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„No Berlusconi Day“: Italiens Blogger proben den Aufstand

9. Dezember 2009 · 5 Kommentare

Was meiner Meinung nach in Deutschland und in der berühmten Bloggosphäre viel zu wenig beachtet wurde: In Rom haben vergangenes Wochenende 350.000 Menschen (laut Polizei 90.000) gegen beim „No Berlusconi Day“ gegen den Mafiosi im Ministeramt demonstriert. Aufgerufen haben weder Parteien noch Gewerkschaften, sondern Blogger, sonst niemand. Von null auf hundert vom virtual ins real life. So sollte das öfter gehen. Riesige Menschenmengen via unkontrollierter und massenhafter virtueller Verbreitung im Netz zusammenbringen, die sich lautstark und sonstwie für oder gegen etwas „engagieren“, wie man sagt. Wäre das in Deutschland möglich? Kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht käme es auf einen Versuch an. Die neue Regierung ist, nassforsch ausgedrückt, kaum weniger scheiße als die in Italien.

Ein weiteres schönes Beispiel für das, was mir schon vor Jahren aufgefallen ist: Die Italiener sind in Gänze weder unpolitisch noch berlusconiverseucht. (Einigen wir uns auf) 200.000 Menschen, die ohne gewerkschaftliche oder parteiliche Organisationsapparate in einem geographisch ungünstig gestalteten Land weite Wege nach Rom auf sich nehmen und offenbar alle ganz gut informiert sind, trotz der Übermacht Berlusconis in den Medien.

Und noch was angenehmes: Laut Süddeutsche waren die meisten Demonstranten jung und „kamen überwiegend aus dem linken und kommunistischen Spektrum“. In Italien ist es wohl immer noch kein Problem, Hammer und Sichel zu zeigen, ohne dafür blöd angemacht zu werden. Zuerst also für den Kommunismus demonstrieren, und danach gut essen gehen. Man sollte öfter nach Italien fahren.

Mein Eindruck nach wie vor: Die italienische Gesellschaft ist politischer und dazu wesentlich toleranter als die deutsche, außer in Stilfragen.

Und jetzt bitte wieder Feuer frei ob meiner undifferenzierten Verallgemeinerungen.

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Gemäldeankäufe statt CDs

20. November 2009 · Kommentar schreiben

Ein lesenswerter Beitrag in der Zeit von Tanja Dückers zur aktuellen Sozialdarwinismusdebatte und dem intellektuellen Magerquark, der da angerührt wird. Man beachte das wunderbar illustrative Foto mit Joop und Westerwelle.

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Lafontaine: Deutscher Journalismus endlich am Ziel

18. November 2009 · 12 Kommentare

FAZ, Spiegel, Focus, Bunte, Bild und ein paar hundert epigonale Provinzblätter samt obrigkeitsdevoter Fernsehanstalten und unzähliger rechter Pressure Groups können sich freuen: Ihr Erzfeind Oskar Lafontaine ist an Krebs erkrankt. Damit sind sie wohl am Ziel. Nach Jahren strategischer Berichterstattung unter der Gürtellinie waren die angeblichen Enthüllungen über eine Affäre Lafontaines mit Sarah Wagenknecht der vorläufige Höhepunkt. Beweise gab es keine, Lafontaine und Wagenknecht dementierten, aber wer ordentlich Gerüchte streut, kann davon ausgehen, dass etwas hängenbleibt. Gerade bei solch heiklen Geschichten wäre sorgfältige Recherche und eine klare Beweislage unabdingbar. Doch es ging ja nur um Lafontaine. FAZ, Spiegel, Focus, selbst die tolle taz machte mit. Zum Vergleich: Handfeste Gerüchte um eine Liaison Kohls mit seiner Vorzimmerdame waren jahrelang unter Journalisten im Umlauf. Nichts davon drang nach außen.

