Links ist ja ein schillernder Begriff. Was unter diesem Signum alles möglich ist, wird einem hin und wieder auf bizarre Weise beigebracht.
Zum Beispiel im Internet: Es geht um einen kürzlich stattgefundenen Dialog zweier Blogger. Karsten, den ich – nur via Internet – so einschätze, wie er seinen Blog genannt hat, nämlich linksundliberal, berichtet:
“Meine Schwiegermutter etwa erzählt immer noch gern, wie sie bei ihrer Gefangennahme 1945 erstmals einem Afroamerikaner begegnete und aus den Gesprächen mit ihm und der geschenkten Schokolade den Schluss zog: “Vor Negern muss man sich nicht fürchten, die sind eigentlich genau wie wir!”. Soll sie ruhig weiter “Neger” sagen, solange die Dinge, die sie in ihrer Jugend über Schwarze gelernt hat, vertrieben werden.”"
Eine angenehme Geschichte. In einem wahrscheinlich rassistischen, fremdenfeindlichen Umfeld wirft die junge Frau alle ihr sicher beigebrachten Klischees über Bord, und zwar aufgrund persönlicher Erfahrung. Ein ganz genuiner Akt humaner Erfahrung. Natürlich ist “Neger” mittlerweile ein Begriff, der rassistisch konnotiert ist, der verletzen kann und den man deshalb nicht verwenden sollte, aber eine Bewertung dieses Sachverhalts müsste – ohne Details zu kennen – Folgendes beachten:
- Die Schwiegermutter ist schätzungsweise 80 plus x Jahre alt.
- Sie wurde mit “Neger” sozialisiert, als der Begriff Allgemeingut und nicht grundsätzlich negativ konnotiert war.
- Alte Leute ändern ihre Gewohnheiten selten.
- Die Dame kommt wahrscheinlich ziemlich selten in die Situation, einen Schwarzen anzureden.
- Man könnte die Frau darauf hinweisen, dass “Neger” negativ konnotiert ist, was sie vielleicht gar nicht weiß; man kann es auch bleiben lassen. Das könnte man nur individuell entscheiden.
Die Absicht hinter der Geschichte ist jedenfalls klar.
Was macht der Blogger Momorulez, der Karsten im Netz schon lange kennt und ihn grundsätzlich schätzt, daraus? Das hier:
“Dass Du Deine Schwiegermutter da relevanter findest als die mit dem N-Wort Bezeichneten und deren Empfindungen ist das Problem.”
Der beschriebene individuelle Kontext der Aussage der Schwiegermutter spielt keine Rolle. Statt dessen werden mal kurz ein paar hundert Millionen Schwarze gegen sie in Stellung gebracht. Die arme Frau hat das Empfinden von Millionen Menschen verletzt.
Das reicht aber nicht. Die moralische Überlegenheit Momorulez´mit den instrumentalisierten Schwarzen dahinter ist offenbar noch nicht so richtig klargeworden. Deshalb kommt nun der ultimative Vernichtungsschlag:
“Weil da Jahrhunderte Folter, Versklavung, Kolonisierung und Massaker sich verdichten, und, wer es [das Wort „Neger“] ausspricht, damit betont, dass er zu denen gehört, die das taten und ggf. wieder tun würden, wenn man nicht schön brav bleibt.”
Peng! Und schon ist die Schwiegermutter, die sich, entgegen weiter Teile ihres Umfelds, positiv über Schwarze äußerte, zur entschiedenen Verfechterin von Massenmord, Folter, Versklavung, Massakern etc. geworden. So geht das. Wer sich jetzt noch für die Schwiegermutter einsetzt, katapultiert sich automatisch aus der Diskussion. Das nenne ich Vernichtungswillen. Und zwar nicht den der Schwiegermutter gegenüber Schwarzen.
Natürlich ist die letzte Bemerkung von Momorulez nicht grundsätzlich falsch. Tendenziell stimme ich ihr zu, eigentlich selbstverständlich. Wer heute, gerade als junger Mensch, von “Negern” spricht, ist wohl in aller Regel Rassist. Und generell haben die benachteiligten Gruppen das Recht zu entscheiden, ob sie eine Bezeichnung als abwertend empfinden oder nicht. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ein bayrischer Stammtisch über “Nigger” spricht oder ob das Schwarze untereinander in Einverständnis machen.
