtlich: Der Pi-Artikel handelt im Weiteren von einer Fahrt dieser Hanseln zu einer rechtsradikalen Kundgebung nach Dänemark. Heute.

Soll es heute nicht Regen geben? :-)

Danke, Hans Stimmann: “Der Sarrazin der Architektur”

So sieht es mittlerweile an vielen Ecken Berlins aus. Eine vorgetäuschte Solidität, die durch bemerkenswert tolerante Spaltmaße selbst den harmlosesten Touristen nicht mehr täuschen kann. Wichtig auch, dass Granitplatten immer poliert sind, das wirkt offenbar hochwertig.

Mittlerweile, weil man an solchen Ecken das Ergebnis der Tätigkeit des ehemaligen Berliner Senatsbaudirektors Hans Stimmann ablesen kann. Also des Menschen, der wesentlich im Berlin der 1990er Jahre (sein Einfluss dauert bis heute an) das durchsetzte, was man gerne “kritische Rekonstruktion” nennt, wo man sich aber fragt, was denn an den gebauten Schachteln kritisch sein soll. Stimmann selbst redete ja gerne von den “Fundamenten der europäischen Stadt”, an denen er sich orientiere. Seine Fundamente dienen nun dazu, Kippen unauffällig verschwinden zu lassen. Die vielleicht ehrlichste Handlung, die man an solch einem Stimmann-Bau vollbringen kann.

Eine schöne Fünf-Minuten-Übersicht über die Auswirkungen der Stimmannschen Regression findet sich hier.

Aus dem Video:

“Dank Stimmans ästhetischem Frackzwang und diffuser Altstadtheileweltsehnsucht ergibt das neue Zentrum Berlins ein kleinbürgerliches, banales, altmodisches, reaktionäres, unrealistisches, provinzielles und vor allem dilettantisches Bild der Stadt…

Im Namen von Geschichte verleugnete Hans Stimmann die Geschichte Berlins. Er radierte ihre Spuren aus, vernichtete die besondere Qualität der Stadt und das Essentielle ihrer Identität.”

Es ist ja nicht nur der Palast der Republik, der weg musste, damit da jetzt ein großes Stück Rasen prangt, es ist auch das Außenministerium der DDR, gleich nebenan, das man eliminierte auf einem Grundstück, das heute ebenfalls immer noch leer ist. Vom zerstörten Ahornblatt, einer wahrhaften baukulturellen Katastrophe,  ganz zu schweigen.

Das slab magazine hat sich kürzlich dankenswerterweise mit den Realitäten der Stimmannschen Ideologie in Text und Bild auseinandergesetzt. Solche Schäden wären verzeihlich, wenn man mit neuen Materialien experimentiert hätte, mit neuen Verarbeitungstechniken oder Anstrichen und im praktischen Langzeitversuch entdeckt man Unzulänglichkeiten. Also das, was  Architekten der 1960er gerne vorgeworfen wird. Es geht hier aber nicht um Avantgarde, sondern um Regression, und weil auch die möglichst billig sein muss, sieht das dann so aus. Selten wird die Kluft zwischen Anspruch und Realität offensichtlicher als in der aktuellen Architektur in Berlin.

Der Architekt Arno Brandlhuber in der Welt:

“Es gibt oder gab bisher nur eine einzige Bildregie, die ganz klar kodiert und stark reglementiert war und die sich eine rückwärtsgewandte, steinerne Oberfläche zueigen gemacht hat. Gleichzeitig wurde jahrelang der Siedlungsbau der zwanziger Jahre, das architektonische Weltkulturerbe von Berlin, als sozialistisch abgelehnt und der bedeutende Architekt und Stadtbaumeister Hans Scharoun diskreditiert. Stimmann mag mit seiner Bildpolitik vielleicht das Schlimmste verhindert haben, wie er glaubt. Aber es ist eben auch nichts Gutes entstanden. Es ist völlig lächerlich, dass Berlin als eine der kulturell anregendsten Metropolen der Welt nicht in der Lage ist, gute Architektur zu produzieren. Und das wird weltweit so eingeschätzt.” (Hervorhebung von mir)

Man kann diesen Ansatz in Berlin ruhig allgemeiner fassen: Es existiert eine spürbare Diskrepanz zwischen dem Ruf Berlins als trendiger, kreativer, progressiver, quirliger Weltstadt einerseits und der hier herrschenden Politik und den hier herrschenden Eliten andererseits. Das, was das Nette, das Differente, das Widerständige, das Interessante an Berlin ausmacht, wird von außen, von Eingewanderten produziert. Die in Berlin Geborenen kann man eh vergessen, die lokale Politik noch mehr. Zu dem alten Westberliner Filz, der solch in der Tat herausragende Persönlichkeiten wie Heinrich Lummer und Klaus-Rüdiger Landowsky hervorgebracht hat, kamen dann Politiker wie Stimmann oder Klaus Wowereit, der bundesweit vor allem deshalb als progressiv gilt, weil er schwul ist.

