Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Übers Schaudern in unserer Zeit

Niklas Maak schreibt in der FAZ über den neuen Wolkenkratzerboom:

So wie eine extrem solvente Klientel die Preise für Gemälde der klassischen Moderne über die Hundert-Millionen-Dollar-Schwelle getrieben hat, weil das viele Geld ja irgendwo hin muss, sammelt sie jetzt auch exklusive Hochhaus-Immobilien. Amerikanische Medien berichteten schaudernd, dass ein russischer Milliardär seiner Tochter in Manhattan ein Apartment für 88 Millionen Dollar gekauft habe. Gleichzeitig leben in New York zweiundzwanzigtausend Kinder ohne Obdach auf der Straße – so viele wie seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht mehr.

Das viele Geld muss irgendwohin. Immer wieder interessant, wie in bürgerlich-kapitalistischen Medien so ganz nebenbei das Dilemma des aktuellen Wirtschaftens aufgezeigt wird. Ich muss das nicht weiter erklären.

Was sagen die hausinternen Neoliberalen wie Heike Göbel zu solchen Formulierungen? Vermutlich nichts. Wahrscheinlich lesen sie nur “viel Geld” und fühlen sich bestätigt.

Vielleicht kommt man weiter, wenn man sich anschaut, was der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in “Und ich?” zum Thema schreibt. Man sei allgemein der Ansicht, dass der Sozialdarwinismus sich mit der Niederlage des Nationalsozialismus erledigt habe. Weit gefehlt, denn:

Die neueste Mutation des Sozialdarwinismus heißt Neoliberalismus, und anstelle der Natur lässt man  nun vor allem “den Markt” gewähren.

Neoliberale, Sozialdarwinisten, Nazis. Man sollte diese Begriffe ruhig zusammen verwenden, ohne sie als Synonyme zu betrachten. Ich habe schon länger ein merkwürdiges Gefühl, wenn immer wieder auf die NPD eingedroschen wird, und Leute wie Göbel oder Sloterdijk oder Sarazzin oder Beise oderoderoder wohlgelitten sind. Es ist so billig.

Immerhin “schaudern” die Medien schon. Welche Reaktion folgt aufs Schaudern?

050 (2)(Foto: genova 2014)

Architektur und Dogma 3 – “keine Sprache mehr, nur noch Pragmatik”

Das deutsch-italienisch Architekturbüro Kühn-Malvezzi hat sich vor einiger Zeit beim Wettbewerb fürs Berliner Stadtschloss beteiligt. Ich hatte das nach kurzem Wundern  wieder vergessen, jetzt begründeten die drei ihren Schloss-Entwurf in archplus (Nr. 214, Supplement):

“Die für uns entscheidende Lehre von Ungers ist die Idee, dass man Kontext nicht vorfindet, sondern selbst schafft, dass die Arbeit des Architekten Kontextproduktion ist…

Rossi und Ungers hatten noch eine Sprache. Bei uns gibt es keine Sprache mehr, nur noch Pragmatik. Wir schaffen einen Kontext, benutzen aber keine Sprache. Wir haben keine festen Elemente.”

archplus: Was bedeutet Pragmatik in Bezug zur Architektur? Pragmatik ist, linguistisch betrachtet, die Lehre, wie ein Satz dadurch Bedeutung erlangt, wer ihn wann wie wo spricht.

“In der Architektur bedeutet Pragmatik die kontextabhängige Anwendung architektonischer Elemente.”

archplus: Es geht also analog zur Sprachtheorie um den Gebrauch von Elementen in einer konkreten Situation und in einem bestimmten Kontext. Nach Wittgenstein ergibt sich die Bedeutung einer Sache aus ihrem Gebrauch.

“Aus diesem Grund kann man auch heute ein Schloss bauen; genau deshalb haben wir das Humboldt-Forum als Bauaufgabe akzeptiert. Denn man kann es gebrauchen, aber anders gebrauchen! Durch den Gebrauch verändern wir seine Bedeutung.”

So weit, so merkwürdig. Natürlich schafft ein Architekt nicht alleine einen Kontext, sondern er schafft das Haus. Zusammenhänge werden nie nur von EINER Partei hergestellt, dazu gehören zumindest zwei. Auch wenn man von einer Kommunikationssituation ausgeht, die durch Architektur hergestellt wird, steht das Haus nicht im virtuellen, sondern in einem realen Raum mit ganz realen Bezügen und einer langen Geschichte. Nimmt der Architekt diese Geschichte in seine Arbeit auf, passiert (wenn es gut läuft) auf beiden Seiten etwas: im Haus und in der Geschichte der Umgebung.

In Sachen Schloss wird es argumentativ skurril. Eine eigene Sprache gibt es nicht mehr, deshalb ist alles erlaubt. Ein Schloss ist kein Schloss mehr, sondern sprachlich nur noch ein ahistorischer, unbestimmter, beliebiger Kasten, aber mit bestimmten Merkmalen (Säulen, Pfeilern, einer bestimmten Kubatur, einer Kuppel, einer bestimmten Fassadengliederung, Portalen, Höfen usw.), die ganz exakt genau eines darstellen: ein Schloss. Nur ist es nach Kühn und Malvezzi lediglich die Hülle. Der Inhalt wird kontextmäßig vom Architekten bestimmt. Der Architekt baut ein Haus und schafft damit dessen Kontext. Offenbar alleine, ohne andere Materialitäten in der Nachbarschaft. Er schafft das ohne eine architektonische Sprache, die ist abhanden gekommen. Die architektonischen Elemente sind folglich nur Satzteile oder Satzfetzen, die je nach Kontext ausgewählt werden. Der Kontext selbst wird aber erst durch den Architekten geschaffen. Es ist eine radikalisierte Version des dekorierten Schuppens.

Es ist die Vorstellung, dass eine Schlossfassade keinerlei historisches Wissen beinhaltet, sondern rein in der Gegenwart, rein ahistorisch gelesen werden kann. Laut Kühn und Malvezzi sind somit alle öffentlichen Auseinandersetzungen über das Berliner Schloss der vergangenen 20 Jahre, alle Beiträge aus der rechten Ecke, die sich nicht nur fürs Schloss, sondern für die gesellschaftliche Reaktion aussprechen, sinnlos. Es gibt ja keine Sprache, also kann auch keine rekonstruiert werden.

Ob man die Hülle eines Schlosses baut oder die eines KZ, ist demnach egal.

Und selbst wenn es so wäre: Warum braucht es an der Stelle des ehemaligen Schlosses in Berlin wieder ein Schloss? Doch bitte nicht wegen der Kubatur, dem lächerlichsten Argument der Schlossbefürworter.

