Archiv der Kategorie: Literatur

“…dass ein System nicht durch Freundlichkeit gestoppt werden kann”

Ein paar kluge Sätze des österreichischen Schriftstellers Franz Schuh (Foto) in der NZZ (via tomate), die sich nicht nur die Occupyesoteriker merken sollten:

“Dass die Geldverdiener Geld verdienen, ist in der Logik des kapitalistischen Systems klar. Ihnen das nachher vorzuwerfen, weil sie über ein Mass hinausgehen, halte ich nicht für moralisch, sondern für moralisierend. Das Mass existiert in diesem System gar nicht.”

Ja. Die Frage ist also, warum das Maß nicht existiert. Franz Schuh weiter:

Man soll sich immer wünschen, dass sich die Leute moralisch verhalten, aber diesen Wünschen lässt die Systemlogik relativ wenig Platz. So bleibt die Möglichkeit, das System im Ganzen als irrational und seine Logik als falsch anzuprangern. Mit dem Anprangern wird auch die Schwäche der Polemik offenbar, denn ein Pranger ist eine altmodische, überholte Sache. Die Frage, wie man dieses System aus den Angeln hebt, wird man nur marxistisch beantworten können, auch Nichtmarxisten machen das. Zum Beispiel so: Die Einzigen, die das System aus den Angeln heben, sind die Leute, die selbst das System verkörpern. Das System schafft Situationen, die so unerträglich sind, dass man nie wieder auf die Idee kommen wird, so etwas zu etablieren. Ich meine keine kalte Abwehr der Moral. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass ein System, von dem alle lange geglaubt haben, immer davon profitieren zu können, nicht durch Freundlichkeit gestoppt werden kann, also nicht, indem wir nach einwandfreien moralischen Regeln miteinander umgehen. Am allerwenigsten wird der Vorwurf der Gier die Akteure von ihrer Gier abhalten.

(Hervorherung von mir.)
Eigentlich recht selbstverständliche Worte. Aber heutzutage dringend nötig. Schuh gefällt mir in diesen Stellen so gut, weil er in der Lage ist, analytisch zu reden. Und das, wo Analyse mangels Wissen und Überblick gerne in “Empörung” aufgeht, wobei man sich da fragen kann, ob die sich wirklich empören, oder ob das schon wieder eine gesellschaftliche antrainierte Haltung ist: Man ist empört ob irgendeiner Ungerechtigkeit so wie man sich weiland empörte über J.R in Dallas, ohne jemals die Strukturen dahinter zu erkennen. Schon, weil man sie nicht erkennen wollte. Empörung hat ja auch etwas Befreiendes, wozu also etwa ändern?

Ein Beispiel für Verwirrtheit ist der Schauspieler Walter Sittler. Er ist bekannt geworden wegen seines Engagements gegen Stuttgart 21 und hat sich da natürlich verdient gemacht. Aber kürzlich blättere ich in change, der Zeitschrift der Bertelsmann-Stiftung, über deren neoliberale Ausrichtung schon ganze Bibliotheken vollgeschrieben wurden, und was sehe ich da? Im Schwerpunkt “Bürgerbeteiligung” erzählt Sittler ausführlich über seine Ansichten und kapiert offensichtlich nicht, wem er das gerade erzählt. Die Bertelsmann-Stiftung geht hier geschickt vor: Ein anerkannter Verfechter für Einmischung von unten wird von eine Propagandablatt von oben, einem Organ der Entmündigung, der antiemanzipatorischen, neoliberalen, neofeudalen Politik instrumentalisiert. Change stellt sich hier formal natürlich auf die Seite der kritischen Bürger, die etwas fordern.

Sittler merkt es nicht. Zwingend wäre für ihn bei solch einem Interview natürlich, auf die katastrophale Rolle der Stiftung gerade im Bereich zivilen, kritischen Engagements hinzuweisen, das sie eliminieren will, nicht fördern. Tut er aber nicht. Stattdessen erzählt er:

“Ich beobachte die Aussagen vieler Politiker ganz anders: Sie sind parteipolitisch gefärbt und haben mit der Realität oft nichts zu tun. Ich bin vielleicht ein bisschen klarer geworden.”

