Archiv der Kategorie: Architektur

Wagner, Hitler, Sindlingen: beispielhafte Darstellung der deutschen Kulturnation

Diese Woche las ich in der Titelgeschichte des Spiegel (Printausgabe 14/2013, S. 212 ff.) über den 200. Geburtstag Richard Wagners vor dem Hintergrund, wie es von dem tollen Beethoven, Goethe und Kant zu Hitler kommen konnte, den merkwürdigen Satz:

Aus der Kulturnation wurde in wenigen Jahren ein Volk moderner Barbaren.

Mal abgesehen davon, ob es wirklich nur ein paar Jahre waren und ob eine Entwicklung nicht längerfristige Ursachen hat, über die mittlerweile ganze Bibliotheken vollgeschrieben wurden: Inwieweit eine ganze Nation so wahnsinnig kulturell ist oder ob es nicht Einzelne oder zusammenhängende Gruppen sind, die die bleibende kulturelle Arbeit ausmachen, wäre eher die Frage. Der Stammtisch beruft sich zur Not ja auch auf Bach, Beethoven und Benz, wenn es darum geht, die Überlegenheit der deutschen Rasse gegenüber sonstwem hervorzuheben.

Ich komme darauf, weil mich manchmal Details interessieren und ich gerade über vier bemerkenswerte Fotos gestolpert bin. Auf ihnen ist das Haus Sindlingen im gleichnamigen Frankfurter Stadtteil zu sehen, erbaut von Günter Bock und ein herausragendes Beispiel gemäßigt expressiver Sichtbetonarchitektur. Das Haus Sindlingen wird gemeinhin als wichtiges Beispiel des Brutalismus in Deutschland bezeichnet.

So sah es kurz nach Fertigstellung 1961 aus:

Haus_Sindlingen

Haus_Sindlingen,_Westfront

Ein Sichtbetonbau mit einer markanten Fassadengestaltung mit bewusst sichtbarer roher Verschalung. Eine Fassade, die sich damals schon vom eindimensionalen Bauwirtschaftsfunktionalismus absetzte, die auf der Rückseite expressive Momente jenseits des rechten Winkels aufnahm und auf der Eingangsseite durch mit Glas gefüllte Aufbrüche, Vor- und Rücksprünge  sowie horizontale und vertikale Linien gekennzeichnet ist; der Bau erinnert ein wenig an den Mariendom in Neviges von Gottfried Böhm. Holz soll an der Fassade auch eine Rolle spielen, was man auf den Fotos nur schlecht erkennt. Haus Sindlingen war eines der ersten Stadtteilbürgerhäuser (die Grünen trafen sich dort 1979 zu ihrem ersten Bundesparteitag, davor fanden dort die ersten RAF-Prozesse statt) und ist als Kulturdenkmal unter Schutz gestellt.

Was ist ein Kulturdenkmal? Der Duden schreibt:

Objekt, Werk, das als Zeugnis einer Kultur gilt und von [künstlerischem und] historischem Wert ist.

Haus Sindlingen ist also von hohem künstlerischem und historischem Wert, gilt als Zeugnis einer Kultur und steht deshalb als Denkmal unter Schutz.

Die heutigen Betreiber des Hauses schreiben zum Thema:

Das Haus Sindlingen ist nicht ohne Grund als Kulturdenkmal unter Schutz gestellt worden.

Um welchen Grund es sich handelt, wird nicht ersichtlich, wenn man sich den heutigen Zustand ansieht:

Haus_Sindlingen_Januar_2011

Haus_Sindlingen_Januar_2011_DSC_7139

Peng. Der Sichtbeton als ein wesentliches Element der Gestaltung wurde 1981 mit Pastellfarben übermalt, unten herum hübsch abesetzt, und der expressive Teil der Fassade durch eine Art Weihnachtsbaum und Grünzeug, das im Winter Braunzeug ist, überhängt. Gerade die Eingangseite ist banalisiert, weil die Schalung, die Haut des Gebäudes, ihre Optik und ihre Haptik, massiv verändert wurde. Ein Anstrich wie tausend andere auch, damit der Bürger nur ja nichts Ungewohntes wahrnehmen muss.

