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Der “liebe Stefan”: Die Verbindungen von CDU und FDP zu Politically Incorrect

Kurz etwas zu den Verbindungen zwischen den vermeintlich bürgerlichen, konservativen, liberalen Lagern in Deutschland und Rechtsextremisten. Dem Verlag DuMont-Schauberg wurden kürzlich interne Mails der Verantwortlichen des Vollpfostenblogs PI-News zugespielt. Die zu DuMont gehördenden Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau berichteten deshalb in den vergangenen Wochen öfter über PI, man erhielt ein paar interessante Einblicke in die Geisteswelt der Nazis 2.0. Kurzversion:

Dokumente, die dieser Zeitung zugespielt wurden, belegen, dass PI weit mehr ist als eine harmlose Internetseite. Es handelt sich vielmehr um eine Organisation, die zum Teil hochkonspirativ an der Verteufelung einer ganzen Glaubensgemeinschaft arbeitet. Die in einem internationalen Netzwerk von Islamhassern eine entscheidende Rolle spielt und diese noch auszuweiten gedenkt. Die Gewaltverherrlichern und Rassisten, deren Weltbild dem des norwegischen Massenmörders Anders Breivik ähnelt, ein Forum bietet. Und in der die Person Stefan Herre [der Bloggründer aus Bergisch Gladbach] weit mehr ist als ein bloßer Moderator.

Die Macher dieser Seite sind sektenartig miteinander verbunden, es existieren mannigfaltige Kontakte zu rechtsextremen Parteien. Die politischen Argumente dieser Leute sind nur unter psychologischen Gesichtspunkten diskutierbar. (Man vergleicht sich allen Ernstes mit der Weißen Rose.) Das war aber schon vorher klar. Die angeblich fest vereinten Kameraden bezeichnen sich in Mails hintenrum schon mal gegenseitig als “Gehirngewaschene”, womit man ihnen wenigstens einmal zustimmen kann.

Interessanter aber sind die Informationen darüber, wer sich so alles mit diesen Leuten gut versteht. Die Berliner Zeitung schreibt:

Die Strahlkraft des Blogs scheint inzwischen sogar bis in lupenrein demokratische Parteien zu reichen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass auch der Stresemann-Club – ein rechtslastiger Verein innerhalb der FDP – Kontakt mit dem “lieben Stefan” aufgenommen hat. Gleiches gilt für die Senioren-Union der CDU Deutschlands. Deren Geschäftsführer Dirk Hülsenbeck wandte sich am 19. Mai an das PI-Team, weil er “Sympathie für Ihr Engagement” empfindet. Es gebe “viele in der CDU, die die Union von innen erneuern möchten”, so Hülsenbeck, der einen islamfeindlichen Blog dafür offenbar als Mittel zum Zweck erachtet. Daher bot er PI an, gelegentlich “brauchbare Infos” zu liefern.

Ein leitendes Mitglied einer offiziellen CDU-Gruppierung empfindet Sympathie für volksverhetzende Rechtsradikale, will in diesem Sinne offenbar seine Partei “erneuern” und sieht sich darin parteiintern massiv unterstützt. Ähnliches gilt für die FDP. Der Stresemannclub nennt sich “rechtsliberal” und “demokratisch” und “patriotisch”. Gut zu erfahren, was Liberale meinen, wenn sie von Liberalismus reden. Offenbar sind tägliche Volksverhetzung, Begriffe wie “Museldreck” und das dahinter stehende Weltbild einfach nur Ausflüsse liberalen Denkens. Hätte ich mir ja denken können.

Dass Teile der FDP schon immer zu Rechtsradikalismus neigen, ist historisch begründet und bekannt. Dass in der Seniorenunion verkappte Nazis auch im Jahr 2011 noch maßgeblichen Einfluss haben, verwundert dann doch ein wenig. Mich zumindest.

Hans-Olaf Henkel denkt ja jetzt darüber nach, eine neue Partei zu gründen. Stramm-rechts mit Eurokritik als Aufhänger. Henkel hat ebenfalls gute Kontakte zu PI. Vielleicht wird hier ein gelb-schwarz-brauner Sud aufgesetzt, der über kurz oder lang vielen mundet. Das Potenzial ist in Sarrazin-Land auf alle Fälle vorhanden.