Wittgenstein ist angeblich der Kronzeuge für diese Haltung. Der sagte, dass sich die Bedeutung einer Sache aus ihrem Gebrauch ergibt. Sicher muss in das neue Schloss nicht zwangsläufig wieder ein Monarch einziehen. Aber es ist absurd, die ideologische Aufladung von Architektur zu ignorieren. Es bedeutet die Inexistenz eines historischen Gedächtnisses. Das Haus Wittgenstein, ein mit maßgeblichem Einfluss von Wittengstein in den 1920ern gebautes großbürgerliches Wohnaus, kann für diese Haltung nicht in Stellung gebracht werden. Gerade dort wurde auf alles Historische verzichtet, ein zumindest formal radikal neues Bauen. Und es hatte natürlich seine Gründe, warum Wittgenstein auf formale Anleihen an die Vergangenheit verzichtete. Auf etwas verzichten kann ich nur, wenn ich seine Existenz nicht negiere. Von wegen “keine Sprache”.

Es ist so eine Art radikalisierte Variante der banalen Richtung postmoderner Architektur. Wo seinerzeit der dekorierte Schuppen gefordert wurde, also ein stilloses Gebäude, an das Zeichen äußerlich drangeklatscht werden, soll hier ausgerechnet das hochpolitische Stadtschloss Berlin verharmlost werden, indem man schlicht behauptet, wir sprächen die Sprache des Schlosses nicht mehr, also existiere sie nicht und auch unser Bewusstsein darüber sei nicht existent. Und genau deshalb können wir die Sprache des Schlosses wieder aufbauen. Da wir sie eh nicht verstehen.

So geht die Pragmatik von Kühn und Malvezzi.

Skurril auch, dass der Kühn-Malvezzische Schlossentwurf von den Medien als geheimer Sieger gefeiert wurde, weil er angeblich so fortschrittlich ist. Kühn und Malvezzi waren so unerhört mutig, die haben auf die Kuppel verzichtet, die alten Widerstandskämpfer.

Vielleicht aber sollte man Kühn-Malvezzi in ihren Äußerungen einfach nicht ernst nehmen.

Ich ziehe deshalb eine banale Begründung für die Kuehn-Malvezzischen rhetorischen Verrenkungen vor: Die Teilnahme am Schlosswettbewerb ist aufmerksamkeitsökonomisch gewinnbringend, wer kann da schon nein sagen? Und es hat sich gelohnt. Ihr Entwurf wird zwar nicht realisiert, aber die Jury sprach ihnen einen “Sonderpreis” zu; dotiert mit sage und schreibe 60.000 Euro. Das sind exakt 60.000 Gründe, die genannten merkwürdigen rhetorischen Verrenkungen anzustellen.

Je einsamer der Mensch, desto penetranter das Kollektiv

204(Foto: genova 2014)

Die kecke Karolin im Käsehimmel

Eine Anzeige der Lufthansa in der Süddeutschen Zeitung. Einer angeblichen Stewardess wird ein angebliches Lieblingsziel in den Mund gelegt, weil sie dort tollen privaten Vergnügungen nachgehen kann:

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Karolin S. mit dem feschen Hut will also nach Toulouse fliegen, um dann auf Wochenmärkten im Roussillon Käse einzukaufen und Wein zu trinken.

Was heißt “nicht weit”? Die Entfernung von Toulouse in den Roussillon beträgt knappe 400 Kilometer. Diese Strecke legt Madame Absolument in ihrer Flugzeit-Pause zurück. Und retour.

Dazu ein Auszug aus einem Interview mit einem Flugbegleiter der Lufthansa:

Wie man hört, geben viele Flugbegleiter schon nach kurzer Zeit ihren Job wieder auf. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Es ist alles eine große Belastung. Auf den Kurzstrecken sind die Zeiten oft sehr knackig. Es ist ja nicht so, dass wir an einem Tag eben nach Lissabon fliegen. Wir haben bis zu vier Flüge durch Europa am Tag – und das im Extremfall an fünf Tagen hintereinander. Dazu kommt, dass der Ton rauer geworden ist.

Käse, Käse, Käse: Wenn die Stewardess im Roussillon so zulangt, wird sie schnell derart fett, dass sie ihren Job verliert, weil die Airlines ein “Gewicht angemessen zur Körpergröße” erwarten. Oder sie wächst noch.

Lustig auch das Handschriftengekrakel: Das Strahlefrauchen freut sich über ihren Dienstplan (Wow! Toulouse!) und fällt in eine Kindheitsphase zurück, in der man spontan Sonnen und Obst malt, weil man so wahnsinnig gute Laune hat. Vermutlich findet sie das auch “spannend”.

Es ist ein weiteres Beispiel für die Funktionsweise neoliberaler Propaganda. Einerseits haben wir die Lufthansa und die Angestellten ganz unten, die Flugbegleiter: Abhängig von komplizierter Technik, eingezwängt in enge Kabinen, unnatürlichen Verhaltenscodices unterworfen (lächeln bis zur Gesichtsvereisung), schlechte Luft, nervige Fluggäste, Schicht-Arbeitszeiten, dann soll sie mit ihrem Verkaufswagen den Reisenden allen möglichen Krimskrams verkaufen und so weiter; irgendwie die komplette Entfremdung. Andererseits das komplett Authentische: Südfrankreich, Provence, Roussillon als Chiffre des guten Lebens, dazu Wochenmärkte, Käse, Wein und gutes Benehmen, weil die Franzosen nach dem Weingenuss sich offenbar nicht so danebenbenehmen wie die Deutschen. Und nichts weniger als der Himmel: Selbst der Turbokapitalist kommt nicht ohne ihn aus. Auch das “Rätsel” ist wichtig: Wo der Kapitalismus die Welt gnadenlos entzaubert, gibt es da unten eine heile Welt, in der selbst die vielgereiste Karolin gestehen muss, dass es nicht lösbare Rätsel gibt.

Einfaches, gesundes und kultiviertes Leben mit Stil. Exakt das Gegenteil dessen, was aktuelle Politik praktiziert, wird in dieser Anzeige propagiert. Man sehnt sich immer nach dem Gegenteil dessen, was man tut. Das führt allerdings nicht zur Änderung der Praxis.

Real haben wir auf der einen Seite das Kapital, das die Arbeitsbedingungen des Proletariats auf der anderen Seite verschlechtert. Propagandistisch haben wir lebensbejahende Stewardessen, die sich wie ein Kind auf die nächste Schicht freuen, weil sie in der nicht weiter definierten Pause auf 400 Kilometer entfernte Wochenmärkte und zurück tingeln und nicht lösbare Rätsel bestaunen. Auf Deutschland übertragen wäre das in etwa so, als würde eine Stewardess, die in Berlin landet, in ihrer Pause flott zum Einkauf nach Prag reisen.

Bemerkenswert auch, dass die aktuelle neoliberale deutsche Täterpolitik in Europa auch Frankreich in die Defensive zwingt und tendenziell die lustigen roussillonschen Wochenmärkte abschaffen wird. So ein Pech aber auch für Karolin.

