Archiv der Kategorie: Kritische Theorie

Noch was zur EM und überhaupt:

Interview mit Oskar Negt, Soziologe und Adorno-Schüler. Alles nicht neu, aber es muss ja hin und wieder gesagt werden:

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“Der Sport boomt, die Volksmusik ebenso, und vorwiegend im Privatfernsehen werden Menschen vorgeführt wie im Zirkus. Funktioniert das Prinzip Brot und Spiele auch heute noch?”

Ich glaube schon, dass die unterhaltenden Verdrängungsleistungen, so möchte ich das bezeichnen, ein gewaltiges Ausmaß angenommen haben. Insofern trifft der Vergleich mit dem späten Rom ein Stück weit zu: Je stärker die Probleme des Imperiums werden, desto größer wird der Circus maximus. Die Verdrängung der Probleme hat ein sehr großes Ausmaß erreicht, weil die Orientierungsnot der Menschen sehr groß ist.

“Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Arbeitswelt. Welche Rolle spielt die Verdrängung in diesem zentralen gesellschaftlichen Bereich?”

Die Verdrängung der Probleme der Arbeitsgesellschaft ist so groß, dass ich immer wieder erstaunt bin, wie wenig das in die offizielle Öffentlichkeit eindringt. Nicht die Mangelerscheinungen sind das Problem, sondern die Überflussproduktion, die erhöhte Produktivität. Wie wird die Wertschöpfung gesellschaftlich verteilt? Inzwischen wird mit Geld umgegangen, wie es noch vor zehn Jahren undenkbar war. Wenn heute über 100 Milliarden für die spanischen Banken geredet wird, dann sind das ja unvorstellbare Dimensionen, wenn man zugleich die Kürzungen der Sozialleistungen sieht.

“Zurück zur Erosion: wodurch wird die Gesellschaft zerstört?”

Der Hauptpunkt ist die Kommerzialisierung, der gesamte Produktions- und Lebensvorrat einer Gesellschaft wird warenmäßig organisiert. Dies führt zur Auflösung einer Gesellschaft. Und um sie zusammenzuhalten, da kommen wir auf den Ausgangspunkt zurück, gibt es solche Veranstaltungen wie die Fußballeuropameisterschaft gewissermaßen. Plötzlich bilden sich wieder Nationen. Das hat nicht diesen kriegerischen Charakter, noch nicht, aber das ist nicht auszuschließen. An den Rändern, den Bruchlinien nehmen die Kriege zu. Das ist etwa auf dem Balkan so gewesen. Es ist jedenfalls fatal, dass das Gewinner-und-Verlierer-Syndrom eine so große Bedeutung hat. Auch das kann man sehr gut bei der Fußball-EM studieren. Wie zum Beispiel die niederländische Mannschaft gezeigt wurde, wie sie abzog mit gesenkten Häuptern, so, als ob eine Hinrichtung stattgefunden hat.

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Brot und Spiele, Kommerzialisierung, derzeit die Eventisierung, Boulevardisierung und Nationalisierung eines an sich angenehmen Ballspiels, tja, so ist es. Und wie oft ich in den letzten Tagen gehört habe, dass Ronaldo zu viel Gel in den Haaren und hat und sich die Augenbrauen zupft, also eine Schwuchtel ist und auf dem Fußballplatz nichts zu suchen hat, weiß ich auch nicht mehr. Wie wird die Wertschöpfung gesellschaftlich verteilt? Die alte Frage, aber immer noch zentral, heute mehr denn je.

Nebenbei und ganz aktuell: Die Durchschnittsmiete in Neukölln ist im ersten Quartal 2012 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent gestiegen. Bei Neuvermietungen gerne auch um 50 bis 100 Prozent. Alles ganz legal im Kapitalismus, der sich seit einiger Zeit soziale Marktwirtschaft nennt. Auch nicht neu, aber es muss ja hin und wieder mal gesagt werden.

Und jetzt noch die obligatorische Bitte:

Liebe Italiener, haut den Deutschen am Donnerstag bitte ordentlich aufs Maul!

Danke im Voraus.

Jagdhunde in Neukölln

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, dieses Mal sind es die bösen Raucher in Berlin-Neukölln. Die Initiative “Frische Luft für Berlin” will ein totales Rauchverbot in Berlin durchsetzen, ähnlich der Regelung in Bayern. Da will jemand Berlin etwas schenken, und dann auch noch frische Luft. Toll!

Eine lustige Truppe, die Initiative: Die Mitglieder kommen aus den gutbürgerlichen Vierteln (wie man sagt) Lichtenrade, Steglitz, Zehlendorf. Und drei von ihnen fahren derzeit abends nach Neukölln, um zu missionieren. Die dortige Weserstraße ist für diese modernisierten Zeugen Jehovas ein sündiges Pflaster, denn in den vielen Kneipen tun die Menschen etwas, was unvorstellbar ist: rauchen!

Die Weserstraße ist seit einiger Zeit eine der angesagten Feiermeilen der Stadt … Die drei Nichtraucher-Aktivisten sind nicht zum ersten Mal hier unterwegs. Vor einiger Zeit haben sie die Kneipen im Kiez angesehen, um zu prüfen, wie es um den Schutz für die Nichtraucher bestellt ist. Das Fazit: „In 20 von 25 Gaststätten wurde geraucht. Es tut mir in der Seele weh“, sagt Spatz.

Spatz heißt mit Vornamen Johannes, ist Mediziner und hat mit 15 selbst mal ein halbes Jahr lang geraucht. Der weiß also, wovon er redet. Dass ihm das alles “in der Seele wehtut”, nimmt man ihm sofort ab. Der meint das Ernst.

Die konkrete Vorgehensweise muss man sich so vorstellen:

Spatz ist beim Gang durch die Weserstraße immer der Erste, der in die Bars stürmt – freundlich lächelnd, aber wie ein Jagdhund, der eine Spur gewittert hat. Der Mediziner hat eine Mission, ihm geht es um die Gesundheit der Menschen.

