Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Ein Redner auf der Montagsdemo:

“Das ist alles von der CIA gemacht! Und vom Mossad! Sie wollen uns unterwerfen. New World Order, schon mal davon gehört?!”

Das sagte kürzlich ein prominenter Teilnehmer der Berliner Montagsdemo.

Hoppla, Entschuldigung, ich habe mich verlesen. Ich sehe gerade: Das sagte kürzlich ein deutscher Islamist und bekennender ISIS-Sympathisant in Hamburg zu einem Zeit-Journalisten auf die Frage, was er von Kopfabschneiden halte.

Wie sich die Bilder gleichen. Und schön zu sehen, wohin die Verwirrung führen kann. Systemkritiker, wie sich diese Leute, egal ob Friedensfreund oder Islamist, gerne nennen, bedeutet heute: Komplettverweigerung des Denkens. Elsässer und unzählige andere Demagogen und glühende Antisemiten (*Daumendrücken für Jutta Ditfurth*) geben die Begriffe vor, die Verweigerer aller Couleur greifen begeistert zu. Selbstentlastung durch Verschwörung. Sowohl die rechten Friedensfreunde wie auch die Islamisten haben sich Parallelwelten geschaffen, vor allem im Internet, die Aussagen wie die oben oder die folgende möglich machen und plausibel erscheinen lassen. Es ist die technische Möglichkeit, sich gleichzeitig zu informieren und total abzukapseln. Die NWO ist dem Islamisten das gleiche Dorn im Auge wie dem Nazi und dem deutschen Friedensfreund.

“Meinungsfreiheit” ist neben NWO ein weiteres Lieblingsargument der Komplettverweigerer, sowohl bei Friedensfreunden als auch bei Religionsfanatikern und Nazis. Der Islamist aus Hamburg fragte:

“Ich kann den IS doch gut finden, oder nicht? Wenn die Leute hier Schwule und Lesben gut finden dürfen, darf ich doch wohl den IS gut finden. Das ist Meinungsfreiheit, oder?”

Genau. Das Interessante ist: Man ertappt sich beim formalen Zustimmen. Ähnlich wie bei den Montagsdemos: Es gibt Argumente, denen man argumentativ nicht mehr begegnen kann. Es ist dies der Augenblick des resignierten Nickens. Ohne unpassende Vergleiche ziehen zu wollen: So ähnlich stelle ich mir die Lage der Vernünftigen vor, in der sie sich ab Anfang der 1930er Jahre in Deutschland befanden. Kapitulation vor denen, die vorm Denken kapitulieren.

(Quelle: Zeit, 16.10.14, S. 6)

Der neue Trend der Mittelklasse: das Haus vorm Haus

Die Doppelhaushälftengarage vor der Doppelhaushälfte, schön mit Satteldach und zumeist im aktuell trendigen Pastellgelb: So sieht´s aus in der westdeutschen Provinz.

Bild zwei ist fast zu schade, um es in dieser Reihe zu bringen, mit den Blindgauben eine perfekte Kunstinstallation. Bild vier zeigt eine Revolution: kein Satteldach! Der Nachbarschaftsstreit ist programmiert. Dafür hat der Hausherr das verwendet, was man in diesem Milieu als Naturstein bezeichnet. Es ist das Pendant zur Jeans, die man mit Löchern drin neu kauft; ein Stein, der maschinell zum Naturstein behandelt wird. Wobei sein Nachbar auch mutig ist: Er hat das Garagentor asymetrisch angebracht. Die deutsche Mittelklasse muckt auf.

Vor diesen Häusern steht oft ein Golf in der aktuellen Version. Man sieht plötzlich, wie angenehm unprätentiös dieses Auto ist. Alles eine Frage des Vergleichs.

137 152 154 157 158(Fotos: genova 2014)

Freitag, Augstein und die Befindlichkeiten

Was ist eigentlich vom Freitag zu halten? Nein, nicht von heute, sondern von der Wochenzeitung. Von Jakob Augstein gepäppelt, mit aktiver Community, nicht moralinsauer, sondern irgendwie progressiv links.

Mir geht der Freitag auf den Zeiger. Jüngstes Beispiel: Die empfehlen alle sieben Tage ein neues “Buch der Woche”. Aktuell ist das das Werk des neuen Stars am Ökonomenhimmel, Marcel Fratzscher, Professor an de Humbold-Uni in Berlin und DIW-Chef. Ich erwarte da nun etwas Lesenswertes. Was steht in dem Buch? Der Staat soll mehr Geld für Infrastruktur ausgeben. Stimmt wohl, ist aber nicht neu und nicht originell. Dann lese ich, dass Fratzscher die Agendapolitik von rot-grün als eine sinnvolle Reform bezeichnet. Und die bürgerlichen Medien von FAZ bis Zeit loben das Buch überschwänglich.

Was soll diese Leseempfehlung in einer angeblich linken Zeitung? Und es ist nicht nur eine Leseempfehlung, sondern das Buch wird massiv gehypt. Außerdem verlinken die Freitag-Leute auf üble Diskussionen neoliberaler Adepten mit dem einschlägig bekannten ZDF-Mann Peter Frey. Man wundert sich kurz und prüft, ob der Browser nicht versehentlich die Seite des Manager-Magazins oder des Handelsblatts angesteuert hat. Hat er aber nicht. Und man liest: “In Kooperation mit Hanser”, dem Fratzscher-Verlag. Danke für die Information.

