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ICC: Was von Monarchie und Alltag übrigbleibt

22. November 2009 · 10 Kommentare

In Berlin wird derzeit diskutiert, ob das Kongresszentrum ICC abgerissen werden soll. Begründung: Das Monstrum ist überholt. In der Tat ist die technische Ausstattung nicht mehr zeitgemäß, vor allem, was die Energiebilanz angeht. Dennoch kommen die Abrissforderungen so vehement, dass man sich fragen muss, was dahinter steckt.

Die Diskussion ist, natürlich, gesellschaftspolitisch zu verorten. Das ICC ist in den Siebzigern gebaut worden, und deshalb sind in den Bau eine Unmenge neuer, gewagter und seinerzeit fortschrittlicher Ideen eingeflossen. Fortschritt hat sich in den vergangenen Jahren aber bekanntlich schleichend in Reaktion gewandelt, und deshalb ist das ICC heute nicht schützenswert. Der Klotz muss weg. Rationale Argumente fallen dabei unter den Tisch. Beispielsweise die Einzigartigkeit der Architektur. In Deutschland und (meines Wissens) weltweit gibt es kein vergleichbares Gebäude, sowohl ästhetisch als auch von den Dimensionen und der Struktur her. Das Leitystem, also die Orientierung der Besucher im Gebäude, war seinerzeit völlig neu. Dazu kommt die verkehrstechnische Situation: Umgeben von Autobahnen und mit einer unterirdischen Autozufahrt. Grund genug eigentlich, das Ding unter Denkmalschutz zu stellen.

Nicht so in Berlin. Die Wirtschaft hat sich in Form der Industrie- und Handelskammer schon positioniert:

„Aus Sicht der Wirtschaft darf jetzt keinesfalls die lähmende, ideologische Diskussion über die ´Ikone` ICC wieder aufleben.“ Außerdem wird „rasche Entscheidung“ des Senats „angemahnt“.

Es soll also auf rein wirtschaftlicher Basis entschieden werden. Und diese Basis führt angeblich zum Abrissbeschluss.

Von wegen: Das ICC ist sehr gut ausgelastet und der Abriss würde eine hohe dreistellige Millionensumme erfordern, da das Teil so massiv und statisch kompliziert gebaut wurde. Laut dem leitenden Bauingenieur von damals sei dagegen der Abriss des Palastes der Republik „ein Kinderspiel“ gewesen. Der Mann rät vom Abriss dringend ab, da nicht einmal er selbst wisse, wie das ökonomisch vertretbar vonstatten gehen könne.

Das ICC passt ideologisch nicht mehr in die Zeit, sodass selbst solche Inneneinrichtungen der Abrissbirne geopfert werden sollen. Man hat von der Abrisswut der Nachkriegszeit nichts gelernt. Alles, was eine im Moment nicht passt, was im Moment nicht angesagt ist, wird zum Abschuss freigegeben. So lief das in den 1950er Jahren auch, als straßenzugsweise an Altbauten die Abrissbirne geschlagen wurde.

Nun wird das Ganze zusätzlich lehrreich, wenn man die ICC-Ablehner vergleicht mit den Stadtschloss-Befürwortern. Es wäre interessant zu erfahren, wie groß die Schnittmenge zwischen beiden ist. Ich vermute, sehr groß.

Denn es geht nun einmal nicht zusammen, sich über Walter Ulbricht zu echauffieren, der den Schlossabriss 1950 zu verantworten hatte, und gleichzeitig den Abriss des ICC fordern. Hier zeigt sich wieder einmal das wahre Gesicht dieser Leute. Ein Gebäude ist jetzt nur dann erhaltenswert, wenn es aus der guten alten Zeit stammt.