Ja, ihm geht es um die Gesundheit “der Menschen”. Um “die Menschen” geht es diesen Selbstlosen ja immer. Liebe deinen Nächsten, aber nur rauchfrei.

Ganz schlimm wird es dann am späteren Abend:

„Selbst Kneipen, die rauchfrei sind, stellen nach 22 Uhr Aschenbecher auf. Die wissen, das dann keine Kontrolleure vom Ordnungsamt mehr auftauchen. Und Clubs, die erst nach 22 Uhr aufmachen sind jenseits von Gut und Böse.“

Das sagt die 39-jährige Tanzpädagogin Laura Hoffmann, auch Mitglied in der Frischluft-Initiative. Wahrscheinlich ist sie beim pädagogisierenden Tanzen mal über einen Zigarettenstummel gestolpert und hat sich etwas gezerrt. Vielleicht sogar in der Weserstraße. Das kann traumatisieren. Ja, nach 22 Uhr läuft dort alles aus dem Ruder. Dort wird also jenseits von Gut und Böse geraucht! Oder meint Frau Hoffemann da nicht nur das Rauchen? Besser früh ins Bett gehen. Oder Sperrstunde um zehn, dann können die Clubs auch nicht mehr erst um 22 Uhr öffnen, wo doch jeder weiß, dass es nach zehn drunter und drüber geht. Oder ist Frau Hoffmann nur neidisch, weil bei ihr nichts mehr drunter und drüber geht?

Ganz wichtig natürlich, dass streng kontrolliert wird, vor allem nach zehn, vor allem in Neukölln:

„Die sind hier unheimlich lahmarschig mit den Bußgeldern. Das Ordnungsamt kontrolliert nicht viel.“

So sieht das der Spatz, der mit 15 ein paarmal inhalierte. Spatz war früher Gesundheitsstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf.

In der Tat, da brauchen wir die totale Kontrolle. Auch der letzte heimliche Raucher, der nachts um drei in einem Weserstraßenkeller verschämt seine Zigarette in der Handmuschel versteckt, muss künftig gestellt werden. Am besten von einem scharfgemachten Jagdhund, der auf den Namen Spatz hört. Wo kommen wir sonst hin?

Es geht hier nicht ums Rauchen. Dass Rauchen gesundheitsschädlich ist, weiß jedes Kind. Dennoch wird geraucht. Die Frage ist doch eher: Wie kommen erwachsene Menschen auf die Idee, 20 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt Kneipen aufzusuchen und dort zu missionieren? Kneipen, die sie ohne Mission nie betreten würden, ob mit oder ohne Rauch? Und jetzt per Gesetz durchboxen zu wollen, dass in keiner Kneipe, am besten an keinem öffentlichen Ort in Berlin mehr geraucht werden darf? Es geht um Tugendterror. Diese Leute wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit, deshalb sind sie zur Mission berufen. Da darf man dann auch fordern, dass nachts Horden von Kontrolleuren durch die Kneipen ziehen.

Es geht nicht ums Rauchen. Es geht um eine moderne Form von Kontrolle, gerade dann, wenn sich bestimmte Situationen besorgten Lichtenradern als “jenseits von Gut und Böse” darstellen. Es gab Restaurants in Kreuzberg, die stellten Aschenbecher auf den Tisch, nachdem die Küche zugemacht hatte. Alle waren zufrieden. Irgendwann kam das Ordnungsamt vorbei. Die Strafe für den Wirt belief sich auf eine vierstellige Summe.

Es ist eine Form totaler Kontrolle. Die Vorläufer dieser Haltung waren die christlichen Missionare im weltweiten Gefolge imperialistischer Politik und das koloniale Herrendenken, wonach den Wilden Manieren beigebracht werden müssen. Sie wissen es halt nicht besser. Wer so unvernünftig ist zu rauchen, obwohl der Mediziner Spatz doch weiß, dass das ungesund ist, darf bedrängt werden. Auch und vor allem nach 22 Uhr in der Weserstraße. Denn der hat einfach keine Argumente mehr.

In einer immer aseptischer werdenden Gesellschaft ist Rauchen eine Provokation. In einer immer ohnmächtiger werdenden Gesellschaft, die neoliberale Mechanismen immer weniger durchschaut, geschweige denn, sich ihnen entgegenstellt, ist der Kampf gegen das Rauchen in der Weserstraße konkret, greifbar. Der Feind sitzt an der Theke. Es ist ein weiteres Beispiel für eine Dialektik der Aufklärung, in der eine rationale Erkenntnis in eine hyperrationale Praxis umgesetzt wird und damit umschlägt in einen rationalistischen Irrationalismus. Das immergleiche Spiel. Das einem Mediziner mit Spatzenhirn zu erklären, ist wahrscheinlich aussichtslos.

Andererseits: Ich bin ganz froh, dass es solche Trottel gibt. Einfacher kann man gesellschaftliche Fehlentwicklungen in einem flotten Blogartikel kaum darstellen. Und der Weserstraße ist das schätzungsweise eh wurscht.

Bezeichnende Notiz am Rande: Johannes Spatz ist Mitglied der Grünen. Nicht, dass mich das jetzt wundern täte. Und die Antwort auf die Frage, wie groß die Schnittmenge ist zwischen den Antirauchfanatikern und den Baumspendern von Holy Wood, würde mich interessieren, führt hier aber zu weit.

Typischer Kneipentisch in Neukölln, und das schon vor 22 Uhr:

(Foto: genova 2010, alle Zitate aus dem Tagesspiegel-Artikel)

Emmanuel Lévinas: nichts und alles (Gastbeitrag)

“Du bist nichts, der/das Andere ist alles”,

schrieb ein User namens Philon kürzlich in dem Forum Architectura Pro Homine über ein angebliches Prinzip bei Denkern wie

“Lévinas, Lyotard, Derrida und vor allem Foucault; in Deutschland bei Marcuse, Adorno etc.; in Italien bei Vattimo und so weiter.”

