Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Den launigen V. zum klingen bringen

Qualitätsjournalismus at it´s best. Der Spiegel über die aktuellen Befindlichkeiten des “Verbrauchers” (V.):

Die zahlreichen internationalen Konflikte schlagen sich auf die Verbraucherlaune nieder. Der Konsumklimaindex des Gfk-Instituts ist so stark gefallen wie seit drei Jahren nicht…

Verbraucher in Deutschland treibt zunehmend die Sorgen um einen Einbruch der Konjunktur um…

Die Bürger treibt vor allem die Furcht um, dass die Wirtschaft unter den internationalen Krisen leidet. “Die Verbraucher gehen davon aus, dass die Konjunktur mindestens einen Gang zurückschalten dürfte”, sagte GfK-Experte Rolf Bürkl…

Nun sorgen laut GfK die Eskalation der Situation im Irak, in Israel, der Ukraine sowie die Sanktionsspirale mit Russland für Verunsicherung: “Das hat die bislang überaus optimistischen Konjunkturaussichten der Bundesbürger negativ beeinflusst.” Sie beziehen die verschärfte geopolitische Lage stärker in ihre Beurteilung ein, wie die heimische Konjunktur laufen wird.

Der entsprechende Indikator für die “Konjunkturerwartung” verliert 35,5 Punkte und sackt auf 10,4 Zähler ab. Einen solchen Einbruch gab es laut GfK seit Beginn der Verbraucherumfrage 1980 noch nicht. Die Sorge beeinträchtige allerdings nur bedingt die Bereitschaft der Verbraucher, teure Güter wie Möbel oder Autos zu kaufen.

Die V.laune ist im Keller. Kriege rauf, Laune runter. Gottseidank erfahren wir im letzten Absatz auch, dass der V. trotz aller Krisen weiterhin Autos und andere teure Güter kaufen wird. Was kauft er derzeit nicht? Billige Güter? Butter? Brot? Flipflops? Wird der V. dadurch dünner? Und bekommt einen schlanken Fuß?

Wer ist eigentlich dieser V? Das, was man früher Bürger nannte? Oder sind das nur die Bürger, die konsumieren? Je mehr, desto verbrauchiger? Und wie läuft das konkret? Der V. schaut TV, sieht die Ukraine und Gaza und eine IS-Enthauptung und bekommt eine Magenverstimmung und sagt den Supermarktbesuch ab? Oder beschließt, den Kauf der nächsten Haribotüte noch um ein, zwei Tage hinauszuschieben? Bis die Kinder quengeln?

Der V. hat Furcht, lesen wir. Furcht, dass die Toten in Gaza und im Donbass die Konjunktur zwingen werden, herunterzuschalten. Ganz konkret: einen Gang. Da es in der jüngsten Vergangenheit ja ganz toll lief mit der Wirtschaft, hatten wir vermutlich den fünften Gang eingelegt. Nun wird in den vierten zurückgeschaltet. Bislang waren die V. überaus optimistisch, also echt gut drauf. Nun haben sie nicht nur Angst, sondern Furcht. Sie sind nun also überaus pessimistisch, wälzen sich nachts und schlafen schlecht. Sie wachen morgens um drei schweißgebadet auf und fragen sich, wo die Konjunktur nächste Woche hinschalten wird.

Wer ist diese Gesellschaft für Konsumforschung? Ein Marktforschungsinstitut, das 1934 gegründet wurde, um, Achtung, “die Stimme des V. zum Klingen zu bringen”, so heißt es in der Präambel. Die GfK versteht sich ” primär als Vereinigung zur Mehrung des für die Erforschung und Bearbeitung weltweiter Märkte relevanten Grundlagenwissens.” Außerdem betreibt die GfK an der Uni Nürnberg einen Stiftungslehrstuhl für “Marketing Intelligence”. Wow. Und sie will “innovative Forschungsmethoden in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen entwickeln”.

Durch die innovative Forschung entstand vermutlich erst der V.

Tolle Sache. Der V. klingt, was das Zeug hält. Das mit dem Grundlagenwissen haben ich noch nicht ganz verstanden, aber so ist das halt mit der Grundlagenforschung. Man weiß immer erst hinterher, ob es zu etwas nutzt. Vielleicht sind die Grundlagen die Toten im Donbass und im Gaza, durch die die V. in D. den Appetit verlieren.

Es ist diese Perfidie, Menschen auf angebliches Verhalten im Supermarkt zu reduzieren. Sie sind das Volk, aber nur bei netto. Sie würden ja gerne zugreifen, doch, ach, die Kriege auf der Welt! Ich stelle mir den durchschnittlichen V. vor, wie er stundenlang in Bibliotheken sitzt und über die verschärfte geopolitische Lage und ihre Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur forscht und sich fürchtet wie seit 1980 nicht mehr und dann schweren Herzens beschließt, die Butter im Kühlregal liegen zu lassen. Es wäre einfach verantwortungslos, angesichts der konjunkturellen Probleme sich nicht selbst die Butter vom Brot zu streichen.

Lustig ist auch, dass die V.laune sinkt, weil der V. erwartet, dass die Konjunktur – ja, was denn? – nicht mehr rund läuft (um im Jargon von GfK und Spiegel zu bleiben). Selbsterfüllende Prophezeiung. Vielleicht sollte jemand den V. sagen, dass sie einfach mehr verbrauchen sollen, dann läuft auch alles rund, Krieg hin, Krieg her. Die jetzt Toten im Donbass haben vermutlich eh noch nie besonders viel aus Deutschland gekauft. Die Gaza-Toten auch nicht.

Außerdem: Verbraucht der V. nicht, ist er erledigt. Er existiert dann nicht mehr. Es geht hier nicht nur um ein halbes Pfund Butter mehr oder weniger. Der V. ist dann so tot wie die Leute im Donbass und in Gaza. Die haben vermutlich auch zu wenig verbraucht. Sie sollten dem deutschen V. eine Warnung sein. Die Grundlagenforscher wissen sicher näheres.

Der V. soll sich nicht so anstellen, meine ich. Einfach Fernseher aus- und die Kauflaune wieder einschalten.

Fürchtet euch nicht, liebe V. Klingt lieber mehr.

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142 - Kopie - Kopie (2) - Kopie(Fotos: genova 2014)

Wohnungsbau: in Berlin Luxus, in Wien Standard

Die Architekten von Superblock haben in Wien in der Innenstadt, 2. Bezirk, ein Wohnhaus in einem großen Neubauareal gebaut. Die Bilder lassen einen Berliner an Luxuswohnungen für 20 Euro nettokalt aufwärts denken. Drunter wird in Berlin nicht mehr gebaut.

