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Mietenexplosion in Berlin oder: Warum die Süddeutsche nicht gerne weiterdenkt

Laura Weissmüller schreibt in der Süddeutschen Zeitung über Architektur und ich lese sie gemeinhin gerne. Einer ihrer kürzlich erschienenen Artikel beschäftigt sich mit aktuellen Wohnungsgrundrissen und skizziert das Problem, dass die immer noch ausschließlich auf Kleinfamilien ausgelegt sind, den gesellschaftlichen Realitäten zum Trotz:

Woran das liegt? Gebaut wird heute überwiegend von Investoren. Die wollen ihre Wohnungen natürlich schnellstmöglich an den Mann beziehungsweise seine Familie bringen, also lassen sie die für die vermeintlich größte Schnittmenge entwerfen – Home Office oder WGs für Senioren kommen darin nicht vor. Auch die Banken, die solche Großprojekte finanzieren, kalkulieren lieber mit einem Durchschnittsprodukt, schließlich lässt sich das später auch wieder besser beleihen. Verkäuflichkeit geht vor neuen Wohnkonzepten. Das kann man weder Bank noch Investoren wirklich vorwerfen, schließlich müssen sie marktwirtschaftlich kalkulieren, der Grundriss für das verbindliche Lebensmodell – auch wenn es für viele längst veraltet sein mag – bleibt da eine feste Konstante in ihrer Rechnung.

Soweit, so halbwegs gut. (Halbwegs gut, weil Banken und Investoren nicht einfach “marktwirtschaftlich kalkulieren”, sondern die höchstmögliche Rendite erzielen wollen, am besten monopolistisch, also ohne Marktwirtschaft.)

Dann kommt allerdings ein typischer bürgerlich-liberaler Kurzschluss:

Wen man dafür aber umso mehr in die Pflicht nehmen muss, sind die Städte. Viele Städte haben sich, wie etwa Berlin, vollständig vom sozialen Wohnungsbau verabschiedet … Was all diese Städte brauchen, ist innerstädtischer Wohnraum, der bezahlbar ist – und zwar nicht nur für die Großverdiener, die sich die Hochglanzprojekte leisten können, sondern für jede Einkommensklasse.”

(Laura Weissmüller, Süddeutsche Zeitung, 25. Juni, S. 13)

Aha. Einerseits ist das Kapital in Form von Investoren also verantwortungsfrei. Die machen nur ihren Job. Verantwortung tragen “die Städte”. Das ist nicht falsch, aber aus dieser einseitig belasteten Situation komme ich nur heraus, wenn ich die zugrundeliegenden Strukturen unter die Lupe nehme.

Natürlich stimmt es, dass es in Berlin keinen sozialen Wohungsbau mehr gibt und dass die Mieten weit jenseits von Inflationsausgleich oder gar Einkommenszuwachs steigen. Es ist auch richtig, dass der aktuelle rot-rote Senat dagegen bewusst nichts unternimmt – wobei die SPD die entsprechenden Senatorenposten Stadtentwicklung und Finanzen innehat. Die Sozialdemokraten agieren hier, wie die FDP es sich nur wünschen kann: Investoren können die Mieten erhöhen, wie sie lustig sind. Die Mieter, die das nicht zahlen können, werden in Ghettos an den Stadtrand deportiert. Der tolle Hecht Klaus Wowereit freut sich ausdrücklich über diese Entwicklung. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass er Mitglied ist im “Haus-, Wohnungs- und Grundstückseigentümerverein Berlin-Lichtenrade e.V.”

Es ist also völlig in Ordnung, auf die SPD zu schimpfen. Aber es ist im Jahr 2011 auch etwas billig, sich darüber zu wundern, dass die SPD Politik für die Bonzen macht. Die SPD macht das seit mindestens zehn Jahren.

Wenn Laura Weissmüller nun fast nebenbei fordert, bezahlbaren Wohnraum für alle zu schaffen, dann muss sie sich mit den zugrunde liegenden Mechanismen beschäftigen.

