1.
Vor einer Weile hatte ich mit einem 37-jährigen Türken zu tun. Besser gesagt, er war Berliner, im Wedding geboren, hat immer dort gelebt, und war türkischer Abstammung. Er – nennen wir ihn Ali – sprach deutsch, allerdings mit deutlich türkischen Akzent und mit nicht besonders reichhaltigem Wortschatz. Damit beklagte er seine schlechte schulische Bildung. Ich dachte mir, ganz trendig: Irgendwas läuft wohl schief mit der Integration, wenn jemand, der in Deutschland geboren wurde und immer hier lebte, nicht einfach muttersprachlich deutsch spricht. Beruflich überführt Ali Autos, sein Sohn macht demnächst Abi und “soll es einmal besser haben”. Welche Religion jemand habe, sei ihm egal, meinte er noch. Wir seien doch alle Menschen.
2.
Kennt jemand Heather De Lisle? Das ist eine “US-amerikanische Journalistin”, sie wohnt in Deutschland, arbeitet bei Deutsche-Welle-TV und bekennt sich offen zu den US-Republikanern und auch ein bisschen zur Tea Party. Sie sitzt manchmal in Talkshows, wenn es darum geht, eine Amerikanerin zu Wort kommen zu lassen, die den Deutschen die amerikanische Rechte und den bible belt erklärt. Sie war auch schon öfter Gast im Presseclub, eben als “amerikanische Journalistin”. In der Talkshow von Maibrecht Illgner über Strauss-Kahn sagte sie kürzlich: “Wir Amerikanerinnen lassen uns nicht gerne begrapschen.” Heather redet grundsätzlich aus amerikanischer Perspektive: In den USA sei das so und so, hier aber falle ihr auf, dass… Eine Amerikanerin mit dem Blick von außen auf Deutschland. Heather spricht mit deutlich amerikanischen Akzent und sucht auch manchmal nach dem passenden deutschen Wort. Hin und wieder baut sie englische Begriffe in ihre Sätze ein, “connotations” beispielsweise oder “arabian spring”. Ich dachte mir bis vorgestern, ganz trendig: Mensch, eine Amerikanerin, die so gut deutsch spricht, nicht schlecht.
Soweit mein kohärentes Weltbild. Dann las ich, eben vorgestern, dass Heather seit über 30 Jahren in Berlin lebt. Ich war überrascht und fragte mich, wie alt Heather eigentlich ist und erfuhr via Wikipedia: Heather ist gerade 35 geworden und in Deutschland geboren. Sie hat ein paar Jahre in den USA studiert, ansonsten lebte sie immer hier. Die Frau, die einem als amerikanische Journalistin verkauft wird, ist in Wirklichkeit De-Fakto-Deutsche, hier sozialisiert mit einem Außenblick auf die USA und einer Binnenperspektive auf Deutschland. Heather ist die Tochter eines amerikanischen ehemaligen Soldaten, der in Berlin seit den 1980ern ein bekannter Radiomoderator ist. Dass Heather schon mit 15 Jahren bei einem amerikanischen Radiosender in Berlin moderierte, dürfte damit zusammenhängen.
Eine (gerade nach amerikanischer Logik) Deutsche, die partout keine Deutsche sein will, sondern so tut, als würde ihr, der authentischen Leib-und-Magen-Amerikanerin, ständig irgendwas in diesem merkwürdigen Old Germany auffallen.
Zuviel Kündigungsschutz monierte sie schon, da seien “wir in den USA” lockerer. Oder die Aufregung um die Liquidierung Bin Ladens. Der wäre ja sowieso auf den elektrischen Stuhl gekommen, wieso also nicht gleich wegballern? Ja, so kennen wir sie, die Amis. Letztens fragte sie ein Journalist: “Fühlen Sie sich manchmal fremd in Deutschland, gerade weil die Mentalität so unterschiedlich ist?” Antwort Heather: “Es sind ein paar Sachen, die mir fremd vorkommen.” Im österreichischen Fernsehen sagte sie in einer Diskussion über Nine Eleven: “Wenn wir als Amerika unsere historischen Prinzipien fallenlassen…”.
Was ist das für eine Projektion? Vielleicht kriegt sie in dieser Rolle bessere Jobs. Als Deutsche ohne thematische Qualifikation ist sie eine unter tausenden. Als rechte Amerikanerin mit guten Deutschkenntnissen ist sie etwas besonderes. Wie viele rechte Amerikanerinnen sprechen gut deutsch und sind für´s deutsche TV ständig verfügbar? Sie hat da wohl einen Exotenbonus. Heathers Vater, der Radiomoderator, ist bekannt für “seinen starken amerikanischen Akzent”, schreibt Wikipedia über ihn. Es sei sein “Markenzeichen”. Aha.
Skurril: Ali eine hat eine Identität, die ihm auf der sozialen Skala in Deutschland objektiv einen unteren Platz zuweist. Die Möglichkeiten, sie zu verändern, sind begrenzt. Heather hat eine Identität, die sie als privilegierten Menschen ausweist. Und gerade diese Privilegien versetzen sie in die Lage, ihre Identität nach außen hin so zu ändern, dass sie weitere Privilegien sammeln kann. Man nimmt ihr die Amerikanerin, die in Deutschland nur seit längerem zu Besuch ist, ab.
Wir könnten die Geschichte auch umdrehen: Ali ist in einer schwierigen Umgebung aufgewachsen, hat einen Job und freut sich, dass er seinem Sohn bessere Bedingungen bieten kann. Heather ist in einer privilegierten Umgebung aufgewachsen und lebt in einer selbst gewählten Parallelwelt, in der ihr Akzent als Markenzeichen dient, mit dem sie ihren Marktwert steigert. Alis Akzent ist auch so eine Art Markenzeichen, aber eines, das ihm Türen verschließt, nicht öffnet. Heather suggeriert mit ihrer künstlichen Identität Authentizität. Sie kann das verkrustete alte Deutschland aus ihrer freiheitlichen Perspektive als angebliche Amerikanerin kritisieren.
Angenommen, eine türkisch-stämmige Journalistin würde so tun, als sei sie in der Türkei sozialisiert und erst seit ein paar Jahren in Deutschland und sie würde aus einer projektierten türkischen Binnenperspektive Deutschland kritisieren. Ich glaube, es funktionierte nicht. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft würde sehr schnell ihren Blick auf ihre Biographie lenken und feststellen, dass sie hier geboren und aufgewachsen ist. Wer einen türkischen Akzent hat, ist Teil des Integrationsdiskurses: Ist ihre Integration gelungen oder doch nicht. Warum passt die sich nicht an? Warum übernimmt die nicht unsere Werte? Warum kritisiert die unsere Mentalität? Passt die eigentlich zu uns? Heather De Lisle wird das offenbar nicht gefragt. Sie wird als “Journalistin aus Amerika” vorgestellt, die sie schlicht nicht ist. Sind ihre Interviewer und Gesprächspartner alle nur schlecht gebrieft? Wohl kaum. De Lisle passt mit ihrer Rolle einfach gut in die gesellschaftlich-mediale Wirktlichkeit.
Akzente, Identitäten, Perspektiven: Wenn eine türkischstämmige Migrantin im TV kein perfektes deutsch spricht, ist das ein Zeichen für misslungene Integration. Wenn eine Deutsche, deren Eltern in Amerika geboren wurden, im TV kein perfektes deutsch spricht, ist das ein Authentizitätsvorteil. Und es ist einzig der Blick der hiesigen Mehrheitsgesellschaft, der diese Identitäten realisiert.


