Archiv der Kategorie: Lebensweisen

Fortuna Düsseldorf: kein Skandalspiel, sondern Skandalmedien

Mal ehrlich: Was ist denn in der Schlussphase des Relegationsspiels der Fortuna überhaupt Schlimmes passiert? Ein paar hundert oder tausend Fans sind zwei Minuten zu früh aufs Spielfeld gerannt. Wahrscheinlich dachten sie, das Spiel sei schon vorbei. Nachdem sie ihren Irrtum eingesehen hatten, sind sie brav wieder auf die Ränge zurückgekehrt. Ansonsten war doch alles friedlich, soweit man das überblicken kann. Mit Feuer spielen liegt in der Natur des Menschen, wie Andreas Lambertz zeigte.

Und es ist doch nett anarchisch, dass die Fans nach dem Spiel das Tor zerlegen und sich Rasenstücke mitnehmen. Andere sammeln schnelle Autos. Der Moment, in dem Zuschauer den Rasen betreten, ist ja ein ganz besonderer. Eine normalerweise nicht überschreitbare Grenze, deren Überschreitung eben deshalb reizvoll wird. Und wann soll dafür der richtige Moment sein, wenn nicht beim Aufstieg? Und wenn ich wissen will, was denn wirklich Gravierendes vorgefallen sein soll in den Minuten kurz vorm Abpfiff, finde ich Folgendes:

Mit einem Mal lagen die Menschen sich auf dem Platz in den Armen, einige brannten Feuerwerkskörper ab, ein Mann schnitt den Elfmeterpunkt aus dem Rasen.

Ja, wirklich schlimm.

Was da rauskommt, ist doch in erster Linie die Verlogenheit weiter Teile der Medien. Man will ein “Fußballfest”, heitere Fans, aber bitte alles im Rahmen, und zwar in dem, in dem die Bundesliga finanziell attraktiver wird. Da sind die abgesperrten VIP-Lounges für irgendwelche Lobbyhanseln eben wichtiger als jemand, der eine Fackel hochhält. “Skandal-Spiel” heißt es jetzt, und man spürt die Aufgeregtheit der Medien, die es total geil finden, dass etwas passiert. Die Fotostrecke bei Spiegel-online bringt prima Bilder, stimmungsgeladen, atmosphärisch dicht, es menschelt, und ohne die Feuer wäre das nur halb so bunt.

Die Mediengesellschaft braucht den prinzipiell unkontrollierbaren Effekt, er bringt dem Karussel Millionen. Die zahlenden Deppen sitzen zuhause vorm Fernseher und empören sich über ein Feuerwerk, ganz so, wie es der Kommentator vorgibt. Nur bitte immer schön im Rahmen bleiben. Nicht zufällig redet diese Männerwelt ja auch immer über Emotionen, nie über Gefühle.

Also, Glückwunsch der Fortuna zum Aufstieg und den Fans für die gute Unterhaltung!

P.S.: Zum Thema Fußball und Gewalt ist das hier interessanter.

Warum die Bäume in Berlin noch einen Monat stehenbleiben dürfen

Das Angenehme an dem sonnigen und milden Wetter im März ist nicht nur das sonnige und milde Wetter, sondern auch der Umstand, dass im März die Bäume noch nicht blühen. Das heißt, die Sonne kommt durch und scheint sonnig und mild auf die nackte Haut, was zwei Monate später nicht mehr der Fall ist. Zumindest in Berlin.

In Berlin gibt es von Mai bis November nur Schatten, weil es überall Bäume gibt, und zwar fast immer mit Blättern dran, die so groß sind, dass man ganze Blogeinträge auf ihnen niederschreiben könnte, hätte man einen blattsensitiven Stift zur Hand. Nach November gibt es keinen Schatten, aber Dunkelheit, weil die Sonne dann nicht scheint bzw. so tief steht, dass man sie nicht sieht.

So ist also der März der beste und eigentlich der einzige Berliner Sonnenmonat (gesetzt den Fall, die Sonne scheint), solange meine nach wie vor postulierte Forderung nach dem Umhauen von mindestens der Hälfte aller Bäume in Berlin nicht umgesetzt wird.

Man versuche, sich in einem Nachmärz- und Vornovembermonat am Wann- oder Schlachtensee in die Sonne zu legen. Unmöglich. Alles voll vermodertem und dunkel- und somit unheilbringendem Grünkrempel über und neben und vor und hinter einem. Für jemanden, der an lichten, luften, sonnigen und klaren stadtnahen Baggerseen aufgewachsen ist, ein klarer Rückschritt. Für mein Gefühl sind lichte und luftige Baggerseen ein typisch westdeutsches Phänomen. Deshalb sind Wessis auch besser gebräunt als Ossis. Während der Wessi sich einfach an den lichten und luftigen Kiesstrand und also in die sonnige und milde Sonne legt, verfängt der Ossi sich im Gestrüpp.

Zurück zum Thema: Bäume gehören dahin, wo sie hingehören und wo sie sich sicher auch zuhause fühlen: in den Wald.

Doch ich bin gewohnt kompromissbereit: Bäume in der Stadt sind tolerierbar. Solange sie keine Blätter haben.

