Archiv der Kategorie: Geschichte

Kurze Bemerkung zum Weltfrieden

Günter Grass hat Israel gerade vorgeworfen, den “Weltfrieden” zu “gefährden”. Das Echo darauf war bei den führenden Journalisten eher kritisch, im Volke, wie man sagt, aber schon eher affirmativ. Ich habe das Wort Weltfrieden bis zur Grassdiskussion nie wahrgenommen. Was ist das eigentlich?

Gewöhnlich spricht man von Frieden und von Krieg als dem Gegenzustand, das reicht zur Unterscheidung. Wer vom Weltfrieden redet, will offenbar eins draufsetzen. Nun könnte man sagen, man spricht vom Weltfrieden, wenn der Frieden auf der gesamten Welt gefährdet ist, nicht nur in einer Region. Wer den Weltfrieden gefährdet, nimmt den Weltkrieg in Kauf, er ist ein Weltkriegshetzer. Weltkrieg Nummer drei also.

Dennoch klingt das Wort in meinen Augen merkwürdig, überhöht irgendwie, es hat etwas Metaphysisches, vielleicht auch etwas Esoterisches. Ein Blick auf Wikipedia fördert Interessantes zutage:

Weltfrieden ist der Ausdruck für den Idealzustand eines weltweiten Friedens, also für das Ende aller Feindseligkeiten und aller Kriege – aktuell also der andauernden Kriege und Konflikte. Er beinhaltet dauerhafte Freiheit, Gerechtigkeit und Glück für alle Menschen und Völker.

“Weltfrieden” wird da im Weiteren als wesentlich religiös geprägt dargestellt. Das passt ins Bild.

Der jüdische Messias soll bekanntlich irgendwann den erlösenden Frieden bringen, und das verhindern also laut Grass die Juden durch ihre aktuelle Politik.

Ist es Zufall, dass Grass, Literaturnobelpreisträger und somit wohl jemand, der mit Sprache bewusst und sorgfältig umgeht, der Begriffe in einem Gedicht bewusst verwendet, Israel nicht einfach eine Gefährdung des Friedens, sondern des Weltfriedens vorwirft? Juden gefährden den Weltfrieden, sie gefährden das, was doch alle Menschen wollen: dauerhafte Freiheit, Gerechtigkeit und Glück für alle Menschen und Völker – außer den Juden natürlich. Die wollen das alles zerstören, weltweit.

Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Gleichzeitig ist Grass natürlich nicht nur in großer Sorge um den Weltfrieden, sondern auch um Israel, dem er “verbunden” ist. Das ist der moderne Aspekt dieses Antisemitismus: Der Jude ist nicht mehr offiziell von Grund auf böse, nein, er ist nur uneinsichtig, ihm muss geholfen werden, und zwar zu seinem eigenen Vorteil. Das ist so ein bisschen wie bei den Schwulen, die die Christen heute auch nicht mehr töten wollen, sondern nur noch behandeln. Wir wollen doch nur euer Bestes!

Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, berichtete kürzlich bei Maybrecht Illgner, dass er bei seinem Amtsantritt, 1993, viele wichtige Deutsche um ein Antrittsgespräch gebeten habe. Alle hätten ihm das gewährt, bis auf Günter Grass. Primors Nachfolger Shimon Stein sei es ebenso ergangen. Primor: “Grass hat ein Problem mit Israel.”

Georg Diez schreibt zu Grass:

Er urteilt, ohne sich einzufühlen oder hineinzudenken, er ignoriert die Umstände der Gründung Israels genauso wie die aktuellen Sorgen und Ängste vieler Israelis, er sagt, er bleibe dem Land “unkündbar verbunden”, aber das klingt bei ihm wie eine Drohung.

Es ist dieser gerade für einen Romanautor überraschende Mangel an Emphase, der so frustrierend ist.

Die Schriftstellerin Sibylle Berg nennt Grass “einen Männerdarsteller wie aus dem Bilderbuch”. Hat was. Männer, die sich permanent zur Weltlage äußern müssen, die sie nur effzient darstellen können, indem sie die Makroperspektive verabsolutieren. Das ist im Fall Grass einfacher, als sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Der merkt das nicht, seine Apologeten noch viel weniger.

Und so dichtete hier ein typischer Mann und ein alter SS-ler eine brisante Kombination. Nochmal Georg Diez:

Es kommt eben immer darauf an, wer spricht und wie er spricht. Und was er mit seinen Worten wirklich erzählt: Grass redet nur von sich, er redet nicht von seinen Ängsten, seinem Schweigen, seiner Geschichte. Das macht sein Gedicht so dumm.

