Vielleicht nimmt das Thema “Neoliberaler Umbau der Gesellschaft” hier so langsam überhand, aber ich finde ständig durch Zufall interessante Hinweise darauf, die ich dann doch flott mitteilen möchte. Es geht im Folgenden um einen Gast der heute Abend laufenden Talkshow Maybrit Illner. Sein Name ist Danyal Bayaz. Das Thema ist “Arm im Alter – erst schuften, dann betteln?”
Herr Bayaz ist 29 Jahre alt und bei Illner eingeladen, weil er Vorstandsmitglied der “Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen” ist. Klingt ja nett. Was ist das für eine Stiftung? Googeln ergibt das übliche Geblubber von dem “Think Tank” an der “Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft”, man will “die Veränderung der Gesellschaft”, also auf den ersten Blick nichts Konkretes. Ein Blick auf die Kontaktdaten zeigt aber, dass die Stiftung ihr Konto bei der GLS-Bank hat, die sich für soziale und ökologische Projekte einsetzt und, soweit ich das überblicke, keinen Mist baut.
Na, das nimmt einen doch mal positiv ein für die Stiftung! Und es scheint Geld dahinter zu stecken: Sie loben alle zwei Jahre einen mit 10.000 Euro dotierten “Generationengerechtigkeits-Preis” aus.
Doch dann lese ich erstens, wer im “wissenschaftlichen Beirat” der Stiftung sitzt:
- die bekannten neoliberalen Propagandisten Bernd Raffelhüschen und Meinhard Miegel
- das Vorstandsmitlied der Bertelsmann-Stiftung, Werner Weidenfeld
- der angebliche Philosoph Vittorio Hösle, der mir schon einmal durch, sagen wir: merkwürdige Gedanken aufgefallen ist
- sowie weitere rund 30 hochkarätige Personen (unter anderem Dieter Birnbacher, wofür sich mein Stammleser Hannes Wurst interessieren dürfte).
Nebenbei: Rund die Hälfte der Beiratsmitglieder ist älter als 70 Jahre.
Und ich lese zweitens, dass die Stiftung beim Thema “Staatsverschuldung” den üblichen neoliberalen Blödsinn schreibt:
Die herrschende Generation kann die Kosten für ihren Konsum den nachfolgenden Generationen aufbürden, ohne dass sich diese dagegen wehren können.
Braucht man für so einen falschen Satz 35 “wissenschaftliche Berater”?
Ich will mich hier nicht ständig wiederholen (über die Kategorien rechts kommt man zu weiteren Infos). Deshalb nur so viel: Das Thema deutsche Staatsverschuldung hat mit der “Generationenfrage” nichts zu tun. Alleine das reichste Prozent der Bundesbürger besitzt 35 Prozent des gesamten Vermögens, plus die Schwarzgelderträge aus der Schweiz und anderswo.Im Wesentlichen sind die reichsten fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung die Gläubiger der Staatsschulden, die kriegen jedes Jahr den Großteil der knapp 40 Milliarden Euro Zinsen, alleine vom Bund. Wenn ich Kind der Reichen bin, profitiere ich also von den Staatsschulden, inklusive Vererbung der Ansprüche. Wenn ich das nicht bin, kriege ich keine Zinsen, sondern zahle sie. Die “junge Generation” übernimmt nicht nur Schulden, sondern auch die Forderungen. Aber eben immer individuell, je nach Elternhaus.
Es geht also, wie immer, um Klassen, um arm und reich, um Kapitalverhältnisse, um Macht. Wenn Bayaz wirklich Gerechtigkeit wollte, würde er für Vermögensabgaben plädieren.
Die Stiftung ist eine weitere verdeckt neoliberale Propagandatruppe in einer langen Liste neoliberaler Propagandatruppen, die dieses Mal so tut, als vertrete sie die jungen Menschen in diesem schönen Land. Nein, tut sie nicht. Sie vertritt die Reichen, egal welchen Alters. Und es sind andere, die sich “nicht wehren können”.
Richtig interessant wird es, wenn ich den Gast von Frau Illner, das Vorstandsmitglied Danyal Bayaz, google. Der Mann ist Mitglied bei den Grünen und fester Autor des Blogs der Grünen Baden-Württemberg. Dort heißt es über ihn (Rechtschreibfehler übernommen):
Der Deutsch-Türkische Doppelstaatler interessiert sich für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik und setzt sich als Anwalt der Jungen für Generationengerechtigkeit ein.
So geht das. Wenn der sich ernsthaft für Wirtschaft und Gesellschaft interessiert, dann dürfte er sich über seine Rolle im Klaren sein.
Eines muss man der neoliberalen Propgagandamaschine lassen: Sie haben es drauf. Nachdem ein Miegel und ein Raffelhüschen mittlerweile mehr als einmal entlarvt wurden, machen sie nurmehr in der zweiten Reihe mit. Vorne sitzen jetzt smarte 29-Jährige, die gerade promovieren (mit einem Stipendium der “Deutschen Wirtschaft”) und Mitglied der Grünen sind. Das dürfte die Mehrheit der schätzungsweise drei Millionen Zuschauer heute Abend überzeugen: Der meint es ehrlich! Dass dahinter nur ein weiterer Ansatz steckt, Gesellschaft zu zerstören und dem Kapital die Renditemöglichkeiten auszubauen, merkt man nicht so schnell.
Es ist aber auch möglich, dass Herr Bayaz das selbst nicht merkt. Ein 1983 Geborener ist in den 1990er Jahren und später politisch sozialisiert worden. Da kann man leider nicht viel erwarten. Die neoliberale Maschinerie lief sich warm, für den smarten Heidelberger ist das smarte Geplapper wahrscheinlich ganz normal und sehr vertraut. Ich Opa, geboren 1968, erinnere mich noch an die Grünen im Jahr der Geburt von Bayaz. Der wäre da hochkant rausgeflogen. Vermutlich aber hätte er die Ökos als Jungliberaler bekämpft. Heute nehmen die Grünen ihn und seine FDP-Positionen erfreut auf.
Grüne, GLS-Bank, Gerechtigkeit: So läuft das. Der Neoliberalismus hat sich festgesetzt und nutzt jede Ritze. Dazu passt, dass im erwähnten 35-köpfigen wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Generationengerechtigkeit auch Claus Offe sitzt, der in den Sechzigern zwar mal Habermas assistierte, jüngst aber Professor der Berliner “Hertie School of Governance” war, bei der im Kuratorium haufenweise die üblichen Marktradikalen von Wolfgang Clement über Udo di Fabio bis Dieter Lenzen (den kennt man auch von der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft”) vertreten sind. Was einen Offe dazu bringt, sich zu prostituieren, würde mich interessieren.
Die Karriere des jungen Bayaz jedenfalls dürfte gesichert sein.
Falls sich wer die Sendung von Maybrit Illner anschaut, möge er oder sie berichten.
So sieht er aus, der Herr Bayaz:

(Foto: Grüne Bayern/SWR/Kluge)
Update: Bayaz ist tritt heute Abend in der Sendung wohl doch nicht auf, sein Name ist auf der Illner-Webseite nicht mehr zu finden.