Parteipolitisch gefärbt, ach nee. Da braucht es offenbar die Planung eines unterirdischen Bahnhofs, um das zu merken. Und so wahnsinnig klar kann Sittler nicht sein, wenn er mit change redet und nichts kapiert. Und das vor dem Hintergrund, dass man alles wissen kann, wenn man sich nur ein kleines bisschen bemüht. Leute wie Franz Schuh geben die Latte vor, an der man sich gefälligst zu orientieren hat.

Sittlers Verhalten ist ein Beispiel von vielen, an dem man zeigen kann, wie hervorragend dieses System funktioniert. Obwohl die Widersprüche klar zutage treten, werden sie systemisch prima kaschiert. Mappus war ein Polittrottel der alten Schule, so in Franz-Josef-Strauß-Manier. Das zieht heute nicht mehr. Das smarte Umarmen des Gegners ist geschickter. Was folgt, ist Verwirrung der Protagonisten, heißen sie nun Occupy Berlin oder Walter Sittler.

Genau deshalb braucht es Leute wie Franz Schuh. Der aber wird von change nicht interviewt. Es könnte ja gefährlich werden.

(Fotos: Wikipedia und genova 2011)

Dreamteam Lafontaine/Wagenknecht

Oskar Lafontaine wird ja die Tage als wiederkehrender Parteivorsitzender der Linken gehandelt. Zusammen mit Sahra Wagenknecht wäre des meines Erachtens eine echte Chance für nachhaltige linke Politik. Zwei hochprofessionelle und kundige Politiker, die über umfassende nationalökonomische Kentnisse verfügen, ihren Marx gelesen haben, sie vor allem theoretisch massiv fundiert, er mit Kenntnis der Praxis ausgerüstet. Beide verfügen gleichzeitig über populistische Qualitäten, ohne die es im Politikbetrieb nicht geht. Gleichzeitig wäre allzu pragmatischen Linksparteifunktionären das Leben schwerer gemacht.

Das alles aus schlicht realpolitischer Sicht: Was ist aktuell möglich? Das wäre schon das Maximum und die ostdeutschen Pragmatiker innerhalb der Linkspartei werden sich mit Wagenknecht wohl kaum abfinden. Aber man darf ja mal kurz träumen.

(Zwischen) Scheiden entscheiden

Ein lustiges Sprachspiel aus den Elementarteilchen von Michel Houellebecq. Der sexuell dauerfrustrierte Bruno macht Ferien im “Ort der Wandlung”, einer Art Alt-68er-FKK-Dauerbumsanlage. Bruno ist auf einer mit Leibern vollen Rasenfläche auf der Suche und…

“…stolpert sozusagen zwischen den Scheiden her. Als er sich allmählich sagt, dass er sich entscheiden müsse, …”

Ein Sprachwitz, den Houellebecq wahrscheinlich gar nicht beabsichtigt hat, denn er funktioniert im Französischen nicht, vermute ich: dieselbe Sprachwurzel von “Scheide” und “entscheiden”. Houllebecq schrieb im Original wohl von vagin und von decider oder choisir oder ähnlichem. Schade, denn es würde zu Brunos Geschichte passen. Und zwar auf zwei Ebenen. Zum einen die schon erklärte, zum anderen: “Entscheiden” meint hier tatsächlich nicht entweder – oder, sondern weder – noch. “Entscheiden” im Sinne von “entsagen”, nicht annehmen, nicht bekommen. Bruno bekommt keine Scheide ab, zumindest nicht auf dem Rasen. Er hat sich wahrhaft entschieden, er ist entschieden.

Ansonsten bemerkt Bruno sehr richtig, dass sich Männer, völlig unabhängig von ihrem Alter, ausschließlich für Mädchen bzw. Frauen im Alter von 15 bis 20 Jahren interessieren. Werden die Frauen älter, sind sie frustriert, weil sich keiner mehr für sie interessiert. Sie lassen sich dann in der Regel ein Kind machen und leiten ihr Zärtlichkeitsbedürfnis auf das Kind um. Diesen Vorgang nennt man euphemistisch “Erziehung” oder, seit Sarrazin wieder, “Arterhaltung”. Die Männer werden mit zunehmendem Alter immer frustrierter, weil sich kaum eine 15- bis 20jährige für alte Männer interessiert (Ausnahmen: Serge Gainsbourg und Udo Jürgens). Es gälte hier, den jungen Dingern Sitte, Moral, Anstand und vor allem Respekt vor dem Alter beizubringen.