Nichts in den vergangenen Jahren war bekloppt genug, als dass man es nicht gegen Lafontaine hätte verwenden können: Kürzlich noch seine angebliche Rückkehr zur SPD, die die Bild vermutete, der Privatjetcharter vor vier Jahren, den ihm unter anderem Focus anhängen wollte, tägliche millionenfach gedruckte Fotos eines wutverzerrten, rotgesichtigen Lafontaine, die im Wahlkampf immer wiederholten Behauptungen, der Populist Lafontaine verspreche alles mögliche, ohne es gegenzufinanzieren, die Unterstellungen, er würde im Saarland schon wieder einen Rückzieher machen: Es gab nichts, was von diesen Schmierenjournalisten nicht versucht worden wäre, keine Lüge war zu billig. Wenn es um Lafontaine ging, war man sich unausgesprochen einig, dass Fairness in der Berichterstattung nicht sein müsse, ja, nicht sein dürfe. Mit Fairness hätte man sich in diesen Kreisen schon verdächtig gemacht. Dazu die persönlichen Herabsetzungen: Er sei unberechenbar und jetzt auch schon so alt.

Bewundernswert, wie Lafontaine immer wieder versuchte, über Sachpolitik zu reden, selbst mit denen, die ihn ansonsten fertig machen wollten, weil es ihm um die Sache ging und geht. Vielleicht hätte er sich ausdrücklicher wehren sollen. Aber wie? Die Hetze wäre noch aggressiver geworden. Doch um Politik ging es dem Blätterwald nie: Dazu hätte man sich mit Inhalten auseinandersetzen und volkswirtschaftliche Zusammenhänge verstehen müssen. In wie vielen Interviews und Gesprächen und Artikeln wurde Lafontaine immer wieder mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Journalisten sich keinerlei Mühe machen, sich halbwegs objektiv zu informieren? In wie vielen Redaktionen galt die Weisung, die Linkspartei nicht als eine von mehreren Parteien im demokratischen Spektrum zu behandeln, sondern mit der NPD auf eine Stufe der Aussätzigen zu stellen? Es ist für den vom intellektuellen und moralischen Standpunkt her seit geraumer Zeit neoliberal verkommenen deutschen Journalismus bequemer, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, in wunderbarer deutscher Tradition.

Es sind, zum Teil, ähnliche Mechanismen wie das Medienevent des Selbstmords von Robert Enke. Es geht immer mehr nur noch um die Kampganenfähigkeit, die sich Journalisten wohl gegenseitig beweisen müssen. Pro Sieben sendet einen Beitrag über die Ankunft seiner Witwe am Tatort („Lebt er noch?“), Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff darf bei der pathetischen Trauerfeier im Fußballstadion widerspruchslos die Leistungsgesellschaft beklagen, die er seit Jahren tatkräftig mit einrichtet, sämtliche Boulevardmagazine ergehen sich in distanzlosem Hype und sind bemüht, alles Private öffentlich zu machen. Enke selbst und auch das Thema Depression sind scheißegal. Es geht nur darum, irgendwas durch den medialen Fleischwolf zu drehen. Bei Enke war die Zielvorgabe, die ganze Nation zum heulen, bei Lafontaine, sie zum hassen zu bringen. Bei Lafontaine standen immerhin die Vermögensverhältnisse in diesem Land auf dem Spiel. Da hört der Anstand auf.

Wie gehts weiter mit dem Qualitätsjournalismus? Ein Leserkommentar in der taz bringt es auf den Punkt: „Vielleicht wird Lafontaine ja im Stadion operiert, wie wär´s?“

Ich sehe die Fernsehmoderatoren schon umschalten auf Dackelblick. Bei Bedarf gerne mit Krokodilstränen. Die Journaille, bei der im Hinterzimmer wahrscheinlich gerade die Sektkorken knallen, wird nichts unversucht lassen.

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Sloterdijk: Der Pitbull, der nur spielen will

2. November 2009 · 3 Kommentare

Zu der Sloterdijk-Honneth-Debatte erschien vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung ein angenehmer Beitrag von Dirk Pilz, der die Chose auf einen politischen Punkt bringt: Die Sloterdijkschen Ausführungen seien

„letztlich eine Aufforderung zum politischen Umsturz. Wehe uns, wenn sie gehört wird.“

Ergänzen sollte man, dass es ein rechter politischer Umsturz wäre. „Klassenkampf von oben“ nennt das Honneth. Um genau diesen politischen Gehalt geht es, denn das philosophische Niveau der Debatte ist ja überschaubar. Sloterdijks Merkmale werden von Peitz noch einmal komprimiert dargestellt: Eine verquaste, umständliche Schreibe, das Erfinden „abstruser Thesen“, seine Fixiertheit auf die Kritische Theorie und deren Verteter (mittels dessen er überhaupt erst seinen Bekanntheitsgrad erreichte), und sein Sozialdarwinismus, dessen Ursprünge man psychologisch suchen sollte.