Vermutlich soll Fratzscher eine Art Neuorientierung in den deutschen Wirtschaftswissenschaften einleiten. Die Hardcore-Neoliberalen sind nicht mehr en vogue, ein wenig Keynes täte ganz gut, also Fratzscher. Doch warum macht eine angeblich linke Zeitung diesen Mini-Schwenk kritiklos mit?

Die Community scheint mir auch eher dämlich denn informiert. Vor ein paar Jahren lasen die allen Ernstes gemeinsam ein Buch von Matussek über Katholiken. Und jüngst wurde massiv diskutiert, dass die neuen Montagsdemos doch ganz in Ordnung seien.

Diese Indifferenz passt ganz gut zu meinem Eindruck von Jakob Augstein. Ein cooler Typ, lässig, keine Frage, der aber sein Linkssein als Feigenblatt vor sich herträgt. Er hat ja immer noch seine Phoenix-Sendung mit dem Volksverhetzer Nikolaus Blome, seinerzeit für die Griechenland-Hetze der Bildzeitung verantwortlich. Augstein macht diesen Typen bei Linken salonfähig, eine weitere Funktion hat die Sendung für den Zuschauer nicht. Augstein ist vermutlich so eitel, dass er das Angebot einer TV-Sendung nicht ausschlagen kann.

Kürzlich diskutierte Augstein mit Joseph Vogl, der ein vielbeachtetes Buch über die Finanzmärkte geschrieben hat (“Das Gespenst des Kapitals”) im Gorki-Theater in Berlin über die Linken und Gott und die Welt. Ganz interessant, vor allem Vogel, keine Frage. Skurril wurde es, als sich beide fragten, ob denn bald eine Revolution komme. Der eine ist Millionär mit der Möglichkeit, ständig seine Meinung in Kameras zu sagen, der andere hat eine Professur auf Lebenszeit. Die beiden könnten bei einer Revolution nur verlieren. Oder sie hoffen auf neue Posten: Augstein als Staatschef und Vogl als Kultusminister.

Es war im Gorki eine der üblichen Hauptstadttändeleien: Man kokettiert ein wenig mit Revolution und linken Haltungen, aber bitteschön nur innerhalb des kapitalistischen Rahmens, der einen vorzüglich alimentiert. In einem Radius von schätzungsweise zehn Kilometern um das Gorki-Theater in Mitte herum gibt es für Durchschnittsverdiener keine Wohnungen mehr. Für Augstein schon. Ein wenig Salonsozialismus, der nur zeigt, wie wahnsinnig liberal dieses System ist: Man darf sogar über Revolutionen sinnieren. Wohl aus diesem Grund gibt es auch so auffällig viele Marxisten auf Lehrstühlen amerikanischer Unis. Man ist halt tolerant. Aber bitte nur bei den Literaturwissenschaftlern.

Apropos: Angesichts des 50. Geburstags des Eindimensionalen Menschen von Marcuse lohnt vielleicht die Lektüre. Demokratie als Repressionsapparat. Vermutlich erfährt man darin auch einiges über den Freitag.

194(Foto: genova 2013)

Architektur und Dogma 4 – zum Stand des Materials (Teil 1)

Wie zeitgenössisches Bauen in Berlin aussehen kann, das den Stand des Materials testet zeigt dieses Privathaus in Berlin-Pankow. Randstädtisch gelegen, in einem eher heruntergekommenen Viertel, wo die Grundstückspreise noch erschwinglich sind. Die Philosophie, wie man sagt: Das Haus wird, wo möglich, im Rohbaustadium belassen, die verwendeten Materialien sind, wo möglich, recycelte. Das Haus ist auch als work-in-progress zu lesen: Die Bewohner können jederzeit weiterwerkeln, wenn sie das Bedürfnis danach haben.

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Die Fassade des Doppelhauses folgt der Funktion. Die Fenster sind dort angebracht, wo sie gebraucht werden, es wurde von innen nach außen gebaut. Der Erker und das zurückgestaffelte dritte Geschoß sind Rückgriffe auf traditionelle Bauweisen, und zwar da, wo sie Sinn ergeben. Der Eingangsbereich ist unprätentiös, ein dünner Aluzaun zeigt den halböffentlichen Bereich an, ohne auszugrenzen; das EG ist mit dem Fensterband (dahinter liegt die Küche) nicht abweisend, wobei die Fenster hoch genug angesiedelt sind, um sich nicht in den Schritt gucken zu lassen. Ungewöhnlich ist die ins Fensterband eingebaute Tür, vielleicht, um künftig eine weitere Möglichkeit zum Kontakt nach draußen zu haben. Angenehm, dass Alu- statt Kunststofffenster eingesetzt wurden. (Das mag nicht unbedingt effizienter sein, aber weiße Kunststofffenster sind kaum noch fortschrittlich verwendbar, weil sie in Berlin das Erbe der Altbau-Holzfenster angetreten haben, und zwar inklusive strenger Dämmvorschriften, weswegen die Profile viel zu breit wurden: ein ästhetisches Missverhältnis, das in Berlin überall zu beobachten ist und das auf eine aktzeptable Auflösung wartet. Wenn das offenbar nicht einmal in dieser Avantgarde-Atmosphäre möglich ist: besser Alu.)

