Archiv der Kategorie: Philosophie

Vittorio Hösles merkwürdige Tipps für die Grünen

Die Positionierung der Grünen, nächste Runde: In der Süddeutschen Zeitung kam vergangenen Samstag (Printausgabe, S. 13 und auch online.) der Philosoph Vittorio Hösle zu diesem Thema zu Wort. Sein Beitrag ist, abgesehen von der intellektuellen Banalität über weite Strecken, schlicht Ausweis dafür, dass ihm für die politische Analyse jedes Talent fehlt.

Zur Banalität nur folgendes Beispiel. Mister Hösle schreibt:

“Winfried Kretschmann wird erst zeigen müssen, wieweit er die enormen Erwartungen in Baden-Württemberg erfüllen kann, zumal er in einer Koalitionsregierung nicht alle Wunschvorstellungen wird verwirklichen können.”

Na, sowas aber auch. Den Satz hat Bettina Schausten am Wahlabend sicher auch schon gesagt.

Ärgerlich aber ist seine gesellschaftspolitische Erklärung:

“Viele Bürger haben den Eindruck, dass soziale Gerechtigkeit in Deutschland weitgehend erreicht ist – die SPD hat an Attraktivität verloren, gerade weil sie so viel beim Aufbau des deutschen Sozialstaates geleistet hat: Ihre Mission scheint erschöpft. Deutschland hat schlicht und einfach mehr Nachholbedarf bei der intergenerationellen als bei der sozialen Gerechtigkeit, und daher wenden sich junge Wähler, die genau wissen, dass die Umweltrisiken sie noch direkt betreffen werden, eher den Grünen zu.”

Meine Fresse. Dass seit zehn oder fünfzehn Jahren sämtliche Kennzahlen, mit der man soziale Gerechtigkeit messen könnte, sich negativ entwickeln, hat Hösle noch nicht mitbekommen. Dabei müsste er sich nur mal die Dozenten mit Zeitvertrag an seiner Uni angucken. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hat rotgrün, vor allem nach 2002. (Das zum tausendsten Mal zu belegen, ist mir zu aufwendig.) Die SPD hat exakt seitdem an Attraktivität verloren, seit sie Politik gegen die eigenen Wähler macht, seit sie also für den Aufbau des Sozialstaates nichts mehr geleistet hat, sondern nur noch was für dessen Abbau. Die Linkspartei als Ersatz ist zeitgleich auf Werte zwischen zehn und fünfzehn Prozent gestiegen. Es ist also genau das Gegenteil von Hösles Behauptung wahr.

Dann der Schwachsinn von der “intergenerationellen Gerechtigkeit”. Was soll das sein? Wahrscheinlich die Diskussionen auf dem Niveau, dass man heute nicht die Rente erhöhen dürfe, weil das zu Lasten der Jungen gehe. FDP-Ortsverbandsgeschwätz.

Die Jungen wählen also grün, weil sie Angst vorm Atom haben, aber sich sicher sind, dass ihre Rente einmal üppig sein wird – der SPD sei dank, die ja den Sozialstaat so großzügig ausgebaut hat.

Vielleicht meint der Vittorio ja auch, dass die Jungen später mal mit der Zahl der tropischen Nächte in Berlin mehr Probleme haben werden als mit ihren dann wahrscheinlich mickrigen Renten. Oder meint Vittorio, dass die Renten gar nicht mickrig sein können werden, weil die SPD ja so viel für den Sozialstaat getan hat?

Je länger man sich mit Hösles komischem Denken beschäftigt, desto verwirrter wird man.

Doch einigermaßen deutlich wird Hösle in dem SZ-Artikel kurz darauf. Nicht nur die Grünen, sondern…

“…alle deutschen Parteien sind wohlberaten, Nachhaltigkeit in viel intensiverer Weise in ihr Denken zu integrieren und ihr etwa die soziale Gerechtigkeit unterzuordnen, wenn sie langfristig wieder bessere Ergebnisse an den Wahlurnen erzielen wollen.”

Nachhaltigkeit meint also Umweltpolitik. Soziale Gerechtigkeit kann offenbar nicht nachhaltig sein, sondern nur Klimbim. Und die Wähler werden solche Politik langfristig “an der Wahlurne” honorieren?

Vielleicht hat er mit der Prognose dennoch recht. Aus neoliberaler Politik folgt, so haben wir bei Harald Schumann gelernt, irrationales Verhalten der Geschädigten.