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In Wien ist das offenbar anders. Dort wird dieses Gebäude mit innovativen, Maisonette-Wohnungsgrund- und aufrissen, mit einem Café im Erdgeschoß und einer gemeinschaftlichen Dachterrasse in einer Gegend geplant, deren Boden die Stadt wahrscheinlich für ein Vielfaches verkaufen könnte. Die Stadt Wien könnte sich also so asozial verhalten, wie es die Stadt Berlin seit den 1990-er Jahren tut. Tut sie aber nicht.

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Statdessen kostet an der Donau eine Wohnung mit 60 Quadratmeter 480 Euro inklusive Nebenkosten plus Strom und Gas – bei normalem Einkommen, womit man warm bei maximal 550 Euro landet. Niedrige Einkommen kriegen Wohngeld.

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Dazu kommt:

Die äußere Gestaltung des Hauses ist geprägt durch tiefe Balkone und pinkfarbene Einschnitte. Diese verweisen auch auf das eigentliche identitätsstiftende Element des Gebäudes, das sich erst im Inneren eröffnet. Hier erwartet die Bewohner nämlich eine Art pinker Canyon, ein vertikal durchgehender Erschließungsraum, der das gesamte Haus als eine Einheit erfahrbar macht.

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Die soziale Finanzierung im Wohnungsbau hat in Wien Tradition. Im roten Wien der 1920er Jahre legte man die maximalen Mieten so niedrig, dass sich der privatinvestierte Wohnungsbau nicht mehr lohnte – daraufhin fielen die Bodenpreise. Nun griff die Stadt zu und vergrößerte ihre kommunalen Bodenflächen um das zehnfache. Dazu kamen eine Wohnbausteuer – je luxuiöser, desto höher fiel sie aus – und Luxussteuern. Die Wohnbausteuer war teilweise eine De-Facto-Enteignung von Hausbesitzern, was vermutlich eine notwendige Voraussetzung für ein soziales Verhalten in einer Stadt ist. All die genannten neuen Steuern führten dazu, dass sie schon 1927 zu 36 Prozent zum Gesamtsteueraufkommen Wiens beitrugen. Dementsprechend finanzierte sich der Wohnungsbau zu 40 Prozent aus dem städtischen Säckel.

So entstand in Wien massenhaft bezahlbarer Wohnraum, es entstanden die sogenannten Superblocks, und das in einer Zeit, in der die Produktivität verglichen mit heute auf Steinzeitniveau lag. Auch damals ging schon einiges, wenn man wollte. Die rechten österreichischen Regierungen auf nationaler Ebene torpedierten diese soziale Politik, bis sie 1934 aus bekannten Gründen zum Erliegen kam.

In Berlin, obwohl seinerzeit in einer ähnlichen Tradition stehend, ist eine soziale Wohnungsbaupolitik undenkbar: Dort freut sich der Sozialdemokrat Wowereit bekanntlich wegen der steigenden Mieten und wegen der zu vertreibenden Bewohner. Berlin ist, was den Bezug zur kapitalistischen Realität angeht, das Gegenteil seines Rufs: reaktionär, kapitalistisch, regressiv, korrupt. Die vielen Menschen mit Potenzial werden hier medial und propagandistisch verheizt, sonst nichts.

Hier erzählt einem jeder dahergelaufene Baupropagandist, dass man unter zehn Euro nettokalt nicht mehr bauen könne und die Marktgesetze nun mal 20 Euro nötig machten. Oder man verkauft direkt Eigentumswohnungen für 4.500 Euro aufwärts, woraus sie die Mieten erklären. Viele dieser Wohnungen stehen schätzungsweise bis auf ein paar Wochen im Jahr, wo der Besitzer dort abhängt, leer.

Solch tiefe Balkons wie in Wien bekommt man übrigens auch dann nicht. Schlanke Fassaden mit flachen Balkons und Loggien verkaufen sich offenbar besser – das kapitalistische Auge wohnt mit.

P.S.: Überlässt man Wohnen dem Markt, dann sieht es in Wien so aus wie überall:

Wohnen in Wien hat sich in den vergangenen Jahren rasant verteuert. Seit 2007 sind die Mieten um 30,3 Prozent auf durchschnittlich 14,45 Euro pro Quadratmeter angezogen und die Eigentumspreise um 31,1 Prozent auf 3.981 Euro pro Quadratmeter.

Wie es noch besser geht, zeigte schon vor Jahren Salzburg.

(Fotos: baunetz)

Schmarotzen in Berlin: “Investoren” auf Einkaufstour

Eine sehenswerte ARD-Dokumentation über die Deformationen, die Menschen in einer kapitalistischen Gesellschaft zugemutet werden, beispielhaft dargestellt am Berliner Wohnungsmarkt, wie man sagt:

Wem gehört die Stadt?

(Der Link zum Film versteckt sich hinter dem Titel.)

Die Hauptrollen spielen: ein norwegischer Investor, der schon 2.000 Berliner Wohnungen besitzt und mehr will; der den Lesern dieses Blogs bekannte Immobilienhai Ziegert; weitere schicke Investoren, wie man diese Leute euphemistisch nennt, und eine preußische Adelige. Auf der anderen Seite eine Familie, die im Namen der deutschen Justiz aus der Wohnung geworfen wird, und andere Mieter, die demnächst nach Marzahn weichen werden.

Der Film stellt naturgemäß nicht die Systemfrage, die zu stellen er die Pflicht hätte. Aber für einen Mainstreamsender in einem kapitalistischen Staat sind die Bilder bemerkenswert. Mieter, die um die nackte Existenz kämpfen und verlieren. Der Wille der Millionäre, Milliardäre werden zu wollen, ist hierzulande mehr Wert. Dazu die unverholene Dummheit der gezeigten Millionäre: Es ist offensichtlich, dass im Kapitalismus genau der reich wird, der auf der faulen Haut liegt und andere für sich arbeiten lässt. So gesehen ist der Immobilienmarkt der perfekte Ort fürs Kapital, um sich auszutoben.

Ein hervorragende Szene zeigt eine italienische Investorin auf der Suche nach Rendite in Friedrichshain (ab 6:40 min). Ein Satzhülse jagt die nächste (“ein interessanter Moment, um in Berlin zu investieren”).