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Die Außenhaut (kein Porenbeton, aber wohl etwas ähnliches) bleibt unverputzt, das Material selbst übernimmt die Außenwirkung. Man nutzt also nicht die Möglichkeit, via Außenanstrich eine schnelle, gewollte Wirkung zu erzielen, sondern setzt sich den inneren Qualitäten des Materials aus, die nicht beeinflussbar sind. Der Stein macht, was er will.

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Das Bild des rückwärtigen Gartens zeigt das ungemein Angenehme des Objekts: Das permanente Entlangtasten an der Grenze zwischen Avantgarde und Asozialität. In Teilen sieht es dort aus wie in einem abgefuckten Schrebergarten mit Messiqualitäten, aber eben immer mit dem sicheren Gespür dafür, wie weit man gehen kann. Das Abgefuckte ist immer als bewusster Einsatz von wiederverwendbaren oder einfach alten, abgenutzten Materialien und Objekten zu lesen. Die aus alten Zeiten (auf dem Gelände stand früher eine kleine Fabrik, glaube ich) stehengebliebene Ziegelwand ist in der gesellschaftlichen Mitte längst angekommen, der ebenso belassene Boden schon weniger

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Dazu kommen Haufen alter Ziegel und anderer Steine, die teilweise als Blumenkübel dienen, teilweise aufeinandergeschichtet Lebensraum für kleine Tiere.

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Stein, Ziegel, Grasbüschel, Kiesel, Holzlatten: Das Gegenteil eines rein formal angelegten Gartens, vielleicht eine Weiterentwicklung angelegter Landschaftsgärten mit dem Vertrauen, dass die Fusion von Natur und Kultur schon etwas ergeben wird, das uns anspricht, weil es unserer Lebenswirklichkeit entspricht. Ein Bild von Natur also, das den menschlichen Einfluss nicht leugnet, auch nicht in seiner Schäbigkeit.

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Genau genommen Bauschutt, der als Füllmaterial für den Boden dient.

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Eine Holzarretierung, vermutlich aus der Zeit der Ziegelwand links, wurde in den Übergang zur Hausmauer integriert, nicht weggerissen.

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Das urban gardening wirkt hier überzeugender als in den hippen Gärten der Innenstadt, wo das Thema schon längst wieder der Verkapitalisierung und der Systemstabilisierung genutzt wird.

Bauen und Recycling, ein mittlerweile angesagtes Thema von Architekten, die zwar wenig bauen, aber dafür eine Menge Aufmerksamkeit bekommen. Arno Brandlhuber ist so einer, der, selbst mitten im hochpreisigen Berlin, interessante Sachen macht. Es ist der Mut, einer tabula rasa zu misstrauen, weil so nur Geschichte entsorgt wird mit dem Ziel, Gegenwart und Zukunft zu manipulieren. Es ist das Bekenntnis, dass das Vorhandene genutzt werden kann und soll, schon einmal, weil es Teil der eigenen Geschichte ist. Eine Gefahr besteht dann in einer Romantisierung des individuellen Geschichtsgedächtnisses: Youngtimer, die der arrivierte  Neukreuzberger gerne fährt, weil sie ihn an seine unschuldige Kindheit erinnern. Erinnert an die Gründe für den aktuellen Berliner Schlossneubau.

Und zu dem Thema: Das offizielle Dauergeplapper zu Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wird zur Farce, wenn das Ziel nach wie vor bleibt, abzureißen und ein systemisch vermitteltes propagandistisches Geschichtsbild zu erstellen. Siehe Palast der Republik: Statt das Ding zumindest als Rumpf stehenzulassen, wurde über Jahre hinweg ein enormer Aufwand betrieben, um selbst die Versorgungstürme wegzuhauen und jetzt ein Schloss hinzustellen. Der Umgang mit dem angeblich symbolisch wichtigsten Platz des Staates zeigt, welch Geistes Kind dieser Staat nach wie vor ist. Innovative Leute lässt das liberale System in Pankow werkeln.

Die Ideologie der Gesellschaft zeigt sich viel offensichtlicher, als man das meint. Man muss nur hingucken.

(Teil 2 beschäftigt sich mit dem Inneren des Hauses.)
(Fotos: genova 2014)

Juden, Illegale, illegale Juden

Kürzlich im Intercity von Berlin nach Amsterdam, an der Grenze bei Bad Bentheim: Neben vielen anderen Reisenden eine Gruppe von vier Israelis mit südländischem Teint, um die 25 Jahre alt. Die einzigen mit südländischem Teint im Wagen. Deutsche Polizisten in Uniform steigen zu, durchschreiten den Großraumwaggon, schauen ruhig in alle Gesichter. Bei den vier Israelis bleiben sie stehen, lassen sich die Ausweise zeigen und beginnen zu fragen: Wo kommen sie her? Berlin. Wo wollen sie hin? Amsterdam. Wie lange bleiben sie dort? Fünf Tage. Und dann? Rückflug nach Tel Aviv.

Das weiß nun der gesamte Großraumwaggon. Ich frage mich, was das die Polizei angeht, die sich vermutlich um Illegale kümmern sollen.