Die Anzeige dient übrigens nicht dazu, Stewardessen anzuwerben, sondern dem potenziellen Fluggast vorzukaukeln, man könne von der Crew Geheimtipps, wie man sagt, erwarten, weil die so viel unterwegs sind. Deshalb ist die abgebildete Stewardess auch nicht mehr ganz jung: Sie hat schon so viel gesehen von der Welt, sie kann ganz bestimmt die Spreu vom Weizen trennen, will heißen: Sie kennt die authentischen, nicht kulturindustriell versauten Orte.

Sie kennt genau die Orte, die ganz anders sind als die Lufthansa-Welt.

Ich frage mich, ob der Schuss nicht nach hinten losgeht, denn der Roussillon mit seinen Märkten war schon vor 30 Jahren kein Geheimtipp mehr. Solche gäbe es in der Nähe von Toulouse, Richtung Süden, in den Vorpyrenäen beispielsweise. Dass die beauftragte Werbegentur den Roussillon aussuchte, liegt vermutlich daran, dass die Zielgruppe ihn schon kennt. Die Werbetreibenden gehen also davon aus, dass die Zielgruppe ein ihr bekanntes Ziel genannt bekommen will, das aber von kompetenter Stelle, also dem Strahlefrauchen, ausdrücklich genannt werden soll.

Oder Lufthansa will gezielt in der Unterschicht neue Kunden finden, die neben ihrer Eckkneipe nur Benidorm und Ballermann als lohnenswerte Reiseziele angeben können. Diesen armen Leuten helfen wir gerne.

Die kulturindustrielle Verwurstung von Welt macht alles unkenntlich. “Lachen wird zum Instrument des Betrugs am Glück.”

Den “Nonstop you”-Button in der Anzeige empfinde ich vor diesen Hintergründen eher als Bedrohung.

Die Schlusspassage des Kulturindustriekapitels der Dialektik der Aufklärung passt ganz gut:

Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so vollkommend verdinglicht, dass die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das ist der Triumpf der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.”

Der Achselschweiß müsste der Stewardess auf ihrem hurtigen Tripp von Toulouse in den Roussillon eigentlich in Strömen fließen. Aber das wäre dann doch ein unappetitliches und also gewinnhemmendes Bild.

Stattdessen: Käse, Käse, Käse.

Architektur und Dogma 3 – Gallaratese: “Beklemmende Atmosphäre”

Das Dilemma: Zwar entstand spätestens mit dem Ende des CIAM 1959 eine umfassende Kritik an den Verfehlungen der modernen Architektur, am Bauwirtschaftsfunktionalismus, an einer architektonischen Didaktik, die den Menschen erst bis ins Detail erziehen wollte, um ihn dann zu vergessen. Doch Versuche, daraus zu lernen, haben nicht immer gefruchtet. Ein paar Anmerkungen.

Im Folgenden ein Statement der Architektin Margrit Kennedy (1939-2013), das immerhin in der bauwelt veröffentlicht wurde, der vielleicht bedeutendsten Architekturzeitschrift in Deutschland. Kennedy nimmt in diesem Text von 1978 Bezug auf Carlo Aymonino, der (zusammen mit Aldo Rossi) von 1968 bis 1973 herum ein seinerzeit vielbeachtetes und -publiziertes Wohnviertel in Gallaratese baute, einem Vorort von Mailand.

Kennedys Statement ist eine Antwort auf einen Vortrag von Aymonino über Gallaratese.

Ich habe ein paar Bilder von Gallaratese eingebaut.

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Margrit Kennedy (1978):

Sehen wir uns die heutige vaterländische Arbeits- und Machtverteilung an und ihre Metropolen, so verdienen sie wohl kaum noch den Namen “Mutterstädte”. Eindrucksvoll beweisen die Entwürfe von Architekten wie z. B. Carlo Aymonino, daß in dieser Architektur weder die Natur noch der Mensch einen Platz hat. In einem Vortrag an der Berliner Sommerakademie 1978 referierte Aymonino über die Durchdringung von Außen- und Innenraum, öffentlichem und privatem Raum.

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Ebenso lehrreich aber war es, sich darüber klarzuwerden, was er weggelassen hatte – nämlich “das Lebendige”. Nicht ein lebendiges Wesen – Mensch, Tier oder Pflanze bevölkerte die ästhetisch perfekten Räume in einer Dia-Serie. Man sah leere Arenen, leere Plätze, leere Innenräume, leere Gänge. Mit offensichtlichem Stolz wies er darauf hin, daß es ihm in der Gallaratese, einem damals in Fachzeitschriften häufig publizierten Wohngebiet in einer Mailänder Vorstadt gelungen sei, die Bepflanzung des großen Platzes zwischen zwei Trakten mit Bäumen zu verhindern. Leider stand er mit seiner Einstellung zu Architektur und Stadtplanung weder damals noch heute allein, deshalb möchte ich aus meinem Brief an ihn zitieren, der später in der “Bauwelt” veröffentlicht wurde. Ich sagte darin u. a.: “Meine Erfahrung bei der Besichtigung dieses Projektes ist, daß Sie auch die Benutzung der Plätze, Galerien und Treppen durch Menschen erfolgreich verhindern konnten … Wenn man einmal den ersten ästhetischen Reiz der ungewöhnlichen Formen aufgenommen hatte (der übrigens durch abblätternde Farbe, Unrat usw. stark litt), war man froh, sobald als möglich aus der beklemmenden Atmosphäre herauszukommen.

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Erst bei Ihrem Vortrag ist mir jedoch klar geworden, warum dieses Empfinden durchaus berechtigt war. Ihre Architektur ist ja nicht für Menschen da, sondern in erster Linie für sich selbst. Der Mensch, ein Baum oder eine Pflanze stören natürlich die leere Perfektion. Man fühlt sich als Störfaktor, nicht gewollt und ist es auch … Mit Genugtuung bestätigten Sie auf meine Frage hin, daß Ihnen an der Meinung der Nutzer zu Ihrer Architektur nicht im geringsten gelegen sei. Ihrer Ansicht nach ist Architektur ein technisches und gestalterisches Problem, Architekt-Sein ein Beruf wie jeder andere. Implizit heißt das: Für menschliche und soziale Belange gibt es andere Berufe und wenn Projekte zu teuer werden, wie das Mailänder Wohnprojekt, und privat statt im sozialen Programm, für das sie geplant waren, abgegeben werden müssen, Hausbesetzungen stattfinden, und die perfekte Architektur einige wenig perfekte menschliche Tragödien verursacht, gibt es ja schließlich die Polizei, die für solche Angelegenheiten zuständig ist. …

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Was mir im Nachhinein noch etwas Hoffnung gibt, ist Ihre Bemerkung, meine Fragen erinnerten Sie an Ihre Frau. Sie fühlten sich damit eigentlich ganz zu Hause. Es bestätigt meine Vermutung, daß es vielleicht doch mehr M e n s c h e n unter den Frauen gibt, denen diese Art der totalen Einseitigkeit in technischer Vollkommenheit ein Greuel ist…”

(Bauwelt 31/1978).

