Archiv der Kategorie: Düsseldorf

Keine Reisen mehr

[Das Folgende ist eine rein assoziative Reihung und, wie ich annehme, kaum verständlich]

Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf, Hannover: Bei Reisen fällt auf, dass diese vier Städte austauschbar sind. Bahnhof, Fußgängerzone, die üblichen Handelsketten, die Menschen treten als Konsumenten auf in den üblichen Klamotten, die Kugel Eis kostet zwischen einem Euro und einsdreißig, neuerdings ist auch Bio-Eis im Angebot, sicher ist es nachhaltig und transparent. Die Städte sind im Zentrum im Wesentlichen kriegszerstört, ein paar historische Gebäude werden gepäppelt, bemerkenswerte und nicht geschätzte Nachkriegsarchitektur gibt es eine Menge, in jeder Stadt ein schickes Museum für zeitgenössische Kunst meist in reduzierter, aufs Bauhaus und seine Weiterentwicklungen zurückgehender Architektur, alles gleich reduziert, Sichtbeton, Stahl, Glas, alles plan, alles glatt, so hat man das halt heute. Die höheren Angestellten von mercedesdeutschebankvodaphonecontinental können da ihre Distinguiertheit unter den ökonomischen Beweis stellen, wenn gewünscht.

Das Lokale und das Regionale ist nicht mehr vorhanden und wird als einzeln vorbeikommendes Treibgut nur noch im Klischee organisiert, gemanagt und via Stadtmarketing verkauft: bieder auf dem Level von Spätzle und Maultaschen, wo immer auch das Made in Germany mittransportiert wird (Mercedes ist ja auch eine regionale Marke) in Stuttgart; mit zwanghaft-neurotischem Blick auf Frönde, Kölsch und Schunkeln in Köln; ähnlich in Düsseldorf, aber hier sind die oberen Zehntausend im Fokus, die als Vorbild für die unteren 580.000 dienen; und irgendwie sicher auch in Hannover (wenn nichts geht, wird ja gerne das Grün in der Stadt gepriesen), aber da kommen die Marketingsbemühungen nicht über die Stadtgrenze hinaus. Der Hannoveraner bleibt der eigenschaftslose Bewohner eines eigenschaftslosen Oberzentrums mit tadellosem Funktionieren der Ketten, Bahnhöfe, Autobahnkreuze und Fahrkartenautomaten. Das gilt zwar auch für die drei anderen, aber in Hannover fehlt sogar die lokale Fassade. Nicht mal dialektmäßig ist da etwas herauszuholen. In dieser kompletten Eigenschaftslosigkeit ist Hannover schon wieder interessant. Und es muss hinzugefügt werden, dass die hannoveranischen Ereignisse rund um Wulff, Maschmeier, Schröder und Dunstkreis auch eine Form des Stadtmarketings sind – nicht die uninteressanteste.

Der Blick müsste also im Detail verharren, weil nur im Detail die verwaltete Welt nicht mit Ähnlichkeit geschlagen ist. Die gegenteilige Entwicklung ist der Fall. Je ähnlicher die Welt, desto geringer der Wert, der aufs Detail gelegt wird. Je gleicher die Städte, desto oberflächlicher der Blick darauf. Der Italien-Baedecker aus den Fünzigern offenbart ein Staunen über das Beschriebene, das massentouristische Pendant von heute führt nach dem flotten Abriss irgendeiner Sehenswürdigkeit zur nächsten Starbucks-Filiale. Ob sich der Tourist das Brandenburger Tor anschaut oder den Kölner Dom, ist unerheblich.

Doch der kunsthistorische Abriss bestimmter, als sehenswürdig klassifizierter Gebäude ist in der Tat belanglos. Was soll denn interessant sein an der Auskunft, dass das Haus zwischen 1780 und 1795 gebaut wurde für irgendeinen verwöhnten Prinzen? Es ist ein Detail, das aus dem Zusammenhang gerissen keines mehr ist, sondern bloße Applikation für das Publikum einer vermeintlichen Wissensgesellschaft, wie man das heute nennt. Praktischer Beleg dafür sind die Massen von Touristen, die in der Toskana in jede Kirche rennen, weil man das halt so macht und weil man ja irgendwas machen muss.

