Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Entlarvungen (I): Die Berliner SPD und die Wohnungsfrage

Auf den seit 2008 stillgelegten Rollfeldern des Tempelhofer Flughafens in Berlin sollen Wohnungen gebaut werden. Bis auf ein paar durchgeknallte Ökos sind sich da alle einig. Es geht um bezahlbaren Wohnraum, der in Berlin immer weniger wird. Was macht der Stadtentwicklungssenator Michael Müller, ein Sozialdemokrat? Er wirbt auf der Immobilienmesse MIPIM im französischen Cannes um Investoren fürs Tempelhofer Feld. Die sind aber nicht an sozialem Wohnungsbau interessiert, sondern an einer möglichst hohen Rendite. Es geht also um Luxuseigentumswohnungen, die Müller dort bauen lassen will. Je mehr, desto besser.

Lustig istvor diesem Hintergrund sein Politikergeplapper:

“Wir laden all jene ein, die in Berlin investieren wollen, insbesondere für den Wohnungsbau.”

Es ist nur ein weiterer Beleg für die Asozialität der aktuellen Sozialdemokratie. Die FDP würde es nicht besser hinkriegen. Nein, schlechter, denn ihr Image ist im Eimer. Die blinken gar nicht erst links, das ist doch irgendwie sympathischer.

Überhaupt ist die Entwicklung auf dem Tempelhofer Feld interessant: Wie gesagt, seit fünf Jahren ist das Gelände baulich verweist, seit mindestens zehn oder 15 Jahren ist sehr konkret klar, dass der Flugbetrieb eingestellt wird. Seit mindestens fünf Jahren läuft hier in Berlin eine intensive Diskussion über steigende Mieten und was man dagegen tun kann. Doch vor 2019 wird dort überhaupt nichts gebaut werden, egal von wem.

Wie war das nochmal mit der Mangelwirtschaft in der DDR?

Dafür wird auf dem Feld seit Jahren von einer neoliberalen, landeseigenen PR-Agentur namens Grünberlin Stimmung für eine “Parklandschaft” gemacht. Das ist erkennbar die Vorhut für die Luxuswohnungen, die sich mit dieser skurrilen Landschaft vom Pöbel außenherum abgrenzen wollen. Die Sprache dieser Agentur ist so verdummend, sie ist schwer erträglich. Sie ist, was das Potenzial an Verlogenheit angeht, mit faschistischer Sprache vergleichbar, aber raffinierter gemacht.

Die Verlogenheit der SPD blitzt immer wieder mal auf, vielleicht auch versehentlich, wer weiß. Der Berliner SPD-Politiker Ephraim Gothe beispielsweise erzählt, dass er landeseigene Grundstücke gerne Genossenschaften überlassen würde. Hätte, könnte, wollte:

“Der Wermutstropfen dabei ist aber, dass wir leider schon sehr, sehr viele Grundstücke verkauft haben und es mit dem, was wir noch haben, eher mager aussieht.”

Tja, da kann man nix machen. Wie lange ist die SPD in Berlin nochmal an der Macht? Seit exakt zwölf Jahren.

Die Sozialdemokratie hat gleichzeitig nichts dagegen, dass in der Berliner Innenstadt die architektonisch (Ungers) herausragenden Sozialwohnungen mehrerer hundert Mieter abgerissen werden, um dort ein Hotel zu errichten. Ein Münchner Investor will es halt so. Der Tagesspiegel berichtet:

Für West-Berliner Verhältnisse bot das Gebäude am Lützowplatz geradezu paradiesische Bedingungen – und das zu Mietpreisen des sozialen Wohnungsbaus. Damit stand es prototypisch für die Internationale Bauausstellung von 1984, die – wie es damals in einer Grundsatzerklärung der IBA-GmbH hieß – „die Rückgewinnung der Innenstadt als Wohnort“ zum Ziel hatte.

Es ist in der Tat entlarvend: Preiswertes Wohnen in der Innenstadt, das ist eine Vorstellung aus einer anderen Zeit. Aus heutiger Perspektive ist eine solche Forderung vermutlich schon unverschämt. Da bauen Investoren doch Hotels!

Eine mittlerweile vertraute Melange in Berlin und anderswo: Das Kapital macht, was es will, die Politiker sind hörig, der Widerstand verzettelt sich, weil es zu viele Ökos gibt, die nerven und das Bewusstsein für die entmenschlichenden Aspekte des kapitalistischen Systems fragmentiert ist. Wohl bekomm´s.