Klar, Grass und Co. wollen nur das Beste. Sie kriegen es aber nicht.

Ich bitte um Gnade für Günter Grass

Zu der aktuellen Grass-Geschichte nur die Randnotiz, dass Grass mittlerweile viellleicht einfach senil ist. Das sollte man dem Mann nachsehen, das passiert halt. Denn Grass hat schon vor vier Jahren dummes Zeug geplappert in einer Qualität, die man rein intellektuell nicht mehr zu fassen vermochte und vermag.

Grass äußerte sich 2008 in der Zeit zu seiner Lieblingspartei SPD und meinte, der “demokratische Sozialismus” habe sich

„immer wieder erneuern müssen. Ihn prägt kein Dogma. Der Weg ist ihm Ziel. Ständig bedarf er der Revision. Demokratische Sozialisten sind gelernte Revisionisten. Weshalb die Agenda 2010 und in ihr Hartz IV, weil von Menschenhand geschaffen und deshalb fehlerhaft, auf Revision angewiesen sind. Nur dank dieser Fähigkeit konnte der demokratische Sozialismus Verbot und Verfolgung überleben.

Wer also 2008 Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Peer Steinbrück und die anderen Kameraden als “demokratische Sozialisten” bezeichnete, die mit der Agenda 2010 doch bloß den Sozialimus erneuern wollten (und im gleichen Atemzug in der Zeit der Linkspartei das Etikett des demokratischen Sozialismus abspricht): Wie soll so einer vier Jahre später etwas Angemessenes zu einem weitaus komplizierteren Phänomen sagen? Noch dazu, wo der alte SS-ler da noch tiefer drinhängt als der alte Sozialdemokrat?

Die Welt ist kompliziert. Man möge seiner Seele gnädig sein.

(Hervorhebung und Foto von genova, 2012)

Grass im Original:

Was gesagt werden muss

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

(2) Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar, aber – weil keiner Prüfung zugänglich – außer Kontrolle  ist? Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

(3) Jetzt aber sage ich, was gesagt werden muß, weil aus meinem Land – das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird – ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll (wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert), dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will.

(4) Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten. Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

(5) Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben, und letztlich auch uns zu helfen.

Das erklärt so manches

Eine wissenschaftliche Studie einer gewissen Klarissa Lueg über die soziale Herkunft der Absolventen von Journalistenschulen, veröffentlicht bei telepolis:

Was passiert, wenn “Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor von Guttenberg trifft? Nein, es gesellt sich nicht nur Haar-Gel zu Haar-Gel und Kaschmir-Pullover zu Kaschmir-Pullover, sondern dann geht es auch um die Verständigung der Macht-Eliten, die sich gegenseitig quasi am Geruch erkennen…

Mehr als zwei Drittel der Schüler stammen aus einer “hohen Herkunftsgruppe”. Kinder von Facharbeitern etwa kommen gar nicht vor…

Im Zentrum der sozialen Auslese, so Lueg, steht dabei die Persönlichkeitsprüfung im Auswahlgespräch. Es ist der Mechanismus, über den der Habitus in Anschlag gebracht wird und der als Filter dient, um die Plebejer auszusieben. Dabei geht es um verschiedene Merkmale einer “journalistischen Persönlichkeit” wie Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, Sprachgefühl und Gesprächsführungskompetenz oder ein “Vertrauen erweckendes Wesen”. “Insgesamt formen diese fünf Merkmale eine journalistische Persönlichkeit, die durch eine bürgerliche Sozialisation und den daraus resultierenden Habitus begünstigt wird. Diese Merkmale können weniger durch schulische oder universitäre Sozialisation erworben werden”, so die Autorin…

Nicht blöd: Die Meinungsbilder sollen natürlich die richtige Meinung bilden. Und da bekanntlich nichts so stabil ist wie das in der individuellen Sozialisation Erlernte und Erfahrene, setzt man exakt da an. Jetzt wäre nur noch interessant zu erfahren, ob sich die wenigen Unterschichtlerabsolventen danach in ihren Artikeln vom Mainstream unterscheiden.

Die Studie bestätigt jedenfalls meine seit langem gehegte Vermutung, dass Journalistenschulen einen merkwürdigen Typus Journalist hervorbringen. Sie können schreiben, sicher, aber sie können auch um jeden neuralgischen Punkt herumschreiben, nötige Recherche ersetzen durch ein paar flotte Statements. Sperrige Erkenntnisse werden flott in Form gegossen. Man will ja an den Leser denken. Und wer da sonst noch so mitliest.

