In den 1980er Jahren war die Welt noch in Ordnung: Damals kümmerten sich Nazis um die üblichen Themen: Deutschland hat den Krieg nicht begonnen, die Juden wollen uns vernichten und das deutsche Volk ist von den bösen Alliierten gehirngewaschen worden. Die Parteien hießen NPD oder Republikaner.
Mittlerweile ist es unübersichtlicher. Die herkömmlichen Nazis gibt es zwar immer noch. Doch es ist eine neue Variante des Rechtsradikalismus hinzugekommen. Es sind Leute, die sich gerne als Beschützer der Juden aufspielen, als Freunde Amerikas (zumindest noch unter Bush) und als Retter von Demokratie und Grundgesetz. Die Bösen sind jetzt die Muslime, ferner und sehr generell Türken, Araber, “Südländer”, Linke, Grüne und “Gutmenschen”. Die neuen Rechtsradikalen bezeichnen sich skurrilerweise selbst als “islamophob”, sie leiden also an einer Phobie.
Türken: unzivilisiert, unkultiviert, böse
Die Grundidee dieser Leute geht so: Die Altachtundsechziger beherrschen Politik und Medien. Gleichzeitig holen sie immer mehr Muslime nach Deutschland, um das jüdisch-christliche Abendland zu zerstören. Und das dauert nicht mehr lange: Die Moslems hierzulande übernehmen die Macht, weil der Islam ihnen vorschreibt, die Welt zu beherrschen und überall die Scharia einzuführen. Moslems, Türken und Araber sind unzivilisiert, unkultiviert, generell böse. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.
Diese Nazis 2.0 agieren vor allem im Internet. Betreiber und Leser von Seiten wie Politically Incorrect, die Grüne Pest oder der Blog eines Kewil durchforsten Tag für Tag das Netz auf der Suche nach Meldungen über “Ausländerkriminalität” und “Belegen” für den “Islam-Tsunami”. Das intellektuelle Niveau ist bescheiden, die Zahl der Falschmeldungen hoch, die moralischen Abgründe tief. Die Zugriffszahlen sind – dennoch oder deshalb – enorm.
Die Inhalte vieler Artikel auf diesen Seiten sind strafrechtlich relevant. Gegen das, was dort an Rassismus und Volksverhetzung publiziert wird, wirkt die Parteizeitung der NPD, die Deutsche Stimme, harmlos. Muslime sind Musel oder auch Museldreck, und in munteren Diskussionen erörtern die Leser das passende Waffensortiment, das man bereithalten solle, da es demnächst wohl “losgeht”. Diese Leute agieren aus naheliegenden Gründen gerne auf ausländischen Servern, die deutsche Justiz hat dort nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten.
Ein funtionierendes Feindbild
Dennoch bestehen sie darauf, als freiheitsliebende Demokraten verstanden zu werden. Ihre verbalen Taten belegen das Gegenteil, doch auf rationale Erklärungen kommt es nicht an. Das haben die Nazis 1.0 und 2.0 gemeinsam. Worauf es ankommt, ist ein funktionierendes Feindbild, und das ist immer irrational.
Wen man sich zum Feindbild formt, ist nicht wichtig. Ob es Muslime sind oder Juden, Linke oder Schwule, Schwarze oder “Südländer”: Wer nur intensiv genug am einmal gewählten Feindbild bastelt, kommt schnell zu einer in sich logischen Darstellung. Der Hass zielt notwendigerweise auf Vernichtung (wir oder die), auch wenn das selten ausgesprochen wird.
1914 beispielsweise waren es “die Franzosen”. Es wäre interessant, dieses Feindbild zu Versuchszwecken wieder rauszukramen und via google täglich zu füttern. Ganz spontan fallen mir diese Suchbegriffe ein: Gänsestopfleber, Algerienkrieg, Mururoa-Atoll, Rainbow Warrior, Atomkraftwerke, Froschschenkel. Das sollte reichen, um hassbereiten Gemütern aufzuzeigen, dass die Franzosen das Unglück der Welt sind.
Wer getreten wird, tritt selber
Woher kommt der Hass? Wahrscheinlich brauchten Erklärungsversuche psychologische Muster. Die “autoritäre Persönlichkeit” von Adorno könnte hier weiterhelfen, aber auch das volkstümliche “Wer getreten wird, tritt selber”, und zwar nach unten. Strukturelles Denken ist nicht das Ding dieser Gestalten, insofern spielt auch die Wirtschaftskrise keine ernsthafte Rolle. Anders wäre es, wäre sie von der Türkei ausgelöst worden.
Ich weiß nicht, ob die Nazis 2.0 langfristig eine Gefahr für die Demokratie darstellen. Die meisten von ihnen sind sicher Maulhelden, die sich am Laptop austoben. Die gedankliche Rohheit und das völlige Fehlen von Mitgefühl aber ist beunruhigend.
P.S.: Details und Belege zur tagtäglichen Volksverhetzung der Nazis 2.0 finden sich, unter anderem, beim Politblogger und bei Stefan Niggemeier.
Und noch etwas: Natürlich ist hier der Begriff “Nazi” problematisch, wenn man bedenkt, dass darunter zwingend Antisemitismus subsumiert wird. Die Denkschemata aber, und darum ging es mir, sind ähnlich.