Überhaupt die Sprache: Das Potenzial der Stadt, für Investoren die heißeste Stadt in ganz Europa, it´s a kiez with art everywhere, Gentrifizierung ist die Entwicklung der unterschiedlichen Viertel, Leute kommen und gehen, in Berlin geht diese Entwicklung in die absolut richtige Richtung” undsoweiterundsofort. Ein bewusstloses Geplapper, das kaum noch auffällt, weil wir alle damit umgeben sind. Es scheint, als spürten die Investoren, dass sie Schmarotzer sind, die massenhaft zerstören, um noch mehr Geld zu haben. Das muss via Sprache verkleistert werden. Der Begriff des Investierens passt hier wie die Faust aufs Auge. Wer bei der Müllabfuhr arbeitet, muss eine Leistung erbringen: Mülltonnen anheben, leeren, zurückfahren etc. Wer “investiert”, muss nur dummes Zeug plappern. Es ist ein extrem formaler Akt; die Form ist hier so wichtig, weil der Inhalt pervers ist.

Man könnte am Beispiel der Berliner Altbauten auch den Gegensatz von Tausch- und Gebrauchswert diskutieren. Häuser, die vor mehr als hundert Jahren gebaut wurden und sich schon x-fach amortisiert haben, werden für Millionensummen weiterverkauft. Die herrschende Lehrmeinung stellt so ein Verhalten allen Ernstes als wertschöpfend dar.

Später im Film (51:20 min) kommt noch der Adel ins Spiel, deren Flair die “Kronprinzengärten” aufwertet. Christa Prinzessin von Preußen beehrt die ordinären Investoren und freut sich, dass sie jetzt nicht mehr in Paris und New York weilen muss, sondern “die Deutschen wieder ganz in” sind.

Mein Respekt an die im Film gezeigten Aktivisten in Kreuzberg, die etwas tun. Auch wenn es sinnlos ist. Es fällt auf, was ich kürzlich hier schrieb: Auf der Investorenseite wird ohne Ausnahme objektiv dummes und menschenverachtendes Zeug geplappert; auf der Gegenseite kommen Argumente, die Leute reißen sich den Arsch auf, investieren Zeit.

Es wird naturgemäß die Menschenverachtung siegen. Irgendwie schade, dass hierzulande so wenig Kinder geboren werden. Youth bulge als Lösungsansatz scheidet damit aus.

P.S.: Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften sind übrigens genau so asozial wie die privaten Investoren. Oberste Maxime staatlicher Stellen: das Kapital schützen.

(Hier gibt es weitere Informationen zum Film.)

142(Foto: genova 2013)

Kirche, Aristokratie, Konzerne: Geschichte wird gemacht

Der Filmemacher Ken Loach:

“Sponsoring ist ein riesiges Problem. Der Subtext von Sponsoring ist, dass es keine Kultur geben kann, die nicht von reichen Leuten und Konzernen genehmigt wird. Erst die Kirche, dann die Aristokratie, jetzt sind es die Konzerne.”

Schön auf den Punkt gebracht. Ob Drittmittel an den Universitäten, ohne die nichts mehr geht, ob Bill Gates mit seiner 60-Milliarden-Euro-Stiftung, ob Hasso Plattner, der neue König von Potsdam: Es ist alles eine Refeudalisierung, die vor allem zeigt, dass Kapitalismus die einen bitterarm und die anderen extrem reich macht. Letztere merken früher oder später, dass sie mit ihrem Geld ihren Ruhm nur noch steigern können, wenn sie es öffentlichkeitswirksam investieren.

Die bürgerliche Gesellschaft nennt solche Leute allen Ernstes Philanthropen.

Sponsoring verschleiert auch den klaren Blick auf das spätkapitalistische Phänomen des Staats im Staate in Form großer Konzerne, die jede Gesellschaft zerstören, die sich nicht der Konzernlogik unterwirft. Das gesellschaftliche Bewusstsein wird um Jahrzehnte zurückgeworfen, wenn sich Microsoft oder Amazon oder Nestlé als reine Wohltäter aufspielen dürfen, wo es gälte, ihnen die Maske herunterzureißen. Man könnte gerade diese drei Firmen also solche beschreiben, die frühzeitig hätten gestoppt werden müssen, wenn einem sowohl gesellschaftliche Emanzipation als auch Marktwirtschaft wichtig sind. Es liegt in der Natur des Kapitalismus, das genau dies nicht passiert.

Der rechte wie öffentlichkeitswirksame Philosoph Peter Sloterdijk forderte ganz im Sinne dieser Entwicklung vor ein paar Jahren schon die Reichen dazu auf, ihre Steuerzahlungen zu boykottieren und, wenn sie Lust haben, ihnen Wohlgesonnene zu sponsorn. Die anderen werden ausgemerzt, gemäß der sozialdarwinistischen Haltung neoliberaler Ideologie. Sponsoring ist ein Schritt in diese Richtung. Die Milliarden, die dafür nötig sind, werden den Staaten vorher in Form von Steuersenkungsforderungen oder Verträgen wie CETA oder TTIP abgepresst bzw. man operiert gleich direkt in Steueroasen.

Erst die Kirche, dann die Aristokratie, jetzt die Konzerne. Nestlé, so las ich gerade, hat seit seiner Gründung ein paar hundert Firmen aufgekauft und sponsort aus dem Reingewinn von knapp zehn Milliarden Euro jährlich eifrig. Zur Entscheidung, wer gesponsort wird, teilt Nestlé mit:

Wenn Sie innerhalb von 3 Wochen nach Eingang Ihres Gesuchs keine Antwort von uns erhalten, bedeutet dies, dass wir Ihrem Anliegen nicht entsprechen können.

Sloterdijk kann den Text als Muster verwenden. Ein weiterentwickeltes Jobcenter auch.

P.S.: Die Filme von Ken Loach sind mir in der Regel filmästhetisch zu billig, zu gewollt. Die Aussage ist überdeutlich spürbar, die politische Haltung des entindustrialisierten Großbritannien wird zu unreflektiert auf die ästhetische Ebene übertragen. Angel´s Share ist ein gutes Beispiel dafür. Aber vielleicht überbewerte ich jetzt das Alterswerk.

119(Foto: genova 2013)

0,4 Prozent Wachstum: Für die investigative Zeit ein “Boom”

Die herrschende Klasse organisiert die Geschichtsschreibung, also das kollektive Gedächtnis. Eine alte These, die in den vergangenen Jahren am laufenden Band aktualisiert wird. Jüngstes Beispiel ist Die Zeit, wo ein Philip Faigle im Wirtschaftsteil (31. Juli, S. 23 und auch online verügbar, sehe ich gerade) für eine “Agenda 2020″ plädiert. Seine Argumentation ist atemberaubend.