Der Blick aufs Detail wäre auch nur dann möglich, wenn das heute übliche Reisetempo radikal in Frage gestellt würde. Goethe brauchte von Karlsbad bis zum Brenner sechs Tage und fand das zu flott: “Die schnelle Abwechslung der Gegenstände gibt zu hundert Beobachtungen Anlass.” Die Pendant zur Kutsche wäre heute ist das Fahrrad und auch das ist meist zu schnell. Der Satz Goethes ist kaum mehr sagbar, denn aus heutigen Perspektiven gibt es keine Abwechslung und keine Beobachtung: Das Detail und der Blick darauf bedingte eine radikal andere Herangehensweise an Stadt.

 

Es wäre im Rahmen dessen zu denken, was Leute wie Markus Sieverts in angenehmer Weise betreiben: Reisen von unten, Reisen aus nicht-herrschaftlicher Perspektive. Sieverts lenkt den touristischen Blick aufs Sein statt aufs Haben, auf den Effekt, den Architektur mit einem macht, weswegen eine Tiefgarage sehenswerter sein kann als ein Einkaufszentrum. Das Staunen des 50er-Jahre-Italientouristen wird von Sieverts auf einer alltäglichen Ebene rekonstruiert, die in der Regel verborgen bleibt. Es ist so ähnlich wie mit serieller Kunst, die im Museum den Bildungsbürgerdepp dazu verleitet, andächtig zu verweilen, während ganz ähnliche Phänomene in der Praxis draußen keine Sau interessieren.

Es wären völlig neue Perspektiven, die sich auch radikal von dem unterschieden, was heute die offzielle Stadtplanung vorgibt: Die totale Kontrolle aller denkbaren Bereiche, die durchrationalisierte Planung und damit Auslöschung aller Affekte. Es ist eine unselige Verbindung der Erwartungen, die der Neoliberalismus an Stadt stellt und der deutschen und also tendenziell totalitären und zwanghaften Verplanung einer jeden spontanen Regung.

In dem Zusammenhang wäre der Begriff der Heimat weiterzuenwickeln. Abseits von konkreten geographischen Bezügen, von Laubsägestil und Kitsch, vom reinen Bezug aufs Dekor ist Heimat dann das, was man sich aneignet. Vielleicht hülfen Ruskin und Morris weiter.

Was ich eigentlich sagen will? Keine Ahnung.

blablafadeout

(Foto: genova 2012)

Fortuna Düsseldorf: kein Skandalspiel, sondern Skandalmedien

Mal ehrlich: Was ist denn in der Schlussphase des Relegationsspiels der Fortuna überhaupt Schlimmes passiert? Ein paar hundert oder tausend Fans sind zwei Minuten zu früh aufs Spielfeld gerannt. Wahrscheinlich dachten sie, das Spiel sei schon vorbei. Nachdem sie ihren Irrtum eingesehen hatten, sind sie brav wieder auf die Ränge zurückgekehrt. Ansonsten war doch alles friedlich, soweit man das überblicken kann. Mit Feuer spielen liegt in der Natur des Menschen, wie Andreas Lambertz zeigte.

Und es ist doch nett anarchisch, dass die Fans nach dem Spiel das Tor zerlegen und sich Rasenstücke mitnehmen. Andere sammeln schnelle Autos. Der Moment, in dem Zuschauer den Rasen betreten, ist ja ein ganz besonderer. Eine normalerweise nicht überschreitbare Grenze, deren Überschreitung eben deshalb reizvoll wird. Und wann soll dafür der richtige Moment sein, wenn nicht beim Aufstieg? Und wenn ich wissen will, was denn wirklich Gravierendes vorgefallen sein soll in den Minuten kurz vorm Abpfiff, finde ich Folgendes:

Mit einem Mal lagen die Menschen sich auf dem Platz in den Armen, einige brannten Feuerwerkskörper ab, ein Mann schnitt den Elfmeterpunkt aus dem Rasen.

Ja, wirklich schlimm.