Und weiter:

“Die einzige Haltung, die das Ich oder das Wir nach Lévinas gegenüber dem Anderen ethisch legitimerweise einnehmen würfen, ist die der totalen Unterwerfung unter den “Anderen”, und zwar nur deshalb, weil er Anderer ist.”

Philon hat das weiter ausgeführt. Ich stelle diese Ausführungen hiermit als Gastbeitrag ein (ohne sie mir inhaltlich zu eigen zu machen). Zum einen, weil mich das Thema des Perspektivwechsels derzeit interessiert, zum anderen, weil das Thema eine politische Dimension hat, wie Philon selbst ausführt.

Vielleicht interessiert es ja jemanden.

genova

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Das Prinzip von Lévinas’ Philosophie ist die, übrigens erklärtermaßen undialektische Gegenüberstellung von “Selbem/Identität” und “Anderem”. Das “Ich” oder das “Wir” bilden demnach das Moment eines Bezuges auf sich selbst unter Negation des “Anderen”. Diese Negation ist bei Gegenständen des täglichen Lebens, ebenso wie in der Erkenntnis, als im Hegel’schen Sinn “aufhebende” Negation denkbar: das Andere wird in die Sphäre des Ego aufgehoben, d.h. in gewisser Weise aufbewahrt, das aber um den Preis der Vernichtung seiner Andersheit.

Beim “Anderen” im eigentlichen Sinn, d.h. beim anderen Subjekt (obwohl Lévinas den Begriff nicht verwendet und von seinem Ansatz her nicht verwenden darf), sei es Gott oder ein anderer Mensch, ist das anders. Dieser “Andere” fällt sozusagen von Außen in das Denken des Selben ein und sprengt es auf. Der “Andere” ist insofern dann “unendlich”, als er die Sphäre der Selbigkeit des “Ich” oder “Wir” immer übersteigt, obwohl er gleichwohl (wie immer das funktionieren) soll, in Bezug auf ihn stehen soll (Lévinas redet paradoxerweise auch von der “beziehungslosen Beziehung”, was m.E. einfach Unfug ist). Der Andere kann daher auch nicht aufgehoben, sondern nur vollständig negiert werden, nämlich durch einen Mord.

Während jeder “Selbe” immer endlich und gewaltsam ist, ist der “Andere” immer automatisch, nur weil er “Anderer” ist, unendlich und steht als solcher auch immer “unendlich höher” (Lévinas’ Begriff der “hauteur” bzw. der “pointe” oder des “au-delà de l’être”) als das Ich oder das Wir, das man selbst ist.

Die einzige Haltung, die das Ich oder das Wir nach Lévinas gegenüber dem Anderen ethisch legitimerweise einnehmen würfen, ist die der totalen Unterwerfung unter den “Anderen”, und zwar nur deshalb, weil er Anderer ist. Der “Andere” darf alles und darf alles beanspruchen, einzig und alleine aus dem Grund, dass er Anderer ist. Ich oder Wir dürfen ihm gegenüber nichts beanspruchen, einzig und alleine, weil ich oder wir halt “ich” oder “wir sind. Etwas überspitzt könnte man sagen, das Prinzip von Lévinas’ Philosophie lautet: “Du bist nichts, der Andere ist alles”.

Der entscheidende Punkt ist dabei nun, dass die Frage nach den Ansprüchen, die jemand hat, nicht nach Gerechtigkeitsprinzipien entschieden wird, sondern alleine daran hängt, ob jemand in einer Konstellation “Ich/Wir” oder “Anderer” ist.

Zwar bin Ich für den Anderen auch wiederum Anderer und insofern gilt aus der Perspektive des Anderen, dass dieser Ich und somit einer ist, der sich mir, der ich für ihn “Unendlicher” bin zu unterwerfen hat.

Diese Reflexion darf Ich als Ich aber wiederum laut Lévinas gar nicht anstellen, da ich damit seiner Auffassung nach den “Anderen” wieder gewaltsam in eine “Totalität” vereinnahme, in der er nur ein Moment des “Selbst” wäre. Wenn überhaupt, bleibt die Perspektive der Reziprozität, ohne die Gerechtigkeit nicht denkbar ist, daher für Lévinas Gott vorbehalten (Lévinas sagt ausdrücklich, man sei nur “grâce à dieu” Anderer für den Anderen und dürfe selbst diesen Gedanken nicht denken).

Dass in diesem Konzept Gerechtigkeit und Recht, die eben gerade auf reflektierter Reziprozität beruhen, nicht denkbar ist, dürfte klar sein und ist auch schon vielen vor mir aufgefallen; es gibt dazu eine ganze Reihe von Arbeiten.

Was mir ebenfalls evident zu sein scheint ist, dass diejenigen Denkstrukturen, die dasjenige Denken bestimmen, dass sich heute in Westeuropa “links” nennt, von einem solchen Ansatz geprägt sind. Anders lassen sich vor allem die merkwürdigen Phänomene der Doppelmoral, wenn es etwa um alliierte Kriegsverbrechen an Deutschen oder um das Verhältnis zum Islam (den ich als solchen übrigens durchaus respektiere) nicht erklären.

Nun muss man Lévinas freilich noch insofern in Schutz nehmen, als seine Theorie nicht politisch gemeint ist, sondern primär (individual)ethisch (da birgt sie allerdings schon genug Probleme). Es ist aber leicht ersichtlich, dass sich genau die angedeutete Doppelmoral fast zwangsläufig einstellen muss, wenn man Lévinas auf den politischen Raum überträgt. Damit will ich nun wieder nicht sagen, dass irgendwo explizit und bewußt geschehen ist; wenn, dann eher unbewußt und auf verschlungenen Wegen. Aber Lévinas’ Denken scheint mir doch der Schlüssel für das Verständnis der politischen Ideologie Europas der Gegenwart zu sein … bzw. ist Lévinas’ Philosophie vielleicht in der Tat “ihre Zeit in Gedanken gefasst”.