Faigles Kernthese: Deutschland braucht eine Agenda 2020, denn die erfolgreiche Agenda 2010 ist schon zehn Jahre her und es gibt immer noch Ungerechtigkeiten in Deutschland – wohlgemerkt: laut Faigle trotz der Agenda 2010.

Faigle behauptet im Text diverse Male einen wirtschaftlichen Aufschwung: “Jetzt im Boom”, wir befänden uns in einem “langen Aufschwung”, die “wirtschaftliche Ausgangslage” sei “so günstig” wie “seit Jahrzehnten nicht”. Deutschland erlebe gerade “ein Wirtschaftswunder”.

Wirtschaftswunder ist nun doch vielleicht eine Nummer zu dick aufgetragen, so dass selbst der durchschnittliche Zeit-Leser die Lügengeschichte bemerken könnte. Als Wirtschaftswunder bezeichnet man in Westdeutschland die 1950er Jahre, damals lag das durchschnittliche Wirtschaftswachstum bei 8,2 Prozent.

Wie sieht es real aus mit dem Aufschwung? 2010 gab es 4,0 Prozent, was als Reaktion auf die 5,1 Prozent minus im Jahr zuvor zu sehen ist. 2011 waren es 3,3, 2012 0,7 Prozent und 2013 0,4 Prozent. Für 2014 werden etwa 1,7 Prozent prognostiziert, wobei auch das in Kürze heruntergesetzt werden wird.

Es gab Zeiten, da wurde eine Null vor dem Komma als Symptom einer Krise gesehen, als ein Zeichen dafür, dass man knapp an einer Rezession vorbeigeschlittert ist. Laut Herrn Faigle befinden wir uns auch mit 0,7 bzw. 0,4 Prozent noch in einem Aufschwung, der sich aber “bald abschwächen” könnte. Nein, nicht nur in einem Aufschwung: Wir befinden uns aktuell in einem “Boom”. Wohin schwächt sich ein Boom ab? Zu einem Aufschwung? So wie ein Orkan sich zu einem Sturm abschwächt?

Wer ist Philip Faigle? Aus seiner Selbstbeschreibung bei der Zeit:

Er ist in Köln groß geworden und hat dort Volkswirtschaft und Politik studiert. Nach dem Besuch der Kölner Journalistenschule arbeitete er als Autor und Reporter für DIE ZEIT, NEON und die Berliner Zeitung. Seit 2007 ist er Redakteur bei ZEIT ONLINE – erst in Hamburg, später in der Berliner Redaktion. Im Februar 2014 wechselte er in das neu gegründete Team Investigativ/Daten.

Er ist 1980 geboren, was ein wenig die neoliberale Verkleisterung seines Hirns erklärt. In den 1990ern sozialisiert, zwischen Nationalismus und kapitalistischem Größenwahn, das Ende der Geschichte verinnerlicht. Besonders lustig ist der letzte Satz: das Team Investigativ/Daten. Was auch immer das genau sein mag, es ist alleine von der Wortwahl her so lächerlich, wenn das Teammitglied Faigle einfachste Zusammenhänge weder recherchieren noch darstellen kann. Da braucht es keinen Investigativjournalismus, sondern schlicht einen einminütigen Besuch auf der Webseite des Bundesamtes für Statistik.

Man kann über Sinn und Unsinn von Wirtschaftswachstum streiten, man kann das erst recht über nivellierende Durchschnittswerte in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft tun. Aber man sollte doch zumindest einfache Rechenaufgaben lösen können, bevor man in einem angesehenen Blatt einen Artikel veröffentlicht.

Dann behauptet Faigle noch den üblichen neoliberalen Blödsinn: Dass wir leider trotz der Agenda 2010 zuviel Armut haben, dass Arme zuwenig verdienen, dass es zuwenige Aufstiegschancen gibt. All das sind Ergebniss von Agenda 2010 und ihren Ausläufern.

Es bleibt die alte Frage: Ist ein Faigle zu dumm zur Recherche? Sind es bewusst formulierte Unwahrheiten, also Lügen? Gibt es in der Wirtschaftsredaktion der Zeit die Vorgabe einer Marschrichtung, nach der die Ergebnisse neoliberaler Politik unbedingt schöngeredet werden müssen?

Die Marschrichtung lässt sich in allen neoliberalen Blättern feststellen: “Der deutschen Wirtschaft geht es prächtig – und das dürfte lange so bleiben.” schreibt das Handelsblatt gerade zur Konjunkturentwicklung. Es sind vermutlich die Dax-Konzerne gemeint.

Noch absurder berichtet die Süddeutsche Zeitung unter der realsatirischen Überschrift “Deutschland boomt in lahmender Eurozone:

Völlig anders sieht die Situation in Deutschland aus: Hierzulande ist die Wirtschaft zum Jahresbeginn deutlich gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im ersten Quartal 2014 im Vergleich zum Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,8 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Damit hat sich der Aufschwung beschleunigt, nachdem die deutsche Wirtschaft zwischen Oktober und Ende Dezember 2013 nur um 0,4 Prozent zugelegt hatte. “Bei diesem kräftigen Wachstum zum Jahresbeginn spielte allerdings auch die extrem milde Witterung eine Rolle”, schreiben die Statistiker.

0,8 Prozent, zuvor 0,4 Prozent. Der “Aufschwung” hat sich beschleunigt. Der Deutschlandfunk redet von einer Verdoppelung. Wenn sich das Wirtschaftswachstum von 0,1 auf 0,2 Prozent erhöht, reden die dann auch noch von Verdoppelung und einem sich beschleunigendem Wachstum?

Das Statistische Bundesamt dämpft in der Meldung die Euphorie, wenn das Wachstum vor allem auf eine extreme Wetterlage zurückzuführen ist. Egal.

So ganz einig sind sich die Experten allerdings nicht. Am 17. Juli, also zwei Wochen vor dem Artikel von Philip Faigle, schrieb das Manager-Magazin unter der Überschrift “Aufschwung kommt zum Erliegen”:

Der Aufschwung in Deutschland ist Ökonomen zufolge im zweiten Quartal nahezu zum Erliegen gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt ist von April bis Juni voraussichtlich nur noch um 0,2 Prozent gewachsen, wie aus einer Umfrage unter Volkswirten von 23 Banken und Instituten hervorgeht. Das wäre der kleinste Anstieg seit mehr als einem Jahr.

