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Norddeutschland: Anmerkungen zu einer Kulturnaturkatastrophe

Es ist jeden Sommer das Gleiche: Der deutschlandweite Verkehrsfunk meldet lange Staus auf den Autobahnen Richtung Norden. Hinter Hannover und hinter Osnabrück wird das Autoaufkommen dichter. Es handelt sich hierbei – das haben meine Recherchen zweifelsfrei ergeben – um sogenannte Urlaubsstaus. Es gibt offenbar viele Menschen, die nach Norddeutschland fahren, um dort Urlaub zu machen. Das wirft Fragen auf.

Der Gedanke ist an sich flüchtig und kaum denkbar: Urlaub in Norddeutschland. Die schönsten Wochen des Jahres, wie man sagt, in Norddeutschland verleben. Wozu ist Urlaub gut? Erholung, Sonne, Wandern, Landschaft, Köperertüchtigung, Kultur, regionale Küche: All das können Anliegen für einen Urlaub sein. Aber in Norddeutschland? Was also bringt erwachsene und bislang nicht für unmündig erklärte Menschen dazu, hunderte von Kilometern in eine Landschaft und in eine Kultur zu fahren, wie sie dumpfer, wie sie öder, wie sie einschläfernder und wie sie also menschenfeindlicher nicht sein könnte? In eine Katastrophenlandschaft und in eine Katastrophenkultur mit einem durch und durch katastrophalen Wetter zu reisen? Dröseln wir die Problematik auf.

Was heißt Landschaft? Was man in Norddeutschland außerhalb von Städten antritt, nennt man behelfsmäßig “Landschaft”. Doch der Begriff widersetzt sich der gewohnten Verwendung: Landschaft im herkömmlichen Sinn existiert dort nicht, alles ist nur zweidimensional. Alles, was man sieht, wenn man in Norddeutschland umherfährt, sind entfernt ein paar Baumkronen, davor Acker, dahinter Acker. Es gibt keinen Raum, es gibt nur das Nichts. Und zwar aus der Perspektive des Reisenden nicht etwa mal eine Viertelstunde, in der man eine Ebene durchquert. Nein, Stunden, Tage, immer. Der Süddeutsche verliert im Norden sein Gefühl für Raum und somit für Zeit. Der Norddeutsche hat beides wahrscheinlich nie bessessen.

Die Erfahrung von Topographie geht dem Norddeutschen zwangsläufig ab. Die Erfahrung von Raum, von Verhältnissen in ihm, ebenso. Das glücksbringende Gefühl, einen Talkessel zu durchfahren, ihn auf der anderen Seite leicht ansteigend zu verlassen und eine Natur- und Kulturlandschaft dadurch erfahren zu haben, also im buchstäblichen Rückblick auch einen Bruchteil des eigenen Lebens zu sehen, eine Ahnung von Nähe und Distanz zu bekommen, die Frucht der Arbeit in Form der geleisteten Bewegung, inklusive einem Gefühl von Geborgenheit, die ständigen Perspektivwechsel, die buchstäblich den Horizont erweitern: All diese Erfahrungen sind in Norddeutschland noch nie gemacht worden. Es ist traurig. Ich denke, dass in Norddeutschland Sozialisierte diese Erfahrung im Erwachsenenalter auch nicht mehr machen können, selbst wenn sie nach Süddeutschland ziehen. Es fehlt ihnen das sensuative Instrumentarium, das maßgeblich im Kinder- und Jugendalter ausgebildet wird. Der Norddeutsche ist nicht in der Lage, mit Raum umzugehen. Für ihn ist Bewegung im Raum sinnlos, weil es ja eh überall gleich aussieht. Auf dem Deich oder im Torf ein paar Meter hin oder her: egal. Deshalb bleibt er einfach sitzen. Der Norddeutsche freut sich angeblich über die Weite vor ihm, den unverstellten Blick. Aber unverstellt worauf? Man kann das Nichts nicht verstellen. Die einzige Möglichkeit für den Norddeutschen, eine Ahnung von Geborgenheit im Raum zu erfahren, ist, wenn er sich hinter den Deich kauert. Vielleicht kommt das ja vor. Ich weiß es nicht.