Eine merkwürdige Sache: Deutsche Polizisten kontrollieren in einem von zig Leuten, alle nordisch weiß, besetzten Großraumwagen nur exakt vier Juden, sonst niemand. Und diese vier müssen sich unfreundliche und unnötige Fragen gefallen lassen. Spätestens nach der Ausweiskontrolle hätte Schluss sein müssen mit der Fragerei.

Die Bullen sahen übrigens so aus, wie man sich deutsche Bullen vorstellt: blond, zwei Meter groß und ein Kreuz wie eine deutsche Eiche.

065 (2)(Foto: genova 2013)

Der Spiegel über die Folgen der Politik Margaret Thatchers

Zufällig gefunden: Ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1996, der sich mit den Folgen der Politik Margaret Thatchers in Großbritannien beschäftigt. Die Beschreibung liest sich wie eine ehrliche Bestandsaufnahme heutiger deutscher Politik. Die Engländer waren mit dem neoliberalen Gesellschaftsumbau nur früher dran.

Auszug:

Für Regierungschef John Major steht dennoch fest: “Alle Indikatoren zeigen, daß unsere Wirtschaft immer besser dasteht. Wir liegen in Europa an der Spitze.”

Den Optimismus des Premierministers teilen zwar immer weniger Bürger, dafür um so häufiger ausländische Investoren. Für sie zählt Großbritannien mittlerweile zu den attraktivsten Wirtschaftsstandorten Europas. Allein mehr als 1.000 deutsche Unternehmen produzieren auf der Insel, sie schufen rund 100.000 Arbeitsplätze. Derzeit baut der Elektro-Multi Siemens in Newcastle eine Chipfabrik.

Hauptgrund des Investitionsbooms der Ausländer: Britische Arbeitnehmer verdienen deutlich weniger als ihre Kollegen in anderen westeuropäischen Ländern. Die Arbeitskosten liegen mit durchschnittlich 22 Mark pro Stunde halb so hoch wie etwa in Deutschland. Die Lohnkosten erreichen mit 15,75 Mark zwei Drittel, die Lohnnebenkosten mit 6,31 Mark gerade ein Drittel der deutschen.

Britische Beschäftigte haben weniger Urlaub als deutsche, kennen keinen Mindestlohn und arbeiten länger. Und, besonders beliebt bei ausländischen Firmen: Die Macht der Gewerkschaften ist gering, sie schwindet weiter.

“Thatcherismus” bedeutete wirtschaftlicher Aufschwung auf Kosten eines radikalen Abbaus des Sozialstaates. An die Stelle des bis dahin von Briten traditionell praktizierten Gemeinsinns trat eine Ellbogengesellschaft, deren innerer Zusammenhang stärker denn je gefährdet ist…

Doch eine hohe Inflationsrate, der Kursverfall des Pfundes, steigende Zinsen sowie das stetig wachsende Heer von Arbeitslosen setzten Maggies Boomjahren ein jähes Ende.

Als sie verbittert und uneinsichtig zurücktrat, hinterließ Thatcher die Trümmer ihres Wirtschafts- und Wertesystems, vor allem eine klaffende Lücke zwischen Arm und Reich, wie sie sich seit der industriellen Revolution nicht mehr aufgetan hatte. Ihre rabiaten Schnitte ins soziale Netz haben Millionen Briten, die sich früher stolz zum Mittelstand zählten und nun plötzlich die Kredite ihrer Eigenheime nicht mehr zahlen konnten, an den Rand der Gesellschaft gedrückt.

Die Folgen neoliberaler Politik kommen einem in Deutschland mittlerweile bekannt vor. Ungewohnt ist, dass ein neoliberales Kampfblatt wie der Spiegel damals noch über die Schattenseiten berichtete, und zwar auf eine Art, die indirekt vor jeder Nachahmung dieser Politik warnte. Ein paar Jahre später forderte der Spiegel Thatcherpolitik für Deutschland. Wäre interessant zu erfahren, wie es zu diesem Umschwung kam. Es hatte vermutlich mit neuem Personal zu tun. Gabor Steingart war einer der Rechtsaußenjournalisten, die Meinungsmache betrieben.

Interessant auch, wenn man sich die Folgen der Thatcher-Politik für die britische Wirtschaft anschaut (Grafik aus der Welt):

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Die Leistungsbilanz, also verkürzt gesagt das Verhältnis von Importen und Exporten, rutschte exakt mit dem Amtsantritt Thatchers in den negativen Bereich, obwohl ihre Politik die Wirtschaft doch konkurrenzfähiger machen sollte. Das hängt vermutlich mit der Deindustrialisierung Englands seit den 1980er Jahren zusammen. Die erfolgte trotz schwacher Gewerkschaften, niedriger Löhne, weniger Urlaubstage und so weiter. Oder vielleicht doch gerade deswegen?

So haben wir als Ergebnis eine Ellenbogengesellschaft und wirtschaftlichen Abstieg. Eine tolle Leistung.

Rückblicke sind oft entlarvend. In der heutigen rasanten Zeit reichen schon 20 Jahre, um sich verwundert die Augen zu reiben. Ein nettes Projekt, ein wenig Zeit vorausgesetzt, wäre eine Relektüre der neoliberalen Propagandaliteratur, die Anfang der Nuller Jahre den Markt überschwemmte, und ihre Bewertung. Steingarts “Abstieg eines Superstars” fällt mir da ein und dass dieses Buch vor Lügen strotzt. Der Mann ist heute in der Geschäftsführung des Handelsblattes. Das Kapital lässt seine Propagandisten nicht im Regen stehen.

