Archiv der Kategorie: Fernsehen

Ali und Heather: alles eine Frage der Perspektive

1.

Vor einer Weile hatte ich mit einem 37-jährigen Türken zu tun. Besser gesagt, er war Berliner, im Wedding geboren, hat immer dort gelebt, und war türkischer Abstammung. Er – nennen wir ihn Ali – sprach deutsch, allerdings mit deutlich türkischen Akzent und mit nicht besonders reichhaltigem Wortschatz. Damit beklagte er seine schlechte schulische Bildung. Ich dachte mir, ganz trendig: Irgendwas läuft wohl schief mit der Integration, wenn jemand, der in Deutschland geboren wurde und immer hier lebte, nicht einfach muttersprachlich deutsch spricht. Beruflich überführt Ali Autos, sein Sohn macht demnächst Abi und “soll es einmal besser haben”. Welche Religion jemand habe, sei ihm egal, meinte er noch. Wir seien doch alle Menschen.

2.

Kennt jemand Heather De Lisle? Das ist eine “US-amerikanische Journalistin”, sie wohnt in Deutschland, arbeitet bei Deutsche-Welle-TV und bekennt sich offen zu den US-Republikanern und auch ein bisschen zur Tea Party. Sie sitzt manchmal in Talkshows, wenn es darum geht, eine Amerikanerin zu Wort kommen zu lassen, die den Deutschen die amerikanische Rechte und den bible belt erklärt. Sie war auch schon öfter Gast im Presseclub, eben als “amerikanische Journalistin”. In der Talkshow von Maibrecht Illgner über Strauss-Kahn sagte sie kürzlich: “Wir Amerikanerinnen lassen uns nicht gerne begrapschen.” Heather redet grundsätzlich aus amerikanischer Perspektive: In den USA sei das so und so, hier aber falle ihr auf, dass… Eine Amerikanerin mit dem Blick von außen auf Deutschland. Heather spricht mit deutlich amerikanischen Akzent und sucht auch manchmal nach dem passenden deutschen Wort. Hin und wieder baut sie englische Begriffe in ihre Sätze ein, “connotations” beispielsweise oder “arabian spring”. Ich dachte mir bis vorgestern, ganz trendig: Mensch, eine Amerikanerin, die so gut deutsch spricht, nicht schlecht.

Soweit mein kohärentes Weltbild. Dann las ich, eben vorgestern, dass Heather seit über 30 Jahren in Berlin lebt. Ich war überrascht und fragte mich, wie alt Heather eigentlich ist und erfuhr via Wikipedia: Heather ist gerade 35 geworden und in Deutschland geboren. Sie hat ein paar Jahre in den USA studiert, ansonsten lebte sie immer hier. Die Frau, die einem als amerikanische Journalistin verkauft wird, ist in Wirklichkeit De-Fakto-Deutsche, hier sozialisiert mit einem Außenblick auf die USA und einer Binnenperspektive auf Deutschland. Heather ist die Tochter eines amerikanischen ehemaligen Soldaten, der in Berlin seit den 1980ern ein bekannter Radiomoderator ist. Dass Heather schon mit 15 Jahren bei einem amerikanischen Radiosender in Berlin moderierte, dürfte damit zusammenhängen.

Eine (gerade nach amerikanischer Logik) Deutsche, die partout keine Deutsche sein will, sondern so tut, als würde ihr, der authentischen Leib-und-Magen-Amerikanerin, ständig irgendwas in diesem merkwürdigen Old Germany auffallen.

Zuviel Kündigungsschutz monierte sie schon, da seien “wir in den USA” lockerer. Oder die Aufregung um die Liquidierung Bin Ladens. Der wäre ja sowieso auf den elektrischen Stuhl gekommen, wieso also nicht gleich wegballern? Ja, so kennen wir sie, die Amis. Letztens fragte sie ein Journalist: “Fühlen Sie sich manchmal fremd in Deutschland, gerade weil die Mentalität so unterschiedlich ist?” Antwort Heather: “Es sind ein paar Sachen, die mir fremd vorkommen.” Im österreichischen Fernsehen sagte sie in einer Diskussion über Nine Eleven: “Wenn wir als Amerika unsere historischen Prinzipien fallenlassen…”.

Was ist das für eine Projektion? Vielleicht kriegt sie in dieser Rolle bessere Jobs. Als Deutsche ohne thematische Qualifikation ist sie eine unter tausenden. Als rechte Amerikanerin mit guten Deutschkenntnissen ist sie etwas besonderes. Wie viele rechte Amerikanerinnen sprechen gut deutsch und sind für´s deutsche TV ständig verfügbar? Sie hat da wohl einen Exotenbonus. Heathers Vater, der Radiomoderator, ist bekannt für “seinen starken amerikanischen Akzent”, schreibt Wikipedia über ihn. Es sei sein “Markenzeichen”. Aha.