Die Bemerkung von Momorulez ist aber in dieser konkreten Situation falsch. Da nämlich wird der Spieß umgedreht. Man stellt sich verbal einfach auf die Seite der Entrechteten und kann aus dieser vermeintlich unterprivilegierten Position hemmungslos um sich schlagen. Man ist ja der Gute. Und bedient sich dabei Taktiken, die denen der verhassten Feinde zur Ehre gereichen würden.
Tugendterror in Reinkultur. Das Individuum wird entindividualisiert und als Teil einer Menge betrachtet, die vernichten will, in diesem Fall die Schwarzen. Dieser Vorgang ist die Voraussetzung, dieses Individuum selber zu vernichten (was ich, nebenbei, immer nur als eine virtuelle Vernichtung begreife).
Was ist von der ursprünglichen Beschreibung der Schwiegermutter übriggeblieben?
Solche Diskussionen gibt es, wie gesagt, viele. Ich als Beteiligter bin – wie diverse andere – darin schon als antisemitisch, homophob, rassistisch und frauenfeindlich gebrandmarkt worden. Wenn alles nichts hilft, ist man einfach “dumm”. Auch der Hinweis, man argumentiere wie bei der “Wannseekonferenz” (die Einzigartikeit der Shoa wird aber nicht bestritten), ist ein beliebtes Stilmittel. “Faschist” ebenso. Wohlgemerkt, unter Linken. Auf Nachfrage, wieso, bekommt man generell keine hinreichende Antwort, denn mit einem, der so ist, redet man ja nicht mehr. Gesprächsabbruch. Skurrilerweise bin ich auch Stalinist, wobei man bei den hier erwähnten Diskussionstaktiken mit diesem Vorwurf vorsichtig sein sollte.
Die virtuelle Vernichtung des Diskutanten aus Aggression heraus ist ein standardisiertes Instrument verbaler Auseinandersetzung in solchen Kreisen.
Momorulez ahnt das wohl alles:
“Argumentieren bringt da nichts, wo der Herrschaftswille der eh schon Hegemonialen sich artikuliert. Weil auf eh keins eingegangen wird, sondern auf Stilfragen ausgewichen wird. Da kann man nur Gegenmacht mobilisieren.”
Der vermeintliche Underdog beschwert sich über den Herrschaftswillen der Hegemonialen und kopiert ebendiese hegemoniale Herrschaftspraxis mit einem Schuss Perfidie, getarnt als “Gegenmacht mobilisieren”. Man kann sich alles erlauben, denn man steht ja ganz unten und kämpft für die gute Sache. Kommen Zweifel, garniert man das Vorgehen entweder mit ein paar Häppchen angesagter Philosophie. Dann ist Adorno als Schutzpatron der Entrechteten ihr Fürsprecher, und hat nicht schon Foucault gezeigt, wie biomächtige Überwachende und Strafende ihr Leben unauffällig, aber effektiv drangsalieren? Ich bin entrechtet, ich werde drangsaliert, also sprechen Adorno und Foucault für mich…
Oder man erzählt, wie unterdrückt man ist. Da darf man das halt.
Es gibt diese gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen, keine Frage. Die können aber nicht für jedes asoziale Verhalten im Gespräch (und wer weiß, wo noch überall) verantwortlich gemacht werden. Hier ausgerechnet auf Adorno zu verweisen, der ja nicht nur in der “Dialektik der Aufklärung” zeigte, dass gesellschaftliche Täter- und Opfergruppen nicht fixiert sind, sondern jederzeit wechseln können, ist absurd.