Der Schlossabriss seinerzeit mag falsch gewesen sein, doch immerhin gab es einen guten Grund, den Kasten plattzumachen: Er repräsentierte eine vormoderne, inhumane und undemokratische Herrschafts: die Monarchie mit all ihren Formen, Absolutismus. Das ICC steht für ein Vorwärtsdenken, das sich in Massenkultur ausdrückte und überhaupt darin, dass die Masse als respektables Moment von Gesellschaft wahrgenommen wurde. Man könnte das ICC sogar als Gehäuse sehen, in dem 20.000 Menschen auf einmal weitergebildet wurden und werden.

Ein anderer Aspekt ist heute natürlich problembehaftet: Der Gedanke, dass es die Technik schon richten wird, die Gigantomie. Doch 20.000 Leute in unterschiedlichen Veranstaltungen in einem Gebäude sich bewegen zu lassen, erforderte neue Herangehensweisen. Dass die Beschilderung dann der auf Autobahnen ähnlich ist, muss nicht so schlecht sein, wie es der deutsche Romantiker empfindet, wenn man diese Beschilderung als etwas dem Individuum Äußerliches betrachtet, das nicht notwendigerweise seine Seele verbiegt. Und gab überhaupt ein Denken nach vorne, und das Bedürfnis, Technik für gesellschaftlichen Fortschritt einzusetzen, ist uralt und nicht grundfalsch, sondern völlig ok. Ohne dieses Denken wäre nicht einmal das Rad erfunden worden.

[Fotos: Wikipedia (1), abfotografiert in der Ausstellung zum ICC im Heimatmuseum Berlin-Charlottenburg (2, 3, die Originalfotos sind von Mila Hacke aufgenommen), von Postkarte abfotografiert (4)]

Einen interessanten, knapp halbstündigen Film zum Bau des ICC gibt es hier.

Kategorien: Architektur · Berlin
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Anmerkung zu einem pervertierten Freiheitsbegriff

12. November 2009 · 1 Kommentar

Das damalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski über die Rolle der Russen am 9. November 1989. Die Frage des Zeit-Redakteurs lautete, ob Schabowski Sorge hatte, „dass die Russen eingreifen könnten, oder hatten Sie Signale aus Moskau, dass sie diese Entwicklung akzeptieren?“

Schabowskis Antwort:

„Sie wussten, dass wir ein neues Reisegesetz verabschieden würden. Gorbatschow selbst hatte uns ja veranlasst, zu solchen Kompromissen zu kommen. Honecker war dazu viel zu stur gewesen. Gorbatschow hat uns gewissermaßen den Weg dorthin gewiesen.“

Schön, dass Schabowski das gerade rückt. Im Mauerfalltaumel der letzten Tage ging das unter. Gorbatschow hatte die Liberalisierung schon Jahre zuvor vorgegeben, Polen war gefolgt, Ungarn hatte die Grenzen geöffnet. Die Demonstrationen der Ostdeutschen, vor allem am 4. November, waren sicher die Voraussetzung der Maueröffnung ein paar Tage später, und den Mut dieser Leute will ich keinesfalls kleinreden, aber die strukturellen Grundlagen wurden anderswo gelegt. Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil man sonst auf die Idee kommen könnte, die Deutschen hätten 1989 zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Revolution erfolgreich und ohne fremde Hilfe auf die Reihe bekommen. Es war natürlich nicht so.

Überhaupt: Dass jetzt ständig von der „Freiheitsliebe“ der DDR-Bürger geredet wird, ist nur möglich, weil der Freiheitsbegriff in kapitalistischen Gesellschaften pervertiert ist. Eigentlich geht es doch nur darum, sich den neuesten Plasma-Fernseher ohne Wartezeit holen zu können. Anderes Beispiel: Die Bundesfinanzaufsicht BaFin erklärte im Sommer 2009, dass sie schon ein Jahr zuvor über die katastrophale Schieflage bei der Hypo Real Estate Bescheid gewusst hatte. Warum sie nicht eingegriffen haben? Weil ein „direkter Eingriff in das Geschäftsmodell kaum vereinbar mit der unternehmerischen Freiheit“ gewesen wäre, wie eine Mitarbeiterin offenherzig angab.