Skurril: Ali eine hat eine Identität, die ihm auf der sozialen Skala in Deutschland objektiv einen unteren Platz zuweist. Die Möglichkeiten, sie zu verändern, sind begrenzt. Heather hat eine Identität, die sie als privilegierten Menschen ausweist. Und gerade diese Privilegien versetzen sie in die Lage, ihre Identität nach außen hin so zu ändern, dass sie weitere Privilegien sammeln kann. Man nimmt ihr die Amerikanerin, die in Deutschland nur seit längerem zu Besuch ist, ab.

Wir könnten die Geschichte auch umdrehen: Ali ist in einer schwierigen Umgebung aufgewachsen, hat einen Job und freut sich, dass er seinem Sohn bessere Bedingungen bieten kann. Heather ist in einer privilegierten Umgebung aufgewachsen und lebt in einer selbst gewählten Parallelwelt, in der ihr Akzent als Markenzeichen dient, mit dem sie ihren Marktwert steigert. Alis Akzent ist auch so eine Art Markenzeichen, aber eines, das ihm Türen verschließt, nicht öffnet. Heather suggeriert mit ihrer künstlichen Identität Authentizität. Sie kann das verkrustete alte Deutschland aus ihrer freiheitlichen Perspektive als angebliche Amerikanerin kritisieren.

Angenommen, eine türkisch-stämmige Journalistin würde so tun, als sei sie in der Türkei sozialisiert und erst seit ein paar Jahren in Deutschland und sie würde aus einer projektierten türkischen Binnenperspektive Deutschland kritisieren. Ich glaube, es funktionierte nicht. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft würde sehr schnell ihren Blick auf ihre Biographie lenken und feststellen, dass sie hier geboren und aufgewachsen ist. Wer einen türkischen Akzent hat, ist Teil des Integrationsdiskurses: Ist ihre Integration gelungen oder doch nicht. Warum passt die sich nicht an? Warum übernimmt die nicht unsere Werte? Warum kritisiert die unsere Mentalität? Passt die eigentlich zu uns? Heather De Lisle wird das offenbar nicht gefragt. Sie wird als “Journalistin aus Amerika” vorgestellt, die sie schlicht nicht ist. Sind ihre Interviewer und Gesprächspartner alle nur schlecht gebrieft? Wohl kaum. De Lisle passt mit ihrer Rolle einfach gut in die gesellschaftlich-mediale Wirktlichkeit.

Akzente, Identitäten, Perspektiven: Wenn eine türkischstämmige Migrantin im TV kein perfektes deutsch spricht, ist das ein Zeichen für misslungene Integration. Wenn eine Deutsche, deren Eltern in Amerika geboren wurden, im TV kein perfektes deutsch spricht, ist das ein Authentizitätsvorteil. Und es ist einzig der Blick der hiesigen Mehrheitsgesellschaft, der diese Identitäten realisiert.

(Foto: genova 2011)

“Die langsamste Bahnfahrt mit dem unsichersten Fahrplan des Jahres”

schreibt die französische Zeitung Journal du Dimanche über die Fahrt des Castorzuges. Laut taz beginnt auch in Frankreich “die Stimmung zu kippen”. Das ist ja mal ne Meldung.

Respekt jedenfalls für die Blockierer entlang der gesamten Strecke, die den Arsch hochgekriegt haben bzw. ihn fest auf den Gleisen ließen. Und die Bauern, die mit ihren Traktoren mal flott Wasserwerfer einkreisen und ihnen damit den Effekt nehmen. Bemerkenswert auch die irgendwie sympathisierende Berichterstattung vieler etablierter Medien, die wohl damit zusammenhängt, dass die Korruptheit der Bundesregierung bei der Laufzeitverlängerung der AKWs zu offensichtlich wurde.

Andererseits merke ich, dass ich bei der Betrachtung der TV-Bilder an diese komische deutsche Lust an der Apokalypse erinnert werde. Ein Familienvater, der, neben den Gleisen sitzend, weinend von seinem durch den Castor gefährdeten – nicht anwesenden – vierjährigen Sohn erzählt, ist mir suspekt und ich vermute, dass Papis überbordende Emotionalität den Sohn mehr überfordert und noch überfordern wird als es der Castor je vermag. “Contenance!”, ruft da der Franzose in mir, und zwar nicht, weil man sich immer beherrschen müsste, sondern weil die Bedeutung eines Castor-Transportes fürs Individuum dessen Tränen nicht rechtfertigt.