Ein typischer Sommertag in Norddeutschland. Im Vordergrund wächst Kohl, im Hintergrund beginnt das Nichts.

Damit leider nicht genug: Der Norddeutsche hat auch kein Verhältnis zu Farben, weil die einzige für ihn existierende Farbe Grau ist. Die dafür in allen Schattierungen. Das hat sicher seinen Reiz, aber nur ein paar Minuten lang. Norddeutsche müssen das ein Leben lang aushalten. Kaum vorstellbar, aber wahr. Auch das Gras ist in Norddeutschland nicht grün, sondern blass-grau, meinetwegen grün-grau. Selbst die Natur hat da oben eine depressive Komponente. Wer mag es ihr verdenken?

Wer nun meint, ich hätte zwar grundsätzlich recht, würde aber ein wenig übertreiben, dem empfehle ich eine Zugfahrt von Dortmund nach Hamburg. Irgendwo hinter Osnabrück sollte man die Sonnenblende runterlassen. Sonst erlebt man eine architektonische, materiale und somit kulturelle Unwucht, die dort flächendeckend praktiziert wird: Einfamilienhaussiedlungen mit vorgeblendeten Baumarktbilligklinkern, dazu Erker, Hochglanzziegel. Es ist alles voll davon. Sandstein ist in Norddeutschland unbekannt. Davor sitzen griesgrämige Menschen in Funktionsjacken. Früher setzte man in Norddeutschland herkömmliche Backsteine ein, ohne Klinker, jeder einzelne Stein hatte einen eigenen Charakter, war unverwechselbar, das hatte seinen Charme. Diese Individualität war wohl nicht erträglich. Die Norddeutschen haben mit ihrer Ersetzung des Backsteins durch den Baumarktklinker  das einzige, was in dieser Gegend je sehenswert war, was laut Merian oder Baedecker oder vielleicht sogar Lonely Planet einen Umweg und in einzelnen Fällen sogar eine Reise gelohnt hat, vernichtet, mutwillig und endgültig und – so vermute ich – hasserfüllt.

Norddeutschland ist – das muss ich leider schon an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen, auch wenn es schwer fällt – eine allumfassende ästhetische Katastrophe: Landschaft, Häuser, Freizeitkleidung. Je weiter man sich Richtung Westen begibt, desto schlimmer wird es. Ostfries- und Emsland stellen die Höhepunkte der durch und durch und überall spür- und sichtbaren Kulturnaturkatastrophe dar. Dort hat man das beklemmend klare Gefühl, an einem Ende der Welt angekommen zu sein, nämlich ganz unten. Nichts geht mehr.

Vielleicht merkt es der Leser: Im Versuch der Beschreibung Norddeutschlands versagt das herkömmliche Vokabular. Neben “Landschaft” ist  “Vegetation” so ein Fall. Die besteht im Norden aus teilweise trockengelegten Sümpfen, aus Torf und aus kurzem, hartem, ausgesprochen hässlichem Gras, es wächst wegen der Brise nicht höher. Hin und wieder ein geduckter, vom Wetter ausgemergelter Busch. Es wächst sowieso fast überhaupt nichts in Norddeutschland. Eigentlich nur Bäume mit sauren Äpfeln und Kohl. Der dafür aber in den Variationen Grün-, Rot- und Blumenkohl. Immerhin. So sieht dann auch die norddeutsche Küche aus. Es gibt Grün-, Rot- oder Blumenkohl, dazu antibiotikagefüllte Hühnereier aus Legebatterien (eine der wenigen gewinnbringenden Industrien da oben). Das Meer heißt Nordsee, es ist grau-braun und brackig. Engländer und Schotten bohren dort nach Öl, der Norddeutsche fängt dort hin und wieder Rollmops, der vermutlich so schmeckt, wie der Name klingt. Man isst, was man kriegt. Der nordische Vegetationsgott heißt Thor und fällt vor allem dadurch auf, dass er Steine wirft und mit selbstgebastelten Äxten um sich schlägt. Dieses Verhalten muss angesichts des realen Nahrungsangebots und also seines offensichtlichen Scheiterns als Verzweiflungstat gedeutet werden und belegt: Vor Norddeutschland kapituliert sogar Gott.