Wie sich der linke Flügel der SPD eine erneuerte Demokratie vorstellt

Die Details sind es ja oft, die einem den Blick aufs Ganze ermöglichen. Ein Detail ist die kürzlich getroffene Aussage von Andrea Nahles, sie erhoffe sich von Joachim Gauck die “Erneuerung” der Demokratie.

Es ist nun erstmal atemberaubend, wenn jemand von einer einzelnen Person die Erneuerung von Demokratie fordert, also von etwas, das nur gemeinsam gestaltet werden kann, weil sonst der Gegenstand der Betrachtung, nämlich die Demokratie, sich auflöst wie Nebel in der Sonne. Demokratie in einem Land mit 80 Millionen Menschen von exakt einem Menschen “erneuern” zu lassen, ist in etwa so effektiv, wie das Tier namens Freiheit im Zoo auszustellen.

Wäre Nahles eine Hausfrau aus der Provinz, die eine solch absurde Bemerkung in ein Mikrofon spricht, das ihr von einem Journalisten in der Fußgängerzone unter die Nase gehalten wird, es wäre verzeihlich; besser: es wäre egal. Andrea Nahles ist aber leider Generalsekretärin der SPD. Noch besser: Sie zählt dort zum linken Flügel.

In den späten 60er und in den 70er Jahren sind viele Menschen der SPD beigetreten, weil man dort “mehr Demokratie wagen” wollte. Unabhängig davon, was dabei wirklich herauskam: Der Ansatz war eben nicht der, dass man von einem Heiland/Führer/Kaiser/Bundespräsident erwartete, er werde es schon richten, sondern dass dies als gemeinschaftliche Aufgabe begriffen wurde.

Dieses Geschäft soll nach Auffassung der SPD-Linken also ausgerechnet Joachim Gauck betreiben. Mahlzeit. Selbst die Süddeutsche schreibt nun, dass…

“sein Freiheitsbegriff existentialistisch angelegt ist und vor den gewaltigen politischen Gestaltungsproblemen vollkommen hilflos dasteht. Wenn ihm ein verkümmerter Sinn für soziale Gerechtigkeit vorgeworfen wird, hat dies seine Berechtigung… Er ist ein Freiheitsapostel, kein Freiheitsgestalter.”

Mit einem seit DDR-Zeiten nicht renovierten Freiheitsbegriff soll der Gute jetzt also die Demokratie erneuern. Linke Sozialdemokraten suchen ihr Heil in einem regressiven Apostel, von dem man beispielsweise weiß, dass der die Proteste gegen Stuttgart 21, also einem genuin demokratischen Vorgang, als “Vorgartenverteidigung” denunzierte.

Wie gesagt, Details erlauben manchmal den präzisen Blick aus Ganze. In diesem Fall auf die politische Korruptheit der SPD-Führung. Aber das ist ja nichts Neues. Deshalb: Punkt.

Sie nennen es Essen

Holland und Esskultur: zwei Begriffe, die man gemeinhin nicht in Verbindung bringt. Versucht man es doch, wird es desaströs. Es gibt in Holland keine Esskultur. Es gibt nur Nahrungsaufnahmekultur. Die besteht in der Regel darin, dass man ein Stück Abfallfleisch erst paniert, dann fritiert, dann in Mayonnaise ertränkt und wohl bekomm´s. Als Nachtisch gibt es Vla, ein zu 90 Prozent aus Zucker hergestelltes sogenanntes Milchprodukt in diversen Geschmacksrichtungen. In einem durchschnittlichen holländischen Supermarkt besteht schätzungsweise ein Drittel der Verkaufsfläche aus Vla-Produkten, ein weiteres Drittel aus anderen Süßigkeiten.

Überhaupt ist der Besuch eines holländischen Supermarktes in einer ländlichen Region für den Kulturwissenschaftler zu empfehlen. Er unterziehe sich in der Obst- und Gemüseabteilung (das dritte Drittel) dem Versuch der Blindverkostung. Ich nehme das Ergebnis vorweg: Egal, ob ich in eine Gurke beiße, in eine Tomate oder in eine Karotte: Es schmeckt alles gleich, nämlich nach nichts. Holland ist der wohl einzige Staat der Erde, in dem man etwas Ungesundes zu sich nimmt, wenn man Obst und Gemüse isst.

Vielleicht ist das alles kein Wunder in einem Land, in dem auf natürlichem Weg nur Unkraut wächst, weshalb man früh dazu überging, Gewächshäuser anzulegen. Dass man die minderwertigen Ergebnisse dieser Bemühungen mittlerweile selbst in portugiesischen Supermärkten kaufen kann, zeigt vor allem, dass die Holländer schon immer gute Geschäftsleute waren.