Wer ist der Mann mit dem lustigen Namen? Hösle promovierte mit 22 und habilitierte mit 24. Vorher hat er wohl im Schnelldurchlauf studiert. Wahrscheinlich hatte er einfach keine Zeit, sich mit Realitäten auseinanderzusetzen.

Emmanuel Lévinas: nichts und alles (Gastbeitrag)

“Du bist nichts, der/das Andere ist alles”,

schrieb ein User namens Philon kürzlich in dem Forum Architectura Pro Homine über ein angebliches Prinzip bei Denkern wie

“Lévinas, Lyotard, Derrida und vor allem Foucault; in Deutschland bei Marcuse, Adorno etc.; in Italien bei Vattimo und so weiter.”

Und weiter:

“Die einzige Haltung, die das Ich oder das Wir nach Lévinas gegenüber dem Anderen ethisch legitimerweise einnehmen würfen, ist die der totalen Unterwerfung unter den “Anderen”, und zwar nur deshalb, weil er Anderer ist.”

Philon hat das weiter ausgeführt. Ich stelle diese Ausführungen hiermit als Gastbeitrag ein (ohne sie mir inhaltlich zu eigen zu machen). Zum einen, weil mich das Thema des Perspektivwechsels derzeit interessiert, zum anderen, weil das Thema eine politische Dimension hat, wie Philon selbst ausführt.

Vielleicht interessiert es ja jemanden.

genova

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Das Prinzip von Lévinas’ Philosophie ist die, übrigens erklärtermaßen undialektische Gegenüberstellung von “Selbem/Identität” und “Anderem”. Das “Ich” oder das “Wir” bilden demnach das Moment eines Bezuges auf sich selbst unter Negation des “Anderen”. Diese Negation ist bei Gegenständen des täglichen Lebens, ebenso wie in der Erkenntnis, als im Hegel’schen Sinn “aufhebende” Negation denkbar: das Andere wird in die Sphäre des Ego aufgehoben, d.h. in gewisser Weise aufbewahrt, das aber um den Preis der Vernichtung seiner Andersheit.

Beim “Anderen” im eigentlichen Sinn, d.h. beim anderen Subjekt (obwohl Lévinas den Begriff nicht verwendet und von seinem Ansatz her nicht verwenden darf), sei es Gott oder ein anderer Mensch, ist das anders. Dieser “Andere” fällt sozusagen von Außen in das Denken des Selben ein und sprengt es auf. Der “Andere” ist insofern dann “unendlich”, als er die Sphäre der Selbigkeit des “Ich” oder “Wir” immer übersteigt, obwohl er gleichwohl (wie immer das funktionieren) soll, in Bezug auf ihn stehen soll (Lévinas redet paradoxerweise auch von der “beziehungslosen Beziehung”, was m.E. einfach Unfug ist). Der Andere kann daher auch nicht aufgehoben, sondern nur vollständig negiert werden, nämlich durch einen Mord.

Während jeder “Selbe” immer endlich und gewaltsam ist, ist der “Andere” immer automatisch, nur weil er “Anderer” ist, unendlich und steht als solcher auch immer “unendlich höher” (Lévinas’ Begriff der “hauteur” bzw. der “pointe” oder des “au-delà de l’être”) als das Ich oder das Wir, das man selbst ist.

Die einzige Haltung, die das Ich oder das Wir nach Lévinas gegenüber dem Anderen ethisch legitimerweise einnehmen würfen, ist die der totalen Unterwerfung unter den “Anderen”, und zwar nur deshalb, weil er Anderer ist. Der “Andere” darf alles und darf alles beanspruchen, einzig und alleine aus dem Grund, dass er Anderer ist. Ich oder Wir dürfen ihm gegenüber nichts beanspruchen, einzig und alleine, weil ich oder wir halt “ich” oder “wir sind. Etwas überspitzt könnte man sagen, das Prinzip von Lévinas’ Philosophie lautet: “Du bist nichts, der Andere ist alles”.

Der entscheidende Punkt ist dabei nun, dass die Frage nach den Ansprüchen, die jemand hat, nicht nach Gerechtigkeitsprinzipien entschieden wird, sondern alleine daran hängt, ob jemand in einer Konstellation “Ich/Wir” oder “Anderer” ist.

Zwar bin Ich für den Anderen auch wiederum Anderer und insofern gilt aus der Perspektive des Anderen, dass dieser Ich und somit einer ist, der sich mir, der ich für ihn “Unendlicher” bin zu unterwerfen hat.