Ach so, fast vergessen: Heute wurde der Grundstein fürs das neue Stadtschloss gelegt, eines der erklärten Lieblingsprojekte Wowereits. Die Sozialdemokratie kann doch. Wenn sie nur will.

(Alle Zitat, soweit nicht anders angegeben, sind dem Mietermagazin 5/2013, S. 14-18 entnommen.)

Präzise Problemanalyse, wenn auch zu spät (vermutlich)

041(Foto: genova 2013)

Ein paar ungeordnete Gedanken zur Türkei

Eine sympathische Entwicklung in der Türkei, so scheint es. Interessant dabei sind Kleinigkeiten wie die, über die die taz berichtet:

Der Taksim-Platz: Autos gibt es noch, aber nur noch als umgestürzte, ausgebrannte oder zertrümmerte Vehikel. Sie werden jetzt als Teil einer Barrikade genutzt, um alle Zufahrten zum Platz für die Polizei zu sperren. Der normalerweise verkehrsreichste Platz Istanbuls ist, was die Stadtoberen auch schon mal versprochen hatten, nur noch Fußgängern vorbehalten.

Wie wäre das in Deutschland? Kann man sich vorstellen, dass in Berlin die Kreuzung am Potsdamer Platz dauerhaft von Demonstranten besetzt werden kann, mit vielen Zelten und einer provisorischen Bibliothek? Oder am Alexanderplatz? Und deutsche Mercedesse da nicht mehr fahren dürfen? Ein jeder stelle sich diese Frage und denke dabei an die jeweils meist frequentierten Plätze und Kreuzungen großer Städte. Vermutlich würde der ADAC die Konterrevolution anzetteln (“Freie Bürger brauchen freie Fahrt”).

Und sowas hier ist wohl die Voraussetzung, dass sich eine wirksame Opposition bilden kann:

Die Atmosphäre der Freiheit, die seit Sonntag vom Taksim-Platz ausgeht, lässt die Stimmung vibrieren. Vor allem tausende junge Leute in der Millionenmetropole werden vom Taksim-Platz und Gezi-Park geradezu magnetisch angezogen. Sie wollen die neue Türkei anschauen, sie wollen tanzen, Plakate malen und ein Gemeinschaftsgefühl genießen, das es so, über alle Grenzen der verschiedenen Gruppen und Weltanschauungen des Landes hinweg, wohl noch nie gab. 

Mir war der Häuptling Erdogan schon immer unsympathisch, ohne das ernsthaft begründen zu können. Es ist diese Mischung aus Turbokapitalismus, rabiater Stadtplanung in Istanbul mit massiver Gentrifizierung und dem Abriss ganzer Viertel gegen den Willen der Bewohner, islamischer Scheinheiligkeit, Illiberalität und privaten Profitinteressen. Wobei ich mich frage, wie dieser Turbokapitalismus mit dem Sozialgedanken des Koran zusammengeht. Ist aber vermutlich alles möglich, George W. Bush konnte ja auch mit der Bibel in der Hand im Irak Napalm versprühen. Christen wissen schon lange, wie sowas geht.

Tausende türkischer Journalisten im Gefängnis, Schriftsteller ebenso. Am übelsten ist ein Parafgraf, der die “Beleidigung des Türkentums” unter Strafe stellt. Man stelle sich hierzulande sowas vor, Beleidigung des Deutschtums… Und dass Erdogan nun ausgerechnet anonyme “ausländische Kräfte” für die Unruhen verantwortlich macht, gleichzeitig aber keine Einwände hat, wenn Polizisten Tränengasgranaten auf Menschen werfen, die danach ein Loch im Kopf haben, zeigt den Charakter dieser Gestalt. Es erinnert ein wenig an die Statements von Mappus und anderen nach den polizeilichen Übergriffen während der S-21-Demonstrationen und aktuell an Frankfurt vergangene Woche. Die türkischen Massenmedien berichten übrigens nicht über die Ereignisse. Sie finden offiziell nicht statt. Hängt vermutlich mit dem ersten Satz dieses Absatzes zusammen.