Tja, da war also die Freiheit des Unternehmers bedroht. Das darf natürlich nicht sein, auch wenn die Folgen für den Staatshaushalt eine Belastung von einhundert Milliarden Euro oder mehr bedeuten.

Dieser pervertierte Freiheitsbegriff zeigte sich nach dem 9. November ja auch recht schnell. Die Montagsdemos fanden weiter statt, doch es ging plötzlich nicht mehr so sehr um Freiheit, sondern um Plasma-Fernseher. Die Parolen lauteten nun

„Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“

Immerhin ehrlich. Wobei man sich fragen kann, ob das nicht ein wenig dreist war. Was hätte man eigentlich gesagt, hätten die Bewohner irgendeines anderen fremden Landes so unverhohlen mit einer Invasion gedroht?

Mittlerweile schwant vielen Ossis, dass das mit der Freiheit doch nicht ganz so einfach ist und dass sie seinerzeit von Kohl verarscht wurden. Zu spät.

Ein paar andere gab es aber auch. Das Bild zeigt eine Demonstration am 19. Dezember 1989 in Berlin gegen die Wiedervereinigung. Diese Leute sind vergessen, obwohl sie – das kann man aus der zeitlichen Distanz nun sagen – wesentlich mehr Durchblick hatten als die Plasmafernseherheinis.

Bild 183-1989-1219-036(Foto: Bundesarchiv)

Kategorien: Berlin · Deutschland · Finanzkrise · Geschichte · Kapitalismus
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Nur wütend wird die Wurst zum Knüppel!

20. Oktober 2009 · 2 Kommentare

Gerade entdeckt und schon entzückt und neu in der Blogroll: Sender Freies Neukölln.

(Dort habe ich auch die Überschrift geklaut.)

Kategorien: Berlin · Blogs
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Monarchie und Alltag: Die Linke und das Schloss

16. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Die schwarz-gelbe Koalition will bis Sonntag ihren Koalitionsvertrag unter Dach und Fach bringen und muss auch zum geplanten Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses Stellung nehmen, weil die Vorgängerregierung rund 440 Millionen Euro zuschießen wollte. Das Projekt ist ins Stocken geraten.

Deshalb melden sich nun bis Sonntag alle mehr oder weniger berufenen Leute zu Wort. Dass CDU-Lokalpolitiker keine Verzögerung des Schlossaufbaus wünschen, verwundert nicht. Dass aber auch der Kulturpolitiker der Linksfraktion, Wolfgang Brauer, sich verschwommen äußert, ist merkwürdig. Er sagt: „In Zeiten der Not können wir uns ein Schloss nicht leisten.“ Und wenn die Not vorbei ist? Ist die Linkspartei dann für den Schlossbau?

Googeln zum Thema bringt eine Menge schaler Aussagen. So meinte die Berliner Linkspartei 2007, dass eine Rekonstruktion der Fassade okay sei, wenn sie aus privaten Spenden realisiert werde. Sechs Jahre vorher schrieben Petra Pau, Thomas Flierl und Carola Freundl ein Positionspapier, in dem sie ein Schloss deutlich ablehnen:

„Der Verlust des Berliner Stadtschlosses ist nicht zu ersetzen. Wir müssen den Verlust durch erinnernde Trauerarbeit annehmen, uns nicht aber durch Surrogate über den Verlust hinwegtäuschen. Ein solches Surrogat ist die Forderung nach der Errichtung eines Gebäudes in der Kubatur und mit der Fassade des Berliner Stadtschlosses.“

Damals stand allerdings auf dem Schlossplatz noch der Palast der Republik, den sie gerne erhalten hätten. Der ist jetzt weg, da erlahmt offenbar der Widerstand gegen die Symbolpolitik der Reaktion.