Was da rauskommt, ist doch in erster Linie die Verlogenheit weiter Teile der Medien. Man will ein “Fußballfest”, heitere Fans, aber bitte alles im Rahmen, und zwar in dem, in dem die Bundesliga finanziell attraktiver wird. Da sind die abgesperrten VIP-Lounges für irgendwelche Lobbyhanseln eben wichtiger als jemand, der eine Fackel hochhält. “Skandal-Spiel” heißt es jetzt, und man spürt die Aufgeregtheit der Medien, die es total geil finden, dass etwas passiert. Die Fotostrecke bei Spiegel-online bringt prima Bilder, stimmungsgeladen, atmosphärisch dicht, es menschelt, und ohne die Feuer wäre das nur halb so bunt.

Die Mediengesellschaft braucht den prinzipiell unkontrollierbaren Effekt, er bringt dem Karussel Millionen. Die zahlenden Deppen sitzen zuhause vorm Fernseher und empören sich über ein Feuerwerk, ganz so, wie es der Kommentator vorgibt. Nur bitte immer schön im Rahmen bleiben. Nicht zufällig redet diese Männerwelt ja auch immer über Emotionen, nie über Gefühle.

Also, Glückwunsch der Fortuna zum Aufstieg und den Fans für die gute Unterhaltung!

P.S.: Zum Thema Fußball und Gewalt ist das hier interessanter.

Suchbegriffe, Teil zwei

Bei wordpress sieht man intern, mit welchen (Google-)Suchbegriffen dieser Blog gefunden wird. Auf welche Blogartikel sie abzielen, kann ich nur raten.

Hier (in Fortsetzung dieses Artikels) die sinnfälligsten Suchen der vergangenen vier Monate:

Baby isst katze

katze +tot +überfahren

scheiß auf neoliberalismus

destroyed

götterbaum sperma

gagfah im arsch

zionisten steuer

“ein lächerliches ländchen”

das grÜne wunder: keine deutsche partei ist bei kindern so beliebt wie die grünen

scheis schweiz

abschreckende mittel gegen hundekot, eventuell plakate

von schwiegermutter versklavt

alles ist bereits entdeckt, nur in der gegend der banalität

meine jungs sind psychopathen weil die waffe wirklich schiesst

saft abstellen

chinesin hat mich

universität genova

hitler+ziegel

freier zugang zum feuerlöscher

nacktfoto

unglaubliche sachen

es riecht nach wixxe in der stadt

stinkt die stinkesche

gibt es soldaten die auch normal nach dem krieg zurückkommen

История прусского ландтага

merkel ist jüdin

verfaulen auf brot

nutte ferrari düsseldorf

zwischen rudis reste rampe und dem südpol von neukölln

gaststätten in düsseldorf wo ab 22 uhr man rauchen darf

gaststätten düsseldorf rauchverbot ab 22 uhr aufgehoben

praktikum arschloch

cdu ist link geworden

vollbusige schwiegermutter

meine dreijährige tochter gehorcht nicht

underberg religion

investmentbanker psychopaten

zwanghafte armbewegungen

pimmelgröße bilder

winfried hermann verkehrsminister welche religion hat er

wie kann man sich gegen psychopathen wehren

warum wollen schwule schwarze immer weisse jungs

mit sperma durch die stadt

der mann der als erster die gesichtsplastik erfunden hatte

große eichel video

frisuren über hemden

tablett an brüste angehängt

sophie marceau ist sie operiert

was ist ein psychopath

türken sind unkultiviert

arschlochfreie zone

Auffällig nach wie vor ist das Thema “Sex mit der Schwiegermutter”, in welcher Variation auch immer, dazu die sinnfälligen Fragen nach der Authentizität der Brüste Sophie Marceaus und der Möglichkeit, dort ein Tablett anzuhängen. Allgemeine Fragen nach Bildern von großen Pimmeln sind nicht mehr so gefragt, die Bildersuche nach großen Eicheln zeigt, dass der User es konkreter möchte. Wichtig für meine Leser ist weiterhin der Komplex “Sperma in der Stadt”.

Daneben sind immer noch Psychopathen eine gefragte Kategorie, in Zusammenhang mit Soldaten und Investmentbankern ist das ja auch ein fruchtbares Thema, ebenso wie die Verbindung von Nutte und Ferrari mit Düsseldorf. Vielleicht der ehrlichste Ansatz einer Beschreibung des sogenannten rheinländischen Frohsinns.

Dass allerdings eine Anfrage mit der völlig sinnlosen Eingabe “CDU ist link geworden” ausgerechnet auf exportabel verweist, ist ärgerlich. Weiß doch der treue Leser, dass die CDU nicht link geworden ist. Sie war es immer schon.