Soweit Bruno, ein Alter ego von Houellebecq. Ein sympathischer älterer Mann.

Rainald Goetz über Matthias Matussek: “Komplett über seine geistigen Verhältnisse”

Nochmal flott zum Egozentriker Matussek, weil Rainald Goetz anlässlich einer Veranstaltung mit Rüdiger Safranski pointiert über ihn schreibt (Klage, 2008):

“Wenn Matussek redet, im weit offenen Hemd, werden Worte zu Vokabeln ohne Zugriff auf die geistigen Inhalte, die sonst von ihnen bezeichnet werden, werden Argumente zum rein körperlichen Akt des Sprechens, der nur noch dazu da ist, Expressivität vorzuführen, Intensivität und Plausibilität … Er hat sich völlig daran gewöhnt, dass er vokabularmäßig dauernd komplett über seine geistigen Verhältnisse lebt. Ein tolles Spektakel war dieser Abend, auf den Matussek in seinem Videoblog selbst hingewiesen hatte, vielen Dank.”

Treffend. Ergänzen könnte man, dass einem Journalisten heutzutage in Journalistenschulen gerne  beigebracht wird, wie man dauernd komplett über seine geistigen Verhältnisse schreiben kann. Die Tatsache des fehlenden Fachwissens wird nicht etwa durch sich anzueignendes Fachwissen kompensiert, sondern durch einen Schreibstil, der darauf ausgerichtet ist, das Fehlen des Fachwissens vor dem Leser zu verstecken.

Bei Matussek ist es ein rechts-reaktionäres, oberflächliches Bewusstsein von Geschichte, das er mit seinem Stil zu etwas Flottem, Lockerem, Energetischem hinbiegt. Beispielhaft noch immer sein Eintreten für´s Berliner Stadtschloss im Spiegel von 1998. Rechter, ahistorischer Blödsinn von der ersten bis zur letzten Zeile, kein Verständnis für Architektur noch für deren Geschichte, noch für Geschichte überhaupt, kein einziges seriös begründetes Argument; mir zu nervig, das auseinanderzunehmen. Schinkel ist da plötzlich Rekonstruktionsbefüworter. Aber dieser Blödsinn, der jedem Volontär um die Ohren gehauen werden müsste, schaffte es in den Spiegel.

Zu Rainald Goetz gehören allerdings auch Sätze wie (ebenfalls aus Klage):

“Die figurative Malerei ist am Ende, hatte ich zu Daniel Richter in der Paris Bar gesagt, das war mir am Tage zuvor bei Norbert Bisky eingefallen.”

Was eitle (oder schon egomane?) Selbstbespiegelung angeht, ist Goetz von Matussek so weit nicht entfernt. Der Unterschied ist, dass ersterer sehr gut beobachtet, im Detail und in positivem Sinn unpolitisch, und deshalb das plattmachende Klischee, vielleicht ironisierend gemeint, hin und wieder braucht, als Ausbruch aus der Genauigkeit.

Rainald Götz über Ursula von der Leyen

Wenn die Allzuvernünftigen allzu vernünftig und grausam überlegen lächelnd ihre Vernünftigkeitsvorstellungen über den von ihnen nur noch gleich einzurichtenden Vernunftzustand der Welt dazulegen anfangen, fangen die allergrellsten Alarmglocken zu schrillen an, das ist der Kern meines Einwandes gegen eine Figur wie Ursula von der Leyen. Vernunft macht den Einzelnen auch verrückt, weil sie eine zwangsgewalt ist, die vorgibt, wozu zuzustimmen ist, weil ja einzusehen ist, dass es vernünftig ist. Wenn der Exorzismus der Unvernunft allzu maßlos wird, kommt die Stabilität des gesamten Systems, das seine Ordnung einer Vernunftherrschaft unterstellt hat, in Gefahr. Gesellschaftliche Ordnung muss auch genügend Raum für Unvernumft vorsehen, sonst drehen die Leute an den Rändern durch.