Sie nennen es Essen

Holland und Esskultur: zwei Begriffe, die man gemeinhin nicht in Verbindung bringt. Versucht man es doch, wird es desaströs. Es gibt in Holland keine Esskultur. Es gibt nur Nahrungsaufnahmekultur. Die besteht in der Regel darin, dass man ein Stück Abfallfleisch erst paniert, dann fritiert, dann in Mayonnaise ertränkt und wohl bekomm´s. Als Nachtisch gibt es Vla, ein zu 90 Prozent aus Zucker hergestelltes sogenanntes Milchprodukt in diversen Geschmacksrichtungen. In einem durchschnittlichen holländischen Supermarkt besteht schätzungsweise ein Drittel der Verkaufsfläche aus Vla-Produkten, ein weiteres Drittel aus anderen Süßigkeiten.

Überhaupt ist der Besuch eines holländischen Supermarktes in einer ländlichen Region für den Kulturwissenschaftler zu empfehlen. Er unterziehe sich in der Obst- und Gemüseabteilung (das dritte Drittel) dem Versuch der Blindverkostung. Ich nehme das Ergebnis vorweg: Egal, ob ich in eine Gurke beiße, in eine Tomate oder in eine Karotte: Es schmeckt alles gleich, nämlich nach nichts. Holland ist der wohl einzige Staat der Erde, in dem man etwas Ungesundes zu sich nimmt, wenn man Obst und Gemüse isst.

Vielleicht ist das alles kein Wunder in einem Land, in dem auf natürlichem Weg nur Unkraut wächst, weshalb man früh dazu überging, Gewächshäuser anzulegen. Dass man die minderwertigen Ergebnisse dieser Bemühungen mittlerweile selbst in portugiesischen Supermärkten kaufen kann, zeigt vor allem, dass die Holländer schon immer gute Geschäftsleute waren.

Der Versuch, in Holland etwas zu essen, zeigt auch die Problematik des Protestantismus auf: Es kommt bei dieser Entsagerei nichts Vernünftiges heraus, zumindest nicht im Diesseits. Putzige Häusschen, keine Gardinen,  alles sauber, alles kontrollierbar. Schaut man durch ein Fenster in die Wohnung, sieht man adrett gekleidete Menschen in aufgeräumten Zimmern aufrecht in Sesseln sitzen, gute Bücher lesen und Vla essen. Manchmal essen sie auch keinen Vla, aber sie lesen immer ein gutes Buch. Niemals sieht man jemanden auf dem Sofa herumfläzen oder einen Porno gucken. Man kann in einem holländischen Haus nicht mal onanieren, es sei denn man ist Exhibitionist.

Die Form, das Maß, der Kopf ist alles, Genuss ist verpönt. Keine Völlerei, kein Exzess, außer mit Mayonaise und Vla. Die massive Zuckerzufuhr als Glücksbringer muss da wohl sein. Ich könnte jetzt natürlich auch schreiben, weshalb Holland trotzdem eine Reise wert ist, aber das ist ein anderes Thema.

(Foto: genova 2010)

Warum Wulff noch heute zurücktreten muss

Darum:

Jeder Haus- mit Gartenbesitzer weiß, dass man eine große Rasenfläche nicht mit der Gardena-Classic-Impuls-Brause wässert, wie Wulff es oben tut, sondern mindestens mit einem Gardena-Standardregner, bei der Wulffschen rechteckigen Rasenfläche besser noch mit einem Gardena-Viereckregner. Und wer etwas auf sich hält, was der Präsident sicher tut, müsste ein ausgeklügeltes Gardena-Sprinkler-System zum Einsatz kommen lassen. Wichtig für den vielreisenden Wulff ist zudem die Gardena-Urlaubsbewässerung, mit der man “entspannt in den Urlaub fahren und mit einem Lächeln zurückkehren” kann, wie der sympathische Gartenausstatter aus Ulm auf seiner Webseite berichtet. Doch auch davon ist auf dem Foto nichts zu sehen.

Das mit dem Lächeln ist Wulff jedoch gelungen.

Also: Wer seinen Rasen mit der falschen Brause wässert, ist dümmer als jeder Kleingärtner und somit als Präsident nicht geeignet, nicht einmal als Kleingarten-Präsident. Wer darüber hinaus eine halbe Million Euro ausgibt für ein ausgesprochen hässliches Haus mit Billig-Klinkern, lächerlichem Krüppelwalmdach und Sprossenfensterimitaten ist auch ästhetisch ungeeignet für das höchste Amt im Staat. Und wer meint, er müsse nur mal schnell Jackett und Krawatte ausziehen, die Gardena-Classic-Impuls-Brause als Gardena-Viereckregner- oder gar als Gardena-Sprinkler-System-Imitat in die Hand nehmen und ein Schwiegersohngrinsen aufsetzen, um die nötige Glaubwürdigkeit für den Bundespräsidentenposten zu ergattern, hat die Rechnung ohne die Millionen deutscher Gartenfreunde gemacht. Denen kann man vielleicht einen Wust von 476 abgeschriebenen Seiten als Doktorarbeit verkaufen, aber keine Gardena-Classic-Impulsbrause als Gardena-Viereckregner oder gar als Gardena-Sprinkler-System. Irgendwo hört der Spaß auf. Wobei: Wer Sprossenfenster imitiert, imitiert auch Viereckregner. Wulff bleibt sich also treu.

Im selben und lesenswerten FAZ-Artikel von Niklas Maak ging es übrigens hauptsächlich um neue, innovative Wohnarchitektur in Tokio in Fortschreibung dessen, was die Metabolisten in den 1960ern vorschlugen. Sehr sehenswerte Sachen, mit individuell gestaltbaren Grundrissen auf kleinem Raum, mit einer schönen Balance zwischen individuellem Freiraum und den Anforderungen des Kollektivs, und zwar immer wieder neu austarierbar, mit geradezu skulpturalen Eigenschaften. Und viel preiswerter als das Wulffsche Haus, obwohl in Tokio gelegen und nicht in Hannover. Wulffs fremdfinanziertes Heim diente der FAZ als das deutsche Negativ-Beispiel. Man könnte fast eine Ahnung davon bekommen, was Fremdschämen bedeutet.