Diese Reflexion darf Ich als Ich aber wiederum laut Lévinas gar nicht anstellen, da ich damit seiner Auffassung nach den “Anderen” wieder gewaltsam in eine “Totalität” vereinnahme, in der er nur ein Moment des “Selbst” wäre. Wenn überhaupt, bleibt die Perspektive der Reziprozität, ohne die Gerechtigkeit nicht denkbar ist, daher für Lévinas Gott vorbehalten (Lévinas sagt ausdrücklich, man sei nur “grâce à dieu” Anderer für den Anderen und dürfe selbst diesen Gedanken nicht denken).

Dass in diesem Konzept Gerechtigkeit und Recht, die eben gerade auf reflektierter Reziprozität beruhen, nicht denkbar ist, dürfte klar sein und ist auch schon vielen vor mir aufgefallen; es gibt dazu eine ganze Reihe von Arbeiten.

Was mir ebenfalls evident zu sein scheint ist, dass diejenigen Denkstrukturen, die dasjenige Denken bestimmen, dass sich heute in Westeuropa “links” nennt, von einem solchen Ansatz geprägt sind. Anders lassen sich vor allem die merkwürdigen Phänomene der Doppelmoral, wenn es etwa um alliierte Kriegsverbrechen an Deutschen oder um das Verhältnis zum Islam (den ich als solchen übrigens durchaus respektiere) nicht erklären.

Nun muss man Lévinas freilich noch insofern in Schutz nehmen, als seine Theorie nicht politisch gemeint ist, sondern primär (individual)ethisch (da birgt sie allerdings schon genug Probleme). Es ist aber leicht ersichtlich, dass sich genau die angedeutete Doppelmoral fast zwangsläufig einstellen muss, wenn man Lévinas auf den politischen Raum überträgt. Damit will ich nun wieder nicht sagen, dass irgendwo explizit und bewußt geschehen ist; wenn, dann eher unbewußt und auf verschlungenen Wegen. Aber Lévinas’ Denken scheint mir doch der Schlüssel für das Verständnis der politischen Ideologie Europas der Gegenwart zu sein … bzw. ist Lévinas’ Philosophie vielleicht in der Tat “ihre Zeit in Gedanken gefasst”.

Es ist übrigens, dies nur als Ausblick gesagt, auch klar, dass in Lévinas’ Ansatz ein Aufbegehren gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten unmöglich ist. Der Kapitalist ist für den Ausgebeuteten natürlich auch ein “Anderer”, gegenüber dem als solchem die totale Unterwerfung gefordert ist. Zwar müsste sich auch der Ausbeuter dem von ihm Ausgebeuteten “unterwerfen”, das darf der Ausgebeutete ihm aber gerade nicht seinerseits abverlangen …

Friedrich Engels und die Wahrheit

Vor ein paar Tagen zufällig gefunden, ein Zitat von Friedrich Engels aus dem “Anti-Dühring”, etwa von 1877:

“Die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern; weder die eine noch die andre kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer der Menschheit vollständig verwirklicht werden.” (MEW, Bd. 21, S. 80)

Da es keine unendliche Lebensdauer gibt, gibt es auch keine Wahrheit. Beruhigend. Da man einen unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, will man ihn zumindest denken können, was wiederum nur unsouverän möglich ist. Unendliche Lebensdauer lässt ans Jenseits denken, womit man sagen kann, dass Engels das Einlösen der absoluten Wahrheit dem überließ, was man gemeinhin Gott nennt.

(Foto: genova 2003)

Vom “falschen, verdrehten Bewusstsein”

Nichts Neues, aber ungemein prägnant auf den Punkt gebracht. Der Adorno-Schüler Oskar Negt im Spiegel:

“Die gegenwärtig vorherrschende Form des falschen, verdrehten Bewusstseins, das, was ich die Ideologie betriebswirtschaftlicher Rationalisierung mit ihrer Umverteilung nach oben und dem Sparzwang nach unten nenne, läuft den traditionellen Emanzipationsidealen von Aufklärung, Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichheit zuwider. Dieser verkürzte, auf Anpassung an das Bestehende ausgerichtete Realitätssinn höhlt die politische Moral aus und gefährdet damit das Fundament unserer Demokratie.”

Dem Marxschen “falschen Bewusstsein” fügt Negt “verdreht” hinzu. Sicher eine Folge der Postmoderne: Wer traut sich heute noch, kommentarlos von “richtig” und “falsch” zu sprechen?