(Rainald Götz, Klage, 2008)

Der Kern eines Einwandes gegen eine Figur wie Ursula von der Leyen könnte natürlich ein politischer sein, es handelt sich ja um eine Politikerin. Aber vielleicht kann man jemanden wie von der Leyen besser greifen, wenn man auf genau das zu sprechen kommt: Ihre unerbittliche, zwanghafte und nur vermeintliche Vernünftigkeit, gepaart mit einem süffisanten Lächeln, das sie noch dem letzten Hart-IV-Hanswurst als Vorbild empfehlen soll: Seht her, macht es so wie ich! Bekommt sieben Kinder, verdient sieben Millionen und habt maximal sieben Falten im Gesicht, aber nur ganz leichte. Ihr schafft das! Eine 70-Stunden-Woche und trotzdem eine tolle Mutter für ihre sieben Kinder.

Diese Vernünftigkeit kommt deshalb zwanghaft rüber, weil ihre Ansprüche nicht erfüllbar sind, wie auch. Sie ist höchstwahrscheinlich eine Rabenmutter. So wie Politiker in solch einer Situation Rabenväter sind. Diese leyensche Vernünftigkeit passt prima zur neoliberalen Logik des allseits kapitalschaffenden Menschen, der alles schafft. Wenn nicht, ist er selbst Schuld.

Und das ist wahrscheinlich die Botschaft, die sie uns übermitteln will.

Cora Stephan. Ein Irrtum

Schnell ein paar Zeilen, die ich mir auch schenken könnte.

Es geht um eine Frau namens Cora Stephan, die ein Buch namens “Angela Merkel. Ein Irrtum” geschrieben hat. Das Interview, das die FASZ deswegen vergangenen Sonntag mit ihr führte, ist ein Lehrstück politischer Dummheit.

Frau Stephan, 2005 haben Sie Angela Merkel gewählt. Jetzt sind Sie enttäuscht. Warum?

“Ich habe „Angie“ gewählt, eine Frau mit einer deutlichen Sprache und einem mutigen Reformprogramm.”

Sagt eine Frau, die sich hauptberuflich mit Sprache beschäftigt. Cora Stephan ist Schriftstellerin. Was meint sie mit “deutlicher Sprache”, was mit “Reform”, was mit “mutig”? Angie? Die FASZ fragt nicht nach, obwohl exakt das bei diesen Phrasen die Hauptaufgabe eines Journalisten wäre.

Wann hat Merkel Ihre Zustimmung verloren?

“Ach, ich habe wie viele andere lange die Hoffnung nicht aufgegeben. Aber es bewegte sich einfach nichts. Und dann kam die Sarrazin-Debatte. Da ist mir der Geduldsfaden gerissen. Wie bitte? Die Frau, die von Mut und Freiheit geredet hat, erklärt ein Buch für „nicht hilfreich“, das sie noch nicht einmal gelesen hat?

Peng. Eines der dümmsten politischen Argumente des vergangenen Jahres fehlt also auch nicht. Man darf demnach die Thesen eines Menschen nicht kritisieren, wenn man sein Buch nicht gelesen hat, auch wenn der zig Seiten Vorabdrucke in Spiegel, Bild etc. bekam, wochenlang ununterbrochen in den Medien seine Thesen präsentierte, von allen Seiten analyisiert wurde? Und Merkel soll ihre Zeit damit verschwenden, es zu lesen? Ist Frau Stephan nicht auf die Idee gekommen, dass es Referenten gibt, inhaltliche Zuträger, ohne die man wichtige Ämter nicht ausfüllen könnte? Und was hat die Kritik an Sarrazin mit Mut und Freiheit und dem angeblichen Mangel daran zu tun?

Daneben das übliche neoliberale, tausendmal wiederholte, formelhafte, sozialdarwinistische Geplappere. Sie stellt “Fragen einer Steuerzahlerin”, die sie mit Begriffen wie “Sozialstaatsillusion”, “Befreiungsschlag” “Reformmotor” beantwortet. Sie will die Reformmotormerkel zurück. Geilomat.