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Soweit Margrit Kennedy. Ich kann nach dem Besuch von Gallaratese nicht sagen, dass ihre Einschätzung von Leere völlig aus der Luft gegriffen ist. Dass auf den Bildern keine Menschen zu sehen sind, liegt daran, dass am Knipstag keine da waren, nirgendwo, den ganzen Nachmittag nicht. Ich musste mir also keine Mühe geben, keinen Menschen auf den Fotos zu haben, es wäre nicht möglich gewesen. Nur in der Tiefgarage vernahm ich Bewegung: Autos. Kurz hörte ich zwei spielende Kinder. Die Leere kann auch damit zusammenhängen, dass die komplette Siedlung mittlerweile eine gated community ist. Man kommt nur rein, wenn man dort wohnt oder beim Einlass seinen Personalausweis abgibt. Es wohnen dort aber eine Menge Menschen.

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Ich bin zwar weit entfernt, Aymonyno generell zu verdammen – dafür sind seine Leistungen zu vielfältig -, aber dass der Mensch hier im Mittelpunkt steht, könnte bestenfalls typologisch oder vom Grund- und Aufriss her behauptet werden, womit ich mich nicht beschäftigt habe. Es ist nach vierzig Jahren aber auch egal, denn es geht in der Architektur um Praxis, zumindest, wenn dort Menschen wohnen sollen. Beklemmend ist Gallaratese allerdings nicht.

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Und dann die Piazza. In Italien ist das ein besonderes Thema, in den allermeisten italienischen Städten ist es am späten Nachmittag voll. Die Leute gehen vorm Abendessen raus, fare una passegiata und fare una bella figura und vedere e farsi vedere, gerne schick angezogen. Es sind soziale Handlungen, man spaziert hin und her, trifft Bekannte, quatscht, ohne Alkohol, ohne Konsum. Es ist ein Bestandteil der italienischen Öffentlichkeit.

Alleine vor diesem Hintergrund  muss man fragen, was in Gallaratese schiefgelaufen ist. Ein Platz in Italien, der ignoriert wird, ist wie ein Ferrari, der überholt wird: Beides ist nicht vorgesehen und geht an sämtlichen Intentionen vorbei.

Vielleicht hat es schlicht damit zu tun, dass auf dem hier oben abgebildeten Platz sich im langen italienischen Sommer niemand aufhält, weil er dort gebraten wird. Und dass die passegiata in einer gated community auf Dauer wohl recht langweilig ist.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Aldo Rossi, der die Planungen wesentlich beeinflusst  hat, in seinen architekturtheoretischen Schriften von allem möglichen redet, aber nicht vom Mensch. Und so scheint dieses einstmals linke Architekturprojekt in Gallaratese doch nur dem Wunsch Alfred Krupps zu entsprechen, der 1877 meinte:

“Nach gethaner Arbeit verbleibt im Kreis der Eurigen”.

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Bezeichnend ist der skulpturale Aspekt der ganzen Siedlung. Es reizt zum Fotografieren, gerade weil das Gebäude immer wieder andere skulpturale Perspektiven bietet. Aber auch das ist dem Bewohner erst einmal äußerlich. Andererseits findet man eine Menge angenehmer Nischen, halböffentlicher Orte mit Details:
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Tatsache ist: Sowohl beim Besuch von Frau Kennedy als auch bei meinem übernahmen die öffentlichen Plätze, die Ecken, die Nischen nicht die Aufgabe, die sie haben. Es ist wie ein Straßennetz, das niemand benutzt. Warum, weiß ich nicht. Ich konnte ja niemanden fragen.

Halt! Ich habe ein Anzeichen menschlichen Lebens gefunden:

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Dann wieder das übliche:

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Ein unfertiger Artikel, weil das Thema so umfassend ist. Demnächst kommen noch ein paar Fotos des Teils der Siedlung, die Rossi gebaut hat.

Kontext:
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(Fotos: genova 2013)

Architektur und Dogma 2 – begütigende Tradition

Der Architekturhistoriker Heinrich Klotz über ein Haus in einem in den 1970ern neu errichteten Ferienbergdorf in Spanien/Katalonien (Foto), das vor allem nach guter alter Zeit aussehen soll:

Ein solides, unterbezahltes Handwerk kommt dem Verlangen nach Ungenormtem entgegen und sorgt für jeden erdenklichen individuellen Schnörkel…

Mit Protest im Zweckverstand geht man auf die Dinge zu und fragt sich, warum nun ein solcher Korbbogen frei im rechtwinkligen Türausschnitt des Einganges hängen müsse, warum die Loggienpfeiler zapfenartige Aufleger bilden, die doch nichts zu tragen haben? Und dennoch kann man nicht böse sein und verärgert einen Aufwand kritisieren, der doch kein Aufwand ist. Eine versöhnliche Bescheidenheit liegt in den Dingen. Wie sich herausstellt, war dies alles im Architektenentwurf nicht enthalten. Man hat den Bauhandwerkern freies Spiel gelassen, für die es weder Gropius noch Le Corbusier gab. So mischt sich Tradition begütigend in das pittoreske Kalkül

(H. Klotz: Die röhrenden Hirsche der Architektur, 1977, Foto: ebd., das merkwürdige Schwarz-Weiß-Muster ist scannerbedingt)

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Für diese Perspektive wurde Klotz von Modernisten belächelt: Verständnis aufzubringen für das kleinbürgerliche Bemühen um Behaglichkeit. Natürlich ist das Haus problematisch, genau wegen der Details, die Klotz erwähnt. Und sicher kann man Klotz kritisieren, dass er hier den bösen “Zweckverstand” gegen das gute “freie Spiel” positioniert. Aber wozu führt die Verurteilung? Zu Nichtverständnis. Und in den 1970er Jahren hatte moderne Architektur genug Schaden angerichtet, um auf diese kleinbürgerlichen Reaktionen nicht arrogant zu reagieren, sondern eher mit Selbstkritik: Warum kommen Leute auf die Idee, solch einen Blödsinn zu bauen? Warum sehen heute ganze Neubauviertel in Deutschland so unglaublich scheiße aus? Warum wird es immer schlimmer? Woher kommt die Regression? Woher kommt das Bedürfnis, etwas wiederzubeleben, was man als Tradition bezeichnet, aber doch keine ist, weil aus dem funktionalen Zusammenhang gerissen?

