Archiv der Kategorie: Fremdenfeindlichkeit

Wenn Nazis Gas geben

Aus einem Artikel des rechtsradikalen Internetblogs pi-news über einen Bericht, der sich mit den neonazistischen Hintergründen einiger PI-Mitstreiter beschäftigt:

“Wir kreuzbraven Islamkritiker aus der Mitte der Gesellschaft von BPE und der FREIHEIT kennen diese linksradikalen Diffamierungskampagnen zur Genüge. Sie prallen mittlerweile von uns ab wie Regentropfen von der Windschutzscheibe eines immer schneller fahrenden Autos.

Was passiert mit einem Auto, das bei Regen immer schneller fährt? Genau. Diese Leute fahren nicht nur schneller, als die Polizei erlaubt, sie tappen auch immer wieder in die selbstgestellte Falle. Denn letztlich ist dieses merkwürdige Bild gar nicht so falsch. Pi und Co. hoffen unterbewusst auf das große gesellschaftliche Aquaplaning. Hauptsache, es passiert was. Schuld sind dann eh wieder die linksgrünversifften Moslems.

Aber nehmen wir die Jungs einfach wörtlich: Der Pi-Artikel handelt im Weiteren von einer Fahrt dieser Hanseln zu einer rechtsradikalen Kundgebung nach Dänemark. Heute.

Soll es heute nicht Regen geben? :-)

Über ungeklärte Identitäten und Flüchtlingsblut

Die Blut-und-Boden-Logik ist in Deutschland wohl nicht erst seit 1871 en vogue und nach wie vor ist dieses Land in seinen Rahmenbedingungen völkisch-nationalistisch.

Übertrieben? Was ist dann von folgendem Fall zu halten, der gestern im WDR-Fernsehen gezeigt wurde: Ein Zwanzigjähriger ist in Essen geboren, hat immer dort gelebt, wird von den Behörden aber als “geduldeter Flüchtling mit ungeklärter Identität” kategorisiert. Grund: Sein Vater flüchtete in den 1980er Jahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon und verheimlichte seine “türkischen Wurzeln”, um hierbleiben zu dürfen. Nach der Logik der Behörden fließt in den Adern des Vaters offenbar Flüchtlingsblut, das er seinem Sohn qua Zeugung weitergibt.

Wir haben also einen Menschen, den man faktisch als Uressener bzeichnen kann, dessen “Identität” aber “ungeklärt” ist. Das behauptet nicht etwa die NPD, sondern die Essener Ausländerbehörde. Kann man sowas staatlich garantierten Rassismus nennen?

Der ungeklärte Essener spürt die Folgen dieser Logik täglich: Er darf keinen Führerschein machen (was er für seinen Job braucht, weswegen er dort jetzt rausfliegt), darf laut eigener Aussage NRW nicht verlassen, kriegt einen Job nur, wenn sich kein “Deutscher” dafür findet, und  ist von Abschiebung bedroht. Nochmal: Das erlebt ein zwanzigjähriges Essener Urgestein, der außer Essen wohl noch nicht viel gesehen hat von der Welt. Ein nichtgeflüchteter Flüchtling. In der Logik einer staatlichen Behörde offenbar nicht unlogisch.

Die Geschichte erzählte der WDR übrigens in einem Film über Sarrazin, eineinhalb Jahre später.

Nils Minkmar empfahl in der FAZ kurz vor Weihnachten Sarrazins Buch als erneute Lektüre für die Feiertage: Man sähe, so Minkmar aus meinem Gedächtnis zitiert, aus dem zeitlichen Abstand heraus klarer, was für eine dämlicher Rassist Sarrazin sei und es sei geradezu schauderhaft, dass dieses Buch eines sozialdarwinistischen Technokraten allen Ernstes monatelang öffentlich diskutiert wurde.

Des Ariers Tragik

Kann einem deutschen Neo-Nazi Schlimmeres widerfahren als nach der Verübung eines rassistischen  Anschlags von der Polizei als “mediterran” und mit “dunklem Teint” beschrieben zu werden? So geschehen nach dem Bombenattentat in der Kölner Keupstraße 2004. Einer der beiden Nazis hatte ja in der Tat  einen recht dunklen Teint.

Schlimmschlimm: Da will einer ein richtiger deutscher Arier sein und dann sowas. Der muss getobt haben, als er in den Medien erfuhr, in welcher Form man nach ihm suchte. Er, der deutscheste aller Deutschen, der die Mediterranen auslöschen will, ist nun selber einer. Nennt man sowas einen Schicksalsschlag?