Der Sozialstaat jedenfalls wuchert  wie die Sau:

“Als schlichte Steuerzahlerin fragt man sich ja, warum man da nicht gleich hartzen geht.”

Ja, wer so schlicht ist, dem sollte ein starker Staat unter die Arme greifen. Auf zum Amt!

Das Motiv der schweigenden Mehrheit darf natürlich nicht fehlen. Endlich mal eine kritische Bürgerin:

Werden Sie Merkel wieder Ihre Stimme geben?

“Nein. Obwohl ich die Alternativen auch nicht sonderlich attraktiv finde. Vielleicht werde ich die größte Partei von allen stärken: die der Nichtwähler.”

Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Dazu passt eine Bemerkung aus einem Beitrag von ihr für die Welt:

“Es kommt hinzu, dass die beständig wahlkämpfenden Politiker am liebsten jene Klientel bedienen, die Stimmen versprechen. Und das sind alle, die ungern am Ast sägen, auf dem sie sitzen: Rentner, Beamte, Staatsangestellte, Arbeitslose und Harz-IV-Empfänger.”

Exakt diese fünf Gruppen sind nachweislich die Verlierer der Politik der vergangengen Dekade. Welche Wahrnehmungsstörungen liegen solchen Aussagen zugrunde? Muss man nur fleißig die Welt und ähnliche Blätter lesen? Vermutlich. Vielleicht kommt bei ihr die aktuelle Diskussion, ob Arbeitslose fünf oder acht Euro mehr kriegen, als bevorzugte Klientelbedienung an.

Die SPD hat es auch nicht gebracht:

Schröder wurde für seine Agenda 2010 abgestraft.

” Aber nicht zuerst von der Bevölkerung, sondern von seiner Partei.”

Hätte die Partei nicht gemurrt, dann hätte der Wähler nichts gemerkt und Schröder wäre immer noch mit 40 plus x Prozent Kanzler. Und Angie mutige und freiheitliche Oppositionsführerin.

In dem Interview plappert sie so skurrile Sätze, dass man kaum glauben kann, dass sie das Ernst meint. Letzte Kostprobe, gemeint ist wiederum “Angie”:

“In ihren Reden als Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin spürte man eine geradezu emphatische Freiheitsliebe.”

Wer ist Cora Stephan? Eine Krimiautorin aus Frankfurt, die – Achtung – 2006 Jurymitglied für den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt war. Wer hat da den Preis bekommen? Sarrazin? Vielleicht aber auch die emphatisch freiheitsliebende Angie, damals hatte das Jurymitglied die Hoffnung ja noch nicht aufgegeben. Beim “Deutschen Atomforum” trägt sie ebenfalls vor und fordert allen Ernstes den “Bau neuer, sicherer, effizienterer Atomkraftwerke”, was für jemanden, die hauptberuflich mit Sprache zu tun hat, nicht schlecht ist. Neu, sicher, effizient, wer kann da schon nein sagen? Ich nicht. Wahrscheinlich fordert sie auch besseres Wetter für Deutschland. Ich auch. Sie hinterfragt keinen Begriff und benutzt zielsicher all das, was ihr die neoliberalen Spindoktoren lauwarm vorgesetzt haben. Reformmotor. Brummbrumm.

Was rät sie, um die german angst vor Atomkraft zu überwinden, kein Scherz?

“Gespräche mit Wissenschaftlern und Ingenieuren bei Besuchen in Atomkraftwerken.”

Cora Stephan scheint Teil dieses informellen deutschen rechten Deppennetzwerks zu sein, Achse der Guten, Bolz, Baring, Henkel etc. Von irgendwoher eine Reputation haben und sie fürs Ressentiment nutzen.

Andererseits: Stephan schrieb in den Achtzigern für den Pflasterstrand und promovierte zuvor über “die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert”. Sie scheint der Fraktion der Gewendeten anzugehören, die das nur mit analytischer Niveaulosigkeit schaffen, Broder ähnlich. Eine Art deutsche Tea-Party. Es wäre also ratsam, ihr Geplapper aus biographischer Perspektive zu untersuchen, was ich naturgemäß nicht leisten kann, da ich die Frau bis vergangenen Sonntag gar nicht kannte.