Der Versuch, in Holland etwas zu essen, zeigt auch die Problematik des Protestantismus auf: Es kommt bei dieser Entsagerei nichts Vernünftiges heraus, zumindest nicht im Diesseits. Putzige Häusschen, keine Gardinen,  alles sauber, alles kontrollierbar. Schaut man durch ein Fenster in die Wohnung, sieht man adrett gekleidete Menschen in aufgeräumten Zimmern aufrecht in Sesseln sitzen, gute Bücher lesen und Vla essen. Manchmal essen sie auch keinen Vla, aber sie lesen immer ein gutes Buch. Niemals sieht man jemanden auf dem Sofa herumfläzen oder einen Porno gucken. Man kann in einem holländischen Haus nicht mal onanieren, es sei denn man ist Exhibitionist.

Die Form, das Maß, der Kopf ist alles, Genuss ist verpönt. Keine Völlerei, kein Exzess, außer mit Mayonaise und Vla. Die massive Zuckerzufuhr als Glücksbringer muss da wohl sein. Ich könnte jetzt natürlich auch schreiben, weshalb Holland trotzdem eine Reise wert ist, aber das ist ein anderes Thema.

(Foto: genova 2010)

MAS: Inhalt und Form im Neoliberalismus

Worum geht es in diesem Artikel? Ich weiß es nicht genau. Zum einen darum:

Das neue Museum Aan de Strom (MAS) im stadtnahen Teil des riesengroßen Hafens von Antwerpen wirkt architektonisch wie aus einem Guss: wesentlich mit handgearbeiteten Sandsteinplatten aus Indien verkleidet, die den Kasten optisch zusammenhalten und ihm trotz seiner Monumentalität etwas Nicht-Abweisendes verleihen, da das Blockhafte durch die haptische und farbliche Differenz von Platte zu Platte gemildert konterkariert wird. Dazu die gewellten Glasscheiben ohne Fensterleibungen, die, wohl das Treppenhaus visualisierend, um die Ecken ansteigend verlaufen und auch damit den Klotz, der an die umliegenden Lagerhäuser erinnert, verweichlichen. Man könnte fast meinen, es wäre ein monolithischer Sandsteinblock in den Hafen von Antwerpen gestellt und dann von einem der großen Kräne, die in der Nachbarschaft stehen, gedehnt worden, worauf dann das Glas zum Vorschein kam, quasi als innenliegende zweite Haut. Überhaupt ist das mal wieder ein nettes Beispiel für die gestalterischen Möglichkeiten, die einem Stahlbetonskelette bieten. Der Segen der statisch nicht mehr notwendigen und damit spielerisch zu interpretierenden Abgrenzung, für dessen Erteilung wir hiermit Gott danken.

Er und die Architekten (Neutelings Riedijk Architecten) wie auch die praktisch Ausführenden haben sich Mühe gegeben.

 

Bei einem durchdachten, ganzheitlichen Entwurf fallen lustige Details um so deutlicher ins Auge: Der Ständer für den Aschenbecher vorm Eingang ruht auf einer Waschbetonplatte, die wahrscheinlich seit den 1970er Jahren da irgendwo unbeachtet rumlag. Sandstein ist nun mal empfindlich, da greift man zu praktischen Lösungen. Mit einer Waschbetonplatte kann man es ja machen.


 
Ist nun der filigrane Kompletteindruck hin? Wohl nicht, aber es macht auch die Rigorosität dieser architektonisch ums Perfekte bemühten Entwürfe deutlich: Solche Gebäude sind kaum noch anschlussfähig, was gerade bei einem Museum ein Problem darstellt, weil da doch eigentlich nur die Hülle zur Verfügung gestellt werden soll. Zum anderen geht es in diesem Artikel nämlich auch darum:

Das Museum selbst (Ich war leider an einem Montag vor Ort. Der Montag stellte sich mir einmal mehr als weltweit gültiger Museumsruhetag dar.) wird zumindest abseits der PR-Industrie kritisch betrachtet:

Mit der Form des MAS hält der museale Inhalt bei weitem nicht mit. Was einst ein Stadtmuseum werden sollte, ist nun ein Kraut- und-Rüben-Museum mit rund 470.000 Objekten und Artefakten aus insgesamt fünf Sammlungen, die in tageslichtlosen, aber mit Licht und Klang sehr theatralisch inszenierten Innenräumen strukturiert sind.

In der Abteilung “Machtentfaltung” werden völlig zusammenhanglos afrikanische Gebrauchs- und Kunstgegenstände präsentiert. Die (grausame) belgische Kolonialgeschichte hingegen wird mit keiner Silbe erwähnt.

