Es nur mein ganz subjektiver Eindruck: Früher, sagen wir, noch in den 1980er Jahren, waren die Leute, die sich mit Israel solidarisierten, sich in irgendeiner Art aktiv für Israel aussprachen, eher links. Es war die Rede von Kibbuzim, von Gemeinschaft, von Aktion Sühnezeichen, linker Intellektualität, Kultiviertheit und was weiß ich. Israel war damit, aus deutscher Sicht, eine Möglichkeit, seine Fähigkeit zum humanen und zivilen Umgang überhaupt zu demonstrieren. Und sich natürlich auch gegen die alten und neuen Nazis zu positionieren.
Heute ist das anders. Von Kibbuzim redet kaum noch jemand. Israels Unterstützerkreis hat sich in weiten Teilen ausgewechselt. Es sind größtenteils rechte und rechtsradikale Gruppierungen, die ihre angebliche Verbundenheit mit Israel demonstrieren. Die jüdische Weltverschwörung wurde ersetzt durch die islamische. Die ehemaligen Unterstützer Israels sind ruhiger geworden. Wieso?
Avraham Burg, Vater eines Holocaust-Überlebenden und früher Berater von Shimon Peres, schreibt in seinem Buch Hitler besiegen: Das “israelische Denken” habe sich seit der Staatsgründung
“drastisch geändert. Israel übernahm das Vermächtnis der Unsicherheit, die typisch für Traumaopfer ist. Seither leben wir unter ständigem Druck und in dem Widerspruch, die innere Ohnmacht und Existenzangst mit endloser Aufrüstung zu kompensieren.”
Burg schreibt weiter, dass dieses unsichere Verhältnis der Israelis zu sich selbst paradoxerweise zu einer “überhasteten Versöhnung” mit Deutschland geführt habe, was gleichzeitig die “feindseligen Beziehungen zu unseren unmittelbaren Nachbarn im Nahen Osten verschärft”.
“Unsere Entfremdung und die Schwierigkeiten, die eine ganze Generation mit der modernen jüdischen Identität hat, gehen zum großen Teil darauf zurück, dass wir Deutschland viel zu früh verziehen haben … Aber den Arabern werden wir nie verzeihen”.
Burg stellt Israel hier als traumatisierte Nation dar und die Araber als die Leidtragenden deutscher Politik. Eine interessante Perspektive. Dass Israel den Arabern nie verzeihen wird, erinnert an das Diktum eines jüdischen Psychoanalytikers, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden.
Daneben führt das Trauma laut Burg Israel in eine rechtsgerichtete, unversöhnliche, harte Politik, für die Palästinenser Menschen zweiter Klasse sind, denen nur mit Härte, eben auch militärischer Art, beizukommen ist. Die militärische Überlegenheit, die Israel mühelos herstellen und aufrecht erhalten kann, sorgt dafür, dass eine ernsthafte und schwierige Auseinandersetzung mit der Geschichte des eigenen Staates und der Leidtragenden nicht gesucht werden muss.
Diese militärische Stärke macht deutschen Rechten die Identifikation mit Israel doppelt verheißungsvoll: Sie können erstens behaupten, nicht antisemitisch und somit auch keine Nazis zu sein (denn damit gewinnt man keinen Blumentopf mehr). Und sie können zweitens ihre Feindbildproduktion aufrechterhalten, weil das Hassobjekt nur ausgewechselt wurde: keine Juden mehr, sondern Moslems. Denn das Feindbild ist letztlich egal, Hauptsache es ist eines vorhanden. So war 1914 noch der Franzose der Erzfeind, der heute als Mitstreiter der Verteidigung eines “christlichen Abendlandes” herhalten muss. Und die deutsche Rechte freut sich, dass dem Feind im Nahen Osten noch ordentlich contra gegeben wird: Hier kann man sich noch zu komplett asymmetrischen Kriegen bekennen, mit der Rechtfertigung auf ein höheres Ziel. So hat der Gazakrieg vor eineinhalb Jahren bekanntlich mehr als tausend Tote auf palästinensischer Seite gefordert, auf israelischer Seite kam es zu praktisch keinen menschlichen Verlusten, von ein bisschen friendly fire abgesehen. Die deutsche Rechte kann sich hier also, vermeintlich unverdächtig, auf die israelische Seite stellen, weil es ja um “die Verteidigung der Freiheit” geht und dann noch um die deutsche Verantwortung. Und ganz toll: Auch “der Jude” ist kein Heiliger, das wollte ja schon Martin Hohmann ausdrücken. (Der versuchte ja noch, mittels einer konstruierten jüdischen Täterschaft die Deutschen zu entlasten
Wie solche Auseinandersetzungen in Deutschland ablaufen, konnte man kürzlich beobachten, als der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz verbal heftig attackiert wurde, weil er auf Gemeinsamkeiten zwischen Antisemitismus und islamfeindlichen Bestrebungen hinwies. Dass es hier um Feindbildkonstella-tionen geht, die ähnlich grundiert sind, ist offensichtlich. Die Abneigung, der Benz aus einem angeblich bürgerlichen Lager entgegenschlug, war bemer-kenswert. Es zeigte sich, dass es hier nicht mehr um gesellschaftliche wie auch psychologische Phänomene und ihre Untersuchung geht, sondern um Stellvertreterkriege.
Burg beschreibt das Phänomen für Israel: Dort führt die Einzigartigkeit der Shoa dazu, dass andere fundamentale Verbrechen nicht gerne als solche anerkannt werden. Beispielsweise erkennt Israel laut Burg den türkischen Völkermord an Armeniern nicht an, weil Israel “Völkermord” als Alleinstellungsmerkmal behalten möchte:
“Jeder, der die israelische Psyche gut genug kennt, weiß, dass wir den Holocaust an den Armeniern leugnen, um sicherzustellen, dass der Holocaust an den Juden unser Eigentum bleibt … ´Der Eskimo und die Armenier interessieren uns nicht, nur die Juden`”.
Die deutsche Rechte als Verteidiger Israels. Natürlich wird das nie ernsthaft funktionieren, aber oberflächlich schon. Sämtliche rechtskonservativen und rechtsradikalen Gruppierungen und Personen sind mittlerweile “israelfreundlich”, von der NPD und der DVU abgesehen. Pro-Israel zu sein, ist Staatsräson, damit steht man auf der sicheren Seite. Und man ist für die Mitte der Gesellschaft wählbar, der ja nicht Fremdenfeindlichkeit an sich ein Graus wäre, sondern nur eine allzu offensichtliche Judenfeindschaft. Da ist dann halt doch zuviel passiert seinerzeit. Vernichtungsphantasien gegen Moslems auszusprechen, liegt dagegen im Trend.
Juden als Handelnde einer traumatisierten Nation, die sich der strukturellen Logik ihrer deutschen Schlächter annähert: eine üble, psychoanalytisch nachvollziehbare Vorstellung. So gesehen hätten die Deutschen auch hier eine besondere Verantwortung. Zumindest die, den Protonazis im eigenen Land den instrumentalisierten Philosemitismus gründlich auszutreiben. Das wäre ein Schritt auf dem Weg, Hitler zu besiegen.