Auf diese Punkte möchte ich kurz zu sprechen kommen.

Die Gemengelage führt dazu, dass Sloterdijks Thesen kaum einmal als das bezeichnet werden, was sie sind: Bullshit. Das ganze ist intellektuell so unterbelichtet, dass man paradoxerweise kaum die Energie aufbringen kann, es zu widerlegen: es ist doch offensichtlich. Die Reichen sollen mittels eines Steuerboykotts einen Bürgerkrieg von oben beginnen. Wenn sie Lust haben, zahlen sie einen Obulus, wenn nicht, dann nicht. Das macht also eine Gesellschaft freier Bürger aus. So eine Art radikalisierte Reaganomics. Sloterdijk und Co. fordern, dass der Staat den Gestrauchelten  in der Gosse liegen lässt, bis ein Reicher vorbeikommt, der gerade gute Laune hat und hilft. Natürlich ist das alles nur ein „Denkspiel“. So wie der Pitbull, der nur spielen will.

Alle zur Verfügung stehenden Zahlen belegen das finanzielle Auseinanderlaufen der Gesellschaft, die verwehrten Aufstiegschancen; wer es wissen will, weiß es und auch um die kapitalistische Logik, die dahintersteht. Wie man in dieser Situation einfach das Gegenteil behaupten und eine Verschärfung der Situation fordern kann, erschließt sich nicht mehr auf einer sachbezogenen Ebene, sondern ist wohl, wie gesagt, eher psychologisch zu erklären.

Dazu fällt mir ein: Sloterdijk und Bohrer, Henkel, Miegel, Sinn und die anderen Verdächtigen haben wahrscheinlich eine langentwickelte Abneigung gegen alle, die nichts in ihrem Sinn Herausragendes leisten. Also kein Unternehmen gründen, kein Millionärserbe antreten, nicht über ein sechsstelliges Jahreseinkommen verfügen, nicht einmal den Unterschichtlern hin und wieder verbal die Fresse polieren. Bei der Lektüre von Meinhard Miegels ebenfalls sozialdarwinistisch gelagertem Bestseller „Die deformierte Gesellschaft“ vor einigen Jahren hatte ich einen ähnlichen Eindruck. Diese Leute engen den Begriff des Menschseins auf einen ökonomischen ein. Dazu kommt das typisch deutsche Fabulieren vom ewigen Kampf, dass man der Beste sein müsse oder eben gar nicht. Dass es  eine Freude darstellen kann, sich mit einem Bier in die Sonne zu setzen, ist nicht begreiflich. Deshalb muss gegen die vorgegangen werden.

Pikant ist daran noch zweierlei: Zum einen, dass sich die biertrinkende Unterschicht ja gerade in einem kapitalistischen Sinn vorbildlich verhält. Die besetzen keine Arbeitsplätze (wenn sie vom Amt nicht dazu gewzungen werden), sondern verballern ihr gesamtes Einkommen im Konsum. Zufriedene Verbraucher, die nichts produzieren, was wiederum zusätzlicher Konsumenten bedürfte. Was will das System eigentlich mehr? Doch diejenigen, die sich der fortgeschrittenen Systemlogik am besten anpassen, werden von denen am meisten gehasst, die für diese Logik verantwortlich sind und deren exzessiv produktivesVerhalten das System am schnellsten kollaborieren lässt. Zum anderen der Gedanke, auf den mich der Bloggerkollege Momoroulez in einem Kommentar zu diesem Beitrag gebracht hat: Der Neokonservatismus ist eine Form des Leninismus, was das Elitedenken angeht. Während im Original die Arbeiter von einer Elite diktatorisch in die Revolution geführt werden sollten, übernimmt die Elite bei den anderen lediglich die Funktion, sich vom Rest abzusetzen – finanziell und sozial, und geographisch vielleicht irgendwann auch.

Lechts und Rinks kann man hier tatsächlich leicht verwechslern.

Alle wichtigen Texte zu der Debatte findet man übrigens bei den Nachdenkseiten.

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Sloterdijk, Cicero, Sarrazin

21. Oktober 2009 · 16 Kommentare

Ich habe Verständnis für jeden, der aufgrund dieser drei Namen nicht weiterliest. Würde ich auch nicht machen. Dennoch ein kurzer Satz zu einem Beitrag des sogenannten Philosophen im sogenannten Fachblatt für Rechtsintellektuelle  über den sogenannten Integrationsexperten.