Die Malaise liegt, um das kurz zu machen, weil eigentlich eh bekannt, darin begründet, dass Kapital nichts muss außer sich rentieren und deshalb auch vor der Grundversorgung mit Wohnraum nicht haltmacht. Und da sind Großverdiener nun mal praktischer als Kleinverdiener. Dass es keinen sozialen Wohnungsbau mehr gibt, ist für´s Kapital ja von unschätzbarem Wert. So verknappt sich Wohnraum und die Mieten steigen. Dazu kommt der erhebliche Einfluss des Kapitals auf die Politik (auch auf einen rot-roten Senat), der dafür sorgt, dass die Stadt via versteckter Subvention eine Menge Geld an Investoren zahlt (beispielsweise über Steuersparmodelle), die Altbauten zu Luxuswohnungen (je mehr Luxus, desto mehr Steuersparen) umfunktionieren. Die steigenden Mieten führen zudem zu einer höheren Zahl von Umzügen, was wiederum  die Mieten noch stärker steigen lässt (Mieterhöhung wegen Neuvermietung).

Je mehr Leute aus ihren Wohnungen vertrieben werden, desto besser ist das für´s Kapital, für Investoren und Banken. Egal, wie die Grundrisse aussehen. Die SPD in Berlin findet das erstmal toll, denn in den neuen Schicki-Vierteln entstehen neue, teure Läden, die wiederum mehr Steuern zahlen und so weiter und so fort. Wowereit freut sich. Dass der Humanmüll am Stadtrand in zehn oder zwanzig Jahren Probleme machen wird, kann Wowereit jetzt egal sein. Die nächste Wahl ist ja schon am 18. September 2011. Die Politik in Berlin sitzt auf 60 Milliarden Euro Schulden und wird somit willfährig Steigbügelhalter des Kapitals.

Die SPD als Motor von sozialer Segregation. Haben die sich nicht mal gegründet, um das Gegenteil zu erreichen? Der Berliner Tagesspiegel beschreibt lesenswert, dass der Senat derzeit dabei ist, die seit 100 Jahren einigermaßen funktionierende “Berliner Mischung” auszuhebeln. Die Investoren wünschen es so.

Diese Investoren aus der ganzen Welt kaufen derzeit in Berlin Mietshäuser, die in diesen Kreisen “Betongold” genannt werden. Man ist offenherzig. Die Berliner Morgenpost berichtet etwa über den norwegischen Immobilienvermarkter Einar Skjerven:

„Natürlich setzen wir wie alle anderen Investoren auch auf steigende Mieten“, sagt Skjerven. Ein schlechtes Gewissen habe er aber nicht: „Wir vertreiben keine Mieter, und bei den Mieterhöhungen halten wir uns an die ortsübliche Vergleichsmiete.“ Doch wer seine Anlegerinformationen aufmerksam liest, stößt dort auf Mietpreiserwartungen, die mit der im geltenden Mietspiegel ausgewiesenen Durchschnittsmiete von 4,83 Euro (kalt) nichts zu tun haben. Dort ist eine „Zielmiete“ von bis acht Euro angegeben. „Das ist richtig, diese Mieten verlangen wir aber nicht von den Altmietern, sondern bei Abschluss eines Neuvertrages“, sagt Skjerven. Ihm komme dabei eine Eigenart der Berliner sehr entgegen: „Die Mieter ziehen etwa alle acht Jahre einmal um.“ Wenn ein Mieter ausziehe, der bislang vier Euro je Quadratmeter bezahlt habe, könne die Wohnung mit ein paar Schönheitsreparaturen für sechs bis acht Euro je Quadratmeter neu vermietet werden. „Zumindest funktioniert das so in den Bezirken, in denen wir vor allem kaufen.“

Eine Verdoppelung des Mietzinses in acht Jahren. Vor allem vermögende Privatpersonen sind laut Morgenpost die Investoren neuen Typs, die “auffällig häufig als Investorengruppen per Kleinbus durch die Innenstadt fahren”, wie die Morgenpost weiter weiß. Das Kapital geht arbeiten und verdient doppelt: Zuerst durch die neoliberalen Steuersenkungen für diese Klientel, danach durch höhere Mieten, die unter anderem möglich wurden, weil der Staat sich aus dem Wohnungsbau verabschiedet hat und Wohnraum knapp wird.

