Archiv der Kategorie: Berlin

Mehr braucht man nicht zum Glücklichsein

Wie nett das Leben sein kann: Man braucht nur gutes Essen, schöne Frauen, ein bisschen Arbeit für alle und ein zivilisiertes Klo. Alles vorhanden in der Sonnenallee, Neukölln.

038(Foto: genova 2013)

Vorschlag zur Güte an die Kreuzberger “Ökos”

Die taz über eine geplante Baumfällaktion am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg:

Die BWB [Berliner Wasserbetriebe] wollen in dem zum Paul-Lincke-Ufer führenden Abschnitt der Lausitzer Straße einen neuen Regenüberlaufkanal verlegen und das Auslaufbauwerk zum Landwehrkanal vergrößern. Dafür sollen fünf Linden am Ufer gefällt werden. Auch fünf Spitzahorne und zwei Linden in der Lausitzer Straße sind von Fällung bedroht. Dafür sollen neue gepflanzt werden. Die Aktion sei ökologisch sinnvoll, weil dadurch die Wasserqualität des Landwehrkanals verbessert werde, heißt es bei den Wasserbetrieben … Bei Starkregen würde dadurch seltener mit Regen verdünntes Schmutzwasser in den Landwehrkanal fließen, weniger Fische müssten sterben.

Deswegen gab es nun eine Bürgeranhörung.

Die Diskussion geht über drei Stunden, es ist warm im Raum. Auf der Stirn der Herren auf dem Podium glitzern kleine Schweißperlen.

Ein schöner Einblick in dieses merkwürdige deutsche Pseudo-Öko-Milieu. Zwölf Bäume sollen gefällt werden, um den Kanal sauberer zu machen und es bricht ein Sturm der Entrüstung los. Zwölf Bäume – die im Anschluss an die Aktion neu gepflanzt werden – am Landwehrkanal, an dem in diesem Abschnitt schätzungsweise eine Million Bäume stehen, plus Gestrüpp.

Drei Stunden Diskussion, vorerst, für zwölf Bäume. Macht vier Bäume pro Stunde. Gut, dass die BWB nicht zwölftausend Bäume fällen wollen. Da müssten die Anwohner 167 Tage verschwitzt in einem warmen Raum sitzen. Bei einer 24/7-Anhörung, versteht sich. Deutsche Romantik trifft deutschen Idealismus.

Ein anwohnender Architekt schlug eine andere Maßnahme vor (Tunnel- statt Schachtbauweise), bei der die Bäume stehenbleiben könnten. Die BWB-Vertreter meinten, das würde “Milliarden” kosten. Milliarden geteilt durch zwölf Bäume…

Anfang der Woche wurde im Auftrag der Wasserbetriebe in der Lausitzer Straße bei einem der Spitzahorne als bauvorbereitende Maßnahme die Krone gestutzt. Die Aktion endete, weil Anwohner sich unter die Bäume stellten … Dass bei der Fällaktion Polizeischutz angefordert werde, sei nicht ausgeschlossen.

Im Folgenden zeige ich zwölf Betonwände mit bemerkenswert deutlich strukturierten Maserungen, die durch Holz(!!!)verschalungen zustande kamen.

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Vorschlag zur Güte in der erhitzten Atmosphäre: Man könnte diese Betonwände anstelle der gefällten Bäume einzementieren, zumindest, bis die neuen Bäume da sind. Dank der Maserung müssten gerade die Ökos mit ein wenig fantastischem Aufwand sich jeweils einen Baum vorstellen können.

Beton hält auch jeder Kettensäge stand.

P.S: Solche Aktionen wie die der besorgten Anwohner bekommen spätestens dann eine eklige Komponente, wenn man weiß, dass genau dort, wo die Bäume gefällt werden, die aktuelle Gentrifizierung am gründlichsten abläuft. Wenn sich deutsche Ökos zu entscheiden hätten zwischen Bäumen und Menschen: ihre Entscheidung wäre eindeutig, vermute ich.

