Archiv der Kategorie: Kino

Vom Pfeifen in Orkanstärke

Nochmal kurz zu Breivik und seiner geistigen Verwandtschaft in Deutschland. Ein Autor des Blogs Politically Incorrect, der Wahlberliner Marc Doll, rezensierte (wenn man das so nennen will) vor gut zwei Jahren einen Actionfilm namens “96 Stunden”. Es geht dort, wie in unzähligen Hollywood-Produktionen, um eine Variation des Themas “Auge um Auge, Zahn um Zahn”. Eine junge Amerikanerin wird in Paris von albanischen Mädchenhändlern entführt, und Mills, der Vater, beginnt seinen Feldzug gegen das Böse.

cinefacts schrieb damals über den Film:

Man darf sich nicht mit Fremden einlassen. Der Papa wird’s schon richten. Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Der Zweck heiligt die Mittel. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Derartige simple, reaktionäre Weisheiten verbreitet der Film, und er zeigt ausführlich, was passiert, wenn man sich nicht dran hält.

Dabei sind die Actionsequenzen wirkungsvoll inszeniert: Es tut dem Zuschauer wirklich weh, wenn Mills wieder mal zuschlägt, wenn er einen der Schurken Metallstäbe in die Oberschenkel rammt, um dort Strom anzuschließen für die Folter, wenn er die Knochen krachen lässt bis zum schmerzvollen Tod. Das will man gar nicht sehen; vor allem, weil es in einen Kontext eingebettet ist, der all dies gutheißt. Denn die ganze zornige Rache von Mills, daran lässt der Film nie einen Zweifel, ist gerechtfertigt, weil die da sterben werden keine Menschen sind, sondern die Räuber seiner Tochter.

Dies ist ein grundübler Film: sowohl was die ultrareaktionäre Haltung betrifft als auch die ultrabrutale Umsetzung. Und es ist ein Skandal, dass die FSK diesem Hassfilm eine Freigabe ab 16 gewährt hat.

Marc Doll dagegen ist von “96 Stunden” begeistert:

Das Werk ist eine, in eine brillant-subtile Form gegossene, Abrechnung mit einer durch das Versagen der links-liberalen „Multi-Kulti“-Apologeten entstandenen und kaum mehr aufzuhaltenden gesellschaftlichen Katastrophe in den europäischen Großstädten.

Eine Abrechnung mit der zunehmenden Islamisierung und Orientalisierung, die die abendländisch geprägten gesellschaftlichen Werte zersetzt; eine Abrechnung mit inkonsequenten europäischen Staaten, die sich weg ducken statt endlich einzugreifen.

Dieser Action-Reißer pfeift in Orkanstärke auf politische Korrektheit und lässt seinen Hauptdarsteller Liam Neeson als von der Leine gelassenen Berserker über die Leinwand wüten. Die schmierigen orientalischen Bösewichte kriegen dermaßen ordentlich ihr Fett weg, dass einem schier die Spuke weg bleibt.

Die schmierigen orientalischen Bösewichte, die unsere abendländischen Werte zersetzen, haben jetzt in Norwegen ihr Fett weggekriegt, und Sozis waren das auch noch. Auf die Versager in der Politik können wir uns ja nicht verlassen. Breivik hat versucht, eine gesellschaftliche Katastrophe aufzuhalten, wohl in etwa so brilliant-subtil, wie in dem Film dargestellt.

Ein PI-User namens Toddyx kommentiert dazu:

WIR MÜSSEN WIEDER LERNEN, KOPF UND KRAGEN ZU RISKIEREN

Genau.

Es verschwimmen die Grenzen zwischen Fiction und Realität. Natürlich ist 96 Stunden nur ein Film. Aber offenbar (ich habe ihn nicht gesehen) trifft er mit seinem Gut-Böse-Schema einen Nerv: Man darf, ja, man muss sich wehren gegen das Böse. Egal wie. Und es ist kein Zufall, dass auf PI ausgerechnet dieser Film rezensiert wurde, wohl der einzige, der überhaupt einmal Beachtung fand bei Leuten, die mit Feindbildkonstruktionen beschäftigt sind.

Man könnte jetzt weit ausholen: Der Plot und die Umsetzung von 96 Stunden ist in extremer Form das, was die (vor allem amerikanische Filmindustrie) in weiten Teilen ausmacht: Feinbildkonstruktion, Kampf gegen das Böse, Abwehrhaltung, Legitimierung von Gewalt, dramaturgisch und cineastisch in die immergleich banalisierte kulturindustrielle Form gepresst, die dem Zuschauer ein dauerhaft wohliges Schaudern im Rückenmark verspricht. Dass diese extreme Darstellung in 96 Stunden auch gewaltbereite Kleinbürger anspricht, ist nur folgerichtig.

