Archiv der Kategorie: Design

Sehenswertes in Hamburg

Der Gesteinsanteil im Hamburger Asphalt ist höher als anderswo. In Zeiten, in denen Städte sich auf kapitalistischer Basis immer mehr gleichen und in denen sie gleichzeitig unverwechselbar sein wollen, von mir also ein freundlicher Wink an die hanseatischen Marketingexperten.

Angesichts der bekannten wie zweifelhaften Hamburger Alleinstellungsmerkmale wie schlechtestes Wetter und übelster Wind Deutschlands, hässlichstes Meer der Welt um die Ecke und der penetranteste Lokalpatriotismus nördlich von Düsseldorf (siehe auch hier) ist das doch endlich mal eines, auf das die Leute da oben zurecht stolz sein können.

Mir gefällt dieser Asphalt jedenfalls immer wieder.

(Fotos: genova 2012)

Der Brandenburger zeigt, was er hat

Großes Lob an den Besitzer dieses Privatgartens im ästhetisch traditionell selbstbewussten Brandenburg:

Man zeigt, was man hat, und wenn man etwas hat, das man zeigen kann, dann soll man das auch tun. Ohne Lineal und Zollstock wurden da ein paar Bottiche nebeneinander gestellt, aus deren Inhalt versierte Botaniker sicher einiges herauslesen können. Zeige mir dein Bottich und ich sage dir, wer du bist.

Dieter Wieland könnte man in diesem Zusammenhang erwähnen, der sich in den Siebzigern im Bayerischen Rundfunk über moderne Ziergärten aufregte. Ein andermal.

Parkplätze I

Ein unterschätztes Thema der fotografischen Aufmerksamkeit sind bekanntlich nicht beparkte Parkplätze, Parkflächen und Parktaschen moderner Machart, also alles mit Grün umrankt und schön ordentlich. Um diesem Manko abzuhelfen, veröffentliche ich ab sofort in losen Abständen besonders schöne Exemplare dieses Typus.

Da das Thema in der modernen Gesellschaft ein naturgemäß wichtiges ist, bemühe ich mich mithilfe von wikipedia um die Verwendung der korrekten Fachsprache.

Wir haben also im Folgenden Parkhäfen (auch Parkharfen genannt), deren Stellflächen durch hochbordige Inseln in Buchten gegliedert sind, die mehrere Stellflächen umfassen.

Wichtig ist auch, dass für den Boden mehrere Materialien verwendet werden. Nur ein Material würde dem Deutschen als Ausdruck von Langeweile und Spießertum gelten, man will ja modern sein, trotz allem. Deshalb verwendet man mittelgroße Granitsteine, kleine Granitsteine, die die Begrenzung der Parkfläche andeuten, und richtigen Teer.

Falls unter den Lesern ein der Botanik Kundiger weilt, kann er sich gerne im Kommentarbereich über die abgebildeten Pflanzen auslassen.


 

 

 

(Fotos: genova 2012)

Scham in der Einflugschneise

Flugzeuge im Landeanflug von unten zu fotografieren ist wie eine nackte Frau mit gespreizten Beinen, fiel mir kürzlich in einer Einflugschneise auf. Man sieht alles, das Kinn, den Hals, den Bauch, die geöffneten langen Beine, den Leib, den Unterleib, jedes Detail, alles ungeschützt, offen, begaffbar. Jede Oben-Ohne-Aufnahme einer Frau dagegen ist prüde.

Man schaut hin und spürt genau: Das tut man nicht, denn das Flugzeug kann sich nicht abwenden. Scham macht sich breit in der Einflugschneise. Ein Flugzeug von unten ist nicht souverän, sondern verletzlich, nicht stark, nicht Herrin der Lüfte, sondern sich zwangsentlößend.

Ich bitte die abgebildeten Flugzeuge vorsorglich um Entschuldigung.

(Fotos: genova 2012)

Momente der Weltgeschichte. Heute: Le Corbusier trifft Modulor

Ein wunderbares Bild: Le Corbusier trifft seinen Modulor und schaut ihm tief in die Augen. Corbusier scheint ein wenig distanziert, kein Wunder bei dem extrem strukturierten, mechanistischen und also dumpfen Blick des Modulors. Hat er vielleicht etwas falsch gemacht? Individuum trifft entworfenen Durchschnitt, da kann einem schon mulmig werden.