Wunderbar entlarvend einerseits. Andererseits bezeichnend für den alltäglichen deutschen Rassismus, dass man aufgrund dieser Täterbeschreibung sofort davon ausging, dass da Türken unter sich eine Rechnung beglichen hatten. Das Blut- und Bodendenken steckt nach wie vor tief in uns drin. So gesehen können die Nazis triumphieren. Nach wie vor.

“prima. b”

Flott mal was zum alten Thema “Extremismus der Mitte”. Die Berliner Zeitung berichtete im September dieses Jahres über die nicht-öffentlichen Verbindungen zwischen Henryk Broder und dem Blog Politically Incorrect:

Dass sie [PI-Chef Stefan Herre und Broder] sich überhaupt so oft schreiben, überrascht: Broder distanziert sich bisher von PI. “Was Politically Incorrect macht, ist meine Sache nicht”, sagte er in 3 Sat. Als eine Bekannte Herre damit konfrontierte, schrieb der: “Mit Broder telefonier und email ich ab und zu. Dass er öffentlich was anderes über PI sagt, naja, damit muss ich leben.” Auch Broders E-Mails sprechen nicht für große Distanz: Er bestellt Grüße an Geert Wilders oder bespricht mit Herre eine gemeinsame Veranstaltung mit Thilo Sarrazin. Umgekehrt fragt Herre den prominenten Autor um Rat.

So schickte er ihm am 9. Februar 2011 den Link zu einer PI-Veröffentlichung mit den Worten: “So ok?” Broders Antwort: “prima. b” Nur das PI-Forum, schrieb er Herre vor drei Wochen, sei “unter aller Sau”. Gemeinsame Freunde sind auf Broders “Achse”dennoch willkommen: Jüngst ließ er Detlef Alsbach ausbreiten, wieso es in Deutschland “von Nachteil ist, Deutscher und von Vorteil ist”, Türke zu sein. Alsbach ist Mitglied von Pro Köln – und Duzfreund von Herre.

Broder, PI, Pro Köln – die Unterschiede liegen wohl im Detail – wenn überhaupt.

Der “liebe Stefan”: Die Verbindungen von CDU und FDP zu Politically Incorrect

Kurz etwas zu den Verbindungen zwischen den vermeintlich bürgerlichen, konservativen, liberalen Lagern in Deutschland und Rechtsextremisten. Dem Verlag DuMont-Schauberg wurden kürzlich interne Mails der Verantwortlichen des Vollpfostenblogs PI-News zugespielt. Die zu DuMont gehördenden Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau berichteten deshalb in den vergangenen Wochen öfter über PI, man erhielt ein paar interessante Einblicke in die Geisteswelt der Nazis 2.0. Kurzversion:

Dokumente, die dieser Zeitung zugespielt wurden, belegen, dass PI weit mehr ist als eine harmlose Internetseite. Es handelt sich vielmehr um eine Organisation, die zum Teil hochkonspirativ an der Verteufelung einer ganzen Glaubensgemeinschaft arbeitet. Die in einem internationalen Netzwerk von Islamhassern eine entscheidende Rolle spielt und diese noch auszuweiten gedenkt. Die Gewaltverherrlichern und Rassisten, deren Weltbild dem des norwegischen Massenmörders Anders Breivik ähnelt, ein Forum bietet. Und in der die Person Stefan Herre [der Bloggründer aus Bergisch Gladbach] weit mehr ist als ein bloßer Moderator.

Die Macher dieser Seite sind sektenartig miteinander verbunden, es existieren mannigfaltige Kontakte zu rechtsextremen Parteien. Die politischen Argumente dieser Leute sind nur unter psychologischen Gesichtspunkten diskutierbar. (Man vergleicht sich allen Ernstes mit der Weißen Rose.) Das war aber schon vorher klar. Die angeblich fest vereinten Kameraden bezeichnen sich in Mails hintenrum schon mal gegenseitig als “Gehirngewaschene”, womit man ihnen wenigstens einmal zustimmen kann.

Interessanter aber sind die Informationen darüber, wer sich so alles mit diesen Leuten gut versteht. Die Berliner Zeitung schreibt:

Die Strahlkraft des Blogs scheint inzwischen sogar bis in lupenrein demokratische Parteien zu reichen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass auch der Stresemann-Club – ein rechtslastiger Verein innerhalb der FDP – Kontakt mit dem “lieben Stefan” aufgenommen hat. Gleiches gilt für die Senioren-Union der CDU Deutschlands. Deren Geschäftsführer Dirk Hülsenbeck wandte sich am 19. Mai an das PI-Team, weil er “Sympathie für Ihr Engagement” empfindet. Es gebe “viele in der CDU, die die Union von innen erneuern möchten”, so Hülsenbeck, der einen islamfeindlichen Blog dafür offenbar als Mittel zum Zweck erachtet. Daher bot er PI an, gelegentlich “brauchbare Infos” zu liefern.