(Fotos abfotografiert aus der FAZ vom 4. Januar 2012)

(Zwischen) Scheiden entscheiden

Ein lustiges Sprachspiel aus den Elementarteilchen von Michel Houellebecq. Der sexuell dauerfrustrierte Bruno macht Ferien im “Ort der Wandlung”, einer Art Alt-68er-FKK-Dauerbumsanlage. Bruno ist auf einer mit Leibern vollen Rasenfläche auf der Suche und…

“…stolpert sozusagen zwischen den Scheiden her. Als er sich allmählich sagt, dass er sich entscheiden müsse, …”

Ein Sprachwitz, den Houellebecq wahrscheinlich gar nicht beabsichtigt hat, denn er funktioniert im Französischen nicht, vermute ich: dieselbe Sprachwurzel von “Scheide” und “entscheiden”. Houllebecq schrieb im Original wohl von vagin und von decider oder choisir oder ähnlichem. Schade, denn es würde zu Brunos Geschichte passen. Und zwar auf zwei Ebenen. Zum einen die schon erklärte, zum anderen: “Entscheiden” meint hier tatsächlich nicht entweder – oder, sondern weder – noch. “Entscheiden” im Sinne von “entsagen”, nicht annehmen, nicht bekommen. Bruno bekommt keine Scheide ab, zumindest nicht auf dem Rasen. Er hat sich wahrhaft entschieden, er ist entschieden.

Ansonsten bemerkt Bruno sehr richtig, dass sich Männer, völlig unabhängig von ihrem Alter, ausschließlich für Mädchen bzw. Frauen im Alter von 15 bis 20 Jahren interessieren. Werden die Frauen älter, sind sie frustriert, weil sich keiner mehr für sie interessiert. Sie lassen sich dann in der Regel ein Kind machen und leiten ihr Zärtlichkeitsbedürfnis auf das Kind um. Diesen Vorgang nennt man euphemistisch “Erziehung” oder, seit Sarrazin wieder, “Arterhaltung”. Die Männer werden mit zunehmendem Alter immer frustrierter, weil sich kaum eine 15- bis 20jährige für alte Männer interessiert (Ausnahmen: Serge Gainsbourg und Udo Jürgens). Es gälte hier, den jungen Dingern Sitte, Moral, Anstand und vor allem Respekt vor dem Alter beizubringen.

Soweit Bruno, ein Alter ego von Houellebecq. Ein sympathischer älterer Mann.

Zarte Bande

(Foto: genova 2011)

Norddeutschland: Anmerkungen zu einer Kulturnaturkatastrophe

Es ist jeden Sommer das Gleiche: Der deutschlandweite Verkehrsfunk meldet lange Staus auf den Autobahnen Richtung Norden. Hinter Hannover und hinter Osnabrück wird das Autoaufkommen dichter. Es handelt sich hierbei – das haben meine Recherchen zweifelsfrei ergeben – um sogenannte Urlaubsstaus. Es gibt offenbar viele Menschen, die nach Norddeutschland fahren, um dort Urlaub zu machen. Das wirft Fragen auf.

Der Gedanke ist an sich flüchtig und kaum denkbar: Urlaub in Norddeutschland. Die schönsten Wochen des Jahres, wie man sagt, in Norddeutschland verleben. Wozu ist Urlaub gut? Erholung, Sonne, Wandern, Landschaft, Köperertüchtigung, Kultur, regionale Küche: All das können Anliegen für einen Urlaub sein. Aber in Norddeutschland? Was also bringt erwachsene und bislang nicht für unmündig erklärte Menschen dazu, hunderte von Kilometern in eine Landschaft und in eine Kultur zu fahren, wie sie dumpfer, wie sie öder, wie sie einschläfernder und wie sie also menschenfeindlicher nicht sein könnte? In eine Katastrophenlandschaft und in eine Katastrophenkultur mit einem durch und durch katastrophalen Wetter zu reisen? Dröseln wir die Problematik auf.

Was heißt Landschaft? Was man in Norddeutschland außerhalb von Städten antritt, nennt man behelfsmäßig “Landschaft”. Doch der Begriff widersetzt sich der gewohnten Verwendung: Landschaft im herkömmlichen Sinn existiert dort nicht, alles ist nur zweidimensional. Alles, was man sieht, wenn man in Norddeutschland umherfährt, sind entfernt ein paar Baumkronen, davor Acker, dahinter Acker. Es gibt keinen Raum, es gibt nur das Nichts. Und zwar aus der Perspektive des Reisenden nicht etwa mal eine Viertelstunde, in der man eine Ebene durchquert. Nein, Stunden, Tage, immer. Der Süddeutsche verliert im Norden sein Gefühl für Raum und somit für Zeit. Der Norddeutsche hat beides wahrscheinlich nie bessessen.

