Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Touristen aufgepasst: ein belebter Markt in Lissabon!

Das klamme Portugal gibt jedem Nicht-EU-Ausländer, der für wenigstens eine halbe Million Euro im Land eine Immobilie kauft, eine tendenziell unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Portugal und den Schengenraum. Sie nennen es das “goldene Visum”. Offenbar ist die Aktion ein Erfolg: Vergangenes Jahr sind dadurch 750 Millionen Euro in Immobiliengeschäfte geflossen, schreibt die FAZ (21. August, S. 15), fast ausschließlich waren es Chinesen.

Dann kommt ein bemerkenswerter Satz:

Das hat den Markt in der Hauptstadt Lissabon belebt.

Ein für unsere Verhältnisse belangloser Satz, wir kennen den Duktus. Nimmt man ihn auseinander, wird er zur Farce.

Assoziationen: Der Markt ist ein Tages- oder Wochenmarkt, also etwas unschuldiges. Dort bietet die Bäuerin vom Land ihre prallen Äpfel an, am besten ökologisch wertvoll. Der Markt ist als belebter natürlich wesentlich angenehmer als wenn dort niemand unterwegs wäre. Nette Menschen, flüchtige Blicke, Palaver, Organisches, Nicht-Steriles, Authentisches, Eingebettetes. Das Gegenteil von Bedrohung. Ein lebendiger Markt in der guten, alten Zeit, der hochwertige Waren anbietet, sonst wäre er nicht belebt.

In Wirklichkeit geht es natürlich weder um einen Markt noch um Belebung oder gar um Leben. Es geht um unterschriebene Kaufverträge in anonymen Büros. Es geht um digitale Bewegungen von Summen auf Konten. Es geht um Inbesitznahme ohne Gebrauchswert. Es geht schlicht um steigende Preise in einem immobilen, unflexiblen Segment. Es geht um die Verwertung überflüssiger Gelder, es geht um die Herrschaft des Kapitals. Die Immobilien dürften die meiste Zeit des Jahres leerstehen.

Es geht übrigens auch laut FAZ für viele Chinesen, die jetzt investieren, um Geldwäsche. Für die Portugiesen, die gerade auf Wohnungssuche sind, geht es darum, dass sie mehr auf den Tisch legen oder ihre Träume begraben müssen. Der Preis für Luxusimmobilien in Lissabon ist 2013 um 53 Prozent gestiegen (auch FAZ). Billigere Wohnungen dürften dadurch auch teurer geworden sein.

Der portugiesische Staat gibt also reichen Chinesen die Möglichkeit, eine Aufenthaltserlaubnis für Europa zu bekommen, ihre Kinder dort auf Unis zu schicken und ihre Schwarzgelder zu waschen. Der gemeine Portugiese zahlt.

Im FAZ-Jargon sind höhere Preise eine Belebung und das Recht des Stärkeren ein Markt. Es ist die selbstverständliche Perspektive des Kapitals.

Es fällt immer wieder auf: Die DDR hat sich lediglich dämlicher angestellt. Wäre sie bei westlichen PR-Agenturen in die Lehre gegangen und nicht bei Lenin, sie würde vermutlich heute noch existieren. Wer will schon vorwärts zum zehnten Parteitag, wenn er auf einem belebten Markt spazierengehen kann?

Sprache im Neoliberalismus ist ein spannendes Thema, das von Germanisten komplett ignoriert wird. Im Zuge von 68 entstand die Unterabteilung Soziolinguistik, die für sowas zuständig wäre. Sie ist faktisch abgeschafft worden, vermutlich, weil das Kapital dafür keine Dritmittel bereitstellen will. Man könnte ja sonst ausgerechnet der von sich so überzeugten FAZ nachweisen, dass sie von Orwell nicht weit entfernt ist.

102(Foto: genova 2012)

 

Vom Sitz der Ethik

Der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe beschreibt in seinem Buch von 2012 “Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft” am Rande ein interessantes Detail, nämlich die Verlagerung der Verortung der Ethik. Die Griechen, vor allem Aristoteles, verorteten Ethik im Innern des Menschen, so Verhaeghe.  Es ging ihnen um die Verbindung von Gewohnheit und Charakter, woraus folgt, dass ein guter Charakter an guten Gewohnheiten zu erkennen ist.

Ethik liegt also in der Natur des Menschen. Wo sonst? Und daraus folgt der Versuch der Selbstverwirklichung eines jeden in seinem Leben (was noch nichts mit dem heutigen Begriff von Selbstverwirklichung zu tun hat, wo der individualistische Aspekt in den Vordergrund tritt). Je besser man sich selbstverwirklicht, desto größer ist die Selbsterkenntnis. Der Mensch mit der größten Selbsterkenntnis soll die Führung der Gesellschaft übernehmen. Selbsterkenntnis ist ohne Begriffe wie Mäßigung, Klugheit, Besonnenheit, generell: Selbstbeherrschung nicht zu erreichen.

Das Christentum folgte mit einer entscheidenden Veränderung: Die Ethik liegt nicht mehr in der Natur des Menschen, sondern außerhalb. Man nennt das Gott oder Allah oder ähnlich. Dieser Autorität außerhalb des Menschen selbst sind alle Menschen unterworfen.

Das Leben wird uninteressanter. Es geht im Wesentlichen darum, sich auf Erden so zu verhalten, dass Gott einen ins Paradies lässt. Dazu kommt: Der Mensch ist laut Christentum grundsätzlich schlecht. Eva, naturgemäß eine Frau, hat den Mann, den Menschen, verführt, und das wars dann. Böses Fleisch. Selbstverwirklichung führt einen waschechten Christen also nur nach Sodom. Dort schändet er seine Mutter, tötet seinen Vater und bestiehlt seinen Bruder. Je weniger Selbstverwirklichung er sich leisten kann und je mehr Macht Gott über ihn hat, desto besser. Das Fleisch ist sündig und zu bedecken, der Geist ist zu retten, wenn er sich am Riemen reißt, wenn er sich also permanent kontrolliert und Verzicht übt.

Kein Wunder, dass es mit der Etablierung des Christentums mit der Welt bergab ging.

Der schlimmste ethische Fehler ist laut Aristoteles die Hybris, die Selbstüberschätzung. Eine Feststellung, bei der die drei monotheistischen Religionen nicht gut wekommen, um das höflich auszudrücken. Denn Hybris liegt hier im Chef vom Ganzen. Einem Gott, der sich als allmächtig versteht bzw. den Menschen, die so eine Figur entwerfen, um ihn anbeten zu können, liegt die Hybris im Blut. Letztere haben sie nur auf eine Kunstfigur übertragen.