“…dass er zu denen gehört, die das wieder tun…”

Links ist ja ein schillernder Begriff. Was unter diesem Signum alles möglich ist, wird einem hin und wieder auf bizarre Weise beigebracht.

Zum Beispiel im Internet: Es geht um einen kürzlich stattgefundenen Dialog zweier Blogger. Karsten, den ich – nur via Internet – so einschätze, wie er seinen Blog genannt hat, nämlich linksundliberal, berichtet:

“Meine Schwiegermutter etwa erzählt immer noch gern, wie sie bei ihrer Gefangennahme 1945 erstmals einem Afroamerikaner begegnete und aus den Gesprächen mit ihm und der geschenkten Schokolade den Schluss zog: “Vor Negern muss man sich nicht fürchten, die sind eigentlich genau wie wir!”. Soll sie ruhig weiter “Neger” sagen, solange die Dinge, die sie in ihrer Jugend über Schwarze gelernt hat, vertrieben werden.”"

Eine angenehme Geschichte. In einem wahrscheinlich rassistischen, fremdenfeindlichen Umfeld wirft die junge Frau alle ihr sicher beigebrachten Klischees über Bord, und zwar aufgrund persönlicher Erfahrung. Ein ganz genuiner Akt humaner Erfahrung. Natürlich ist “Neger” mittlerweile ein Begriff, der rassistisch konnotiert ist, der verletzen kann und den man deshalb nicht verwenden sollte, aber eine Bewertung dieses Sachverhalts müsste – ohne Details zu kennen – Folgendes beachten:

  • Die Schwiegermutter ist schätzungsweise 80 plus x Jahre alt.
  • Sie wurde mit “Neger” sozialisiert, als der Begriff Allgemeingut und nicht grundsätzlich negativ konnotiert war.
  • Alte Leute ändern ihre Gewohnheiten selten.
  • Die Dame kommt wahrscheinlich ziemlich selten in die Situation, einen Schwarzen anzureden.
  • Man könnte die Frau darauf hinweisen, dass “Neger” negativ konnotiert ist, was sie vielleicht gar nicht weiß; man kann es auch bleiben lassen. Das könnte man nur individuell entscheiden.

Die Absicht hinter der Geschichte ist jedenfalls klar.

Was macht der Blogger Momorulez, der Karsten im Netz schon lange kennt und ihn grundsätzlich schätzt, daraus? Das hier:

“Dass Du Deine Schwiegermutter da relevanter findest als die mit dem N-Wort Bezeichneten und deren Empfindungen ist das Problem.”

Der beschriebene individuelle Kontext der Aussage der Schwiegermutter spielt keine Rolle. Statt dessen werden mal kurz ein paar hundert Millionen Schwarze gegen sie in Stellung gebracht. Die arme Frau hat das Empfinden von Millionen Menschen verletzt.

Das reicht aber nicht. Die moralische Überlegenheit Momorulez´mit den instrumentalisierten Schwarzen dahinter ist offenbar noch nicht so richtig klargeworden. Deshalb kommt nun der ultimative Vernichtungsschlag:

“Weil da Jahrhunderte Folter, Versklavung, Kolonisierung und Massaker sich verdichten, und, wer es [das Wort „Neger“] ausspricht, damit betont, dass er zu denen gehört, die das taten und ggf. wieder tun würden, wenn man nicht schön brav bleibt.”

Peng! Und schon ist die Schwiegermutter, die sich, entgegen weiter Teile ihres Umfelds, positiv über Schwarze äußerte, zur entschiedenen Verfechterin von Massenmord, Folter, Versklavung, Massakern etc. geworden. So geht das. Wer sich jetzt noch für die Schwiegermutter einsetzt, katapultiert sich automatisch aus der Diskussion. Das nenne ich Vernichtungswillen. Und zwar nicht den der Schwiegermutter gegenüber Schwarzen.