Ein leitendes Mitglied einer offiziellen CDU-Gruppierung empfindet Sympathie für volksverhetzende Rechtsradikale, will in diesem Sinne offenbar seine Partei “erneuern” und sieht sich darin parteiintern massiv unterstützt. Ähnliches gilt für die FDP. Der Stresemannclub nennt sich “rechtsliberal” und “demokratisch” und “patriotisch”. Gut zu erfahren, was Liberale meinen, wenn sie von Liberalismus reden. Offenbar sind tägliche Volksverhetzung, Begriffe wie “Museldreck” und das dahinter stehende Weltbild einfach nur Ausflüsse liberalen Denkens. Hätte ich mir ja denken können.

Dass Teile der FDP schon immer zu Rechtsradikalismus neigen, ist historisch begründet und bekannt. Dass in der Seniorenunion verkappte Nazis auch im Jahr 2011 noch maßgeblichen Einfluss haben, verwundert dann doch ein wenig. Mich zumindest.

Hans-Olaf Henkel denkt ja jetzt darüber nach, eine neue Partei zu gründen. Stramm-rechts mit Eurokritik als Aufhänger. Henkel hat ebenfalls gute Kontakte zu PI. Vielleicht wird hier ein gelb-schwarz-brauner Sud aufgesetzt, der über kurz oder lang vielen mundet. Das Potenzial ist in Sarrazin-Land auf alle Fälle vorhanden.

Ali und Heather: alles eine Frage der Perspektive

1.

Vor einer Weile hatte ich mit einem 37-jährigen Türken zu tun. Besser gesagt, er war Berliner, im Wedding geboren, hat immer dort gelebt, und war türkischer Abstammung. Er – nennen wir ihn Ali – sprach deutsch, allerdings mit deutlich türkischen Akzent und mit nicht besonders reichhaltigem Wortschatz. Damit beklagte er seine schlechte schulische Bildung. Ich dachte mir, ganz trendig: Irgendwas läuft wohl schief mit der Integration, wenn jemand, der in Deutschland geboren wurde und immer hier lebte, nicht einfach muttersprachlich deutsch spricht. Beruflich überführt Ali Autos, sein Sohn macht demnächst Abi und “soll es einmal besser haben”. Welche Religion jemand habe, sei ihm egal, meinte er noch. Wir seien doch alle Menschen.

2.

Kennt jemand Heather De Lisle? Das ist eine “US-amerikanische Journalistin”, sie wohnt in Deutschland, arbeitet bei Deutsche-Welle-TV und bekennt sich offen zu den US-Republikanern und auch ein bisschen zur Tea Party. Sie sitzt manchmal in Talkshows, wenn es darum geht, eine Amerikanerin zu Wort kommen zu lassen, die den Deutschen die amerikanische Rechte und den bible belt erklärt. Sie war auch schon öfter Gast im Presseclub, eben als “amerikanische Journalistin”. In der Talkshow von Maibrecht Illgner über Strauss-Kahn sagte sie kürzlich: “Wir Amerikanerinnen lassen uns nicht gerne begrapschen.” Heather redet grundsätzlich aus amerikanischer Perspektive: In den USA sei das so und so, hier aber falle ihr auf, dass… Eine Amerikanerin mit dem Blick von außen auf Deutschland. Heather spricht mit deutlich amerikanischen Akzent und sucht auch manchmal nach dem passenden deutschen Wort. Hin und wieder baut sie englische Begriffe in ihre Sätze ein, “connotations” beispielsweise oder “arabian spring”. Ich dachte mir bis vorgestern, ganz trendig: Mensch, eine Amerikanerin, die so gut deutsch spricht, nicht schlecht.

Soweit mein kohärentes Weltbild. Dann las ich, eben vorgestern, dass Heather seit über 30 Jahren in Berlin lebt. Ich war überrascht und fragte mich, wie alt Heather eigentlich ist und erfuhr via Wikipedia: Heather ist gerade 35 geworden und in Deutschland geboren. Sie hat ein paar Jahre in den USA studiert, ansonsten lebte sie immer hier. Die Frau, die einem als amerikanische Journalistin verkauft wird, ist in Wirklichkeit De-Fakto-Deutsche, hier sozialisiert mit einem Außenblick auf die USA und einer Binnenperspektive auf Deutschland. Heather ist die Tochter eines amerikanischen ehemaligen Soldaten, der in Berlin seit den 1980ern ein bekannter Radiomoderator ist. Dass Heather schon mit 15 Jahren bei einem amerikanischen Radiosender in Berlin moderierte, dürfte damit zusammenhängen.