Ob AKP oder CDU/CSU: Verlogene Gruppierungen, die den Dorfpfarrer und eine höhere Macht für sich zu nutzen suchen, um der eigenen Clique Vorteile zu verschaffen. Und es ist ein weiterer Hinweis dafür, dass abrahamitische Religionen in der Regel intolerant sind: Statt dass die Moslems einfach auf das Angucken von Bildern nackter Menschen verzichten, will die AKP das gleich allen verbieten. Es ist das immer gleiche Spiel. In Frankreich rennen Katholiken zu Millionen auf die Straße, um anderen das Heiraten zu verbieten. Sich maßregelnd in die Belange anderer einzumischen, ist Christen ebenso wichtig wie Moslems, scheint es. Gott will es so.

Gegen Turbokapitalismus hat Gott offenbar nichts, weder in Amerika noch in der Türkei.

Apropos verlogene Gruppierung: In dem Wikipedia-Artikel über Homosexualität in der Türkei steht der Satz:

Das türkische Militär betrachtet Homosexualität als „psychosexuelle Störung“.

Nicht schlecht. Männer, die das Töten berufsmäßig betreiben und dabei ihre Gewehre in Form von Phallussymbolen nach oben recken und steif in der Öffentlichkeit herumstolzieren, machen sich über angebliche psychosexuelle Störungen anderer Leute Gedanken. Auch der Bürgermeister von Istanbul Kadir Topbasch (AKP) meint, Homosexualität sei weder mit der „allgemeinen Moral“ noch mit „türkischen familiären Werten“ vereinbar. “Familiäre Werte” müssen neuerdings weltweit herhalten, um Homosexuelle in die Schranken weisen zu können, die die eigene Angst erst errichtet.

Das türkische Militär hat aber auch etwas gegen Erdogan und verteilt deshalb Gasmasken an Demonstranten, damit die sich vor der Polizei schützen können. Auch an psychosexuell gestörte schwule und lesbische Demonstranten?

Oder sind all diese Proteste in Stuttgart, Frankfurt, Istanbul, Ankara und anderswo vor allem als antikapitalistischer Protest zu verstehen gegen die Zumutung, unter allen Umständen Rendite erzielen zu wollen? In Frankfurt ist es die Finanzwelt, in Stuttgart sind es profitable Pläne der Bahn, in Istanbul wird ein weiteres Shopping-Center gebaut, für den ein Park weichen soll.

In Kreuzberg gab es schon Unterstützungsdemos für die Taksim-Leute, sehr nett. Kurzzeitig war eine Straße blockiert. Wo war der ADAC?

Alles Gute.

013(Foto: genova 2013)

Über das “Lebensgefühl” der neuen Piratenchefin

Die FAZ über die jüngste Sendung von Maibritt Illner – Thema war “die Rente” – und insbesondere über die neue Piraten-Vorsitzende:

Die 27 Jahre alte politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Katharina Nocun, formulierte das als das Lebensgefühl ihrer Generation. Diese erwarte nichts mehr von der Rentenversicherung. Sie nannte die Rentendebatte „angstbesetzt“. Man werde sicherlich nicht mit 67 in Rente gehen können – oder gar auskömmlich davon leben können. Der heutige Arbeitsmarkt sei auch nicht mehr der von früher…

Das Zitat zeigt zweierlei. Erstens, dass die Piratenpartei überflüssig ist. Für solche Sprüche braucht man keine neue Partei, da wird man bei den alten Ähnliches finden. Es gibt bei den Piraten keinen intelligenten, bewussten, fruchtbaren, vielleicht gar umsetzbaren Ansatz für “die Rente”, sondern Mainstreamgeplapper.

Zweitens, viel interessanter: Es zeigt sich auch hier der Siegeszug neoliberalen Denkens. Nach 20 Jahren erfolgreicher rechter Lobbyarbeit kommen sich Menschen wie Nocun vermutlich recht aufgeklärt vor, wenn sie behaupten, sie erwarteten von der gesetzlichen Rente nichts mehr. Genau das war die Intention: Die gesetzliche Rente sturmreif schreiben, ein funktionierendes, erfolgreiches Rentensystem über Jahre und Jahrzehnte hinweg publizistisch zerstören, und gleichzeitig die private Altersvorsorge hypen. Und schon wächst eine Generation nach, die von der Rente nichts mehr erwartet.