Natürlich ist die letzte Bemerkung von Momorulez nicht grundsätzlich falsch. Tendenziell stimme ich ihr zu, eigentlich selbstverständlich. Wer heute, gerade als junger Mensch, von “Negern” spricht, ist wohl in aller Regel Rassist. Und generell haben die benachteiligten Gruppen das Recht zu entscheiden, ob sie eine Bezeichnung als abwertend empfinden oder nicht. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ein bayrischer Stammtisch über “Nigger” spricht oder ob das Schwarze untereinander in Einverständnis machen.

Die Bemerkung von Momorulez ist aber in dieser konkreten Situation falsch. Da nämlich wird der Spieß umgedreht. Man stellt sich verbal einfach auf die Seite der Entrechteten und kann aus dieser vermeintlich unterprivilegierten Position hemmungslos um sich schlagen. Man ist ja der Gute. Und bedient sich dabei Taktiken, die denen der verhassten Feinde zur Ehre gereichen würden.

Tugendterror in Reinkultur. Das Individuum wird entindividualisiert und als Teil einer Menge betrachtet, die vernichten will, in diesem Fall die Schwarzen. Dieser Vorgang ist die Voraussetzung, dieses Individuum selber zu vernichten (was ich, nebenbei, immer nur als eine virtuelle Vernichtung begreife).

Was ist von der ursprünglichen Beschreibung der Schwiegermutter übriggeblieben?

Solche Diskussionen gibt es, wie gesagt, viele. Ich als Beteiligter bin – wie diverse andere – darin schon als antisemitisch, homophob, rassistisch und frauenfeindlich gebrandmarkt worden. Wenn alles nichts hilft, ist man einfach “dumm”. Auch der Hinweis, man argumentiere wie bei der “Wannseekonferenz” (die Einzigartikeit der Shoa wird aber nicht bestritten), ist ein beliebtes Stilmittel. “Faschist” ebenso. Wohlgemerkt, unter Linken. Auf Nachfrage, wieso, bekommt man generell keine hinreichende Antwort, denn mit einem, der so ist, redet man ja nicht mehr. Gesprächsabbruch. Skurrilerweise bin ich auch Stalinist, wobei man bei den hier erwähnten Diskussionstaktiken mit diesem Vorwurf vorsichtig sein sollte.

Die virtuelle Vernichtung des Diskutanten aus Aggression heraus ist ein standardisiertes Instrument verbaler Auseinandersetzung in solchen Kreisen.

Momorulez ahnt das wohl alles:

“Argumentieren bringt da nichts, wo der Herrschaftswille der eh schon Hegemonialen sich artikuliert. Weil auf eh keins eingegangen wird, sondern auf Stilfragen ausgewichen wird. Da kann man nur Gegenmacht mobilisieren.”

Der vermeintliche Underdog beschwert sich über den Herrschaftswillen der Hegemonialen und kopiert ebendiese hegemoniale Herrschaftspraxis mit einem Schuss Perfidie, getarnt als “Gegenmacht mobilisieren”. Man kann sich alles erlauben, denn man steht ja ganz unten und kämpft für die gute Sache. Kommen Zweifel, garniert man das Vorgehen entweder mit ein paar Häppchen angesagter Philosophie. Dann ist Adorno als Schutzpatron der Entrechteten ihr Fürsprecher, und hat nicht schon Foucault gezeigt, wie biomächtige Überwachende und Strafende ihr Leben unauffällig, aber effektiv drangsalieren? Ich bin entrechtet, ich werde drangsaliert, also sprechen Adorno und Foucault für mich…

Oder man erzählt, wie unterdrückt man ist. Da darf man das halt.

Es gibt diese gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen, keine Frage. Die können aber nicht für jedes asoziale Verhalten im Gespräch (und wer weiß, wo noch überall) verantwortlich gemacht werden. Hier ausgerechnet auf Adorno zu verweisen, der ja nicht nur in der “Dialektik der Aufklärung” zeigte, dass gesellschaftliche Täter- und Opfergruppen nicht fixiert sind, sondern jederzeit wechseln können, ist absurd.

Nein, es sind vor allem persönliche Defizite: Cholerik, hohes Aggressionspotenzial, sicher auch geschürt von sozialisationsbedingten Erfahrungen, vielleicht sogar grundsätzlich davon herrührend. Doch dass sollte einem erwachsenen Menschen als Entschuldigung für diesen Vernichtungswillen nicht genügen. Man könnte hier nun uns alle zum Opfer des großen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs erklären, doch bliebe auch dann die individuelle Ebene außen vor (und die verschwindet nicht).