Nein, es sind vor allem persönliche Defizite: Cholerik, hohes Aggressionspotenzial, sicher auch geschürt von sozialisationsbedingten Erfahrungen, vielleicht sogar grundsätzlich davon herrührend. Doch dass sollte einem erwachsenen Menschen als Entschuldigung für diesen Vernichtungswillen nicht genügen. Man könnte hier nun uns alle zum Opfer des großen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs erklären, doch bliebe auch dann die individuelle Ebene außen vor (und die verschwindet nicht).
Dass es Choleriker wie Momorulez gibt, ist aber nicht das Problem. Zumal der – der unbedarfte Leser mag es jetzt kaum glauben – eine Menge guter Sachen in seinem Blog schreibt. Wäre das nicht so, würde mich das alles nicht interessieren. Problematisch wird es, wenn solches Verhalten legitimiert wird. Und da Momorulez offen schwul ist, traut man sich in diesen Kreisen ohnehin nicht, bei einschlägigen Themen – also bei allem, was irgendwie mit “Minderheiten” zu tun hat – zu widersprechen. Man könnte sonst als homophob (antisemitisch, rassistisch faschistisch uswusf.) bezeichnet werden, weil man dem gesellschaftlich marginalisierten Subjekt zu wenig Raum zur Entfaltung gibt. Was dann passiert, kennt man ja. Dabei wäre ja eine Voraussetzung für das Ernst nehmen eines Marginalisierten, ihm widersprechen zu können.
Wer als weiß, heterosexuell, nichtbehindert und Christ oder mittlerweile auch Atheist daherkommt, ist automatisch Teil einer “Dominanzkultur”, so lernt man das in den genannten Kreisen. Unbestritten trägt man damit eine gewisse Dominanz in sich. Aber daraus für das Individuum eine Konzeption zu stricken, die einen zum Vertreter der bösen Mehrheit macht, ist lächerlich, Kindergartenlogik. Als gäbe es keine anderen Kategorien. Als gäbe es keine anderen Möglichkeiten, in der Gesellschaft am Rand zu stehen. Das darf Imperator Momorulez allerdings nicht denken, denn dann wäre ja sein Opferstatus in Gefahr. Gott bewahre. Seine Aggression kommt sicher auch aus der unbewussten Ahnung dessen.
Eine Leerstelle mancher Linker. Selbst höchst sensibel und begründet Ungerechtigkeiten der Gesellschaft beklagen, diese Maßstäbe für sich selbst aber nicht gelten lassen. Das wäre doch zu anstrengend. Die wenigen Male, in denen ich linksradikale Auseinandersetzungen live erlebt habe, haben mich zum zwischenzeitlich unpolitischen Menschen gemacht. Ignoranz und Aggression bis zur Klopperei. Das unbedingt Gute zu wollen schlägt gerne um. Man kennt das ja aus der Geschichte.
Es is ja auch eine prima Dialektik: An persönlichen Defiziten ist immer die Gesellschaft schuld, also braucht man ja nicht bei sich selbst nachgucken. Lieber ordentlich politisieren. (Mir ist dieser Mechanismus nicht unbekannt.) Die Bekämpfung eines äußeren “Feindes” schweißt zudem auch zusammen. Warum fällt mir jetzt so eine Art umgekehrte Autoritäre Persönlichkeit ein?
Man könnte auch soweit gehen: Gerade ein Choleriker wie Momorulez bräuchte von Freunden den guten Rat, beim verzweifelten Rundumschlagen aus seiner Opferrolle heraus hin und wieder innezuhalten und zu schauen, was er damit anrichtet und ob die Opferrolle wirklich so eindeutig zugewiesen ist oder ob nicht auch da ein bipolares Modell nur vereinfacht. Sonst ist der Weg zum Psychopathen vorgezeichnet.
An dieser Stelle kann ich mir natürlich den Vorwurf einhandeln, die Mittel einzusetzen, die ich gerade kritisiert habe. Deshalb lasse ich es hiermit bewenden.
Ein kleiner Einblick in eine jüngst stattgefundene diesbezügliche Auseinandersetzung gibt es noch hier. Für nicht Eingeweihte allerdings wohl nicht nachvollziehbar. Der Zeitpunkt, zu dem der Thread geschlossen wurde samt Begründung lässt jedenfalls tief blicken.