Tja. Vielleicht will man dem Publikum keine Bilder von abgeschnittenen schwarzen Kinderhänden und Genitalien zeigen, ganz zu schweigen von den zehn Millionen Kongolesen, die zwischen 1880 und 1920 ermordet wurden. Antwerpen als wichtigster Hafen Belgiens, in dem die Kautschukmassen aus dem Kongo Europa erreichten. Wichtiger ist der Bilbao-Effekt. Und so gibt es eine weitere Destination, wie man sagt, für Architekturtouristen, die der Hülle fröhnen und zeigen, dass neoliberales Stadtmarketing funktioniert. Wo gehobelt wird, fallen Späne, damals wie heute.

Gewohnt liberal sieht das die Zeit:

Doch das Museum, in dem gleich mehrere zuvor verstreute und kaum sichtbare städtische Sammlungen zusammengeführt sind und zum Zusammenklingen gebracht werden sollen, ist nicht nur Schauplatz der Selbstbesinnung der Antwerpener Bürger und des Rückblicks in ihre große Geschichte als Welthafen und Heimat für Kosmopoliten. Es ist auch vibrierendes »Warenhaus« und bedeutendes Kunstzentrum.

Soviel zur bürgerlichen Selbstbesinnung auf eine große Geschichte.

Architektur als die zeitgenössisch beste Möglichkeit, Kritik auszuschalten und Perspektiven umzuleiten. Da bin ich doppelt froh über die Waschbetonplatte.

(Fotos: genova 2012)

Nur Simulation von Gegenmacht

Ein ganz interessanter Text des Parteienforschers Franz Walter zum Thema “Kapitalismus und Demokratie” in der FR vom 28. Dezember 2011, der die Fatalität der derzeitigen Lage zeigt.

Die Krise des Finanzkapitals und die Erosion seiner Legitimation ist eben nicht Folge einer scharfen Attacke und zielgerichteten Alternativstrategie sozialer Bewegungen der politischen Linken, sondern lediglich Resultat einer Implosion aufgrund innerkapitalistisch erzeugter Widersprüche. Auch deshalb ist der Vorrat an „Post“-Konzepten, für die Zeit „danach“, in linken Lager nahezu leer.

Das allerdings kann man mit guten Gründen als fatal ansehen: Die Destruktionswucht des Kapitalismus hat sich in den vergangenen Jahrzehnten unaufhörlich potenziert und in selbstzerstörerischem Trieb mehr und mehr gegen die eigenen Voraussetzungen gewandt. Gegenbewegungen sind gewiss seit einigen Monaten erkennbar, auf Konferenzen, Kundgebungen, in Zeltdörfern. Doch dort simuliert man derzeit lediglich Gegen-Macht, spielt ein bisschen „wahre Demokratie“. Um es zweifellos sehr pessimistisch zu formulieren: intellektuell, organisatorisch, personell sind all diese Bewegungen auf den Ausgangspunkt dezidiert antikapitalistischer Strömungen irgendwo und irgendwann in den 1840er-Jahren zurückgeworfen.

Es braucht die Linke nicht, das Kapital erledigt seine (und nicht nur seine) Zerstörung von selbst. Walter bringt hier in Bezug auf Politikwissenschaftler Ingolfur Blühdorn den Begriff der “simulativen Demokratie” ins Spiel:

[Es] hat sich durch die rasante Vervielfältigung von Wissen und Informationen eine solche Komplexität ergeben, dass die Bürger den Überblick und damit ihre Beurteilungssouveränität gänzlich verloren haben und infolgedessen apolitische Refugien statt mühevoller politische Interventionen bevorzugen.

Auf diese Weise sei eine simulative Demokratie entstanden, in der die Bürger ihre Freiheit in erster Linie als Konsumenten auf den Märkten suchten.

Tja. Komplexität, verwirrende Vielfalt. Die technologische Entwicklung lässt immer mehr Informationen auf uns niederpasseln, sodass wir uns gut informiert fühlen könnten, rein technisch betrachtet. Wir sind allerdings alles andere als souverän. Wir lassen die Informationen durchlaufen, sind danach theoretisch allwissend und praktisch gelähmt. Die Medienmaschine, der inneren Logik kapitalistischer Aufmerksamkeitsökonomie folgend, erhöht beständig das Tempo und liefert Kampagne auf Kampagne. Auf die Nazis folgt Wulff folgt das Dschungelcamp.

Mal abgesehen davon, dass es durchaus Konzepte für die Zeit danach gibt, so hat Walter recht, wenn er die als den Menschen kaum vermittelt betrachtet. Statt dessen “Gefällt-mir”-Buttons, Blogs und Piratenpartei. Sonst nichts.