Vielleicht kommt hier das kleinbürgerliche Moment der Linkspartei zum Vorschein. Dennoch und gerade deshalb wäre alles andere als eine klare Ablehnung jedweder Schlossatrappen für die Genossen ein Armutszeugnis.

Kategorien: Architektur · Berlin · Politik
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Sarrazin und Broder: rechte Krawallpublizisten in Hochform

13. Oktober 2009 · 14 Kommentare

Zwei kleine Beispiele für die Argumentationsqualität auf der populistischen Rechten in Deutschland: Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hat kürzlich erzählt, dass „eine arabische Frau ihr sechstes Kind bekommen habe, weil ihr durch Hartz IV eine größere Wohnung zustünde“. Was macht unser Lieblingspublizist Henryk Broder daraus? Er redet in einer Fernsehdiskussion auf Phönix von Beispielen für fehlende Integration und behauptet:

„Es gibt aber noch mehr (türkische) Familien, die ihre Kinder mit 14 von der Schule nehmen in der Hoffnung, sie würden einen schnellen Job machen, und es gibt noch mehr Familien, die Buschkowsky beschreibt, die zum Beispiel ihre Familienplanung daran orientieren, dass ab dem sechsten Kind es eine größere Wohnung gibt, die vom Sozialamt bezahlt wird. … Das ist das Wesen des Lumpenproletariats, dass es auf anderer Leute Kosten lebt.“

Buschkowsky wird somit zum Kronzeugen für viele, viele arabische Familien, die nur wegen einer größeren Wohnung sechs Kinder haben, obwohl Buschkowsky selbst nur von EINER arabischen Frau geredet hat, die, mit dem sechsten Kind schwanger, sich über eine größere Wohnung freut (wobei ihre jetztige Wohnung mit fünf Kinder wahrscheinlich nicht besonders groß ist).

So geht das. Die allermeisten Araber haben nur deshalb sechs Kinder, weil wir Deutsche denen die Wohnung bezahlen. Lumpen also. Rechter Krawallpublizismus par excellence.

Broder hat diese Ausführungen übrigens gemacht, weil er seinem Gesprächspartner in der TV-Diskussion, dem NRW-Minister für Integration, Armin Laschet, erklären wollte, was sein Bruder im Geiste, Thilo Sarrazin, meinte, als er von 70 Prozent Türken und 90 Prozent Arabern redete, die integrationsunwillig seien. Zwei Zahlen, die aus der Luft gegriffen sind, ohne jede statistische Unterfütterung. Broder versucht, die Gültigkeit dieser Zahlen mit einer weiteren Lüge zu beweisen.

Auch hier gilt: Rechte Krawallpublizisten gibt es, das ist ganz normal. Weniger normal ist es, solchen Leuten immer wieder ein Forum zu bieten. Lettre International und auch der TV-Sender Phönix müssen sich fragen lassen, warum sie diese Hampelmänner zu Wort kommen lassen, wohlwissend, dass sie der Sache nicht dienlich sind, dass sie übertreiben und lügen, bis sich die Balken biegen. Quote, Aufmerksamkeit, Zugriffszahlen sind die Währung. Das Thema an sich bleibt auf der Strecke.

Nebenbei: Armin Laschet hat in der Phönix-Sendung eine Menge vernünftiger und weitblickender Sachen gesagt, ein Politiker, der sich ernsthaft um Integration bemüht. Das gibt es also auch.

Mehr zu Broder auf Exportabel via Suchmaschine rechts.

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Lettre International auf Tuchfühlung mit dem Stammtisch

10. Oktober 2009 · 2 Kommentare

Was ich mich bei der Aufregung um Thilo Sarrazin frage: Warum bietet die eigentlich doch sehr lesenswerte Zeitschrift Lettre International diesem Trottel Platz für sein Geplapper? Es ist seit Jahren bekannt, dass Sarrazin gerne drauflospöbelt, so wie Millionen anderer Stammtischler das auch tun. Warum räumt Lettre International diesem Herrn mehrere Seiten frei? Aufmerksamkeitstechnisch ist es verständlich: Soviel Werbung für die Zeitschrift gab es noch nie, und dazu kostenlos. In allen deutschen Medien ist der Name des Blattes genannt worden und jetzt kennt es der letzte Bild-Leser.