Es ist übrigens, dies nur als Ausblick gesagt, auch klar, dass in Lévinas’ Ansatz ein Aufbegehren gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten unmöglich ist. Der Kapitalist ist für den Ausgebeuteten natürlich auch ein “Anderer”, gegenüber dem als solchem die totale Unterwerfung gefordert ist. Zwar müsste sich auch der Ausbeuter dem von ihm Ausgebeuteten “unterwerfen”, das darf der Ausgebeutete ihm aber gerade nicht seinerseits abverlangen …

Die taz macht Rechtspopulismus salonfähig

Hat die taz einen Dachschaden? Die angeblich linke und alternative (und von mir eigentlich gern gelesene) Zeitung räumt heute Norbert Bolz viel Platz für einen Beitrag frei. Titel: Linke Lebenslügen. Nun mag es die ja geben und die zu diskutieren dürfte sich lohnen. Aber dazu braucht man keinen rechten Vollpfosten.

Wer ist Bolz? Ein “Kommunikationstheoretiker”, der aus Gründen, die zu kären wären, einen Lehrstuhl an der TU Berlin innehat. Bolz gehört, um das kurz zu machen, zu den neuen Rechten im Land, der, zusammen mit Sloterdijk und Henkel und Baring und vielen anderen, das Land neofeudalistisch organisieren will. Der Mensch zählt nur noch, wenn er konsumiert, wenn er es nicht kann, hat er Pech gehabt. Kapitalistische Grundprinzipien sollen die Gesellschaft bis in die kleinste Ritze bestimmen. Dass das Rebellische heute umstandslos vom Kapital dem Markt einverleibt und somit umfunktioniert wird, erfüllt ihn, wie die Zeit schreibt, mit einem “Ton frommer Bewunderung, wie man ihn von Renegaten kennt, die ihre neue Religion preisen”.  Diese Dialektik ist aber fortschrittlich, denn, so Bolz, “soziale Gerechtigkeit macht den Menschen unmündig.” Das sagt er, wohlgemerkt, nach der Finanzkrise.

Dazu die in rechten Kreisen beliebte Vorgehensweise, eine Verleumdung “konservativer” Positionen durch die deutsche Öffentlichkeit zu behaupten. Er fordert dann auch gleich eine neue “rechte Partei” und gibt sich bei Bedarf als Kenner der Seele der schweigenden Mehrheit aus. Dass ökonomischer Neoliberalismus und gesellschaftlich reaktionäre Positionen zusammengehen, ist man von Leuten wie Henkel ja schon gewohnt.

Bolz zeichnet sich aus durch eine fast phänomenale Unfähigkeit zur Analyse. Das auszuführen, fehlt mir jetzt die Zeit. Es sei nur darauf hingewiesen, dass er im aktuellen taz-Artikel die üblichen neurechten Argumente bringt wie das ortsbezogene, dass die Linken in Kreuzberg nicht U-Bahn fahren und deshalb die Wirklichkeit nicht kennen:

“Die Linken flanieren zwar gerne durch die türkischen Gemüsemärkte in ihrem “Kiez”, aber den U-Bahnhof Kottbusser Tor oder den Hermannplatz kennen sie nicht.”

Es ist eine Variante des rechtskleinbürgerlichen “Rotweingürtel”-Vorwurfs, womit sich Bolz genau den Leuten empfiehlt, mit deren Unterstützung er rechnen kann. Für Nicht-Ortskundige: Als Kreuzberger kann man die beiden Orte nicht meiden, selbst wenn man es wollte. Sie liegen einfach zu zentral und zudem wichtige Knotenpunkte von U-Bahnlinien. Wahrscheinlich ist, dass lediglich Bolz sie nicht kennt.

Atemberaubend auch:

“Kranke Hirne unter Glatzen, Springerstiefel und Kampfhunde gibt es überall in der Welt. Aber diese Verrückten, für die wir in Deutschland aus historischen Gründen natürlich besonders sensibel sind, sollten doch nicht den Blick dafür trüben, dass wir in einem der ausländerfreundlichsten Länder leben.”

Wie hat er das gemessen? Ein ebenso typisch neurechtes Argument, das nur dazu dienen soll, die Schrauben anzuziehen. Bolz ist sicher auch Sarrazin-Fan. Denen geht´s doch viel zu gut hier.

Gäbe es in Deutschland eine Tea Party, der erklärte Verfassungsfeind Norbert Bolz wäre ihr Protagonist, via seinen Lehrstuhl staatlich üppig alimentiert.

Genug gemeckert. Meinungspluralismus in der taz ist ja ok, es ist sogar einer der Gründe für mich, sie zu lesen. Und ohne liberales Korrektiv wäre die deutsche Linke in der Tat vor Tugendterror nicht gefeit, wie ja schon Teile der Bloggosphäre zeigen. Aber bitte nicht Bolz. Ein Blick in das – zugegeben verkümmerte – linksliberale Lager könnte akzeptable Gegenspieler markieren.

Bolz hat zu Adornos 100. Geburtstag dafür plädiert, sich von der kritischen Theorie zu verabschieden (das hat er mit Sloterdijk gemein). Sein taz-Beitrag zeigt, wie gerne man ihm da folgt.

In derselben taz-Ausgabe beklagt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer: Das Bürgertum verroht. Auch Bildung schütze davor nicht. Die taz fördert mit der Integration von Bolz die Verrohung. Er und seine Kameraden können sich freuen.

Junge Freunde, fürs System unbezahlbar

Der aktuelle Newsletter der jungekunstfreunde, Köln, wirbt für einen Stadtrundgang in Köln-Ehrenfeld

“Aus dem ehemaligen Arbeiterviertel nordöstlich der City ist zwischen ein anerkannter Produktions- und Umschlagplatz für internationales Design geworden – mit eigenen Netzwerkzentralen wie der Halle des Design Quartier Ehrenfeld und dem “popdesignfestival” im Crossover von Musik/Design/ Urbanismus. Wie wollen mit den Drahtziehern der Szene sprechen und einen Blick in die Bürogemeinschaften der hier ansässigen Grafik- und Kommunikationsdesign riskieren.”