Sehr gut bringt das Armin Laschet, der ehemalige NRW-Integrationsminister, in der Welt auf den Punkt:

Diese Blogs entwickeln Horrorszenarien, sodass manche daraus die Rechtfertigung für einen irgendwie gearteten Widerstand ableiten. Das Verhetzen von Menschen schafft das Klima für Gewalttaten. Das ist fast deckungsgleich mit islamistischen Hetzseiten im Internet, die zum Widerstand gegen die westliche Welt aufrufen. Das sind die gleichen Mechanismen und die gleichen Denkmuster, durch die sich Einzeltäter radikalisieren. So wie wir islamische Hetzseiten beobachten, müssen wir auch diese rechtspopulistischen Seiten beobachten.

So ist es. Die fortwährende Entwicklung von Horrorszenarien ist das entscheidende. Es darf die Puste nicht ausgehen. Bei Islamisten wie bei deren angeblichen Kritikern.

Henryk Broder ist derzeit übrigens damit beschäftigt, dem “linksreaktionären Gutmenschenpack” in Orkanstärke pfeifend auf die Mütze zu geben, während die Berliner Zeitung klarmacht, dass zwischen die Kameraden Broder und Breivik inhaltlich kein Blatt Papier passt. Nur so nebenbei.

Wer nun glaubt, ein Knallkopp wie Doll habe abseits rechtsextremer Internetforen nichts zu sagen, irrt: Er macht Karriere. Marc Doll ist mittlerweile stellvertretender Bundesvorsitzender der neuen “Bürgerrechtspartei” “Die Freiheit”. Wählbar im September in Berlin.

Kurze Bemerkung zu einem kurzen Dialog

“Mein Film spielt an der Schnittstelle zwischen Galerie und Gastronomie”

sagte gestern eine Regisseurin im Berliner Radiosender MotorFM über ihren Film, der jetzt auf der Berlinale läuft (Name von Regisseurin und Film entfallen).

Galerie und Gastronomie? Wo soll diese Schnittstelle sein? Soll die Alliteration die Schnittstelle sein? Oder etwas in der Richtung “Esskultur”, und Bilder sind ja auch irgendwie kulturell? Vielleicht handelt ihr Film ja davon, dass jemand mit einer Tüte Pommes in der Hand vor einem Bild steht und guckt.

Wahrscheinlich findet die Regisseurin auch, dass es eine Schnittstelle gibt zwischen Kurvendiskussion und Brustvergrößerung.

Die Moderatorin von MotorFM antwortete auf die Feststellung mit:

“Okay.”

Danke für die Info.

Gainsbourgianer

Wer hat La Boum mit Sophie Marceau seinerzeit nicht gesehen? Ich. War wohl der einzige. Ich weiß nicht, warum, mir fehlt die Erinnerung. Teeniekomödien haben mich wohl schon damals nicht interessiert, was mich jetzt über meine Sozialisation nachdenken ließe, was nicht hierher gehört. Erinnern kann ich mich aber an Charlotte Gainsbourg, von der ich in den Achtzigern alle Filme sah, die es in westdeutsche Programmkinos schafften. Einige gruben sich tief ein ins Hirn. Der Zementgarten, Das freche Mädchen, Die kleine Diebin, vielleicht noch Meine Tage mit Julien. Ein seltsames, feenartiges Wesen mit enttäuschend kleinen Brüsten (französische Nachwuchsschauspielerinnen mussten sich damals ausnahmslos vor der Kamera ausziehen). Und vor ein paar Jahren nahm sie mit 5:55 eine wunderbare Platte auf.

Marceau oder Gainsbourg. Zwei französische Schauspielerinnen, altersmäßig nicht weit auseinander, ich mittendrin. Die eine, 1966 geboren, spielte in La Boum nicht nur mit, sie war La Boum; die andere, 1971 geboren, hatte berühmte Eltern. Marceaus Vater war LKW-Fahrer. Das sagt sie heute im Wochenendinterview in der Süddeutschen Zeitung. Und das auch noch:

“Wir gehörten zur Arbeiterklasse, wohnten im Vorort und wenn wir nach Paris wollten, mussten wir die Metro nehmen. Und ja, mein Vater war zeitweise Lastwagenfahrer. Dann auch wieder Bauarbeiter oder Barkeeper. Gelegenheitsjobber eben. In der Welt, aus der ich stamme, ging es nicht um Fortbildung oder Kunst. Die Kinder wurden nicht dazu erzogen, Ärtze oder Anwälte zu werden. In meiner Welt fuhren Männer Trucks. Und Frauen wurden Kellnerinnen.”