Des Individuums Tränen rechtfertigen würden diese Szenen hier und ich finde es irritierend, dass sie keine weitere Aufregung verursachen:

Staatsvertreter, die einfach so auf friedliche Leute mit dem Schlagstock einprügeln. Könnte auch in Birma passieren. Nur, dass die da nicht gefilmt werden.

Derzeit wird ja auch über “L´insurrection qui vient” diskutiert, das jetzt als “Der kommende Aufstand” übersetzt vorliegt. Ist mir (wohlgemerkt: auf den ersten Blick) zu pubertär, dieser Sabotageansatz, aus dem dann irgendwas Vernünftiges werden soll. Hat was von Wohlstandskinderphantasien, denn wie die Kluft zwischen Alltagssabotage und Basisdemokratie überbrückt werden soll – die ja genau dann kommen müsste, wenn die Sabotage erfolgreich ist -, bleibt diffus.

Wie auch immer, es bleibt spannend.

Vorbeigeschrammt

Ein Satz des Kabarettisten Georg Schramm, dessen Programme in mir ob ihrer Intensität ein unwohliges Behagen auslösen:

“Wenn mich mit Anfang 20 einer von RTL aufgegabelt hätte, dann wäre ich verloren gewesen. Die hätten mich locker für die größte Scheiße gekriegt.”

Schramm wurde stattdessen mit Anfang 20 von der  Bundeswehr aufgegabelt, brachte es dort zum jahrgangsbesten Einzelkämpfer, studierte danach Psychologie und wurde Kabarettist. Das Militär war seiner Entwicklung also weniger abträglich als es der Scheißsender gewesen wäre. Jahrgangsbester ist er ja immer noch.

Vielleicht sollte man die ganzen Castingshowepigonen (nicht nur von RTL) zur Grundausbildung schicken, dann bestünde noch Hoffnung.

Claus Strunz: Arbeitslose sollen auf Bahnhöfen Schnee schippen!

Claus Strunz ist ja schon öfter durch bemerkenswerte Ideen aufgefallen. Im derzeitigen schneereichen Winter kommt der TV-Moderator, Chefredakteur des Hamburger Abendblattes und Ex-Chef der Bild am Sonntag jedoch erst so richtig in Fahrt. Strunz forderte am 18. Januar in seiner Talkshow (“Sind Deutschlands Arbeitslose faul?”) auf dem Krawallsender N24, dass das Privatunternehmen Deutsche Bahn zum Schneeschippen auf Bahnhöfen und Gleisanlagen Hartz-IV-Empfänger einsetzen soll, die hätten ja schließlich eine Arbeitspflicht. Von einer “Bürgerpflicht” sprach er auch. Und der Studiogast Martin Lindner von der FDP faselte irgendwas von “hunderprozentiger Leistungskürzung” bei Arbeitsverweigerung.

Bodo Ramelow von der Linkspartei, ebenfalls zu Gast in der Sendung, erwähnte in dem Zusammenhang den Reichsarbeitsdienst der Nazis, worauf Strunz empört tat. Nazivergleiche würden nicht so gut kommen, meinte er. Da hat er Recht, doch ich frage mich, ob auf diesen in der Tat asozialen Vorschlag in dieser Deutlichkeit schon mal jemand gekommen ist, außer vielleicht die NPD.

Wenn das Unternehmen Deutsche Bahn Leute zum Schneeschippen braucht, soll es halt welche anstellen, gerne auch Langzeitarbeitslose. So einfach geht das. Stattdessen sollen nach Meinung von Strunz die Langzeitarbeitslosen das kostenlos machen. Auch eine Möglichkeit, Arbeitslosigkeit nicht abzubauen. Es ist eine an sich verrückte Idee, schon rein logisch, weil die Langzeitarbeitslosen dann noch länger arbeitslos bleiben, worauf man sie zu weiteren Umsonst-Arbeiten zwingen kann, da sie ja langzeitarbeitslos sind und jetzt ihrer “Bürgerpflicht” nachkommen müssen und so fort. Immerhin werden sie ja von “meinen Steuergeldern” (O-Ton Strunz) bezahlt.

Sowas ist bei N24 nicht nur aufzeichnungs-, sondern auch sendefähig.

Am besten entlassen wir jetzt alle, die Arbeit haben, um sie danach als Langzeitarbeitslose zum Arbeiten zu zwingen. So sparen die Unternehmen eine Menge Geld. Ich brauche übrigens auch dringend eine Putzfrau, aber bitte umsonst.