Zu Mops und Kohl gibt es selbstgebrannten Schnaps, der den Vorteil hat, das Elend um einen vergessen zu können.

Apropos Alkohol: Das ist im Norden nicht etwa ein Stimulationsmittel, um Geselligkeit, i. e. Kommunikation, verbal und nonverbal, zu fördern, sondern schlicht ein Antidepressivum. Allerdings eines, das nicht funktioniert. Was in der  Flensburger-Werbung für Unbedarfte als lustige Selbstironie rüberkommt, ist bittere Realität: Norddeutsche sitzen in der Regel schweigend nebeneinander. Zum einen, weil in der völlig ereignislosen Gegend nichts passiert, was soll man also erzählen? Zum anderen, weil das Getöse des “Windes” (den man in Norddeutschland gerne “Brise” nennt, aus der Perspektive von Kulturmenschen aber schon längst die umfassende Macht eines Orkans hat) eine Unterhaltung an durchschnittlich 350 Tagen im Jahr unmöglich macht. An Zeitunglesen ist auch nicht zu denken. Es haut einem die Seite im Nu ins Gesicht oder ins nächste Moor. Also sitzt man halt da und trinkt. In Funktionsjacken vorm Baumarktindustrieklinkerhaus hinterm Deich. Vielleicht blättert der ein oder andere Norddeutsche manchmal in der “Deutschstunde” von Siegfried Lenz, der dort oben deshalb gemocht wird, weil er Nordeutschland so beschreibt, wie es seine Leser gerne sehen möchten: als lebenswert. Naturgemäß interessiert sich außerhalb Norddeutschlands kein Mensch für Lenz. “Geselligkeit” bedeutet für Norddeutsche, dumpf im Wind zu sitzen  und alle paar Stunden eine neue Flasche Bier zu öffnen. Es erinnert an Loriot, aber es gibt keinen doppelten Boden. Es ist die Wirklichkeit.

Selten, sehr selten, kommt es vor: Die Temperatur steigt auf 20 oder gar 21 Grad, die Sonne lugt kurz durchs Dauergrau, die Brise lässt ein wenig nach. Wie reagiert der Nordeutsche? Er ist “wegen der Hitze” ernsthaft besorgt und befürchtet Ernteausfälle beim Kohl. Er kauft einen Tischventilator und flüchtet sich hinter den Baumarktbilligindustrieklinker. Das ist eine unterbewusste Abwehrhaltung gegen das Andere, das Angenehme, das in solchen kurzen und allzukurzen Momenten durchschimmert, die Ahnung, dass das Leben schöner sein könnte als nur grau und Wind und Kohl und Mops. Aber das ist dann wohl doch zu direkt, zu konkret, zu massiv. Und wie soll man sich darüber freuen, wenn man weiß, dass spätestens morgen alles wieder beim Alten ist?

Schwüle Luft, die die Menschen in Kulturgegenden weltweit so angenehm umfängt und ihnen zeigt, dass das Leben auf eine sorglose Art ernstgenommen werden kann, gibt es in Norddeutschland nicht. Schweiß gilt hier als Krankheit. Immer nur Brise. Wärme ist verdächtig. Frieren ist gut, weil das hart macht. Ich vermute, dass dem Norddeutschen selbst seine Köpertemperatur von 37 Grand verdächtig hoch vorkommt. Würden es 17 Grad nicht auch tun?