Postmodern ist es auch, dass der Spiegel ohne zu Zögern einen fundamentalen Kritiker wie Negt ausführlich zu Wort kommen zu lassen und im nächsten oder übernächsten Artikel genau den neoliberalen Blödsinn zu fordern, den Negt kritisiert.

Alles ist möglich. Nichts hat Konsequenzen.

Man könnte sich ja eh mal fragen, wieso der ganze neoliberale Nonsense kurz nach Achtundsechzig wieder ausbrach, mit Bretton Woods und Pinochet und Reagan und Thatcher und rotgrün undundund bis zum von Negt erwähnten vorläufigen Höhepunkt der 480-Milliarden-Bankenrettung?

Alles im Angesicht der Adorno-Schüler.

Neu in der Blogroll: Einschnitte

Nettes Blog, das sich um so interessante Menschen wie Marcuse, Zizek, Saramago und Foucault kümmert. Und das ohne viele Worte:

Einschnitte

René Pollesch und das interpassive Theater

Der Dramatiker René Pollesch erklärt in seinem neuen Stück “Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!”, das vorgestern in der Berliner Volksbühne Premiere hatte, Interpassivität, also die Theorie von Robert Pfaller, nach der Menschen dazu neigen, Handlungen und Objekte an Dritte zu delegieren, zum Beispiel Pornos zu gucken statt selbst zu pimpern oder ganze Bücher zu kopieren, statt sie zu lesen oder fremden Menschen via TV beim Kochen zuzuschauen, statt selbst zu kochen etc.

Der Schauspieler des Ein-Mann-Stücks, Fabian Hinrichs, erzählt den Zuschauern, was er unter interpassivem Theater versteht:

“Interpassives Theater wäre, wenn der Schauspieler am Ende der Vorstellung mit Ihrem Partner nach Hause geht. Dann müssen Sie das nicht tun.” (aus dem Kopf zitiert)

Entweder hat Pollesch den Pfaller nicht verstanden oder ich. Interpassives Theater wäre doch eher, sich ein Theaterabo zu kaufen und dann nicht hinzugehen. Oder seinen Partner hinzuschicken. An anderer Stelle im Stück wird Dosengelächter eingespielt, so mussten wir Zuschauer nicht selbst lachen. DAS wäre interpassives Theater.

Egal. Interessant jedenfalls war, dass Pollesch im Stück das Jahr 1971 als große Zeitenwende definiert: das Ende von Bretton Woods und damit der Beginn des Finanzkapitalismus. Als historische Zäsur wäre das jedenfalls mindestens so sinnvoll wie die üblichen Einteilungen mit 1945 und 1989 oder gar 2001 wegen nine eleven.

Die Volksbühne als künstlerischer Ort politischer Aufklärung. Fast wie in den 1920ern. Ob mit oder ohne Partner.

Update, 15.1.: Der Blogozentriker beschreibt Interpassivität viel besser, als ich das hinkriege.

Sloterdijk: Der Pitbull, der nur spielen will

Zu der Sloterdijk-Honneth-Debatte erschien vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung ein angenehmer Beitrag von Dirk Pilz, der die Chose auf einen politischen Punkt bringt: Die Sloterdijkschen Ausführungen seien

“letztlich eine Aufforderung zum politischen Umsturz. Wehe uns, wenn sie gehört wird.”

Ergänzen sollte man, dass es ein rechter politischer Umsturz wäre. “Klassenkampf von oben” nennt das Honneth. Um genau diesen politischen Gehalt geht es, denn das philosophische Niveau der Debatte ist ja überschaubar. Sloterdijks Merkmale werden von Peitz noch einmal komprimiert dargestellt: Eine verquaste, umständliche Schreibe, das Erfinden “abstruser Thesen”, seine Fixiertheit auf die Kritische Theorie und deren Verteter (mittels dessen er überhaupt erst seinen Bekanntheitsgrad erreichte), und sein Sozialdarwinismus, dessen Ursprünge man psychologisch suchen sollte.

Auf diese Punkte möchte ich kurz zu sprechen kommen.

Die Gemengelage führt dazu, dass Sloterdijks Thesen kaum einmal als das bezeichnet werden, was sie sind: Bullshit. Das ganze ist intellektuell so unterbelichtet, dass man paradoxerweise kaum die Energie aufbringen kann, es zu widerlegen: es ist doch offensichtlich. Die Reichen sollen mittels eines Steuerboykotts einen Bürgerkrieg von oben beginnen. Wenn sie Lust haben, zahlen sie einen Obulus, wenn nicht, dann nicht. Das macht also eine Gesellschaft freier Bürger aus. So eine Art radikalisierte Reaganomics. Sloterdijk und Co. fordern, dass der Staat den Gestrauchelten  in der Gosse liegen lässt, bis ein Reicher vorbeikommt, der gerade gute Laune hat und hilft. Natürlich ist das alles nur ein “Denkspiel”. So wie der Pitbull, der nur spielen will.