Hintergrund der Strunzschen Überlegungen war übrigens der von ihm erwähnte Fall, dass die Bahn zum Schneeschippen bulgarische Billigarbeiter eingesetzt hat. Strunz ist das noch nicht billig genug. Warum drei Euro die Stunde zahlen, wenn der gemeine deutsche Arbeitslose umsonst schippt?

Gesellschaftliche Strukturen ändern sich langsam, auch hin zum Asozialen. Hinweise, dass wir da auf einem guten Weg sind,  gibt es mittlerweile genug.

Peter Frey: “Du sollst nicht lügen”

Der Fernsehjournalist Peter Frey war schon öfter der Mann fürs Grobe. Beispielsweise interviewte er vor der Bundestagswahl Oskar Lafontaine in der Reihe “Sommerinterview im ZDF”. Wer es sich anschaut und danach das in derselben Reihe geführte Interview mit Angela Merkel mag sich selbst ein Urteil darüber bilden, wie überparteiisch es da zuging. Frey behauptete damals mehrfach, Lafontaine habe “hingeschmissen”, was niemand mehr behauptet, der politisch ernst genommen werden will. Lafontaine ist ihm dann ein paarmal über den Mund gefahren, was Frey offenbar bis heute nicht verwunden hat. Jedenfalls berichtete er vorgestern in den heute-Nachrichten:

heute-Nachrichten

Beim oberflächlichen Gucken fällt einem vielleicht nichts auf. Dennoch – oder gerade deswegen – ist dieser Beitrag ein schönes Beispiel für perfiden Journalismus, und zwar aus drei Gründen:

  1. Frey behauptet, der Spiegel habe am Wochenende “die Beziehungen zu einer Parteigenossin enthüllt”. “Enthüllung” ist klar definiert: Der Sachverhalt ist wahr. Enthüllen kann man nur, was real vorhanden ist. Die Spiegel-Enthüllungen sind aber keine, es gibt keinen Beleg, keine Zeugen, keine Fotos, keine eidesstattlichen Erklärungen und die Betroffenen streiten alles ab. Sicherlich kann der Spiegel-Bericht trotzdem stimmen, aber es weist im Moment nichts darauf hin. Frey weiß das natürlich.
  2. Die Linke bzw. PDS hat im Saarland bei der Landtagswahl 2004 2,3 Prozent geholt, fünf Jahre später 21,3 Prozent. Es ist meines Wissens der höchste Zuwachs, der jemals bei einer politischen Wahl in Deutschland erreicht worden ist. Was macht Frey daraus? Er wertet das Wahlergebnis der saarländischen Linken als persönlichen Misserfolg von Lafontaine, da er nicht Ministerpräsident geworden sei. Kann man noch dämlicher argumentieren?
  3. Schließlich wird es persönlich. Frey: “Aber [also trotz des Misserfolgs im Saarland] bei den Linken zweifelt heute niemand daran, dass der Saarländer auch in Zukunft das strategische und programmatische Zentrum bleibt, selbst wenn er dann kürzer treten muss.” Man bedenke: Lafontaine hatte ein paar Stunden zuvor mitgeteilt, dass er Krebs hat, alles weitere war und ist unklar. Nur Peter Frey weiß, dass Lafontaine das “Zentrum” bleiben wird. Sein Kronzeuge: alle Linken, die er vorher sicher gefragt hat.

So geht Medien. Nicht etwa bei RTL II oder Fox News, sondern beim gebührenfinanzierten ZDF. Und es wird folgenlos bleiben.

Wer ist dieser Frey? Er hat bei Professor Werner Weidenfeld promoviert, der wiederum Chef des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP) ist. Das CAP ist quasi eine Tochter der Bertelsmann-Stiftung und völlig von ihr abhängig. Über die Rolle der Bertelsmann-Stiftung ist schon viel geschrieben worden, lesenswert ist etwa ein Artikel im Tagesspiegel von Harald Schumann. Kurzform: Sie treibt den neoliberalen Umbau von Staat und Gesellschaft ohne jedes demokratische Mandat voran, immer im Gewand von Beratung und Kompetenz.

Frey ist seit drei Jahren sogar Fellow des CAP. Das bedeutet, er ist sozusagen offiziell der Ideologie dieser Gruppen verpflichtet. Und insofern wohl auch verpflichtet, sich in den Medien so zu benehmen, wie er sich benimmt. Da Frey auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist,  könnte man nun über das soundsovielte Gebot (“Du sollst nicht lügen”) nachdenken, doch das wäre zu abgegriffen, setzte es doch voraus, dass Katholiken dieses Gebot in der Regel befolgten.

Lafontaine ist kein Heiliger, er ist mir nicht einmal übermäßig sympathisch. Aber er ist ein drastisches Beispiel, wie die politische und die mediale Klasse mit jemandem umgeht, der die etablierte Herrschaft infrage stellt.