Das Haus auf dem Bild ist nur auf den ersten Blick gute alte Zeit. In Wahrheit hat seinerzeit niemand so gebaut. Häuser einfacher Leute waren über Jahrtausende hinweg extrem funktional. Man hatte schlicht nicht die Energie, die man für die Realisierung nutzlosen Zierats braucht. Ein Rundbogen aus abgeschrägten Bausteinen wurde eingesetzt, weil ein Stahlbetonträger oder ein Steinsturz zu teuer oder nicht transportabel oder nicht verfügbar waren. Hätte neben einer mittelalterlichen Baustelle ein Sturz herumgelegen, man hätte ihn garantiert eingebaut und sich gefreut, dass man auf den blöden, komplizierten Rundbogen endlich verzichten kann. Fachwerk ist purer Funktionalismus, der zudem die Konstruktion offenlegt. Moderne pur bei einer Architektur ohne Architekten. Der Unterschied zu heute: Damals war funktionale Architektur ungefähr, die Spaltmaße, die Toleranzen waren erkennbar, nichts war perfekt, vieles war pi mal Daumen. Dieses Bild (das zweite) aus einer polnischen Kleinstadt drückt das ganz gut aus. Dank des technischen Fortschritts ist heute alles perfekt, und so bauen wir seriell zwangsläufig monoton, weil das Zweckrationale das Andere qua perfektonierter Technik zum Absterben bringt. Zweckrationalität war zu der Zeit, auf die das Haus in Katalonien anspielt, architektonisch als reine nicht zu erreichen, weil es kein Computer Aided Design gab. Kein Ziegelstein glich dem nächsten. Der heutige Mensch hat es also konkret baulich viel schwerer, sich einer Zweckrationalität zu entziehen. Sie ist ihm heute ganz selbstverständlich möglich. Tradition war über Jahrhunderte in der Massenarchitektur zwangsläufig implementiert, weil es nichts anderes gab. Tradition konnte gar nicht anders als behutsam weiterentwickelt werden. Alle paar hundert Jahre kam es zu einer neuen technischen Lösung und zu einem neuen Material.

Adorno schreibt dazu in dem Aufsatz Über Tradition (Ges. Schriften., Bd. 10.1, S. 311 ff.):

Real verlorene Tradition ist nicht ästhetisch zu surrogieren. Eben das tut die bürgerliche Gesellschaft. Auch die Gründe dafür sind real. Je weniger ihr Prinzip duldet, was ihm nicht gleicht, desto eifriger beruft es sich auf Tradition und zitiert, was dann, von außen, als “Wert” erscheint. Dazu ist die bürgerliche Gesellschaft gewzungen. Denn die Vernunft, die in ihrem Produktions- und Reproduktionsprozess waltet und vor deren Gericht sie alles bloß Gewordene und Daseiende ruft, ist nicht die volle.

Eine recht aktuelle Passage. Der Spaziergang durch ein aktuelles Neubauviertel – im Osten naturgemäß noch schlimmer als im Westen – zeigt das Ausmaß des eifrigen Zitierens von Werten, die rein äußerlich sind. Es sind grandiose geistige und ästhetische Katastrophen, die sich vermutlich leicht in Verbindung bringen lassen mit Fremdenfeindlichkeit und Regression. Je massiver der Neoliberalismus zuschlägt, desto verbissener rennt man in den Baumarkt und besorgt sich Sprossenfenster, schmiedeeiserne Lampen, manieristische Geländer, pastellfarbenen Rauputz und so weiter. Ich muss hier leider kulturpessismistisch sein: Seit den 1960er Jahren ist ein massiver Abwärtstrend zu beobachten. Das, was heute im Privaten gebaut wird, war in seiner Scheußlichkeit, in seiner objektiven ästhetischen Regression, vor 50 Jahren nicht einmal denkbar.

Im Osten naturgemäß schlimmer, weil der gebeutelten Bevölkerung erst von den Nazis, dann von der SED so ziemlich alles ausgetrieben wurde, was als Tradition sich behutsam hätte entwickeln können. Dann der Bruch 1989, der die Unsicherheiten und Regressionen offenbar werden ließ, man konnte das nicht mehr zukleistern. Der Wessi prügelte auf den Ossi ein. Seitdem übt sich der Ossi darin, Ausländer zu verprügeln und Gartenzwerge aufzustellen.

Bin ich jetzt vom Thema abgekommen?

Das Haus auf dem Bild oben ist weit entfernt von aktueller Regression. Es lebt dort immerhin Tradition in Form handwerklicher Überlieferungen weiter. Die werden zwar nicht mehr angemessen, also nicht mehr der Tradition gemäß eingesetzt. Sie sind auch nicht angemessen weiterentwickelt, dan nur noch äußerlich. Aber man verfügt immerhin über das Wissen und die Fähigkeiten, das Material adäquat zu bearbeiten. Die aktuellen Katastrophen gehen einen entscheidenden Schritt weiter: Es gibt keine Angemessenheit mehr dem Material gegenüber. Anonym und industriell – an unbekanntem Ort – hergestellte Massenware, die einem Fertighaus angeklatscht werden. Es geht um den reinen Schein, der doch jedem halbwegs Gebildeten zeigt, dass hier schlechter Geschmack zuhause ist.

Eine angemessene Form der Fortführung von Tradition in modernen Zeiten wäre erstens ein bewusstes Besinnen auf den Vorrat, den man zur Verfügung hat, und zweitens eine klare Analyse der herrschenden Zustände. Es wäre, um auf Heinrich Klotz zurückzukommen, der Einsatz von Ungenormtem, aber eben ohne Schnörkel. Das regressive kapitalistische oder meinetwegen bürgerliche System bringt Ungenormtes nur in Verbindung mit Schnörkel hervor, was dafür spricht, dass es keine bewussten Menschen gibt. Kenneth Frampton hat mit dem Begriff des kritischen Regionalismus versucht, dieses Bewusstsein zu entwickeln, was eine Reaktion zu den oberflächlichen Spielereien der Postmoderne in den 1980ern war. (An der Ausbreitung dieser oberflächlichen Spielereien war Heinrich Klotz nicht unschuldig. Dazu demnächst mehr.) Frampton hat sich nicht durchgesetzt, wenn ich das richtig sehe.

Aber noch etwas positives: Wer einen außerordentlich gelungenen architektonischen Umgang mit Geschichte, Tradition und Brüchen besichtigen will: Das Neue Museum in Berlin von Chipperfield. Schräg gegenüber der gerade entstehenden Katastrophe namens Berliner Stadtschloss.

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Deutschland muss Verantwortung fürs notwendige Töten übernehmen

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Ganz so billig sollte die Süddeutsche ihre Treue zum System nicht zur Schau stellen, wenn sie vom gehobenen Mittelstand noch ernst genommen werden will. Aber vielleicht haben die Soldaten in ihren Taschen in der linken Hand ja ganz viel Geld, das sie den Armen geben wollen. Und die Gewehre sind aus Plastik.