Eine ganz spezielle Win-Win-Situation.

Zurück zu Frau Weissmüller. Wenn sie die zu hohen Mieten also ernsthaft kritisiert, dann muss sie exakt diese Verhältnisse in den Blick nehmen. Dann muss sie die innere Logik des Kapitalismus analysieren. Dann muss sie diagnostizieren, dass gerade aufgrund kapitalistischer Politik in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren die Kommunen massive Finanzierungsprobleme bekamen, die sie faktisch außerstande setzen, Missständen durch Geldflüsse gegenzulenken. Tut sie aber nicht, die Laura. Insofern bleibt es folgenloses moralisches Empören.

Dass das bürgerliche Lager in der Analyse nicht weiterkommt, ist ärgerlich, denn dieses Verhalten führt dazu, systembedingte Mängel als so eine Art Naturgesetz zu betrachten: Das ist halt so. Sehr schön sieht man das an den Ergebnissen einer Umfrage über den Berliner Wohnungsmarkt, ebenfalls vom Juni dieses Jahres. Die Berliner Zeitung berichtet:

Berlins Mieter müssen sich auf weiter steigende Wohnkosten einstellen. Nach Meinung von Experten aus der Immobilienbranche werden die Mieten in der Hauptstadt in den kommenden fünf Jahren stärker steigen als in allen anderen deutschen Großstädten. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Beratungsunternehmens BulwienGesa über den Wohnimmobilien-Investmentmarkt Berlin, die gestern präsentiert wurde.

Die Mieten steigen so wie der Ätna ausbricht, da kann man nichts machen. Es wurden ja “Experten” befragt. Das Kapital muss sich nicht etwa auf geringere Renditen einstellen, sondern die Mieter auf weiter steigende Wohnkosten. Kapitalismus als Naturgesetz. Vielleicht kann sich der norwegische Investor gegenüber der Morgenpost deshalb so weit aus dem Fenster lehnen: Er betrachtet sein Verhalten als im Menschen angelegtes Gewinnstreben, das kann man doch nicht ernsthaft kritisieren!

Wohl auch ein Naturgesetz: Ein paar Seiten hinter Weissmüllers Artikel prangt eine Werbung für den Sueddeutsche Business Golf Cup presented by Audi und noch ein paar Seiten weiter im Wirtschaftsteil markiert Marc Beise wie gewohnt den Sozialdarwinisten.

Laura Weissmüller wäre also gut beraten, ihre völlig berechtigte Kritik an den falschen Grundrissen systemisch weiter zu denken und dahin zu gehen, wo es weh tut: Ins benachbarte Büro ihres Kollegen.

Oder auf die “Mietenstopp-Demo” am 3. September:

Ein Lob den Faulen

Zur Abwechslung mal was kritisches über mein geliebtes Vaterland.

Was Jakob Augstein im Spiegel schreibt, ist nicht neu, aber in einer Zeit, in der gerne behauptet wird, man dürfe jetzt nicht nachkarten, sondern müsse nach vorne schauen, notwendig:

Deutschland hat seine Löhne und seinen Lebensstandard rabiat gesenkt und sich dadurch Wettbewerbsvorteile verschafft. In Frankreich sind die Löhne in den vergangenen zehn Jahren um 14,5 Prozent gestiegen. In Deutschland sind sie um sieben Prozent gesunken. Es ist schon schlimm genug, dass die Deutschen zu dieser sonderbaren Selbstkasteiung bereit waren. Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Medien haben hierzulande versagt, als es darum ging, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten. Daran sind die Deutschen selber schuld. Aber es ist abwegig, im Ernst zu glauben, Deutschland könne seinen unsinnig asketischen Lebensstil ganz Europa aufzwingen. Am deutschen Wesen will die Welt nicht genesen.