Ethik und Moral sind dem Christen also äußerlich und seiner Natur widerstrebend. Die natürlichen Neigungen sind offenbar schlecht. Mich erinnert das an vertraute Diskussionen in Deutschland: Was gut ist, muss weh tun. Und das Schlechte kann man aus den Kindern ja herausprügeln. Auch die Natur ist dem Menschen äußerlich; eine christliche Tatsache, der angesichts der ökologischen Probleme gerne mit der Floskel, man müsse “die Schöpfung bewahren” begegnet wird. Es gibt aber keinen ernsthafen Gegensatz zwischen Naturausbeutung und Christentum, zumindest in der Praxis. Wieso auch? Wenn der Mann sich die Frau untertan machen soll, warum nicht auch die Natur? Die ist auch nur böse. Auch Massentierhaltung und Schlachthöfe erfahren von Christen keine Kritik, es handelt sich schließlich nur um nicht vernunftbegabte Wesen.

Das haben wir von der Betonung der Transzendenz – die immer auch etwas Verheißungsvolles hat – und von der Vernachlässigung der Immanenz. Die Transdendenz befiehlt dem Menschen, sich auf den Weg zu diesem ominösen Gott zu machen, der zu allem Überfluss die meiste Zeit herummeckert. Frauen, Tiere und Natur sind von Gott weiter entfernt. Warum sich also für sie einsetzen?

Auch die Demokratie haben die Griechen erfunden. Die Christen schafften sie ab. Demokratie ist Gotteslästerung, denn wer herrscht, darüber befindet Gott, der seinen Stellvertreter direkt beruft und ohne dessen Gnade wiederum der weltliche Herrscher keine Chance hat. Dementsprechend haben für waschechte Christen oder Moslems weltliche Gesetze keine Bedeutung. Sie kommen von oben, aber nicht von ganz oben.

Hier liegt vermutlich das grundlegende Problem: Der Mensch muss das ihm Äußerliche zu seinem Innerlichen machen. Der Film von Hanecke Das weiße Band zeigt das deutlich: Menschliche Regungen bis hin zur Selbstbefriedigung müssen unterdrückt werden, denn Gott hält das offenbar für Sünde. Also muss ich das auch als Sünde empfinden. Wenn ich das nicht tue, bin ich ein böser Mensch. Folgerichtig fesselt der Pfarrer seinen zwölfjährigen Sohn nachts ans Bett, nachdem er einmal beim Handanlegen erwischt wurde. Das Fleisch ist sündig.

So gesehen sind Christentum und Islam, und vielleicht auch das Judentum, die eigentlichen Katastrophen der Menschheit. Der Mensch wird entmündigt und dem Führer verpflichtet, autoritär, diktatorisch, menschenverachtend. Von Gewaltfreiheit kann bei solchen Verhältnissen nicht die Rede sein. Luther forderte schon kurz nach der Ausrufung seiner neuen Religion, man solle widerständige Bauern “tot wie Hunde schlagen”. Die innerkirchlichen Verhältnisse sollten gottesfürchtiger werden, die sozialen zementiert. Am tollsten treiben es ebendiese Protestanten: Beten und arbeiten und ansonsten nichts. Den Platz im Himmel muss man sich verdienen, am besten im Schweiße des Angesichts. Wer nicht schwitzt, taugt nichts. Ein gut gefülltes Bankkonto zeugt allen Ernstes von einem religiösen Menschen, der sich gottgerecht verhält. Kein Wunder, dass die Protestanten den Kapitalismus zur Entfaltung brachten.

Soweit Verhaeghe in meiner Interpretation.

Neoliberale Nicklichkeiten II: Carlo Ratti und die soziale Frage

Carlo Ratti (*1971) ist ein italienischer Architekt und er scheint wichtig zu sein. Laut wikipedia wurde er von Forbes als einer der “wichtigsten Namen des Jahres” genannt (“Names you need to know”). Er stellte schon auf der Biennale in Venedig aus, berät italienische Regierungen in Sachen Design, lehrt am MIT undundund.

Jetzt hat er in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Die Presse für “Open-Source-Architektur” und “sensible Städte” plädiert. Man müsse sich mehr auf die Menschen konzentrieren, die in den Städten leben, die Zeiten von Corbusier und Plan Voisin, von oben installiert, seien vorbei. Menschen sollten ihre Umgebung “von unten” bauen und “selbst gestalten” mittels Open-Source-Software, die jeder benutzen kann. Architekten sind dann “Dirigenten, die das Zusammenspiel koordinieren. Wohnen ist für ihn gar ein “kritisches Thema”.

Hört sich gut an.

Dann wird Ratti ganz konkret gefragt, wie er sich das vorstellt. Antwort:

Ich denke, eine Stadt muss sensibel sein. Wenn wir über Städte reden, meinen wir eigentlich die Menschen, die dort leben. Denn Städte sind dafür da, ein besseres Zusammenleben zu schaffen. Sie müssen smarten Leuten ermöglichen, sich zu begegnen und in Kontakt zu treten – zum Beispiel über W-Lan.

Man könnte ja der Meinung sein, dass gerade Städte die Möglichkeit von Face-to-Face-Gesprächen bieten, deren Existenz auch von Architekten abhängt, dem ist aber wohl nicht so. Virtuell mit dem Nachbarn ist offenbar die Zukunft. Mehr als W-Lan kommt von Ratti nicht.

Dann wird es noch konkreter:

Thema: Wohnen. In keinem anderen Euroland haben sich Wohnungen seit 2007 so stark verteuert wie in Österreich. Die Preise kletterten um 39 Prozent. Soll die Politik eingreifen?
Wohnen ist nicht nur in Österreich, sondern weltweit ein sehr kritisches Thema. Ich bin gegen groß angelegte Initiativen seitens der Regierungen. Vielmehr müssten die Politiker den Menschen helfen, sich selbst zu helfen.

Wie könnte das aussehen?
Wir haben in allen größeren Städten Wifi. Das ist nicht nur praktisch, sondern macht flexibel. Ein Büro kann plötzlich überall sein, wenn wir es verstehen, die Umgebung richtig für uns zu nutzen. Ein Beispiel: Ich habe Freunde in New York. Sie leben dort in einer kleinen Wohnung. Brauchen sie Platz, um zu arbeiten, gehen sie zu Starbucks. Sie nutzen diesen Raum für sich. Ein anderes Beispiel wäre der Online-Marktplatz Airbnb. Leute vermieten Räume, die ansonsten leer stehen würden.