Die Erfahrung von Topographie geht dem Norddeutschen zwangsläufig ab. Die Erfahrung von Raum, von Verhältnissen in ihm, ebenso. Das glücksbringende Gefühl, einen Talkessel zu durchfahren, ihn auf der anderen Seite leicht ansteigend zu verlassen und eine Natur- und Kulturlandschaft dadurch erfahren zu haben, also im buchstäblichen Rückblick auch einen Bruchteil des eigenen Lebens zu sehen, eine Ahnung von Nähe und Distanz zu bekommen, die Frucht der Arbeit in Form der geleisteten Bewegung, inklusive einem Gefühl von Geborgenheit, die ständigen Perspektivwechsel, die buchstäblich den Horizont erweitern: All diese Erfahrungen sind in Norddeutschland noch nie gemacht worden. Es ist traurig. Ich denke, dass in Norddeutschland Sozialisierte diese Erfahrung im Erwachsenenalter auch nicht mehr machen können, selbst wenn sie nach Süddeutschland ziehen. Es fehlt ihnen das sensuative Instrumentarium, das maßgeblich im Kinder- und Jugendalter ausgebildet wird. Der Norddeutsche ist nicht in der Lage, mit Raum umzugehen. Für ihn ist Bewegung im Raum sinnlos, weil es ja eh überall gleich aussieht. Auf dem Deich oder im Torf ein paar Meter hin oder her: egal. Deshalb bleibt er einfach sitzen. Der Norddeutsche freut sich angeblich über die Weite vor ihm, den unverstellten Blick. Aber unverstellt worauf? Man kann das Nichts nicht verstellen. Die einzige Möglichkeit für den Norddeutschen, eine Ahnung von Geborgenheit im Raum zu erfahren, ist, wenn er sich hinter den Deich kauert. Vielleicht kommt das ja vor. Ich weiß es nicht.

Ein typischer Sommertag in Norddeutschland. Im Vordergrund wächst Kohl, im Hintergrund beginnt das Nichts.

Damit leider nicht genug: Der Norddeutsche hat auch kein Verhältnis zu Farben, weil die einzige für ihn existierende Farbe Grau ist. Die dafür in allen Schattierungen. Das hat sicher seinen Reiz, aber nur ein paar Minuten lang. Norddeutsche müssen das ein Leben lang aushalten. Kaum vorstellbar, aber wahr. Auch das Gras ist in Norddeutschland nicht grün, sondern blass-grau, meinetwegen grün-grau. Selbst die Natur hat da oben eine depressive Komponente. Wer mag es ihr verdenken?

Wer nun meint, ich hätte zwar grundsätzlich recht, würde aber ein wenig übertreiben, dem empfehle ich eine Zugfahrt von Dortmund nach Hamburg. Irgendwo hinter Osnabrück sollte man die Sonnenblende runterlassen. Sonst erlebt man eine architektonische, materiale und somit kulturelle Unwucht, die dort flächendeckend praktiziert wird: Einfamilienhaussiedlungen mit vorgeblendeten Baumarktbilligklinkern, dazu Erker, Hochglanzziegel. Es ist alles voll davon. Sandstein ist in Norddeutschland unbekannt. Davor sitzen griesgrämige Menschen in Funktionsjacken. Früher setzte man in Norddeutschland herkömmliche Backsteine ein, ohne Klinker, jeder einzelne Stein hatte einen eigenen Charakter, war unverwechselbar, das hatte seinen Charme. Diese Individualität war wohl nicht erträglich. Die Norddeutschen haben mit ihrer Ersetzung des Backsteins durch den Baumarktklinker  das einzige, was in dieser Gegend je sehenswert war, was laut Merian oder Baedecker oder vielleicht sogar Lonely Planet einen Umweg und in einzelnen Fällen sogar eine Reise gelohnt hat, vernichtet, mutwillig und endgültig und – so vermute ich – hasserfüllt.

Norddeutschland ist – das muss ich leider schon an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen, auch wenn es schwer fällt – eine allumfassende ästhetische Katastrophe: Landschaft, Häuser, Freizeitkleidung. Je weiter man sich Richtung Westen begibt, desto schlimmer wird es. Ostfries- und Emsland stellen die Höhepunkte der durch und durch und überall spür- und sichtbaren Kulturnaturkatastrophe dar. Dort hat man das beklemmend klare Gefühl, an einem Ende der Welt angekommen zu sein, nämlich ganz unten. Nichts geht mehr.

Vielleicht merkt es der Leser: Im Versuch der Beschreibung Norddeutschlands versagt das herkömmliche Vokabular. Neben “Landschaft” ist  “Vegetation” so ein Fall. Die besteht im Norden aus teilweise trockengelegten Sümpfen, aus Torf und aus kurzem, hartem, ausgesprochen hässlichem Gras, es wächst wegen der Brise nicht höher. Hin und wieder ein geduckter, vom Wetter ausgemergelter Busch. Es wächst sowieso fast überhaupt nichts in Norddeutschland. Eigentlich nur Bäume mit sauren Äpfeln und Kohl. Der dafür aber in den Variationen Grün-, Rot- und Blumenkohl. Immerhin. So sieht dann auch die norddeutsche Küche aus. Es gibt Grün-, Rot- oder Blumenkohl, dazu antibiotikagefüllte Hühnereier aus Legebatterien (eine der wenigen gewinnbringenden Industrien da oben). Das Meer heißt Nordsee, es ist grau-braun und brackig. Engländer und Schotten bohren dort nach Öl, der Norddeutsche fängt dort hin und wieder Rollmops, der vermutlich so schmeckt, wie der Name klingt. Man isst, was man kriegt. Der nordische Vegetationsgott heißt Thor und fällt vor allem dadurch auf, dass er Steine wirft und mit selbstgebastelten Äxten um sich schlägt. Dieses Verhalten muss angesichts des realen Nahrungsangebots und also seines offensichtlichen Scheiterns als Verzweiflungstat gedeutet werden und belegt: Vor Norddeutschland kapituliert sogar Gott.