Im ersten Quartal hatte es noch zu einem Plus von 0,8 Prozent gereicht. Dazu trug der milde Winter erheblich bei, durch den etwa am Bau viele Projekte vorzeitig beendet werden konnten. Dadurch dürfte nun aber der Frühjahrsaufschwung wesentlich schwächer als sonst üblich ausfallen.

Was jetzt? Wirtschaftswunder oder ist da etwas zum “Erliegen” gekommen?

Die Welt erkennt auch eine Abnahme der wirtschaftlichen Dynamik, behauptet aber, dass Deutschlands “rasanter Aufschwung” an Fahrt verliere. Es steht dankenswerter Weise auch da, was man unter rasant versteht: 0,8 Prozent.

Vielleicht kann man es so erklären: Neoliberale Politik bringt keine dauerhaften Wachstumsraten, da der Massenkonsum erschwert wird. Das ist bekannt, vermutlich auch den Apologeten. Statt sich damit auseinanderzusetzen, werden einfach Definitionen angepasst: 0,8 Prozent sind nun nicht mehr Mittelmaß, sondern ein Wirtschaftsboom. Und ich schätze, dass mehr deutsche Zeit- und SZ-Leser die neoliberale Gehirnwäsche annehmen als DDR-Bürger an die Übererfüllung des Plans glaubten. Man hatte damals noch eine Gegenseite. Heute diktiert das Kapital offenbar direkt in den Journalistenblock.

Aber alles schön investigativ und mit Daten.

Übers Schaudern in unserer Zeit

Niklas Maak schreibt in der FAZ über den neuen Wolkenkratzerboom:

So wie eine extrem solvente Klientel die Preise für Gemälde der klassischen Moderne über die Hundert-Millionen-Dollar-Schwelle getrieben hat, weil das viele Geld ja irgendwo hin muss, sammelt sie jetzt auch exklusive Hochhaus-Immobilien. Amerikanische Medien berichteten schaudernd, dass ein russischer Milliardär seiner Tochter in Manhattan ein Apartment für 88 Millionen Dollar gekauft habe. Gleichzeitig leben in New York zweiundzwanzigtausend Kinder ohne Obdach auf der Straße – so viele wie seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht mehr.

Das viele Geld muss irgendwohin. Immer wieder interessant, wie in bürgerlich-kapitalistischen Medien so ganz nebenbei das Dilemma des aktuellen Wirtschaftens aufgezeigt wird. Ich muss das nicht weiter erklären.

Was sagen die hausinternen Neoliberalen wie Heike Göbel zu solchen Formulierungen? Vermutlich nichts. Wahrscheinlich lesen sie nur “viel Geld” und fühlen sich bestätigt.

Vielleicht kommt man weiter, wenn man sich anschaut, was der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in “Und ich?” zum Thema schreibt. Man sei allgemein der Ansicht, dass der Sozialdarwinismus sich mit der Niederlage des Nationalsozialismus erledigt habe. Weit gefehlt, denn:

Die neueste Mutation des Sozialdarwinismus heißt Neoliberalismus, und anstelle der Natur lässt man  nun vor allem “den Markt” gewähren.

Neoliberale, Sozialdarwinisten, Nazis. Man sollte diese Begriffe ruhig zusammen verwenden, ohne sie als Synonyme zu betrachten. Ich habe schon länger ein merkwürdiges Gefühl, wenn immer wieder auf die NPD eingedroschen wird, und Leute wie Göbel oder Sloterdijk oder Sarazzin oder Beise oderoderoder wohlgelitten sind. Es ist so billig.

Immerhin “schaudern” die Medien schon. Welche Reaktion folgt aufs Schaudern?

050 (2)(Foto: genova 2014)

Architektur und Dogma 3 – “keine Sprache mehr, nur noch Pragmatik”

Das deutsch-italienisch Architekturbüro Kühn-Malvezzi hat sich vor einiger Zeit beim Wettbewerb fürs Berliner Stadtschloss beteiligt. Ich hatte das nach kurzem Wundern  wieder vergessen, jetzt begründeten die drei ihren Schloss-Entwurf in archplus (Nr. 214, Supplement):

“Die für uns entscheidende Lehre von Ungers ist die Idee, dass man Kontext nicht vorfindet, sondern selbst schafft, dass die Arbeit des Architekten Kontextproduktion ist…

Rossi und Ungers hatten noch eine Sprache. Bei uns gibt es keine Sprache mehr, nur noch Pragmatik. Wir schaffen einen Kontext, benutzen aber keine Sprache. Wir haben keine festen Elemente.”

archplus: Was bedeutet Pragmatik in Bezug zur Architektur? Pragmatik ist, linguistisch betrachtet, die Lehre, wie ein Satz dadurch Bedeutung erlangt, wer ihn wann wie wo spricht.

“In der Architektur bedeutet Pragmatik die kontextabhängige Anwendung architektonischer Elemente.”

archplus: Es geht also analog zur Sprachtheorie um den Gebrauch von Elementen in einer konkreten Situation und in einem bestimmten Kontext. Nach Wittgenstein ergibt sich die Bedeutung einer Sache aus ihrem Gebrauch.

“Aus diesem Grund kann man auch heute ein Schloss bauen; genau deshalb haben wir das Humboldt-Forum als Bauaufgabe akzeptiert. Denn man kann es gebrauchen, aber anders gebrauchen! Durch den Gebrauch verändern wir seine Bedeutung.”

So weit, so merkwürdig. Natürlich schafft ein Architekt nicht alleine einen Kontext, sondern er schafft das Haus. Zusammenhänge werden nie nur von EINER Partei hergestellt, dazu gehören zumindest zwei. Auch wenn man von einer Kommunikationssituation ausgeht, die durch Architektur hergestellt wird, steht das Haus nicht im virtuellen, sondern in einem realen Raum mit ganz realen Bezügen und einer langen Geschichte. Nimmt der Architekt diese Geschichte in seine Arbeit auf, passiert (wenn es gut läuft) auf beiden Seiten etwas: im Haus und in der Geschichte der Umgebung.