Blogkidnapping oder: ein kleiner Einblick ins moderne Unternehmertum

Kurz die Vorgeschichte: Der populäre Blog nerdcore berichtete kritisch über ein Düsseldorfer Unternehmen namens Euroweb, die mahnten deshalb den nerdcore-Betreiber René Walter ab, der ignorierte den Gerichtstermin. Daraufhin bekam Euroweb offenbar die Rechte an der Domain. Dem Blogger wurde der Blog weggenommen.

So weit, so skurril. Was ich daran aber wirklich interessant finde, ist die Eigenwerbung von Euroweb:

Eine einzige Ansammlung von Klischees, modischer Kameraführung und gestelztem Geplapper. Natürlich sponsern sie trendige Sportvereine. Der Laden ist unseriös, das spürt man eigentlich nach ein paar Sekunden und weiß es spätestens nach der Lektüre vieler Medienberichte, die in den vergangenen fünf Jahren dazu erschienen sind, zusammengefasst vom Spiegel und der taz. Da ist viel von Täuschung die Rede. Lustig dabei ist, dass die Internetexperten von Euroweb schnell juristisch auf Kritik reagieren, worauf Blogs darüber berichten, worauf Euroweb juristisch reagiert, worauf noch mehr Blogs darüber berichten und schließlich auch die etablierten Medien. Klasse Strategie, um Informationen zu unterdrücken!

Solche Knallköppe werden in Deutschland und insbesondere in Düsseldorf mit Auszeichnungen überhäuft. Euroweb hat es beispielsweise ins Finale von “Entrepreneur des Jahres 2010″ geschafft. In der Jury sitzen unter anderem Lothar Späth, eine Vertreterin der Würth-Gruppe, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft und der Enkel von Konrad Adenauer. Deloitte hat sie auch ausgezeichnet, ebenso wie die Bundesagentur für Arbeit. Die alle halten offenbar die beiden Freaks aus dem Video für seriös. Wobei: unter Kabarettaspekten könnte man darüber nachdenken.

Nerdcore hatte übrigens gebloggt, Euroweb verlange zu viel Geld für eine “minderwertige Website” und sei eine Firma, die “mit minderwertigem Webdesign auf Kosten von Bildung und Mittelstand Reibach macht”.

Ich gebe zu, dass ich Euroweb vor fünf Minuten noch nicht kannte, aber mal ehrlich: Wer würde nach der Rezeption des Videos da oben von denen auch nur ein Paar Schnürsenkel kaufen? Leider viele.

Und es schließt sich die Frage, warum so viele unseriöse Firmen ausgerechnet in Düsseldorf residieren, an, für deren Beantwortung ich jetzt keine Zeit habe.

Über das parasitäre Wesen des postindustriellen Kapitalismus am Beispiel der Stadt Düsseldorf

Parasitismus (altgr. Para= Neben , Siteo/o = mästen, sich Ernähren) (Schmarotzertum) im engeren Sinne bezeichnet den Nahrungserwerb aus einem anderen Organismus. Dieser auch als Wirt bezeichnete Organismus wird geschädigt, aber entweder gar nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt getötet. Im weiteren Sinne kann Parasitismus als eine Steigerung der Fitness des Parasiten bei gleichzeitiger Verminderung der Fitness des Wirtes verstanden werden. Quelle: Wikipedia

Die Modestadt Düsseldorf beklagt derzeit ihre zurückgehende Relevanz: Alles schaue auf das “hippe” Berlin, die dortige Modemesse Bread and Butter laufe hervorragend, Düsseldorf sei auf dem absteigenden Ast.

Stimmt. Doch bei der Analyse, warum das so ist, versagt das traditionell geistferne Düsseldorfer Elitepublikum zwangsläufig. Es liege am falschen Stadtmarketing, hört man, die an sich so tolle Stadt werde nur falsch dargestellt.