Alle zur Verfügung stehenden Zahlen belegen das finanzielle Auseinanderlaufen der Gesellschaft, die verwehrten Aufstiegschancen; wer es wissen will, weiß es und auch um die kapitalistische Logik, die dahintersteht. Wie man in dieser Situation einfach das Gegenteil behaupten und eine Verschärfung der Situation fordern kann, erschließt sich nicht mehr auf einer sachbezogenen Ebene, sondern ist wohl, wie gesagt, eher psychologisch zu erklären.

Dazu fällt mir ein: Sloterdijk und Bohrer, Henkel, Miegel, Sinn und die anderen Verdächtigen haben wahrscheinlich eine langentwickelte Abneigung gegen alle, die nichts in ihrem Sinn Herausragendes leisten. Also kein Unternehmen gründen, kein Millionärserbe antreten, nicht über ein sechsstelliges Jahreseinkommen verfügen, nicht einmal den Unterschichtlern hin und wieder verbal die Fresse polieren. Bei der Lektüre von Meinhard Miegels ebenfalls sozialdarwinistisch gelagertem Bestseller “Die deformierte Gesellschaft” vor einigen Jahren hatte ich einen ähnlichen Eindruck. Diese Leute engen den Begriff des Menschseins auf einen ökonomischen ein. Dazu kommt das typisch deutsche Fabulieren vom ewigen Kampf, dass man der Beste sein müsse oder eben gar nicht. Dass es  eine Freude darstellen kann, sich mit einem Bier in die Sonne zu setzen, ist nicht begreiflich. Deshalb muss gegen die vorgegangen werden.

Pikant ist daran noch zweierlei: Zum einen, dass sich die biertrinkende Unterschicht ja gerade in einem kapitalistischen Sinn vorbildlich verhält. Die besetzen keine Arbeitsplätze (wenn sie vom Amt nicht dazu gewzungen werden), sondern verballern ihr gesamtes Einkommen im Konsum. Zufriedene Verbraucher, die nichts produzieren, was wiederum zusätzlicher Konsumenten bedürfte. Was will das System eigentlich mehr? Doch diejenigen, die sich der fortgeschrittenen Systemlogik am besten anpassen, werden von denen am meisten gehasst, die für diese Logik verantwortlich sind und deren exzessiv produktivesVerhalten das System am schnellsten kollaborieren lässt. Zum anderen der Gedanke, auf den mich der Bloggerkollege Momoroulez in einem Kommentar zu diesem Beitrag gebracht hat: Der Neokonservatismus ist eine Form des Leninismus, was das Elitedenken angeht. Während im Original die Arbeiter von einer Elite diktatorisch in die Revolution geführt werden sollten, übernimmt die Elite bei den anderen lediglich die Funktion, sich vom Rest abzusetzen – finanziell und sozial, und geographisch vielleicht irgendwann auch.

Lechts und Rinks kann man hier tatsächlich leicht verwechslern.

Alle wichtigen Texte zu der Debatte findet man übrigens bei den Nachdenkseiten.

Kurze Vorbemerkung zu “Adorno und der Jazz”

Bersarin von Aisthesis und Momoroulez von Metalust und Subdiskurse (siehe Blogroll) sowie ich haben kürzlich lose verabredet, ein paar Adorno-Aufsätze zur Ästhetik und zum Jazz zu lesen und darüber zu reden. Eine schöne Idee. In den letzten Tagen habe ich nicht gelesen, sondern darüber nachgedacht und festgestellt, dass ich mit Adornos Ästhetik im Unreinen bin. Dazu ein paar Sätze.