Insofern hat die technologische Innovationskraft des Kapitalismus ein Wirrwarr in den Köpfen produziert, der sie vollstopft und zugleich entleert, dazu immer schön designed und formal vorn dabei. Kapitalismus war noch nie altmodisch, nur unendlich dumm.

Der Schriftsteller Ingo Schulze schrieb kürzlich in der Süddeutschen Zeitung ähnliches:

Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, denn ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Es ist alles so offensichtlich: die Abschaffung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisation in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche (der Bildung, des Gesundheitswesens, des öffentlichen Verkehrssystems usw.), die Blindheit für den Rechtsextremismus, das Geschwafel der Medien, die pausenlos reden, um über die eigentlichen Probleme nicht sprechen zu müssen, die offene und verdeckte Zensur (mal als direkte Ablehnung, mal in Form von “Quote” oder “Format”) und, und, und. . .

Dazu kommt die Abschaffung des Proletariers und seine Ersetzung durch das atomisierte Arbeits-Ich. Identitätsbildung, Klassenbewusstsein gar: ausgeschlossen.

Es kommt mir der Begriff der Hegemonie in den Kopf und Gramsci, der fragt, wie Menschen dazu gebracht werden, freiwillig ihrer Unterwerfung zuzustimmen, was nicht nur hierzulande seit Jahren forciert der Fall ist.

Lesen, demnächst.

(Foto: genova 2011)

Über ungeklärte Identitäten und Flüchtlingsblut

Die Blut-und-Boden-Logik ist in Deutschland wohl nicht erst seit 1871 en vogue und nach wie vor ist dieses Land in seinen Rahmenbedingungen völkisch-nationalistisch.

Übertrieben? Was ist dann von folgendem Fall zu halten, der gestern im WDR-Fernsehen gezeigt wurde: Ein Zwanzigjähriger ist in Essen geboren, hat immer dort gelebt, wird von den Behörden aber als “geduldeter Flüchtling mit ungeklärter Identität” kategorisiert. Grund: Sein Vater flüchtete in den 1980er Jahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon und verheimlichte seine “türkischen Wurzeln”, um hierbleiben zu dürfen. Nach der Logik der Behörden fließt in den Adern des Vaters offenbar Flüchtlingsblut, das er seinem Sohn qua Zeugung weitergibt.

Wir haben also einen Menschen, den man faktisch als Uressener bzeichnen kann, dessen “Identität” aber “ungeklärt” ist. Das behauptet nicht etwa die NPD, sondern die Essener Ausländerbehörde. Kann man sowas staatlich garantierten Rassismus nennen?

Der ungeklärte Essener spürt die Folgen dieser Logik täglich: Er darf keinen Führerschein machen (was er für seinen Job braucht, weswegen er dort jetzt rausfliegt), darf laut eigener Aussage NRW nicht verlassen, kriegt einen Job nur, wenn sich kein “Deutscher” dafür findet, und  ist von Abschiebung bedroht. Nochmal: Das erlebt ein zwanzigjähriges Essener Urgestein, der außer Essen wohl noch nicht viel gesehen hat von der Welt. Ein nichtgeflüchteter Flüchtling. In der Logik einer staatlichen Behörde offenbar nicht unlogisch.

Die Geschichte erzählte der WDR übrigens in einem Film über Sarrazin, eineinhalb Jahre später.

Nils Minkmar empfahl in der FAZ kurz vor Weihnachten Sarrazins Buch als erneute Lektüre für die Feiertage: Man sähe, so Minkmar aus meinem Gedächtnis zitiert, aus dem zeitlichen Abstand heraus klarer, was für eine dämlicher Rassist Sarrazin sei und es sei geradezu schauderhaft, dass dieses Buch eines sozialdarwinistischen Technokraten allen Ernstes monatelang öffentlich diskutiert wurde.

Vom “Gespenst des Kapitals” und vom gratis mitarbeiten

Interessantes Interview in der Frankfurter Rundschau mit Joseph Vogl, der mit “Das Gespenst des Kapitals” einige Beachtung gefunden hat.

Zwei Auszüge:

“Mit dem Erdbeben von Lissabon ging das Vertrauen in eine vernünftige Weltordnung verloren. Voltaires Roman „Candide“ handelte vom Ende dieses Optimismus, vom Ende der Vorstellung, dass die wirkliche Welt die beste aller möglichen sei. In den ökonomischen Lehrmeinungen ist etwas Ähnliches noch nicht passiert. Der Crash von 2008 sollte für die ökonomische Wissenschaft nun eine ähnliche Rolle spielen wie das Erdbeben von 1755 für die Theodizee. Es ginge also um eine Art Säkularisierung des ökonomischen Wissens.”