Dass es Choleriker wie Momorulez gibt, ist aber nicht das Problem. Zumal der – der unbedarfte Leser mag es jetzt kaum glauben – eine Menge guter Sachen in seinem Blog schreibt. Wäre das nicht so, würde mich das alles nicht interessieren. Problematisch wird es, wenn solches Verhalten legitimiert wird. Und da Momorulez offen schwul ist, traut man sich in diesen Kreisen ohnehin nicht, bei einschlägigen Themen – also bei allem, was irgendwie mit “Minderheiten” zu tun hat – zu widersprechen. Man könnte sonst als homophob (antisemitisch, rassistisch faschistisch uswusf.) bezeichnet werden, weil man dem gesellschaftlich marginalisierten Subjekt zu wenig Raum zur Entfaltung gibt. Was dann passiert, kennt man ja. Dabei wäre ja eine Voraussetzung für das Ernst nehmen eines Marginalisierten, ihm widersprechen zu können.

Wer als weiß, heterosexuell, nichtbehindert und Christ oder mittlerweile auch Atheist daherkommt, ist automatisch Teil einer “Dominanzkultur”, so lernt man das in den genannten Kreisen. Unbestritten trägt man damit eine gewisse Dominanz in sich. Aber daraus für das Individuum eine Konzeption zu stricken, die einen zum Vertreter der bösen Mehrheit macht, ist lächerlich, Kindergartenlogik. Als gäbe es keine anderen Kategorien. Als gäbe es keine anderen Möglichkeiten, in der Gesellschaft am Rand zu stehen. Das darf Imperator Momorulez allerdings nicht denken, denn dann wäre ja sein Opferstatus in Gefahr. Gott bewahre. Seine Aggression kommt sicher auch aus der unbewussten Ahnung dessen.

Eine Leerstelle mancher Linker. Selbst höchst sensibel und begründet Ungerechtigkeiten der Gesellschaft beklagen, diese Maßstäbe für sich selbst aber nicht gelten lassen. Das wäre doch zu anstrengend. Die wenigen Male, in denen ich linksradikale Auseinandersetzungen live erlebt habe, haben mich zum zwischenzeitlich unpolitischen Menschen gemacht. Ignoranz und Aggression bis zur Klopperei. Das unbedingt Gute zu wollen schlägt gerne um. Man kennt das ja aus der Geschichte.

Es is ja auch eine prima Dialektik: An persönlichen Defiziten ist immer die Gesellschaft schuld, also braucht man ja nicht bei sich selbst nachgucken. Lieber ordentlich politisieren. (Mir ist dieser Mechanismus nicht unbekannt.) Die Bekämpfung eines äußeren “Feindes” schweißt zudem auch zusammen. Warum fällt mir jetzt so eine Art umgekehrte Autoritäre Persönlichkeit ein?

Man könnte auch soweit gehen: Gerade ein Choleriker wie Momorulez bräuchte von Freunden den guten Rat, beim verzweifelten Rundumschlagen aus seiner Opferrolle heraus hin und wieder innezuhalten und zu schauen, was er damit anrichtet und ob die Opferrolle wirklich so eindeutig zugewiesen ist oder ob nicht auch da ein bipolares Modell nur vereinfacht. Sonst ist der Weg zum Psychopathen vorgezeichnet.

An dieser Stelle kann ich mir natürlich den Vorwurf einhandeln, die Mittel einzusetzen, die ich gerade kritisiert habe. Deshalb lasse ich es hiermit bewenden.

Ein kleiner Einblick in eine jüngst stattgefundene diesbezügliche Auseinandersetzung gibt es noch hier. Für nicht Eingeweihte allerdings wohl nicht nachvollziehbar. Der Zeitpunkt, zu dem der Thread geschlossen wurde samt Begründung lässt jedenfalls tief blicken.

Erst die Villa, jetzt das Schloss!

