Archiv der Kategorie: Frankreich

Godard über Sloterdijk: Endlich sagt´s mal jemand

“Wenn man an Freud oder Bergson denkt und dann auf jemanden stößt wie dieser Slo…, wie heißt er doch? Diesen Sloterdijk. Er kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren.”

Jean-Luc Godard in der Zeit vom 6. Oktober 2011, S. 52.

(Zwischen) Scheiden entscheiden

Ein lustiges Sprachspiel aus den Elementarteilchen von Michel Houellebecq. Der sexuell dauerfrustrierte Bruno macht Ferien im “Ort der Wandlung”, einer Art Alt-68er-FKK-Dauerbumsanlage. Bruno ist auf einer mit Leibern vollen Rasenfläche auf der Suche und…

“…stolpert sozusagen zwischen den Scheiden her. Als er sich allmählich sagt, dass er sich entscheiden müsse, …”

Ein Sprachwitz, den Houellebecq wahrscheinlich gar nicht beabsichtigt hat, denn er funktioniert im Französischen nicht, vermute ich: dieselbe Sprachwurzel von “Scheide” und “entscheiden”. Houllebecq schrieb im Original wohl von vagin und von decider oder choisir oder ähnlichem. Schade, denn es würde zu Brunos Geschichte passen. Und zwar auf zwei Ebenen. Zum einen die schon erklärte, zum anderen: “Entscheiden” meint hier tatsächlich nicht entweder – oder, sondern weder – noch. “Entscheiden” im Sinne von “entsagen”, nicht annehmen, nicht bekommen. Bruno bekommt keine Scheide ab, zumindest nicht auf dem Rasen. Er hat sich wahrhaft entschieden, er ist entschieden.

Ansonsten bemerkt Bruno sehr richtig, dass sich Männer, völlig unabhängig von ihrem Alter, ausschließlich für Mädchen bzw. Frauen im Alter von 15 bis 20 Jahren interessieren. Werden die Frauen älter, sind sie frustriert, weil sich keiner mehr für sie interessiert. Sie lassen sich dann in der Regel ein Kind machen und leiten ihr Zärtlichkeitsbedürfnis auf das Kind um. Diesen Vorgang nennt man euphemistisch “Erziehung” oder, seit Sarrazin wieder, “Arterhaltung”. Die Männer werden mit zunehmendem Alter immer frustrierter, weil sich kaum eine 15- bis 20jährige für alte Männer interessiert (Ausnahmen: Serge Gainsbourg und Udo Jürgens). Es gälte hier, den jungen Dingern Sitte, Moral, Anstand und vor allem Respekt vor dem Alter beizubringen.

Soweit Bruno, ein Alter ego von Houellebecq. Ein sympathischer älterer Mann.

Gainsbourgianer

Wer hat La Boum mit Sophie Marceau seinerzeit nicht gesehen? Ich. War wohl der einzige. Ich weiß nicht, warum, mir fehlt die Erinnerung. Teeniekomödien haben mich wohl schon damals nicht interessiert, was mich jetzt über meine Sozialisation nachdenken ließe, was nicht hierher gehört. Erinnern kann ich mich aber an Charlotte Gainsbourg, von der ich in den Achtzigern alle Filme sah, die es in westdeutsche Programmkinos schafften. Einige gruben sich tief ein ins Hirn. Der Zementgarten, Das freche Mädchen, Die kleine Diebin, vielleicht noch Meine Tage mit Julien. Ein seltsames, feenartiges Wesen mit enttäuschend kleinen Brüsten (französische Nachwuchsschauspielerinnen mussten sich damals ausnahmslos vor der Kamera ausziehen). Und vor ein paar Jahren nahm sie mit 5:55 eine wunderbare Platte auf.