In Sachen Schloss wird es argumentativ skurril. Eine eigene Sprache gibt es nicht mehr, deshalb ist alles erlaubt. Ein Schloss ist kein Schloss mehr, sondern sprachlich nur noch ein ahistorischer, unbestimmter, beliebiger Kasten, aber mit bestimmten Merkmalen (Säulen, Pfeilern, einer bestimmten Kubatur, einer Kuppel, einer bestimmten Fassadengliederung, Portalen, Höfen usw.), die ganz exakt genau eines darstellen: ein Schloss. Nur ist es nach Kühn und Malvezzi lediglich die Hülle. Der Inhalt wird kontextmäßig vom Architekten bestimmt. Der Architekt baut ein Haus und schafft damit dessen Kontext. Offenbar alleine, ohne andere Materialitäten in der Nachbarschaft. Er schafft das ohne eine architektonische Sprache, die ist abhanden gekommen. Die architektonischen Elemente sind folglich nur Satzteile oder Satzfetzen, die je nach Kontext ausgewählt werden. Der Kontext selbst wird aber erst durch den Architekten geschaffen. Es ist eine radikalisierte Version des dekorierten Schuppens.

Es ist die Vorstellung, dass eine Schlossfassade keinerlei historisches Wissen beinhaltet, sondern rein in der Gegenwart, rein ahistorisch gelesen werden kann. Laut Kühn und Malvezzi sind somit alle öffentlichen Auseinandersetzungen über das Berliner Schloss der vergangenen 20 Jahre, alle Beiträge aus der rechten Ecke, die sich nicht nur fürs Schloss, sondern für die gesellschaftliche Reaktion aussprechen, sinnlos. Es gibt ja keine Sprache, also kann auch keine rekonstruiert werden.

Ob man die Hülle eines Schlosses baut oder die eines KZ, ist demnach egal.

Und selbst wenn es so wäre: Warum braucht es an der Stelle des ehemaligen Schlosses in Berlin wieder ein Schloss? Doch bitte nicht wegen der Kubatur, dem lächerlichsten Argument der Schlossbefürworter.

Wittgenstein ist angeblich der Kronzeuge für diese Haltung. Der sagte, dass sich die Bedeutung einer Sache aus ihrem Gebrauch ergibt. Sicher muss in das neue Schloss nicht zwangsläufig wieder ein Monarch einziehen. Aber es ist absurd, die ideologische Aufladung von Architektur zu ignorieren. Es bedeutet die Inexistenz eines historischen Gedächtnisses. Das Haus Wittgenstein, ein mit maßgeblichem Einfluss von Wittengstein in den 1920ern gebautes großbürgerliches Wohnaus, kann für diese Haltung nicht in Stellung gebracht werden. Gerade dort wurde auf alles Historische verzichtet, ein zumindest formal radikal neues Bauen. Und es hatte natürlich seine Gründe, warum Wittgenstein auf formale Anleihen an die Vergangenheit verzichtete. Auf etwas verzichten kann ich nur, wenn ich seine Existenz nicht negiere. Von wegen “keine Sprache”.

Es ist so eine Art radikalisierte Variante der banalen Richtung postmoderner Architektur. Wo seinerzeit der dekorierte Schuppen gefordert wurde, also ein stilloses Gebäude, an das Zeichen äußerlich drangeklatscht werden, soll hier ausgerechnet das hochpolitische Stadtschloss Berlin verharmlost werden, indem man schlicht behauptet, wir sprächen die Sprache des Schlosses nicht mehr, also existiere sie nicht und auch unser Bewusstsein darüber sei nicht existent. Und genau deshalb können wir die Sprache des Schlosses wieder aufbauen. Da wir sie eh nicht verstehen.

So geht die Pragmatik von Kühn und Malvezzi.

Skurril auch, dass der Kühn-Malvezzische Schlossentwurf von den Medien als geheimer Sieger gefeiert wurde, weil er angeblich so fortschrittlich ist. Kühn und Malvezzi waren so unerhört mutig, die haben auf die Kuppel verzichtet, die alten Widerstandskämpfer.

Vielleicht aber sollte man Kühn-Malvezzi in ihren Äußerungen einfach nicht ernst nehmen.

Ich ziehe deshalb eine banale Begründung für die Kuehn-Malvezzischen rhetorischen Verrenkungen vor: Die Teilnahme am Schlosswettbewerb ist aufmerksamkeitsökonomisch gewinnbringend, wer kann da schon nein sagen? Und es hat sich gelohnt. Ihr Entwurf wird zwar nicht realisiert, aber die Jury sprach ihnen einen “Sonderpreis” zu; dotiert mit sage und schreibe 60.000 Euro. Das sind exakt 60.000 Gründe, die genannten merkwürdigen rhetorischen Verrenkungen anzustellen.

Je einsamer der Mensch, desto penetranter das Kollektiv

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Die kecke Karolin im Käsehimmel

Eine Anzeige der Lufthansa in der Süddeutschen Zeitung. Einer angeblichen Stewardess wird ein angebliches Lieblingsziel in den Mund gelegt, weil sie dort tollen privaten Vergnügungen nachgehen kann:

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Karolin S. mit dem feschen Hut will also nach Toulouse fliegen, um dann auf Wochenmärkten im Roussillon Käse einzukaufen und Wein zu trinken.

Was heißt “nicht weit”? Die Entfernung von Toulouse in den Roussillon beträgt knappe 400 Kilometer. Diese Strecke legt Madame Absolument in ihrer Flugzeit-Pause zurück. Und retour.

Dazu ein Auszug aus einem Interview mit einem Flugbegleiter der Lufthansa:

Wie man hört, geben viele Flugbegleiter schon nach kurzer Zeit ihren Job wieder auf. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Es ist alles eine große Belastung. Auf den Kurzstrecken sind die Zeiten oft sehr knackig. Es ist ja nicht so, dass wir an einem Tag eben nach Lissabon fliegen. Wir haben bis zu vier Flüge durch Europa am Tag – und das im Extremfall an fünf Tagen hintereinander. Dazu kommt, dass der Ton rauer geworden ist.

Käse, Käse, Käse: Wenn die Stewardess im Roussillon so zulangt, wird sie schnell derart fett, dass sie ihren Job verliert, weil die Airlines ein “Gewicht angemessen zur Körpergröße” erwarten. Oder sie wächst noch.

Lustig auch das Handschriftengekrakel: Das Strahlefrauchen freut sich über ihren Dienstplan (Wow! Toulouse!) und fällt in eine Kindheitsphase zurück, in der man spontan Sonnen und Obst malt, weil man so wahnsinnig gute Laune hat. Vermutlich findet sie das auch “spannend”.