Gerade ein brutalistisches Gebäude ist geprägt von seiner Haut, der roh und also ursprünglich belassenen Materialzustände, ihrer natürlichen Beschaffenheit – egal ob Beton, Glas, Holz, Metall, Ziegel, Stahl -, auf deren Basis und mit deren Wirkung der Architekt dann arbeiten kann. Wenn es gut geht, und es ist im Fall Sindlingen offenbar gut gegangen, erzeugt gerade das Zusammenspiel der verwendeten “Rohheiten” eine spezifische Architektursprache, die weg wollte vom rein applizierten Ornament, von der bloßen Verhübschung, sondern mit dem Material und seiner möglichst authentischen Ausdrucksweise einen neuen Weg gehen, was, wie man hier sieht, durchaus ornamentale Wirkungen erzielt. Das, was dem Gebäude den hohen künstlerischen und historischen Wert gab und ihm das Zeugnis einer Kultur verlieh, ist nicht sichtbar, nicht erfühlbar, nicht vermittelbar, zerstört – bei aller Vorsicht, die man bei der Beschreibung eines Gebäudes walten lassen sollte, das man nur von Fotos kennt.

Gerade bei einem brutalistischen Bau ist eine solche Zerstörung unsäglich, weil eine wissenschaftliche Bewertung dieser Epoche noch aussteht. Bevor die kommt, wird abgerissen, bepflanzt, übertüncht. Aktuell laufen Diskussionen über die renovierungsbedürftige brutalistische Kirche St. Agnes in Berlin.

Es ist das alte Thema: Beton oder eine nicht ornamentierte Wand sind hierzulande nicht erträglich. Wie wäre eigentlich die Reaktion, wenn man direkt vor ein Naturdenkmal, etwa einen jahrhundertealten und in der Tat schützenswerten Baum mitten im Wald, ein Haus bauen würde? Womöglich ein brutalistisches?

Die deutsche Kulturnation wäre sich in ihrer Empörung einig, schätze ich.

(Fotos: 1 und 2: Jupp Falke; 3 und 4: Eva Kröcher)

1950

Mit der Architektur der 1950er Jahre in Deutschland ist das so eine Sache. Wie ist die einzuordnen? Die offizielle Lesart ist ja die: Die junge Bundesrepublik wollte sich von allem Mackertum lossagen und übte sich deshalb auch architektonisch in Bescheidenheit. Dafür stehen Leute wie Eiermann, Ruf, Schwippert. (Dass auch und gerade die hochrangigen Naziarchitekten unmittelbar nach Gründung der BRD ihre Karriere meist bruchlos in westdeutschen Städten fortsetzen konnten – Düsseldorf und Hannover sind die bekanntesten Beispiele – gerät erst nach und nach ins öffentliche Bewusstsein.)

Nun gerät diese Perspektive ins Wanken. Der Städtebautheoretiker Thilo Hilpert beschreibt das in einem Interview in der Arch+ (Nr. 200, S. 74 f.) so:

Was man heute in der Nach-Postmoderne-Ära als wohltuende Ehrlichkeit, als detailsaubere Nüchternheit, als im Angesicht von Architektenstarkult und Marketinggehabe erfreuliche Zurückhaltung interpretieren kann, war damals vielleicht schlicht ein Anwenden des “Keine Experimente!”-Slogans in der zu bebauenden Umwelt, verbunden mit der aus der Vergangenheit begründeten und unter allen Umständen zu vermeidenden Monumentalität. Vom Architekten vieler moderner Kirchen, Rudolf Schwarz, ist die Aufforderung überliefert

“Bilde, Künstler, und rede nicht!”

Schmale Profile, sanft geschwungene Treppen, dünne, schmucklose Geländerstreben, diese ganze Zurückhaltung als Ausdruck des Bestrebens, nur nicht mehr experimentieren zu wollen?

So sind merkwürdige Verteidigungshaltungen entstanden: Während die Progressiven, eine linke Architektur Suchenden und Verteidigenden die herausragenden Beispiele guter 50er-Jahre-Architektur auf die Denkmallisten setzen und den Zeitgeist einer wie auch immer gewendeten Zurückhaltung bewahren wollen, plädieren die Rechten heute für einen Abriss der damals konservativen Architektur und wollen sie durch heimattümelnden Kaiserzeit- und Mittelalterkrempel ersetzen, siehe Marktplatz Hildesheim, Altstadt Frankfurt, Schlösser Braunschweig und Berlin, die mittlerweile unzähligen Heile-Welt-Outlets in vollendetem Kitsch und mehr. Die Progessiven haben also eine konservative Architektur sinnhaft umgemünzt, die Rechten sehen im  damaligen Konservatismus eine Stilrichtung, die eigentlich schon viel zu international und der Moderne verpflichtet war, die eine deutsche Identität nicht abzubilden vermag.