(Fehler im Original)

Faszinierend, wie jungen Freunde der Kunst eh aufgeweichte Begriffe vollends banalisieren. “Ehemaliges Arbeiterviertel” klingt schon spannend, irgendwie, da, wo mal richtig zugepackt und hingelangt wurde, Industrieromantik; “internationales Design” ist auch toll, “national” klänge doch nach gestern; “Netzwerkzentralen” ist sicher die hippe, wenn auch leicht widersprüchliche Fortführung der etwas angestaubten “Netzwerke”; “Design Quartier” ist auch super, vor allem weil, ganz neudeutsch, auseinandergeschrieben; “popdesignfestival”, klasse, diesmal alles zusammen und klein, kommt auch gut, zumal dieses Festival total “crossover” ist; “Drahtzieher der Szene”, mannomann, ob seines Bezugs zur Illegalität ganz schön gewagt, aber warum nicht, die jungen Freunde der Kunst müssen schon ein wenig provozieren. Musik, Design und Urbanismus: Dass letzterer Begriff hier auftaucht, zeigt, wie flexibel die jungen Freunde sind. Urbanismus wird gerade der wissenschaftlichen Sphäre beraubt und pr-konform modelliert.

Blablabla also. Was mich interessieren würde: Was ist denn das “ehemalige” Arbeiterviertel jetzt? Wohnen da nur noch “Künstler”? Wo sind die Arbeiter? Gibt es die überhaupt noch, angesichts der tollen, dynamischen Szeneleute? Wie sehen denn die prognostizierten Wohnwertzuwächse in Ehrenfeld aus? Wie läuft es mit den Mieten? Was sagen die Leute, die dort wohnen? Um was für eine Kunst geht es eigentlich bei diesen Produktions- und Umschlagplatzspezialisten? Und wer sind diese jungekunstfreunde?

Eigenauskunft:

“Wir sind über 500 junge „Freunde des Museums Ludwig und des Wallraf-Richartz-Museums“ unter 28 Jahren. Wir sind aber auch ein Team von ca. 25 aktiven Programmgestaltern, das jederzeit durch dich erweitert werden kann. Dieses Team organisiert jedes Semester aktuelle und abwechslungsreiche Veranstaltungen nach dem Motto „von jungen Leuten für junge Leute“.”

Tolles Motto, dazu “abwechslungsreich”, “aktuell” und “aktiv” (wieso eigentlich nicht proaktiv?). Ein banalisiertes, sinnfreies Geplapper irgendwelcher nett und harmlos aussehnder Studenten, die zwecks Karriereplanung auf sich aufmerksam machen wollen, schätze ich mal. Was interessiert da schon Gentrifizierung oder die Rolle der Kunst unterm Kapital? Oder gar Kunst an sich, bevor sie auf den Begriff gebracht wird?

Ein sicher schon anerkannter Produktions- und Umschlagplatz für PR-Müll, diese jungen freunde. Kunst wird sofort und ohne Diskussionen zum Kunstgewerbe geformt. Kunst hat vor allem “spannend” zu sein, denn wer alles spannend findet, der ist interessiert und somit auch interessant. Aber bitte nicht kritisch, bitte keine Fragen, denn dann lässt sich die Kunstliebe nicht so effektiv für die eigene Karriereplanung einsetzen. Immerhin sind die jungenkunstfreunde laut ihrer cv in der Kunstszene aktiv, haben schon Führungen organisiert und Ausstellungen.

Solche Freunde sind fürs System unbezahlbar. Sie stellen, ganz kostenlos, den erwünschten Bezug zwischen irgendwelchen “Künstlern”, Designern und sonstwie “kreativen” Leuten einerseits und jungen, angehenden Akademikern andererseits her. “Kunst” erst als Oberbegriff für alles, was irgendwie trendy ist, verfügen und dann ganz effizient instrumentalisieren. Das höchste, was die “riskieren”, ist “ein Blick in Bürogemeinschaften”, und es spricht leider nichts dafür, dass man es hier mit Ironie zu tun hat.

Warum soll man da noch nein sagen?

Ein Schweinegeld

Deutschland ist bekanntlich (Fast-)Exportweltmeister. Mittlerweile allerdings nicht mehr nur im Maschinenbau, Chemie oder Pharma, sondern auch bei toten Schweinen. Da die deutsche Elite von Mindestlöhnen nichts hält, dürfen also auch Schweine für Hungerlöhne in Deutschland geschlachtet werden, damit sie dann europaweit auf den Teller kommen, auf dass man sich billig so richtig sattessen kann. Wir ziehen also selbst Jobs im Niedriglohnbereich an. Glückwunsch. Die Süddeutsche vor ein paar Tagen auf Seite 1:

“Nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind nicht selten nur noch 20 Prozent der Beschäftigten auf einem Schlachthof in Deutschland direkt beim Betreiber angestellt – zu aus Sicht der Gewerkschaft akzeptablen Löhnen von etwa 15 Euro die Stunde. Die anderen Arbeitnehmer kommen häufig aus Osteuropa. Sie schlachten für fünf bis zehn Euro die Stunde …

Weil die Rufe der Gewerkschaft nach einem Mindestlohn in der deutschen Fleischindustrie seit Jahren ungehört bleiben, vernichtet das billige Fleisch aus deutschen Landen inzwischen anderswo Arbeitsplätze. Die Gewerkschaften in Frankreich, Dänemark und Belgien sind alarmiert. In Frankreich gilt für Schlachter eine Lohnuntergrenze von 8,86 Euro …

Die Dänen schicken inzwischen selbst gezüchtete Schweine zum Töten und Zerlegen über die Grenze nach Deutschland. In Dänemark verloren 2009 etwa 3.000 Mitarbeiter in Sclachthöfen ihren Job. Sie hatten tariflich gesicherte Stundenlöhne von 20 Euro erhalten …

Gäbe es einen allgemeinen Mindestlohn in der Branche, würde das Kilo beim Discounter vielleicht fünf Cent mehr kosten.”