So ist es. Schriebe Augstein nicht beim Spiegel, würde er es vielleicht drastischer formulieren: Die deutsche Wirtschaftspolitik ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Und wenn deutsche Ökonomen den Portugiesen Lohn- und Rentensenkungen empfehlen, sollte man ihnen aufs Maul hauen. Den Ökonomen, meine ich.

Dass Madame Merkel jetzt den faulen Südeuropäer aus dem Hut zaubert, um den Fans von Henryk Broder und anderen Hampelmännern zu gefallen, ist nicht nur deswegen eine Unverschämtheit, weil die hier angesprochenen Klischees die typisch deutsche schwarz-braune Melange sind. Angela Merkel drückt das natürlich zurückhaltend aus:

“Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig”

Der, der ganz viel Urlaub hat, ist nach deutscher Logik faul, was sonst. Der faule Südeuropäer, analog zum Spaghettifresser, Kümmeltürken, Neger, heute kommen die Musels dazu.  Es ist auch dreist, weil diese aktualisierte Herrenmenschenmentalität erst dazu führte, dass andere als faul hingestellt werden können. 1,2 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland für weniger als fünf Euro die Stunde, mehr als zehn Millionen für weniger als acht Euro, Zeitarbeiter verdienen 30 Prozent weniger als ihre festangestellten Kollegen, Krankenkassenzusatzbeiträge sollen nächstes Jahr um 60 Euro monatlich steigen undsoweiter. Alles, damit “die Wirtschaft” läuft, was bei der Exportorientiertheit nichts anderes heißt, als anderen Probleme machen. (Dass gleichzeitig die Gehälter der Vorstände der Dax-Unternehmen 2010 um 28 Prozent gestiegen sind, ist wohl nötig, sonst sind die Chefs nicht motiviert.)

Und das in einer “Europäischen Union”, wo man immer so viel labert von gemeinsamen Ideen, Zielen, Werten. Und die Frau, die der Regierung vorsteht, die dafür verantwortlich ist, wirft anderen Ländern, die keine solch asoziale Politik betreiben, Faulenzertum vor. Dabei wäre es ökologisch und sozial angemessen, im kapitalistischen Sinn “fauler” zu sein. Griechenland als Avantgarde.

Deutschland ist Täterland, nach wie vor. Diesmal machen die von Augstein erwähnten Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Medien ohne viel Murren mit.

Passend dazu haben junge Spanier einen Platz in Madrid besetzt und nennen ihn Tahrir Square. Viel Erfolg!

(Foto: genova 2011)

Freie Fahrt über andere Bürger

(Foto: genova 2005)

Portugal: Breites Bündnis für Kommunisten

Coole Sache: Der portugiesische Architekt Álvaro Siza unterstützt bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen in Portugal Francisco Lopes, den Kandidaten der Kommunistischen Partei (der PCP, die seit langem bei Wahlen immer gemeinsam mit den Grünen antritt. Diese Liste nennt sich dann, um die Verwirrung perfekt zu machen, CDU, nur dass das C da für Coligaςão steht, für Koalition). Neben Siza bekennen sich 30 prominente Schriftsteller, Dichter, Musiker, überhaupt Kulturschaffende, Ärzte, Journalisten, Juristen für Lopes. Daneben gibt es eine weitere ziemlich linke Partei, den sympathisch daherkommenden, modernen Bloco Esquerda, der einen anderen Kandidaten unterstützt. Linke Zersplitterungen.