Da ich bei dem Thema nicht weiterkomme: fade out.

Mehr als tausend Worte

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Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte. Für alle, denen das Bild nichts sagt, sage ich halt schnell die tausend Worte.

Den unteren Teil des Mäuerchens haben die Besitzer des dazugehörigen Hauses in den 1970er Jahren gezogen: Eine simple Eckgrundstücksabgrenzung eher symbolischer Natur aus Sichtbeton mit mittlerweile angesetzter Naturpatina: haltbar, preiswert, materialehrlich, gut. 20 oder 30 Jahre später ist die ästhetisch-gesellschaftliche Regression so weit fortgeschritten, dass den Besitzern die Mauer zu nackt erscheint, zu dürftig, zu wenig repräsentativ, nicht mehr angemessen. Also satteln sie zwei Reihen dieser merkwürdig asymetrisch geschnittenen Granitsteine drauf. Obwohl das materiell nicht passt, dürfte es den Besitzern das Gefühl von Hochwertigkeit vermitteln: Sie haben jetzt nicht mehr nur die nackte Betonmauer, die nach sozialem Wohnungsbau der Siebziger aussieht, sondern einen schön bürgerlichen, gemütlichen, natürlichen Stein aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war.

Die Hausbesitzer machen sich um ästhetische Fragen vermutlich keine Gedanken. Gerade deshalb ist der Mauerzusatz so aufschlussreich. Er ist Ausdruck einer regressiven Gesellschaft, in der Materialehrlichkeit sinnlos erscheint so wie die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Analyse abhanden gekommen ist – durch neoliberale Medien, durch Entfremdung, durch Betroffenheit, durch Angst. Dass uns beispielsweise seit etwa 1980 das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit begleitet und jeder von uns damit konfrontiert wird, ist aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein verschwunden, wir alle aber leiden daran. Dennoch feiern wir es nun als Erfolg, dass nach unzähligen Statistikmanipulationen die Arbeitslosenzahl offiziell unter drei Millionen gerutscht ist. Wir fühlen, dass wir belogen werden, können aber nichts tun. Wir haben Angst und bauen kompensativ lächerliche Maueraufsätze. Wir entgehen damit der Notwendigkeit, uns über die Ursachen zu befragen, aus denen unser Unbehagen über die Betonmauer herrühren könnte. Die scheinbürgerliche Maueraufrüstung als Zurwehrsetzung gegen unsozialer werdende Gesellschaften. Deutschland hat natürlich wieder einmal die Täterrolle inne.

Außerdem hat der Nachbar sicher auch schon baumarktmäßig aufgerüstet.

Gesellschaften werden unsicherer, angsterfüllter, irrationaler. Dagegen helfen Revolten oder Maueraufsätze.

Ein jeder mitlesende Hausbesitzer möge nun rausgehen und seine Grundstücksbefestigung in Augenschein nehmen. Und bei Bedarf hier beichten. Wir werden nachsichtig sein.

(Foto: genova 2012)

Salzburg: Wohnungsneubau für 4,78 Euro pro Quadratmeter

Thomas Bernhard nannte die Architektur in Salzburg noch menschenfeindlich und die Stadt nationalsozialistisch und katholisch. Dennoch brachte die taz kürzlich eine bemerkenswerte Meldung, die leider im allgemeinen Medienrauschen untergegangen ist: Dort hat eine Wohnungsbaugesellschaft architektonisch anspruchsvolle Wohnungen mit Balkon und nach neuesten Kriterien für Energieeffizienz errichtet, und zwar für einen Mietpreis von 4,78 Euro nettokalt. In Deutschland behaupten die üblichen Experten gerne, unter acht Euro sei da nix zu machen.

Über die Realität im sogenannten sozialen Wohnungsbau berichtete die taz im gleichen Artikel:

Der Bau von Sozialwohnungen gilt in Deutschland als gescheitert. Zu teuer. Ohne lang anhaltenden Effekt. Die Sozialbindung der mit Milliarden geförderten Wohnungen läuft meist nach 30 Jahren aus. Bundesweit fallen so pro Jahr rund 100.000 günstige Wohnungen weg.