Als eine verschärfte Form von Folter stelle ich mir eine Radtour durch Norddeutschland vor. Man ist der Natur- und Kultur- und Wetter und also Menschenkatastrophe sonnenblendenfrei und also ungeschützt ausgesetzt, den ganzen Tag lang, man hat die glanzlackierten Industrieklinkerfassaden und Funktionsjacken in einer Massivität vor sich, dass es kein Entrinnen gibt. Hin und wieder, vielleicht, steht noch eine alte Scheune zwischen den Kulturnaturkatastrophen, die mit ihren Ziegeln daran erinnert, dass selbst Norddeutsche einmal eine Ahnung davon hatten, was eine kulturelle Leistung sein könnte. Es ist lange her. Wind und kalt und grau und stumme Menschen, die hinterm Deich kauern und Fremde feindselig anstarren. Besser keine Radtour durch Norddeutschland.

Man stelle sich den Kontrast zu Süddeutschland (oder, als erweiterter Begriff: Süden) vor: Es gibt dort Gegenden, in denen wachsen Wein, Bananen, Feigen, Oliven, Datteln, Pinien, es blühen Mandelbäume, es schlängeln sich saubere Bäche durch liebliche, wettergeschützte Täler, es gibt Mischwälder mit Buchen, Seen und Meere sind grün-blau und klar, nicht grau-braun und brackig, kurzum, es existieren dort Natur- und Kultur- und also Menschenlandschaften, in denen heitere Gelassenheit sich von selbst einstellt. Und das seit zweitausend Jahren. Damals brachten die Römer den Germanen bei, wie man sich wäscht und die Fußnägel schneidet und dass man sich auch ohne Grunzlaute verständigen kann. Ein typischer Südgott ist Bacchus, der für guten Wein als Quell der Freude sorgt und überhaupt allen Genüssen zugeneigt ist. Er soll auch schon mit einem Joint in der hohlen Hand gesehen worden sein.

Ein typischer Sommertag in Süddeutschland. Im Vordergrund wachsen Wein und Südfrüchte, im Hintergrund erkennt man einen lieblichen Talkessel.

In Nordddeutschland hat dieser Zivilisationsprozess nie stattgefunden. Die einzige mir bekannte kulturelle Eigenleistung der Norddeutschen besteht darin, sich auch am Abend noch mit “Guten Morgen” zu begrüßen. Immerhin, sie reden manchmal doch miteinander. Und als wohlwollender Mensch möchte ich diese Eigenleistung ausdrücklich würdigen.

Dennoch kann ich, soll das Wohlwollen nicht in lächerlich-übertreibendes und somit dieser sachorientierten Analyse abträgliches Anhimmeln umschlagen, nur konstatieren: Der Limes hat sich in den letzten 2.000 Jahren ideell ein bisschen nach Norden verschoben, ist aber nach wie vor die gültige kulturelle Grenze.

Die Hauptsstadt Norddeutschlands und somit das Zentrum der Katastrophe, die hier naturgemäß vor allem eine kulturelle ist, heißt Hamburg. Doch auch hier betone ich das Positive: Es gibt in Hamburg ein paar angenehme Straßenzüge, in denen aus dem Süden eingewanderte Menschen wohnen. Die machen das Beste aus ihrer misslichen Lage, ihnen gebührt all mein Respekt. Es gibt dort Restaurants, in denen man Speisen bekommt jenseits von Kohl und Rollmops. Der typische Hamburger dagegen zeichnet sich dadurch aus, dass er diese kleinen Oasen ignoriert und “seine” Stadt lieber aus der Rollmops-Perspektive für die schönste der Welt hält. Und zwar völlig ironiefrei. Die meinen das Ernst. Wer einem Hamburger gegenüber behauptet, dass es vielleicht doch eine schönere Stadt auf der Welt geben könne, ist raus aus dem Geschäft.