Atemberaubend. Gegen steigende Preise soll nicht das Gemeinwesen helfen, sondern Wifi, denn so wird man flexibel. Wie genau? Wird die Miete zu teuer, setzt man sich einfach in eine Starbucks-Filiale und vermietet die eigene Bude via Airbnb unter. Die würde sonst leerstehen, denn man sitzt ja bei Starbucks. Wie hat die Politik nun geholfen? Offenbar, indem sie gerade nichts gegen steigende Mieten macht. Gäbe es die nicht, würde man nicht bei Starbucks sitzen.  Oder die Politik hilft, indem sie neue Starbucks-Filialen zügiger als bislang genehmigt.

Es kann so einfach sein: Werden wir via hohe Mieten vertrieben, gehen wir zu Starbucks. Wird der Kaffee auch dort zu teuer, setzen wir uns mit unserem smarten Gerätchen auf eine Wiese, zumindest, solange das noch nichts kostet. Ein Büro kann schließlich überall sein.

Mehr zum Thema kommt in dem Interview nicht und die interviewende Redakteurin Hellin Sapinski (*1989) ist mit den Antworten zufrieden.

Es treffen hier zwei typische Exemplare des Zeitgeistes aufeinander. Ein Architekt, der vor allem aufmerksamkeitsökonomisch ein Fachmann ist, der mit völlig sinnlosem neoliberalem Geplapper auf sich aufmerksam macht. Er macht irgendwas mit Design und berät. Vemutlich hat er die Beraterjobs, gerade weil er gut geschmiert ist in dem Sinn, dass er die richtigen Akzente aus der Perspektive der Herrschaft setzt, die richtigen Begriffe; das wording stimmt und der flow auch und der Leser kann sich wohlfühlen, wenn jemand etwas von Basisdemokratie erzählt. Dass es sich dann nur um W-Lan und Starbucks handelt, ist egal, denn diese Begriffe sind positiv besetzt und wir haben darüber gesprochen. Genauer: Wir haben die Begriffe erwähnt, das reicht. Das muss reichen, denn jedes weitere Wort dazu würde das dünne Begründungsgebäude von Ratti zum Einsturz bringen. Design als reines Oberflächenphänomen. Ratti ist vermutlich nicht direkt korrumpierbar, weil er Teil dieses Neusprechs ist.

Das andere Exemplar ist die bewusstlose Journalistin, gut aussehend, aber eben auch nur gut aussehend. Sie lässt Ratti die sinnfreien Antworten durchgehen und merkt das vermutlich nicht einmal.

Gut möglich, dass die Rattis dieser Welt wichtige Personen sind, deren Namen man sich merken muss bzw. das auch leicht kann, weil sie überall auftreten, im Gespräch sind. Sie sind die Garantien für die weitere problemlose Kapitalverwurstung, die jedes Gegenargument aufnimmt und eliminiert. Hohe Mieten? Natürlich nicht gut, sprechen wir an. Architektur von oben? Nö, wir sind doch alle aufgeklärt, kritisch, bewusst und voller Ideen.

Kritisch, smart und sensibel. Ratti als hervorragendes Beispiel für postmoderne Verwirrung, in der keine Maßstäbe der Kritik mehr vorhanden sind. Es geht voran.

003(Foto: genova 2014)

Den launigen V. zum klingen bringen

Qualitätsjournalismus at it´s best. Der Spiegel über die aktuellen Befindlichkeiten des “Verbrauchers” (V.):

Die zahlreichen internationalen Konflikte schlagen sich auf die Verbraucherlaune nieder. Der Konsumklimaindex des Gfk-Instituts ist so stark gefallen wie seit drei Jahren nicht…

Verbraucher in Deutschland treibt zunehmend die Sorgen um einen Einbruch der Konjunktur um…

Die Bürger treibt vor allem die Furcht um, dass die Wirtschaft unter den internationalen Krisen leidet. “Die Verbraucher gehen davon aus, dass die Konjunktur mindestens einen Gang zurückschalten dürfte”, sagte GfK-Experte Rolf Bürkl…

Nun sorgen laut GfK die Eskalation der Situation im Irak, in Israel, der Ukraine sowie die Sanktionsspirale mit Russland für Verunsicherung: “Das hat die bislang überaus optimistischen Konjunkturaussichten der Bundesbürger negativ beeinflusst.” Sie beziehen die verschärfte geopolitische Lage stärker in ihre Beurteilung ein, wie die heimische Konjunktur laufen wird.

Der entsprechende Indikator für die “Konjunkturerwartung” verliert 35,5 Punkte und sackt auf 10,4 Zähler ab. Einen solchen Einbruch gab es laut GfK seit Beginn der Verbraucherumfrage 1980 noch nicht. Die Sorge beeinträchtige allerdings nur bedingt die Bereitschaft der Verbraucher, teure Güter wie Möbel oder Autos zu kaufen.

Die V.laune ist im Keller. Kriege rauf, Laune runter. Gottseidank erfahren wir im letzten Absatz auch, dass der V. trotz aller Krisen weiterhin Autos und andere teure Güter kaufen wird. Was kauft er derzeit nicht? Billige Güter? Butter? Brot? Flipflops? Wird der V. dadurch dünner? Und bekommt einen schlanken Fuß?

Wer ist eigentlich dieser V? Das, was man früher Bürger nannte? Oder sind das nur die Bürger, die konsumieren? Je mehr, desto verbrauchiger? Und wie läuft das konkret? Der V. schaut TV, sieht die Ukraine und Gaza und eine IS-Enthauptung und bekommt eine Magenverstimmung und sagt den Supermarktbesuch ab? Oder beschließt, den Kauf der nächsten Haribotüte noch um ein, zwei Tage hinauszuschieben? Bis die Kinder quengeln?

Der V. hat Furcht, lesen wir. Furcht, dass die Toten in Gaza und im Donbass die Konjunktur zwingen werden, herunterzuschalten. Ganz konkret: einen Gang. Da es in der jüngsten Vergangenheit ja ganz toll lief mit der Wirtschaft, hatten wir vermutlich den fünften Gang eingelegt. Nun wird in den vierten zurückgeschaltet. Bislang waren die V. überaus optimistisch, also echt gut drauf. Nun haben sie nicht nur Angst, sondern Furcht. Sie sind  überaus pessimistisch, wälzen sich nachts und schlafen schlecht. Sie wachen morgens um drei schweißgebadet auf und fragen sich, wo die Konjunktur nächste Woche hinschalten wird.

Wer ist diese Gesellschaft für Konsumforschung? Ein Marktforschungsinstitut, das 1934 gegründet wurde, um, Achtung, “die Stimme des V. zum Klingen zu bringen”, so heißt es in der Präambel. Die GfK versteht sich ” primär als Vereinigung zur Mehrung des für die Erforschung und Bearbeitung weltweiter Märkte relevanten Grundlagenwissens.” Außerdem betreibt die GfK an der Uni Nürnberg einen Stiftungslehrstuhl für “Marketing Intelligence”. Wow. Und sie will “innovative Forschungsmethoden in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen entwickeln”.