Es ist ein weiteres Beispiel für die Funktionsweise neoliberaler Propaganda. Einerseits haben wir die Lufthansa und die Angestellten ganz unten, die Flugbegleiter: Abhängig von komplizierter Technik, eingezwängt in enge Kabinen, unnatürlichen Verhaltenscodices unterworfen (lächeln bis zur Gesichtsvereisung), schlechte Luft, nervige Fluggäste, Schicht-Arbeitszeiten, dann soll sie mit ihrem Verkaufswagen den Reisenden allen möglichen Krimskrams verkaufen und so weiter; irgendwie die komplette Entfremdung. Andererseits das komplett Authentische: Südfrankreich, Provence, Roussillon als Chiffre des guten Lebens, dazu Wochenmärkte, Käse, Wein und gutes Benehmen, weil die Franzosen nach dem Weingenuss sich offenbar nicht so danebenbenehmen wie die Deutschen. Und nichts weniger als der Himmel: Selbst der Turbokapitalist kommt nicht ohne ihn aus. Auch das “Rätsel” ist wichtig: Wo der Kapitalismus die Welt gnadenlos entzaubert, gibt es da unten eine heile Welt, in der selbst die vielgereiste Karolin gestehen muss, dass es nicht lösbare Rätsel gibt.

Einfaches, gesundes und kultiviertes Leben mit Stil. Exakt das Gegenteil dessen, was aktuelle Politik praktiziert, wird in dieser Anzeige propagiert. Man sehnt sich immer nach dem Gegenteil dessen, was man tut. Das führt allerdings nicht zur Änderung der Praxis.

Real haben wir auf der einen Seite das Kapital, das die Arbeitsbedingungen des Proletariats auf der anderen Seite verschlechtert. Propagandistisch haben wir lebensbejahende Stewardessen, die sich wie ein Kind auf die nächste Schicht freuen, weil sie in der nicht weiter definierten Pause auf 400 Kilometer entfernte Wochenmärkte und zurück tingeln und nicht lösbare Rätsel bestaunen. Auf Deutschland übertragen wäre das in etwa so, als würde eine Stewardess, die in Berlin landet, in ihrer Pause flott zum Einkauf nach Prag reisen.

Bemerkenswert auch, dass die aktuelle neoliberale deutsche Täterpolitik in Europa auch Frankreich in die Defensive zwingt und tendenziell die lustigen roussillonschen Wochenmärkte abschaffen wird. So ein Pech aber auch für Karolin.

Die Anzeige dient übrigens nicht dazu, Stewardessen anzuwerben, sondern dem potenziellen Fluggast vorzukaukeln, man könne von der Crew Geheimtipps, wie man sagt, erwarten, weil die so viel unterwegs sind. Deshalb ist die abgebildete Stewardess auch nicht mehr ganz jung: Sie hat schon so viel gesehen von der Welt, sie kann ganz bestimmt die Spreu vom Weizen trennen, will heißen: Sie kennt die authentischen, nicht kulturindustriell versauten Orte.

Sie kennt genau die Orte, die ganz anders sind als die Lufthansa-Welt.

Ich frage mich, ob der Schuss nicht nach hinten losgeht, denn der Roussillon mit seinen Märkten war schon vor 30 Jahren kein Geheimtipp mehr. Solche gäbe es in der Nähe von Toulouse, Richtung Süden, in den Vorpyrenäen beispielsweise. Dass die beauftragte Werbegentur den Roussillon aussuchte, liegt vermutlich daran, dass die Zielgruppe ihn schon kennt. Die Werbetreibenden gehen also davon aus, dass die Zielgruppe ein ihr bekanntes Ziel genannt bekommen will, das aber von kompetenter Stelle, also dem Strahlefrauchen, ausdrücklich genannt werden soll.

Oder Lufthansa will gezielt in der Unterschicht neue Kunden finden, die neben ihrer Eckkneipe nur Benidorm und Ballermann als lohnenswerte Reiseziele angeben können. Diesen armen Leuten helfen wir gerne.

Die kulturindustrielle Verwurstung von Welt macht alles unkenntlich. “Lachen wird zum Instrument des Betrugs am Glück.”

Den “Nonstop you”-Button in der Anzeige empfinde ich vor diesen Hintergründen eher als Bedrohung.

Die Schlusspassage des Kulturindustriekapitels der Dialektik der Aufklärung passt ganz gut:

Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so vollkommend verdinglicht, dass die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das ist der Triumpf der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.”

Der Achselschweiß müsste der Stewardess auf ihrem hurtigen Tripp von Toulouse in den Roussillon eigentlich in Strömen fließen. Aber das wäre dann doch ein unappetitliches und also gewinnhemmendes Bild.

Stattdessen: Käse, Käse, Käse.

Architektur und Dogma 3 – Gallaratese: “Beklemmende Atmosphäre”

Das Dilemma: Zwar entstand spätestens mit dem Ende des CIAM 1959 eine umfassende Kritik an den Verfehlungen der modernen Architektur, am Bauwirtschaftsfunktionalismus, an einer architektonischen Didaktik, die den Menschen erst bis ins Detail erziehen wollte, um ihn dann zu vergessen. Doch Versuche, daraus zu lernen, haben nicht immer gefruchtet. Ein paar Anmerkungen.

Im Folgenden ein Statement der Architektin Margrit Kennedy (1939-2013), das immerhin in der bauwelt veröffentlicht wurde, der vielleicht bedeutendsten Architekturzeitschrift in Deutschland. Kennedy nimmt in diesem Text von 1978 Bezug auf Carlo Aymonino, der (zusammen mit Aldo Rossi) von 1968 bis 1973 herum ein seinerzeit vielbeachtetes und -publiziertes Wohnviertel in Gallaratese baute, einem Vorort von Mailand.

Kennedys Statement ist eine Antwort auf einen Vortrag von Aymonino über Gallaratese.

Ich habe ein paar Bilder von Gallaratese eingebaut.

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Margrit Kennedy (1978):

Sehen wir uns die heutige vaterländische Arbeits- und Machtverteilung an und ihre Metropolen, so verdienen sie wohl kaum noch den Namen “Mutterstädte”. Eindrucksvoll beweisen die Entwürfe von Architekten wie z. B. Carlo Aymonino, daß in dieser Architektur weder die Natur noch der Mensch einen Platz hat. In einem Vortrag an der Berliner Sommerakademie 1978 referierte Aymonino über die Durchdringung von Außen- und Innenraum, öffentlichem und privatem Raum.