(Fotos: genova 2013)

Neues aus Kreuzberg und von Gott

Der Tagesspiegel über Gentrifizierung im westlichen Kreuzberg:

Am Mehringdamm weist die Mietenspirale nach oben. Investoren kaufen jedes Haus, dessen sie habhaft werden können. Im Schlepptau der in jedem Reiseführer erwähnten Bergmannstraße hat sich auch die extrabreite sechsspurige Ausfallstraße aus dem Stadtzentrum nach Süden zu einer attraktiven Touristenverweilzone entwickelt, trotz des dichten Verkehrs…

Das Café do Brasil, seit 2001 am westlichen Mehringdamm angesiedelt, hat geschlossen, das Lokal steht leer. „Die Miete wurde fast verdoppelt“, sagt Inhaber Thomas Kleindienst, von 23 auf 40 Euro pro Quadratmeter, da habe er die Segel gestrichen. In der Bergmannstraße sollen Kneipenmieten innerhalb weniger Jahre verzehnfacht worden sein. Das strahlt aus. Weiter südlich hat das Ø aufgemacht, ein Gourmetschuppen des Ex-Borchardt-Kochs Markus Herbicht. Auch Sänger Herbert Grönemeyer soll mit im Boot sein. Das Ø will vom subversiven Image Kreuzbergs jenseits von „Ordnung und Gelecktheit“ profitieren. So was wirkt ungemein anziehend…

Eigentlich nichts Neues, aber das zumindest anschaulich. Das Image von Kreuzberg jenseits von Ordnung und Gelecktheit wird genutzt, um Ordnung und Gelecktheit zu etablieren und Menschen auszubeuten. Mietverdoppelung, Mietverzehnfachung: Alles kein Problem im Rechts- und Sozialstaat Deutschland. “Investoren” sind im Kapitalismus sowas wie Gott bei Religionsfanatikern, beiden darf nicht widersprochen werden. In der Bergmannstraße gibt es jetzt ein neues indisches Restaurant, das es vielleicht mit Kampfpreisen und einer sehr großen Fläche irgendwie schafft, dem Eigentümer das Konto zu füllen. Über Bio, vernünftige Löhne oder gar artgerechte Tierhaltung kann man da natürlich nicht mehr reden. Der Investor hätte etwas dagegen.

Man merkt an solchen Beispielen auch, wie sehr die Ideologie, die sich als Nichtideologie sieht, unsere Hirne aufweicht: Rechtsstaat, Sozialstaat, Marktwirtschaft, alles idologisierte Begriffe herrschaftlichen Denkens. Man könnte Deutschland genauso überzeugend als feudalistischen Unrechtsstaat beschreiben.

Eine Hoffnung gibt es allerdings: Wenn Grönemeyer so gut kocht wie er singt, macht der Laden noch vor dem Sommer wieder zu.

o.T. 23

563(Foto: genova 2013)

Lagos, Luanda und die Kolonialisierung namens Kapitalismus

Ein paar Assoziationen, zu deren kompletter Verknüpfung mit die intellektuellen Möglichkeiten fehlen. Es geht um Lagos, Tempelhof und Luanda.

Die Nigerianerin Bisi Silva, Gründerin des Centre for Contemporary Art (CCA) in Lagos, sagt über den öffentlichen Raum in ihrer Heimat:

Leute, die nach Lagos kommen, sagen, es sei die größte Open-Air-Shopping-Mall der Welt. Man kann von einem Ende der Stadt zum anderen fahren, und weil die vielen Straßenhändler den Weg versperren, fährt man langsam. Also erledigt man gleich aus dem Auto seine Einkäufe. Man bekommt dort alles: Brot, Spiegel, Schreibwaren. Die Regierung aber geht unter dem Banner der Entwicklungspolitik gegen die Straßenhändler vor. Dass das unsere traditionelle Lebensweise ist, spielt keine Rolle. Die Regierung versucht eine westliche urbane Struktur zu etablieren und baut Bürohäuser und Shopping-Center. Aber unser Leben findet draußen statt, weil es heiß ist. Wir lieben offene Architektur, der Hof ist das Herzstück eines jeden Hauses. Diese Höfe gibt es immer seltener und das treibt uns natürlich auf die Straßen. Was ist hier nun der öffentliche Raum? Der, den wir selbst gestalten und der unserer Lebens- und Denkweise entspricht? (Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2012, S. 16)

Unterm Banner der Entwicklungspolitik, klingt interessant. Nebenbei: Man merkt bei solchen Berichten, wie unglaublich normiert und eingezwängt das öffentliche Leben in hysterisch normierten und deshalb so aggressiven Ländern wie Deutschland abläuft. Man kriegt hier ja allen Ernstes einen Strafzettel, wenn man mit dem Rad bei rot über die Ampel fährt, wie man sagt. Deutschland ohne Spuren von Faschismus ist nach wie vor nicht denkbar.