Wohl überflüssig zu erwähnen, dass Stimmann Mitglied der SPD ist.

(Foto: genova 2011)

Über ungeklärte Identitäten und Flüchtlingsblut

Die Blut-und-Boden-Logik ist in Deutschland wohl nicht erst seit 1871 en vogue und nach wie vor ist dieses Land in seinen Rahmenbedingungen völkisch-nationalistisch.

Übertrieben? Was ist dann von folgendem Fall zu halten, der gestern im WDR-Fernsehen gezeigt wurde: Ein Zwanzigjähriger ist in Essen geboren, hat immer dort gelebt, wird von den Behörden aber als “geduldeter Flüchtling mit ungeklärter Identität” kategorisiert. Grund: Sein Vater flüchtete in den 1980er Jahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon und verheimlichte seine “türkischen Wurzeln”, um hierbleiben zu dürfen. Nach der Logik der Behörden fließt in den Adern des Vaters offenbar Flüchtlingsblut, das er seinem Sohn qua Zeugung weitergibt.

Wir haben also einen Menschen, den man faktisch als Uressener bzeichnen kann, dessen “Identität” aber “ungeklärt” ist. Das behauptet nicht etwa die NPD, sondern die Essener Ausländerbehörde. Kann man sowas staatlich garantierten Rassismus nennen?

Der ungeklärte Essener spürt die Folgen dieser Logik täglich: Er darf keinen Führerschein machen (was er für seinen Job braucht, weswegen er dort jetzt rausfliegt), darf laut eigener Aussage NRW nicht verlassen, kriegt einen Job nur, wenn sich kein “Deutscher” dafür findet, und  ist von Abschiebung bedroht. Nochmal: Das erlebt ein zwanzigjähriges Essener Urgestein, der außer Essen wohl noch nicht viel gesehen hat von der Welt. Ein nichtgeflüchteter Flüchtling. In der Logik einer staatlichen Behörde offenbar nicht unlogisch.

Die Geschichte erzählte der WDR übrigens in einem Film über Sarrazin, eineinhalb Jahre später.

Nils Minkmar empfahl in der FAZ kurz vor Weihnachten Sarrazins Buch als erneute Lektüre für die Feiertage: Man sähe, so Minkmar aus meinem Gedächtnis zitiert, aus dem zeitlichen Abstand heraus klarer, was für eine dämlicher Rassist Sarrazin sei und es sei geradezu schauderhaft, dass dieses Buch eines sozialdarwinistischen Technokraten allen Ernstes monatelang öffentlich diskutiert wurde.

Nicht nur die FDP ist scheiße, ihre Wähler sind es auch

Flott eine wie gewohnt außergewöhnlich lesenswerte Polit-Analyse:

Ganz interessant, was gerade in der FDP passiert: Lindner weg (schade wegen der gut sitzenden Anzüge), Rösler noch da (schade wegen der schlecht sitzenden Krawatten), dem neuen Generalsekretär Döring steht die Angst ins Gesicht geschrieben, ein echtes Kinderface in XXL, jetzt hat er auch noch einen Außenspiegel abgefahren und nicht angehalten. Morgen das Ergebnis des Mitgliederentscheids. Die Parteispitze ist in Teilen zerlegt, Politik findet nicht mehr statt.

Das Wesentliche ist: Die FDP kann offenbar nicht mehr genügend Wähler darüber hinwegtäuschen, dass ihre einzige Mission darin besteht, Klientelpolitik fürs Kapital zu organisieren. In neoliberalen Hochzeiten konnte das verbrämt werden mit “Leistungsgerechtigkeit”, “schlanker Staat”, “die Bürger wissen am besten, was sie mit ihrem Geld machen” etc. Die FDP hat nun, wo alle von Regulierung, von Zähmung des Kapitals reden, keinen Platz mehr in einem Parteiensystem, das die Fünf-Prozent-Hürde kennt. Die, die real von FDP-Politik profitieren, sind weniger.