Und warum gibt die FASZ diesem Schwachsinn ein Forum? Wo fast täglich Bücher auf den Markt kommen, wie man sagt, die eine publizistische Förderung verdient hätten? Hat Cora zu Schirrmacher ähnlich gute Kontakte wie zur Adornopreisjury? Ist Frankfurt ein Dorf? Änderte man den Titel des Buches ein wenig ab, wäre es zu bewerben: Cora Stephan. Ein Irrtum. So aber ist das Buch so überflüssig wie diese Zeilen. Ich sollte sowas künftig bleiben lassen.

So sieht sie aus, die Cora:

(Foto: Wikipedia)

Thomas Bernhard und der “Verrat in den Köpfen”

Ein großes Ereignis, das hier im führenden Literaturblog des deutschsprachigen Raums noch nicht gewürdigt worden ist: Die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld. Wobei ich nur auf folgende Briefpassage Bernhards aus dem Jahr 1970 aufmerksam machen möchte:

Meine Deutschlandfahrt kann, alles in allem, als eine deprimierende Bestandsaufnahme aller Zustände betrachtet werden, mit welchen ich zwischen Passau und Lübeck konfrontiert worden bin. Der Unsinn und die mit dem Unsinn gemeinsame Sache machende Dummheit, mit welcher noch nie soviel Staat zu machen gewesen ist wie heute, ist erschreckend in Deutschland. Die Oberfläche ist eine enervierend-gemeine, unter welcher sich eine ungeheuere Körper- und Geisteskatastrophe anzukündigen scheint. Der Verrat ist in allen Köpfen und in allem, worauf diese Köpfe sich zu existieren getrauen, ein vollkommener. Die Revolutionäre als Intelligenzler oder Intelligenzler als Revolutionäre (das alles ist nichts als zum speien!) überfressen sich in den chinesischen und jugoslawischen und italienischen Restaurants. Das ganze ist abstossend, weil es in Deutschland ist.

Mit sehr herzlichen Grüssen Ihr

Thomas B.

Bitte lassen Sie Anfragen, ob ich irgendwo vorlese, gleich wo, damit beantworten, dass ich das Vorlesen hasse und nicht mehr vorlese.

Auffällig, wie viele schlaue Zeitgenossen der Achtundsechziger schon damals ihr Unwohlsein mit den Aktivisten nicht verbergen konnten, und das, obwohl sie gesellschaftliche Veränderungen wollten. Adorno ist auch so ein Fall, der die Protagonisten der Studentenbewegung  als Linksfaschisten bezeichnete. Bernhard und Adorno als so prominente wie unterschiedliche Vertreter eines Typus von Intellektuellen, denen ihre ungeheure Sensibilität einen sehr genauen Kompass bereitstellte für die Lüge. Der eine reagierte mit der Flucht in die Musik, der andere mit Schimpftiraden. Beide auf einsamem Niveau.

Doch blicken wir beim Stichwort Lüge besser in die Gegenwart. Die enervierend-gemeine Oberfläche, die die Grundlage für eine Geisteskatastrophe bietet, ist aktueller denn je und das kann man täglich und stündlich beobachten, da braucht es keine Achtundsechziger mehr. Beispielsweise, ganz profan, wenn im Deutschlandfunk, wie heute geschehen, ein Vertreter des Instituts der Deutschen Wirtschaft behauptet, Hartz IV habe zu mehr Beschäftigung geführt und die Hauptursache für Armut sei Arbeitslosigkeit. Jeder, der es wissen will, weiß: Hartz IV hat dazu geführt, dass Millionen für Hungerlöhne arbeiten und inoffiziell weiterhin rund sechs Millionen Menschen arbeitslos sind. Humanmüll. Wahrscheinlich hat der Wirtschaftsvertreter seine Version der Dinge schon millionenmal behauptet, deshalb widerspricht niemand mehr. Und das ist nur ein klitzekleines Beispiel. Der Verrat ist mittendrin in den Köpfen. Wie komme ich jetzt auf Orwell?