Marceau oder Gainsbourg. Zwei französische Schauspielerinnen, altersmäßig nicht weit auseinander, ich mittendrin. Die eine, 1966 geboren, spielte in La Boum nicht nur mit, sie war La Boum; die andere, 1971 geboren, hatte berühmte Eltern. Marceaus Vater war LKW-Fahrer. Das sagt sie heute im Wochenendinterview in der Süddeutschen Zeitung. Und das auch noch:

“Wir gehörten zur Arbeiterklasse, wohnten im Vorort und wenn wir nach Paris wollten, mussten wir die Metro nehmen. Und ja, mein Vater war zeitweise Lastwagenfahrer. Dann auch wieder Bauarbeiter oder Barkeeper. Gelegenheitsjobber eben. In der Welt, aus der ich stamme, ging es nicht um Fortbildung oder Kunst. Die Kinder wurden nicht dazu erzogen, Ärtze oder Anwälte zu werden. In meiner Welt fuhren Männer Trucks. Und Frauen wurden Kellnerinnen.”

Ein angenehmes Interview mit dem Foto einer ziemlich attraktiven Sophie Marceau (sie ist schmaler geworden). Obwohl heute viel mehr Männer Trucks fahren als damals, ist das Truckerthema keins mehr. Alle labern nur noch von Bildung und meinen Zurichtung zur Verwertung. Ob Trucks in Gainsbourgs Welt auch eine Rolle spielten?

Marceau oder Gainsbourg. So kommt mir das in der Erinnerung vor. Entweder sah man die eine oder die andere. Marceau habe ich kaum wahrgenommen. Die Zeit macht solche Gräben bedeutungslos. Ich werde mir demnächst La Boum anschauen. Und Fernfahrer wollte ich früher auch werden.

“Die langsamste Bahnfahrt mit dem unsichersten Fahrplan des Jahres”

schreibt die französische Zeitung Journal du Dimanche über die Fahrt des Castorzuges. Laut taz beginnt auch in Frankreich “die Stimmung zu kippen”. Das ist ja mal ne Meldung.

Respekt jedenfalls für die Blockierer entlang der gesamten Strecke, die den Arsch hochgekriegt haben bzw. ihn fest auf den Gleisen ließen. Und die Bauern, die mit ihren Traktoren mal flott Wasserwerfer einkreisen und ihnen damit den Effekt nehmen. Bemerkenswert auch die irgendwie sympathisierende Berichterstattung vieler etablierter Medien, die wohl damit zusammenhängt, dass die Korruptheit der Bundesregierung bei der Laufzeitverlängerung der AKWs zu offensichtlich wurde.

Andererseits merke ich, dass ich bei der Betrachtung der TV-Bilder an diese komische deutsche Lust an der Apokalypse erinnert werde. Ein Familienvater, der, neben den Gleisen sitzend, weinend von seinem durch den Castor gefährdeten – nicht anwesenden – vierjährigen Sohn erzählt, ist mir suspekt und ich vermute, dass Papis überbordende Emotionalität den Sohn mehr überfordert und noch überfordern wird als es der Castor je vermag. “Contenance!”, ruft da der Franzose in mir, und zwar nicht, weil man sich immer beherrschen müsste, sondern weil die Bedeutung eines Castor-Transportes fürs Individuum dessen Tränen nicht rechtfertigt.

Des Individuums Tränen rechtfertigen würden diese Szenen hier und ich finde es irritierend, dass sie keine weitere Aufregung verursachen:

Staatsvertreter, die einfach so auf friedliche Leute mit dem Schlagstock einprügeln. Könnte auch in Birma passieren. Nur, dass die da nicht gefilmt werden.

Derzeit wird ja auch über “L´insurrection qui vient” diskutiert, das jetzt als “Der kommende Aufstand” übersetzt vorliegt. Ist mir (wohlgemerkt: auf den ersten Blick) zu pubertär, dieser Sabotageansatz, aus dem dann irgendwas Vernünftiges werden soll. Hat was von Wohlstandskinderphantasien, denn wie die Kluft zwischen Alltagssabotage und Basisdemokratie überbrückt werden soll – die ja genau dann kommen müsste, wenn die Sabotage erfolgreich ist -, bleibt diffus.