Zu Mops und Kohl gibt es selbstgebrannten Schnaps, der den Vorteil hat, das Elend um einen vergessen zu können.

Apropos Alkohol: Das ist im Norden nicht etwa ein Stimulationsmittel, um Geselligkeit, i. e. Kommunikation, verbal und nonverbal, zu fördern, sondern schlicht ein Antidepressivum. Allerdings eines, das nicht funktioniert. Was in der  Flensburger-Werbung für Unbedarfte als lustige Selbstironie rüberkommt, ist bittere Realität: Norddeutsche sitzen in der Regel schweigend nebeneinander. Zum einen, weil in der völlig ereignislosen Gegend nichts passiert, was soll man also erzählen? Zum anderen, weil das Getöse des “Windes” (den man in Norddeutschland gerne “Brise” nennt, aus der Perspektive von Kulturmenschen aber schon längst die umfassende Macht eines Orkans hat) eine Unterhaltung an durchschnittlich 350 Tagen im Jahr unmöglich macht. An Zeitunglesen ist auch nicht zu denken. Es haut einem die Seite im Nu ins Gesicht oder ins nächste Moor. Also sitzt man halt da und trinkt. In Funktionsjacken vorm Baumarktindustrieklinkerhaus hinterm Deich. Vielleicht blättert der ein oder andere Norddeutsche manchmal in der “Deutschstunde” von Siegfried Lenz, der dort oben deshalb gemocht wird, weil er Nordeutschland so beschreibt, wie es seine Leser gerne sehen möchten: als lebenswert. Naturgemäß interessiert sich außerhalb Norddeutschlands kein Mensch für Lenz. “Geselligkeit” bedeutet für Norddeutsche, dumpf im Wind zu sitzen  und alle paar Stunden eine neue Flasche Bier zu öffnen. Es erinnert an Loriot, aber es gibt keinen doppelten Boden. Es ist die Wirklichkeit.

Selten, sehr selten, kommt es vor: Die Temperatur steigt auf 20 oder gar 21 Grad, die Sonne lugt kurz durchs Dauergrau, die Brise lässt ein wenig nach. Wie reagiert der Nordeutsche? Er ist “wegen der Hitze” ernsthaft besorgt und befürchtet Ernteausfälle beim Kohl. Er kauft einen Tischventilator und flüchtet sich hinter den Baumarktbilligindustrieklinker. Das ist eine unterbewusste Abwehrhaltung gegen das Andere, das Angenehme, das in solchen kurzen und allzukurzen Momenten durchschimmert, die Ahnung, dass das Leben schöner sein könnte als nur grau und Wind und Kohl und Mops. Aber das ist dann wohl doch zu direkt, zu konkret, zu massiv. Und wie soll man sich darüber freuen, wenn man weiß, dass spätestens morgen alles wieder beim Alten ist?

Schwüle Luft, die die Menschen in Kulturgegenden weltweit so angenehm umfängt und ihnen zeigt, dass das Leben auf eine sorglose Art ernstgenommen werden kann, gibt es in Norddeutschland nicht. Schweiß gilt hier als Krankheit. Immer nur Brise. Wärme ist verdächtig. Frieren ist gut, weil das hart macht. Ich vermute, dass dem Norddeutschen selbst seine Köpertemperatur von 37 Grand verdächtig hoch vorkommt. Würden es 17 Grad nicht auch tun?

Als eine verschärfte Form von Folter stelle ich mir eine Radtour durch Norddeutschland vor. Man ist der Natur- und Kultur- und Wetter und also Menschenkatastrophe sonnenblendenfrei und also ungeschützt ausgesetzt, den ganzen Tag lang, man hat die glanzlackierten Industrieklinkerfassaden und Funktionsjacken in einer Massivität vor sich, dass es kein Entrinnen gibt. Hin und wieder, vielleicht, steht noch eine alte Scheune zwischen den Kulturnaturkatastrophen, die mit ihren Ziegeln daran erinnert, dass selbst Norddeutsche einmal eine Ahnung davon hatten, was eine kulturelle Leistung sein könnte. Es ist lange her. Wind und kalt und grau und stumme Menschen, die hinterm Deich kauern und Fremde feindselig anstarren. Besser keine Radtour durch Norddeutschland.

Man stelle sich den Kontrast zu Süddeutschland (oder, als erweiterter Begriff: Süden) vor: Es gibt dort Gegenden, in denen wachsen Wein, Bananen, Feigen, Oliven, Datteln, Pinien, es blühen Mandelbäume, es schlängeln sich saubere Bäche durch liebliche, wettergeschützte Täler, es gibt Mischwälder mit Buchen, Seen und Meere sind grün-blau und klar, nicht grau-braun und brackig, kurzum, es existieren dort Natur- und Kultur- und also Menschenlandschaften, in denen heitere Gelassenheit sich von selbst einstellt. Und das seit zweitausend Jahren. Damals brachten die Römer den Germanen bei, wie man sich wäscht und die Fußnägel schneidet und dass man sich auch ohne Grunzlaute verständigen kann. Ein typischer Südgott ist Bacchus, der für guten Wein als Quell der Freude sorgt und überhaupt allen Genüssen zugeneigt ist. Er soll auch schon mit einem Joint in der hohlen Hand gesehen worden sein.

Ein typischer Sommertag in Süddeutschland. Im Vordergrund wachsen Wein und Südfrüchte, im Hintergrund erkennt man einen lieblichen Talkessel.