Im Cicero behauptet Sloterdijk jetzt, Sarrazin sei nur so „unvorsichtig“ gewesen, „auf die unleugbar vorhandene Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen“. Daraufhin sei „die ganze Szene der deutschen Berufsempörer“ gegen Sarrazin auf die Barrikaden gegangen.

Nun ist es zum einen ja so, dass auch eine ganze Menge Prominenter für Sarrazin auf die Barrikaden gegangen sind (und jetzt auch Sloterdijk). Was mich, zum anderen, aber wundert, ist die Sloterdijksche conclusio zum Fall Sarrazin:

„Das Beispiel zeigt, wie tief bei uns der Sprachkarren im Dreck steckt.“

Was meint er genau? Wessen „Sprachkarren“ – um bei diesem sonderbaren Bild zu bleiben – steckt im Dreck? Der der Sarrazin-Kritiker? Oder der von Sarrazin, der ohne jeden Beleg behauptet, dass „70 Prozent der Türken und 90 Prozent der Araber integrationsunwillig“ seien, dass viele Türken „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzieren“ , dass „die Türken Deutschland erobern“? Sarrazin hat also nur auf etwas hingewiesen? Sagt der Sprachexperte Sloterdijk?

Ich weiß nicht so genau, was Sloterdijk meint, der Cicero veröffentlicht den Beitrag online nur auszugsweise. Ich habe aber das Gefühl, dass Sloterdijk hier ein weiterer Tiefschlag gelungen ist, sprachlich als auch semantisch. Das wäre nicht verwunderlich bei dem Mann, der schon vor Jahren vom Menschenpark plapperte und diesen Sommer ebenfalls im Cicero die  „Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven“ erkannte und zu einer Abhilfe riet, die die Gesellschaft in den Feudalismus zurückwirft, bestenfalls.

Man mag es für übertrieben haben, aber ich halte diesen Mann für gefährlich. Er ist, zusammen mit anderen Sozialdarwinisten wie Hans-Olaf Henkel, Henryk Broder (der sich gerade pikanterweise um den Vorsitz des Zentralrats der Juden bewirbt) und vielen anderen in publizistischer Zusammenarbeit mit Wolfram Weimer, Kai Dieckmann Thomas Schmid, Roger Köppel und vielen anderen mittlerweile jederzeit in der Lage, einen schwarz-braunen Sud massenwirksam anzurühren. Kein Ressentiment ist zu billig, um nicht ein paar Wochen durch die Medien zu geistern.

Nur, um dem Vorwurf zu entgegnen, ich würde Integrationsprobleme leugnen: Ich tue es nicht, mir geht jeder Macho-Türke und jeder Halbstarken-Araber auf den Sack. Ich finde es nur grauenhaft, dass immer mehr Leute, die den Stammtisch meiden könnten, ihn bewusst bedienen. Mit Erfolg. Und dass die Ruhigeren, die etwas zum Thema zu sagen hätten, hintenrunter fallen.

Der kurze Satz ist doch etwas länger geworden, sorry.

P.S.: Hannes Wurst betrachtet das Problem etwas philosophischer als es mir schnellem Schreiber gemeinhin liegt. Lesenswert.

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Sensation: Ein sehenswerter TV-Beitrag über Lafontaine

15. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Seltener Fund: Eine Arte-Sendung vom 15. September dieses Jahres über Oskar Lafontaine, die sich nicht zu einer ideologisch voreingenommenen Stimmungsmache gegen ihn entwickelt und bei dem die Filmemacher einfach das machen, was sie machen sollen: Ohne Vorbehalte hinschauen, fragen und Antworten suchen.

Das Filmchen (gut sieben Minuten) war Teil eines Arte-Themenabends: „Über politisches Theater auf der Bühne und in der deutschen Presse“. Nebenbei ein schönes Beispiel, was von der Pressefreiheit in einem kapitalistischen System zu halten ist.