Interessanter an dem Zitat als der Bezug auf deutsche Ampeln ist die aktuelle Form des Kolonialismus, die sich da zeigt. Ich kenne mich in Lagos nicht aus und kenne die Hintergründe dieser Entwicklung nicht. Aber wenn es stimmt, was Frau Silva sagt: Dann geht es um Rendite, die mit westlich erprobten Renditemodellen wie der Shoppingmall sicherer zu machen sind als mit eigenen Traditionen, die gerade durch den Kolonialismus teilweise zerstört wurden. Eine weitere, vielleicht mildere Form von Kolonialismus, die sich noch darin zeigt, dass das westliche Konsummodell weltweit via Medien Attraktivität verspricht, auch denen, die mit Garantie nie daran partizipieren werden.

Interessant an den Ausführungen von Bisi Silva außerdem: Die Stadtverwaltung von Lagos will neue Grünflächen ausweisen, die aber von Zuzüglern einfach besetzt werden, zu billigem Wohnraum umfunktioniert werden. Occupy Nigeria besetzt diese Flächen, weil das Grünzeug in einer Stadt mit massivem Wohnungsmangel offenbar als überflüssiger Luxus angesehen wird.

In Berlin gibt es Überlegungen, einen kleinen Teil des stillgelegten Flughafens Tempelhof zu bebauen, mit Wohnungen, auf zehn bis zwanzig Prozent der Fläche. Was passiert in Deutschland in einem solchen Fall, in Berlin? Romantisierte Ökos gründen sofort eine Empörteninitiative mit der Forderung, null Prozent zu bebauen. Dahinter steckt der alte deutsche Romantikerwaldwahn und also Menschenfeindlichkeit. Das immer anzustrebende unbedingte Paradies ist nur da, wo der Mensch nicht ist. Oder nur vereinzelt als Waldschrat. Stadt und Kultur sind bestenfalls ein notwendiges Übel. Tempelhof zu 100 Prozent nicht zu bebauen ist der unbewusste Versuch sich selbst im linken Spektrum Verorteter, Stadt aufzulösen.

Eine ähnliche Situation wie in Nigeria lässt sich derzeit in Angola beobachten. 1974 sind nach jahrhundertelanger Besatzung die Portugiesen über Nacht aus dem Land abgehauen, es folgte ein unvermeidlicher Bürgerkrieg. Seit ein paar Jahren werden neu entdeckte riesige Ölfelder vor der Küste ausgebeutet, die Gewinne steckt sich eine dünne Oberschicht ein. Das hängt damit zusammen, dass sich in dem Land keine Zivilgesellschaft entwickeln konnte; und dass die Mehrheit der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag lebt, ist eine Folge der portugiesischen Besatzerpolitik.

Es sind auch kulturelle Phänomene, die die desaströse Lage zeigen. So baute in den vergangenen Jahren ein chinesischer Investor im Auftrag der angolanischen Regierung eine komplette Stadt namens Kilamba auf dem Reißbrett. Bezahlt wurde mit Öl. Leben sollen dort, 30 Kilometer von der Hauptstadt Luanda entfernt, einmal 500.000 Menschen. Die Stadt ist seit mehr als einem Jahr bezugsfertig, leben tut dort derzeit fast keiner.

So sieht die Siedlung aus:

Die Chinesen investierten 3,5 Milliarden US-Dollar, die Wohnungen sollen zwischen 120.000 und 200.000 Dollar kosten. Geschätzte zwei Drittel der Bevölkerung leben von weniger als drei Dollar pro Tag. Wenn die sich anstrengen und jeden Tag einen Drittel ihres Verdienstes, also einen Dollar, zurücklegen, dann können die sich schon nach 120.000 Jahren die billigste Wohnung leisten.

Richtig verdienen an dem Bauprojekt tun die Chinesen:

Tatsächlich waren die Angolaner in Planung und Bau Kilambas praktisch nicht involviert: Zehntausend Arbeiter der staatlichen China International Trust and Investment Corporation (Citic) stampften die Monsterstadt aus dem Boden. … Weil China nur einen einst vertraglich festgelegten Spottpreis von 60 US-Cent für ein Fass angolanisches Rohöl bezahlt, hat sich der grosse asiatische «Bruder» zu bedeutenden Investitionen in der Infrastruktur und dem Wohnungsbau Angolas bereit erklärt.