Die Deutschen, die sich ja gerne als Opfer darstellen, Opfer der bösen Chinesen, Polen und jetzt auch Muslime, sind als ökonomische Einheit natürlich Täter. Soll nur, im Gegensatz zu früher, keiner wissen. Deutsche Politik als treibende Kraft neoliberaler Logik in Europa, Schlachthöfe als drastisches Beispiel einer Gesellschaft, der der Begriff “Humankapital” längst den Bilanzen entwichen ist. Wie es so zugeht in Schlachthöfen, beschreibt ein ehemaliger Schlachthofarbeiter:

“Viele Kopfschlächter sind Alkoholiker, und die gehen mit den Tieren um, als wären sie der letzte Dreck. Wenn die Tiere in der Früh geliefert werden – die kommen irgendwo von Dänemark her oder vom Sudentenland, die Schweine und Rinder -, werden sie einfach reingetrieben, dann werden sie abgeschossen und aufgehängt, viele leben noch, und dann werden sie schon durchgeschnitten. Und dann läuft das Blut von den Bullen…

Viele Tiere leben noch, na logo! Etliche kommen lebend in den Kessel rein zur Enthaarung. Das ist siedend heiß, das Wasser…

Die schlachten Montag, Mittwoch und Freitag. Nachts um eins geht es los bis mittags um elf, zwölf rum. Die machen das auf Akkord. Das geht nach Stückzahl. Da kämpft jeder gegen jeden, wer die meiste Stückzahl hat. Die verdienen ein Schweinegeld, die Kopfschlächter…

Viele der Kopfschlächter sind Alkoholiker, die hauen schon nachts die Flasche Schnaps weg und alles. Das ist ja nicht normal! Ich kenne das auch von anderen Schlachthöfen, da ist das genauso. Das sind keine Menschen mehr für mich – die sind ja irre. Ich sag ja, egal, auf welchen Schlachthof du gehst, viele sind Alkoholiker…

Manche Tiere zappeln noch, nachdem sie geschossen wurden, die haben noch Lebensgefühl, denen werden bei lebendigem Leib die Augen ausgestochen und die Beine abgeschnitten – die zappeln noch, die sind noch warm, die Tiere merken das noch. Das ist ein riesiges Leiden – wie bei einem Menschen. Tiere leiden schlimmer als wir.”

“Aufs Tier zu achten, gilt nicht mehr bloß als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt”, schrieben Adorno und Horkheimer in der “Dialektik der Aufklrung”. Also bitte keine Sentimentalitäten. Die Tiere als “bloßes Material” erfahren ganz konkret und ökonomisch bilanzierbar Vernunft, wobei die maximal mögliche Vernunftportion offenbar nur verabreichbar ist, indem die Werkzeuge dieser Vernunft sich vorher betäuben. Betäubt sind die Tiere wohl am effizientesten unbetäubt zu verarbeiten. Es ist “eine Genialität der Produktion, die keine Zeit zum Denken lässt.” Damit das Denken auch wirklich nicht mehr vorkommt, wird mit Alkohol nachgeholfen. Immerhin können die Arbeiter im Akkordschlachten dann doch ganz gut verdienen. Nicht nur deutsche gegen dänische Schlachthöfe, sondern jeder gegen jeden, ganz marktwirtschaftlich wird die Arbeit angegangen.

Natürlich geht es anderswo nicht anders zu. Es ist dennoch aufschlussreich, dass selbst in einer Branche, wo die Logik der maximal zu erzielenden Rendite dem Lebendigen ganz wörtlich an die Substanz geht, der scheinbar rationale marktwirtschaftliche Wettbewerb konsequente Anwendung findet. Wir sind besser aufgestellt, also können wir unser Produkt günstiger anbieten, immerhin fünf Cent pro Kilo, also haben wir recht. Wir sind vernünftiger als die anderen.

Allerdings ist auch im fortgeschrittenen Kapitalismus der Trieb durch die Vernunft noch nicht ganz gebändigt, deshalb braucht es den Alkohol.Was mit dessen Zuhilfenahme in Schlachthöfen passiert, beschreibt der anonyme Ex-Schlachter von oben so:

“Derweil wird von manchen Schlächtern das Blut gesoffen, manche hauen sich Salz, Pfeffer und ein Ei rein, andere saufen es pur…

Und dann saufen manche Schlächter das Bullenblut pur, warm, so wie es ist. Oder von den Schweinen die Leber, die wird pur gefressen, so warm wie die ist, lauter so Zeugs. Oder dann werden den Bullen die Hoden abgeschnitten, dann hacken die sie zusammen, dann kommt Salz und Pfeffer dazu und dann wird´s gefressen. Die denken, davon werden sie kräftig…

Ich kenne einen, wenn der die Därme sauber macht, der macht sich in sein Fleisch einen Teil Kot mit rein und frisst das. Solche Verrückte sind das…”

Fleischliche Exzesse, und dass man den Verzehr der frisch abgetrennten Hoden damit legitimiert, dass man so “kräftig” werde, wirft ein Licht auf die sexuelle Komponente dieser mythischen Geschichte. In die auf die fünf Cent bilanzierte Berechenbarkeit der Schlachtindustrie mischt sich der verpönte Aberglaube derer, die für die korrekte Bilanzierung ganz unten zu sorgen haben.

Die im Angesicht des zappelnden Tieres vielleicht noch vorhandene Möglichkeit mimetischen Handelns wird unterdrückt durch die wörtliche Einverleibung dessen, was zu Ware geformt werden muss und der Gefahr, dass die Totalität des Verblendungszusammenhangs angesichts des fleischlichen Grauens Risse bekommt, kommt man mit Bewusstseinsvernebelung bei, worauf sich der Exzess offenbar nur noch ungehemmter entwickelt.

Mahlzeit!