In Nordddeutschland hat dieser Zivilisationsprozess nie stattgefunden. Die einzige mir bekannte kulturelle Eigenleistung der Norddeutschen besteht darin, sich auch am Abend noch mit “Guten Morgen” zu begrüßen. Immerhin, sie reden manchmal doch miteinander. Und als wohlwollender Mensch möchte ich diese Eigenleistung ausdrücklich würdigen.

Dennoch kann ich, soll das Wohlwollen nicht in lächerlich-übertreibendes und somit dieser sachorientierten Analyse abträgliches Anhimmeln umschlagen, nur konstatieren: Der Limes hat sich in den letzten 2.000 Jahren ideell ein bisschen nach Norden verschoben, ist aber nach wie vor die gültige kulturelle Grenze.

Die Hauptsstadt Norddeutschlands und somit das Zentrum der Katastrophe, die hier naturgemäß vor allem eine kulturelle ist, heißt Hamburg. Doch auch hier betone ich das Positive: Es gibt in Hamburg ein paar angenehme Straßenzüge, in denen aus dem Süden eingewanderte Menschen wohnen. Die machen das Beste aus ihrer misslichen Lage, ihnen gebührt all mein Respekt. Es gibt dort Restaurants, in denen man Speisen bekommt jenseits von Kohl und Rollmops. Der typische Hamburger dagegen zeichnet sich dadurch aus, dass er diese kleinen Oasen ignoriert und “seine” Stadt lieber aus der Rollmops-Perspektive für die schönste der Welt hält. Und zwar völlig ironiefrei. Die meinen das Ernst. Wer einem Hamburger gegenüber behauptet, dass es vielleicht doch eine schönere Stadt auf der Welt geben könne, ist raus aus dem Geschäft.

Andererseits ist der Glaube der Hamburger an die angebliche Schönheit ihrer Stadt verständlich. Im Umkreis von mindestens 200 Kilometern (i. e. “Norddeutschland”) sieht es ja so scheiße aus, dass Hamburg unter den Einäugigen König ist. Wie gesagt, die paar Straßenzüge. Ansonsten: Eine extrem weit auseinandergezogene Großsiedlung, durch die Tag und Nacht die Brise pfeift, mit geduckten, trüben Häusern, die vor allem nicht auffallen wollen, in der auch neue Architektur in keinem Fall auch nur Mittelmaß erreicht, eine Stadt, der jeder architektonische Ansatz von Urbanität und Flair und Atmosphäre und Aufenthaltsqualität, wie man das nennt, abgeht. Die “Hafencity” setzt diese urbanistische, atmosphärische und also menschliche Katastrophe nur fort. Hamburg mag mehr Brücken haben als Venedig, aber warum drübergehen? Drüben bleibt alles, wie es hüben ist: steril, industrieklinkerig, kalt, windig, geistlos und also lebensfeindlich. Da hilft auch der Hafen nichts. Das Tor zur Welt, wie man sagt, was darauf hindeutet, dass durchaus geheime Sehnsüchte nach Flucht existieren.

Die beiden meist überschätzten Deutschen wohnen, wie soll es anders sein, auch in Hamburg. Klaus von Dohnanyi und König Helmut Schmidt I. passen perfekt in dieses kleingeistige Geldmilieu. Jedes unwillige Grunzen der beiden wird als göttliche Weisheit verkauft. “Hanseatisch” nennt man die um solche Hamburger entstandene Aura gerne.  Das Wort klingt gut, kann aber in seinem norddeutschkatastrophischen Umfeld naturgemäß keine positive Wirkung entfalten. Das, was man hanseatische Gelassenheit nennt, ist schlicht Ideen- und Sprachlosigkeit, die Gründe hierfür wurden oben genannt.

Apropos reich und geistesbeschränkt: In Hamburg findet diesbezüglich sogar Düsseldorf seinen Meister. Und das will was heißen.

Die zweite große Stadt in Norddeutschland heißt Bremen. Zu der gibt es eigentlich nicht mehr zu sagen, als dass die Einwohner dort vor allem dadurch auffallen, dass sie ihre Fahrradhelme auch in geschlossenen Räumen aufbehalten. Sicher ist sicher.

Ich möchte mich aber nicht zu einseitiger Kritik hinreißen lassen und bin überdies ein versöhnlicher Mensch. Deshalb noch etwas Positives. Ich gebe dem Claim der norddeutschen Institution vorbehaltlos recht: Der NDR ist das Beste am Norden. Es ist ja alles relativ.

Einen Trost für Norddeutsche immerhin gibt es: die Klimakatastrophe, die hier keine Katastrophe ist, sondern die reale Chance, sich aus der Kulturnaturkatastrophe zu befreien. Bei einer Erwärmung von fünf oder, besser noch, zehn Grad (vielleicht lässt dann auch die Brise nach) ließe sich ein kultureller wie natürlicher Wandel herbeiführen – einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren und die freundliche Anleitung des Südens vorausgesetzt. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich an diese Perspektive glaube, aber jeder hat eine Chance verdient. Auch Norddeutschland.

Und ein kleiner Trost für sofort: In Dänemark, so habe ich mir sagen lassen, soll es noch schlimmer sein. Man erwarte nun nicht, dass ich da hinfahre und das nachprüfe. In den schönsten Wochen des Jahres.