Und das Beste zum Schluss: Aus Gründen des Proporzes achten die Öffentlich-Rechtlichen ja genau darauf, dass die politischen Gewichtungen stimmen. Frey wurde seinerzeit als Gegengewicht zu Peter Hahne installiert. Hahne ist der religiös motivierte Moralist, der alle paar Monate neue christliche Erbauungsliteratur auf den Markt wirft.  (“Schluss mit lustig”, “Zeit zum Innehalten”, “Wir sind getröstet”, “Wir bleiben fröhlich”, “Wir sind geborgen”, “Wir sind glücklich” etc.).

Frey ist also der Gegenpart zu Hahne: von links. Alles eine Frage der Perspektive.

Lafontaine: Deutscher Journalismus endlich am Ziel

FAZ, Spiegel, Focus, Bunte, Bild und ein paar hundert epigonale Provinzblätter samt obrigkeitsdevoter Fernsehanstalten und unzähliger rechter Pressure Groups können sich freuen: Ihr Erzfeind Oskar Lafontaine ist an Krebs erkrankt. Damit sind sie wohl am Ziel. Nach Jahren strategischer Berichterstattung unter der Gürtellinie waren die angeblichen Enthüllungen über eine Affäre Lafontaines mit Sarah Wagenknecht der vorläufige Höhepunkt. Beweise gab es keine, Lafontaine und Wagenknecht dementierten, aber wer ordentlich Gerüchte streut, kann davon ausgehen, dass etwas hängenbleibt. Gerade bei solch heiklen Geschichten wäre sorgfältige Recherche und eine klare Beweislage unabdingbar. Doch es ging ja nur um Lafontaine. FAZ, Spiegel, Focus, selbst die tolle taz machte mit. Zum Vergleich: Handfeste Gerüchte um eine Liaison Kohls mit seiner Vorzimmerdame waren jahrelang unter Journalisten im Umlauf. Nichts davon drang nach außen.

Nichts in den vergangenen Jahren war bekloppt genug, als dass man es nicht gegen Lafontaine hätte verwenden können: Kürzlich noch seine angebliche Rückkehr zur SPD, die die Bild vermutete, der Privatjetcharter vor vier Jahren, den ihm unter anderem Focus anhängen wollte, tägliche millionenfach gedruckte Fotos eines wutverzerrten, rotgesichtigen Lafontaine, die im Wahlkampf immer wiederholten Behauptungen, der Populist Lafontaine verspreche alles mögliche, ohne es gegenzufinanzieren, die Unterstellungen, er würde im Saarland schon wieder einen Rückzieher machen: Es gab nichts, was von diesen Schmierenjournalisten nicht versucht worden wäre, keine Lüge war zu billig. Wenn es um Lafontaine ging, war man sich unausgesprochen einig, dass Fairness in der Berichterstattung nicht sein müsse, ja, nicht sein dürfe. Mit Fairness hätte man sich in diesen Kreisen schon verdächtig gemacht. Dazu die persönlichen Herabsetzungen: Er sei unberechenbar und jetzt auch schon so alt.

Bewundernswert, wie Lafontaine immer wieder versuchte, über Sachpolitik zu reden, selbst mit denen, die ihn ansonsten fertig machen wollten, weil es ihm um die Sache ging und geht. Vielleicht hätte er sich ausdrücklicher wehren sollen. Aber wie? Die Hetze wäre noch aggressiver geworden. Doch um Politik ging es dem Blätterwald nie: Dazu hätte man sich mit Inhalten auseinandersetzen und volkswirtschaftliche Zusammenhänge verstehen müssen. In wie vielen Interviews und Gesprächen und Artikeln wurde Lafontaine immer wieder mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Journalisten sich keinerlei Mühe machen, sich halbwegs objektiv zu informieren? In wie vielen Redaktionen galt die Weisung, die Linkspartei nicht als eine von mehreren Parteien im demokratischen Spektrum zu behandeln, sondern mit der NPD auf eine Stufe der Aussätzigen zu stellen? Es ist für den vom intellektuellen und moralischen Standpunkt her seit geraumer Zeit neoliberal verkommenen deutschen Journalismus bequemer, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, in wunderbarer deutscher Tradition.

