Archiv der Kategorie: Design

Momente der Weltgeschichte. Heute: Le Corbusier trifft Modulor

Ein wunderbares Bild: Le Corbusier trifft seinen Modulor und schaut ihm tief in die Augen. Corbusier scheint ein wenig distanziert, kein Wunder bei dem extrem strukturierten, mechanistischen und also dumpfen Blick des Modulors. Hat er vielleicht etwas falsch gemacht? Individuum trifft entworfenen Durchschnitt, da kann einem schon mulmig werden.

Außerdem frage ich mich, warum Corbusiers Durchschnittsmensch so dicke Ober- und Unterschenkel hat und so dünne Knie? Und der extrem große Bauchnabel ist meiner Beobachtung zufolge kein durchschnittlicher, sondern weist sicher auf unbewältigte Kindheitserlebnisse des Meisters hin.

Bin ich froh, dass ich kein Durchschnittsmensch bin.


(Foto: abfotografiert von genova 2012)

Hinweis an alle Theoretiker (2):

So geht´s dem Praktiker: Diese Geilomatfrauen organisierten 1958 eine Demonstration für den alten Knacker Corbusier (73), weil sein Philips-Pavillion, gebaut für die Expo 58 in Brüssel, am Ende abgerissen werden sollte.


Wikipedia über den Pavillion:

Das umstrittenste Gebäude auf der Weltausstellung war der Philips-Pavillon von Le Corbusier, auch als „Elektronisches Gedicht“ bezeichnet. Der „Höhepunkt der Extravaganzen in Brüssel“, eine spektakuläre Provokation, die dank eines komplett asymmetrischen Bauwerkes alle damaligen Sehgewohnheiten verletzt, so die moderne Beschreibung. „An der Spitze der architektonischen Kuriositäten“ ein Gebäude, in dem eine Multimediashow erlebbar wurde, die ihrer Zeit weit voraus war. „… Einer der wenigen [Beiträge], die an der Weltausstellung auf die wesentlichen Möglichkeiten der Zukunft hinweisen“, so ein Schweizer Kritiker, der gleichzeitig die „allzu nachlässige Ausführung“ kritisierte. Le Corbusier hatte in Zusammenarbeit mit Edgar Varèse (Musik) und Iannis Xenakis (Design) einen Bau geschaffen, in dessen Inneren täglich Tausende einer acht Minuten langen Vorführung einer Komposition aus Licht, Farbe, Ton und Raum beiwohnen konnten. Der zeltartige Bau fasste 500 Besucher und war einzig und allein für diese Vorführung zu gebrauchen bzw. geschaffen. Der Bau selbst bestand aus mehreren im Boden verankerten Betonstreben, zwischen denen nach genauer mathematischer Berechnung kreuzförmig Rundeisen gespannt wurden, die dann sphärisch gekrümmte Netze bildeten. Auf diese Netze wurden passende Betonfertigteile gelegt, die von einem zweiten Drahtnetz gehalten wurden. Anschließend wurde das Bauwerk dann verputzt, sowie mit einem silbernen Anstrich versehen.


(Foto: Wikipedia)

Warum Wulff noch heute zurücktreten muss

Darum:

Jeder Haus- mit Gartenbesitzer weiß, dass man eine große Rasenfläche nicht mit der Gardena-Classic-Impuls-Brause wässert, wie Wulff es oben tut, sondern mindestens mit einem Gardena-Standardregner, bei der Wulffschen rechteckigen Rasenfläche besser noch mit einem Gardena-Viereckregner. Und wer etwas auf sich hält, was der Präsident sicher tut, müsste ein ausgeklügeltes Gardena-Sprinkler-System zum Einsatz kommen lassen. Wichtig für den vielreisenden Wulff ist zudem die Gardena-Urlaubsbewässerung, mit der man “entspannt in den Urlaub fahren und mit einem Lächeln zurückkehren” kann, wie der sympathische Gartenausstatter aus Ulm auf seiner Webseite berichtet. Doch auch davon ist auf dem Foto nichts zu sehen.