Quatsch. Es zeigt sich hier das parasitäre Wesen des postindustriellen Kapitalismus. Der macht immer weniger Rendite mit industriell hergestellten Gütern, das ist bekannt. Was mittlerweile zählt, ist die Aura, neudeutsch Image, das Drumherum. Das jedoch kann ein kapitalistisch organisiertes System nicht genuin produzieren. Es ist etwas, was eher in Zwischenbereichen entsteht, aufflammt, sich ungereimt artikuliert, immer dynamisch. Etwas, was sich der Verwertung durchs Kapital entzieht. Es ist das Indifferente, das als Selbstzweck geschieht, ohne jeden Instrumentalisierungsgedanken. Es ist das, was in Berlin an manchen Ecken sein Ding macht. Genau von diesem Image, von der dadurch suggerierten Authentizität, profitiert Bread and Butter.

In Düsseldorf gibt es dieses Ding nicht mehr, denn die Stadt ist von der Durchschlagskraft des Kapitals ordentlich umgemodelt worden. Das Kapital kann nicht anders als zu versuchen, das Nicht-Verwertbare verwertbar zu machen. Ein Ergebnis: Die ziemlich konkret vorhandenen Punk- und New-Wave-Aktivitäten im Düsseldorf der späten Siebziger- und frühen Achtziger Jahre wurden seit den 1990er Jahren verdrängt und verkommerzialisiert. Aus Fehlfarben und S.Y.P.H. wurde die Stadt mit den meisten Werbeagenturen. Aus “Zurück zum Beton” wurden die Hackfressen des Medienhafens mit Abstandsgrün. Aus Kreativität wurde Grey.

Alles, was irgendwie mal subversiv war in Düsseldorf ist vom System schon längst korrumpiert und somit ausgelöscht worden. (Am subersivsten sind mittlerweile der Ballermann in der Altstadt und die Stromschnellen im Rhein.)

Und hier kommen wir zur Modestadt Düsseldorf zurück. Worum es den dort ansässigen Geistesleuchten geht, beschreibt Werner Lippert vom NRW-Forum:

“Das Bewusstsein, dass Kommerz und Kunst in dieser Stadt zusammengehören, müsste auf eine höhere Ebene transformiert werden.”

Peng. Lippert merkt natürlich nicht, was er da sagt. Natürlich gehören Kunst und Kommerz in dieser Stadt zusammen, genau deshalb läuft es mit der Modestadt ja auch nicht mehr. Je mehr er da “auf eine höhere Ebene transformieren” will, desto weniger wird ihm gelingen, was er anstrebt. Das Kapital braucht heute zur Renditebildung die zuvor entstandene nicht verwertbare Nischenkultur, an deren Verwertung man sich dann macht. Die Werbeagentur Grey gibt das indirekt zu:

“Die Marken müssen mythisch aufgeladen werden – Charakter und Ausstrahlung bekommen.”

Wenn Grey eine mythische Aufladung vornimmt, dann um den Preis der Zerstörung des Mythos. Die Länge der Zeitspanne zwischen dem Beginn der Verwertung des Mythos und dem Zeitpunkt der allgemeinen Ansicht, dass das jetzt nicht mehr Ausstrahlung hat, sondern langweilig ist, beantwortet die Frage nach der Länge der Zeitspanne, in der Rendite erzielt werden kann. Selbst die alten Kö-Schnallen gucken doch mittlerweile erstmal, was die 17-jährigen Mädels auf der Kastanienallee im Prenzlauer Berg anziehen, bevor sie sich die gleichen Klamotten kaufen, nur mit einem Designer-Label versehen. Achtundsechzig hat da ganze Arbeit geleistet.

Um es mit Adorno zu sagen: Wenn Kunst auf den Begriff gebracht wird, ist sie schon verschwunden. Das Kapital setzt quasi auf eine Fata Morgana, deren Renditefähigkeit sich mit jedem Schritt in ihre Richtung verringert und gegen Null tendiert. Deshalb braucht es ständig neues: Gestern Düsseldorf, heute Berlin – die Kastanienallee als systemische Kö auf Abruf – , und nachdem hier alles verdüsseldorft sein wird, vielleicht Kiew oder Bukarest. Langweilig wird es nie.

Trostpflaster: Düsseldorf hat ja immer noch Rheinmetall. Vielleicht gibt es da Probleme mit der charakterlichen Aufladung. Die Rendite stimmt trotzdem.

Publikumsbeschimpfung II.