Besonders absurd ist die Situation in Berlin. In den 60er und 70er Jahren wurden dort viele Sozialbauten errichtet. Aber sie waren vor allem Steuerabschreibungsmodelle für betuchte Westdeutsche. Wer mehr als 150.000 Mark im Jahr verdiente, konnte seine Einlage innerhalb von fünf Jahren über Steuerersparnisse wieder zurückholen.

Gleichzeitig konnten die Baukosten nicht hoch genug sein, denn nach diesen richtete sich die sogenannte „Kostenmiete“, die in einigen Häusern 14 Euro pro Quadratmeter erreichte. Die Differenz zu den niedrigen Sozialmieten zahlte jahrelang die Berliner Landesregierung. Mittlerweile hat der Berliner Senat diese Dauersubvention gestoppt. Damit entfällt aber auch die Sozialbindung. Künftige Eigentümer dürfen ihre Mieten an den fiktiven „Kosten“ ausrichten.

Allein seit 1990 wurden in Berlin rund 21 Milliarden Euro in den sozialen Wohnungsbau gesteckt. Die befinden sich heute in den Taschen der Eigentümer und Banken. Die Mieten aber steigen.

Sozial tun und in Wirklichkeit kommen Steuersparmodelle für Besserverdienende raus: Das nimmt einen nicht Wunder, unter anderem so funktioniert Kapitalismus.

Was läuft in Salzburg anders?

Das Gegenmodell aus Österreich heißt „Salzburger Wohnbaufonds“. Er beruht im Kern auf drei Säulen: staatliche Förderung; gemeinnützige Bauträger; und vollständiger Verzicht auf Bankkredite.

Üblicherweise werden Neubauten von Banken vorfinanziert; der Eigentümer zahlt den Kredit über 25 bis 30 Jahre zurück. Die Geldgeber wollen dafür eine entsprechende Rendite. Das kann im Laufe der Jahrzehnte die Gesamtkosten fast verdoppeln. Ein Effekt, der auch in Österreich nicht unbekannt ist.

„Im Jahr 2005 stand das Land Salzburg mit 1,5 Milliarden Euro Schulden in der Wohnbauförderung da“, erklärt Walter Blachfellner, der im Bundesland Salzburg der für die Wohnbauförderung zuständige sozialdemokratische Landrat. „Deshalb haben wir uns seit 2006 komplett von der Finanzierung über private Banken verabschiedet.“

Die Kredite kommen nun aus dem eigens gegründeten Salzburger Fonds. Auch der nimmt Zinsen. Aber er berechnet je nach Förderart für Mietwohnungen oder selbst genutzte Eigenheime nur 1 bis 2,5 Prozent – festgelegt auf die gesamte, im Schnitt 30-jährige Laufzeit.

So konnten in Salzburg bei einer typischen Beispielwohnung die Bruttokosten von knapp 1.000 Euro auf knapp 600 Euro gesenkt werden. „Was bisher die Banken verdient haben, fließt nun in billigere Mieten und mehr Bauvolumen“, sagt der Landrat.

Im Kern: Niedrige Zinsen, die gerade mal die Inflation ausgleichen, und Anschubfinanzierung.

Experten der EU waren auch schon vor Ort und lobten das Modell. Ein Leser berichtet im Kommentarteil des taz-Artikels von ähnlichen Modellen in Wien. 350 Euro warm für 50 Quadratmeter sind da offenbar normal. In einem Neubau.

Eigentlich müsste seit November eine mindestens deutschlandweite Diskussion zu diesem Modell eingesetzt haben mit dem Ziel, das möglichst schnell und massenhaft in den Städten mit hoher Nachfrage zu realisieren. Es geht immerhin fast um eine Halbierung der Mietkosten. Doch man hört und sieht nichts. Kann das damit zusammenhängen, dass die Banken ihre diesbezüglichen Gewinne abschreiben müssten? Und überhaupt: Warum redet niemand von der Verstaatlichung von Banken?

Es ist hier auch ein schönes Beispiel dafür, wie Medien funktionieren: Ohne die richtige Strategie geht die sensationellste Meldung unter. Oder wird sowas in den großen Medienkonzernen hierzulande gedeckelt? Eben weil es reale Milliardenverluste fürs Kapital bedeuten würde? Und weil hierzulande es eine Menge junger Architekten gibt, die ähnliches hinkriegen? Und weil man dann vielleicht noch ergänzend und notwendigerweise über Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden reden würde?

Aber wir wollen ja keine Verschwörungstheoretiker werden.