Wie auch immer, es bleibt spannend.

Luxus-Appartements für Anal-Deutschland

Eine kleine Beobachtung vom Wochenende:

Während die Psychoanalyse vom individuellen Analcharakter spricht, überträgt der österreichische Philosoph Robert Pfaller diesen Ansatz auf ganze Nationen. Naturgemäß sieht es dann für Deutschland (und erst recht für Österreich) nicht gut aus.

“Anders als der individuelle Analcharakter, der als Reaktionsbildung auf die kindliche Analerotik entsteht, ist die kulturelle Analität eine Reaktionsbildung gegen eine bestimmte historische Kultur der Lust. Aus dem gescheiterten Versuch ihrer Aneignung ergibt sich der kulturelle Analcharakter. Er ist eine generelle Abwehr nicht allein gegen anale, sondern gegen die gesamte kulturelle, für die nicht besiegte feindliche Klasse typische und darum als schmutzig empfundene (bzw. denunzierte) Form der Lust.” (Robert Pfaller: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Frankfurt 2008, S. 182)

Hier setzt Pfaller mit Norbert Elias politisch an. Der Adel war im 18. Jahrhundert der Träger eines lustbetonten, luxuriösen Lebens, das die unteren Klassen faszinierte, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. Die französische Bourgeoisie nun hat den Adel in der französischen Revolution besiegt und konnte somit ohne begründungstheoretische Implikationen die höfischen Umgangsformen übernehmen. Man konnte ja jetzt an ihnen teilhaben, sie selbst genießen. In Deutschland ist jede bürgerliche Revolution gescheitert, weswegen sich das Bürgertum nach und nach Abwehrformen gegen diese lustbetonte Kultur zu eigen gemacht hat. Was man dauerhaft nicht erreichen kann, lehnt man aus Gründen des Selbstschutzes ab. Jetzt hat das Bürgertum in Deutschland zwar die Macht, aber Kultur der Lustfeindlichkeit ist ihr immer noch inhärent. Ähnliches ist laut Freud übrigens beim Sieg des lustfeindlichen Christentums über die Heiden passiert.

Deswegen, so Pfaller, haben die Franzosen respektvollere Umgangsformen, die besseren Liebesromane und mehr Esskultur. “In Deutschland hingegen blieb es bei einer jämmerlichen Küche, dafür rühmt man sich dort seiner sauberen Toiletten”.

Wie diese Haltung sich praktisch äußert, konnte man vergangenen Samstag in Berlin beobachten. Dort haben mehrere tausend Leute völlig zurecht für die Öffnung der Freifläche des stillgelegten Flughafens Tempelhof demonstriert. Man stand herum am Flughafenzaun im benachbarten Neukölln, einer teilweise heruntergekommenen Gegend, in der viele arme Menschen wohnen. “Keine Luxusappartements auf dem Tempelhofer Feld”, war eine der zentralen Forderungen. Nach Pfaller typisch deutsch und auf alle Pfälle grundfalsch. Warum nicht “Luxusappartements für alle!”? Dann ginge es nämlich ganz konkret um Teilhabe und nicht um die mitschwingende und an sich bescheuerte Haltung, dass ein armes Viertel arm bleiben muss.

Hedonisten wäre das nicht passiert. Franzosen vielleicht auch nicht.

Berührungsverbot

Haut, Heim, Auto: Wie hängt das zusammen? Antworten zu dieser zuerst einmal sehr uninteressanten Frage finden sich in dem sehr interessanten  Blogeintrag Buchauszug “Berührungsverbot” des Journalisten Florian Felix Weyh.

Mir fällt dazu ein verwandtes Thema ein.

In Berlin und in Paris gibt es große Kreisverkehre, beispielsweise den Großen Stern im Tiergarten und den Kreisverkehr um den Arc de Triomphe. Am Großen Stern stehen schätzungsweise fünfzig bis hundert Ampelmasten (kein Scherz), in Paris steht keiner, obwohl dort viel mehr Autos umherfahren.