Senioren auf die Straße: zur Asozialität unseres Sozialstaates

Da hierzulande gerne vom Sozialstaat gesprochen wird:

Dem Land Berlin gehörte ein Seniorenhaus am Hansa-Ufer, mitten in Berlin. Es wurde 1975 mit Fördermitteln (i.e.: Steuern) gebaut, hat 62 Wohnungen, Bauherr war die gewerkschaftseigene Neue Heimat. Einziehen durfte man nur mit der Vorlage eines Rentenbescheids. 2007 hat der landeseigene Liegenschaftsfonds das Haus an den schwedischen Investor Akelius verkauft. Wie man hört, zu einem hohen Preis.  Der zuständige Bezirksstadtrat (Mitte) für Soziales, Stephan von Dassel, sagt dazu:

“Bei diesem für das Land Berlin sehr lukrativen Verkauf ist auf alle gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Mieter verzichtet worden.”

Von Dassel ist allerdings auch Mitglied der Grünen, insofern kann man sein Bedauern über soziale Missstände als heuchlerisch bezeichnen.

Es kam, wie es kommen musste. Nach einer Schamfrist will Akelius nun die Mieten massiv erhöhen. Man könnte auch sagen, die Bewohner sollen vertrieben werden. Eine Initiative der Betroffenen sagt:

AKELIUS plant eine Modernisierung mit anschließender Mieterhöhung: bis zu 880,- soll dann eine der 42 qm großen 1-Zimmer-Wohnungen kosten!  Das übersteigt bei weitem die Möglichkeiten unserer Rente!  Zudem soll der Gemeinschaftraum geschlossen, bzw. in einen anderen Raum verlegt werden, der für RollstuhlfahrerInnen und Gehbehinderte nicht zugänglich ist.

Hintergrund: Das Haus steht mittlerweile in einer begehrten Gegend, nicht weit von Hauptbahnhof und Regierungsviertel, schön an der Spree. In einer kapitalistischen Gesellschaft ist es ein Unding, dass alte, nutzlose Leute so teuer wohnen und doch wenig bezahlen. Es ist eine Renditeverheißung, auf die nicht verzichtet werden kann, nur weil dann ein paar Alte keine Wohnung mehr haben.

2007 war in Berlin übrigens auch die Linkspartei an der Macht.

Alle Infos stammen aus der Zeitschrift des Berliner Mietervereins (Mietermagazin). Dort steht auch folgender Satz (9/2014, S. 13):

Noch immer hoffen die Mieter, dass der Investor seine Pläne noch einmal generell überdenkt.

Toll. Sowas rutscht heute durchs aufmerksamkeitsökonomische Raster, aber viel besser lässt sich die asoziale Gestalt einer kapitalistischen Gesellschaft kaum zeigen: Die Senioren im Alten zwischen 75 und 97 Jahren haben exakt eine Möglichkeit, sich gegen die Odachlosigkeit zu wehren: Sie hoffen auf das Goodwill des Investors, das naturgemäß nicht kommen wird. Genausogut könnte man Vettel bitten, langsamer zu fahren.

Hoffnung, dass der Ausbeuter nicht ganz so drastisch ausbeutet: Die Denke weist in Richtung Feudalgesellschaft, Sloterdijk fordert diese neuartige Rutschen auf den Knien schon seit Jahren, nur dass das Knierutschen nicht mehr den profanen Gott gütig stimmen soll, sondern das Kapital. Bei Gott wären die Chancen größer.

Die Webseite der Seniorengemeinschaft (dort kann man auch eine Petition unterschreiben) sagt es deutlich: Akelius will, dass die Alten ausziehen. Es ist völlig klar, dass die die neuen Mieten nicht zahlen können. Die Gegend ist gentrifziert, es ist nun ein Viertel für andere soziale Schichten als für Rentner, die einst auf dem Gewerkschaftsticket dort eingezogen sind.

Eine feine Gesellschaft: 90jährige werden aus der Wohnung geschmissen. Und 90jährige müssen sich gegen solche Zumutungen wehren, Petitionen einbringen, Öffentlichkeitsarbeit machen und so weiter. Und Hansa 5 ist nicht der einzige Fall.

Wie gesagt: Nur falls jemand noch der Meinung ist, wir lebten in einem sozialen Staat. Und falls jemand behauptet, Hansa 5 sei nur ein Einzelfall:

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Touristen aufgepasst: ein belebter Markt in Lissabon!

Das klamme Portugal gibt jedem Nicht-EU-Ausländer, der für wenigstens eine halbe Million Euro im Land eine Immobilie kauft, eine tendenziell unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Portugal und den Schengenraum. Sie nennen es das “goldene Visum”. Offenbar ist die Aktion ein Erfolg: Vergangenes Jahr sind dadurch 750 Millionen Euro in Immobiliengeschäfte geflossen, schreibt die FAZ (21. August, S. 15), fast ausschließlich waren es Chinesen.

Dann kommt ein bemerkenswerter Satz:

Das hat den Markt in der Hauptstadt Lissabon belebt.