Und der Kreis zum Umgang mit Raum in Lagos schließt sich in den Beobachtungen einer Anthropologin zum Thema:

Selbst wer sich ein Apartment in Kilamba leisten könne, würde sich einen Umzug in die Trabantenstadt dreimal überlegen, ist die an der Universität von Chicago über Angolas Wohnungsprobleme promovierende Anthropologin Claudia Gastrow überzeugt: «Es widerspricht so gut wie allem, was die Angolaner für lebenswert halten.» Die Südwestafrikaner liebten den freien Raum um ihr Anwesen – auch wenn es sich etwa in einem Slum nur um die wenigen Meter rund um eine Bretterhütte handle. Die Angolaner verachten Apartments – vermutlich weil sie während des Bürgerkriegs misstrauisch gegenüber ihren Mitmenschen geworden seien. «Sie sind die individualistischsten Menschen, die ich kenne», sagt Gastrow: Und ausgerechnet sie sollen nun in Massensilos leben, die von den «kollektivistischsten Menschen der Welt», den Chinesen, ausgedacht und aufgebaut worden sind.

Architektonische Standards, die mit der Geschichte von Lagos und Luanda nichts zu tun haben, werden implementiert, weil Kapital sich verwerten soll. Der Bürgerkrieg machte die Menschen zu Zwangsindividualisten, denen nun ein Behausungstyp vor die Nase gestellt wird, der gegenteilige Voraussetzungen erfordert. Eine dünne und korrupte Führungsschicht in den afrikanischen Ländern lässt sich dafür gut bezahlen.  Nennt man das Ironie der Geschichte?

Was ich eigentlich sagen will? Es sind die unterschiedlichen urbanen Entwicklungen, die hier sichtbar werden. In Lagos die unkontrollierte, auf die täglichen Bedürfnisse großer Menschenmengen ausgerichtete, die sich kaum steuern lässt, weil der Aufstand nie ausgeschlossen werden kann, Menschen, die sich öffentlichen Raum einfach nehmen, weil sie überleben wollen. Auf der anderen Seite die komplette Organisation und Kontrolle von öffentlichem Raum durch eine dünne und extrem ausbeuterische herrschende Klasse, der sich die fokussierte Zielgruppe verweigert. Und in Berlin Luxusprobleme fehlgesteuerter Wollsockenökos.

Muss man ja mal gesagt haben.

(Fotos: Facebook)

Berlin: konformistisch umzingelt

Der niederländische Architekt Winy Maas auf die Frage, wie er Berlin im Zusammenhang mit Innovation sieht:

“Ich liebe und hasse Berlin. Die Stadt ist ein liebenswerter Ort. Bei niedriger Wirtschaftsleistung kann man hier eine Menge Freizeitspaß haben. Wie könnte man also gegen Berlin sein? Auf der anderen Seite pflegen eure Wortführer auf städtebaulichem Gebiet einen enormen Konformismus, sie umzingeln Berlin mit klassischen Baublocks. Die Art, wie sie den Städtebau festlegen, tötet viele mögliche Experimente.”

Meine Rede. Berlin ist, wie hier kürzlich beschrieben, noch in der angenehmen Situation, dass eine Menge fitter Leute von außen kommen und hier loslegen. Die zunehmende kapitalistische Zurichtung wird das nach und nach abwürgen.

Die “Wortführer auf städtebaulichem Gebiet” sind nach wie vor massiv beeinflusst von dem unseligen Hans Stimmann, dem Sarrazin der Architektur, der die Entwicklung der Stadt auf unvorhehbare Zeit auf eine katastrophale Art bestimmt hat und mit flachen Publikationen weiter bestimmt. Stimmann hat mit seinem Begriff der kritischen Rekonstruktion den Begriff der Kritik denunziert. Das historische Gedächtnis der Stadt erfahrbar machen, wie das genannt wurde. Das historische Gedächtnis der Stadt sind jetzt Blöcke, die fassadenmäßig kleinteilig kaschiert werden, um die wahren Eigentumsverhältnisse zu verschleiern. Die Kaschierung findet statt, um die immergleiche Stahlbetonbauweise zu verkleiden, mit in der Regel schlampig angehängten Billiggranitplatten, die dem ordentlichen Deutschen sowas wie Solidität vorgaukeln. Zwischen die Platten schiebt der Passant Abfall. Eigentlich unglaublich, dass das Haus in der Brunnenstraße von Brandlhuber das weit und breit einzige Beispiel für wirklich interessante Architektur ist, die außen und innen und bei der Materialität und auch von der Kostenseite her Neues bietet.

