Ein paar kluge Sätze des österreichischen Schriftstellers Franz Schuh (Foto) in der NZZ (via tomate), die sich nicht nur die Occupyesoteriker merken sollten:
“Dass die Geldverdiener Geld verdienen, ist in der Logik des kapitalistischen Systems klar. Ihnen das nachher vorzuwerfen, weil sie über ein Mass hinausgehen, halte ich nicht für moralisch, sondern für moralisierend. Das Mass existiert in diesem System gar nicht.”
Ja. Die Frage ist also, warum das Maß nicht existiert. Franz Schuh weiter:
Man soll sich immer wünschen, dass sich die Leute moralisch verhalten, aber diesen Wünschen lässt die Systemlogik relativ wenig Platz. So bleibt die Möglichkeit, das System im Ganzen als irrational und seine Logik als falsch anzuprangern. Mit dem Anprangern wird auch die Schwäche der Polemik offenbar, denn ein Pranger ist eine altmodische, überholte Sache. Die Frage, wie man dieses System aus den Angeln hebt, wird man nur marxistisch beantworten können, auch Nichtmarxisten machen das. Zum Beispiel so: Die Einzigen, die das System aus den Angeln heben, sind die Leute, die selbst das System verkörpern. Das System schafft Situationen, die so unerträglich sind, dass man nie wieder auf die Idee kommen wird, so etwas zu etablieren. Ich meine keine kalte Abwehr der Moral. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass ein System, von dem alle lange geglaubt haben, immer davon profitieren zu können, nicht durch Freundlichkeit gestoppt werden kann, also nicht, indem wir nach einwandfreien moralischen Regeln miteinander umgehen. Am allerwenigsten wird der Vorwurf der Gier die Akteure von ihrer Gier abhalten.
(Hervorherung von mir.)
Eigentlich recht selbstverständliche Worte. Aber heutzutage dringend nötig. Schuh gefällt mir in diesen Stellen so gut, weil er in der Lage ist, analytisch zu reden. Und das, wo Analyse mangels Wissen und Überblick gerne in “Empörung” aufgeht, wobei man sich da fragen kann, ob die sich wirklich empören, oder ob das schon wieder eine gesellschaftliche antrainierte Haltung ist: Man ist empört ob irgendeiner Ungerechtigkeit so wie man sich weiland empörte über J.R in Dallas, ohne jemals die Strukturen dahinter zu erkennen. Schon, weil man sie nicht erkennen wollte. Empörung hat ja auch etwas Befreiendes, wozu also etwa ändern?
Ein Beispiel für Verwirrtheit ist der Schauspieler Walter Sittler. Er ist bekannt geworden wegen seines Engagements gegen Stuttgart 21 und hat sich da natürlich verdient gemacht. Aber kürzlich blättere ich in change, der Zeitschrift der Bertelsmann-Stiftung, über deren neoliberale Ausrichtung schon ganze Bibliotheken vollgeschrieben wurden, und was sehe ich da? Im Schwerpunkt “Bürgerbeteiligung” erzählt Sittler ausführlich über seine Ansichten und kapiert offensichtlich nicht, wem er das gerade erzählt. Die Bertelsmann-Stiftung geht hier geschickt vor: Ein anerkannter Verfechter für Einmischung von unten wird von eine Propagandablatt von oben, einem Organ der Entmündigung, der antiemanzipatorischen, neoliberalen, neofeudalen Politik instrumentalisiert. Change stellt sich hier formal natürlich auf die Seite der kritischen Bürger, die etwas fordern.
Sittler merkt es nicht. Zwingend wäre für ihn bei solch einem Interview natürlich, auf die katastrophale Rolle der Stiftung gerade im Bereich zivilen, kritischen Engagements hinzuweisen, das sie eliminieren will, nicht fördern. Tut er aber nicht. Stattdessen erzählt er:
“Ich beobachte die Aussagen vieler Politiker ganz anders: Sie sind parteipolitisch gefärbt und haben mit der Realität oft nichts zu tun. Ich bin vielleicht ein bisschen klarer geworden.”
Parteipolitisch gefärbt, ach nee. Da braucht es offenbar die Planung eines unterirdischen Bahnhofs, um das zu merken. Und so wahnsinnig klar kann Sittler nicht sein, wenn er mit change redet und nichts kapiert. Und das vor dem Hintergrund, dass man alles wissen kann, wenn man sich nur ein kleines bisschen bemüht. Leute wie Franz Schuh geben die Latte vor, an der man sich gefälligst zu orientieren hat.
Sittlers Verhalten ist ein Beispiel von vielen, an dem man zeigen kann, wie hervorragend dieses System funktioniert. Obwohl die Widersprüche klar zutage treten, werden sie systemisch prima kaschiert. Mappus war ein Polittrottel der alten Schule, so in Franz-Josef-Strauß-Manier. Das zieht heute nicht mehr. Das smarte Umarmen des Gegners ist geschickter. Was folgt, ist Verwirrung der Protagonisten, heißen sie nun Occupy Berlin oder Walter Sittler.
Genau deshalb braucht es Leute wie Franz Schuh. Der aber wird von change nicht interviewt. Es könnte ja gefährlich werden.
(Fotos: Wikipedia und genova 2011)