Ein für unsere Verhältnisse belangloser Satz, wir kennen den Duktus. Nimmt man ihn auseinander, wird er zur Farce.

Assoziationen: Der Markt ist ein Tages- oder Wochenmarkt, also etwas unschuldiges. Dort bietet die Bäuerin vom Land ihre prallen Äpfel an, am besten ökologisch wertvoll. Der Markt ist als belebter natürlich wesentlich angenehmer als wenn dort niemand unterwegs wäre. Nette Menschen, flüchtige Blicke, Palaver, Organisches, Nicht-Steriles, Authentisches, Eingebettetes. Das Gegenteil von Bedrohung. Ein lebendiger Markt in der guten, alten Zeit, der hochwertige Waren anbietet, sonst wäre er nicht belebt.

In Wirklichkeit geht es natürlich weder um einen Markt noch um Belebung oder gar um Leben. Es geht um unterschriebene Kaufverträge in anonymen Büros. Es geht um digitale Bewegungen von Summen auf Konten. Es geht um Inbesitznahme ohne Gebrauchswert. Es geht schlicht um steigende Preise in einem immobilen, unflexiblen Segment. Es geht um die Verwertung überflüssiger Gelder, es geht um die Herrschaft des Kapitals. Die Immobilien dürften die meiste Zeit des Jahres leerstehen.

Es geht übrigens auch laut FAZ für viele Chinesen, die jetzt investieren, um Geldwäsche. Für die Portugiesen, die gerade auf Wohnungssuche sind, geht es darum, dass sie mehr auf den Tisch legen oder ihre Träume begraben müssen. Der Preis für Luxusimmobilien in Lissabon ist 2013 um 53 Prozent gestiegen (auch FAZ). Billigere Wohnungen dürften dadurch auch teurer geworden sein.

Der portugiesische Staat gibt also reichen Chinesen die Möglichkeit, eine Aufenthaltserlaubnis für Europa zu bekommen, ihre Kinder dort auf Unis zu schicken und ihre Schwarzgelder zu waschen. Der gemeine Portugiese zahlt.

Im FAZ-Jargon sind höhere Preise eine Belebung und das Recht des Stärkeren ein Markt. Es ist die selbstverständliche Perspektive des Kapitals.

Es fällt immer wieder auf: Die DDR hat sich lediglich dämlicher angestellt. Wäre sie bei westlichen PR-Agenturen in die Lehre gegangen und nicht bei Lenin, sie würde vermutlich heute noch existieren. Wer will schon vorwärts zum zehnten Parteitag, wenn er auf einem belebten Markt spazierengehen kann?

Sprache im Neoliberalismus ist ein spannendes Thema, das von Germanisten komplett ignoriert wird. Im Zuge von 68 entstand die Unterabteilung Soziolinguistik, die für sowas zuständig wäre. Sie ist faktisch abgeschafft worden, vermutlich, weil das Kapital dafür keine Dritmittel bereitstellen will. Man könnte ja sonst ausgerechnet der von sich so überzeugten FAZ nachweisen, dass sie von Orwell nicht weit entfernt ist.

102(Foto: genova 2012)

 

Vom Sitz der Ethik

Der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe beschreibt in seinem Buch von 2012 “Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft” am Rande ein interessantes Detail, nämlich die Verlagerung der Verortung der Ethik. Die Griechen, vor allem Aristoteles, verorteten Ethik im Innern des Menschen, so Verhaeghe.  Es ging ihnen um die Verbindung von Gewohnheit und Charakter, woraus folgt, dass ein guter Charakter an guten Gewohnheiten zu erkennen ist.

Ethik liegt also in der Natur des Menschen. Wo sonst? Und daraus folgt der Versuch der Selbstverwirklichung eines jeden in seinem Leben (was noch nichts mit dem heutigen Begriff von Selbstverwirklichung zu tun hat, wo der individualistische Aspekt in den Vordergrund tritt). Je besser man sich selbstverwirklicht, desto größer ist die Selbsterkenntnis. Der Mensch mit der größten Selbsterkenntnis soll die Führung der Gesellschaft übernehmen. Selbsterkenntnis ist ohne Begriffe wie Mäßigung, Klugheit, Besonnenheit, generell: Selbstbeherrschung nicht zu erreichen.

Das Christentum folgte mit einer entscheidenden Veränderung: Die Ethik liegt nicht mehr in der Natur des Menschen, sondern außerhalb. Man nennt das Gott oder Allah oder ähnlich. Dieser Autorität außerhalb des Menschen selbst sind alle Menschen unterworfen.

Das Leben wird uninteressanter. Es geht im Wesentlichen darum, sich auf Erden so zu verhalten, dass Gott einen ins Paradies lässt. Dazu kommt: Der Mensch ist laut Christentum grundsätzlich schlecht. Eva, naturgemäß eine Frau, hat den Mann, den Menschen, verführt, und das wars dann. Böses Fleisch. Selbstverwirklichung führt einen waschechten Christen also nur nach Sodom. Dort schändet er seine Mutter, tötet seinen Vater und bestiehlt seinen Bruder. Je weniger Selbstverwirklichung er sich leisten kann und je mehr Macht Gott über ihn hat, desto besser. Das Fleisch ist sündig und zu bedecken, der Geist ist zu retten, wenn er sich am Riemen reißt, wenn er sich also permanent kontrolliert und Verzicht übt.