Stimmann wirkt auch sechs Jahre nach seinem Abdanken massiv nach. 15 Jahre hat diese intellektuelle, banale und sozialdemokratische Einöde hier die Pfähle gesteckt. In seine Verantwortlichkeit fällt auch der Abriss des Ahornblatts, nur um an diese Katastrophe einmal wieder zu erinnern.

Dass sich trotz der vielen fitten Leute hier einer wie Stimmann austoben darf, macht stutzig. Offenbar wird den Kreativen, wie man sagt, ein paar Ecken gegeben, in denen sie sich austoben dürfen. Den Rest besorgen die Erwachsenen.

Libeskind hatte seinerzeit ganz anderes vor, am Potsdamer Platz. Er wurde von Stimmann und seinem Vordenker Fritz Neumeyer zurückgepfiffen. Natürlich. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass zwischen den vielen banalen Christenarchitekten ein Jude sich besser zurückhalten soll.

Es war damals die angeblich größte Baustelle Europas, auf jeden Fall die meistbeachtete. Es sollte der tollste Platz der Welt werden, nach Aussage der Erbauer. Alle schauen auf Berlin, was sonst. Heraus kam ein Shoppingcenter in einer größtenteils dümmlichen, banalen Kommerzarchitektur. Ein Platz, wie er in Bielefeld oder Ludwigshafen stehen könnte (und auch steht). Das wäre nicht so tragisch, wenn man sich nicht vorher den Anspruch gehabt hätte, mehr bieten zu müssen als Bielefeld. So macht man sich lächerlich.

Stimmann merkt das nicht und freut sich, vermute ich, und plappert irgendwas von “europäisch”, kommt ja immer gut. Es hat vielleicht auch etwas mit dem preußischen Erbe in Berlin zu tun, das trotz aller verzweifelten Aufpolierungsversuche der vergangenen 20 Jahre nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass wir uns in Ostdeutschland in größtenteils unkultiviertem und noch nie mit Kultur, sondern nur mit Obrigkeit berührtem Gebiet befinden. Die zivilisatorische Schicht ist hier besonders dünn, das merkt man bei jeder Busfahrt mit der BVG.

Nochmal zum Ahornblatt: Diese konsequente Entsorgung von DDR-Vergangenheit, die sich auch im Abriss des Palastes der Republik ausdrückt, ist Stimmanns ganz besonderes Anliegen. Jetzt will er die “Altstadt” am Alexanderplatz wieder aufbauen, wobei es sich von selbst versteht, dass der Baukomplex um den Fernsehturm herum weichen soll. Es ist auch hier wieder zielgerichet eines der wenigen DDR-Ensembles, die erhaltenswert wären. Exakt das muss plattgemacht werden. Es könnte daran erinnern, dass jenseits der eigenen Granitplattenkleinbürgerlichkeit noch etwas anderes existierte, das der eigenen Mittelmäßigkeit gefährlich werden könnte, das als Alternative stumm, aber qua Existenz doch nicht so stumm dastünde.

Diese reaktionäre Städtebaupolitik macht sich, so meine Vermutung, auch in den aktuellen Gentrifizierungsdebatten bemerkbar. Wer formal zurück in die heile Welt will, wer “Bürgerlichkeit” sucht und dazu nicht mehr bietet als Granitplatten, wer überhaupt unter Architektur im Wesentlichen Granitplatten schrauben und ökonomische Akkumulationsverhältnisse zementieren versteht, von dem ist nichts zu erwarten. Es ist das alte Ding: Gesellschaft, Strukturen, Prozesse finden im neoliberalen Denken nicht mehr statt, also kann man sie auch nicht erkennen. Ein Platz ist ein Platz ist ein Platz. Granitplatten sind Granitplatten sind Granitplatten. Stimmanns Aufgabe wäre natürlich auch gewesen, sich um die sozialen Bezüge seiner Arbeit Gedanken zu machen. Solche emanzipatorischen Gedanken exitieren für aber den nicht. So gesehen ist der schlicht ein Sozialdemokrat neuer Schule.