Es ist eine systemische Menschenverachtung, die sich auf Veranlassung des Kapitals breitgemacht hat, gegen die die Parolen und Aktionen der Achtundsechziger sich wie billige Anfängerversuche übereifriger Praktikanten ausnehmen. All die spin doctors, all die PR-Tagelöhner sind viel erfolgreicher, als es demonstrierende Menschen je sein könnten. Und man sollte nicht vergessen: Die Achtundsechziger kämpften für das Gute und die Institute der Deutschen Wirtschaft kämpfen für das Böse. Dass die neoliberale Logik ausgerechnet im abstossenden Deutschland ihre wirksamsten Erfolge feiert, ist sicher auch kein Zufall.

Wie auch immer, es sieht es ganz so aus, als sei der gesamte Briefwechsel äußerst lesenswert: für Literaturhistoriker und vor allem für Freunde des immer noch so geilen Bernhard-Stils, der heute fehlt. Die ganzen netten Schriftsteller, die Germanistik studiert haben, um danach Bücher zu schreiben: Die hassen das Vorlesen nicht. Leider.

“Titus, iss noch ein Stück Biobanane!”

Umweltbewusste Konsumenten sind unpolitisch. Das denke ich mir schon länger und jetzt gibt es erfreulicherweise ein Buch, dessen Autorin das auch so sieht: Kathrin Hartmann heißt sie, und das Buch heißt “Ende der Märchenstunde”.

Der unpolitische Konsument ist zeitgeistig auf der Höhe und sieht sein Leben als Projekt. Er findet es toll, dass Automobilkonzerne für jedes verkaufte Auto einen Baum spendieren. Er glaubt, “mit seinem Einkaufskorb die Welt retten” zu können. Unpolitische Konsumenten finden überhaupt vieles toll, denn sie denken positiv. Man will ja irgendwie vorne dabeisein, so hat man das als Angehöriger der Post-No-Future-Generation gelernt. Mach dein Ding. Kritik muss dann begrenzt sein auf Einzelphänomene, die sich – Grundbedingung – partytauglich wiedergeben lassen.

Ganz komisch auch die aktuelle Ausgabe der Zeit. Dort geht es fast ausschließlich um den anstehenden Klimagipfel in Kopenhagen und um persönliche CO2-Bilanzen. Betroffene vierköpfige Familien schauen den Leser aus großen Fotos an und es begegnen einem Ausrufe, die mittlerweile angeblich auf Spielplätzen en vogue sind: “Titus, iss noch ein Stück Biobanane!” Daneben stehen Grafiken, die zeigen, wie fortschrittlich sich diese Familien verhalten. Ein Papi und Zeit-Redakteur hat ein schlechtes Gewissen, weil er sich bei einem Dienstflug nach Singapur wie “eine Dreckschleuder” verhalten habe: “über sieben Tonnen Kohlendioxid”! Außerdem wohnt er in Hamburg weit draußen, wegen der innerstädtisch hohen Mieten. Warum die Mieten so hoch sind? Darüber wird auf den zig Themaseiten der Zeit nicht diskutiert.

Diese unpolitischen Ansätze passen in unsere unpolitische Zeit. Jetzt ist es plötzlich total interessant, ob ich von A nach B den Zug oder das Auto oder das Flugzeug nehme, als ob die Umwelt davon in irgendeiner Weise Notiz nehmen würde. CO2 ist ein öffentliches Problem, kein privates. Es müsste deshalb, beispielsweise, gefragt werden, warum die Bundesregierung die Bahn laut Koalitionsvertrag immer noch privatisieren will und damit ein effektives verkehrspolitisches Instrument aus der Hand gibt. Es müsste gefragt werden, warum Inlandsflüge in der Regel billiger sind als Inlandszugfahrten. Es müsste gefragt werden, warum ein Einzelfahrschein des öffentlichen Nahverkehrs in Passau teurer ist als in Paris. Es müsste gefragt werden, warum es immer noch kein Tempolimit auf Autobahnen gibt. Es müsste gefragt werden, warum der LKW-Verkehr in Deutschland bis 2025 um prognostizierte 40 Prozent zulegen wird. Es müsste gefragt werden, warum Mieter keinerlei Einfluss auf die Energiesanierungsbereitschaft ihres Vermieters haben. Es müsste – gerade von dem skurrilen Papi und Zeit-Redakteur – gefragt werden, warum innerstädtische Wohnungen in annehmbaren Wohnlagen immer unbezahlbarer werden und deshalb ein Leben der kurzen Wege schon am Geldbeutel scheitert.