Gefunden auf selbiger Internetseite:

Dazu ein angenehmes Interview mit Klaus Staeck: “Da bin ich lieber bei den Sägespänen in der Arena”

(Foto: Tobias Hönig, 16.9.09)

Charaktermaske

Auf ciao.de können, ganz basisdemokratisch, Bürger oder Kunden oder user ihre Meinungen zu Produkten aller Art kundtun. Das soll dann Transparenz schaffen und anderen bei ihrer Kaufentscheidung helfen. Bei vielen Einträgen lässt sich schön zeigen, wie sehr sich die Sprache der Marketingabteilungen in die Köpfe der Bürger (Kunden, user) gefressen hat. Beispielsweise, wenn “Cerano” über den Audi A6 berichtet:

“Wer Neues will, muß Fragen stellen. Zum Beispiel, ob Konventionen immer richtig sind. Oder ob die eine Idee immer das Ergebnis einer anderen sein muß. Der Audi A6 ist ein Automobil, das sich kaum mit anderen vergleichen läßt. Weil hier das Thema Limousine völlig neu gedacht wurde. Der A6 begeistert durch innovative Technik. Er fasziniert durch sein kühnes und progressives Design. Und er gibt der Überzeugung Raum, daß Individualität eine Frage von Persönlichkeit ist. Neben umfangreichen Serien- und Sonderausstattungen bieten sich charakterstarke Interieurlinien.”

Die PR-Experten von Audi freuen sich bestimmt. Besser hätten sie das auch nicht hingekriegt. Besser gesagt, besser hätte Cerano es nicht nachplappern können. Denn sämtliche Begriffe werden täglich durch den Begriffswolf der Werbeindustrie gedreht und dem Publikum als Frikassee vorgesetzt.

Cerano zeigt auch, dass es gar nicht mehr um die Beschreibung eines Produktes geht. Nein, es geht um die Verstärkung menschlicher Eigenschaften, um Individualität, Charakter, Persönlichkeit. Da muss man sich nicht weiter mit sich selbst beschäftigen, der Kauf eines A6 reicht vollkommen aus.

Schön auch zu sehen, dass seit Achtundsechzig keiner mehr nur konservativ auftreten will. Nö, seitdem hinterfragt man Konventionen, will etwas Unvergleichbares und völlig neu Gedachtes, das kühn und progressiv ist. Achtundsechzig hat so gesehen dem Kapitalismus das gesellschaftliche Feld für Expansion geschaffen und sich einen Bärendienst erwiesen. Wer Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, taugt als Kunde mehr denn sein konservatives Pendant.

Denkt man Cerano weiter, sind wir schon fast bei Sloterdijk: Die Unproduktiven haben kein Geld für einen A6, folglich wird es auch schwierig mit deren individueller Entwicklung ihrer Persönlichkeit, die bitteschön eine charakterstarke sein soll. Wie soll das gehen ohne A6?

Der A6 als konkret gewordenes Begriffs-Frikassee der Werbeindustrie. Reinsetzen, losfahren, fertig. Solange Cerano die Charaktermaske aufbehält, kein Problem.

Eigentlich kann er nichts dafür, der A6:

800px-Audi_A6_C5_front_20070518

(Foto: http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Randy43)

Fleischhauer: Rechte haben Humor

“Linke haben keinen Humor”, behauptet Jan Fleischhauer in seinem Buch “Unter Linken”. Wenn er meint. Jedenfalls: Wie Fleischhauers Humor aussieht, kann man in seinem Blog begutachten.

Die Vorgeschichte: Die Journalistin Julia Encke hat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) eine Rezension über das Buch veröffentlicht, die man einen Komplettveriss nennen muss. Amazon hingegen reißt in seiner Online-Präsentation des Buches drei ironisch gemeinte Sätze aus der FAS-Rezension heraus und preist damit das Werk an:

“Jan Fleischhauer nimmt kein Blatt vor den Mund. Er nimmt sogar in Kauf, ein paar Freunde zu verlieren. Sein Mut ist unerhört.”

Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Eingebettet in andere, wirklich positive Pressestimmen wird aus dem Veriss somit ein dickes Lob für Fleischhauers Werk. Man könnte Amazons Vorgehen Rufschädigung nennen – ob absichtlich oder aus Blödheit, sei dahingestellt.