Vielleicht sind, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, Urlauber aus dem Süden in Norddeutschland Katastrophentouristen: Sie fahren da hoch, um sich am Unglück anderer zu weiden, einen extremen Einblick in Kultur- und Natur- und also Lebenshässlichkeit zu bekommen und sich so zu bestätigen, wie gut sie es haben. Das ist natürlich zu kritisieren. Katastrophentourismus ist moralisch nicht in Ordnung, ob in Norddeutschland oder in Somalia. Andererseits: Katastrophen ziehen an, Menschen schauen hin.

Sonst wäre auch dieser Artikel nicht entstanden.

Ein typischer Sommertag in Deutschand: Im Süden und Osten warm, in Norddeutschland kalt. Dazu Regen und Brise.

(Fotos: genova 2011)

Rainald Götz über Ursula von der Leyen

Wenn die Allzuvernünftigen allzu vernünftig und grausam überlegen lächelnd ihre Vernünftigkeitsvorstellungen über den von ihnen nur noch gleich einzurichtenden Vernunftzustand der Welt dazulegen anfangen, fangen die allergrellsten Alarmglocken zu schrillen an, das ist der Kern meines Einwandes gegen eine Figur wie Ursula von der Leyen. Vernunft macht den Einzelnen auch verrückt, weil sie eine zwangsgewalt ist, die vorgibt, wozu zuzustimmen ist, weil ja einzusehen ist, dass es vernünftig ist. Wenn der Exorzismus der Unvernunft allzu maßlos wird, kommt die Stabilität des gesamten Systems, das seine Ordnung einer Vernunftherrschaft unterstellt hat, in Gefahr. Gesellschaftliche Ordnung muss auch genügend Raum für Unvernumft vorsehen, sonst drehen die Leute an den Rändern durch.

(Rainald Götz, Klage, 2008)

Der Kern eines Einwandes gegen eine Figur wie Ursula von der Leyen könnte natürlich ein politischer sein, es handelt sich ja um eine Politikerin. Aber vielleicht kann man jemanden wie von der Leyen besser greifen, wenn man auf genau das zu sprechen kommt: Ihre unerbittliche, zwanghafte und nur vermeintliche Vernünftigkeit, gepaart mit einem süffisanten Lächeln, das sie noch dem letzten Hart-IV-Hanswurst als Vorbild empfehlen soll: Seht her, macht es so wie ich! Bekommt sieben Kinder, verdient sieben Millionen und habt maximal sieben Falten im Gesicht, aber nur ganz leichte. Ihr schafft das! Eine 70-Stunden-Woche und trotzdem eine tolle Mutter für ihre sieben Kinder.

Diese Vernünftigkeit kommt deshalb zwanghaft rüber, weil ihre Ansprüche nicht erfüllbar sind, wie auch. Sie ist höchstwahrscheinlich eine Rabenmutter. So wie Politiker in solch einer Situation Rabenväter sind. Diese leyensche Vernünftigkeit passt prima zur neoliberalen Logik des allseits kapitalschaffenden Menschen, der alles schafft. Wenn nicht, ist er selbst Schuld.

Und das ist wahrscheinlich die Botschaft, die sie uns übermitteln will.

Ein belegtes Brot mit Schinken – Schinken!

Eigenwerbung:

“Wir kaufen Wurst & Schinken
aus ganz Europa und geben diese
saubillig
an Sie weiter.”

Wurst-Sonderposten-Markt

- die Etwas Andere Fleischerei -

Und in der Rubrik “über uns” liest man zur Entstehungsgeschichte des Sonderpostenmarktes:

“Fleischermeister Kämpf und Fleischermeister Skerra dachten darüber nach, wie sie die Eisdiele, welche im Besitz von Frau Kämpf war, auch im Winter weiter nutzen können. Etwas Besonderes sollte es werden.”

Das mit dem Besonderen ist gelungen. Mahlzeit!

(Foto: genova 2011)

Jagdhunde in Neukölln

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, dieses Mal sind es die bösen Raucher in Berlin-Neukölln. Die Initiative “Frische Luft für Berlin” will ein totales Rauchverbot in Berlin durchsetzen, ähnlich der Regelung in Bayern. Da will jemand Berlin etwas schenken, und dann auch noch frische Luft. Toll!

Eine lustige Truppe, die Initiative: Die Mitglieder kommen aus den gutbürgerlichen Vierteln (wie man sagt) Lichtenrade, Steglitz, Zehlendorf. Und drei von ihnen fahren derzeit abends nach Neukölln, um zu missionieren. Die dortige Weserstraße ist für diese modernisierten Zeugen Jehovas ein sündiges Pflaster, denn in den vielen Kneipen tun die Menschen etwas, was unvorstellbar ist: rauchen!

Die Weserstraße ist seit einiger Zeit eine der angesagten Feiermeilen der Stadt … Die drei Nichtraucher-Aktivisten sind nicht zum ersten Mal hier unterwegs. Vor einiger Zeit haben sie die Kneipen im Kiez angesehen, um zu prüfen, wie es um den Schutz für die Nichtraucher bestellt ist. Das Fazit: „In 20 von 25 Gaststätten wurde geraucht. Es tut mir in der Seele weh“, sagt Spatz.

Spatz heißt mit Vornamen Johannes, ist Mediziner und hat mit 15 selbst mal ein halbes Jahr lang geraucht. Der weiß also, wovon er redet. Dass ihm das alles “in der Seele wehtut”, nimmt man ihm sofort ab. Der meint das Ernst.

Die konkrete Vorgehensweise muss man sich so vorstellen:

Spatz ist beim Gang durch die Weserstraße immer der Erste, der in die Bars stürmt – freundlich lächelnd, aber wie ein Jagdhund, der eine Spur gewittert hat. Der Mediziner hat eine Mission, ihm geht es um die Gesundheit der Menschen.