Durch die innovative Forschung entstand vermutlich erst der V.

Tolle Sache. Der V. klingt, was das Zeug hält. Das mit dem Grundlagenwissen haben ich noch nicht ganz verstanden, aber so ist das halt mit der Grundlagenforschung. Man weiß immer erst hinterher, ob es zu etwas nutzt. Vielleicht sind die Grundlagen die Toten im Donbass und im Gaza, durch die die V. in D. den Appetit verlieren.

Es ist diese Perfidie, Menschen auf angebliches Verhalten im Supermarkt zu reduzieren. Sie sind das Volk, aber nur bei netto. Sie würden ja gerne zugreifen, doch, ach, die Kriege auf der Welt! Ich stelle mir den durchschnittlichen V. vor, wie er stundenlang in Bibliotheken sitzt und über die verschärfte geopolitische Lage und ihre Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur forscht und sich fürchtet wie seit 1980 nicht mehr und dann schweren Herzens beschließt, die Butter im Kühlregal liegen zu lassen. Es wäre angesichts der konjunkturellen Probleme verantwortungslos, sich nicht selbst die Butter vom Brot zu streichen.

Lustig ist auch, dass die V.laune sinkt, weil der V. erwartet, dass die Konjunktur – ja, was denn? – nicht mehr rund läuft (um im Jargon von GfK und Spiegel zu bleiben). Selbsterfüllende Prophezeiung. Vielleicht sollte jemand den V. sagen, dass sie einfach mehr verbrauchen sollen, dann läuft auch alles rund, Krieg hin, Krieg her. Die jetzt Toten im Donbass haben vermutlich eh noch nie besonders viel aus Deutschland gekauft. Die Gaza-Toten auch nicht.

Außerdem: Verbraucht der V. nicht, ist er erledigt. Er existiert dann nicht mehr. Es geht hier nicht nur um ein halbes Pfund Butter mehr oder weniger. Der V. ist dann so tot wie die Leute im Donbass und in Gaza. Die haben vermutlich auch zu wenig verbraucht. Sie sollten dem deutschen V. eine Warnung sein. Die Grundlagenforscher wissen sicher näheres.

Der V. soll sich nicht so anstellen, meine ich. Einfach Fernseher aus- und die Kauflaune wieder einschalten.

Fürchtet euch nicht, liebe V. Klingt lieber mehr.

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142 - Kopie - Kopie (2) - Kopie(Fotos: genova 2014)

Wohnungsbau: in Berlin Luxus, in Wien Standard

Die Architekten von Superblock haben in Wien in der Innenstadt, 2. Bezirk, ein Wohnhaus in einem großen Neubauareal gebaut. Die Bilder lassen einen Berliner an Luxuswohnungen für 20 Euro nettokalt aufwärts denken. Drunter wird in Berlin nicht mehr gebaut.

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In Wien ist das offenbar anders. Dort wird dieses Gebäude mit innovativen, Maisonette-Wohnungsgrund- und aufrissen, mit einem Café im Erdgeschoß und einer gemeinschaftlichen Dachterrasse in einer Gegend geplant, deren Boden die Stadt wahrscheinlich für ein Vielfaches verkaufen könnte. Die Stadt Wien könnte sich also so asozial verhalten, wie es die Stadt Berlin seit den 1990-er Jahren tut. Tut sie aber nicht.

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Statdessen kostet an der Donau eine Wohnung mit 60 Quadratmeter 480 Euro inklusive Nebenkosten plus Strom und Gas – bei normalem Einkommen, womit man warm bei maximal 550 Euro landet. Niedrige Einkommen kriegen Wohngeld.

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Dazu kommt:

Die äußere Gestaltung des Hauses ist geprägt durch tiefe Balkone und pinkfarbene Einschnitte. Diese verweisen auch auf das eigentliche identitätsstiftende Element des Gebäudes, das sich erst im Inneren eröffnet. Hier erwartet die Bewohner nämlich eine Art pinker Canyon, ein vertikal durchgehender Erschließungsraum, der das gesamte Haus als eine Einheit erfahrbar macht.

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Die soziale Finanzierung im Wohnungsbau hat in Wien Tradition. Im roten Wien der 1920er Jahre legte man die maximalen Mieten so niedrig, dass sich der privatinvestierte Wohnungsbau nicht mehr lohnte – daraufhin fielen die Bodenpreise. Nun griff die Stadt zu und vergrößerte ihre kommunalen Bodenflächen um das zehnfache. Dazu kamen eine Wohnbausteuer – je luxuiöser, desto höher fiel sie aus – und Luxussteuern. Die Wohnbausteuer war teilweise eine De-Facto-Enteignung von Hausbesitzern, was vermutlich eine notwendige Voraussetzung für ein soziales Verhalten in einer Stadt ist. All die genannten neuen Steuern führten dazu, dass sie schon 1927 zu 36 Prozent zum Gesamtsteueraufkommen Wiens beitrugen. Dementsprechend finanzierte sich der Wohnungsbau zu 40 Prozent aus dem städtischen Säckel.

So entstand in Wien massenhaft bezahlbarer Wohnraum, es entstanden die sogenannten Superblocks, und das in einer Zeit, in der die Produktivität verglichen mit heute auf Steinzeitniveau lag. Auch damals ging schon einiges, wenn man wollte. Die rechten österreichischen Regierungen auf nationaler Ebene torpedierten diese soziale Politik, bis sie 1934 aus bekannten Gründen zum Erliegen kam.

In Berlin, obwohl seinerzeit in einer ähnlichen Tradition stehend, ist eine soziale Wohnungsbaupolitik undenkbar: Dort freut sich der Sozialdemokrat Wowereit bekanntlich wegen der steigenden Mieten und wegen der zu vertreibenden Bewohner. Berlin ist, was den Bezug zur kapitalistischen Realität angeht, das Gegenteil seines Rufs: reaktionär, kapitalistisch, regressiv, korrupt. Die vielen Menschen mit Potenzial werden hier medial und propagandistisch verheizt, sonst nichts.

Hier erzählt einem jeder dahergelaufene Baupropagandist, dass man unter zehn Euro nettokalt nicht mehr bauen könne und die Marktgesetze nun mal 20 Euro nötig machten. Oder man verkauft direkt Eigentumswohnungen für 4.500 Euro aufwärts, woraus sie die Mieten erklären. Viele dieser Wohnungen stehen schätzungsweise bis auf ein paar Wochen im Jahr, wo der Besitzer dort abhängt, leer.