Es gibt eine Menge kluger Leute, die zum Heftthema „Berlin auf der Couch“ interessantes sagen könnten. Sarrazin kann es nicht, das war zuvor schon klar. Die Redaktion ist der Versuchung erlegen, den Sozialdarwinisten ins Blatt zu holen, um die Auflage zu steigern. Das ist ihnen sicher geglückt. Von Dauer wird der Trubel nicht sein.

Die laufende Debatte (die auf einer anderen Ebene durchaus nötig wäre) hat keinen Sinn, außer dem, dass sich Weggefährten wie Hans-Olaf Henkel  (der einen, ohne Scherz, „unglaublichen und schändlichen Vernichtungsfeldzug gegen einen Menschen“, nämlich Sarrazin, diagnostiziert) und Henryk Broder als quasi-braune Gesellen outen dürfen. Aber das kennt man ja schon. Wobei zumindest Broder sich selbst kein gutes Zeugnis ausstellt, wenn er Sarrazins Interpretationen unterstützt: Er wohnt in Berlin, der Stadt, die – laut Sarrazin – ihren Intellekt von außen beziehen muss.

Alles weitere zu dem Thema ist schon gesagt, glaube ich. Deshalb schließe ich mich einfach dem prima Artikel auf Kritik und Kunst an.

P.S.: Lesenswert zu dem Thema sind noch folgende Beiträge:

  • aus der Zeit
  • vom Muslimmarkt (hier der Gedanke, dass die Sarrazinsche Hetze gegen Hartz-IV-Bezieher auf einer Ebene liegt mit seinen aktuellen Statements. Gegen Hartz-IV-Bezieher lässt sich allerdings nicht mehr so leicht hetzen, weil fast jeder einen kennt und man spürt, dass es einen selbst erwischen kann. Türken und Araber taugen als Feindbild besser.)

Kategorien: Aufmerksamkeitsökonomie · Berlin · Fremdenfeindlichkeit · Zeitschriften
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Schlampige Großmannsucht

25. September 2009 · Kommentar schreiben

Das Berliner Schloss wird vorläufig nicht wieder aufgebaut. Die Vergabekammer des Bundeskartellamts (was es nicht alles gibt) hat das so entschieden, weil der ausgewählte Architekt, Franco Stella, offensichtlich überfordert ist: Sein Büro ist kleiner als von ihm selbst angegeben (er hat nur einen Mitarbeiter statt vier), und er hat sich seine leitende Rolle von den professionelleren Kollegen von Gerkan, Mark und Partner sowie Hillmer und Sattler abnehmen lassen,die er via einer „Projektgesellschaft“ ins Boot geholt hat. In Wirklichkeit würden die beiden Büros also bestimmen, was auf dem Schlossplatz gebaut wird, nicht Stella.

So erfreulich es ist, dass dieses reaktionäre Größenwahnprojekt erst einmal gestoppt ist, so interessant ist der Blick hinter die Kulissen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse behauptete vor einer Weile noch, das Bauministerium müsse Stellas angaben nicht prüfen (kein „Baupolizist“). Besser noch: Stella hat im Juni ein zusätzliches Honorar für sich gefordert mit der Begründung, der Vorsitzende des Fördervereins Berliner Schloss, Ruppert Stuhlemmer, müsse auch noch Geld bekommen. Dass der für die Planung der historischen Fassade schon drei Millionen Euro eingestrichen hat, blieb unerwähnt. Stella war nach kurzer Zeit also schon Teil der aus Westberliner Zeiten bekannten Baupraxis: Ohne zusätzliche Gelder läuft nichts. Außerdem exisiteren im Bundesbauministerium keine Unterlagen über die Vergabe, lediglich ein „Konglomerat von E-Mails“, wie die Richter kritisieren.