Ja, ihm geht es um die Gesundheit “der Menschen”. Um “die Menschen” geht es diesen Selbstlosen ja immer. Liebe deinen Nächsten, aber nur rauchfrei.

Ganz schlimm wird es dann am späteren Abend:

„Selbst Kneipen, die rauchfrei sind, stellen nach 22 Uhr Aschenbecher auf. Die wissen, das dann keine Kontrolleure vom Ordnungsamt mehr auftauchen. Und Clubs, die erst nach 22 Uhr aufmachen sind jenseits von Gut und Böse.“

Das sagt die 39-jährige Tanzpädagogin Laura Hoffmann, auch Mitglied in der Frischluft-Initiative. Wahrscheinlich ist sie beim pädagogisierenden Tanzen mal über einen Zigarettenstummel gestolpert und hat sich etwas gezerrt. Vielleicht sogar in der Weserstraße. Das kann traumatisieren. Ja, nach 22 Uhr läuft dort alles aus dem Ruder. Dort wird also jenseits von Gut und Böse geraucht! Oder meint Frau Hoffemann da nicht nur das Rauchen? Besser früh ins Bett gehen. Oder Sperrstunde um zehn, dann können die Clubs auch nicht mehr erst um 22 Uhr öffnen, wo doch jeder weiß, dass es nach zehn drunter und drüber geht. Oder ist Frau Hoffmann nur neidisch, weil bei ihr nichts mehr drunter und drüber geht?

Ganz wichtig natürlich, dass streng kontrolliert wird, vor allem nach zehn, vor allem in Neukölln:

„Die sind hier unheimlich lahmarschig mit den Bußgeldern. Das Ordnungsamt kontrolliert nicht viel.“

So sieht das der Spatz, der mit 15 ein paarmal inhalierte. Spatz war früher Gesundheitsstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf.

In der Tat, da brauchen wir die totale Kontrolle. Auch der letzte heimliche Raucher, der nachts um drei in einem Weserstraßenkeller verschämt seine Zigarette in der Handmuschel versteckt, muss künftig gestellt werden. Am besten von einem scharfgemachten Jagdhund, der auf den Namen Spatz hört. Wo kommen wir sonst hin?

Es geht hier nicht ums Rauchen. Dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, weiß jedes Kind. Dennoch wird geraucht. Die Frage ist doch eher: Wie kommen erwachsene Menschen auf die Idee, 20 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt Kneipen aufzusuchen und dort zu missionieren? Kneipen, die sie ohne Mission nie betreten würden, ob mit oder ohne Rauch? Und jetzt per Gesetz durchboxen zu wollen, dass in keiner Kneipe, am besten an keinem öffentlichen Ort in Berlin mehr geraucht werden darf? Es geht um Tugendterror. Diese Leute wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit, deshalb sind sie zur Mission berufen. Da darf man dann auch fordern, dass nachts Horden von Kontrolleuren durch die Kneipen ziehen.

Es geht nicht ums Rauchen. Es geht um eine moderne Form von Kontrolle, gerade dann, wenn sich bestimmte Situationen besorgten Lichtenradern als “jenseits von Gut und Böse” darstellen. Es gab Restaurants in Kreuzberg, die stellten Aschenbecher auf den Tisch, nachdem die Küche zugemacht hatte. Alle waren zufrieden. Irgendwann kam das Ordnungsamt vorbei. Die Strafe für den Wirt belief sich auf eine vierstellige Summe.

Es ist eine Form totaler Kontrolle. Die Vorläufer dieser Haltung waren die christlichen Missionare im weltweiten Gefolge imperialistischer Politik und das koloniale Herrendenken, wonach den Wilden Manieren beigebracht werden müssen. Sie wissen es halt nicht besser. Wer so unvernünftig ist zu rauchen, obwohl der Mediziner Spatz doch weiß, dass das ungesund ist, darf bedrängt werden. Auch und vor allem nach 22 Uhr in der Weserstraße. Denn der hat einfach keine Argumente mehr.

In einer immer aseptischer werdenden Gesellschaft ist Rauchen eine Provokation. In einer immer ohnmächtiger werdenden Gesellschaft, die neoliberale Mechanismen immer weniger durchschaut, geschweige denn, sich ihnen entgegenstellt, ist der Kampf gegen das Rauchen in der Weserstraße konkret, greifbar. Der Feind sitzt an der Theke. Es ist ein weiteres Beispiel für eine Dialektik der Aufklärung, in der eine rationale Erkenntnis in eine hyperrationale Praxis umgesetzt wird und damit umschlägt in einen rationalistischen Irrationalismus. Das immergleiche Spiel. Das einem Mediziner mit Spatzenhirn zu erklären, ist wahrscheinlich aussichtslos.

Andererseits: Ich bin ganz froh, dass es solche Trottel gibt. Einfacher kann man gesellschaftliche Fehlentwicklungen in einem flotten Blogartikel kaum darstellen. Und der Weserstraße ist das schätzungsweise eh wurscht.

Bezeichnende Notiz am Rande: Johannes Spatz ist Mitglied der Grünen. Nicht, dass mich das jetzt wundern täte. Und die Antwort auf die Frage, wie groß die Schnittmenge ist zwischen den Antirauchfanatikern und den Baumspendern von Holy Wood, würde mich interessieren, führt hier aber zu weit.

Typischer Kneipentisch in Neukölln, und das schon vor 22 Uhr:

(Foto: genova 2010, alle Zitate aus dem Tagesspiegel-Artikel)