Wobei das für Liberale prinzipiell kein Problem ist: Funzt der marktradikale Flügel nicht mehr so richtig, macht man halt einen auf nationalliberal. Es nähme mich wunder, wenn die FDP das auf Basis ihres Mitgliederentscheids gegen Euro und EU nicht probieren würde. Die aktuellen zwei bis drei Prozent in den Meinungsumfragen sind das beste Argument, es auf der rechten Flanke zu versuchen. Es gibt einfach nicht mehr genug zu retten. Möllemann ist noch nicht lange her, von Stahl und Kappel auch nicht. Die FPÖ macht es erfolgreich vor. Henkel und andere erprobte Rechtsausleger stehen in den Startlöchern. Rechtspopulismus dürfte ziehen. Schon nach dem Krieg war die FDP die neue Heimat vieler Nazis oder auch nur des stramm nationalistischen Bürgertums. Die Baumsche FDP war schon immer so klein mit Hut.

Leute, die sich als nationalliberal bezeichnen, sind die schlimmsten Sozialdarwinisten überhaupt, aber das ist erstens noch nicht allgemein bekannt und zweitens vielen ganz recht, siehe Sarrazin.

Es würden wahrscheinlich eine Menge volltrotteliger Wähler mitziehen.

Dennoch muss in diesem Zusammenhang die Blödheit der einstigen Wähler angesprochen werden. Die FDP sitzt ja nur deshalb in der Regierung, weil sie 2009 von knapp 15 Prozent gewählt wurde. Davon haben schätzungsweise drei Viertel oder noch mehr gegen ihre objektiven Interessen gewählt. Es stellt sich die Frage, woher diese Wählerblödheit kommt, einer schon 2009 durch und durch verkommenen Partei die Stimme, wie man sagt, zu geben. Ich beantworte diese Frage jetzt nicht, möchte nur darauf aufmerksam machen, dass es billig ist, auf die ausgelaugte FDP einzutreten, ihre Wähler von 2009 aber immer nur als enttäuschte Ex-Wähler zu Wort kommen zu lassen. Nicht die FDP hat versagt, sondern die Wählerschaft. Es braucht in einer Demokratie halt gewisse Minimalanforderungen an politische Bildung, soll das ganze funktionieren. 15 Prozent nicht bekennende, aber eindeutige Polit-Volltrottel sind eine Menge.

Es ist eigentlich ganz praktisch: Der neoliberale FDP-Flügel sorgt politisch erst dafür, dass Reiche reicher und Arme zahlreicher werden, sorgt für soziale und psychologische Spannungen, für ein indifferentes Gefühl der Unzufriedenheit in weiten Teilen der Gesellschaft. Schuld sind Fremde, Chinesen, Slowaken etc. Traditionell driften manche der so Getretenen nach rechts ab, was derzeit simpel ist, da man alles Unangenehme “Europa” und der “EU” anlasten kann. Dann kommt der nationalliberale Flügel derselben Partei zum Zug und verspricht konsequentes Engagement gegen “die in Brüssel” und für “deutsche Interessen”.

Inwieweit die oben erwähnten 15 Prozent Polit-Volltrottel identisch sind mit einer möglichen Wählerschaft einer nationalliberalen FDP, weiß ich nicht. Die Antwort auf diese Frage wäre interessant.

Es müsste mit dem Teufel zugehen, würde die FDP ihre Chance nicht nutzen.

Des Ariers Tragik

Kann einem deutschen Neo-Nazi Schlimmeres widerfahren als nach der Verübung eines rassistischen  Anschlags von der Polizei als “mediterran” und mit “dunklem Teint” beschrieben zu werden? So geschehen nach dem Bombenattentat in der Kölner Keupstraße 2004. Einer der beiden Nazis hatte ja in der Tat  einen recht dunklen Teint.

Schlimmschlimm: Da will einer ein richtiger deutscher Arier sein und dann sowas. Der muss getobt haben, als er in den Medien erfuhr, in welcher Form man nach ihm suchte. Er, der deutscheste aller Deutschen, der die Mediterranen auslöschen will, ist nun selber einer. Nennt man sowas einen Schicksalsschlag?