Daraufhin bittet Frau Encke Amazon schriftlich, ihren Rezensionsausschnitt von der Seite zu nehmen, da er ihrer Intention komplett zuwiderläuft.

Nun leitet Amazon Enckes Brief offenbar an Fleischhauer weiter, der ihn sogleich in seinem Blog veröffentlicht (skurrilerweise unter dem Stichwort “Linke”) und sich darüber lustig macht:

“Hmm, ist das nicht die selbe Kollegin, die von sich selber sagte, sie habe bei der Lektüre nicht ein einziges Mal lachen können? Bei der FAS scheint man ein sehr spezielles Humorverständnis zu pflegen. Man könnte auch meinen, wer die armen Menschen bei Amazon ausdrücklich darauf hinweisen muss, dass eine Rezension ein “Komplettveriss” war, “voll beißender Ironie”, hat vielleicht kein ganz zwangloses Verhältnis zur ironischen Darstellung. Nur so ein Gedanke, aber auch der wird umgehend gelöscht. Wie die Zeilen aus ihrer Kritik. Versprochen.”

Das ist also Fleischhauers Humor, stellvertretend für Rechte, pardon, Konservative: Ein Zitat wird völlig sinnentstellt samt Namen der Autorin und der Zeitung veröffentlicht, die Autorin bittet intern um Korrektur und Fleischhauer macht sich öffentlich über deren angebliche Humorlosigkeit lustig. Genauer: Er versucht, sich darüber lustig zu machen.

Rechter Humor meint offenbar Hohn, Spott. Die Linken sehen sich ja angeblich als Anwalt der Opfer, der linkengeschädigte Fleischhauer dreht den Spieß um um tritt Opfern hinterher, statt um Entschuldigung zu bitten.

Das passt auch zu Fleischhauers Meinung, der Mensch sei generell böse und es bedürfe deshalb strenger Regeln, Vorschriften, Gesetze (und wohl eines starken Führers). Der typische konservative Ansatz also. Rechte sind gerne böse, denn sie sind ja auch nur Menschen. Ihr Humor darf andere verletzen, so ist der Mensch nun mal. Worüber soll man sonst lachen? Hier bekommt auch das von Rechten so gern benutzte Schimpfwort “Gutmensch” seine Bedeutung. Wer gut sein will, ist links, wer böse ist, ist Mensch und somit menschlich.

Fast schon lustig: Fleischhauer will die Linken demaskieren und zeichnet versehentlich sein eigenes Menschenbild. Da bleibe ich lieber humorlos.

(Anmerkung: Ich bin selbst auf die amazonsche Umdeutung der FAS-Rezension hereingefallen.)

Mercedes Bunz: “Irgendwie auf keinen Fall wegschmeißen”

Mercedes Bunz, das ist die Frau, die gut heißt und extrem locker schreibt: “Im Internet geht alles ganz schnell. Denkt man so.” Soso. Sie ist Chefin von tagesspiegel.de.

In einem Video-Interview von 2007, das mir kürzlich in die Quere kam, sitzt sie auf einer leicht ansteigenden Wiese und erzählt uns vom Internet und seinen Chancen und Marken und Bloggern undundund.

Sie sagt Sätze wie

“Man sollte die sozialen Sicherungssysteme irgendwie auf keinen Fall wegschmeißen” und “man muss die Leute nicht total absichern, aber man muss sie deshalb auch nicht verunsichern.”

Mercedes Bunz wäre wohl nicht die Idealbesetzung, wenn es darum ginge, eine detaillierte Kritik der Agenda 2010 zu formulieren, aber die Art zu reden ist erfrischend. Nicht fundiert, aber authentisch. Und darum geht es ja letztlich. Denke ich so.

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(Foto: Claudia Burger)

Klickabel (1) – Enveloop

Ob wir das Internet brauchen oder ob jetzt alle nur noch stumpf vorm PC hocken und was besser ist, Netz oder Print: Die Diskussion ist mir derzeit zu ermüdend. Oder auch zu kompliziert, wer weiß.

Hin und wieder findet man aber schöne Beispiele dafür, dass wir ohne das Internet ärmer wären.