Ein angenehmes Interview mit dem Foto einer ziemlich attraktiven Sophie Marceau (sie ist schmaler geworden). Obwohl heute viel mehr Männer Trucks fahren als damals, ist das Truckerthema keins mehr. Alle labern nur noch von Bildung und meinen Zurichtung zur Verwertung. Ob Trucks in Gainsbourgs Welt auch eine Rolle spielten?

Marceau oder Gainsbourg. So kommt mir das in der Erinnerung vor. Entweder sah man die eine oder die andere. Marceau habe ich kaum wahrgenommen. Die Zeit macht solche Gräben bedeutungslos. Ich werde mir demnächst La Boum anschauen. Und Fernfahrer wollte ich früher auch werden.

“Ich mache einfach, wozu ich Lust habe”

Franka Potente zum Thema “strategische Karriereplanung”:

“Ich plane meine Karriere gar nicht. Ich arbeite viel mehr nach dem Lustprinzip und mache einfach, wozu ich Lust habe, worauf ich neugierig bin. Ich war grade für die BBC und Teamworx drei Monate in Südafrika zum Dreh und bin dabei, mein erstes eigenes Buch fertigzustellen. Mal sehen, was als nächstes kommt. Vielleicht Urlaub.”

Beneidenswert. Und glaubhaft. Wie geht das?

Elf Zeilen Authentizität über Angela Merkel

“Authentizität ist die Suchtvokabel der Nullerjahre” schrieb Harald Jähner in seinem Dekadenresümée vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung (via Bersarin), und rein zufälligerweise fällt mir ein Interview mit Christoph Schlingensief kürzlich in der Welt in die Hände, in dem er von seinem Besuch im Kanzleramt erzählt. Die elf Zeilen portraitieren Angela Merkel wohl präziser als  jede noch zu erscheinende Biographie:

WELT ONLINE: Sie waren mit der Berlinale-Jury auch bei Angela Merkel im Kanzleramt eingeladen.

Schlingensief: Das war erschreckend. Da sitzen ihr Henning Mankell und Tilda Swinton beim Kaffeetrinken gegenüber, und sie stellt keine Fragen. Da wird nur gefragt, ob man noch ein Stückchen Kuchen möchte. Im Büro zeigte sie uns so eine potthässliche Marmorplatte mit Kamelen an der Tränke, die ihr irgendein Ölscheich geschenkt hatte. Das mussten wir uns alle angucken. Und als ich mal auf das Adenauer-Porträt von Kokoschka zuging, was wirklich ein schönes Bild ist, dann sagte sie nur: „Ja, aber machen Sie es nicht kaputt, Herr Schlingensief, ha, ha, ha.“ Mankell, Tilda und Wayne Wang haben hinterher unabhängig voneinander gefragt: „Ist die immer so?“

Ich denke schon. Die ist so, das ist ihre Authentizität, das mochten die Leute im letzten Jahrzehnt, und deshalb wurde sie gewählt. Eine banale Physikerin mit Marmorplatte und ohne eine einzige interessante Idee, außer der, dass “wir” wieder Wachstum brauchen und “Nummer eins” werden müssen in der Welt. Und selbst die kam von irgendeinem Wirtschaftslenker per SMS. Per SMS wird ihr eine Menge neoliberaler Wahn mitgeteilt, per Meinungsforscher, dass sie damit doch bitte vorsichtig sein möge, das Volk wolle das nicht so richtig. Merkel redet dann von Wachstum und Nummer eins, was sonst. Allerdings war Banalität noch nie ungefährlich.

Vielleicht ist sie ja anders, wenn sie mit ihrem Mann rummacht, vielleicht hat sie da ganz viele interessante Ideen. Wäre nett. Aber das geht uns nichts an.

Ein paar Bemerkungen zu “Inglorious Basterds”

Obwohl  Oftundgernekinogänger, vermeide ich, über Filme zu schreiben. Ich habe das Gefühl, mir fehlt das Vokabular. Bei Quentin Tarantino nehme ich das Risiko der Sprachlosigkeit auf mich. Einer der besten Regisseure überhaupt, was Erzählstruktur, Psychologie, Kamerafahrten, Dialoge und Atmosphärisches angeht. Die Spannung, die sich aufbaut ohne jeden billigen Effekt, auch wenn es billige Effekte gibt.