Andererseits ist der Glaube der Hamburger an die angebliche Schönheit ihrer Stadt verständlich. Im Umkreis von mindestens 200 Kilometern (i. e. “Norddeutschland”) sieht es ja so scheiße aus, dass Hamburg unter den Einäugigen König ist. Wie gesagt, die paar Straßenzüge. Ansonsten: Eine extrem weit auseinandergezogene Großsiedlung, durch die Tag und Nacht die Brise pfeift, mit geduckten, trüben Häusern, die vor allem nicht auffallen wollen, in der auch neue Architektur in keinem Fall auch nur Mittelmaß erreicht, eine Stadt, der jeder architektonische Ansatz von Urbanität und Flair und Atmosphäre und Aufenthaltsqualität, wie man das nennt, abgeht. Die “Hafencity” setzt diese urbanistische, atmosphärische und also menschliche Katastrophe nur fort. Hamburg mag mehr Brücken haben als Venedig, aber warum drübergehen? Drüben bleibt alles, wie es hüben ist: steril, industrieklinkerig, kalt, windig, geistlos und also lebensfeindlich. Da hilft auch der Hafen nichts. Das Tor zur Welt, wie man sagt, was darauf hindeutet, dass durchaus geheime Sehnsüchte nach Flucht existieren.

Die beiden meist überschätzten Deutschen wohnen, wie soll es anders sein, auch in Hamburg. Klaus von Dohnanyi und König Helmut Schmidt I. passen perfekt in dieses kleingeistige Geldmilieu. Jedes unwillige Grunzen der beiden wird als göttliche Weisheit verkauft. “Hanseatisch” nennt man die um solche Hamburger entstandene Aura gerne.  Das Wort klingt gut, kann aber in seinem norddeutschkatastrophischen Umfeld naturgemäß keine positive Wirkung entfalten. Das, was man hanseatische Gelassenheit nennt, ist schlicht Ideen- und Sprachlosigkeit, die Gründe hierfür wurden oben genannt.

Apropos reich und geistesbeschränkt: In Hamburg findet diesbezüglich sogar Düsseldorf seinen Meister. Und das will was heißen.

Die zweite große Stadt in Norddeutschland heißt Bremen. Zu der gibt es eigentlich nicht mehr zu sagen, als dass die Einwohner dort vor allem dadurch auffallen, dass sie ihre Fahrradhelme auch in geschlossenen Räumen aufbehalten. Sicher ist sicher.

Ich möchte mich aber nicht zu einseitiger Kritik hinreißen lassen und bin überdies ein versöhnlicher Mensch. Deshalb noch etwas Positives. Ich gebe dem Claim der norddeutschen Institution vorbehaltlos recht: Der NDR ist das Beste am Norden. Es ist ja alles relativ.

Einen Trost für Norddeutsche immerhin gibt es: die Klimakatastrophe, die hier keine Katastrophe ist, sondern die reale Chance, sich aus der Kulturnaturkatastrophe zu befreien. Bei einer Erwärmung von fünf oder, besser noch, zehn Grad (vielleicht lässt dann auch die Brise nach) ließe sich ein kultureller wie natürlicher Wandel herbeiführen – einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren und die freundliche Anleitung des Südens vorausgesetzt. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich an diese Perspektive glaube, aber jeder hat eine Chance verdient. Auch Norddeutschland.

Und ein kleiner Trost für sofort: In Dänemark, so habe ich mir sagen lassen, soll es noch schlimmer sein. Man erwarte nun nicht, dass ich da hinfahre und das nachprüfe. In den schönsten Wochen des Jahres.

Vielleicht sind, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, Urlauber aus dem Süden in Norddeutschland Katastrophentouristen: Sie fahren da hoch, um sich am Unglück anderer zu weiden, einen extremen Einblick in Kultur- und Natur- und also Lebenshässlichkeit zu bekommen und sich so zu bestätigen, wie gut sie es haben. Das ist natürlich zu kritisieren. Katastrophentourismus ist moralisch nicht in Ordnung, ob in Norddeutschland oder in Somalia. Andererseits: Katastrophen ziehen an, Menschen schauen hin.

Sonst wäre auch dieser Artikel nicht entstanden.

Ein typischer Sommertag in Deutschand: Im Süden und Osten warm, in Norddeutschland kalt. Dazu Regen und Brise.

(Fotos: genova 2011)

Toll: Deutsche demnächst noch freier

Die kleinen Meldungen sind meist die aufschlussreichsten.