Schlamperei in deutschen Behörden trifft auf Großmannsucht. Es wäre skurril, wenn aufgrund dieser quasi-kriminellen Strukturen das ganze Vorhaben aufgegeben wird. Aber nicht konsequent. Das Schloss an sich steht ja für aus demokratischer Perspektive kriminelles Verhalten. Ein Schlossherr nimmt sich, was ihm passt, ohne demokratische Kontrolle. Warum sollen sich ausgerechnet die Architekten dieses Schlosses an Gesetze halten, deren Gültigkeit schon von der historischen Schlossfassade infrage gestellt wird?

Deutschland ist zwar willens, aber zu blöd für eine Monarchie. Kommt noch.

Kategorien: Architektur · Berlin · Geschichte · Politik
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Bling in Berlin

24. September 2009 · Kommentar schreiben

Achtung, der folgende Artikel ist wirr, von mir aber leider nicht zu entdröseln.

Eine aufschlussreiche Sicht von außen auf Architektur in Berlin: Das von mir sehr geschätzte Slab Magazine, das unter anderen von einem momentan in Berlin lebenden Amerikaner aus Santa Fé betrieben wird, beschreibt einen Teil der neueren Berliner Bauten schlicht als „faschistisch“:

„I guess this type of architecture is considered bling in Berlin. Grey and bling and fascho, the latter of which being a trend that’s undergoing quite a surprising revival around here right now…I’ll spare you the formal ananlysis of why this facade looks fascistic; I don’t feel I really need to because it just does.

Konkret geht es hier um diesen Komplex in Berlin-Friedrichshain, eine in sich geschlossene Siedlung, die man schnell in eine gated community verwandeln kann, wenn man die Tore schließt:

IMG_4124 - Kopie

Nun sind hier die Kriterien faschistischer Architektur nicht erfüllt. Das Slab Magazine denkt wohl an den typischen NS-Klassizismus mit seinen monotonen Fassaden ohne plastische Elemente ohne (oder bestenfalls sehr hart wirkenden, schmucklosen) Gesimsen, dem ideologisch und nicht funktional eingesetzten rechten Winkel, den Stützen statt Säulen, der schieren Dominanz undundund. Der Komplex in Friedrichshain ist also nichts, womit der Führer zu beglücken gewesen wäre. Der Begriff „faschistisch“ ist so gesehen fehl am Platz (zumal das die italienische Moderne unter Mussolini nicht beachtet, nebenbei).

Das Slab Magazine spricht aber nicht nur von fascho, sondern auch von bling. Das mir bis dato unbekannte englische Wörtchen steht für „eine aggressive, nach bürgerlichen Maßstäben protzige Zuschaustellung von Reichtum“. Die Bezieher solcher Bauten sind wahrscheinlich neureich, geschmacklos und politisch unangenehm.

Bling architecture gibt es in Berlin genug, zum Beispiel hier:

IMG_4137

Das Beisheim-Center am Potsdamer Platz, eine konservative und zugleich protzige Intransparenz. Bezeichnenderweise stehen vor diesem Komplex oft sauteure Autos mit viel sonnenbebrilltem Sicherheitspersonal.

„Bling“ ist da doch ein ganz netter Begriff: aggressiv und protzig. Daraus kann man auch auf einer politischen Ebene, ohne die Architektur ohnehin nur halb so interessant ist, einiges ableiten.