Verehrte Leserschaft,

das Thema “Kapitalisierung der Stadt” treibt mich derzeit ja eh um (demnächst dazu mehr), da passt das, was der Düsseldorfer Künstler Florian Kuhlmann macht, ziemlich gut. Man muss, wie er selbst sagt, “bei den Bildern zweimal hinschauen”, also macht das bitte.

In Zeiten der umfassend veroberflächlichten Dienstleistung (“Einen schönen Tag noch”)  ist diese Form der Publikumsbeschimpfung geradezu wohltuend.

Dazu zitiert Kuhlmann den Künstler Mark Pepper:

»In einer Zeit, da uns der Kontrast zwischen Stadt und Land abhanden zu kommen scheint, sich die Umgebungen hinsichtlich Homogenisierungs- oder Programmierungs-Grad, hinsichtlich Kontrolle und Ordnung nicht mehr voneinander unterscheiden lassen, stellt sich die Frage, wie sich eine politische Grundhaltung mangels erworbener Wahrnehmungsfähigkeiten überhaupt noch ausbilden soll. Diese, durch die Medien eng intendierte und auf den Punkt fokussierte kultivierte Landschaft beschränkt die Interpretation und das Denken auf ein Minimum, damit ja kein abschweifender Gedanke von der Intention, man könnte auch sagen vom Konsum, entsteht. Es gibt die Natur nicht mehr, die uns den Abstand ermöglicht, aus dem wir unsere kulturelle Leistung erkennen und kritisieren können. Für diesen Abstand sind wir nun selbst zuständig.«

Weitere Bilder der Kuhlmannschen Reihe gibt es hier.

(Foto: Florian Kuhlmann, 2010)

NRW: vornehmstes Bildungsziel ist “Ehrfurcht vor Gott”

Man könnte meinen, Staat und Kirche seien in Deutschland getrennt. In Nordrhein-Westfalen zumindest ist das nicht so. Dort lernen die Schüler rechnen und schreiben und lesen auf einer ganz besonderen Grundlage. In Artikel 7 der Landesverfassung heißt es:

(1) Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.

Ehrfurcht wird von Wikipedia als Begriff “für eine mit Verehrung einhergehende Furcht” definiert. Der Brockhaus von 1896 meint, Ehrfurcht sei

der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst, sei es eine Person oder eine geistige Macht, wie Vaterland, Wissenschaft, Kirche, Staat, Menschheit, Gottheit.

Nun wurde die NRW-Landesverfassung 1950 beschlossen, da sprach man generell etwas pathetischer (wobei Achtung vor der Menschenwürde und Bereitschaft zum sozialen Handeln Erziehungsziele sind, die man nicht besser formulieren kann). Dennoch darf man fragen, ob es zeitgemäß ist, Schülern – zumindest absichtsweise – Ehrfurcht vor irgendetwas beizubringen, zumal vor Gott, und das noch als eines der wichtigsten Ziele. Schule sollte weder Furcht noch Ehrfurcht vermitteln, sondern Wissen, soziales Handeln und Respekt vor Differentem. Davon abgesehen sind schätzungsweise die Hälfte aller Schüler nicht einmal mehr christlichen Glaubens. Wenn schon, dann sollte man den Artikel 7 um Allah, Buddha, den Dalai Lama und Tom Cruise ergänzen.

Die Trennung von Staat und Kirche hat in Deutschland nie stattgefunden, das sieht man bei der Kirchensteuer, den Rundfunkräten, den kirchlichen Krankenhäusern, dem Religionsunterricht und der NRW-Landesverfassung.

Die Linkspartei in NRW will den Ehrfurcht-Passus übrigens aus der Verfassung streichen. Aber die sind ja eh radikal.

Düsseldorf: Kein Herz für Bäume

„Düsseldorf hat kein Herz für Bäume!”, beklagt sich eine Leserin in der Westdeutschen Zeitung. „Gesunde und selbst alte Bäume werden gnadenlos abgesägt…die Allermeisten sehen tatenlos zu”.

Ein klarer Pluspunkt für Düsseldorf. Hier wird nicht gleich eine Bürgerinitiative gegründet, um ein paar Bäume zu retten. Auch ein Grund, weshalb die Stadt verdichtet ist und damit schon lange die aktuellen stadtplanerischen Forderungen erfüllt: Dichter bauen, um lange Wege und die Versiegelung von Natur zu vermeiden.

