Holland und Esskultur: zwei Begriffe, die man gemeinhin nicht in Verbindung bringt. Versucht man es doch, wird es desaströs. Es gibt in Holland keine Esskultur. Es gibt nur Nahrungsaufnahmekultur. Die besteht in der Regel darin, dass man ein Stück Abfallfleisch erst paniert, dann fritiert, dann in Mayonnaise ertränkt und wohl bekomm´s. Als Nachtisch gibt es Vla, ein zu 90 Prozent aus Zucker hergestelltes sogenanntes Milchprodukt in diversen Geschmacksrichtungen. In einem durchschnittlichen holländischen Supermarkt besteht schätzungsweise ein Drittel der Verkaufsfläche aus Vla-Produkten, ein weiteres Drittel aus anderen Süßigkeiten.
Überhaupt ist der Besuch eines holländischen Supermarktes in einer ländlichen Region für den Kulturwissenschaftler zu empfehlen. Er unterziehe sich in der Obst- und Gemüseabteilung (das dritte Drittel) dem Versuch der Blindverkostung. Ich nehme das Ergebnis vorweg: Egal, ob ich in eine Gurke beiße, in eine Tomate oder in eine Karotte: Es schmeckt alles gleich, nämlich nach nichts. Holland ist der wohl einzige Staat der Erde, in dem man etwas Ungesundes zu sich nimmt, wenn man Obst und Gemüse isst.
Vielleicht ist das alles kein Wunder in einem Land, in dem auf natürlichem Weg nur Unkraut wächst, weshalb man früh dazu überging, Gewächshäuser anzulegen. Dass man die minderwertigen Ergebnisse dieser Bemühungen mittlerweile selbst in portugiesischen Supermärkten kaufen kann, zeigt vor allem, dass die Holländer schon immer gute Geschäftsleute waren.
Der Versuch, in Holland etwas zu essen, zeigt auch die Problematik des Protestantismus auf: Es kommt bei dieser Entsagerei nichts Vernünftiges heraus, zumindest nicht im Diesseits. Putzige Häusschen, keine Gardinen, alles sauber, alles kontrollierbar. Schaut man durch ein Fenster in die Wohnung, sieht man adrett gekleidete Menschen in aufgeräumten Zimmern aufrecht in Sesseln sitzen, gute Bücher lesen und Vla essen. Manchmal essen sie auch keinen Vla, aber sie lesen immer ein gutes Buch. Niemals sieht man jemanden auf dem Sofa herumfläzen oder einen Porno gucken. Man kann in einem holländischen Haus nicht mal onanieren, es sei denn man ist Exhibitionist.
Die Form, das Maß, der Kopf ist alles, Genuss ist verpönt. Keine Völlerei, kein Exzess, außer mit Mayonaise und Vla. Die massive Zuckerzufuhr als Glücksbringer muss da wohl sein. Ich könnte jetzt natürlich auch schreiben, weshalb Holland trotzdem eine Reise wert ist, aber das ist ein anderes Thema.
(Foto: genova 2010)