Der Verkehr sieht dann so aus (oben Berlin, unten Paris):

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Extrem geordnet und überreguliert in Deutschland, mit tausenden auf den Teer aufgemalten Vorschriften, laisser faire in Frankreich.

Würde man in Berlin die Ampeln  wegnehmen, echauffierte sich die Lokalpresse sicher sofort (Chaotische Zustände! Unhaltbar!). In Paris läuft das einfach so.

Es muss halt alles geregelt sein hier. Und so regeln selbst in einem Kreisverkehr Ampeln den Verkehr, obwohl ein Kreisverkehr Ampeln eigentlich ersetzen soll. Aber wo käme der Deutsche hin, würde er einfach so in einen Kreisverkehr einfahren, ohne dass ihm jemand sagt, ob er das darf.

Das ist nur ein simples Beispiel. Aber kein Zufall.

“Jede Plastikschramme eine Kriegserklärung”, steht in dem Blogeintrag Buchauszug von Florian Felix Weyh noch. Und dass in Frankreich eine Stoßstange kein Ersatzteil ist, weil man sie einfach nicht austauscht. Alles undenkbar hier.

Passend dazu die Szene in “Pulp Ficton”, als sich die beiden Killer kurz vor dem Mord darüber empören, dass irgendwer das Auto eines Bekannten beschädigt habe: “Was gibt’s feigeres, als sich am Auto eines Mannes zu rächen? Ich meine, der Wagen eines anderen Mannes hat Tabu zu sein.” “Sowas macht man nicht.”

Nazis 2.0

In den 1980er Jahren war die Welt noch in Ordnung: Damals kümmerten sich Nazis um die üblichen Themen: Deutschland hat den Krieg nicht begonnen, die Juden wollen uns vernichten und das deutsche Volk ist von den bösen Alliierten gehirngewaschen worden. Die Parteien hießen NPD oder Republikaner.

Mittlerweile ist es unübersichtlicher. Die herkömmlichen Nazis gibt es zwar immer noch.  Doch es ist eine neue Variante des Rechtsradikalismus hinzugekommen. Es sind Leute, die sich gerne als Beschützer der Juden aufspielen, als Freunde Amerikas (zumindest noch unter Bush) und als Retter von Demokratie und Grundgesetz. Die Bösen sind jetzt die Muslime, ferner und sehr generell Türken, Araber, “Südländer”, Linke, Grüne und “Gutmenschen”. Die neuen Rechtsradikalen bezeichnen sich skurrilerweise selbst als “islamophob”, sie leiden also an einer Phobie.

Türken: unzivilisiert, unkultiviert, böse

Die Grundidee dieser Leute geht so: Die Altachtundsechziger beherrschen Politik und Medien. Gleichzeitig holen sie immer mehr Muslime nach Deutschland, um das jüdisch-christliche Abendland zu zerstören. Und das dauert nicht mehr lange: Die Moslems hierzulande übernehmen die Macht, weil der Islam ihnen vorschreibt, die Welt zu beherrschen und überall die Scharia einzuführen. Moslems, Türken und Araber sind unzivilisiert, unkultiviert, generell böse. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.

Diese Nazis 2.0 agieren vor allem im Internet. Betreiber und Leser von Seiten wie Politically Incorrect, die Grüne Pest oder der Blog eines Kewil durchforsten Tag für Tag das Netz auf der Suche nach Meldungen über “Ausländerkriminalität” und “Belegen” für den “Islam-Tsunami”. Das intellektuelle Niveau ist bescheiden, die Zahl der Falschmeldungen hoch, die moralischen Abgründe tief. Die Zugriffszahlen sind – dennoch oder deshalb – enorm.