Außerdem frage ich mich, warum Corbusiers Durchschnittsmensch so dicke Ober- und Unterschenkel hat und so dünne Knie? Und der extrem große Bauchnabel ist meiner Beobachtung zufolge kein durchschnittlicher, sondern weist sicher auf unbewältigte Kindheitserlebnisse des Meisters hin.

Bin ich froh, dass ich kein Durchschnittsmensch bin.


(Foto: abfotografiert von genova 2012)

Hinweis an alle Theoretiker (2):

So geht´s dem Praktiker: Diese Geilomatfrauen organisierten 1958 eine Demonstration für den alten Knacker Corbusier (73), weil sein Philips-Pavillion, gebaut für die Expo 58 in Brüssel, am Ende abgerissen werden sollte.


Wikipedia über den Pavillion:

Das umstrittenste Gebäude auf der Weltausstellung war der Philips-Pavillon von Le Corbusier, auch als „Elektronisches Gedicht“ bezeichnet. Der „Höhepunkt der Extravaganzen in Brüssel“, eine spektakuläre Provokation, die dank eines komplett asymmetrischen Bauwerkes alle damaligen Sehgewohnheiten verletzt, so die moderne Beschreibung. „An der Spitze der architektonischen Kuriositäten“ ein Gebäude, in dem eine Multimediashow erlebbar wurde, die ihrer Zeit weit voraus war. „… Einer der wenigen [Beiträge], die an der Weltausstellung auf die wesentlichen Möglichkeiten der Zukunft hinweisen“, so ein Schweizer Kritiker, der gleichzeitig die „allzu nachlässige Ausführung“ kritisierte. Le Corbusier hatte in Zusammenarbeit mit Edgar Varèse (Musik) und Iannis Xenakis (Design) einen Bau geschaffen, in dessen Inneren täglich Tausende einer acht Minuten langen Vorführung einer Komposition aus Licht, Farbe, Ton und Raum beiwohnen konnten. Der zeltartige Bau fasste 500 Besucher und war einzig und allein für diese Vorführung zu gebrauchen bzw. geschaffen. Der Bau selbst bestand aus mehreren im Boden verankerten Betonstreben, zwischen denen nach genauer mathematischer Berechnung kreuzförmig Rundeisen gespannt wurden, die dann sphärisch gekrümmte Netze bildeten. Auf diese Netze wurden passende Betonfertigteile gelegt, die von einem zweiten Drahtnetz gehalten wurden. Anschließend wurde das Bauwerk dann verputzt, sowie mit einem silbernen Anstrich versehen.


(Foto: Wikipedia)

Warum Wulff noch heute zurücktreten muss

Darum:

Jeder Haus- mit Gartenbesitzer weiß, dass man eine große Rasenfläche nicht mit der Gardena-Classic-Impuls-Brause wässert, wie Wulff es oben tut, sondern mindestens mit einem Gardena-Standardregner, bei der Wulffschen rechteckigen Rasenfläche besser noch mit einem Gardena-Viereckregner. Und wer etwas auf sich hält, was der Präsident sicher tut, müsste ein ausgeklügeltes Gardena-Sprinkler-System zum Einsatz kommen lassen. Wichtig für den vielreisenden Wulff ist zudem die Gardena-Urlaubsbewässerung, mit der man “entspannt in den Urlaub fahren und mit einem Lächeln zurückkehren” kann, wie der sympathische Gartenausstatter aus Ulm auf seiner Webseite berichtet. Doch auch davon ist auf dem Foto nichts zu sehen.

Das mit dem Lächeln ist Wulff jedoch gelungen.

Also: Wer seinen Rasen mit der falschen Brause wässert, ist dümmer als jeder Kleingärtner und somit als Präsident nicht geeignet, nicht einmal als Kleingarten-Präsident. Wer darüber hinaus eine halbe Million Euro ausgibt für ein ausgesprochen hässliches Haus mit Billig-Klinkern, lächerlichem Krüppelwalmdach und Sprossenfensterimitaten ist auch ästhetisch ungeeignet für das höchste Amt im Staat. Und wer meint, er müsse nur mal schnell Jackett und Krawatte ausziehen, die Gardena-Classic-Impuls-Brause als Gardena-Viereckregner- oder gar als Gardena-Sprinkler-System-Imitat in die Hand nehmen und ein Schwiegersohngrinsen aufsetzen, um die nötige Glaubwürdigkeit für den Bundespräsidentenposten zu ergattern, hat die Rechnung ohne die Millionen deutscher Gartenfreunde gemacht. Denen kann man vielleicht einen Wust von 476 abgeschriebenen Seiten als Doktorarbeit verkaufen, aber keine Gardena-Classic-Impulsbrause als Gardena-Viereckregner oder gar als Gardena-Sprinkler-System. Irgendwo hört der Spaß auf. Wobei: Wer Sprossenfenster imitiert, imitiert auch Viereckregner. Wulff bleibt sich also treu.