Beispielsweise diese Seite: Laut Eigenaussage eine kleine Gruppe von Leuten, die “Bilder und Meinungen teilen über Lebensmittelverpackungen”. Sie wollen Verpackungen “feiern”, die “täglich unser Leben erfreuen”. Tausende von Flaschen, Dosen und anderen Behältern, schön geordnet nach Ländern und Verwendungszweck, werden einfach gezeigt, sonst nichts.

Wo, wenn nicht im Internet, hätten diese Freaks eine Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Es hat etwas vom Kantschen “interesselosen Wohlgefallen” (vorausgesetzt, dahinter versteckt sich nicht die Verpackungsindustrie).

Kostprobe: Bier aus Lappland

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Tim K.: Unfreiwillige deutsch-portugiesische Kooperation

Die normalerweise bescheidenen Zugriffszahlen auf diesen Blog sind in den letzten Tagen explodiert. Grund ist mein Artikel über den Amokläufer Tim K., besser gesagt darüber, dass portugiesische Zeitungen Tims Nachnamen ausschreiben. Plötzlich kamen viele Besucher über Suchmaschinen mit folgenden Einträgen hierher (nur ein Auszug):

tim k. nachname
tim k nachname
portugiesische nachnamen
tim k voller nachname
gottesstaat pius
architekur sizilien
nachname von tim k.
e-mail düsseldorf tim k
tim k. nachname
tim k nachname
gottesstaat pius
voller name von tim k.
jurgen bey
portugiesische nachnamen
tim k.
nachname von tim k.
nachname vom tim k.
tim k* nachname

Das Interesse am Familiennamen des Toten ist offenbar groß, die Gründe dafür dürften ähnlich sein wie bei den Portugiesen: Tratsch, Klatsch, Bedürfnis nach Authentizität. Mir war nicht klar, dass ich für hunderte von Menschen eine Art Hintertür geöffnet habe, um das Geheimnis zu lüften.

Dieses Blog ist aufmerksamkeitstechnisch  ja nun wirklich unter “ferner liefen” eingeordnet und ich habe mich noch nie mit der Optimierung für Suchmaschinen beschäftigt. Doch sie finden einen. Zumindest dann, wenn man es nicht erwartet.

Nazis 2.0

In den 1980er Jahren war die Welt noch in Ordnung: Damals kümmerten sich Nazis um die üblichen Themen: Deutschland hat den Krieg nicht begonnen, die Juden wollen uns vernichten und das deutsche Volk ist von den bösen Alliierten gehirngewaschen worden. Die Parteien hießen NPD oder Republikaner.

Mittlerweile ist es unübersichtlicher. Die herkömmlichen Nazis gibt es zwar immer noch.  Doch es ist eine neue Variante des Rechtsradikalismus hinzugekommen. Es sind Leute, die sich gerne als Beschützer der Juden aufspielen, als Freunde Amerikas (zumindest noch unter Bush) und als Retter von Demokratie und Grundgesetz. Die Bösen sind jetzt die Muslime, ferner und sehr generell Türken, Araber, “Südländer”, Linke, Grüne und “Gutmenschen”. Die neuen Rechtsradikalen bezeichnen sich skurrilerweise selbst als “islamophob”, sie leiden also an einer Phobie.

Türken: unzivilisiert, unkultiviert, böse

Die Grundidee dieser Leute geht so: Die Altachtundsechziger beherrschen Politik und Medien. Gleichzeitig holen sie immer mehr Muslime nach Deutschland, um das jüdisch-christliche Abendland zu zerstören. Und das dauert nicht mehr lange: Die Moslems hierzulande übernehmen die Macht, weil der Islam ihnen vorschreibt, die Welt zu beherrschen und überall die Scharia einzuführen. Moslems, Türken und Araber sind unzivilisiert, unkultiviert, generell böse. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.

Diese Nazis 2.0 agieren vor allem im Internet. Betreiber und Leser von Seiten wie Politically Incorrect, die Grüne Pest oder der Blog eines Kewil durchforsten Tag für Tag das Netz auf der Suche nach Meldungen über “Ausländerkriminalität” und “Belegen” für den “Islam-Tsunami”. Das intellektuelle Niveau ist bescheiden, die Zahl der Falschmeldungen hoch, die moralischen Abgründe tief. Die Zugriffszahlen sind – dennoch oder deshalb – enorm.