Die Inhalte vieler Artikel auf diesen Seiten sind strafrechtlich relevant. Gegen das, was dort an Rassismus und Volksverhetzung publiziert wird, wirkt die Parteizeitung der NPD, die Deutsche Stimme, harmlos. Muslime sind Musel oder auch Museldreck, und in munteren Diskussionen erörtern die Leser das passende Waffensortiment, das man bereithalten solle, da es demnächst wohl “losgeht”. Diese Leute agieren aus naheliegenden Gründen gerne auf ausländischen Servern, die deutsche Justiz hat dort nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten.

Ein funtionierendes Feindbild

Dennoch bestehen sie darauf, als freiheitsliebende Demokraten verstanden zu werden. Ihre verbalen Taten belegen das Gegenteil, doch auf rationale Erklärungen kommt es nicht an. Das haben die Nazis 1.0 und 2.0 gemeinsam. Worauf es ankommt, ist ein funktionierendes Feindbild, und das ist immer irrational.

Wen man sich zum Feindbild formt, ist nicht wichtig. Ob es Muslime sind oder Juden, Linke oder Schwule, Schwarze oder “Südländer”: Wer nur intensiv genug am einmal gewählten Feindbild bastelt, kommt schnell zu einer in sich logischen Darstellung. Der Hass zielt notwendigerweise auf Vernichtung (wir oder die), auch wenn das selten ausgesprochen wird.

1914 beispielsweise waren es “die Franzosen”. Es wäre interessant, dieses Feindbild zu Versuchszwecken wieder rauszukramen und via google täglich zu füttern. Ganz spontan fallen mir diese Suchbegriffe ein: Gänsestopfleber, Algerienkrieg, Mururoa-Atoll, Rainbow Warrior, Atomkraftwerke, Froschschenkel. Das sollte reichen, um hassbereiten Gemütern aufzuzeigen, dass die Franzosen das Unglück der Welt sind.

Wer getreten wird, tritt selber

Woher kommt der Hass? Wahrscheinlich brauchten Erklärungsversuche psychologische Muster. Die “autoritäre Persönlichkeit” von Adorno könnte hier weiterhelfen, aber auch das volkstümliche “Wer getreten wird, tritt selber”, und zwar nach unten. Strukturelles Denken ist nicht das Ding dieser Gestalten, insofern spielt auch die Wirtschaftskrise keine ernsthafte Rolle. Anders wäre es, wäre sie von der Türkei ausgelöst worden.

Ich weiß nicht, ob die Nazis 2.0 langfristig eine Gefahr für die Demokratie darstellen. Die meisten von ihnen sind sicher Maulhelden, die sich am Laptop austoben. Die gedankliche Rohheit und das völlige Fehlen von Mitgefühl aber ist beunruhigend.

P.S.: Details und Belege zur tagtäglichen Volksverhetzung der Nazis 2.0 finden sich, unter anderem, beim Politblogger und bei Stefan Niggemeier.

Und noch etwas: Natürlich ist hier der Begriff “Nazi” problematisch, wenn man bedenkt, dass darunter zwingend Antisemitismus subsumiert wird. Die Denkschemata aber, und darum ging es mir, sind ähnlich.

Ein Gefühl von Kultur in Nordfrankreich

Zurück aus Frankreich. Schon angenehm, das Land. Die Umgangsformen sind angenehmer, „Bonjour, Monsieur” allerorten. In Deutschland ist das komplett verloren gegangen. Im Café in Rouen sagte ein Mann zu der Kellnerin, der Tee sei „für die Dame” („pour Madame”). Wunderbar. In Deutschland geht das nicht. Früher gab es das „die Dame” und „der Herr”. Das ist irgendwann abhanden gekommen. Wann eigentlich? Waren das die Achtundsechziger? In Frankreich jedenfalls gibt es das noch, eigentlich in jedem Kulturland (Spanien, England, Portugal). Wie ist das in Italien?