Scheinbar ist Siza seinem sozialen Engagement der portugiesischen Nachrevolutionsära treu geblieben. Schon damals baute er wunderbare Sachen: Durchdachter sozialer Wohnungsbau in einer von sozialistischen Ideen bewegten Gesellschaft, hervorragende Solitäre, nie formalistisch modern, sondern immer kontextualistisch verortet, dabei ohne jede Anbiederung. Ein bisschen erinnert er an die Tessiner Schule. Dagegen wirken Leute wie Mies oder Gropius formalistisch und dogmatisch. Aber auch deshalb sind die ja so bekannt. Überhaupt wäre es mal Zeit, eine ganze Reihe extrem guter portugiesischer Architekten zu loben: Eduardo Souto de Moura, Fernando Távora oder die jüngeren Pedro Mendes und Aires Mateus. Alle haben sie gemeinsam den Ortsbezug, der einhergeht mit einer ganz spezifischen Materialität, aber dabei ohne jede Anbiederung. Meterhoher Sichtbeton passt ja bekanntlich überall hin, und deshalb wird er auch eingesetzt. Es ist immer eine kritische, reflexive und behutsame Sicht auf die Gegebenheiten, was in einem bestimmten Sinn immer ein radikales Ergebnis zeugt, Architektur wird immer von innen heraus entwickelt, die Form ist das Ergebnis eines dialektischen Prozesses des Annehmens und Zurückgebens. Kein Abkupfern und eine geradezu selbstverständlich daherkommende Liebe fürs Detail. Gerade Siza hat ja schon früh einiges von dem vorweggenommen, was man heute Dekonstruktivismus nennt. (Und zwar ohne das Marketinggebaren von Coop Himmelblau etc.) Es ist eine Architektur, die politisch überhaupt nicht zu missbrauchen ist, weil sie sich jeder über den Gebrauchsnutzen hinausgehenden Instrumentalisierung verweigert. Und wie angenehm, dass es Siza scheißegal ist, dass der Regen die bis runter glattgeputzten Fassaden verschmutzt.

Ich schweife ab.

Merke aber, dass man da wirklich mal was schreiben müsste. Siza und die anderen genannten wären ein praktikabler Ansatz für eine kritische Theorie der Architektur.

Unter der neoliberalen und im wesentlichen von deutschen Imperialisten forcierten EU-Politik leiden viele Portugiesen ganz besonders. Umso angenehmer, wenn jemand wie Siza da politisch Farbe bekennt. Das in seiner Architektur ausgedrückte ästhetische und soziale Schaffen passt da gut hin. Und den Frampton muss ich auch noch lesen.

Teehaus von Álvaro Siza, 1958:

(Foto: Wikipedia)

Eine Kehrseite der deutschen Medaille

Vor 25 Jahren ist Portugal der EU beigetreten. Ein Leser der portugiesischen Tageszeitung Público (ich würde sagen, so eine Art portugiesische Süddeutsche) kommentiert dazu:

Poucos portugueses têm razões para comemorar hoje a UE. Talvez só os importadores tenham razões para estar contentes.

what means:

Wenige Portugiesen haben Grund, heute der EU zu gedenken. Vielleicht haben nur die Importeure Grund, zufrieden zu sein.

Portugal wurde seit 1986 für die EU präpariert, was vor allem unzählige Autobahnen und niedrige Einfuhrzölle bedeutete. Das Ergebnis ist das aus deutscher Sicht gewünschte, denn was des einen Import, ist des anderen Export. 2008 importierte Portugal aus Deutschland Waren und Dienstleistungen im Wert von 12,4 Milliarden Euro, umgekehrt exportierte Portugal Waren und Dienstleistungen im Wert von 4,9 Milliarden Euro nach Deutschland.

Ohne jetzt einen direkten Zusammenhang herstellen zu wollen, aber ein anderer Leser des Público fordert unter demselben Artikel:

Outro 25 de Abril já! (also einen neuen 25. April jetzt!)

Am 25. April 1974 wurde in Portugal das faschistische Regime zum Teufel gejagt.