Solch tiefe Balkons wie in Wien bekommt man übrigens auch dann nicht. Schlanke Fassaden mit flachen Balkons und Loggien verkaufen sich offenbar besser – das kapitalistische Auge wohnt mit.

P.S.: Überlässt man Wohnen dem Markt, dann sieht es in Wien so aus wie überall:

Wohnen in Wien hat sich in den vergangenen Jahren rasant verteuert. Seit 2007 sind die Mieten um 30,3 Prozent auf durchschnittlich 14,45 Euro pro Quadratmeter angezogen und die Eigentumspreise um 31,1 Prozent auf 3.981 Euro pro Quadratmeter.

Wie es noch besser geht, zeigte schon vor Jahren Salzburg.

(Fotos: baunetz)

Schmarotzen in Berlin: “Investoren” auf Einkaufstour

Eine sehenswerte ARD-Dokumentation über die Deformationen, die Menschen in einer kapitalistischen Gesellschaft zugemutet werden, beispielhaft dargestellt am Berliner Wohnungsmarkt, wie man sagt:

Wem gehört die Stadt?

(Der Link zum Film versteckt sich hinter dem Titel.)

Die Hauptrollen spielen: ein norwegischer Investor, der schon 2.000 Berliner Wohnungen besitzt und mehr will; der den Lesern dieses Blogs bekannte Immobilienhai Ziegert; weitere schicke Investoren, wie man diese Leute euphemistisch nennt, und eine preußische Adelige. Auf der anderen Seite eine Familie, die im Namen der deutschen Justiz aus der Wohnung geworfen wird, und andere Mieter, die demnächst nach Marzahn weichen werden.

Der Film stellt naturgemäß nicht die Systemfrage, die zu stellen er die Pflicht hätte. Aber für einen Mainstreamsender in einem kapitalistischen Staat sind die Bilder bemerkenswert. Mieter, die um die nackte Existenz kämpfen und verlieren. Der Wille der Millionäre, Milliardäre werden zu wollen, ist hierzulande mehr Wert. Dazu die unverholene Dummheit der gezeigten Millionäre: Es ist offensichtlich, dass im Kapitalismus genau der reich wird, der auf der faulen Haut liegt und andere für sich arbeiten lässt. So gesehen ist der Immobilienmarkt der perfekte Ort fürs Kapital, um sich auszutoben.

Ein hervorragende Szene zeigt eine italienische Investorin auf der Suche nach Rendite in Friedrichshain (ab 6:40 min). Ein Satzhülse jagt die nächste (“ein interessanter Moment, um in Berlin zu investieren”).

Überhaupt die Sprache: Das Potenzial der Stadt, für Investoren die heißeste Stadt in ganz Europa, it´s a kiez with art everywhere, Gentrifizierung ist die Entwicklung der unterschiedlichen Viertel, Leute kommen und gehen, in Berlin geht diese Entwicklung in die absolut richtige Richtung” undsoweiterundsofort. Ein bewusstloses Geplapper, das kaum noch auffällt, weil wir alle damit umgeben sind. Es scheint, als spürten die Investoren, dass sie Schmarotzer sind, die massenhaft zerstören, um noch mehr Geld zu haben. Das muss via Sprache verkleistert werden. Der Begriff des Investierens passt hier wie die Faust aufs Auge. Wer bei der Müllabfuhr arbeitet, muss eine Leistung erbringen: Mülltonnen anheben, leeren, zurückfahren etc. Wer “investiert”, muss nur dummes Zeug plappern. Es ist ein extrem formaler Akt; die Form ist hier so wichtig, weil der Inhalt pervers ist.

Man könnte am Beispiel der Berliner Altbauten auch den Gegensatz von Tausch- und Gebrauchswert diskutieren. Häuser, die vor mehr als hundert Jahren gebaut wurden und sich schon x-fach amortisiert haben, werden für Millionensummen weiterverkauft. Die herrschende Lehrmeinung stellt so ein Verhalten allen Ernstes als wertschöpfend dar.

Später im Film (51:20 min) kommt noch der Adel ins Spiel, deren Flair die “Kronprinzengärten” aufwertet. Christa Prinzessin von Preußen beehrt die ordinären Investoren und freut sich, dass sie jetzt nicht mehr in Paris und New York weilen muss, sondern “die Deutschen wieder ganz in” sind.

Mein Respekt an die im Film gezeigten Aktivisten in Kreuzberg, die etwas tun. Auch wenn es sinnlos ist. Es fällt auf, was ich kürzlich hier schrieb: Auf der Investorenseite wird ohne Ausnahme objektiv dummes und menschenverachtendes Zeug geplappert; auf der Gegenseite kommen Argumente, die Leute reißen sich den Arsch auf, investieren Zeit.

Es wird naturgemäß die Menschenverachtung siegen. Irgendwie schade, dass hierzulande so wenig Kinder geboren werden. Youth bulge als Lösungsansatz scheidet damit aus.

P.S.: Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften sind übrigens genau so asozial wie die privaten Investoren. Oberste Maxime staatlicher Stellen: das Kapital schützen.

(Hier gibt es weitere Informationen zum Film.)

142(Foto: genova 2013)

Kirche, Aristokratie, Konzerne: Geschichte wird gemacht

Der Filmemacher Ken Loach:

“Sponsoring ist ein riesiges Problem. Der Subtext von Sponsoring ist, dass es keine Kultur geben kann, die nicht von reichen Leuten und Konzernen genehmigt wird. Erst die Kirche, dann die Aristokratie, jetzt sind es die Konzerne.”

Schön auf den Punkt gebracht. Ob Drittmittel an den Universitäten, ohne die nichts mehr geht, ob Bill Gates mit seiner 60-Milliarden-Euro-Stiftung, ob Hasso Plattner, der neue König von Potsdam: Es ist alles eine Refeudalisierung, die vor allem zeigt, dass Kapitalismus die einen bitterarm und die anderen extrem reich macht. Letztere merken früher oder später, dass sie mit ihrem Geld ihren Ruhm nur noch steigern können, wenn sie es öffentlichkeitswirksam investieren.

Die bürgerliche Gesellschaft nennt solche Leute allen Ernstes Philanthropen.