(Alle nicht-kursiven Zitate aus der DdA.)

Über das parasitäre Wesen des postindustriellen Kapitalismus am Beispiel der Stadt Düsseldorf

Parasitismus (altgr. Para= Neben , Siteo/o = mästen, sich Ernähren) (Schmarotzertum) im engeren Sinne bezeichnet den Nahrungserwerb aus einem anderen Organismus. Dieser auch als Wirt bezeichnete Organismus wird geschädigt, aber entweder gar nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt getötet. Im weiteren Sinne kann Parasitismus als eine Steigerung der Fitness des Parasiten bei gleichzeitiger Verminderung der Fitness des Wirtes verstanden werden. Quelle: Wikipedia

Die Modestadt Düsseldorf beklagt derzeit ihre zurückgehende Relevanz: Alles schaue auf das “hippe” Berlin, die dortige Modemesse Bread and Butter laufe hervorragend, Düsseldorf sei auf dem absteigenden Ast.

Stimmt. Doch bei der Analyse, warum das so ist, versagt das traditionell geistferne Düsseldorfer Elitepublikum zwangsläufig. Es liege am falschen Stadtmarketing, hört man, die an sich so tolle Stadt werde nur falsch dargestellt.

Quatsch. Es zeigt sich hier das parasitäre Wesen des postindustriellen Kapitalismus. Der macht immer weniger Rendite mit industriell hergestellten Gütern, das ist bekannt. Was mittlerweile zählt, ist die Aura, neudeutsch Image, das Drumherum. Das jedoch kann ein kapitalistisch organisiertes System nicht genuin produzieren. Es ist etwas, was eher in Zwischenbereichen entsteht, aufflammt, sich ungereimt artikuliert, immer dynamisch. Etwas, was sich der Verwertung durchs Kapital entzieht. Es ist das Indifferente, das als Selbstzweck geschieht, ohne jeden Instrumentalisierungsgedanken. Es ist das, was in Berlin an manchen Ecken sein Ding macht. Genau von diesem Image, von der dadurch suggerierten Authentizität, profitiert Bread and Butter.

In Düsseldorf gibt es dieses Ding nicht mehr, denn die Stadt ist von der Durchschlagskraft des Kapitals ordentlich umgemodelt worden. Das Kapital kann nicht anders als zu versuchen, das Nicht-Verwertbare verwertbar zu machen. Ein Ergebnis: Die ziemlich konkret vorhandenen Punk- und New-Wave-Aktivitäten im Düsseldorf der späten Siebziger- und frühen Achtziger Jahre wurden seit den 1990er Jahren verdrängt und verkommerzialisiert. Aus Fehlfarben und S.Y.P.H. wurde die Stadt mit den meisten Werbeagenturen. Aus “Zurück zum Beton” wurden die Hackfressen des Medienhafens mit Abstandsgrün. Aus Kreativität wurde Grey.

Alles, was irgendwie mal subversiv war in Düsseldorf ist vom System schon längst korrumpiert und somit ausgelöscht worden. (Am subersivsten sind mittlerweile der Ballermann in der Altstadt und die Stromschnellen im Rhein.)

Und hier kommen wir zur Modestadt Düsseldorf zurück. Worum es den dort ansässigen Geistesleuchten geht, beschreibt Werner Lippert vom NRW-Forum:

“Das Bewusstsein, dass Kommerz und Kunst in dieser Stadt zusammengehören, müsste auf eine höhere Ebene transformiert werden.”

Peng. Lippert merkt natürlich nicht, was er da sagt. Natürlich gehören Kunst und Kommerz in dieser Stadt zusammen, genau deshalb läuft es mit der Modestadt ja auch nicht mehr. Je mehr er da “auf eine höhere Ebene transformieren” will, desto weniger wird ihm gelingen, was er anstrebt. Das Kapital braucht heute zur Renditebildung die zuvor entstandene nicht verwertbare Nischenkultur, an deren Verwertung man sich dann macht. Die Werbeagentur Grey gibt das indirekt zu:

“Die Marken müssen mythisch aufgeladen werden – Charakter und Ausstrahlung bekommen.”

Wenn Grey eine mythische Aufladung vornimmt, dann um den Preis der Zerstörung des Mythos. Die Länge der Zeitspanne zwischen dem Beginn der Verwertung des Mythos und dem Zeitpunkt der allgemeinen Ansicht, dass das jetzt nicht mehr Ausstrahlung hat, sondern langweilig ist, beantwortet die Frage nach der Länge der Zeitspanne, in der Rendite erzielt werden kann. Selbst die alten Kö-Schnallen gucken doch mittlerweile erstmal, was die 17-jährigen Mädels auf der Kastanienallee im Prenzlauer Berg anziehen, bevor sie sich die gleichen Klamotten kaufen, nur mit einem Designer-Label versehen. Achtundsechzig hat da ganze Arbeit geleistet.

Um es mit Adorno zu sagen: Wenn Kunst auf den Begriff gebracht wird, ist sie schon verschwunden. Das Kapital setzt quasi auf eine Fata Morgana, deren Renditefähigkeit sich mit jedem Schritt in ihre Richtung verringert und gegen Null tendiert. Deshalb braucht es ständig neues: Gestern Düsseldorf, heute Berlin – die Kastanienallee als systemische Kö auf Abruf – , und nachdem hier alles verdüsseldorft sein wird, vielleicht Kiew oder Bukarest. Langweilig wird es nie.

Trostpflaster: Düsseldorf hat ja immer noch Rheinmetall. Vielleicht gibt es da Probleme mit der charakterlichen Aufladung. Die Rendite stimmt trotzdem.