Die Betonung des religiösen Moments ist in der Tat wichtig zur Entzauberung dieses Denkens. Alleine die Tatsache, dass Ökonomen einen homo oeconomicus zuerst erfinden und dann ihrer gesamten Logik voraussetzen, zeugt von der geistfreien Erbärmlichkeit dieser Technokraten, die Denker genannt werden. Wobei hier Religiosität gar nicht abgewertet werden soll. Insofern müsste man vielleicht eher von Banalität reden.

“Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass das, was man Kapitalismus nennt, ein kohärentes System sei, dessen Funktionieren oder Kollaps von einem bestimmten zentralen Funktionselement abhängig wäre. Der Kapitalismus ist ein sehr heterogenes Konglomerat von Praktiken, Institutionen, Akteuren. Ungenügend wäre aber auch die marxistische These, die behauptet, das System könnte an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen. Der Kapitalismus ist ein System, das sehr effizient darin ist, Widersprüche zu verwalten, Oppositionen zu absorbieren, sich an den eigenen Krisen zu optimieren. Es funktioniert, auch wenn dieses System überall knirscht oder leckt oder Elend produziert. Weder der Konflikt zwischen Arm und Reich, noch der zwischen Kapital und Arbeit führen zu seinem Untergang. Zudem hat dieser Kapitalismus eine wichtige Frage gelöst, er hat sich nämlich mehr und mehr von der Arbeit unabhängig gemacht. Marx hatte erwartet, die steigenden Kosten für Arbeit würden das System tatsächlich in eine Finanzierungsfalle treiben. Nichts dergleichen ist geschehen. Stattdessen ist es gelungen, den Faktor Arbeit zu minimieren – sei es durch Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen oder die Beanspruchung so genannter „Prosumer“, d.h. Konsumenten, die gratis an der Produktion ihrer Konsumgüter mitarbeiten. Das Ikea-Prinzip.”

Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Die Wirtschaftswissenschaften stehen – wenn es gut läuft – vor einer Art Aufklärung. Sie befinden sich also noch im Mittelalter. Wobei auch das schon wieder eine Herabsetzung wäre, nämlich eine des Mittelalters.

Kapitalismus als umfassendes ökonomisches, soziales und moralisches System, das bis in die letzte Hirn- und Herzwindung vordringt. Aber eben auch ein unglaublich flexibles und in seiner Funktionalität respektables. Respektabel auch insofern, als das dieses System es geschafft hat, ein Verhältnis herzustellen, das sein Fortkommen wahrscheinlich macht: Je offensichtlicher die Ungereimtheiten, je deutlicher die Systematik des Systems hervortreten, je klarer die zerstörende Macht wird, desto unfähiger werden die Betroffenen, all das zu analysieren. Desto tiefer verstricken sie sich in Irrationalismus, in Esoterik, in Verschwörungstheorien und in Occupy-Phantasien.

Ohne profunde Analyse geht nichts, auch wenn es schwer fällt. Und genau die wird systemisch unmöglich gemacht.

Jüngstes Beispiel: An der Humboldt-Uni in Berlin wurde diese Woche ein neues Institut gegründet. Tolle Sache eigentlich, mehr Wissenschaftlichkeit im Zeitalter der Bildung. Es ist ein Institut zur Erforschung der Zusammenhänge von Internet und Gesellschaft. Der Geldgeber ist google. Und es ist ein besonderer Erfolg kapitalistischer Verwertungslogik, dass selbst eine Zeitung wie die taz daran nichts Problematisches findet. Eine Meike Laaff schreibt:

Geld. Iiih! Böse!

Und jetzt mal ein paar Fakten: Das Institut bekommt von Google über drei Jahre verteilt gerade einmal 4,5 Millionen Euro. Eine ziemliche Portokassen-Summe für den US-Konzern…Und künftig sollen andere Sponsoren hinzukommen – etwa aus der Telekommunikationsbranche.

Man bemerke die Perspektive: Für google ist das nicht viel Geld, also ist das nicht so schlimm. Je mächtiger Unternehmen werden, je mehr Geld sie verdienen, desto harmloser werden sie also. Meike Laaff ist Jahrgang 1981 (wohnt bei mir um die Ecke, sehe ich gerade), nennt sich “Journalistin” und schreibt am liebsten über “Netzthemen”. Was immer das sein soll, das hat sie wohl in der taz gerade gemacht. Hat ja was mit google zu tun. Wahrscheinlich wählt sie auch die Piratenpartei, die machen ja auch irgendwas mit Netz und digital. Ich bin in dieser Logik wahrscheinlich analog und total out.