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Sarrazin und Broder: rechte Krawallpublizisten in Hochform

13. Oktober 2009 · 14 Kommentare

Zwei kleine Beispiele für die Argumentationsqualität auf der populistischen Rechten in Deutschland: Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hat kürzlich erzählt, dass „eine arabische Frau ihr sechstes Kind bekommen habe, weil ihr durch Hartz IV eine größere Wohnung zustünde“. Was macht unser Lieblingspublizist Henryk Broder daraus? Er redet in einer Fernsehdiskussion auf Phönix von Beispielen für fehlende Integration und behauptet:

„Es gibt aber noch mehr (türkische) Familien, die ihre Kinder mit 14 von der Schule nehmen in der Hoffnung, sie würden einen schnellen Job machen, und es gibt noch mehr Familien, die Buschkowsky beschreibt, die zum Beispiel ihre Familienplanung daran orientieren, dass ab dem sechsten Kind es eine größere Wohnung gibt, die vom Sozialamt bezahlt wird. … Das ist das Wesen des Lumpenproletariats, dass es auf anderer Leute Kosten lebt.“

Buschkowsky wird somit zum Kronzeugen für viele, viele arabische Familien, die nur wegen einer größeren Wohnung sechs Kinder haben, obwohl Buschkowsky selbst nur von EINER arabischen Frau geredet hat, die, mit dem sechsten Kind schwanger, sich über eine größere Wohnung freut (wobei ihre jetztige Wohnung mit fünf Kinder wahrscheinlich nicht besonders groß ist).

So geht das. Die allermeisten Araber haben nur deshalb sechs Kinder, weil wir Deutsche denen die Wohnung bezahlen. Lumpen also. Rechter Krawallpublizismus par excellence.

Broder hat diese Ausführungen übrigens gemacht, weil er seinem Gesprächspartner in der TV-Diskussion, dem NRW-Minister für Integration, Armin Laschet, erklären wollte, was sein Bruder im Geiste, Thilo Sarrazin, meinte, als er von 70 Prozent Türken und 90 Prozent Arabern redete, die integrationsunwillig seien. Zwei Zahlen, die aus der Luft gegriffen sind, ohne jede statistische Unterfütterung. Broder versucht, die Gültigkeit dieser Zahlen mit einer weiteren Lüge zu beweisen.

Auch hier gilt: Rechte Krawallpublizisten gibt es, das ist ganz normal. Weniger normal ist es, solchen Leuten immer wieder ein Forum zu bieten. Lettre International und auch der TV-Sender Phönix müssen sich fragen lassen, warum sie diese Hampelmänner zu Wort kommen lassen, wohlwissend, dass sie der Sache nicht dienlich sind, dass sie übertreiben und lügen, bis sich die Balken biegen. Quote, Aufmerksamkeit, Zugriffszahlen sind die Währung. Das Thema an sich bleibt auf der Strecke.

Nebenbei: Armin Laschet hat in der Phönix-Sendung eine Menge vernünftiger und weitblickender Sachen gesagt, ein Politiker, der sich ernsthaft um Integration bemüht. Das gibt es also auch.

Mehr zu Broder auf Exportabel via Suchmaschine rechts.

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Lettre International auf Tuchfühlung mit dem Stammtisch

10. Oktober 2009 · 2 Kommentare

Was ich mich bei der Aufregung um Thilo Sarrazin frage: Warum bietet die eigentlich doch sehr lesenswerte Zeitschrift Lettre International diesem Trottel Platz für sein Geplapper? Es ist seit Jahren bekannt, dass Sarrazin gerne drauflospöbelt, so wie Millionen anderer Stammtischler das auch tun. Warum räumt Lettre International diesem Herrn mehrere Seiten frei? Aufmerksamkeitstechnisch ist es verständlich: Soviel Werbung für die Zeitschrift gab es noch nie, und dazu kostenlos. In allen deutschen Medien ist der Name des Blattes genannt worden und jetzt kennt es der letzte Bild-Leser.

Es gibt eine Menge kluger Leute, die zum Heftthema „Berlin auf der Couch“ interessantes sagen könnten. Sarrazin kann es nicht, das war zuvor schon klar. Die Redaktion ist der Versuchung erlegen, den Sozialdarwinisten ins Blatt zu holen, um die Auflage zu steigern. Das ist ihnen sicher geglückt. Von Dauer wird der Trubel nicht sein.