Lagos, Luanda und die Kolonialisierung namens Kapitalismus

Ein paar Assoziationen, zu deren kompletter Verknüpfung mit die intellektuellen Möglichkeiten fehlen. Es geht um Lagos, Tempelhof und Luanda.

Die Nigerianerin Bisi Silva, Gründerin des Centre for Contemporary Art (CCA) in Lagos, sagt über den öffentlichen Raum in ihrer Heimat:

Leute, die nach Lagos kommen, sagen, es sei die größte Open-Air-Shopping-Mall der Welt. Man kann von einem Ende der Stadt zum anderen fahren, und weil die vielen Straßenhändler den Weg versperren, fährt man langsam. Also erledigt man gleich aus dem Auto seine Einkäufe. Man bekommt dort alles: Brot, Spiegel, Schreibwaren. Die Regierung aber geht unter dem Banner der Entwicklungspolitik gegen die Straßenhändler vor. Dass das unsere traditionelle Lebensweise ist, spielt keine Rolle. Die Regierung versucht eine westliche urbane Struktur zu etablieren und baut Bürohäuser und Shopping-Center. Aber unser Leben findet draußen statt, weil es heiß ist. Wir lieben offene Architektur, der Hof ist das Herzstück eines jeden Hauses. Diese Höfe gibt es immer seltener und das treibt uns natürlich auf die Straßen. Was ist hier nun der öffentliche Raum? Der, den wir selbst gestalten und der unserer Lebens- und Denkweise entspricht? (Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2012, S. 16)

Unterm Banner der Entwicklungspolitik, klingt interessant. Nebenbei: Man merkt bei solchen Berichten, wie unglaublich normiert und eingezwängt das öffentliche Leben in hysterisch normierten und deshalb so aggressiven Ländern wie Deutschland abläuft. Man kriegt hier ja allen Ernstes einen Strafzettel, wenn man mit dem Rad bei rot über die Ampel fährt, wie man sagt. Deutschland ohne Spuren von Faschismus ist nach wie vor nicht denkbar.

Interessanter an dem Zitat als der Bezug auf deutsche Ampeln ist die aktuelle Form des Kolonialismus, die sich da zeigt. Ich kenne mich in Lagos nicht aus und kenne die Hintergründe dieser Entwicklung nicht. Aber wenn es stimmt, was Frau Silva sagt: Dann geht es um Rendite, die mit westlich erprobten Renditemodellen wie der Shoppingmall sicherer zu machen sind als mit eigenen Traditionen, die gerade durch den Kolonialismus teilweise zerstört wurden. Eine weitere, vielleicht mildere Form von Kolonialismus, die sich noch darin zeigt, dass das westliche Konsummodell weltweit via Medien Attraktivität verspricht, auch denen, die mit Garantie nie daran partizipieren werden.

Interessant an den Ausführungen von Bisi Silva außerdem: Die Stadtverwaltung von Lagos will neue Grünflächen ausweisen, die aber von Zuzüglern einfach besetzt werden, zu billigem Wohnraum umfunktioniert werden. Occupy Nigeria besetzt diese Flächen, weil das Grünzeug in einer Stadt mit massivem Wohnungsmangel offenbar als überflüssiger Luxus angesehen wird.

In Berlin gibt es Überlegungen, einen kleinen Teil des stillgelegten Flughafens Tempelhof zu bebauen, mit Wohnungen, auf zehn bis zwanzig Prozent der Fläche. Was passiert in Deutschland in einem solchen Fall, in Berlin? Romantisierte Ökos gründen sofort eine Empörteninitiative mit der Forderung, null Prozent zu bebauen. Dahinter steckt der alte deutsche Romantikerwaldwahn und also Menschenfeindlichkeit. Das immer anzustrebende unbedingte Paradies ist nur da, wo der Mensch nicht ist. Oder nur vereinzelt als Waldschrat. Stadt und Kultur sind bestenfalls ein notwendiges Übel. Tempelhof zu 100 Prozent nicht zu bebauen ist der unbewusste Versuch sich selbst im linken Spektrum Verorteter, Stadt aufzulösen.

Eine ähnliche Situation wie in Nigeria lässt sich derzeit in Angola beobachten. 1974 sind nach jahrhundertelanger Besatzung die Portugiesen über Nacht aus dem Land abgehauen, es folgte ein unvermeidlicher Bürgerkrieg. Seit ein paar Jahren werden neu entdeckte riesige Ölfelder vor der Küste ausgebeutet, die Gewinne steckt sich eine dünne Oberschicht ein. Das hängt damit zusammen, dass sich in dem Land keine Zivilgesellschaft entwickeln konnte; und dass die Mehrheit der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag lebt, ist eine Folge der portugiesischen Besatzerpolitik.