Deutschland muss Verantwortung übernehmen, schreibt Stefan Braun. Ein netter Euphemismus für Kriege anzetteln und Menschen töten.

Selbst wenn die meisten Deutschen am liebsten weiterwursteln würden – Freunde und Partner in der Welt werden die Debatte erzwingen. Es ist keine eitle Erfindung eines Präsidenten und zweier Minister. Es ist ein Thema, mit dem alle, die Deutschland in der Welt vertreten, konfrontiert werden. Was will Deutschland sein in der Welt? Welche Interessen verfolgt es? Mit welchen Mitteln? Und: Ist es bereit, Lasten zu teilen? Diese Fragen von Freunden sind es, die Gauck, Steinmeier und von der Leyen antreiben.

Es ist ein merkwürdiges Menschen- und Weltbild, das da vertreten wird. Aufrufe von Politikern zu mehr Kriegen werden umgebogen zu “dem Kontinent (Afrika) massiv bei der Entwicklung helfen”. Eine Worthülse nach der anderen, und dann das ständige Personalisieren von “Deutschland”. Wir sind alle Deutsche und vor Gauck gleich. Die Kriegstreiber wollen angeblich nur Lasten teilen. Gauck will also mit seiner Forderung nach Militäreinsätzen in Wahrheit gar keine Militäreinsätze. Er hat sich nur komisch ausgedrückt.

Die Kommentatoren unter dem Artikel sind ein weiten Teilen wesentlich aufgeklärter als Herr Braun und erkennen die Marschrichtung.

Was treibt die Süddeutsche an, das Umherballern zu legitimieren? Die friedenstiftenden Ergebnisse im Irak und in Afghanistan? Man liegt vermutlich nicht völlig falsch, wenn einem da Lenins “Imperialismus als höchster Stufe des Kapitalismus” einfällt. Wenn die gewünschte Rendite in der heimischen Realwirtschaft nicht mehr erzielt wird, die Finanzmärkte sich als Blasen erweisen, der Dax brodelt und immer noch Kapital zum Rentieren vorhanden ist, dann muss halt der gute deutsche Soldat ran und erkunden, wo auf der Welt es noch etwas zu holen gibt. Außerdem haben die Rohstoffe. Das Ermorden eines Menschen ist kapitalistisch betrachtet nicht tragisch, solange zuvor nicht viel in ihn investiert wurde. Da kommt Afrika gelegen.

Währenddessen bläst ein paar Zimmer weiter der Kamerad Marc Beise, Chef der SZ-Wirtschaftsredaktion, weiter zum erbarmungslosen Wirtschaftskrieg gegen alle, die sich den neoliberalen deutschen Befehlen verweigern. Von Reichtum teilen hält der nicht mal etwas innerhalb der deutschen Grenzen. Passt schon.

144(Foto: genova 2013)

Diese Leute haben meine Solidarität:

Der Spiegel berichtet über ein albanisches Dorf namens Lazarat, in dem Cannabis angebaut wird:

In einem albanischen Bergdorf haben die Marihuana-Bauern ihr Anbaugebiet gegen eine großangelegte Razzia der Polizei verteidigt. Mehr als 10.000 Cannabis-Pflanzen haben die Beamten schon zerstört, die Dorfbewohner wehren sich mit Panzerfäusten…

10.000 Cannabis-Pflanzen rund um Lazarat seien zerstört worden, meldete die Polizei. Der Einsatz werde fortgesetzt, bis alle Pflanzen zerstört seien. Die Spezialkräfte konnten jedoch nicht vollständig in das Dorf eindringen, das mit Granaten verteidigt wird. Gegenwehr sei vor allem aus zwei Häusern im Dorf gekommen, die als regelrechtes Waffenarsenal gedient hätten..

2004 griffen Unbekannte einen italienischen Helikopter an, der im Verdacht stand, die Cannabis-Felder zerstören zu wollen. Lazarat gilt als Mekka für den Anbau von Marihuana. Jedes Jahr sollen hier 900 Tonnen der Rauschgiftpflanze geerntet werden. Geschätzter Marktwert: 4,5 Milliarden Euro. Das entspricht beinahe einem Drittel des albanischen Bruttoinlandsproduktes. Die Razzia ist Teil einer landesweit forcierten Aktion, um gegen die zahlreichen Cannabis-Plantagen in Albanien vorzugehen. Das Balkan-Land ist eines der größten Cannabis anbauenden Regionen in Europa.

Toll. Die wehren sich. In Berlin lassen sich die Ertappten alle willenlos abführen, die Bullen können agieren, wie sie wollen. Da unten läuft das offenbar anders.

Wie bekloppt: Ein Drittel des albanischen BIP, und die “Beamten” strengen sich mächtig an, das zu zerstören.

Man muss sich das mal vorstellen: Heerscharen von Polizisten haben nichts besseres zu tun, als ehrliche Cannabis-Züchter fertigzumachen. Wer gibt denen den Befehl? Politiker, die unbedingt in die EU wollen?

Diese Bauern sorgen indirekt dafür, dass auch in Deutschland Gras mit annehmbarer Qualität auf den Markt kommt. Jede Razzia verringert die Chance auf gutes Gras. In dem Dorf werden laut Spiegel jedes Jahr 900 Tonnen geerntet, Marktwert rund 4,5 Milliarden Euro.

Wikipedia schreibt zu Lazarat:

Das Dorf, das vermutlich im 16. Jahrhundert gegründet worden ist und später eine Kolonie von Aussätzigen gewesen sein soll, wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg stark, als die Kommunisten unliebsame Familien dorthin deportierten. Dadurch bildete sich im Dorf eine „regimekritische Haltung“…

Das Dorf Lazarat entzieht sich der Kontrolle der albanischen Behörden, seit 2004 der Polizeiposten zerstört worden ist.

Wie sieht es eigentlich mit der Überproduktion in der EU-Landwirtschaft aus? Tiefgeforene deutsche Hühnchen, die hier niemand essen will, werden subventioniert nach Afrika exportiert und zerstören dort die heimischen Märkte. Der Anbau attraktiver und nachgefragter Produkte in Europa hingegen wird mit Bullengewalt zerstört.

Ein sympathisches Land, in dem “Spezialkräfte” ein Dorf nicht einnehmen können, deren Bewohner einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. In Deutschland undenkbar.

Es erinnert mich an einen alten Wackersdorfer Bauern, der 1987 sagte: “Wenn mich ein Polizist anfasst, dann wehre ich mich, das ist doch klar!”

Viel Erfolg für die Panzerfäuste.