Praktisch für den Staat, wenn er die Zahlungen weiter kürzen und irgendwann einstellen kann; wenn nämlich die, für die diese Zahlungen gedacht waren, eh nichts mehr erwarten. Und genau diese Nocun erklärt uns dann noch, dass der Arbeitsmarkt anders sei als früher – und man vermutlich genau deshalb nichts mehr erwarten dürfe.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da rutschte von der Leyen vergangenes Jahre die Bemerkung heraus, dass ein Drittel der heutigen mittlereren Generation eine Rente erhalten wird, die sie unter die Armutsgrenze drückt, und die unbekümmerte Frau Nocun plappert, statt emanzipatorisch zu denken.

Am lustigsten: Nichts mehr von der staatlichen Rente zu erwarten, ist laut Nocun das “Lebensgefühl” ihrer Generation. Mit 67 in Rente gehen ist dann sicherlich Betonkopfdenken von Besitzstandswahrern.

Nocun zahlt vermutlich monatlich einen ordentlichen Betrag bei AWD ein. Erwartet sie von AWD viel? Wie sieht es aus mit der Korrelation von dynamischer, privater Rente und “Lebensgefühl”?

Es erinnert an die Tea Party, an die US-Republikaner, an die 15-Prozent-FDP: Je nötiger ein Umdenken, desto verbissener wird den Verursachern von Krisen der Rücken gestärkt.

Und so ein Plappermäulchen wird Bundesvorsitzende  einer Partei.

[Ich habe von dieser Frau vorher nichts gehört. Kann sein, dass sie auch schon Bewussteres geäußert hat, wer weiß.]

213(Foto: genova 2012)

Vorschlag zur Güte an die Kreuzberger “Ökos”

Die taz über eine geplante Baumfällaktion am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg:

Die BWB [Berliner Wasserbetriebe] wollen in dem zum Paul-Lincke-Ufer führenden Abschnitt der Lausitzer Straße einen neuen Regenüberlaufkanal verlegen und das Auslaufbauwerk zum Landwehrkanal vergrößern. Dafür sollen fünf Linden am Ufer gefällt werden. Auch fünf Spitzahorne und zwei Linden in der Lausitzer Straße sind von Fällung bedroht. Dafür sollen neue gepflanzt werden. Die Aktion sei ökologisch sinnvoll, weil dadurch die Wasserqualität des Landwehrkanals verbessert werde, heißt es bei den Wasserbetrieben … Bei Starkregen würde dadurch seltener mit Regen verdünntes Schmutzwasser in den Landwehrkanal fließen, weniger Fische müssten sterben.

Deswegen gab es nun eine Bürgeranhörung.

Die Diskussion geht über drei Stunden, es ist warm im Raum. Auf der Stirn der Herren auf dem Podium glitzern kleine Schweißperlen.

Ein schöner Einblick in dieses merkwürdige deutsche Pseudo-Öko-Milieu. Zwölf Bäume sollen gefällt werden, um den Kanal sauberer zu machen und es bricht ein Sturm der Entrüstung los. Zwölf Bäume – die im Anschluss an die Aktion neu gepflanzt werden – am Landwehrkanal, an dem in diesem Abschnitt schätzungsweise eine Million Bäume stehen, plus Gestrüpp.

Drei Stunden Diskussion, vorerst, für zwölf Bäume. Macht vier Bäume pro Stunde. Gut, dass die BWB nicht zwölftausend Bäume fällen wollen. Da müssten die Anwohner 167 Tage verschwitzt in einem warmen Raum sitzen. Bei einer 24/7-Anhörung, versteht sich. Deutsche Romantik trifft deutschen Idealismus.

Ein anwohnender Architekt schlug eine andere Maßnahme vor (Tunnel- statt Schachtbauweise), bei der die Bäume stehenbleiben könnten. Die BWB-Vertreter meinten, das würde “Milliarden” kosten. Milliarden geteilt durch zwölf Bäume…

Anfang der Woche wurde im Auftrag der Wasserbetriebe in der Lausitzer Straße bei einem der Spitzahorne als bauvorbereitende Maßnahme die Krone gestutzt. Die Aktion endete, weil Anwohner sich unter die Bäume stellten … Dass bei der Fällaktion Polizeischutz angefordert werde, sei nicht ausgeschlossen.

Im Folgenden zeige ich zwölf Betonwände mit bemerkenswert deutlich strukturierten Maserungen, die durch Holz(!!!)verschalungen zustande kamen.

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Vorschlag zur Güte in der erhitzten Atmosphäre: Man könnte diese Betonwände anstelle der gefällten Bäume einzementieren, zumindest, bis die neuen Bäume da sind. Dank der Maserung müssten gerade die Ökos mit ein wenig fantastischem Aufwand sich jeweils einen Baum vorstellen können.