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Die Region Pas-de-Calais ohne Regen

Dann die Esskultur. Mir ist bei meinen zahlreichen Frankreichbesuchen noch nie so sehr das Konditoreiwesen aufgefallen. An jeder Ecke eine Patisserie mit unglaublichen Köstlichkeiten. Nicht nur süß wie in Portugal, sondern sehr vielfältig, viel mit Früchten, ganz unterschiedliche Geschmacksrichtungen, vertretbare Preise. Und die Metzgereien. Es ist beschämend, womit wir uns hier zufrieden geben. Die nordfranzösische Landschaft reizt mich jedesmal mehr. Die Normandie, sogar die Region Pas-de-Calais, eigentlich eher grau, aber schön melancholisch. Dazu der Dauerregen, passt dorthin. Zumindest, solange man nicht aus dem Auto aussteigt.

Sarkozy geht ins Kloster

Nicolas Sarkozy, fast schon lustig: Um 20 Uhr schließen die Wahllokale, um 21 Uhr sitzt er in einem Luxusrestaurant, um Mitternacht liegt er im Bett eines Luxushotels, wo die Suite 15.000 Euro kostet. Pro Nacht. Der Präsident der Armen und Schwachen, die früh aufstehen, um zur Arbeit zu gehen. Einen Tag nach der Wahl fliegt er mit einem Privatjet (Hin- und Rückflug laut Süddeutscher Zeitung 50.000 Euro) zu einer Luxusjacht (Miete 170.000 Euro pro Woche), wo er mit seiner Familie Urlaub macht. Die Preise gelten nur für Otto Normalverbraucher, Sarkozy zahlt wohl nichts, denn er kennt die Leute, denen Restaurant, Hotel, Flugzeug und Jacht gehören, persönlich und gut.

Sarkozy ist so unseriös, dass er nicht mal am Wahlabend noch so tun konnte, als sei er ein Politiker, der ans Gemeinwohl denkt. Er war wahrscheinlich schon das ganze Wochenende total fickerig und konnte dann nicht mehr an sich halten. Endlich Schluss mit dem Geplapper, wie wichtig ihm die Integration von Behinderten sei und die Armen und Schwachen blabla. Die Franzosen sind empört. Ein Anrufer in einem französischen Radiosender sagt, er habe Sarkozy gewählt, aber nun sei er erbost über dessen Verhalten.

Vielleicht braucht Demokratie ein Mindestmaß an Intelligenz der Bevölkerung, sonst klappt es nicht. Wer Sarkozy bei der Debatte mit Segolène Royal gesehen hat, spürte, dass der Mann komplett unseriös ist. Andererseits: Er hatte wohl prominente Unterstützer aus der Wirtschaft und vor allem aus den Medien. Die Jacht und der Jet gehören einem Herrn Bolloré, der auch mehrere Zeitungen und Fernsehsender besitzt. Kürzlich in der taz: Sarkozy bedroht subtil Journalisten, die nicht in seinem Sinn schreiben. Wie soll Demokratie funktionieren, wenn die Medien von dem gesteuert werden, der darin eigentlich kritisch bewertet werden soll? Nimmt das ganze berlusconihafte Ausmaße an? Letztlich ging es bei der Präsidentschaftswahl um zehn oder 20 Prozent der Bevölkerung, die verarscht werden mussten. Die anderen ließen sich nicht verarschen oder wählten Sarkozy sowieso, weil ihnen Demokratie egal ist bzw. weil sie den Neoliberalismus wollen. Um die zehn Prozent dreht sich der ganze Wahlkampf, das Lügen. Das schafft ein Politiker mental wohl nur, wenn er pathologisch ergeizig ist.

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Nicolas Sarkozy auf der gemieteten Luxusjacht

Mal sehen, ob die kampferprobten Franzosen sich eine französische Agenda 2010 genauso locker überstülpen lassen wie die Deutschen. Sarkozy hat übrigens vor dem Kurztripp laut Süddeutscher behauptet, er gehe zu einem Kurzurlaub ins Kloster. Geil. Mir fällt schon wieder Berlusconi ein. Zwei doch ganz angenehme Länder in den Händen von Komikern.