Eine (gerade nach amerikanischer Logik) Deutsche, die partout keine Deutsche sein will, sondern so tut, als würde ihr, der authentischen Leib-und-Magen-Amerikanerin, ständig irgendwas in diesem merkwürdigen Old Germany auffallen.

Zuviel Kündigungsschutz monierte sie schon, da seien “wir in den USA” lockerer. Oder die Aufregung um die Liquidierung Bin Ladens. Der wäre ja sowieso auf den elektrischen Stuhl gekommen, wieso also nicht gleich wegballern? Ja, so kennen wir sie, die Amis. Letztens fragte sie ein Journalist: “Fühlen Sie sich manchmal fremd in Deutschland, gerade weil die Mentalität so unterschiedlich ist?” Antwort Heather: “Es sind ein paar Sachen, die mir fremd vorkommen.” Im österreichischen Fernsehen sagte sie in einer Diskussion über Nine Eleven: “Wenn wir als Amerika unsere historischen Prinzipien fallenlassen…”.

Was ist das für eine Projektion? Vielleicht kriegt sie in dieser Rolle bessere Jobs. Als Deutsche ohne thematische Qualifikation ist sie eine unter tausenden. Als rechte Amerikanerin mit guten Deutschkenntnissen ist sie etwas besonderes. Wie viele rechte Amerikanerinnen sprechen gut deutsch und sind für´s deutsche TV ständig verfügbar? Sie hat da wohl einen Exotenbonus. Heathers Vater, der Radiomoderator, ist bekannt für “seinen starken amerikanischen Akzent”, schreibt Wikipedia über ihn. Es sei sein “Markenzeichen”. Aha.

Skurril: Ali eine hat eine Identität, die ihm auf der sozialen Skala in Deutschland objektiv einen unteren Platz zuweist. Die Möglichkeiten, sie zu verändern, sind begrenzt. Heather hat eine Identität, die sie als privilegierten Menschen ausweist. Und gerade diese Privilegien versetzen sie in die Lage, ihre Identität nach außen hin so zu ändern, dass sie weitere Privilegien sammeln kann. Man nimmt ihr die Amerikanerin, die in Deutschland nur seit längerem zu Besuch ist, ab.

Wir könnten die Geschichte auch umdrehen: Ali ist in einer schwierigen Umgebung aufgewachsen, hat einen Job und freut sich, dass er seinem Sohn bessere Bedingungen bieten kann. Heather ist in einer privilegierten Umgebung aufgewachsen und lebt in einer selbst gewählten Parallelwelt, in der ihr Akzent als Markenzeichen dient, mit dem sie ihren Marktwert steigert. Alis Akzent ist auch so eine Art Markenzeichen, aber eines, das ihm Türen verschließt, nicht öffnet. Heather suggeriert mit ihrer künstlichen Identität Authentizität. Sie kann das verkrustete alte Deutschland aus ihrer freiheitlichen Perspektive als angebliche Amerikanerin kritisieren.

Angenommen, eine türkisch-stämmige Journalistin würde so tun, als sei sie in der Türkei sozialisiert und erst seit ein paar Jahren in Deutschland und sie würde aus einer projektierten türkischen Binnenperspektive Deutschland kritisieren. Ich glaube, es funktionierte nicht. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft würde sehr schnell ihren Blick auf ihre Biographie lenken und feststellen, dass sie hier geboren und aufgewachsen ist. Wer einen türkischen Akzent hat, ist Teil des Integrationsdiskurses: Ist ihre Integration gelungen oder doch nicht. Warum passt die sich nicht an? Warum übernimmt die nicht unsere Werte? Warum kritisiert die unsere Mentalität? Passt die eigentlich zu uns? Heather De Lisle wird das offenbar nicht gefragt. Sie wird als “Journalistin aus Amerika” vorgestellt, die sie schlicht nicht ist. Sind ihre Interviewer und Gesprächspartner alle nur schlecht gebrieft? Wohl kaum. De Lisle passt mit ihrer Rolle einfach gut in die gesellschaftlich-mediale Wirktlichkeit.

Akzente, Identitäten, Perspektiven: Wenn eine türkischstämmige Migrantin im TV kein perfektes deutsch spricht, ist das ein Zeichen für misslungene Integration. Wenn eine Deutsche, deren Eltern in Amerika geboren wurden, im TV kein perfektes deutsch spricht, ist das ein Authentizitätsvorteil. Und es ist einzig der Blick der hiesigen Mehrheitsgesellschaft, der diese Identitäten realisiert.

(Foto: genova 2011)

“Vermeidung von Analyse”: Versuch einer Definition von “Gutmensch”

Eine Definition des grassierenden Begriffs “Gutmensch”, die es ziemlich gut trifft, finde ich. Gefunden im Forum von Spiegel-Online von einem User namens “inkorekt”. Danke!