Beton hält auch jeder Kettensäge stand.

P.S: Solche Aktionen wie die der besorgten Anwohner bekommen spätestens dann eine eklige Komponente, wenn man weiß, dass genau dort, wo die Bäume gefällt werden, die aktuelle Gentrifizierung am gründlichsten abläuft. Wenn sich deutsche Ökos zu entscheiden hätten zwischen Bäumen und Menschen: ihre Entscheidung wäre eindeutig, vermute ich.

(Fotos: genova 2013)

Wie klingt ein neoliberaler Sänger?

Die Süddeutsche Zeitung bzw. ein Michael Stallknecht über die aktuelle Lage von Opernsängern, wo es offenbar nur noch ein paar Überflieger gibt und ansonsten “Freie”, die sich selbst ausbeuten:

So viel ist klar: Das unterkühlte und risikoarme Singen, das man derzeit oft hört, ist auch der Klang des neoliberalen Sängermarktes.” (2. Mai, S. 11)

Risikoarmes Singen, um das Engagement zu bekommen; man lernt nicht aus. Vielleicht ein schönes Beispiel, das zeigt, wie massiv die neoliberale Ideologie alles beeinflusst. Sogar die Stimmbänder.

Deutsche Zustände, dargestellt am Klappstuhl

Gedächtnisprotokoll: Das Bundesverfassungsgericht hat zum NSU-Prozess entschieden, dass man einfach drei Klappstühle an den Rand stellen müsse, auf die setzten sich drei türkische Medienverteter, dann könne der Prozess losgehen. Für das Aufstellen würde ich fünf Minuten veranschlagen. So viel, weil man die Stühle ja vielleicht aus dem Keller holen muss. Stattdessen rollt der Richter in München die ganze Sache neu auf, verschiebt den Gerichtstermin um drei Wochen, beschließt die Akkreditierung per Los und hat jetzt den Salat, dass die Brigitte über seine Krawatte und das Make up von Frau Zschäpe berichten wird.

Drei Klappstühle: Jeder Grundschüler hätte die Aufgabe besser gelöst als dieser deutsche Richter.

Wie steht es eigentlich um Strukturen, wenn ein solch läppisches Problem nicht flott gelöst werden kann? Welch kaum auszulotende Tiefen des deutschen Bürokratiewahns tun sich da auf? Warum konnte diesen Richter niemand stoppen?

Es geht ja nicht um diesen Richter, dessen Name ich nicht einmal weiß. Hitler war auch nicht das Problem. Das Problem war die Tatsache, dass ihm zig Millionen Deutsche eifrig bei den Verbrechen halfen.

Der Richter begründet sein Verhalten sicherlich mit Gesetzen, mit Vorschriften, mit Bürokratie, mit Ordnung. Es hat vermutlich in der Tat alles seine Ordnung. Und das alles vor dem Hintergrund, dass staatliche Stellen, Behörden, Geheimdienste, Polizisten und Innenminister für die NSU-Morde mitverantwortlich gemacht werden können, durch Wegsehen, vermutlich durch Lügen, Korruption, in Teilen vielleicht schlichtweg durch rechtsradikale Gesinnungen dieser Leute.

Ich hatte noch nie viel mit der deutschen Justiz zu tun und habe mich um die NSU-Geschichte bislang kaum gekümmert. Aber hin und wieder liest man Sachen, die einem das Vertrauen in einen angeblichen deutschen Rechtsstaat nehmen. Der Fall Mollat, fällt mir gerade ein, die für verrückt erklärten hessischen Finanzbeamten, Flick, Kohl oder Ulrike Meinhof seinerzeit oder auch der Leipziger Rotlichtprozess.

Vielleicht geht es nur darum, um wie viel es geht. Recht und Macht sind schlecht zu trennen.

Heldin des Alltags: Inge Hannemann

Ohne viele Worte weise ich auf eine Frau hin, die als Vorbild dienen kann: Inge Hannemann. Sie ist Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Altona und schreibt seit einem Jahr Kritisches in ihrem Blog darüber: altona bloggt.

Nun wurde sie von der Arbeit freigestellt, wie man das nennt, weil sie sich weigerte, Sanktionen umzusetzen.

Hier kann man eine Petition dagegen unterschreiben.