Im selben und lesenswerten FAZ-Artikel von Niklas Maak ging es übrigens hauptsächlich um neue, innovative Wohnarchitektur in Tokio in Fortschreibung dessen, was die Metabolisten in den 1960ern vorschlugen. Sehr sehenswerte Sachen, mit individuell gestaltbaren Grundrissen auf kleinem Raum, mit einer schönen Balance zwischen individuellem Freiraum und den Anforderungen des Kollektivs, und zwar immer wieder neu austarierbar, mit geradezu skulpturalen Eigenschaften. Und viel preiswerter als das Wulffsche Haus, obwohl in Tokio gelegen und nicht in Hannover. Wulffs fremdfinanziertes Heim diente der FAZ als das deutsche Negativ-Beispiel. Man könnte fast eine Ahnung davon bekommen, was Fremdschämen bedeutet.

(Fotos abfotografiert aus der FAZ vom 4. Januar 2012)

Neues über die aktuelle Verwendung von Waschbeton in Ex-Ostblockstaaten

Offenbar kein Einzelphänomen: Waschbeton liegt in den ehemaligen Ostblockstaaten im Trend, zumindest in designbewussten Kreisen. Ähnlich wie vergangenes Jahr in Bukarest entdeckt, werden auch in der tschechischen Provinz (hier: Ústí nad Labem) Waschbetonelemente neu her- und aufgestellt. Zwar ist die Funktionalität des Radständers eine Katastrophe, aber schön aussehen tut er doch, oder? Wie ein eingeschnittenes Brot:

Es zeigt sich auch, dass Waschbeton hervorragend mit Materialien wie Granit oder ganz simpel Sichtbeton harmoniert. Man findet in Tschechien also eine Avantgarde des Designs, die mich an einen von mir 2007 besuchten Park in Barcelona erinnert, der mit diesen Materialien noch avantgardistischer umgeht, siehe hier. Welche Gründe die aktuelle Sichtbetonproduktion im Osten hat, würde mich interessieren. Haben die Fabriken sonst nichts zu produzieren? Ist es die Gewohnheit? Angesichts der sonstigen ästhetischen Eindrücke in den Städten – Neonreklame, Werbetafeln vor Fassaden etc. – entsteht beim Reisenden nicht der Eindruck einer kollektiv massiv ausgeprägten ästhetischen Sensibilität, die die Verwendung von Waschbeton als designerische Avantgarde vermuten ließe.

Waschbeton ist in Deutschland ja seit vielen Jahren als typisches Baumaterial der architektonisch ach so schlimmen 60er und 70er Jahre massiv verpönt. Bei uns würden sofort irgendwelche Wutbürger ihren Widerstand gegen Waschbeton organisieren und vermutlich mehr Holz und Bäume fordern.

Es gibt also noch Oasen für ästhetiksensible Menschen, abseits der großen Baumarktkotze, die sich überall ausgebreitet hat. Dank dafür.

(Fotos: genova 2011)

Neues aus der Trendstadt Bukarest

Wo gibt es das noch? Aktuell hergestellte vorgefertigte Waschbetonelemente mit integrierter Bank und Blumenkübel. Nur in der Trendstadt Bukarest. Auch eine Form des 70er-Jahre-Revivals.

Schlichtes Design, mangelnde Passgenauigkeit, trendy abgerundete Ecken, überall einsetzbar und die Blumenkübel sind auch als Planschbecken zu nutzen.

(Fotos: genova 2010, sorry für die Flecken auf den Bildern rechts. Meine Kamera hatte einen schlechten Tag.)

Materialkunde 4 (Polyamid/Polyacryl/Polyester)

(Foto: genova 2009)