Es ist diese deutsche verlogene, kulturlose Kleinbürgerlichkeit, die sich in ihrer verholenen Aggressivität als bedeutsam feiert. Stimmann könnte als Achtundsechziger durchgehen und birgt im Kern das Gegenteil. Lauter merkwürdige Verhältnisse.

Wer Experimente tötet, naturalisiert das Gegebene. So ist es, es gibt keine Alternative. In Berlin nicht einmal zu Granitplatten.

Zu den Flüchtlingen am Brandenburger Tor

Da ich es nicht geregelt kriege, etwas zu den Flüchtlingen am Brandenburger Tor zu schreiben, weise ich der Einfachheit halber auf einen angenehmen Text von Bersarin hin:

Brandenburger Tor und Protest

Hier gibt es aktuelle Informationen.

Besonders sehenswert fand ich dieses Video, weil es die Leute dort aus ihrer Anonymität herauszieht. Die Asylanten/Asylbewerber/Flüchtlinge/Geflüchtete/Menschen/… bekommen ein Gesicht:

 

 

Berlin: Die Autolobby und die Politik

Die Politik der Stadt Berlin ist vielfach das Gegenteil ihres Images: behäbig, vorgestrig, repressiv und bonzig. Hier sind beispielsweise lupenreine Sozialdemokraten der Idee verfallen, ein Schloss zu bauen. Aktueller anderer Fall: die Verkehrspolitik.

In Berlin beginnen jetzt die Bauarbeiten für weitere 3,5 Kilometer Stadtautobahn. Veranschlagte Kosten: knapp 500 Millionen Euro. Ebenfalls derzeit wird eine neue U-Bahn-Linie gebaut, die U 5 vom Hauptbahnhof zum Alexanderplatz.

Beide Projekte sind objektiv absurd. Die Autobahn in Berlin mitten durch die Stadt braucht niemand außer der Autolobby, es wird hier aus einem derzeit funktionierenden und abgeschlossenen Autobahnnetz eine große Staufalle herbeigebaut. Dies Staufalle wird dazu führen, dass die Autolobby weitere Forderungen stellen kann: Die nächsten drei Kilometer sind schon projektiert. Detaillierte Infos gibt es hier.

Die U-Bahnlinie 5 führt zur einen Hälfte durch unbebautes Gebiet (Hauptbahnhof bis Reichstag), zur anderen Hälfte unter dem Boulevard Unter den Linden, der 60 Meter breit ist, entlang. Hier keine Straßenbahn zu bauen, sondern sich durch die Erde zu graben, ist rational nicht erklärbar. Auch das wird rund 500 Millionen Euro kosten. Macht zusammen eine Milliarde. Eine Straßenbahn statt der U-Bahn käme vermutlich auf keine 150 Millionen.

In beiden Fällen lässt sich höchstwahrscheinlich der enorme Einfluss der Auto- und der Bauwirtschaftslobby in Deutschland ablesen. Man kann es auch legale Korruption nennen.

Ich komme darauf, weil ich mir kürzlich in Kopenhagen deren Radsystem angeschaut habe. Um es kurz zu machen: Die sind den Berlinern um Welten voraus. Alle Radewege sind geteert, breit und in gutem Zustand, die Ampelschaltungen sind auf Radfahrer abgestimmt, es gibt Parkhäuser für Räder. Es gibt Radstrecken aus den Vorstädten in die City, was dazu führt, dass mehr als 50 Prozent der Berufspendler das Rad benutzen.

Die Berliner Zeitung schrieb kürzlich:

Und so gibt es in der dänischen Hauptstadt nicht nur die wohl breitesten und ebensten Radwege Europas, sondern auch grüne Wellen für Radfahrer, eigene Brücken, privilegierte Abbiegespuren. 20 Angestellte arbeiten im „Cykelsekretariat“ der Stadt Kopenhagen. Es gibt dort Menschen, die sich über nichts anderes Gedanken machen als darüber, wo man in Kopenhagen noch Fahrradparkplätze schaffen könnte. Berlin hat einen ehrenamtlichen Fahrradbeauftragten – und das nur auf dem Papier, das Amt ist seit einem halben Jahr nicht mehr besetzt … Breit sind die Radwege, bis zu fünf Meter. Überholen ist überall problemlos möglich – auf vielen Strecken ist der Verkehr aber so dicht, dass zwei Kolonnen in gleichem Tempo nebeneinander her fahren.