Das mit dem Lächeln ist Wulff jedoch gelungen.

Also: Wer seinen Rasen mit der falschen Brause wässert, ist dümmer als jeder Kleingärtner und somit als Präsident nicht geeignet, nicht einmal als Kleingarten-Präsident. Wer darüber hinaus eine halbe Million Euro ausgibt für ein ausgesprochen hässliches Haus mit Billig-Klinkern, lächerlichem Krüppelwalmdach und Sprossenfensterimitaten ist auch ästhetisch ungeeignet für das höchste Amt im Staat. Und wer meint, er müsse nur mal schnell Jackett und Krawatte ausziehen, die Gardena-Classic-Impuls-Brause als Gardena-Viereckregner- oder gar als Gardena-Sprinkler-System-Imitat in die Hand nehmen und ein Schwiegersohngrinsen aufsetzen, um die nötige Glaubwürdigkeit für den Bundespräsidentenposten zu ergattern, hat die Rechnung ohne die Millionen deutscher Gartenfreunde gemacht. Denen kann man vielleicht einen Wust von 476 abgeschriebenen Seiten als Doktorarbeit verkaufen, aber keine Gardena-Classic-Impulsbrause als Gardena-Viereckregner oder gar als Gardena-Sprinkler-System. Irgendwo hört der Spaß auf. Wobei: Wer Sprossenfenster imitiert, imitiert auch Viereckregner. Wulff bleibt sich also treu.

Im selben und lesenswerten FAZ-Artikel von Niklas Maak ging es übrigens hauptsächlich um neue, innovative Wohnarchitektur in Tokio in Fortschreibung dessen, was die Metabolisten in den 1960ern vorschlugen. Sehr sehenswerte Sachen, mit individuell gestaltbaren Grundrissen auf kleinem Raum, mit einer schönen Balance zwischen individuellem Freiraum und den Anforderungen des Kollektivs, und zwar immer wieder neu austarierbar, mit geradezu skulpturalen Eigenschaften. Und viel preiswerter als das Wulffsche Haus, obwohl in Tokio gelegen und nicht in Hannover. Wulffs fremdfinanziertes Heim diente der FAZ als das deutsche Negativ-Beispiel. Man könnte fast eine Ahnung davon bekommen, was Fremdschämen bedeutet.

(Fotos abfotografiert aus der FAZ vom 4. Januar 2012)

Neues über die aktuelle Verwendung von Waschbeton in Ex-Ostblockstaaten

Offenbar kein Einzelphänomen: Waschbeton liegt in den ehemaligen Ostblockstaaten im Trend, zumindest in designbewussten Kreisen. Ähnlich wie vergangenes Jahr in Bukarest entdeckt, werden auch in der tschechischen Provinz (hier: Ústí nad Labem) Waschbetonelemente neu her- und aufgestellt. Zwar ist die Funktionalität des Radständers eine Katastrophe, aber schön aussehen tut er doch, oder? Wie ein eingeschnittenes Brot:

Es zeigt sich auch, dass Waschbeton hervorragend mit Materialien wie Granit oder ganz simpel Sichtbeton harmoniert. Man findet in Tschechien also eine Avantgarde des Designs, die mich an einen von mir 2007 besuchten Park in Barcelona erinnert, der mit diesen Materialien noch avantgardistischer umgeht, siehe hier. Welche Gründe die aktuelle Sichtbetonproduktion im Osten hat, würde mich interessieren. Haben die Fabriken sonst nichts zu produzieren? Ist es die Gewohnheit? Angesichts der sonstigen ästhetischen Eindrücke in den Städten – Neonreklame, Werbetafeln vor Fassaden etc. – entsteht beim Reisenden nicht der Eindruck einer kollektiv massiv ausgeprägten ästhetischen Sensibilität, die die Verwendung von Waschbeton als designerische Avantgarde vermuten ließe.