Sponsoring verschleiert auch den klaren Blick auf das spätkapitalistische Phänomen des Staats im Staate in Form großer Konzerne, die jede Gesellschaft zerstören, die sich nicht der Konzernlogik unterwirft. Das gesellschaftliche Bewusstsein wird um Jahrzehnte zurückgeworfen, wenn sich Microsoft oder Amazon oder Nestlé als reine Wohltäter aufspielen dürfen, wo es gälte, ihnen die Maske herunterzureißen. Man könnte gerade diese drei Firmen also solche beschreiben, die frühzeitig hätten gestoppt werden müssen, wenn einem sowohl gesellschaftliche Emanzipation als auch Marktwirtschaft wichtig sind. Es liegt in der Natur des Kapitalismus, das genau dies nicht passiert.

Der rechte wie öffentlichkeitswirksame Philosoph Peter Sloterdijk forderte ganz im Sinne dieser Entwicklung vor ein paar Jahren schon die Reichen dazu auf, ihre Steuerzahlungen zu boykottieren und, wenn sie Lust haben, ihnen Wohlgesonnene zu sponsorn. Die anderen werden ausgemerzt, gemäß der sozialdarwinistischen Haltung neoliberaler Ideologie. Sponsoring ist ein Schritt in diese Richtung. Die Milliarden, die dafür nötig sind, werden den Staaten vorher in Form von Steuersenkungsforderungen oder Verträgen wie CETA oder TTIP abgepresst bzw. man operiert gleich direkt in Steueroasen.

Erst die Kirche, dann die Aristokratie, jetzt die Konzerne. Nestlé, so las ich gerade, hat seit seiner Gründung ein paar hundert Firmen aufgekauft und sponsort aus dem Reingewinn von knapp zehn Milliarden Euro jährlich eifrig. Zur Entscheidung, wer gesponsort wird, teilt Nestlé mit:

Wenn Sie innerhalb von 3 Wochen nach Eingang Ihres Gesuchs keine Antwort von uns erhalten, bedeutet dies, dass wir Ihrem Anliegen nicht entsprechen können.

Sloterdijk kann den Text als Muster verwenden. Ein weiterentwickeltes Jobcenter auch.

P.S.: Die Filme von Ken Loach sind mir in der Regel filmästhetisch zu billig, zu gewollt. Die Aussage ist überdeutlich spürbar, die politische Haltung des entindustrialisierten Großbritannien wird zu unreflektiert auf die ästhetische Ebene übertragen. Angel´s Share ist ein gutes Beispiel dafür. Aber vielleicht überbewerte ich jetzt das Alterswerk.

119(Foto: genova 2013)

0,4 Prozent Wachstum: Für die investigative Zeit ein “Boom”

Die herrschende Klasse organisiert die Geschichtsschreibung, also das kollektive Gedächtnis. Eine alte These, die in den vergangenen Jahren am laufenden Band aktualisiert wird. Jüngstes Beispiel ist Die Zeit, wo ein Philip Faigle im Wirtschaftsteil (31. Juli, S. 23 und auch online verügbar, sehe ich gerade) für eine “Agenda 2020″ plädiert. Seine Argumentation ist atemberaubend.

Faigles Kernthese: Deutschland braucht eine Agenda 2020, denn die erfolgreiche Agenda 2010 ist schon zehn Jahre her und es gibt immer noch Ungerechtigkeiten in Deutschland – wohlgemerkt: laut Faigle trotz der Agenda 2010.

Faigle behauptet im Text diverse Male einen wirtschaftlichen Aufschwung: “Jetzt im Boom”, wir befänden uns in einem “langen Aufschwung”, die “wirtschaftliche Ausgangslage” sei “so günstig” wie “seit Jahrzehnten nicht”. Deutschland erlebe gerade “ein Wirtschaftswunder”.

Wirtschaftswunder ist nun doch vielleicht eine Nummer zu dick aufgetragen, so dass selbst der durchschnittliche Zeit-Leser die Lügengeschichte bemerken könnte. Als Wirtschaftswunder bezeichnet man in Westdeutschland die 1950er Jahre, damals lag das durchschnittliche Wirtschaftswachstum bei 8,2 Prozent.

Wie sieht es real aus mit dem Aufschwung? 2010 gab es 4,0 Prozent, was als Reaktion auf die 5,1 Prozent minus im Jahr zuvor zu sehen ist. 2011 waren es 3,3, 2012 0,7 Prozent und 2013 0,4 Prozent. Für 2014 werden etwa 1,7 Prozent prognostiziert, wobei auch das in Kürze heruntergesetzt werden wird.

Es gab Zeiten, da wurde eine Null vor dem Komma als Symptom einer Krise gesehen, als ein Zeichen dafür, dass man knapp an einer Rezession vorbeigeschlittert ist. Laut Herrn Faigle befinden wir uns auch mit 0,7 bzw. 0,4 Prozent noch in einem Aufschwung, der sich aber “bald abschwächen” könnte. Nein, nicht nur in einem Aufschwung: Wir befinden uns aktuell in einem “Boom”. Wohin schwächt sich ein Boom ab? Zu einem Aufschwung? So wie ein Orkan sich zu einem Sturm abschwächt?

Wer ist Philip Faigle? Aus seiner Selbstbeschreibung bei der Zeit:

Er ist in Köln groß geworden und hat dort Volkswirtschaft und Politik studiert. Nach dem Besuch der Kölner Journalistenschule arbeitete er als Autor und Reporter für DIE ZEIT, NEON und die Berliner Zeitung. Seit 2007 ist er Redakteur bei ZEIT ONLINE – erst in Hamburg, später in der Berliner Redaktion. Im Februar 2014 wechselte er in das neu gegründete Team Investigativ/Daten.

Er ist 1980 geboren, was ein wenig die neoliberale Verkleisterung seines Hirns erklärt. In den 1990ern sozialisiert, zwischen Nationalismus und kapitalistischem Größenwahn, das Ende der Geschichte verinnerlicht. Besonders lustig ist der letzte Satz: das Team Investigativ/Daten. Was auch immer das genau sein mag, es ist alleine von der Wortwahl her so lächerlich, wenn das Teammitglied Faigle einfachste Zusammenhänge weder recherchieren noch darstellen kann. Da braucht es keinen Investigativjournalismus, sondern schlicht einen einminütigen Besuch auf der Webseite des Bundesamtes für Statistik.

Man kann über Sinn und Unsinn von Wirtschaftswachstum streiten, man kann das erst recht über nivellierende Durchschnittswerte in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft tun. Aber man sollte doch zumindest einfache Rechenaufgaben lösen können, bevor man in einem angesehenen Blatt einen Artikel veröffentlicht.

Dann behauptet Faigle noch den üblichen neoliberalen Blödsinn: Dass wir leider trotz der Agenda 2010 zuviel Armut haben, dass Arme zuwenig verdienen, dass es zuwenige Aufstiegschancen gibt. All das sind Ergebniss von Agenda 2010 und ihren Ausläufern.