062(Foto: genova 2013)

Vom Kollegialitätsprinzip des Kapitals

Brr. Da schüttelt es einen ja. Aus der FR:

Arbeitnehmer aus ganz Deutschland nehmen beim J.P.Morgan-Lauf für ihr Unternehmen die Beine in die Hand. 71.735 Aktive aus 2781 Firmen laufen für den guten Zweck durch Frankfurt. Die Stimmung ist wie auf einem Betriebsfest…

Der J.P.Morgan-Lauf, informiert J.P.Morgan, ist „ein Lauf für Teamgeist, Kollegialität, Fairness, Kommunikation und Gesundheit“, also eigentlich für die Eckpfeiler der freien Marktwirtschaft…

Morgan war der mächtigste Bankier seiner Zeit. Ein Glückspilz auch: Eigentlich hätte er auf der Jungfernfahrt der Titanic dabei sein sollen, wurde aber rechtzeitig krank. Der Autor F. William Engdahl behauptet, Morgan habe den Grundstock zu seinem Wahnsinnsvermögen gelegt, indem er im amerikanischen Bürgerkrieg gebrauchte Gewehre von der Armee kaufte, kurzerhand für neu erklärte und zum mehr als sechsfachen Einkaufspreis zurückverhökerte. Das mag stimmen oder nicht. Mit Sicherheit war J.P. Morgan ein raffiniertes Schlitzohr, und als solches hätte er an dem J.P.Morgan-Lauf und angesichts der Mittel und Wege, die die Welt so entwickelt, seine helle Freude gehabt.

Tolle Sache: Die Mitarbeiter strampeln sich auch in ihrer Freizeit fürs Unternehmen ab, die Chefetage lacht sich vermutlich schlapp über ihre Büttel und schätzt die Mittel und Wege, die die Welt so entwickelt.

Die drei größten Teams stellten die Deutsche Bahn (1510 Läufer), die Lufthansa (1414) und die Deutsche Bank (1308).

In Sachen Teamgeist, Kollegialität, Fairness etc. noch das hier:

Der Uno-Sonderbeauftragte für das Recht auf Ernährung, Olivier de Schutter, fordert eine stärkere Regulierung von Spekulationen mit Lebensmitteln und rügt die Rolle der Deutschen Bank. „Die Rolle von Investmentbanken wie der Deutschen Bank hat stark zugenommen. Der Preis von Lebensmitteln wird immer stärker von Finanzakteuren bestimmt…Die Spekulationen von Finanzinvestoren mit Agrarrohstoffen trügen dazu bei, dass die Menschen in Entwicklungsländern sich ihre Nahrung nicht mehr leisten können. Zurzeit hätten 925 Millionen Menschen nicht genügend Nahrung. Damit hungere fast jeder siebte Mensch.

Gut, Fairness und Kollegialität muss man wohldosiert einsetzen. Kritiker mögen bitte anerkennen, dass die Kameraden der Deutschen Bank beim Joggen in Frankfurt keinen Kollegen per Ellenbogen in den Main befördert haben. Außerdem hat niemand ausdrücklich behauptet, dass Fairness, Kollegialität etc. für Afrikaner gelten. Kollegialität setzt das Vorhandensein eines Kollegen voraus. Und da kann nun man nicht jeder daherkommen. Kollegialität wird gewissermaßen nur dann geübt, wenn man gemeinsam mit allen Kollegen die Welt in den Abgrund treten kann. Und nicht zuletzt: Wenn man nichts zu essen hat, kann man sich auch nicht ungesund ernähren. Eine Sorge weniger.

063(Foto: genova 2013)

Mahnwache Berlin, 2. Juni: Versuch einer unvoreingenommenen Beschreibung

Was mir von Beginn an auffiel, ohne es gleich benennen zu können: Es fehlt die linke Infrastruktur. Als jemand, der in den 1980ern auf Friedens- und Anti-Atom-Demos war, ist der erste Eindruck der neuen Montagsdemo in Berlin der von einer Lücke. Es sind die fehlenden Infostände von linken Verlagen, Initiativen, Grüppchen. Das war seinerzeit nett als Zeitvertreib und Informationsbeschaffung. Man konnte auch ein wenig diskutieren.

Am Montag: nichts. Man soll sich zwar selbst informieren, aber es ist nichts da. Das komplette linke Lager ist auf den Montagsdemos nicht existent. Schätzungsweise 800 oder tausend Leute, die an der Mahnwache teilnehmen. Wer teilnimmt und wer nur als Passant stehenbleibt, ist nicht immer klar auszumachen.

Unbedarftheit. Das Wort fällt mir beim Besuch am Brandenburger Tor öfter ein. Vordergründig sind alle nett und lieb, fehlt nur der Grasgeruch über der location.

Eine Unbedarftheit, die bei manchen noch locker rüberkommt. Der Wiener Musiker Kilez More tritt mehrmals auf, ein netter, energetischer Typ, der die Leute aktivieren will, sie ständig für irgendwas klatschen lässt (“Ein Applaus für euch, dass ihr gekommen seid!”. Irgendwas ist immer.) So einem kann man nicht böse sein. Aber es schrammt halt an der Grenze der Lächerlichkeit entlang, wenn man immer wieder betont, dass man nichts geringeres als den “Weltfrieden” erreichen wolle. Und auch bei ihm der Ansatz, ohne “Fiat-Money” wäre die Welt ein Paradies.

Die Unbedarftheit beginnt zu nerven. Spätestens, als sich ein etwa 30-jähriger Patrick, wohl Mitorganisator, auf die Bühne stellt und ganz ahnungslos fragt, wie man ihn nur als Neurechten bezeichnen könne. Meine Güte: Das Thema wird nun seit mindestens zwei Monaten intensiv diskutiert, es sind unzählige Artikel in Zeitungen, Blogs und anderswo erschienen. Dort wird klar argumentiert, warum diese Demos nach rechts offen sind und was in diesem Umfeld an rechtsradikalen Strukturen existiert. Patrick ignoriert die Argumente und stellt sich als Opfer dar. Er sei Ausländer und früher von Rechten verprügelt worden. Aha. Ist Patrick wirklich so blöd oder tut er nur so? Ist er nicht in der Lage, die Zeitungsartikel zu lesen und nachzuvollziehen und angemessen zu antworten? Ich weiß es nicht.

Die Amis zündeln, die EU als willenloses Instrument: Dieses Schild ist jeden Montag dabei. Kritik daran scheint es nicht zu geben. Auf der Bühne Joan Baez:
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Ähnlich drauf ist der Chef Lars Mährholz. Auch einer, der zupackt, der selbstverständlich den Generator an seinen Platz trägt, der im Sekundentakt Hände schüttelt und Oberkörper umarmt und Interviews in Kameras gibt. Ein sympathischer Prominenter. Ansonsten: harmlos. Er ist für den Weltfrieden und kritisiert Jutta Ditfurth, weil die derzeit um Spenden als Prozesskostenhilfe in Sachen Elsässer bittet. “5.000 Euro, oh Mann, was könnte man damit machen!” Ein völlig sinnfreier Beitrag, aber breiter Applaus. Ditfurth scheint hier so eine Art negative Übermutter, von der man sich lossagen möchte, sich aber nur abarbeitet. Mährholz weist überschwänglich auf den jüngsten Demoteilnehmer hin, der auf den Schultern der Mutter sitzt: ” Arthur, 19 Monate alt und schon dabei, Wahnsinn!” Ja, wirklich, Wahnsinn.