So berichtete die Frankfurter Rundschau vor ein paar Tagen, dass die geplante ICE-Trasse von Frankfurt nach Mannheim in möglichst großem Abstand zur Autobahn A 5 gebaut werden soll, “damit diese in Zukunft eventuell noch zehnspurig ausgebaut werden kann”. Gemeint ist der Abschnitt von Frankfurt nach Darmstadt, der momentan achtspurig ausgebaut ist, also vier Spuren pro Richtung.

Das ist also noch nicht genug. Man könnte meinen, die Diskussionen um Peak Oil und End Oil und Klimaerwärmung und Versiegelung und Lärmbelästigung und hohe Energiepreise undundund seien rein theoretische Diskurse von Fachleuten. Andererseits stehen diese Themen mittlerweile in den Schullehrplänen. Demnächst also zehnspurig nach Frankfurt oder nach Darmstadt, wobei man dann testen kann, ob die eigene Karre vielleicht auch Tempo 250 schafft, so wie der ICE nebenan. Platz genug ist ja vorhanden. Und wenn nicht, bauen wir halt eine sechste bzw. zwölfte Spur dazu.

Es ist das Denken der 1960er Jahre, das sich hier fortpflanzt. Wobei eben nur zum Teil: Die gesellschaftlichen Utopien, die architektonischen neuen Wege, neue Formen des Zusammenlebens, kritisches Denken über Gesellschaft und sich selbst, Tabuverletzungen in einem vermittelbaren, politischen Sinn, überhaupt alles mutig nach vorne gedachte, ohne an die Möglichkeit der Realisierung zu denken, sind heute verpönt. Das emanzipatorische Moment wird vernachlässigt und nur noch auf das gestarrt, was man Globalisierung nennt. Der einzige Bereich, in dem sich dieses grenzenlos opitimistische Fortschrittsdenken gehalten hat, ist genau der, der schon am frühesten seine problematische Kehrseite präsentierte: Die automobile Massenmotorisierung.

Genau da ändert sich nichts. Ich persönlich habe überhaupt nix gegen Autos und fahre gerne umher. Aber verkehrspolitisch sollte man da vielleicht doch nicht mehr so naiv rangehen. Passend dazu, dass die Verkehrsminister meist wie Marionetten daherkommen und wahrscheinlich auch welche sind. Und gleichzeitig als Bauminister fungieren. Der baut nun also zeitgleich die zehnte Autobahnspur und das Berliner Schloss. Mit Vollgas in die Vergangenheit. Ich habe das Gefühl, als konserviere man aus der Vergangenheit treffsicher das, was zur Konservierung am wenigsten lohnt.

Das Phänomen der individuellen Freiheit via Auto ist nicht angreifbar. Freie Fahrt für freie Bürger, demnächst noch ein bisschen freier.

A5Langen(Foto: Wikipedia)

Falsche Häuser in richtiger Landschaft

Reken in der Hohen Mark. Nette Lage, leicht hügelig, leider auch hier, wie überall in Norddeutschland, völlig geschmacklose Architektur, bei so ziemlich allem, was in den vergangenen 50 Jahren gebaut wurde. Nach dem Krieg wurde es offenbar möglich, dass man die traditionellen Ziegelwände industriell herstellen konnte. So stehen nun in Würde gealterte Ziegelsteinschuppen neben Musterhäusern, denen Industrieziegelverkleidungen Seriosität vermitteln sollen. Das Gegenteil ist der Fall.