Adornos Reiz bestand für mich seit den Tagen meines Nebenfachphilosophie-Studiums in den Neunzigern vor allem in der Dialektik der Aufklärung, dem dortigen Kulturindustriekapitel und seinen vielen kleinen Texten zu diesem und jenem (beispielsweise in den Minima Moralia und den Prismen). Seine beiden Hauptwerke, eben vor allem die Ästhetische Theorie, aber auch die Negative Dialektik, waren mir zu sperrig, der Aufbau zu abstrus und seine Idee, dass in einem Text jeder Satz gleichweit vom Mittelpunkt entfernt sein müsse, zu unpädagogisch. Nichts gegen einen guten Essay, aber bitte nicht auf 500 Seiten. Für eine genaue Lektüre fehlte mir also die Zeit, und da das eine dämliche Ausrede ist: der Antrieb. (Nebenbei: Die Negative Dialektik schenkte mir ein Freund zum bestandenen Examen mit der lustigen Widmung “Eine unbeschwerte Lektüre wünscht …” Wohl dem, der das schafft!).

Der Grundgedanke der Negativen Dialektik ist mir dennoch sympathisch, bei der Adornoschen Ästhetik bleibe ich reserviert, obwohl das eigentlich kaum zu trennen sein sollte. Ich bin da, wie gesagt, nicht drin, aber man braucht ja immer einen Anlass, sich mit etwas zu beschäftigen, und der fehlt mir da eben.

Sicher ist mir der (neo-marxistische) Ansatz nicht fremd, der Kunst und Gesellschaft zusammendenkt und auch ein angeblich interesseloses Wohlgefallen in irgendeiner Weise gesellschaftlich verortet. Kunst als Gesellschaftskritik. Und dass Kunst im Kapitalismus zur Marke, zum unverbindlichen Angebot einer individuellen Wertsteigerung des Subjekts degradiert wird, ist jedem offensichtlich, der sehen kann. Spätestens, wenn Westerwelle erzählt, dass er die Leipzig School sammelt, sollte man stutzig werden. Kunst als Affirmation ist bestenfalls Kunsthandwerk, das ich gar nicht lächerlich machen will, doch das sollte man dann auf einer anderen Ebene verhandeln. Kunst sollte aber genausowenig Affirmation eines gedachten Anderen sein, sondern versuchen, den Schein, das nicht-begriffliche Andere auszudrücken, und das am besten mimetisch.

So weit, so theoretisch. Doch was sagt Adorno konkret über Ästhetik, über Kunst, über Musik? Was mir zentral in Erinnerung ist: Kunst muss sich am avanciertesten Stand des Materials orientieren, sonst ist sie keine. Schon damit habe ich meine Probleme. Was ist der avancierteste Stand des Materials und wer bestimmt das? Ist das nicht gnadenlos elitär und eindimensional? Dieser Fortschrittsgedanke hat etwas Zwanghaftes.

Vorab: In dem, was schlechte Musik ist, kann man Adorno leicht zustimmen.  Der “durchs Radio dressierte Hörer” (EM, S. 39) hört viel musikalisch Regrediertes, das sich an das “unerbittlich strikte Schema” (ebd.) zu halten hat sicher. Die Wiederkehr des Immergleichen.”

Doch was ist gute Kunst? Schon Adornos Musikgeschichte hat etwas Monothematisches? Die Vorklassik  hat das Subjekt nicht berücksichtigt und ist deshalb uninteressant. Nun ja. Beethoven hat sich radikale gestalterische Freiheiten erlaubt, Mozart drückt durch “Mannigfaltigkeit, in den zartesten Übergängen” (PM, S. 79) das Subjekt nuanciert in seinem Umfeld aus, bestimmt richtig. Die Romantik hat versagt, weil der Anspruch der Einheit ein romantisch-verklärter war, das Subjekt war verloren. Der Expressionismus hat als Gegenbewegung das Subjekt absolut gesetzt. Soweit der Kurzdurchlauf, der ja seine Begründung haben mag, ich kenne mich da nicht gut aus. Doch wenn die historische Entwicklung in den 1920er Jahren auf die Zwölftonmusik hinausläuft und auf sonst nichts, dann ist mir das zu blöd. Da musste es die Zwölftonmusik sein, alles andere war nicht avanciert genug: “Philosophie der Musik ist heute nur möglich als Philosophie der neuen Musik” (PM, S. 19).

Was ist an der Zwölftonmusik so toll? Die Zwölftonreihe ist eine Folge der zwölf gleichberechtigten Töne einer Oktave, die vom Komponisten festgelegt wird. Als Variati­onsmöglichkeiten stehen die Spiegelung, also die Umkehrung an der Horizontalen, au­ßerdem der Krebs, die Umkehrung an der Vertikalen, und schließlich die Spiegelung des Krebses, also die horizontale Umkehrung des Krebses, zur Verfügung.In einer Reihe darf kein Ton wiederholt werden, ehe nicht die anderen elf intoniert wurden. Das führt dazu, dass es keine Leittöne mehr gibt. Alle Töne sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen und jeder Ton die gleiche Nähe zum Mittelpunkt des Werkes haben. (Erinnert an an Adornos Idee vom Essay.) Tonalität schlägt in Atonalität um. Dadurch existiert kein Thema mehr im herkömmlichen Sinn, sondern vielmehr die Reihe, die an dessen Stelle tritt. Diese verbindlichen Regeln führen zu einer gewissermaßen mathematischen Art des Komponierens. Es gibt keine “freie” Note mehr.