Übrigens stieß man vergangenen Samstag bei der Anti-Spar-Demo in Berlin des öfteren auf dieses Motiv:

Es gibt also auch Solidarität, nicht nur Sozialdarwinismus.

(Foto: genova, 2010)

Ästhetik und Ökologie: Abfall in Jerusalem

Sich alternativ und ökologisch gebende deutsche Reiseautoren bekritteln ja gerne das ihrer Meinung nach nur ungenügend ausgebildete Umweltbewusstsein der Bewohner unserer Urlaubsregionen im Süden. So auch Wil Tondok, der die hier an den Hängen Jerusalems wohnenden Menschen kritisiert:

“…ein Umweltbewusstsein der Menschen praktisch nicht vorhanden. Wie sonst könnten sie alle Abfälle, allen Schrott den Hang hinunterwerfen..” (Israel und Palästina, Reise-Know-How, 2010)

Mag schon sein, dass es dort ökologisch nicht gerade vorbildlich zugeht. Aber hier tritt das typisch deutsche Phänomen zutage, dass man ästhetische Empfindungen mit Ökologie verwechselt. Den Deutschen stört an dem Abfall am Hang vor allem, dass es so undeutsch unordentlich aussieht. Was konkret daran unökologisch sein soll, spielt keine Rolle.

Das Verhalten erinnert an die reichen Mittel- und Nordeuropäer, die im Herbst gerne mal für ein paar Tage an die Algarve jetten, um dort Golf zu spielen, auf schön grünem Rasen (im Herbst!), permanent bewässert. Direkt nebenan wird schon seit Wochen das Wasser rationiert. Diese Leute machen dann einen Ausflug zu den Eingeborenen ins Hinterland und beschweren sich über eine wilde Müllkippe, die sie aus dem Bus heraus gesehen haben. Danach geht es für ein paar Zehntausend Liter Kerosin zurück in die heile Welt der Mülldeponien. Die sieht man nämlich nicht.

Nichts gegen das ästhetische Empfinden dieser Leute. Sie sollten es nur nicht mit ökologischen Zusammenhängen verwechseln.

(Foto: genova, 2010)

Schon wieder Roland Berger und die Menschenwürde

Der Unternehmensberater und Aktivist für Menschenwürde Roland Berger soll jetzt ja Opel retten. Ich weiß nicht genau, was er da retten will: Ob es ihm um Arbeitsplätze geht oder ob er eher daran denkt, der Investmentgesellschaft  Blackstone Group, der er als “Chairman of Germany” dient, ein neues Betätigungsfeld zu verschaffen.

Mir fällt jedenfalls ein Interview ein, das Berger der portugiesischen Wochenzeitung Expresso gegeben hat. Das war 2004 (das exakte Datum weiß ich leider nicht mehr), also auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in Deutschland über die “Arbeitsmarktreformen”, der Agenda 2010. Deren Einführung wurde ja gerne damit verteidigt, dass Deutschland in allen Statistiken die “rote Laterne” Europas innehabe und deshalb endlich die “Hausaufgaben” machen müsse, die unsere Nachbarn schon gemacht hätten. Einkommen und Sozialleistungen müssten leider gekürzt werden, sonst könnten wir im europäischen und weltweiten Wettbewerb nicht mehr mithalten.

Deswegen war ich überrascht über die Tipps, die Roland Berger nun den Portugiesen gab. Auf die Frage, was er den europäischen Regierungen empfiehlt, um die (damalige) Wirtschaftskrise zu überwinden, antwortete er:

“Was meiner Meinung nach wirklich gemacht werden muss, ist das, was Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 vorschlägt und gerade beginnt: Eine größere Deregulierung unserer Märkte. Dazu gehören vor allem die Arbeitsmärkte und eine Reduzierung der Kosten der Sozialversicherungen in ganz Europa.