Die Zeit könnte sich das zigseitenfache Gelaber sparen, wenn sie schlicht feststellen würde, dass mit der herrschenden neoliberalen Politik ökologisch kein Blumentopf zu gewinnen ist. Und solange sie das nicht tut, ist es völlig ok, wenn ihre Redakteure morgens mit 180 Sachen aus der Wohnung auf dem Land in die innerstädtische Redaktion brausen. Das muss dem Redakteur nicht peinlich sein. Peinlich sein sollte ihm nur, dass er Zusammenhänge nicht kapiert. Oder zumindest, dass er das Buch von Kathrin Hartmann nicht gelesen hat.

Die Welt wurde in den vergangenen 20 Jahren privatim zugerichtet und entpolitisiert. Alles im Sinne des Kapitals. Insofern ist es kein Wunder, dass auch der durchschnittliche Zeit-Redakteur heute total engagiert ist und gleichzeitig keinen Durchblick hat. Aber wer hat den noch, außer Kathrin Hartmann und mir.

Wertigkeitstest für Buchläden

Weil Service ja so wichtig ist heutzutage, kommt jetzt etwas Praktisches:

Ein guter Test, um die Wertigkeit eines Buchladens zu prüfen: Die Zahl der Regale in der Esoterik- und der Philosophieabteilung vergleichen. Gibt es mehr Esoterik- als Philosophieregale, empfiehlt es sich, den Laden zu verlassen. Ist das Verhältnis umgekehrt, kann man sich umschauen.

Der Test für das von mir recht kritisch gesehene “Kulturkaufhaus” Dussmann in Berlin ergibt erstaunliches:

Sechs Regale Esoterik, sieben Regale Philosophie.

Ich habe mich umgeschaut.

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Verliebt, verlobt, verheiratet

Der frühromantische Dichter Novalis hat 1794 bei einer Reise Sophie von Kühn (Bild) kurz kennengelernt. Seinem Bruder schrieb er daraufhin, diese “Viertelstunde” habe gereicht, sein “Leben zu bestimmen” und kündigte die Heirat an. Sophie war damals zwölf Jahre alt. Die beiden verlobten sich ein halbes Jahr später, an Sophies 13. Geburtstag. Novalis war 22.

Ins Tagebuch notierte er in den kommenden Monaten über seine Verlobte, sie sei “frühreif” und habe dennoch einen “Hang zum kindischen Spiel”. Störend fand Novalis ihr “Tabaksrauchen” sowie ihre “Dreistigkeit gegen den Vater”. Außerdem mache sie “sich nicht viel aus Poesie”, was blöd sein kann, wenn man demnächst einen Dichter heiraten soll.

Was das Fräulein von Kühn von Novalis hielt, ist mir nicht bekannt.

Bemerkenswert und für mich neu: Offenbar konnte sich in Deutschland noch kurz vor dem 19. Jahrhundert ein erwachsener Mann mit einem Kind verloben. Vielleicht aber auch nur, wenn das Kind schon rauchte.

Lustig ist der Antwortbrief des Bruders an Novalis. Er riet von der Heirat ab, aber nicht etwa wegen des Alters des Mädchens:

“Wie kannst Du in einer Viertelstunde ein Mädchen durchschauen?… Wenn Du mir ,ein Vierteljahr` geschrieben hättest, so hätte ich noch Deine Talente in der Kenntnis des weiblichen Herzens bewundert, aber eine Viertelstunde, denke nur selbst an, eine Viertelstunde, das klingt gar zu wunderbar…”

Times they are changin`. Sophie wurde übrigens krank und starb mit 15, deshalb wurde es nichts mit der Heirat.

Wer es genauer wissen will: Hier findet man in einer Uni-Arbeit Details.

(Gefunden in einem Reclam-Büchlein von Herbert Uerlings über Novalis, erschienen1998.)

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