“‘Gutmensch’ ist eine antikritische Kategorie. Sie dient der Vermeidung von Disput und Analyse. Gebraucht wird sie hauptsächlich von denen, die meinen, mit der Feststellung einer ‘knallharten Tatsache’ wäre über diese Tatsache schon alles nötige, wenn nicht die ‘Wahrheit an sich’ ausgesagt. Trägermaterial dieser ‘Wahrheit’ ist das, was eigentliche Analyse und Kritik bloß anstößt und unterlegt (und nicht zuletzt selbst ihr Gegenstand ist): die Statistik. Wo über diesen Faktenfatalismus hinausgedacht wird, kommt die Abwehr-Floskel vom ‘Gutmenschen’ zum Einsatz. Sie wendet sich nur vordergründig gegen die Leugner und Beschöniger von Missständen. Tatsächlich gilt ihren Verwendern jeglicher Versuch, die oft komplexen Zusammenhänge und Konditionierungen hinter einem Faktum (gemachtes!) zu ermitteln als ‘Verschleierung’ der einen, ‘nüchternen’ Wahrheit.

Die Geisteshaltung hinter dieser Anschauungsweise ist altbekannt (und hat in Deutschland Tradition). Sie entspringt dem idiosynkratischen Misstrauen gegen Kritik und Abstraktion, welche solchem Denken bloß als Zersetzung des einfachen, eindeutigen und homogenen gelten.”

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So verstanden, halte ich die Kritik am Begriff des Gutmenschen für sinnvoll. Es geht hier in erster Linie um den Unwillen, um die Ecke zu denken, darum, den Versuch des Verstehens zu diskreditieren – unabhängig von der persönlichen Haltung zum Gegenstand der Kritik – weil das zu einer differenzierten Perspektive führen kann. Und genau die ist nicht gewollt, weil man doch die Unübersichtlichkeit, die Multidimensionalität aller möglichen Sachverhalte gerade entsorgen will: hier wir, dort die.

Mit welchem Begriff linke Denkunwilligkeit bezeichnet werden könnte, ist eine andere Frage.

Nur so nebenbei.

Vom Pfeifen in Orkanstärke

Nochmal kurz zu Breivik und seiner geistigen Verwandtschaft in Deutschland. Ein Autor des Blogs Politically Incorrect, der Wahlberliner Marc Doll, rezensierte (wenn man das so nennen will) vor gut zwei Jahren einen Actionfilm namens “96 Stunden”. Es geht dort, wie in unzähligen Hollywood-Produktionen, um eine Variation des Themas “Auge um Auge, Zahn um Zahn”. Eine junge Amerikanerin wird in Paris von albanischen Mädchenhändlern entführt, und Mills, der Vater, beginnt seinen Feldzug gegen das Böse.

cinefacts schrieb damals über den Film:

Man darf sich nicht mit Fremden einlassen. Der Papa wird’s schon richten. Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Der Zweck heiligt die Mittel. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Derartige simple, reaktionäre Weisheiten verbreitet der Film, und er zeigt ausführlich, was passiert, wenn man sich nicht dran hält.

Dabei sind die Actionsequenzen wirkungsvoll inszeniert: Es tut dem Zuschauer wirklich weh, wenn Mills wieder mal zuschlägt, wenn er einen der Schurken Metallstäbe in die Oberschenkel rammt, um dort Strom anzuschließen für die Folter, wenn er die Knochen krachen lässt bis zum schmerzvollen Tod. Das will man gar nicht sehen; vor allem, weil es in einen Kontext eingebettet ist, der all dies gutheißt. Denn die ganze zornige Rache von Mills, daran lässt der Film nie einen Zweifel, ist gerechtfertigt, weil die da sterben werden keine Menschen sind, sondern die Räuber seiner Tochter.

Dies ist ein grundübler Film: sowohl was die ultrareaktionäre Haltung betrifft als auch die ultrabrutale Umsetzung. Und es ist ein Skandal, dass die FSK diesem Hassfilm eine Freigabe ab 16 gewährt hat.

Marc Doll dagegen ist von “96 Stunden” begeistert:

Das Werk ist eine, in eine brillant-subtile Form gegossene, Abrechnung mit einer durch das Versagen der links-liberalen „Multi-Kulti“-Apologeten entstandenen und kaum mehr aufzuhaltenden gesellschaftlichen Katastrophe in den europäischen Großstädten.

Eine Abrechnung mit der zunehmenden Islamisierung und Orientalisierung, die die abendländisch geprägten gesellschaftlichen Werte zersetzt; eine Abrechnung mit inkonsequenten europäischen Staaten, die sich weg ducken statt endlich einzugreifen.