Es sind, zum Teil, ähnliche Mechanismen wie das Medienevent des Selbstmords von Robert Enke. Es geht immer mehr nur noch um die Kampganenfähigkeit, die sich Journalisten wohl gegenseitig beweisen müssen. Pro Sieben sendet einen Beitrag über die Ankunft seiner Witwe am Tatort (“Lebt er noch?”), Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff darf bei der pathetischen Trauerfeier im Fußballstadion widerspruchslos die Leistungsgesellschaft beklagen, die er seit Jahren tatkräftig mit einrichtet, sämtliche Boulevardmagazine ergehen sich in distanzlosem Hype und sind bemüht, alles Private öffentlich zu machen. Enke selbst und auch das Thema Depression sind scheißegal. Es geht nur darum, irgendwas durch den medialen Fleischwolf zu drehen. Bei Enke war die Zielvorgabe, die ganze Nation zum heulen, bei Lafontaine, sie zum hassen zu bringen. Bei Lafontaine standen immerhin die Vermögensverhältnisse in diesem Land auf dem Spiel. Da hört der Anstand auf.

Wie gehts weiter mit dem Qualitätsjournalismus? Ein Leserkommentar in der taz bringt es auf den Punkt: “Vielleicht wird Lafontaine ja im Stadion operiert, wie wär´s?”

Ich sehe die Fernsehmoderatoren schon umschalten auf Dackelblick. Bei Bedarf gerne mit Krokodilstränen. Die Journaille, bei der im Hinterzimmer wahrscheinlich gerade die Sektkorken knallen, wird nichts unversucht lassen.

Wer lügt: Anne Will oder die Linkspartei?

Eine Kleinigkeit, aber eine interessante:

Die Redaktion von Anne Will hat für die Sendung vom vergangenen Sonntag, 18. Oktober (Thema: “Keine Chance für Ali und Ayse – Gemüse verkaufen statt Karriere machen?”), die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Sevim Dagdelen, zuerst ein- und dann wieder ausgeladen. Soweit gibt es Einigkeit. Warum die Duisburgerin türkischer Abstammung ausgeladen wurde, darüber gehen die Angaben auseinander.

Die Bundestagsfraktion der Linkspartei behauptet in einer Presseerklärung vom 16. Oktober, Sevim Dagdelen sei “mit dem Hinweis auf ihre Mitgliedschaft im Verein ´Rote Hilfe` wieder ausgeladen worden. Der Pressesprecher der Fraktion “Die Linke” im Bundestag, Hendrik Thalheim, schreibt mir heute per Mail:

…”in telefonischen Gesprächen wurde Frau Dagdelen und mir eindeutig gesagt, dass die Befürchtung bestand, dass die Mitdiskutanten mit der Erwähnung der Mitgliedschaft in der Roten Hilfe Zweifel an Frau Dagdelens Verfassungstreue säen könnten. Das wäre der Sendung und dem Thema nach Einschätzung der Redaktion nicht dienlich gewesen. Um diese Gefahr gar nicht erst aufkommen zu lassen, hat man Frau Dagdelen ausgeladen. Das habe ich mit vorauseilendem Gehorsam bezeichnet.”

Mit “Mitdiskutanten” meint Thalheim offensichtlich Wolfgang Bosbach von der CDU. So weit, so klar. Die “Zuschauerredaktion” (für Presse und Kommunikation ist Nina Tesenfitz zuständig) von Anne Will behauptet allerdings das Gegenteil, ebenfalls in einer Mail an mich:

“…die Redaktion steht immer mit mehreren Personen für eine Position im Kontakt und entscheidet sich am Ende unabhängig und aus rein konzeptionellen Erwägungen für die jeweilige Zusammensetzung der Talkrunde. Der erhobene Vorwurf eines vorauseilenden Gehorsams gegenüber Herrn Bosbach entbehrt jeder Grundlage, ebenso ein Zusammenhang mit einer Mitgliedschaft in der Roten Hilfe.”

Eines der beiden Lager lügt. Hat sich bei Anne Will ein Praktikant am Telefon verplappert? Und das mehrmals, bei mehreren Gesprächen? Hat man zwischen dem 16. und dem 18. Oktober entschieden, dass der Grund der Ausladung (“Rote Hilfe”) nicht öffentlich werden soll? Oder ist die Linkspartei so dreist und lügt sich aus Frust über die Einladung etwas zusammen?

Letzteres halte ich für unwahrscheinlich, alleine schon, weil es extrem unprofessionell wäre. Merkwürdig wäre aber auch, dass Anne Will die Mitgliedschaft in der “Roten Hilfe” plötzlich für einen peinlichen Ausladungsgrund halten könnte – immerhin wird die Organisation vom Bundesverfassungsschutz als “von Linksextremisten getragen” bezeichnet.