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Ebenso lehrreich aber war es, sich darüber klarzuwerden, was er weggelassen hatte – nämlich “das Lebendige”. Nicht ein lebendiges Wesen – Mensch, Tier oder Pflanze bevölkerte die ästhetisch perfekten Räume in einer Dia-Serie. Man sah leere Arenen, leere Plätze, leere Innenräume, leere Gänge. Mit offensichtlichem Stolz wies er darauf hin, daß es ihm in der Gallaratese, einem damals in Fachzeitschriften häufig publizierten Wohngebiet in einer Mailänder Vorstadt gelungen sei, die Bepflanzung des großen Platzes zwischen zwei Trakten mit Bäumen zu verhindern. Leider stand er mit seiner Einstellung zu Architektur und Stadtplanung weder damals noch heute allein, deshalb möchte ich aus meinem Brief an ihn zitieren, der später in der “Bauwelt” veröffentlicht wurde. Ich sagte darin u. a.: “Meine Erfahrung bei der Besichtigung dieses Projektes ist, daß Sie auch die Benutzung der Plätze, Galerien und Treppen durch Menschen erfolgreich verhindern konnten … Wenn man einmal den ersten ästhetischen Reiz der ungewöhnlichen Formen aufgenommen hatte (der übrigens durch abblätternde Farbe, Unrat usw. stark litt), war man froh, sobald als möglich aus der beklemmenden Atmosphäre herauszukommen.

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Erst bei Ihrem Vortrag ist mir jedoch klar geworden, warum dieses Empfinden durchaus berechtigt war. Ihre Architektur ist ja nicht für Menschen da, sondern in erster Linie für sich selbst. Der Mensch, ein Baum oder eine Pflanze stören natürlich die leere Perfektion. Man fühlt sich als Störfaktor, nicht gewollt und ist es auch … Mit Genugtuung bestätigten Sie auf meine Frage hin, daß Ihnen an der Meinung der Nutzer zu Ihrer Architektur nicht im geringsten gelegen sei. Ihrer Ansicht nach ist Architektur ein technisches und gestalterisches Problem, Architekt-Sein ein Beruf wie jeder andere. Implizit heißt das: Für menschliche und soziale Belange gibt es andere Berufe und wenn Projekte zu teuer werden, wie das Mailänder Wohnprojekt, und privat statt im sozialen Programm, für das sie geplant waren, abgegeben werden müssen, Hausbesetzungen stattfinden, und die perfekte Architektur einige wenig perfekte menschliche Tragödien verursacht, gibt es ja schließlich die Polizei, die für solche Angelegenheiten zuständig ist. …

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Was mir im Nachhinein noch etwas Hoffnung gibt, ist Ihre Bemerkung, meine Fragen erinnerten Sie an Ihre Frau. Sie fühlten sich damit eigentlich ganz zu Hause. Es bestätigt meine Vermutung, daß es vielleicht doch mehr M e n s c h e n unter den Frauen gibt, denen diese Art der totalen Einseitigkeit in technischer Vollkommenheit ein Greuel ist…”

(Bauwelt 31/1978).

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Soweit Margrit Kennedy. Ich kann nach dem Besuch von Gallaratese nicht sagen, dass ihre Einschätzung von Leere völlig aus der Luft gegriffen ist. Dass auf den Bildern keine Menschen zu sehen sind, liegt daran, dass am Knipstag keine da waren, nirgendwo, den ganzen Nachmittag nicht. Ich musste mir also keine Mühe geben, keinen Menschen auf den Fotos zu haben, es wäre nicht möglich gewesen. Nur in der Tiefgarage vernahm ich Bewegung: Autos. Kurz hörte ich zwei spielende Kinder. Die Leere kann auch damit zusammenhängen, dass die komplette Siedlung mittlerweile eine gated community ist. Man kommt nur rein, wenn man dort wohnt oder beim Einlass seinen Personalausweis abgibt. Es wohnen dort aber eine Menge Menschen.

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Ich bin zwar weit entfernt, Aymonyno generell zu verdammen – dafür sind seine Leistungen zu vielfältig -, aber dass der Mensch hier im Mittelpunkt steht, könnte bestenfalls typologisch oder vom Grund- und Aufriss her behauptet werden, womit ich mich nicht beschäftigt habe. Es ist nach vierzig Jahren aber auch egal, denn es geht in der Architektur um Praxis, zumindest, wenn dort Menschen wohnen sollen. Beklemmend ist Gallaratese allerdings nicht.

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Und dann die Piazza. In Italien ist das ein besonderes Thema, in den allermeisten italienischen Städten ist es am späten Nachmittag voll. Die Leute gehen vorm Abendessen raus, fare una passegiata und fare una bella figura und vedere e farsi vedere, gerne schick angezogen. Es sind soziale Handlungen, man spaziert hin und her, trifft Bekannte, quatscht, ohne Alkohol, ohne Konsum. Es ist ein Bestandteil der italienischen Öffentlichkeit.

Alleine vor diesem Hintergrund  muss man fragen, was in Gallaratese schiefgelaufen ist. Ein Platz in Italien, der ignoriert wird, ist wie ein Ferrari, der überholt wird: Beides ist nicht vorgesehen und geht an sämtlichen Intentionen vorbei.

Vielleicht hat es schlicht damit zu tun, dass auf dem hier oben abgebildeten Platz sich im langen italienischen Sommer niemand aufhält, weil er dort gebraten wird. Und dass die passegiata in einer gated community auf Dauer wohl recht langweilig ist.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Aldo Rossi, der die Planungen wesentlich beeinflusst  hat, in seinen architekturtheoretischen Schriften von allem möglichen redet, aber nicht vom Mensch. Und so scheint dieses einstmals linke Architekturprojekt in Gallaratese doch nur dem Wunsch Alfred Krupps zu entsprechen, der 1877 meinte:

“Nach gethaner Arbeit verbleibt im Kreis der Eurigen”.

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Bezeichnend ist der skulpturale Aspekt der ganzen Siedlung. Es reizt zum Fotografieren, gerade weil das Gebäude immer wieder andere skulpturale Perspektiven bietet. Aber auch das ist dem Bewohner erst einmal äußerlich. Andererseits findet man eine Menge angenehmer Nischen, halböffentlicher Orte mit Details:
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Tatsache ist: Sowohl beim Besuch von Frau Kennedy als auch bei meinem übernahmen die öffentlichen Plätze, die Ecken, die Nischen nicht die Aufgabe, die sie haben. Es ist wie ein Straßennetz, das niemand benutzt. Warum, weiß ich nicht. Ich konnte ja niemanden fragen.

Halt! Ich habe ein Anzeichen menschlichen Lebens gefunden:

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Dann wieder das übliche:

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Ein unfertiger Artikel, weil das Thema so umfassend ist. Demnächst kommen noch ein paar Fotos des Teils der Siedlung, die Rossi gebaut hat.

Kontext:
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(Fotos: genova 2013)