Und genau so hört sich das für meine Ohren an. Ich will mir gar kein Urteil anmaßen über die theoretische Qualität dieser Musik. Aber mein Gefühl beim Hören – und ich habe das Gefühl, dass das kein Ressentiment ist – ist ein ernüchterndes. Und dieses Gefühl will ich nicht zur Gefühlsduselei herabgewürdigt wissen.

In einem Zeit-Artikel zum Thema hat Christoph Drösser einiges Interessantes gesagt, was aber von kompetenten Zeigenossen wie Bersarin und Momoroulez in der Luft verrissen wurde. Mir ist die Kritik nicht grundfremd, aber sie lässt mich unbefriedigt. Drösser hat sich mit der Hörerfahrung von Zwölftonmusik beschäftigt und meint im Kern: Wer sich in die Zwölftonmusik erst einmal hineingehört hat, kann davon berührt werden. Aber das setzt eine musikwissenschaftliche Ausbildung voraus. Wer die nicht hat, scheitert an der neuen Musik. Also praktisch alle.

Elitenbildung und Fachwissen auf hohem Niveau als Voraussetzung für Hörgenuss? Und wer dieser Elite nicht angehört, hört halt regressiven Schrott? Mit dieser Einstellung konnte Adorno in seinem Verhältnis zum Jazz nicht weiterkommen. Und dieses geradezu zwanghafte Verhältnis zu Musik ließ ihn offensichtlich auch nicht auf die Idee kommen, seine aus den 1930er Jahren stammende Meinung in den Fünfzigern oder Sechzigern zu überdenken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er damals den zeitgenössischen Jazz nicht wahrgenommen hat. Er war diesbezüglich extrem abgehoben, und das soll er ruhig, aber aus dieser Warte alle anderen musikalischen Bemühungen nicht nur zu relativieren, sondern sie als Ausdruck des falschen gesellschaftlichen Bewusstseins zu diskreditieren, schließt auf einen zweifelhaften Elitebegriff, der gerade einem Adorno nicht gut zu Gesicht steht.

Ich habe den Eindruck, als verteidigten die Drösser-Kritiker die Zwölftonmusik, weil sie ihn nicht nur als Zwölftonmusikkritiker wahrnehmen, sondern als Kritiker der Dialektik der Aufklärung. Und das ist meiner Meinung nach zu kurz gesprungen. Sicher ist Drössers Auffassung Blödsinn, dass Adorno “alles Schöne und Gefällige in der Musik verhasst” gewesen sei, aber das war ja nicht der wesentliche Gehalt des Artikels.

Dabei war Adorno selbst gleichzeitig auch ein Kritiker der Zwölftonmusik. Auch sie ist vorm dialektischen Umschlag nicht gefeit. Der Zwölftonkomponist muss bei seiner Arbeit “warten, welche Zahl her­auskommt und [kann] sich freuen, wenn es eine ist, die musikalischen Sinn gibt” (PM, S. 67). Der Kom­ponist, ange­treten, um mittels selbst gesetzter Regeln Musik durchorganisiert und kon­trol­liert zu schaffen, wird Opfer seiner selbst. “Keine Regel erweist sich als repressiver denn die selbstgestellte.” (PM, S. 69) Neue Musik als systemstabilisierend wie ein Schlager, wäre jene so simpel wie dieser. Die Darmstädter Ferienkurse für neue Musik sollten dem wohl abhelfen. Cage und Stockhausen machten die Sacher allerdings nicht besser.