Vielleicht ist es am ehesten das, was man euphemistisch als Kommunikationspanne bezeichnet – und zwar bei Anne Will. Der Grund der Ausladung war die Mitgliedschaft in der “Roten Hilfe”, wobei es pr-technisch immer besser ist, darüber nicht zu reden, unabhängig davon, wie triftig der wahre Grund ist. Warum sollte man das bekanntgeben, wenn man sowieso mehrere Diskutanten im Pool hat und “konzeptionelle Erwägungen” als offizielle Begründung herhalten kann? Dass die Wahrheit dann am Telefon rausrutscht, tja. Danach einfach abstreiten. Meine persönliche Vermutung ist, nebenbei, dass das bei einer “Ausländerin” von der Linkspartei einfacher geht als bei einem ehrenwerten Mitglied der Gesellschaft (was angesichts des Themas der Sendung pikant wäre).  Zumal es nur nicht aufgezeichnete Telefonate gibt.

Interessant jedenfalls, wie schnell man offenbar schon bei solch einer Kleinigkeit bereit ist, der Öffentlichkeit eine eindeutige Lüge aufzutischen. Keine gute Reputation für den Sonntagabend.

Sensation: Ein sehenswerter TV-Beitrag über Lafontaine

Seltener Fund: Eine Arte-Sendung vom 15. September dieses Jahres über Oskar Lafontaine, die sich nicht zu einer ideologisch voreingenommenen Stimmungsmache gegen ihn entwickelt und bei dem die Filmemacher einfach das machen, was sie machen sollen: Ohne Vorbehalte hinschauen, fragen und Antworten suchen.

Das Filmchen (gut sieben Minuten) war Teil eines Arte-Themenabends: “Über politisches Theater auf der Bühne und in der deutschen Presse”. Nebenbei ein schönes Beispiel, was von der Pressefreiheit in einem kapitalistischen System zu halten ist.

Sarrazin und Broder: rechte Krawallpublizisten in Hochform

Zwei kleine Beispiele für die Argumentationsqualität auf der populistischen Rechten in Deutschland: Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hat kürzlich erzählt, dass “eine arabische Frau ihr sechstes Kind bekommen habe, weil ihr durch Hartz IV eine größere Wohnung zustünde”. Was macht unser Lieblingspublizist Henryk Broder daraus? Er redet in einer Fernsehdiskussion auf Phönix von Beispielen für fehlende Integration und behauptet:

“Es gibt aber noch mehr (türkische) Familien, die ihre Kinder mit 14 von der Schule nehmen in der Hoffnung, sie würden einen schnellen Job machen, und es gibt noch mehr Familien, die Buschkowsky beschreibt, die zum Beispiel ihre Familienplanung daran orientieren, dass ab dem sechsten Kind es eine größere Wohnung gibt, die vom Sozialamt bezahlt wird. … Das ist das Wesen des Lumpenproletariats, dass es auf anderer Leute Kosten lebt.”

Buschkowsky wird somit zum Kronzeugen für viele, viele arabische Familien, die nur wegen einer größeren Wohnung sechs Kinder haben, obwohl Buschkowsky selbst nur von EINER arabischen Frau geredet hat, die, mit dem sechsten Kind schwanger, sich über eine größere Wohnung freut (wobei ihre jetztige Wohnung mit fünf Kinder wahrscheinlich nicht besonders groß ist).

So geht das. Die allermeisten Araber haben nur deshalb sechs Kinder, weil wir Deutsche denen die Wohnung bezahlen. Lumpen also. Rechter Krawallpublizismus par excellence.

Broder hat diese Ausführungen übrigens gemacht, weil er seinem Gesprächspartner in der TV-Diskussion, dem NRW-Minister für Integration, Armin Laschet, erklären wollte, was sein Bruder im Geiste, Thilo Sarrazin, meinte, als er von 70 Prozent Türken und 90 Prozent Arabern redete, die integrationsunwillig seien. Zwei Zahlen, die aus der Luft gegriffen sind, ohne jede statistische Unterfütterung. Broder versucht, die Gültigkeit dieser Zahlen mit einer weiteren Lüge zu beweisen.

Auch hier gilt: Rechte Krawallpublizisten gibt es, das ist ganz normal. Weniger normal ist es, solchen Leuten immer wieder ein Forum zu bieten. Lettre International und auch der TV-Sender Phönix müssen sich fragen lassen, warum sie diese Hampelmänner zu Wort kommen lassen, wohlwissend, dass sie der Sache nicht dienlich sind, dass sie übertreiben und lügen, bis sich die Balken biegen. Quote, Aufmerksamkeit, Zugriffszahlen sind die Währung. Das Thema an sich bleibt auf der Strecke.

Nebenbei: Armin Laschet hat in der Phönix-Sendung eine Menge vernünftiger und weitblickender Sachen gesagt, ein Politiker, der sich ernsthaft um Integration bemüht. Das gibt es also auch.