Überhaupt ist die Siedlung in Friedrichshain nicht so verunglückt, wie das anklingt. Sicher, der weiße Klotz hat etwas steriles, aber das ist noch am ehesten Geschmackssache. Die Reihenhäuser im Innern machen zumindest von außen einen durchdachten Eindruck: geringe Grundfläche, kleine Terassen, eine funktionale und somit sensible Ästhetik. Sicher findet man hier weder architektonischen noch gesellschaftlichen Fortschritt, doch in einem Land, das ein Schloss nach dem andern wieder aufbaut und sich am liebsten in einen großflächigen Mittelalterthemenpark ummodeln möchte, sollte man differenzieren. Dass das ganze recht teuer ist und das Thema Gentrifizierung dort eines werden könnte, mag sein.

Nebenbei: Interessanterweise wohnen laut Slab in dem Friedrichshain-Komplex mehrere Mitglieder der Fantastischen Vier, was nur den wundert, der diese Gestalten musikalisch oder sonstwie für progressiv hält.

(Fotos: genova)

Kategorien: Architektur · Berlin · Blogs · Rechtsaußen
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S-Bahn Berlin: „Mit krimineller Energie heruntergewirtschaftet“

9. September 2009 · 1 Kommentar

Ein Beispiel dafür, dass der neoliberalen Ideologie eine Tendenz zu kriminellem Verhalten innewohnt: Die Berliner S-Bahn macht erneut Probleme, die Bremsen funktionieren nicht. Dabei geht es nicht nur um ein paar Waggons: Drei Viertel der Flotte kommen nicht zum Einsatz. Hintergrund: Die Berliner S-Bahn ist eine Tochter der Deutschen Bahn, die die S-Bahn-Gewinne einstreicht. Für 2010 waren schon 125 Millionen eingeplant, 2007 waren es noch 34 Millionen. Das geschieht auf Kosten der Sicherheit, weil vorgeschriebene Wartungen seit Jahren nicht mehr ausgeführt werden.

So langsam reicht es auch der liberalen Presse. Der Tagesspiegel wird deutlich: Die S-Bahn werde als „Gewinnausschüttungsmaschine missbraucht“, Mehdorn habe „hemmungslos alles herausgepresst“, es handele sich um eine „mit krimineller Energie heruntergewirtschaftete Wagenflotte“. Und dann kommt ein Urteil, das dem im strikt antikommunistischen Westberliner Milieu verhafteten Tagesspiegel sicher nicht leicht fällt:

„Nicht einmal die DDR hätte es sich erlauben dürfen, die S-Bahn so kaputt zu machen.“

Das sitzt. Eigentlich ist nun alles gesagt: Das kriminelle Verhalten wird in direkten Bezug gesetzt zur beabsichtigten Privatisierung. Neoliberale Politik, die, kommt es zu einem wegen mangelnder Wartung provozierten Unfall, über Leichen geht.

Neoliberalismus als ein System, das nicht nur rhetorisch den Rückzug des „bürokratischen“ Staates fordert, sondern ihn mit kriminellen Mitteln schleift. Sicherheitsvorgaben werden ignoriert zugunsten der schnellen Kasse. Hochbezahlte Juristen werden in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass die Bahn für ihr Verhalten nicht geradestehen muss, sondern der Berliner Senat.

Dafür sorgt auch das Bewusstsein der Fahrgäste, die im Tagesspiegel unter anderem mit dem Satz zitiert werden: „Da hilft nur noch wegziehen.“ Mit solchen Untertanen kann der Betrug problemlos weitergehen.

Hochbezahlte Juristen werden sicher auch dafür sorgen, dass die Regierung Kohl nicht für die geschönten Gorleben-Gutachten haften wird. Die Ähnlichkeiten zum Fall Asse sind deutlich. Zwei Atommülllager, die mit Hilfe gefakter Gutachten eingerichtet wurden. Aber das ist ein anderes Thema.

Kategorien: Berlin · Kapitalismus · Neoliberalismus
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Knappe Kritik des Parkens

18. August 2009 · 2 Kommentare

So geht das:

IMG_3877(Foto: genova)

Kategorien: Alltagskultur · Berlin
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