Es bleibt die alte Frage: Ist ein Faigle zu dumm zur Recherche? Sind es bewusst formulierte Unwahrheiten, also Lügen? Gibt es in der Wirtschaftsredaktion der Zeit die Vorgabe einer Marschrichtung, nach der die Ergebnisse neoliberaler Politik unbedingt schöngeredet werden müssen?

Die Marschrichtung lässt sich in allen neoliberalen Blättern feststellen: “Der deutschen Wirtschaft geht es prächtig – und das dürfte lange so bleiben.” schreibt das Handelsblatt gerade zur Konjunkturentwicklung. Es sind vermutlich die Dax-Konzerne gemeint.

Noch absurder berichtet die Süddeutsche Zeitung unter der realsatirischen Überschrift “Deutschland boomt in lahmender Eurozone:

Völlig anders sieht die Situation in Deutschland aus: Hierzulande ist die Wirtschaft zum Jahresbeginn deutlich gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im ersten Quartal 2014 im Vergleich zum Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,8 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Damit hat sich der Aufschwung beschleunigt, nachdem die deutsche Wirtschaft zwischen Oktober und Ende Dezember 2013 nur um 0,4 Prozent zugelegt hatte. “Bei diesem kräftigen Wachstum zum Jahresbeginn spielte allerdings auch die extrem milde Witterung eine Rolle”, schreiben die Statistiker.

0,8 Prozent, zuvor 0,4 Prozent. Der “Aufschwung” hat sich beschleunigt. Der Deutschlandfunk redet von einer Verdoppelung. Wenn sich das Wirtschaftswachstum von 0,1 auf 0,2 Prozent erhöht, reden die dann auch noch von Verdoppelung und einem sich beschleunigendem Wachstum?

Das Statistische Bundesamt dämpft in der Meldung die Euphorie, wenn das Wachstum vor allem auf eine extreme Wetterlage zurückzuführen ist. Egal.

So ganz einig sind sich die Experten allerdings nicht. Am 17. Juli, also zwei Wochen vor dem Artikel von Philip Faigle, schrieb das Manager-Magazin unter der Überschrift “Aufschwung kommt zum Erliegen”:

Der Aufschwung in Deutschland ist Ökonomen zufolge im zweiten Quartal nahezu zum Erliegen gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt ist von April bis Juni voraussichtlich nur noch um 0,2 Prozent gewachsen, wie aus einer Umfrage unter Volkswirten von 23 Banken und Instituten hervorgeht. Das wäre der kleinste Anstieg seit mehr als einem Jahr.

Im ersten Quartal hatte es noch zu einem Plus von 0,8 Prozent gereicht. Dazu trug der milde Winter erheblich bei, durch den etwa am Bau viele Projekte vorzeitig beendet werden konnten. Dadurch dürfte nun aber der Frühjahrsaufschwung wesentlich schwächer als sonst üblich ausfallen.

Was jetzt? Wirtschaftswunder oder ist da etwas zum “Erliegen” gekommen?

Die Welt erkennt auch eine Abnahme der wirtschaftlichen Dynamik, behauptet aber, dass Deutschlands “rasanter Aufschwung” an Fahrt verliere. Es steht dankenswerter Weise auch da, was man unter rasant versteht: 0,8 Prozent.

Vielleicht kann man es so erklären: Neoliberale Politik bringt keine dauerhaften Wachstumsraten, da der Massenkonsum erschwert wird. Das ist bekannt, vermutlich auch den Apologeten. Statt sich damit auseinanderzusetzen, werden einfach Definitionen angepasst: 0,8 Prozent sind nun nicht mehr Mittelmaß, sondern ein Wirtschaftsboom. Und ich schätze, dass mehr deutsche Zeit- und SZ-Leser die neoliberale Gehirnwäsche annehmen als DDR-Bürger an die Übererfüllung des Plans glaubten. Man hatte damals noch eine Gegenseite. Heute diktiert das Kapital offenbar direkt in den Journalistenblock.

Aber alles schön investigativ und mit Daten.

Übers Schaudern in unserer Zeit

Niklas Maak schreibt in der FAZ über den neuen Wolkenkratzerboom:

So wie eine extrem solvente Klientel die Preise für Gemälde der klassischen Moderne über die Hundert-Millionen-Dollar-Schwelle getrieben hat, weil das viele Geld ja irgendwo hin muss, sammelt sie jetzt auch exklusive Hochhaus-Immobilien. Amerikanische Medien berichteten schaudernd, dass ein russischer Milliardär seiner Tochter in Manhattan ein Apartment für 88 Millionen Dollar gekauft habe. Gleichzeitig leben in New York zweiundzwanzigtausend Kinder ohne Obdach auf der Straße – so viele wie seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht mehr.

Das viele Geld muss irgendwohin. Immer wieder interessant, wie in bürgerlich-kapitalistischen Medien so ganz nebenbei das Dilemma des aktuellen Wirtschaftens aufgezeigt wird. Ich muss das nicht weiter erklären.

Was sagen die hausinternen Neoliberalen wie Heike Göbel zu solchen Formulierungen? Vermutlich nichts. Wahrscheinlich lesen sie nur “viel Geld” und fühlen sich bestätigt.

Vielleicht kommt man weiter, wenn man sich anschaut, was der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in “Und ich?” zum Thema schreibt. Man sei allgemein der Ansicht, dass der Sozialdarwinismus sich mit der Niederlage des Nationalsozialismus erledigt habe. Weit gefehlt, denn:

Die neueste Mutation des Sozialdarwinismus heißt Neoliberalismus, und anstelle der Natur lässt man  nun vor allem “den Markt” gewähren.

Neoliberale, Sozialdarwinisten, Nazis. Man sollte diese Begriffe ruhig zusammen verwenden, ohne sie als Synonyme zu betrachten. Ich habe schon länger ein merkwürdiges Gefühl, wenn immer wieder auf die NPD eingedroschen wird, und Leute wie Göbel oder Sloterdijk oder Sarazzin oder Beise oderoderoder wohlgelitten sind. Es ist so billig.

Immerhin “schaudern” die Medien schon. Welche Reaktion folgt aufs Schaudern?