Mährholz ist der links:
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Dann hält eine junge Feministin einen längeren Vortrag über Kapitalismus (das Wort fällt jetzt tatsächlich). Das erste Mal an diesem Montag, dass sich das Zuhören halbwegs lohnt. Sie bittet Leute mit Schulden auf die Bühne. Es kommt ein junger Mann mit 600 Euro GEZ-Ausständen nach oben. (“Ich gehe ins Gefängnis, wenn es sein muss!”). Der nächste Redner erklärt, dass er am Rande der Demo kostenlos kaputte Fahrräder repariert. Und ein Sänger aus Überlingen singt das übliche Harmoniegemansche auf seiner Akustik-Gitarre; es geht vermutlich um Frieden. Vorher erzählt er noch, dass er dieses Mal nach Berlin nicht geflogen sei, sondern via Bus angereist (“zwölf Stunden im Bus!”). Applaus, Applaus.

Zwischendurch eine Ansage: Eine mittelalte Frau berichtet, sie habe einen Lesekreis eingerichtet, Mitlesende seien willkommen. Gelesen werde aktuell ein Buch von Andreas Popp.

Es könnte sich einem der Magen umdrehen. Leute, die meinen, sie verfügten über die Fähigkeiten, “die Massenmedien” runterzuputzen, fallen auf den erstbesten Rechtspopulisten und Demagogen herein.

Es ist eine Gemeinsamkeit fast aller Redner an diesem Montag: durch Unbedarftheit, durch demonstrative Ahnungslosigkeit, gepaart mit dem persönlichen Bekenntnis entsteht ein Gruppengefühl. Man ist nicht rechts oder links, sondern pro Frieden. Vielleicht wäre es besser, das Gemeinsame noch banaler zu gestalten: wir atmen.

Auf einer Montagsdemo in Mainz erklärte die Organisatorin ganz zum Schluss, das Orga-Team wisse gar nicht, was rechts und links sei. Lernt man das nicht in der siebten Klasse? Was in anderen Zusammenhängen ein Grund wäre, erstmal die Klappe zu halten und sich zu informieren, gehört bei den Montagsleuten zum guten Ton. Einerseits sich extrem informiert geben und jeder Verschwörungstheorie hinterherrennen, bei Bedarf aber einen auf authentisch machen: Wir wissen alle nichts, dann haben wir zumindest etwas gemeinsam.

Im Laufe der Veranstaltung wird es ärgerlich: ständiges Reden von Liebe, “Ihr Lieben” ist die Standardanrede. (Reden so nicht Eltern mit ihren kleinen Kindern? In der Hoffnung, den Gegenpart durch das Verniedlichen zu verharmlosen?) Ständiges Hypen des eigenen Friedensanspruchs, aber die interessanten Themen werden ausgeklammert: Was hat es mit dem “humanistischen Grundkonsens” gegen Elsässer und Co. auf sich, der unter anderem von Jebsen unterzeichnet wurde, aber nicht von Mährholz? Gleichzeitig tritt Elsässer auf Montagsdemos in Erfurt und Karlsruhe auf. Die Gegenbewegung läuft über den Ex-Attacie Shayar. Es gäbe eine Menge Gründe, inhaltlich zu diskutieren. Nichts davon wird angesprochen. Ich spüre den Betrug. Es ist wie Werbung im TV. Die Mahnwachler imitieren die Strukturen der von ihnen kritisieren Gesellschaft. Das Interessante, das Notwendige wird nicht gesagt. Es scheint auch niemand vor Ort, der bei den brisanten offenen Frage Klarheit will. Die tollen Infokrieger desinformieren sich selbst. Wie lächerlich. “Wir sind eins”, singt Morgaine aka Joan Baez. Bei solch einer symbiotischen Haltung geht es ums Verschmelzen. Das Merkmal einer intimen Beziehung wird auf die Masse umgelegt. Wir sind das Volk, heißt es auch folgerichtig.

Man ist sich derzeit wohl nicht ganz einig, ob nun “Wir sind eins” die offizielle Hymne der Bewegung sein soll oder ein Lied des Musikers Photon, der davon singt, dass Michael Jackson von amerikanischen oder israelischen Geheimdiensten umgebracht wurde, weil er die Wahrheit gesagt habe. Wird man ja noch sagen dürfen.

Andererseits: Es kommt in Ansätzen eine Menge richtiger Kritik. Monsanto, die Rüstungsindustrie, Krieg als Mittel der Politik, Kapitalismus als Barbarei, Massentierhaltung, die aggressive Politik der USA, Imperialismus, Herrschaftsstrukturen bei den Medien und mehr. Es kommt allerdings nie mehr als die bloße Anschuldigung. Diese Leute haben keinerlei Instrumente zur Hand, um eine ernsthafte Auseinandersetzung führen zu können. Es geht mehr um den Bauch. Dazu passt auch die anwesende Esoterik. Kristalle und so.

Und hier stellt sich auch die Frage nach dem Versagen des linken Lagers, wie kürzlich von Ulla Jelpke in der jungen welt thematisiert. Man darf die Uninformierten nicht rechten Rattenfängern wie Elsässer oder Jebsen überlassen. Über Pfingsten läuft in Berlin der Kongress “Marx ist muss”. Vier Tage viele interessante Vorträge und workshops. Es wäre eine Gelegenheit für die neuen Friedensfreunde, sich zu informieren, jenseits ihrer rechten Verschwörungsseiten im Netz. Das passiert nicht, vermute ich. Lieber über die unsichtbaren Bösen da oben motzen.

Und es gibt auf diesen Montagsdemos auch andere Anführer. In Leipzig beispielsweise sind Leute am Start, die klarer sehen.

Ich verlasse die Veranstaltung mit einem Gefühl von Klebrigkeit und Langeweile. Tausend Selbstaffirmationen in einer slimeartigen Masse, keiner merkt, wie sehr man veräppelt wird und selbst daran teilnimmt. Sicher ist: Die herrschende Klasse kann sich entspannt zurücklehnen. Es könnte kaum besser laufen.

P.S.: Drei weitere Artikel zu den Montagsdemos:
Ken Jebsen und die Ameisen
Rechte Menschenfänger
Ken Jebsen und die Nazis

(Fotos: genova 2014)