Die laufende Debatte (die auf einer anderen Ebene durchaus nötig wäre) hat keinen Sinn, außer dem, dass sich Weggefährten wie Hans-Olaf Henkel  (der einen, ohne Scherz, „unglaublichen und schändlichen Vernichtungsfeldzug gegen einen Menschen“, nämlich Sarrazin, diagnostiziert) und Henryk Broder als quasi-braune Gesellen outen dürfen. Aber das kennt man ja schon. Wobei zumindest Broder sich selbst kein gutes Zeugnis ausstellt, wenn er Sarrazins Interpretationen unterstützt: Er wohnt in Berlin, der Stadt, die – laut Sarrazin – ihren Intellekt von außen beziehen muss.

Alles weitere zu dem Thema ist schon gesagt, glaube ich. Deshalb schließe ich mich einfach dem prima Artikel auf Kritik und Kunst an.

P.S.: Lesenswert zu dem Thema sind noch folgende Beiträge:

  • aus der Zeit
  • vom Muslimmarkt (hier der Gedanke, dass die Sarrazinsche Hetze gegen Hartz-IV-Bezieher auf einer Ebene liegt mit seinen aktuellen Statements. Gegen Hartz-IV-Bezieher lässt sich allerdings nicht mehr so leicht hetzen, weil fast jeder einen kennt und man spürt, dass es einen selbst erwischen kann. Türken und Araber taugen als Feindbild besser.)

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Zur Blasenschwäche in einer real existierende Demokratie

15. September 2009 · 2 Kommentare

Das Duell am Sonntag: Was wäre eigentlich passiert, wenn Frau Merkel während der Live-Sendung aufs Klo gemusst hätte? Oder Steinmeier? Hätten die anderen dann fünf Minuten gewartet? Könnte man mit einer schwachen Blase noch Kanzler werden? Aufs Klo zu müssen in solch einer kribbeligen Situation wäre nichts ungewöhnliches, rein menschlich gesehen.

Es ging im Duell um Formales, sonst nichts. Selbst die Diskussion danach bei Anne Will: Es interessierte nur, wer mehr Leidenschaft gezeigt hat, wer mitreißender war. Inhalte? Und dann die grandiose Idee, Stoiber und Wowereit einzuladen. Total überraschend: Stoiber fand Merkel überzeugender, Wowereit den Steinmeier. Journalismus ad absurdum geführt. Und warum überhaupt Merkel und Steinmeier? Der Begriff des Kanzlerkandidaten existiert für den Wähler nicht. Es werden Parteien gewählt und einzelne Abgeordnete, keine Kanzler.

Demokratie wird nach und nach ausgehebelt. Das ist vermutlich kapitalistischen Gesellschaften inhärent. Es geht um Akkumulation, es geht um Rendite. Je mehr da mitreden, desto schlechter. Neidvoll allerdings muss man dem System attestieren, dass es, was die Inszenierung angeht, sich nicht lumpen lässt. Verglichen mit den lächerlichen Auftritten von Honecker und Co. früher ist es schon geschickter, zwei Politiker von zwei Parteien antreten zu lassen, die sich angeblich unterscheiden und das dann im Anschluss von Journalisten und anderen Prominenten angeblich kontrovers diskutieren zu lassen. Der irre Peymann forderte für Deutschland einen Politiker wie Berlusconi und die Bunte-Chefin wollte vor allem wissen, ob Steinmeier gut kochen kann und wie seine Frau aussieht (oder war sie es, die kochen können sollte?). Der einzige, der etwas zu sagen hatte, war überraschenderweise der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges, der kam auch erst zum Schluss.

Die vielen fitten Leute in unserer Zivilgesellschaft, die wirklich etwas zu sagen hätten, oder Journalisten, die wirklich kritische Fragen stellen würden, werden ausgegrenzt. Die kommen natürlich vor  (man will ja Demokratie sein), irgendwo anders.

Das Duell am Sonntag in ARD, ZDF, RTL und SAT1 war also nicht sehenswert. Vielleicht hätte man bei zwei Stunden 9Live mehr gelernt über die real existierende Demokratie.

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Inzestuöser Gangbang

3. September 2009 · Kommentar schreiben

Endlich mal wieder was Positives :-)

„Die zeitgenössische Kunstszene gleicht einem elitären und inzestuösen Gangbang unter Künstlern, Kuratoren und Kritikern.“

Das schreibt Rebelart und zeigt, dass es auch anders geht. Encastrable nennen sich zwei französische Künstler, die illegale Kunstaktionen an öffentlichen Orten durchführen. Demnächst in einem Baumarkt in Hamburg.

Ein kleiner Vorgeschmack:

(Foto: http://www.para-sites.de)

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