Dieser Action-Reißer pfeift in Orkanstärke auf politische Korrektheit und lässt seinen Hauptdarsteller Liam Neeson als von der Leine gelassenen Berserker über die Leinwand wüten. Die schmierigen orientalischen Bösewichte kriegen dermaßen ordentlich ihr Fett weg, dass einem schier die Spuke weg bleibt.

Die schmierigen orientalischen Bösewichte, die unsere abendländischen Werte zersetzen, haben jetzt in Norwegen ihr Fett weggekriegt, und Sozis waren das auch noch. Auf die Versager in der Politik können wir uns ja nicht verlassen. Breivik hat versucht, eine gesellschaftliche Katastrophe aufzuhalten, wohl in etwa so brilliant-subtil, wie in dem Film dargestellt.

Ein PI-User namens Toddyx kommentiert dazu:

WIR MÜSSEN WIEDER LERNEN, KOPF UND KRAGEN ZU RISKIEREN

Genau.

Es verschwimmen die Grenzen zwischen Fiction und Realität. Natürlich ist 96 Stunden nur ein Film. Aber offenbar (ich habe ihn nicht gesehen) trifft er mit seinem Gut-Böse-Schema einen Nerv: Man darf, ja, man muss sich wehren gegen das Böse. Egal wie. Und es ist kein Zufall, dass auf PI ausgerechnet dieser Film rezensiert wurde, wohl der einzige, der überhaupt einmal Beachtung fand bei Leuten, die mit Feindbildkonstruktionen beschäftigt sind.

Man könnte jetzt weit ausholen: Der Plot und die Umsetzung von 96 Stunden ist in extremer Form das, was die (vor allem amerikanische Filmindustrie) in weiten Teilen ausmacht: Feinbildkonstruktion, Kampf gegen das Böse, Abwehrhaltung, Legitimierung von Gewalt, dramaturgisch und cineastisch in die immergleich banalisierte kulturindustrielle Form gepresst, die dem Zuschauer ein dauerhaft wohliges Schaudern im Rückenmark verspricht. Dass diese extreme Darstellung in 96 Stunden auch gewaltbereite Kleinbürger anspricht, ist nur folgerichtig.

Sehr gut bringt das Armin Laschet, der ehemalige NRW-Integrationsminister, in der Welt auf den Punkt:

Diese Blogs entwickeln Horrorszenarien, sodass manche daraus die Rechtfertigung für einen irgendwie gearteten Widerstand ableiten. Das Verhetzen von Menschen schafft das Klima für Gewalttaten. Das ist fast deckungsgleich mit islamistischen Hetzseiten im Internet, die zum Widerstand gegen die westliche Welt aufrufen. Das sind die gleichen Mechanismen und die gleichen Denkmuster, durch die sich Einzeltäter radikalisieren. So wie wir islamische Hetzseiten beobachten, müssen wir auch diese rechtspopulistischen Seiten beobachten.

So ist es. Die fortwährende Entwicklung von Horrorszenarien ist das entscheidende. Es darf die Puste nicht ausgehen. Bei Islamisten wie bei deren angeblichen Kritikern.

Henryk Broder ist derzeit übrigens damit beschäftigt, dem “linksreaktionären Gutmenschenpack” in Orkanstärke pfeifend auf die Mütze zu geben, während die Berliner Zeitung klarmacht, dass zwischen die Kameraden Broder und Breivik inhaltlich kein Blatt Papier passt. Nur so nebenbei.

Wer nun glaubt, ein Knallkopp wie Doll habe abseits rechtsextremer Internetforen nichts zu sagen, irrt: Er macht Karriere. Marc Doll ist mittlerweile stellvertretender Bundesvorsitzender der neuen “Bürgerrechtspartei” “Die Freiheit”. Wählbar im September in Berlin.

Norwegen und Henryk Broder: Der geistige Brandstifter zündelte erfolgreich

Auch Kolumnist Henryk Broder findet Erwähnung in dem Manifest des norwegischen Attentäters. Anders Breivik zitiert ein Interview, das Broder einer niederländischen Zeitung gab, und in dem der Autor Europäer aufforderte auszuwandern, sollten sie ihre Freiheit weiter behalten wollen. Broder ist überzeugt, dass die Europäer sich der Islamisierung nicht widersetzen werden”, so B. (Quelle: redblog)

Mit “B.” ist der Attentäter Breivik gemeint. Broder forderte in dem Interview in der Tat zum Auswandern auf.