Und dann wird es aus einer ganz anderen Perspektive interessant, wenn der Verkehrsplaner Mikael Colville-Andersen sagt:

Ob das nicht alles furchtbar teuer ist? „Natürlich kostet es Geld“, sagt Mikael Colville-Andersen. „Aber dafür ersparen Radfahrer der Gesellschaft ja auch immense Kosten, sie sind gesünder, sie schädigen die Umwelt nicht.“ 240 Millionen Euro tragen Kopenhagens Radler jedes Jahr zum dänischen Wohlstand bei, erklärt Colville-Andersen. Gemeint sind eingesparte Arztkosten und verhinderte Umweltschäden. „Das ist gerade erst in einer Studie berechnet worden.“

Ein volkswirtschaftliches Plus von jährlich 240 Millionen Euro in Kopenhagen durch Vermeidung von Krankheiten und Umweltschäden gegenüber einer projektierten Milliarde für die Autobahn und die U-Bahn.

Warum die Autobahn gebaut wird, hat wohl vor allem seinen Grund in der falschen Finanzierungslogik. Das gibt der Senat auch versteckt zu:

Die Finanzmittel des Bundes für den Bau von Bundesstraßen können ausschließlich zu diesem Zweck verwendet werden. Sie sind durch Bundesgesetz dafür bestimmt. Werden sie nicht genutzt, verfallen rund 420 Mio. € für Berlin und kommen Bundesstraßenprojekten in anderen Ländern zugute.

Für die U-Bahn gilt die gleiche Finanzierungsstruktur: der Bund zahlt. Na, dann bauen wir halt sinnlose Verkehrswege, weil Ramsauer die Millardenrechnung begleicht. Warum der das macht? Die politischen Verflechtungen würden mich interessieren. Zu dem Autobahnprojekt meinte er kürzlich:

Der CSU-Minister bezeichnete die Teilstrecke als “das teuerste Stück Autobahn, was je in Deutschland gebaut” worden sei.

Und die Berliner Radwege? Die Berliner Morgenpost meldete im März dieses Jahres:

Berlin fährt Rad, der Senat spart: Die Mittel für die Sanierung der Radwege sollen halbiert werden. 90 Prozent sind aber marode, warnen Experten.

Allzeit gute Fahrt!

P.S.: Wem die Verkehrsplanung in Kopenhagen zu geregelt und schematisch vorkommt, könnte auch über shared spaces reden. Aber das führte hier und jetzt zu weit.

“…kreativ, lebendig und immer in Bewegung”

Hier ein ganz hervorragendes Foto, das nur gelingt, wenn man ein derart geschultes und sensibles Auge besitzt wie ich. Eine Bildanalyse liefere ich auf Wunsch nach, ist mir jetzt gerade aber zu arbeitsintensiv.

Als Hinweis das:

“Berlin ist eine einmalige Stadt: kreativ, lebendig und immer in Bewegung. Die Spreemetropole überzeugt durch ihr lebendiges Kultur- und Stadtleben, als hochkarätiger Forschungs- und Wissenschaftsstandort und als florierender Standort einer jungen, zukunftsorientierten Industrie. Das Herz der Stadt sind jedoch die Berlinerinnen und Berliner selbst.”

(Foto: genova 2012)

Kurze Anmerkung zum wichtigsten Gegenstand unserer Zeit

Die interessanteste Architektur ist ja oft die an den Behörden vorbeigeschmuggelte: nichtfertig, entwicklungsfähig, offen, spontan. Kaum zu glauben aber wahr: Selbst in Deutschland findet man sowas, wenn auch nur an entlegenen Orten, auf dem Bild in Berlin, was ja aus meiner westdeutschen Perspektive ungemein entlegen ist: im märkischen Sand, kurz vor Polen und somit kurz vor der Taiga.

Und es kommt hier einmal der ISO-Container 668 konkret ins Bild, dessen Einfluss global kaum überschätzt werden kann.
(Foto: genova 2012)