Kein Wunder, dass es mit der Etablierung des Christentums mit der Welt bergab ging.

Der schlimmste ethische Fehler ist laut Aristoteles die Hybris, die Selbstüberschätzung. Eine Feststellung, bei der die drei monotheistischen Religionen nicht gut wekommen, um das höflich auszudrücken. Denn Hybris liegt hier im Chef vom Ganzen. Einem Gott, der sich als allmächtig versteht bzw. den Menschen, die so eine Figur entwerfen, um ihn anbeten zu können, liegt die Hybris im Blut. Letztere haben sie nur auf eine Kunstfigur übertragen.

Ethik und Moral sind dem Christen also äußerlich und seiner Natur widerstrebend. Die natürlichen Neigungen sind offenbar schlecht. Mich erinnert das an vertraute Diskussionen in Deutschland: Was gut ist, muss weh tun. Und das Schlechte kann man aus den Kindern ja herausprügeln. Auch die Natur ist dem Menschen äußerlich; eine christliche Tatsache, der angesichts der ökologischen Probleme gerne mit der Floskel, man müsse “die Schöpfung bewahren” begegnet wird. Es gibt aber keinen ernsthafen Gegensatz zwischen Naturausbeutung und Christentum, zumindest in der Praxis. Wieso auch? Wenn der Mann sich die Frau untertan machen soll, warum nicht auch die Natur? Die ist auch nur böse. Auch Massentierhaltung und Schlachthöfe erfahren von Christen keine Kritik, es handelt sich schließlich nur um nicht vernunftbegabte Wesen.

Das haben wir von der Betonung der Transzendenz – die immer auch etwas Verheißungsvolles hat – und von der Vernachlässigung der Immanenz. Die Transdendenz befiehlt dem Menschen, sich auf den Weg zu diesem ominösen Gott zu machen, der zu allem Überfluss die meiste Zeit herummeckert. Frauen, Tiere und Natur sind von Gott weiter entfernt. Warum sich also für sie einsetzen?

Auch die Demokratie haben die Griechen erfunden. Die Christen schafften sie ab. Demokratie ist Gotteslästerung, denn wer herrscht, darüber befindet Gott, der seinen Stellvertreter direkt beruft und ohne dessen Gnade wiederum der weltliche Herrscher keine Chance hat. Dementsprechend haben für waschechte Christen oder Moslems weltliche Gesetze keine Bedeutung. Sie kommen von oben, aber nicht von ganz oben.

Hier liegt vermutlich das grundlegende Problem: Der Mensch muss das ihm Äußerliche zu seinem Innerlichen machen. Der Film von Hanecke Das weiße Band zeigt das deutlich: Menschliche Regungen bis hin zur Selbstbefriedigung müssen unterdrückt werden, denn Gott hält das offenbar für Sünde. Also muss ich das auch als Sünde empfinden. Wenn ich das nicht tue, bin ich ein böser Mensch. Folgerichtig fesselt der Pfarrer seinen zwölfjährigen Sohn nachts ans Bett, nachdem er einmal beim Handanlegen erwischt wurde. Das Fleisch ist sündig.

So gesehen sind Christentum und Islam, und vielleicht auch das Judentum, die eigentlichen Katastrophen der Menschheit. Der Mensch wird entmündigt und dem Führer verpflichtet, autoritär, diktatorisch, menschenverachtend. Von Gewaltfreiheit kann bei solchen Verhältnissen nicht die Rede sein. Luther forderte schon kurz nach der Ausrufung seiner neuen Religion, man solle widerständige Bauern “tot wie Hunde schlagen”. Die innerkirchlichen Verhältnisse sollten gottesfürchtiger werden, die sozialen zementiert. Am tollsten treiben es ebendiese Protestanten: Beten und arbeiten und ansonsten nichts. Den Platz im Himmel muss man sich verdienen, am besten im Schweiße des Angesichts. Wer nicht schwitzt, taugt nichts. Ein gut gefülltes Bankkonto zeugt allen Ernstes von einem religiösen Menschen, der sich gottgerecht verhält. Kein Wunder, dass die Protestanten den Kapitalismus zur Entfaltung brachten.

Soweit Verhaeghe in meiner Interpretation.

Neoliberale Nicklichkeiten II: Carlo Ratti und die soziale Frage

Carlo Ratti (*1971) ist ein italienischer Architekt und er scheint wichtig zu sein. Laut wikipedia wurde er von Forbes als einer der “wichtigsten Namen des Jahres” genannt (“Names you need to know”). Er stellte schon auf der Biennale in Venedig aus, berät italienische Regierungen in Sachen Design, lehrt am MIT undundund.

Jetzt hat er in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Die Presse für “Open-Source-Architektur” und “sensible Städte” plädiert. Man müsse sich mehr auf die Menschen konzentrieren, die in den Städten leben, die Zeiten von Corbusier und Plan Voisin, von oben installiert, seien vorbei. Menschen sollten ihre Umgebung “von unten” bauen und “selbst gestalten” mittels Open-Source-Software, die jeder benutzen kann. Architekten sind dann “Dirigenten, die das Zusammenspiel koordinieren. Wohnen ist für ihn gar ein “kritisches Thema”.