Waschbeton ist in Deutschland ja seit vielen Jahren als typisches Baumaterial der architektonisch ach so schlimmen 60er und 70er Jahre massiv verpönt. Bei uns würden sofort irgendwelche Wutbürger ihren Widerstand gegen Waschbeton organisieren und vermutlich mehr Holz und Bäume fordern.

Es gibt also noch Oasen für ästhetiksensible Menschen, abseits der großen Baumarktkotze, die sich überall ausgebreitet hat. Dank dafür.

(Fotos: genova 2011)

Neues aus der Trendstadt Bukarest

Wo gibt es das noch? Aktuell hergestellte vorgefertigte Waschbetonelemente mit integrierter Bank und Blumenkübel. Nur in der Trendstadt Bukarest. Auch eine Form des 70er-Jahre-Revivals.

Schlichtes Design, mangelnde Passgenauigkeit, trendy abgerundete Ecken, überall einsetzbar und die Blumenkübel sind auch als Planschbecken zu nutzen.

(Fotos: genova 2010, sorry für die Flecken auf den Bildern rechts. Meine Kamera hatte einen schlechten Tag.)

Materialkunde 4 (Polyamid/Polyacryl/Polyester)

(Foto: genova 2009)

Frage an Architekten, Bauhistoriker etc.:

Warum schmiert man in arabischen Ländern den Mörtel gerne seitlich auf die Ziegel statt zwischen die Steine? Hat das etwas mit irgendeiner Tradition zu tun? Vielleicht damit, dass früher Mauern oft aus unbehauenen Steinen bestanden, ohne Bindemittel? Immerhin werden Ziegel in Ägypten seit drei- oder viertausend Jahre (und im Zweistromland vielleicht schon viel länger) eingesetzt.

Also, warum (manchmal) so:

statt so:

Wer die Frage richtig beantwortet, darf sich zur Belohnung diesen schönen Ziegel mit arabischer Inschrift ausschneiden:

(Fotos: genova 2010)

“Too bad you can´t skate the gap”

Aus dem Gästebuch des Barcelona-Pavillions von Mies van der Rohe. Es zeigt unabsichtlich, aus welch verschiedenen Perspektiven man Architektur betrachten kann.

zweimal räumlich-ästhetisch:

eschatologisch:

praktisch:

unverständlich:

oberflächlich:

ökonomisch:

sentimental-persönlich:

grundsätzlich:

(Fotos: genova 2007)

Materialkunde 2 (Granit/Beton)

Park in Barcelona, vor ein paar Jahren angelegt.

(Fotos: genova 2007)

Jack Wolfskin: Im System zuhause

Auch auf einem Dreitausender mit der Verwertungslogik per du: Der Wanderausstatter Jack Wolfskin hat, unter anderem, die taz abgemahnt, ihre Tazze nicht mehr auf bestimmte Produkte aus dem Outdoor-Bereich aufzusticken. Der Designer Roland Matticzk hat die Pfote zwar schon 1979 für die taz erfunden, die haben sich aber – typisch Linksromantiker! – die Markenrechte nicht gesichert. Das hat Jack Wolfskin 1982 gemacht.

Die Online-Welt ist empört und Jack Wolfskin hat nun reagiert. In der Stellungnahme der Firma aus dem Taunus findet sich der lustige Satz:

“Leider ist es notwendig, auch verhältnismäßig kleine Anbieter mit einer Abmahnung und entsprechender Kostenerstattung zu kontaktieren.”

Ich empfehle Herrn Wolfskin, das Hören lauter, gitarrenlastiger Popmusik durch junge, attraktive und tadellos angezogene Menschen beiderlei Geschlechts auf baumfreien hohen Bergen auch als Marke schützen zu lassen und Zuwiderhandelnde mit entsprechender Kostenerstattung zu kontaktieren. Da könnte ja sonst jeder kommen.

Gefunden im Commonsblog, wo es eine Menge weitere Informationen zum Thema gibt.

Ich zeige nun todesmutig und lediglich aus Gründen der Anschaulichkeit die tazze und hoffe, dass mich weder der böse Herr Wolfskin noch die gute taz dafür verklagen werden. (Foto: Wikipedia)