In dem Aufsatz Vers une musique informelle nennt Adorno übrigens einige Kriterien für gute Musik, die aufhorchen lassen. Es soll eine sein, “die im Produktionsprozess selbst sich nicht absehen lässt” (VMI, S. 523), eine, “die die Angst los wird, indem sie reflektiert und ausstrahlt, sich nicht von ihr gängeln lässt. Aber die Angst vor dem Chaos ist musikalisch nicht anders als sozialpsychologisch: überwertig” (VMI, S. 514). Das trifft auf viele Varianten des Jazz zu. (zumal man den Jazzbegriff generell auf den Müll werfen muss, weil sich mittlerweile so viel unter ihm subsumiert, dass er wertlos geworden ist.) Angst vor dem Chaos würde ich  eher der Zwölftonmusik attestieren als Avantgarde-Jazz. Adorno war somit vielleicht nahe dran, auch andere zeitgenössische Musik fair zu bewerten. Er sprach sogar vom fehlenden “Triebleben der Klänge” und: “Nicht bloß die Töne sind vorweg gezählt, der Primat der Linien lässt die Klänge verkümmern”. (PM, S. 83). Doch ihm fehlte der Mut zum Groove, stattdessen wurde er in Darmstadt noch extremer. Ich habe den Eindruck, er lehnte dort musikalische Ordnung um des Prinzips willen ab, statt den Ordnungsbegriff als quantitativ hintanzustellen und stattdessen zu gucken, was die Musik mit ihm macht.

Der historisch sedimentierte Geist auf seinem entwickeltesten Niveau, der auch in Musik zum Ausdruck kommt, erlaubt mehr als zwölf Töne. Der avancierteste Stand des Materials kann sich in einem guten Groove genauso entfalten wie seinerzeit in der genialen Bitches Brew von Miles Davis oder in den besten Sachen von Coltrane oder eben auch in den späten Sonaten von Beethoven. Selbst ein Dudler wie Grant Green und seine Mitstreiter schaffen es auf Green is beautiful (was sich gerade auf meinem Plattenteller dreht), einen lässigen Sound mit treibenden Percussions und Congas zu spielen, bei dem sich diese beiden Komponenten, Lässigkeit und Getriebenheit, wunderbar ergänzen und durch die weiche und warme Gitarre unterstützt werden. Ist das wie ein “Einrichtungsgegenstand, wie gefälliges Ledersofa, reduzierbar auf einen billigen Gebrauchswert”, wie Bersarin meint? Ich fände es dreist, das als regressiv zu bewerten, bloß weil es im Viervierteltakt bleibt und gleichzeitig  Cage oder Stockhausen irgendwelche Geräuschinstallationen zusammenbasteln, die kein Schwanz mehr versteht außer Adorno und seine Adepten in Darmstadt und Donaueschingen. Vielleicht ist Green aber auch nur die bessere Kiffer-Musik. Ja, Musik soll Genuss bereiten! Von jedem guten Film erwarte ich das, egal, wie sperrig er ist. Wenn mir ein Film nicht in irgendeiner Weise Genuss bereitet, ist es kein guter Film. Dann ist zumindest ein Kriterium nicht erfüllt. Bei Musik ist das genauso. Oder wird der Genussbegriff auf Popcorn und Cola im Kino und auf möglichst störungsfreies Gequatsche, während im Hintergrund die Musik läuft, reduziert?

In den Ideen zur Musiksoziologie schreibt Adorno etwas Merkwürdiges: “Ob der Pulsschlag eines Musikhörenden sich be­schleunigt, und ähnliches, bleibt gegenüber dem spezifischen Verhältnis zu ge­hörter Musik ganz abstrakt.”

Vielleicht war das sein Problem. Man sollte Musik nicht nur mit den Noten in der Hand hören. Wenn Musik sich auf Wissenschaft reduziert, beschneidet sie sich wesentlicher Eigenschaften. Jazz ist dann abzulehnen genau wie die Musik indigener Völker oder geistig Behinderter. Der sedimentierte Geist ist kein universaler, der sich nur in der einen Wahrheit verkündet. Wenn ich das Triebleben der Klänge suche, kann ich auch mal mit den Fingern schnippen. Auch ohne Geräuschinstallationen kann ich die realen gesellschaftlichen Verhältnisse ablehnen.

Soweit dieser kleine Versuch einer Vorbemerkung zu Adornos Verhältnis´ zum Jazz. Ich bin kein Fachmann, wollte das aber ganz unausgegoren mal gesagt haben.

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Die meisten Zitate habe ich einer alten Seminararbeit von mir zum Thema entnommen. Abkürzungen:

PM: Philosophie der Neuen Musik, Franfkurt a.M. 1993. (ist, glaube ich, identisch mit dem entsprechenden Band in den GS)

EM: Einleitung in die Musiksoziologie, Frankfurt a.M 1973. (ebenfalls identisch)

VMI: Vers une musique informelle, GS 16.