Abends treffe ich dann einen 60jährigen Radfahrer aus dem Niederrheinischen. Er hat ein Rennrad und reißt noch locker 200 Kilometer pro Tag runter. Er erzählt mir, dass er bis 1998 „einer der Pressesprecher von Klaus Kinkel” war und ausgemustert wurde, als Joschka Fischer das Amt übernahm. Er wurde dann in irgendein Büro versetzt, hatte schnell keinen Bock mehr auf Arbeit und ließ sich von seinem Arzt Arbeitsunfähigkeit bescheinigen. Körperlich sei er nicht mehr in der Lage zu arbeiten, sagt er grinsend. Und so kriegt er seit etwa Mitte 50 eine schöne Pension („ich kann sehr gut leben davon”) und erzählt mir das auch noch stolz. Er kommt gar nicht auf die Idee, dass es Leute geben muss, die ihm diesen Luxus finanzieren. Er radelt gerade zu seinem Ferienhaus, demnächst geht er bergsteigen in die Dolomiten. In solchen Situationen wird mir immer deutlich, wie sehr sich die Zeiten geändert haben.

Reken Architektur Ziegelstein

Könnte in Reken stehen: Ein Musterhaus mit industriell gefertigtem Billigziegel, einer monströsen Gaube mit modischem Rundbogenfenster, Sprossenfenstern und noch mehr Firlefanz. Es fehlt der Gartenzaun.

Kairo (1)

Griechenland von oben ist völlig neu, mein erster Blick darauf. Ich war noch nie da, und jetzt sehe ich alles von oben. Und mir fällt auf, dass man in erster Linie aus zweiter Hand lebt. Jeder kennt das Inselgewirr hier von Landkarten. Jeder weiß, dass tausend kleine Inseln hier verstreut sind. Und wenn ich es jetzt sehe, ist es neu und bekannt zugleich. Aber überwältigend auf alle Fälle. Das Überwältigende am Realen ist das. So wahnsinnig real. Smaragdgrünes Wasser, sagt man dazu, glaube ich. Wobei ich keine Ahnung habe, wie ein Smaragd aussieht. Postkarte ist das alles hier. Von meinen Mitfliegern interessiert das fast niemand. Oder sie haben Angst, rauszuschauen.
Plötzlich ist Afrika da, ich sehe genau in dem Moment aus dem Fenster, wo das Land gut sichtbar wird. Der Nil fließt ins Meer, alles ist grün, ein bisschen Strand. Grün, und das Flugzeug geht langsam runter, alles wird immer deutlicher. Ein komisches Gefühl, als ich die ersten Dörfer sehe: nur kubische Lehmhäuser, zwar durch meine Bauhaus-Beschäftigung vertraut, aber doch ziemlich fremd.

Der Knaller überhaupt: Mit einem unvermittelten harten Schnitt hört das grüne Land auf und die Wüste beginnnt. Dann ist da nur noch Sand, sandfarben bis an den Horizont. Krasser Kontrast zwischen Nildelta und Wüste, mit dem Lineal gezogen. Mitten in der Wüste ein fertig angelegtes Straßensystem, aber keine Häuser, nur Asphaltstraßen, die an den Rändern schon von Sand zugedeckt sind. In Europa würde man sofort an fehlinvestierte EU-Gelder denken. Wer gibt hier das Geld? Vielleicht die arabische Liga, gesponsort von Saudi-Arabien und Kuwait. Ja, Sand ohne Ende, selbst am Rand der Rollpiste fängt der Sand schon an.

Flughafen Kairo

Koffer weg, Rucksack weg, nette Deutsche, nette Italienerin, die alle ziemlich cool bleiben. Ich bleibs dann auch, obwohl das alles ziemlich nervig werden könnte. Vier nette Jungs aus Singapur, genauso cool, mit denen ich dann im Taxi in die Stadt fahre. Dieses coole, freundliche und doch bestimmte Verhalten in so einer unvorhergesehenen und leicht kritischen Situation ist vielleicht ein typisches gemeinsames Merkmal von arrivierten Menschen aus der ganzen Welt. Das System Flughafen ist auf der ganzen Welt gleich, und in einer bestimmten Situation, nämlich Koffer weg, verhält man sich überall gleich. Und überall wird Englisch geredet.

Und dann noch die Deutsche, die in Düsseldorf mit einem Kaninchen eincheckt, wuchtige Lederjacke, blond, und ich auf dem Koffer lese: Cairo. Die dann erzählt, dass sie in Kairo wohnt und erst im November wieder nach Deutschland kommt.