Wie schon viele Male in diesem Blog bemerkt: Das System funktioniert hervorragend. Religiosität ist in, die Götter heißen Kapital, Sachzwang oder google.  Die einen sind empört und veranstalten Messen unter freiem Himmel, die anderen liefern jetzt mal ein paar Fakten.

Das Gespenst des Kapitals ist ungemein aktiv. Man sollte Respekt vor ihm haben.

Der “liebe Stefan”: Die Verbindungen von CDU und FDP zu Politically Incorrect

Kurz etwas zu den Verbindungen zwischen den vermeintlich bürgerlichen, konservativen, liberalen Lagern in Deutschland und Rechtsextremisten. Dem Verlag DuMont-Schauberg wurden kürzlich interne Mails der Verantwortlichen des Vollpfostenblogs PI-News zugespielt. Die zu DuMont gehördenden Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau berichteten deshalb in den vergangenen Wochen öfter über PI, man erhielt ein paar interessante Einblicke in die Geisteswelt der Nazis 2.0. Kurzversion:

Dokumente, die dieser Zeitung zugespielt wurden, belegen, dass PI weit mehr ist als eine harmlose Internetseite. Es handelt sich vielmehr um eine Organisation, die zum Teil hochkonspirativ an der Verteufelung einer ganzen Glaubensgemeinschaft arbeitet. Die in einem internationalen Netzwerk von Islamhassern eine entscheidende Rolle spielt und diese noch auszuweiten gedenkt. Die Gewaltverherrlichern und Rassisten, deren Weltbild dem des norwegischen Massenmörders Anders Breivik ähnelt, ein Forum bietet. Und in der die Person Stefan Herre [der Bloggründer aus Bergisch Gladbach] weit mehr ist als ein bloßer Moderator.

Die Macher dieser Seite sind sektenartig miteinander verbunden, es existieren mannigfaltige Kontakte zu rechtsextremen Parteien. Die politischen Argumente dieser Leute sind nur unter psychologischen Gesichtspunkten diskutierbar. (Man vergleicht sich allen Ernstes mit der Weißen Rose.) Das war aber schon vorher klar. Die angeblich fest vereinten Kameraden bezeichnen sich in Mails hintenrum schon mal gegenseitig als “Gehirngewaschene”, womit man ihnen wenigstens einmal zustimmen kann.

Interessanter aber sind die Informationen darüber, wer sich so alles mit diesen Leuten gut versteht. Die Berliner Zeitung schreibt:

Die Strahlkraft des Blogs scheint inzwischen sogar bis in lupenrein demokratische Parteien zu reichen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass auch der Stresemann-Club – ein rechtslastiger Verein innerhalb der FDP – Kontakt mit dem “lieben Stefan” aufgenommen hat. Gleiches gilt für die Senioren-Union der CDU Deutschlands. Deren Geschäftsführer Dirk Hülsenbeck wandte sich am 19. Mai an das PI-Team, weil er “Sympathie für Ihr Engagement” empfindet. Es gebe “viele in der CDU, die die Union von innen erneuern möchten”, so Hülsenbeck, der einen islamfeindlichen Blog dafür offenbar als Mittel zum Zweck erachtet. Daher bot er PI an, gelegentlich “brauchbare Infos” zu liefern.

Ein leitendes Mitglied einer offiziellen CDU-Gruppierung empfindet Sympathie für volksverhetzende Rechtsradikale, will in diesem Sinne offenbar seine Partei “erneuern” und sieht sich darin parteiintern massiv unterstützt. Ähnliches gilt für die FDP. Der Stresemannclub nennt sich “rechtsliberal” und “demokratisch” und “patriotisch”. Gut zu erfahren, was Liberale meinen, wenn sie von Liberalismus reden. Offenbar sind tägliche Volksverhetzung, Begriffe wie “Museldreck” und das dahinter stehende Weltbild einfach nur Ausflüsse liberalen Denkens. Hätte ich mir ja denken können.

Dass Teile der FDP schon immer zu Rechtsradikalismus neigen, ist historisch begründet und bekannt. Dass in der Seniorenunion verkappte Nazis auch im Jahr 2011 noch maßgeblichen Einfluss haben, verwundert dann doch ein wenig. Mich zumindest.

Hans-Olaf Henkel denkt ja jetzt darüber nach, eine neue Partei zu gründen. Stramm-rechts mit Eurokritik als Aufhänger. Henkel hat ebenfalls gute Kontakte zu PI. Vielleicht wird hier ein gelb-schwarz-brauner Sud aufgesetzt, der über kurz oder lang vielen mundet. Das Potenzial ist in Sarrazin-Land auf alle Fälle vorhanden.