050 (2)(Foto: genova 2014)

Architektur und Dogma 3 – “keine Sprache mehr, nur noch Pragmatik”

Das deutsch-italienisch Architekturbüro Kühn-Malvezzi hat sich vor einiger Zeit beim Wettbewerb fürs Berliner Stadtschloss beteiligt. Ich hatte das nach kurzem Wundern  wieder vergessen, jetzt begründeten die drei ihren Schloss-Entwurf in archplus (Nr. 214, Supplement):

“Die für uns entscheidende Lehre von Ungers ist die Idee, dass man Kontext nicht vorfindet, sondern selbst schafft, dass die Arbeit des Architekten Kontextproduktion ist…

Rossi und Ungers hatten noch eine Sprache. Bei uns gibt es keine Sprache mehr, nur noch Pragmatik. Wir schaffen einen Kontext, benutzen aber keine Sprache. Wir haben keine festen Elemente.”

archplus: Was bedeutet Pragmatik in Bezug zur Architektur? Pragmatik ist, linguistisch betrachtet, die Lehre, wie ein Satz dadurch Bedeutung erlangt, wer ihn wann wie wo spricht.

“In der Architektur bedeutet Pragmatik die kontextabhängige Anwendung architektonischer Elemente.”

archplus: Es geht also analog zur Sprachtheorie um den Gebrauch von Elementen in einer konkreten Situation und in einem bestimmten Kontext. Nach Wittgenstein ergibt sich die Bedeutung einer Sache aus ihrem Gebrauch.

“Aus diesem Grund kann man auch heute ein Schloss bauen; genau deshalb haben wir das Humboldt-Forum als Bauaufgabe akzeptiert. Denn man kann es gebrauchen, aber anders gebrauchen! Durch den Gebrauch verändern wir seine Bedeutung.”

So weit, so merkwürdig. Natürlich schafft ein Architekt nicht alleine einen Kontext, sondern er schafft das Haus. Zusammenhänge werden nie nur von EINER Partei hergestellt, dazu gehören zumindest zwei. Auch wenn man von einer Kommunikationssituation ausgeht, die durch Architektur hergestellt wird, steht das Haus nicht im virtuellen, sondern in einem realen Raum mit ganz realen Bezügen und einer langen Geschichte. Nimmt der Architekt diese Geschichte in seine Arbeit auf, passiert (wenn es gut läuft) auf beiden Seiten etwas: im Haus und in der Geschichte der Umgebung.

In Sachen Schloss wird es argumentativ skurril. Eine eigene Sprache gibt es nicht mehr, deshalb ist alles erlaubt. Ein Schloss ist kein Schloss mehr, sondern sprachlich nur noch ein ahistorischer, unbestimmter, beliebiger Kasten, aber mit bestimmten Merkmalen (Säulen, Pfeilern, einer bestimmten Kubatur, einer Kuppel, einer bestimmten Fassadengliederung, Portalen, Höfen usw.), die ganz exakt genau eines darstellen: ein Schloss. Nur ist es nach Kühn und Malvezzi lediglich die Hülle. Der Inhalt wird kontextmäßig vom Architekten bestimmt. Der Architekt baut ein Haus und schafft damit dessen Kontext. Offenbar alleine, ohne andere Materialitäten in der Nachbarschaft. Er schafft das ohne eine architektonische Sprache, die ist abhanden gekommen. Die architektonischen Elemente sind folglich nur Satzteile oder Satzfetzen, die je nach Kontext ausgewählt werden. Der Kontext selbst wird aber erst durch den Architekten geschaffen. Es ist eine radikalisierte Version des dekorierten Schuppens.

Es ist die Vorstellung, dass eine Schlossfassade keinerlei historisches Wissen beinhaltet, sondern rein in der Gegenwart, rein ahistorisch gelesen werden kann. Laut Kühn und Malvezzi sind somit alle öffentlichen Auseinandersetzungen über das Berliner Schloss der vergangenen 20 Jahre, alle Beiträge aus der rechten Ecke, die sich nicht nur fürs Schloss, sondern für die gesellschaftliche Reaktion aussprechen, sinnlos. Es gibt ja keine Sprache, also kann auch keine rekonstruiert werden.

Ob man die Hülle eines Schlosses baut oder die eines KZ, ist demnach egal.

Und selbst wenn es so wäre: Warum braucht es an der Stelle des ehemaligen Schlosses in Berlin wieder ein Schloss? Doch bitte nicht wegen der Kubatur, dem lächerlichsten Argument der Schlossbefürworter.

Wittgenstein ist angeblich der Kronzeuge für diese Haltung. Der sagte, dass sich die Bedeutung einer Sache aus ihrem Gebrauch ergibt. Sicher muss in das neue Schloss nicht zwangsläufig wieder ein Monarch einziehen. Aber es ist absurd, die ideologische Aufladung von Architektur zu ignorieren. Es bedeutet die Inexistenz eines historischen Gedächtnisses. Das Haus Wittgenstein, ein mit maßgeblichem Einfluss von Wittengstein in den 1920ern gebautes großbürgerliches Wohnaus, kann für diese Haltung nicht in Stellung gebracht werden. Gerade dort wurde auf alles Historische verzichtet, ein zumindest formal radikal neues Bauen. Und es hatte natürlich seine Gründe, warum Wittgenstein auf formale Anleihen an die Vergangenheit verzichtete. Auf etwas verzichten kann ich nur, wenn ich seine Existenz nicht negiere. Von wegen “keine Sprache”.

Es ist so eine Art radikalisierte Variante der banalen Richtung postmoderner Architektur. Wo seinerzeit der dekorierte Schuppen gefordert wurde, also ein stilloses Gebäude, an das Zeichen äußerlich drangeklatscht werden, soll hier ausgerechnet das hochpolitische Stadtschloss Berlin verharmlost werden, indem man schlicht behauptet, wir sprächen die Sprache des Schlosses nicht mehr, also existiere sie nicht und auch unser Bewusstsein darüber sei nicht existent. Und genau deshalb können wir die Sprache des Schlosses wieder aufbauen. Da wir sie eh nicht verstehen.

So geht die Pragmatik von Kühn und Malvezzi.

Skurril auch, dass der Kühn-Malvezzische Schlossentwurf von den Medien als geheimer Sieger gefeiert wurde, weil er angeblich so fortschrittlich ist. Kühn und Malvezzi waren so unerhört mutig, die haben auf die Kuppel verzichtet, die alten Widerstandskämpfer.

Vielleicht aber sollte man Kühn-Malvezzi in ihren Äußerungen einfach nicht ernst nehmen.

Ich ziehe deshalb eine banale Begründung für die Kuehn-Malvezzischen rhetorischen Verrenkungen vor: Die Teilnahme am Schlosswettbewerb ist aufmerksamkeitsökonomisch gewinnbringend, wer kann da schon nein sagen? Und es hat sich gelohnt. Ihr Entwurf wird zwar nicht realisiert, aber die Jury sprach ihnen einen “Sonderpreis” zu; dotiert mit sage und schreibe 60.000 Euro. Das sind exakt 60.000 Gründe, die genannten merkwürdigen rhetorischen Verrenkungen anzustellen.