Die Inhalte vieler Artikel auf diesen Seiten sind strafrechtlich relevant. Gegen das, was dort an Rassismus und Volksverhetzung publiziert wird, wirkt die Parteizeitung der NPD, die Deutsche Stimme, harmlos. Muslime sind Musel oder auch Museldreck, und in munteren Diskussionen erörtern die Leser das passende Waffensortiment, das man bereithalten solle, da es demnächst wohl “losgeht”. Diese Leute agieren aus naheliegenden Gründen gerne auf ausländischen Servern, die deutsche Justiz hat dort nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten.

Ein funtionierendes Feindbild

Dennoch bestehen sie darauf, als freiheitsliebende Demokraten verstanden zu werden. Ihre verbalen Taten belegen das Gegenteil, doch auf rationale Erklärungen kommt es nicht an. Das haben die Nazis 1.0 und 2.0 gemeinsam. Worauf es ankommt, ist ein funktionierendes Feindbild, und das ist immer irrational.

Wen man sich zum Feindbild formt, ist nicht wichtig. Ob es Muslime sind oder Juden, Linke oder Schwule, Schwarze oder “Südländer”: Wer nur intensiv genug am einmal gewählten Feindbild bastelt, kommt schnell zu einer in sich logischen Darstellung. Der Hass zielt notwendigerweise auf Vernichtung (wir oder die), auch wenn das selten ausgesprochen wird.

1914 beispielsweise waren es “die Franzosen”. Es wäre interessant, dieses Feindbild zu Versuchszwecken wieder rauszukramen und via google täglich zu füttern. Ganz spontan fallen mir diese Suchbegriffe ein: Gänsestopfleber, Algerienkrieg, Mururoa-Atoll, Rainbow Warrior, Atomkraftwerke, Froschschenkel. Das sollte reichen, um hassbereiten Gemütern aufzuzeigen, dass die Franzosen das Unglück der Welt sind.

Wer getreten wird, tritt selber

Woher kommt der Hass? Wahrscheinlich brauchten Erklärungsversuche psychologische Muster. Die “autoritäre Persönlichkeit” von Adorno könnte hier weiterhelfen, aber auch das volkstümliche “Wer getreten wird, tritt selber”, und zwar nach unten. Strukturelles Denken ist nicht das Ding dieser Gestalten, insofern spielt auch die Wirtschaftskrise keine ernsthafte Rolle. Anders wäre es, wäre sie von der Türkei ausgelöst worden.

Ich weiß nicht, ob die Nazis 2.0 langfristig eine Gefahr für die Demokratie darstellen. Die meisten von ihnen sind sicher Maulhelden, die sich am Laptop austoben. Die gedankliche Rohheit und das völlige Fehlen von Mitgefühl aber ist beunruhigend.

P.S.: Details und Belege zur tagtäglichen Volksverhetzung der Nazis 2.0 finden sich, unter anderem, beim Politblogger und bei Stefan Niggemeier.

Und noch etwas: Natürlich ist hier der Begriff “Nazi” problematisch, wenn man bedenkt, dass darunter zwingend Antisemitismus subsumiert wird. Die Denkschemata aber, und darum ging es mir, sind ähnlich.

Alarmierende Förmlichkeit

Kürzlich in einer juristischen Dissertation zum Thema „Schutz des Käufers in verschiedenen Situationen” gelesen: Bei „Vertragsschluss durch Fernkommunikationstechniken” fehlt die, so der offizielle Begriff, „alarmierende Förmlichkeit”. Das bedeutet, dass man beim Einkaufen draußen in der Stadt sich zumindest richtige Straßenschuhe anziehen muss. Das hat ja schon etwas Förmliches. Das Einkaufen von zuhause aus, via Internet, eingemümmelt in eine Decke, ist schon viel formloser. Beim CD-Kauf im Internet bin ich enthemmter und mache eher bei einer weiteren CD ein Häkchen („in den Warenkorb”) als im Laden konkret zuzugreifen. Mir fehlte für dieses Phänomen bislang nur das richtige Wort. Die Juristen machen diesen Unterschied also auch und versuchen, die Online-Käufer besser zu schützen. Beruhigend.