Zahme Frisuren und gut sitzende Hemden

Mathias Irle stellt Fotografien aus in der sehr angenehmen Düsseldorfer Hobby-Galerie damenundherren. Bei der Vernissage fallen die jungen Männer auf, die kein einzelnes unangenehmes Attribut aufweisen. Zahme Frisuren (aber was will man machen, wenn einem die Haare ausgehen), aktuelle Brillen und gut sitzende Hemden. Aber alles zusammengenommen geht das dann schon Richtung Junge Liberale, vor allem, wenn Mimik und Gestik auch so brav und kompatibel sind. Alles nette Leute.

Gerade lese ich, dass Irle auch für das McKinsey-Magazin mit dem originellen Titel Wissen schreibt. Und ich finde einen Artikel aus Brand Eins, in dem er behauptet, Selbstständige seien in Deutschland nicht gut angesehen, viele würden sich „schämen“. Die Armen.

Eine Fotografie aus dem damenundherren ist mir in Erinnerung geblieben. Irgendwer steht auf einer Art Sprungbrett, im Hintergrund sieht man das Meer. Titel: „Trau dich!“

Der Geldadel bestimmt in der Uni Düsseldorf mit

Die Unternehmerfamilie Schwarz-Schütte schenkt der Düsseldorfer Universität 24 Millionen Euro. Das Geld haben sie übrig, weil sie ihre Pharmafirma für 1,4 Milliarden Euro verkauft haben. Mit Menschenliebe hat das allerdings nichts zu tun: Die 24 Millionen Euro sind zweckgebunden und werden für den Aufbau eines „Düsseldorfer Insituts zur Förderung des Wettbewerbs in Wirtschaft und Gesellschaft“ verwendet. Der Junior des Familienclans, Patrick Schwarz-Schütte, wird in der Westdeutschen Zeitung als „Anhänger der freien Marktwirtschaft“ bezeichnet. Soziale Marktwirtschaft ist dem wohl schon zu sozialistisch.

Das Institut ist laut WZ das „Herzstück“ der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

So läuft das heute: Ein Milliardär spendet ein bisschen Geld und bekommt dafür ein Institut, das so tun darf, als sei es wissenschaftlich. Er macht aus seinem Finanzkapital informelles Kapital, und zwar mit dem Heiligenschein der Wissenschaftlichkeit. Und das Beste: Die Universität hat sich verpflichtet, nach zehn Jahren (dann ist das Geld wohl alle) sämtliche Kosten dieses Institutes zu übernehmen.

Sema Kouschkerian ist die Autorin des WZ-Artikels. Sie schreibt allen Ernstes:

So heiter spricht die Führungsetage der Heine-Uni nur selten über Finanzen. Aber ein Geschenk von 24 Millionen Euro kann auch den kritischsten Denker in den Zustand gewisser Unbeschwertheit versetzen.“

Es ist genau umgekehrt: Bei jedem, der auch nur halbwegs kritisch denkt, müssen angesichts dieser Story alle Warnlampen angehen. Wahnsinn, was journalistisch alles möglich ist. Die unbeschwerte Sema zitiert Patrick Schwarz-Schütte mit dem merkwürdigen Satz:

„Es gibt zu wenig Verständnis dafür, dass Wettbewerb das einzige Ordnungsprinzip ist, das am Ende eines Tages Wohlstand bescheren kann.“

Aha. Lustigerweise schrieb die Financial Times Deutschland rund ein Jahr zuvor, der Verkauf von Schwarz-Schütte sei “nicht ganz freiwillig” erfolgt: Das Unternehmen sei “auf Dauer dem Konkurrenzkampf nicht gewachsen” gewesen. Solange man sich allerdings sein Marktversagen dermaßen vergolden lassen kann, ist es ja egal, wie man die Geschichte interpretiert.

Der Papi von Patrick heißt übrigens Rolf. Er ist schon 86 und bekleidet folgende Ämter: Ehrensenator der Uni, Ehrenpräsident der „Freunde und Förderer“ der Uni, außerdem war er jahrelang Präsident der Industrie- und Handelskammer. Das sind die mit den Zwangsbeiträgen und der Pflichtmitgliedschaft. Soviel zur freien Marktwirtschaft.