Das bedeutet harte Einschnitte in die Gewohnheiten vieler Europäer, vor allem der mittleren Generation. Außerdem Kürzungen bei den Subventionen alter Industrien, Reduzierung der staatlichen Anteile in der Wirtschaft…” (Übersetzung von mir)

Komisch. Hierzulande gehörte Berger zu denen, die Deutschland hinterherhinken sahen in der Umsetzung von Reformen in Europa. Den Portugiesen erzählte er nun, Europa solle sich ein Vorbild nehmen an der tollen Politik von Schröder.

Das perfide daran: Das soziale Netz in Portugal spottet sowieso jeder Beschreibung. Auch wenn man Arbeit hat, läuft es nicht unbedingt gut: Die Menschen verdienen schätzungsweise halb so viel wie hier, die Einkommensverteilung ist wesentlich ungerechter als in Deutschland, ein Lehrergehalt deutlich unter 1.000 Euro brutto ist gang und gäbe, 500 Euro für einen Vollzeitjob als Verkäufer sind normal, 20 Prozent der Bevölkerung haben monatlich weniger als 200 Euro zur Verfügung und so weiter. Die Lebenshaltungskosten in Lissabon liegen praktisch auf deutschem Niveau.

Berger interessiert das nicht. Er, dessen Privatvermögen auf “einen deutlich dreistelligen Millionenbetrag” geschätzt wird, empfiehlt allen Ernstes, diese Einkommen weiter zu senken. Der Markt erfordert es halt. Auch bei 500 Euro monatlich sind “harte Einschnitte” nötig.

Vielleicht sollten sich die Opelaner gut überlegen, was sie von diesem Experten erwarten können. Und vielleicht sollte man Roland Berger in dem Zusammenhang einmal fragen, was genau er denn unter Menschenwürde versteht.

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Tim K.: Unfreiwillige deutsch-portugiesische Kooperation

Die normalerweise bescheidenen Zugriffszahlen auf diesen Blog sind in den letzten Tagen explodiert. Grund ist mein Artikel über den Amokläufer Tim K., besser gesagt darüber, dass portugiesische Zeitungen Tims Nachnamen ausschreiben. Plötzlich kamen viele Besucher über Suchmaschinen mit folgenden Einträgen hierher (nur ein Auszug):

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Das Interesse am Familiennamen des Toten ist offenbar groß, die Gründe dafür dürften ähnlich sein wie bei den Portugiesen: Tratsch, Klatsch, Bedürfnis nach Authentizität. Mir war nicht klar, dass ich für hunderte von Menschen eine Art Hintertür geöffnet habe, um das Geheimnis zu lüften.

Dieses Blog ist aufmerksamkeitstechnisch  ja nun wirklich unter “ferner liefen” eingeordnet und ich habe mich noch nie mit der Optimierung für Suchmaschinen beschäftigt. Doch sie finden einen. Zumindest dann, wenn man es nicht erwartet.

Warum die Portugiesen den Nachnamen von Tim K. kennen

Skurril am Rande: Auch portugiesische Zeitungen berichten über den Amokläufer von Winnenden, Tim K., reduzieren aber den Nachnamen nicht auf den ersten Buchstaben, sondern schreiben ihn voll aus und merken leicht irritiert an, dass Tim in den deutschen Medien nie mit vollem Namen genannt werde.

Die Portugiesen sind da relaxter. Ich erinnere mich an Berichte in portugiesischen Zeitungen vor rund 15 Jahren: Bei jedem Unfallopfer wurde der volle Name samt Adresse angegeben, ein Schutz der Privatspähre fand und findet nicht statt. Es hat etwas von einem überdimensionalen Dorf: Vielleicht kennt man den Betreffenden, oder man kennt jemanden, der ihn kennt oder man weiß jetzt zumindest, wo der, den man vielleicht kennt, wohnt etc.

Tratsch als Lebensmittel. Alles nur menschlich. Mir ist die anonymisierte Version trotzdem lieber.