Mehr zu Broder auf Exportabel via Suchmaschine rechts.

Gute Nachtstudio

“Die Phase des sogenannten Neoliberalismus ist vorbei”, sagte der Soziologe Heinz Bude vergangenen Sonntag im Nachtstudio des ZDF. Leichter Widerspruch kam nur von der Journalistin Tissy Bruns. Die anderen Diskussionsteilnehmer (Sascha Lobo und Hugo Müller-Vogg) sehen das offenbar genauso. Bude machte das daran fest, dass “der wichtigste Ökonom” derzeit Keynes sei und außerdem Paul Krugman den Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat.

Ein bemerkenswertes Niveau. Das Nachtstudio mit dem unverwüstlichen Volker Panzer soll ja sowas wie das intellektuelle Aushängeschild des Zweiten sein, doch selbst dort ist man unempfindlich gegenüber der gesellschaftlichen Realität. Gerade hat schwarz-gelb gewonnen, gerade haben die tonangebenden Ökonomen Steuersenkungen und “mehr Markt” und weniger Steuern gefordert, gerade haben führende Unionspolitiker bekundet, dass die Bahn schnell privatisiert werden soll, gerade ist einem noch das Guttenberg-Papier im Kopf, das im Wahlkampf versehentlich in die Öffentlichkeit geriet, und gerade sind die Börsenjongleure wieder dabei, kunstvolle Finanzprodukte zu erfinden und zu verscherbeln. Und gerade jetzt diagnostiziert Deutschlands bekanntester Soziologe das Ende des Neoliberalismus.

Dazu passt, dass der Bild-Kolumnist Müller-Vogg in derselben Sendung behauptet, in Deutschland “gibt es keine Armut”. Lobo widerspricht. Und außerdem sei der Hartz-IV-Satz so hoch wie ein Bruttostundenlohn von zwölf Euro bei einer 40-Stunden-Woche. Hier widerspricht niemand. Panzer kommt nicht einmal auf die Idee, Müller-Vogg zu bitten, das zu belegen. Als Abhilfe will Müller-Vogg natürlich keinen Mindestlohn, sondern offensichtlich Stundenlöhne von fünf Euro und weniger. Das sagt jemand, der (wie Lobo schätzte) monatlich fünstellig verdient. Mir ist eh nicht klar, wie man eine niveauvolle Diskussionssendung produzieren will und dazu Müller-Vogg einlädt.

Dann wurde noch die These aufgewärmt, die gesellschaftliche Mitte werde vernachlässigt, die Politik kümmere sich nur noch um die da unten. Sämtliche zur Verfügung stehenden Daten zeigen, dass in den letzten zehn Jahren, um das ganz simpel zu sagen, die Reichen reicher und die Armen zahlreicher geworden sind. Kein Diskussionsteilnehmer, der auf die Idee käme, ein paar Zahlen zu nennen.

Und es ging munter weiter mit den Absonderlichkeiten im Nachtstudio. Bude gab der SPD später den Rat, sich voll zur Agenda 2010 zu bekennen und selbstbewusst zu behaupten, das sei “ein neues Kapitel der Sozialdemokratie”. Er selbst könne dieses neue Kapitel gut erklären: “Mir gelingt das immer”. Schön für die SPD: Sie muss also nur Bude buchen, der erklärt den Menschen dann, dass Sozialabbau doch nur ein neues Kapitel der Sozialdemokratie ist, und – zack – gewinnt die SPD wieder Wahlen.

Das Nachtstudio vom Sonntag war ein schönes Beispiel für das erstaunliche Phänomen, dass die reale Entwicklung der aufgehenden Schere nicht etwa zu mehr Solidarität führt, sondern zu stärkerer Abgrenzung gegenüber den Verlierern. Und es ist ein erneuter Beweis dafür, dass im Fernsehen auch mitten in der Nacht kein Niveau zu erwarten ist. Das müsste nicht so sein, denn Volker Panzer könnte auch Leute einladen, die wirklich etwas zu sagen haben. Warum er es nicht macht, weiß ich nicht. Im Staatsfernsehen geht man wohl gerne auf Nummer sicher und lädt Leute ein, bei denen man schon vorher weiß, was sie sagen werden, weil sie es schon hundertmal im Fernsehen gesagt haben. Je platter der Inhalt, desto besser.

Dann in der Nacht doch lieber Sexy Sport Clips.

P.S.: Was die gesellschaftliche Realität in Deutschland angeht, empfehle ich diesen sehr informativen Artikel aus der schweizer Wochenzeitung: “Nein, mehr gibt es nicht”.