Vom “falschen, verdrehten Bewusstsein”

Nichts Neues, aber ungemein prägnant auf den Punkt gebracht. Der Adorno-Schüler Oskar Negt im Spiegel:

“Die gegenwärtig vorherrschende Form des falschen, verdrehten Bewusstseins, das, was ich die Ideologie betriebswirtschaftlicher Rationalisierung mit ihrer Umverteilung nach oben und dem Sparzwang nach unten nenne, läuft den traditionellen Emanzipationsidealen von Aufklärung, Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichheit zuwider. Dieser verkürzte, auf Anpassung an das Bestehende ausgerichtete Realitätssinn höhlt die politische Moral aus und gefährdet damit das Fundament unserer Demokratie.”

Dem Marxschen “falschen Bewusstsein” fügt Negt “verdreht” hinzu. Sicher eine Folge der Postmoderne: Wer traut sich heute noch, kommentarlos von “richtig” und “falsch” zu sprechen?

Postmodern ist es auch, dass der Spiegel ohne zu Zögern einen fundamentalen Kritiker wie Negt ausführlich zu Wort kommen zu lassen und im nächsten oder übernächsten Artikel genau den neoliberalen Blödsinn zu fordern, den Negt kritisiert.

Alles ist möglich. Nichts hat Konsequenzen.

Man könnte sich ja eh mal fragen, wieso der ganze neoliberale Nonsense kurz nach Achtundsechzig wieder ausbrach, mit Bretton Woods und Pinochet und Reagan und Thatcher und rotgrün undundund bis zum von Negt erwähnten vorläufigen Höhepunkt der 480-Milliarden-Bankenrettung?

Alles im Angesicht der Adorno-Schüler.

Max Herre: Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems

Ein Musikvideo von einem Max Herre, mir bis dato unbekannt. Es und er kommen smart daher, wie man heute sagt, könnte genausogut ein Werbeclip für irgendwas Hippes sein:

Das Video ist ein schönes Beispiel für die Allmacht der Werbe- und PR-Branche. Der flexible Mensch: Er hat draußen übernachtet, auf dem Dach seines Berliner Hauses. Er sieht dennoch frisch aus mit seinem grauen T-Shirt und so toll unabhängig. Er geht dann runter in seine Wohnung und natürlich wohnt er in einem schicken Altbau mit Parkett und großzügiger Wohnküche. Wie nebenbei kommen die Weintrauben auf dem Tisch ins Bild und ein ipod, und überhaupt Apple. (Und wer hängt hinten an der Wand? Boys?) Natürlich hat Max aus Gründen der persönlichen Authentizität eine riesige Plattensammlung samt coolem Plattenspieler und einen Füllfederhalter: er schreibt noch per Hand, prima.  Dann eine sorgfältig gearbeitete Kamerahülle, eine Armbanduhr mit Charakter.

Max geht raus, er lebt im Prenzlauer Berg oder in Kreuzberg, man sieht einen coolen alten Ford Taunus und Graffiti, malerisch. Selbst der Obdachlose auf der Parkbank wirkt gestylt, ja, auch Obdachlosigkeit ist nur eine selbstgewählte Form der Existenz. Inderinnen in der Urbanstraße, dazu ein paar Kopftuchtürkinnen, wohl um rüberzubringen, dass man irgendwie multikulti und jedenfalls nicht “rechts” ist.

Dann geht Max ins Café, natürlich in eines mit nachlässig gespachtelten Wänden, und liest die Süddeutsche, Seite 3.

Am tollsten ist die Szene vor einem alten Buchladen, in dessen Auslage das Buch “Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems” der Berliner Philosophin Rahel Jaeggi, die in der Tradition der Kritischen Theorie steht. Auch die ist offenbar mittlerweile instrumentalisierbar, solange sie auf eine attraktive Oberfläche reduzierbar ist.

Nicht mal den Maxibecher Coffee-to-go lässt er aus, der gute Max. Der wird dann wiederum in einem Aufnahmestudio im Retro-DDR-Style eingenommen, mit holzgetäfelten Wänden.

Einzig, dass er das graue T-Shirt, mit dem er morgens auf dem Dach aufgewacht ist und das er den ganzen Tag über getragen hat, sogar beim Konzert abends auf der Bühne anhat, macht ein wenig stutzig. Aber auch das ist kein Problem, wenn man das richtige Deo aufgetragen hat.

Dann besucht Max noch einen Flohmarkt, klar. Das bringt zwar auch keinen direkten Mehrwert, genauso wenig wie das Übernachten auf dem Dach oder das dauergetragene T-Shirt, aber diese Bandbreite macht das System für so ziemlich jeden attraktiv: Für die Kö-Tusse, die bei Flohmarkt und T-Shirt die Nase rümpft genauso wie für den Schluffi, der bei den Kö-Läden die Nase rümpft.

So isser, der Max: ein Lebenskünstler mit vielen Büchern, ein Mann, der belesen ist und viel nachdenkt. Einer, der unabhängig ist, der auch als Singer/Songwriter durchgehen würde, und er sieht auch prompt ein wenig aus wie Bob Dylan. Eigentlich genial: Ein allumfassendes System, das nach und nach alles dem Renditedruck unterwirft – ironischerweise gerade an den Mietpreisen in Kreuzberg und im Prenzlauer Berg sichtbar – propagiert den unabhängigen Menschen, der über alles nachdenken darf, nur nicht über das Grundlegende. Tut er das, ist er ganz schnell raus, dann ist schluss mit locker.

Dass es den kleinen Buchladen mit dem Jaeggibuch bald nicht mehr geben wird: Ob der Max darüber auch schon nachgedacht hat?

Entfremdung als rein private Angelegenheit, ohne jede gesellschaftliche Komplexität. Überwunden wird sie durch marktförmige Accessoires und ein paar platte Gedanken.

Die Flexibilität kapitalistischer Logik. Kapitalismus ist da, wo Chance auf Rendite besteht. Deshalb auch der Blick nach vorn. Hinten gibt es nix zu holen, hinten ist vorbei.

Hauptsache to go eben:

(Foto: genova 2010)

Neu in der Blogroll: Einschnitte

Nettes Blog, das sich um so interessante Menschen wie Marcuse, Zizek, Saramago und Foucault kümmert. Und das ohne viele Worte:

Einschnitte