Vielleicht ist der Begründungszusammenhang der Petition merkwürdig, aber es geht hier um Solidarität in einer sehr unterstützenswerten Sache. Angesichts der Unmengen neoliberaler Ärsche, die hierzulande in dem Medien gefeiert werden, freut man sich umso mehr, wenn hier jemand wirklichen Mut beweist.

Kleiner Hinweis zum gegenwärtigen Stand deutscher Kultur

144(Foto: genova 2013)

Sicher ist sicher ist sicher

Jedes zweite Kind in Großbritannien darf nicht ohne Aufsicht auf Bäume klettern. Jedes dritte Kind darf ohne Aufsicht nicht auf der Straße vor dem Haus spielen. Nur ein Viertel aller Sieben- bis Elfjährigen durfte 1991 in Deutschland auf der Straße Fahrrad fahren. 1971 waren es noch zwei Drittel.

schreibt Maren Keller im Kulturspiegel (4/2013, S. 23). 2013 sind es vermutlich noch weniger, wohlgemerkt: jetzt mit Fahrradhelm. Je ungefährlicher das Leben objektiv wird, desto größer die Angst davor. Kinder ohne Helme sind mittlerweile vermutlich ein Grund für die Inhaftierung ihrer Eltern. Eltern ohne Helme auch. Keinen Kilometer, den man mit einem Kind im Auto ohne Kindersitz zurücklegen darf wie auch der Fahrer keinen unangeschnallten Meter zurücklegen kann, ohne eine vom Auto erzeugte Warnklangkulisse hervorzurufen, die kaum länger als einen Meter zu ertragen ist. Die Argumente für diese Art von Sicherheitspolitik sind faktische: Es ist sicherer, mit Helm und Gurt sich zu bewegen.

Eine Provokation: Spielplätze sind an sich schon ein Eingeständnis der Kinderfeindlichkeit, sonst bräuchte man keine extra ausgewiesenen Zonen dafür. Für Kinder ist der Spielplatz die Welt. Genau dieses Ergebnis kindlicher Kreativität wird durch ausgewiesene Spielzonen außer Kraft gesetzt. Kinder brauchen keine Spielplätze. Daneben haben Spielplätze einen Kontrolleffekt: So lassen die Nervensägen die reale Welt in Ruhe. Ist ja auch weniger anstrengend.

Ich denke zurück an meinen etwa 500 Meter langen Grundschulweg ab 1975, der mich über eine Hauptstraße ohne Zebrastreifen und Ampel führte. Ich schaute einfach nach rechts und links und konnte den Verkehr gut einschätzen. Man lernte damals die Geste, den Arm waagerecht Richtung Straße zu halten um den Autofahrern anzudeuten, dass man rüber will. Ich habe sie aber nie angewendet, glaube ich. Ich habe eine Lücke abgewartet und bin rübergerannt, was ich heute immer noch so mache. Meine Allergie gegen Autos, die an Zebrastreifen halten, wird durch gelegentliche Besuche Italiens und anderer kultivierter Länder gemildert. Dort halten sie nicht voreilig und devot, sie machen nur langsam, bevor sie den Fußgänger überfahren.

Mein Schulweg: Kein Erziehungsberechtigter kam mit, weder bei mir noch bei anderen. Die ängstlichen Mütter schauten den Kindern vom Gartentor ein Stück nach, das war´s schon. Spielplätze gab es kaum. Meine waren die zahlreichen Baugruben bzw. Rohbauten in der Umgebung. Holzdielen, braunes Brackwasser, Armierungseisen, Betontreppen ohne Geländer, offene Dachstühle, dunkle Keller, Pfützen, Sandberge, nach jedem Werktag neu angeordnet und ab 16 Uhr in Augenschein zu nehmen. Bauarbeiter sind pünktlich. Eltern haften für ihre Kinder hat sich mir eingeprägt, fasziniert vom Nichtverstehen dieser Warnung. Dass es eine sein sollte, verstand ich schon. Gelbes Schild auf weißem Ytong. Kam der Bauherr vorbei, legte man einen 100-Meter-Sprint hin, ohne Stoppuhr.

Die totale Reglementierung sorgt vermutlich dafür,  dass das erreichte Durchschnittsalter noch ein bisschen steigt. Beruhigt sind wir deshalb nicht.

Nicht mehr zeitgenössischer Spielplatz:

209(Foto: genova 2011)