Wunderbar entlarvend einerseits. Andererseits bezeichnend für den alltäglichen deutschen Rassismus, dass man aufgrund dieser Täterbeschreibung sofort davon ausging, dass da Türken unter sich eine Rechnung beglichen hatten. Das Blut- und Bodendenken steckt nach wie vor tief in uns drin. So gesehen können die Nazis triumphieren. Nach wie vor.

“prima. b”

Flott mal was zum alten Thema “Extremismus der Mitte”. Die Berliner Zeitung berichtete im September dieses Jahres über die nicht-öffentlichen Verbindungen zwischen Henryk Broder und dem Blog Politically Incorrect:

Dass sie [PI-Chef Stefan Herre und Broder] sich überhaupt so oft schreiben, überrascht: Broder distanziert sich bisher von PI. “Was Politically Incorrect macht, ist meine Sache nicht”, sagte er in 3 Sat. Als eine Bekannte Herre damit konfrontierte, schrieb der: “Mit Broder telefonier und email ich ab und zu. Dass er öffentlich was anderes über PI sagt, naja, damit muss ich leben.” Auch Broders E-Mails sprechen nicht für große Distanz: Er bestellt Grüße an Geert Wilders oder bespricht mit Herre eine gemeinsame Veranstaltung mit Thilo Sarrazin. Umgekehrt fragt Herre den prominenten Autor um Rat.

So schickte er ihm am 9. Februar 2011 den Link zu einer PI-Veröffentlichung mit den Worten: “So ok?” Broders Antwort: “prima. b” Nur das PI-Forum, schrieb er Herre vor drei Wochen, sei “unter aller Sau”. Gemeinsame Freunde sind auf Broders “Achse”dennoch willkommen: Jüngst ließ er Detlef Alsbach ausbreiten, wieso es in Deutschland “von Nachteil ist, Deutscher und von Vorteil ist”, Türke zu sein. Alsbach ist Mitglied von Pro Köln – und Duzfreund von Herre.

Broder, PI, Pro Köln – die Unterschiede liegen wohl im Detail – wenn überhaupt.

Der “liebe Stefan”: Die Verbindungen von CDU und FDP zu Politically Incorrect

Kurz etwas zu den Verbindungen zwischen den vermeintlich bürgerlichen, konservativen, liberalen Lagern in Deutschland und Rechtsextremisten. Dem Verlag DuMont-Schauberg wurden kürzlich interne Mails der Verantwortlichen des Vollpfostenblogs PI-News zugespielt. Die zu DuMont gehördenden Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau berichteten deshalb in den vergangenen Wochen öfter über PI, man erhielt ein paar interessante Einblicke in die Geisteswelt der Nazis 2.0. Kurzversion:

Dokumente, die dieser Zeitung zugespielt wurden, belegen, dass PI weit mehr ist als eine harmlose Internetseite. Es handelt sich vielmehr um eine Organisation, die zum Teil hochkonspirativ an der Verteufelung einer ganzen Glaubensgemeinschaft arbeitet. Die in einem internationalen Netzwerk von Islamhassern eine entscheidende Rolle spielt und diese noch auszuweiten gedenkt. Die Gewaltverherrlichern und Rassisten, deren Weltbild dem des norwegischen Massenmörders Anders Breivik ähnelt, ein Forum bietet. Und in der die Person Stefan Herre [der Bloggründer aus Bergisch Gladbach] weit mehr ist als ein bloßer Moderator.

Die Macher dieser Seite sind sektenartig miteinander verbunden, es existieren mannigfaltige Kontakte zu rechtsextremen Parteien. Die politischen Argumente dieser Leute sind nur unter psychologischen Gesichtspunkten diskutierbar. (Man vergleicht sich allen Ernstes mit der Weißen Rose.) Das war aber schon vorher klar. Die angeblich fest vereinten Kameraden bezeichnen sich in Mails hintenrum schon mal gegenseitig als “Gehirngewaschene”, womit man ihnen wenigstens einmal zustimmen kann.