Broder ist einer der zahlreichen geistigen Brandstifter. Er ist einer derjenigen, ohne die auch Breivik nicht zur Waffe gegriffen hätte. Jemand, der 1.500 Seiten zur Begründung seines Tuns verfasst, ist geradezu süchtig nach Legitimation, nach einem theoretischen Fundament, wie verschroben es auch wirken mag. Breivik brauchte Leute wie Broder, um die Schwelle zur Tat zu überwinden.

Broder im Tagesspiegel auf die Frage, ob er sich Sorgen machen, weil er nun “weltweit in so einem Zusammenhang exponiert werde”:

“Das einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp.”

Klingt ähnlich realitätsverlustigt wie die Begründungen Breiviks.

Broder ist in dem Zusammenhang deshalb interessant, weil er ein Scharnier herstellt zwischen den offen Rechtsradikalen von NPD, PRO, der Bloggerwelt einerseits und dem anständigen, offiziellen Diskurs im TV, in Zeitungen etc andererseits. Wer laufend bei Anne Will und Maibritt Illner sitzt, wer führender Kolumnist bei der Welt ist, wessen Bücher ausführlich rezensiert und sehr gut verkauft werden, der wird schon irgendwie recht haben. Der Kommentarbereich der Welt ist übrigens manchmal von dem einer NPD-Zeitung nicht zu unterscheiden. Die Fans wissen genau, was sie an ihrem Broder haben.

Broder und Co. fördern die braune Verseuchung der Gesellschaft, die dadurch – und begünstigt vom neoliberalen Denken allgemein – wächst. Die Fraktion Broder streut und bedient dabei das Ressentiment und lebt gut von ihm, gerne humorvoll, gerne gut geschrieben, vor allem “querdenkend”, was heute so viel heißt wie: der “schweigenden Mehrheit” entsprechend. Die Fraktion “Dr. Sarrazin” gibt den vermeintlich versierten Statistiker, der, dem neoliberalen Bildungskonzept entsprechend, einfach recht hat, weil er ganz, ganz viele Zahlen präsentiert und weil ein “Dr.” vor dem Namen steht. Er weiß viel, wie man sagt. Gemeinsam sind sie effektiv. Ob sie das glauben, was sie schreiben oder goebbelsmäßig ihre Anhängerschaft (zu der auch Breivik gehörte) verachten, weiß ich nicht. Das ist aber auch egal.

P.S.: Pro Deutschland tritt die Flucht nach vor an: Sie wollen sich heute Vormittag vor der norwegischen Botschaft in Berlin “mit den Opfern solidarisieren”.

(abfotografiert von genova, 2011)

Das Massaker von Norwegen und die deutschen Brüder im Geiste

Interessant, was der norwegische Attentäter Anders Breivik in den vergangenen Jahren in diversen Blogs, bei facebook und sonstwo im Netz publiziert hat. Er bezeichnete sich als Protestant, aber die heutige evangelische Kirche als “Witz”, weil deren Priester “für Palästina marschieren” und ihre Kirchen “wie minimalistische Einkaufszentren aussehen”. Und: “Das einzige, was die evangelische Kirche retten kann, ist eine Rückkehr zu ihren Grundlagen.”Auge um Auge, Zahn um Zahn, meint er wohl. Spiegel-Online sieht bei Breivik einen “christlich-fundamentalistischen Standpunkt”.

Weiter schreibt er:

“Für mich ist es sehr heuchlerisch, Muslime zu behandeln, als  unterschieden sie sich von Nazis und Marxisten. Sie sind alle Anhänger von Hass-Ideologien.”

Breivik sieht sich außerdem als “Rechtsnationalen”, als “Multi-Kulti-Hasser” und er ist gegen “Kulturmarxismus”. Vieles davon schrieb Breivik auf dem norwegischen Blog document.no, der größten norwegischen “anti-Islam, anti-immigration and pro-Israel website”. Auf einem anderen Blog sympathisierte er mit dem niederländischen Rechtspopulisten Gert Wilders. Breivik war von 1999 bis 2006 Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei.

Na, an was erinnern diese Beschreibung und die Zitate Breiviks? Klar, an die glorreichen Kameraden von pi-news, dem antiislamischen, rassistischen und vorgeblich israelfreundlichen Blog des Kölner Sportlehrers Stephan Herre. Der schließt sich den Aussagen Breiviks an. Der Blog bemerkt: “Was er schreibt sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten.”

Die Verbindungen sind offensichtlich, aber nicht nur das. Auch die Morde Breiviks stehen in Einklang mit der PI-Logik. Wer vom “Geburten-Dschihad” spricht, von der Scharia, die kommen wird, von dem nicht überbrückbaren Gegensatz von Okzident und Orient, von “wir oder die”; wer eine islamische Bedrohung an die Wand malt, die dazu führen wird, dass in wenigen Jahren alle Frauen in Deutschland mit einer Burka rumlaufen müssen, impliziert die Tat. Die Botschaft des publizistischen Dauerfeuers ist klar: Entweder wir wehren uns oder wir gehen in Dekadenz unter. Der Bürgerkrieg kommt. Und danach Nürnberg II.