Hört sich gut an.

Dann wird Ratti ganz konkret gefragt, wie er sich das vorstellt. Antwort:

Ich denke, eine Stadt muss sensibel sein. Wenn wir über Städte reden, meinen wir eigentlich die Menschen, die dort leben. Denn Städte sind dafür da, ein besseres Zusammenleben zu schaffen. Sie müssen smarten Leuten ermöglichen, sich zu begegnen und in Kontakt zu treten – zum Beispiel über W-Lan.

Man könnte ja der Meinung sein, dass gerade Städte die Möglichkeit von Face-to-Face-Gesprächen bieten, deren Existenz auch von Architekten abhängt, dem ist aber wohl nicht so. Virtuell mit dem Nachbarn ist offenbar die Zukunft. Mehr als W-Lan kommt von Ratti nicht.

Dann wird es noch konkreter:

Thema: Wohnen. In keinem anderen Euroland haben sich Wohnungen seit 2007 so stark verteuert wie in Österreich. Die Preise kletterten um 39 Prozent. Soll die Politik eingreifen?
Wohnen ist nicht nur in Österreich, sondern weltweit ein sehr kritisches Thema. Ich bin gegen groß angelegte Initiativen seitens der Regierungen. Vielmehr müssten die Politiker den Menschen helfen, sich selbst zu helfen.

Wie könnte das aussehen?
Wir haben in allen größeren Städten Wifi. Das ist nicht nur praktisch, sondern macht flexibel. Ein Büro kann plötzlich überall sein, wenn wir es verstehen, die Umgebung richtig für uns zu nutzen. Ein Beispiel: Ich habe Freunde in New York. Sie leben dort in einer kleinen Wohnung. Brauchen sie Platz, um zu arbeiten, gehen sie zu Starbucks. Sie nutzen diesen Raum für sich. Ein anderes Beispiel wäre der Online-Marktplatz Airbnb. Leute vermieten Räume, die ansonsten leer stehen würden.

Atemberaubend. Gegen steigende Preise soll nicht das Gemeinwesen helfen, sondern Wifi, denn so wird man flexibel. Wie genau? Wird die Miete zu teuer, setzt man sich einfach in eine Starbucks-Filiale und vermietet die eigene Bude via Airbnb unter. Die würde sonst leerstehen, denn man sitzt ja bei Starbucks. Wie hat die Politik nun geholfen? Offenbar, indem sie gerade nichts gegen steigende Mieten macht. Gäbe es die nicht, würde man nicht bei Starbucks sitzen.  Oder die Politik hilft, indem sie neue Starbucks-Filialen zügiger als bislang genehmigt.

Es kann so einfach sein: Werden wir via hohe Mieten vertrieben, gehen wir zu Starbucks. Wird der Kaffee auch dort zu teuer, setzen wir uns mit unserem smarten Gerätchen auf eine Wiese, zumindest, solange das noch nichts kostet. Ein Büro kann schließlich überall sein.

Mehr zum Thema kommt in dem Interview nicht und die interviewende Redakteurin Hellin Sapinski (*1989) ist mit den Antworten zufrieden.

Es treffen hier zwei typische Exemplare des Zeitgeistes aufeinander. Ein Architekt, der vor allem aufmerksamkeitsökonomisch ein Fachmann ist, der mit völlig sinnlosem neoliberalem Geplapper auf sich aufmerksam macht. Er macht irgendwas mit Design und berät. Vemutlich hat er die Beraterjobs, gerade weil er gut geschmiert ist in dem Sinn, dass er die richtigen Akzente aus der Perspektive der Herrschaft setzt, die richtigen Begriffe; das wording stimmt und der flow auch und der Leser kann sich wohlfühlen, wenn jemand etwas von Basisdemokratie erzählt. Dass es sich dann nur um W-Lan und Starbucks handelt, ist egal, denn diese Begriffe sind positiv besetzt und wir haben darüber gesprochen. Genauer: Wir haben die Begriffe erwähnt, das reicht. Das muss reichen, denn jedes weitere Wort dazu würde das dünne Begründungsgebäude von Ratti zum Einsturz bringen. Design als reines Oberflächenphänomen. Ratti ist vermutlich nicht direkt korrumpierbar, weil er Teil dieses Neusprechs ist.

Das andere Exemplar ist die bewusstlose Journalistin, gut aussehend, aber eben auch nur gut aussehend. Sie lässt Ratti die sinnfreien Antworten durchgehen und merkt das vermutlich nicht einmal.

Gut möglich, dass die Rattis dieser Welt wichtige Personen sind, deren Namen man sich merken muss bzw. das auch leicht kann, weil sie überall auftreten, im Gespräch sind. Sie sind die Garantien für die weitere problemlose Kapitalverwurstung, die jedes Gegenargument aufnimmt und eliminiert. Hohe Mieten? Natürlich nicht gut, sprechen wir an. Architektur von oben? Nö, wir sind doch alle aufgeklärt, kritisch, bewusst und voller Ideen.

Kritisch, smart und sensibel. Ratti als hervorragendes Beispiel für postmoderne Verwirrung, in der keine Maßstäbe der Kritik mehr vorhanden sind. Es geht voran.

003(Foto: genova 2014)