Interessanter aber sind die Informationen darüber, wer sich so alles mit diesen Leuten gut versteht. Die Berliner Zeitung schreibt:

Die Strahlkraft des Blogs scheint inzwischen sogar bis in lupenrein demokratische Parteien zu reichen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass auch der Stresemann-Club – ein rechtslastiger Verein innerhalb der FDP – Kontakt mit dem “lieben Stefan” aufgenommen hat. Gleiches gilt für die Senioren-Union der CDU Deutschlands. Deren Geschäftsführer Dirk Hülsenbeck wandte sich am 19. Mai an das PI-Team, weil er “Sympathie für Ihr Engagement” empfindet. Es gebe “viele in der CDU, die die Union von innen erneuern möchten”, so Hülsenbeck, der einen islamfeindlichen Blog dafür offenbar als Mittel zum Zweck erachtet. Daher bot er PI an, gelegentlich “brauchbare Infos” zu liefern.

Ein leitendes Mitglied einer offiziellen CDU-Gruppierung empfindet Sympathie für volksverhetzende Rechtsradikale, will in diesem Sinne offenbar seine Partei “erneuern” und sieht sich darin parteiintern massiv unterstützt. Ähnliches gilt für die FDP. Der Stresemannclub nennt sich “rechtsliberal” und “demokratisch” und “patriotisch”. Gut zu erfahren, was Liberale meinen, wenn sie von Liberalismus reden. Offenbar sind tägliche Volksverhetzung, Begriffe wie “Museldreck” und das dahinter stehende Weltbild einfach nur Ausflüsse liberalen Denkens. Hätte ich mir ja denken können.

Dass Teile der FDP schon immer zu Rechtsradikalismus neigen, ist historisch begründet und bekannt. Dass in der Seniorenunion verkappte Nazis auch im Jahr 2011 noch maßgeblichen Einfluss haben, verwundert dann doch ein wenig. Mich zumindest.

Hans-Olaf Henkel denkt ja jetzt darüber nach, eine neue Partei zu gründen. Stramm-rechts mit Eurokritik als Aufhänger. Henkel hat ebenfalls gute Kontakte zu PI. Vielleicht wird hier ein gelb-schwarz-brauner Sud aufgesetzt, der über kurz oder lang vielen mundet. Das Potenzial ist in Sarrazin-Land auf alle Fälle vorhanden.

“Vermeidung von Analyse”: Versuch einer Definition von “Gutmensch”

Eine Definition des grassierenden Begriffs “Gutmensch”, die es ziemlich gut trifft, finde ich. Gefunden im Forum von Spiegel-Online von einem User namens “inkorekt”. Danke!

“‘Gutmensch’ ist eine antikritische Kategorie. Sie dient der Vermeidung von Disput und Analyse. Gebraucht wird sie hauptsächlich von denen, die meinen, mit der Feststellung einer ‘knallharten Tatsache’ wäre über diese Tatsache schon alles nötige, wenn nicht die ‘Wahrheit an sich’ ausgesagt. Trägermaterial dieser ‘Wahrheit’ ist das, was eigentliche Analyse und Kritik bloß anstößt und unterlegt (und nicht zuletzt selbst ihr Gegenstand ist): die Statistik. Wo über diesen Faktenfatalismus hinausgedacht wird, kommt die Abwehr-Floskel vom ‘Gutmenschen’ zum Einsatz. Sie wendet sich nur vordergründig gegen die Leugner und Beschöniger von Missständen. Tatsächlich gilt ihren Verwendern jeglicher Versuch, die oft komplexen Zusammenhänge und Konditionierungen hinter einem Faktum (gemachtes!) zu ermitteln als ‘Verschleierung’ der einen, ‘nüchternen’ Wahrheit.

Die Geisteshaltung hinter dieser Anschauungsweise ist altbekannt (und hat in Deutschland Tradition). Sie entspringt dem idiosynkratischen Misstrauen gegen Kritik und Abstraktion, welche solchem Denken bloß als Zersetzung des einfachen, eindeutigen und homogenen gelten.”

————————

So verstanden, halte ich die Kritik am Begriff des Gutmenschen für sinnvoll. Es geht hier in erster Linie um den Unwillen, um die Ecke zu denken, darum, den Versuch des Verstehens zu diskreditieren – unabhängig von der persönlichen Haltung zum Gegenstand der Kritik – weil das zu einer differenzierten Perspektive führen kann. Und genau die ist nicht gewollt, weil man doch die Unübersichtlichkeit, die Multidimensionalität aller möglichen Sachverhalte gerade entsorgen will: hier wir, dort die.

Mit welchem Begriff linke Denkunwilligkeit bezeichnet werden könnte, ist eine andere Frage.

Nur so nebenbei.