Zu weit hergeholt? Von wegen: Bei PI wird gerne die Waffenfreigabe für “Bürger” gefordert und die passenden Kaliber diskutiert. Der “Hass auf alle Musels” und “Schleiereulen” gehört zum täglichen Repertoire. Fundamentalistische Christen werden gerne zitiert. Die vertreten ja “unsere” Werte. Wer sich sowas täglich durchliest und einschlägig deformiert ist, für den kann Widerstand zur Pflicht werden. Es ist ja für die gute Sache. Und folgerichtig bemerkt ein Kommentator, dass seit dem Attentat in Norwegen “sicher schon Hunderte Opfer islamischer Anschläge” wurden.

Ein anderer PI-User bringt das klar zur Sprache:

“Von seiner (Breiviks) Warte aus hat er wahrscheinlich rational gehandelt. Islamisierung ist mit friedlichen Mitteln nicht mehr aufzuhalten, also wende ich Gewalt an und zwar nicht gegen die Symptome (Moslems), sondern gegen die Ursache ( linksgrüner multikulti sozi Wahn).”

Der PI-Sud ist die Grundlage für eine Geisteshaltung, die Norwegen möglich machte. Es geht da nicht um “Islamkritik”, es geht um Hass. PI selbst ist das angesichts von 90 Toten wohl auch eine Nummer zu heftig. Die “Redaktion” schreibt:

“Dieser Beitrag soll darum auch eine sachliche Analyse und kein Reinwaschen von Eigenverantwortung sein … Wir dürfen uns vor lauter Auf-andere-mit-dem Finger-Zeigen nicht unserer Eigenverantwortung entziehen. Wir stehen in der Verantwortung für unser Handeln und Denken.”

Eigenverantwortung, aha. Doch erwartbar kommt keine Analyse zur Eigenverantwortung, sondern lediglich die Aussage, die Tat sei “das Werk eines einzigen Mannes”, eines Irren, gewesen. Er handelte wohl gesellschaftlich im luftleeren Raum. Wie könnte denn “Eigenverantwortung” angesichts des Blutbads aussehen?

Und selbst diese vagen Erklärungen der “Redaktion” gehen den meisten Lesern schon zu weit: User “Mastro Cecco” beispielsweise schreibt:

“Die Regierungen haben doch auf diesen Anschlag lange gewartet und gehofft, er möge möglichst bald kommen, damit sie allen Kritikern von Masseneinwanderung, Islamisieurung und Migrantengewalt den endgültigen “Todesstoß” verpassen können! …

DAS dürfen wir uns nicht gefallen lassen!

JETZT erst recht!!!”

Weitere bezeichnende Reaktionen der PI-Leserschaft zum Attentat von Norwegen finden sich im Blog Lindwurm.

Es geht noch besser. Pro Deutschland, ein Ableger der Rechtsradikalen von Pro Köln, stellt angesichts des Massakers in Norwegen die Frage: “Heute Oslo – morgen Berlin?” und dreht im dazugehörigen Artikel den Spieß um:

Auch in Berlin ist es ja bereits zur akzeptierten Normalität geworden, dass jede Nacht Autos angezündet werden, dass die Polizei um Leib und Leben fürchten muß, und dass sich viele Bürger in bestimmte Stadtviertel gar nicht mehr getrauen.

Es sind also böse Linke und böse Muslime, gegen die es jetzt vorzugehen gilt. Es gilt, das Feindbild aufrechtzuerhalten, egal, wie zwanghaft dieses Vorhaben daherkommt. Wer offiziell für “Grundgesetz und Menschenrechte” kämpft, kann wohl psychologisch nicht anders. Folgerichtig titelte PI am Freitag Abend noch, bar jeder (auch grammatikalischer) Erkenntnis:

“Warum bombt Islam ausgerechnet in Norwegen?”

Die Suppe köchelt. Es geht bei PI (täglich rund 50.000 Leser) und anderen Nazis 2.0 ja nicht um Islamkritik. Die wird, soweit ich das sehe, am effektivsten noch von kritischen Muslimen selbst praktiziert. Es geht um die Dauerproduktion von Hass. Hass auf Linke, Grüne, Schwule, Moslems, Türken, Araber, Afrikaner, alle, die sich für die Produktion von Hass anbieten.

Wohin das führen kann, haben wir jetzt gesehen.

Zitatquellen, soweit nicht anders gekennzeichnet: Spiegel-Online und pi-news. Zu pi-news außerdem das hier.