“Inglorious Basterds” bietet, so gesehen, nicht einmal Überraschungen. Es ist ein echter Tarantino, ein sorgfältiger. Erneut der absurd lange Anfangsdialog (schreibt Tarantino die Drehbücher wirklich selbst bzw. wer hilft ihm dabei?) mit extremem Ende, erneut die Diskrepanz zwischen im vernünftigen Sinn überflüssigen und ausufernden Lösungsversuchen für nicht vorhandene Probleme einerseits und dem Nebenbeitöten andererseits. Erneut der Mut von Tarantino, alle Zuschauer zu vergrätzen. Dem Gewaltseher wird es zwischendrin zu fad, dem Beobachter fein gewebter psychologischer Netze zu brutal.

Auch nicht neu, aber mir zum ersten Mal so deutlich aufgefallen: Tarantino gibt allen Schauspielern sehr viel Raum zur Entfaltung. Die schauspierlerischen Leistungen sind ungemein gut. Christoph Waltz ist faszinierend, August Diehl ebenfalls, selbst Till Schweiger fällt nicht negativ auf, weil er im Hintergrund bleibt. Kein Darsteller fällt in dieser Freiheit auf Klischees zurück. Diane Kruger bleibt teilweise etwas zurück, vor allem in der Szene, in der ihr eine Kugel aus dem Bein operiert wird, aber das passt eben auch zum B-Movie-Touch.

Die, wie man das heute nennt, unökonomische Erzählstruktur Tarantinos: Er lässt sich viel Zeit für Details, jede Szene für sich funktioniert, alles Hollywoodeske ist abwesend oder als Persiflage vorhanden. Er macht gar nicht erst den Versuch, eine logisch nachvollziehbare Handlung zu basteln. Wenn es nicht passt, dann passt es halt nicht. Wenn er keine Lust hat, eine Figur vorzustellen, malt er ins Bild einen Pfeil in Richtung der Figur und schreibt den Namen daneben, wie früher bei den Montagsmalern. Dazu Tarantinos Talent des Genrewechels. In die spannendsten Momente pflanzt er Komödienhaftes ein, und es funktioniert in seiner Absurdität. Und wenn das Komödienhafte verschwindet, folgt nicht Tragödie, sondern Farce.

Angenehm, dass die Juden einmal nicht als lammfromme Angsthasen dargestellt werden, die sich widerstandslos ins KZ abtransportieren lassen, sondern als Indidividuen, die meist sympathisch eigenwillig sind, im Extremfall aber Nazis mit Baseballschlägern langsam und nach und nach und bestienmäßig den Schädel zertrümmern.

Schön auch, dass sich die stille Hoffnung des Zuschauers erfüllt: Zum Schluss verbrennen alle Nazis in einem großen Kino. Keine pseudointellektuellen Kompromisse, wo doch noch ein Nazi gar kein Böser ist und entkommen darf, nein, alle Nazis und somit alle Deutsche sind scheiße und Hitler wird am Ende nicht mit fünf oder zehn Kugeln erschossen, sondern mit mindestens einhundert. So lange, bis von seinem Gesichts nichts mehr übrig ist. Dazu auf der Leinwand übergroß das Gesicht einer Jüdin, die den vor Angst kreischenden Nazis im Zuschauerraum Rache verspricht. Vielleicht mag das mancher kitschig finden oder zu dick aufgetragen. Ich fand es überhöht, aber beeindruckend, eine Jüdin sitzt übermächtig Gericht und fällt bei allen die Todesstrafe. Es erinnert an einen Traum Adornos, eine Hinrichtungsszene: Im März 1944 “findet in einer Arena unter meinem Befehl die Hinrichtung einer großen Anzahl von Nazis statt” (Adorno, Traumprotokolle, Ffm 2005).

Letztlich affiziert Tarantino, weil ihm sein Faible für B-Movies nicht peinlich ist. Der ganze Exploitation-Kram aus den Siebzigern schwingt mit, billige Italo-Western, schlechte Drehbücher. Tarantinos Filme sind immer eine Mischung aus B-Movie und Autorenkino, und beide Aspekte kommen zur ihrem vollen Recht. Dazu gute Musik.

Tarantino ist der wahre Geschichtenerzähler, der kapiert hat, dass zu einer guten Geschichte auch Trash gehören kann. Dabei bescheiden: “Inglorious Basterds” ist ein Kammerspiel. Rückblenden gibt es dieses Mal kaum, und man merkt, dass sie auch weggelassen werden können.

Fade out.

Quentin Tarantino

(Foto: Pinguino)