Es sind auch kulturelle Phänomene, die die desaströse Lage zeigen. So baute in den vergangenen Jahren ein chinesischer Investor im Auftrag der angolanischen Regierung eine komplette Stadt namens Kilamba auf dem Reißbrett. Bezahlt wurde mit Öl. Leben sollen dort, 30 Kilometer von der Hauptstadt Luanda entfernt, einmal 500.000 Menschen. Die Stadt ist seit mehr als einem Jahr bezugsfertig, leben tut dort derzeit fast keiner.

So sieht die Siedlung aus:

Die Chinesen investierten 3,5 Milliarden US-Dollar, die Wohnungen sollen zwischen 120.000 und 200.000 Dollar kosten. Geschätzte zwei Drittel der Bevölkerung leben von weniger als drei Dollar pro Tag. Wenn die sich anstrengen und jeden Tag einen Drittel ihres Verdienstes, also einen Dollar, zurücklegen, dann können die sich schon nach 120.000 Jahren die billigste Wohnung leisten.

Richtig verdienen an dem Bauprojekt tun die Chinesen:

Tatsächlich waren die Angolaner in Planung und Bau Kilambas praktisch nicht involviert: Zehntausend Arbeiter der staatlichen China International Trust and Investment Corporation (Citic) stampften die Monsterstadt aus dem Boden. … Weil China nur einen einst vertraglich festgelegten Spottpreis von 60 US-Cent für ein Fass angolanisches Rohöl bezahlt, hat sich der grosse asiatische «Bruder» zu bedeutenden Investitionen in der Infrastruktur und dem Wohnungsbau Angolas bereit erklärt.

Und der Kreis zum Umgang mit Raum in Lagos schließt sich in den Beobachtungen einer Anthropologin zum Thema:

Selbst wer sich ein Apartment in Kilamba leisten könne, würde sich einen Umzug in die Trabantenstadt dreimal überlegen, ist die an der Universität von Chicago über Angolas Wohnungsprobleme promovierende Anthropologin Claudia Gastrow überzeugt: «Es widerspricht so gut wie allem, was die Angolaner für lebenswert halten.» Die Südwestafrikaner liebten den freien Raum um ihr Anwesen – auch wenn es sich etwa in einem Slum nur um die wenigen Meter rund um eine Bretterhütte handle. Die Angolaner verachten Apartments – vermutlich weil sie während des Bürgerkriegs misstrauisch gegenüber ihren Mitmenschen geworden seien. «Sie sind die individualistischsten Menschen, die ich kenne», sagt Gastrow: Und ausgerechnet sie sollen nun in Massensilos leben, die von den «kollektivistischsten Menschen der Welt», den Chinesen, ausgedacht und aufgebaut worden sind.

Architektonische Standards, die mit der Geschichte von Lagos und Luanda nichts zu tun haben, werden implementiert, weil Kapital sich verwerten soll. Der Bürgerkrieg machte die Menschen zu Zwangsindividualisten, denen nun ein Behausungstyp vor die Nase gestellt wird, der gegenteilige Voraussetzungen erfordert. Eine dünne und korrupte Führungsschicht in den afrikanischen Ländern lässt sich dafür gut bezahlen.  Nennt man das Ironie der Geschichte?

Was ich eigentlich sagen will? Es sind die unterschiedlichen urbanen Entwicklungen, die hier sichtbar werden. In Lagos die unkontrollierte, auf die täglichen Bedürfnisse großer Menschenmengen ausgerichtete, die sich kaum steuern lässt, weil der Aufstand nie ausgeschlossen werden kann, Menschen, die sich öffentlichen Raum einfach nehmen, weil sie überleben wollen. Auf der anderen Seite die komplette Organisation und Kontrolle von öffentlichem Raum durch eine dünne und extrem ausbeuterische herrschende Klasse, der sich die fokussierte Zielgruppe verweigert. Und in Berlin Luxusprobleme fehlgesteuerter Wollsockenökos.

Muss man ja mal gesagt haben.

(Fotos: Facebook)

Bregenzerwaldhüttenansichten

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Berlin: konformistisch umzingelt

Der niederländische Architekt Winy Maas auf die Frage, wie er Berlin im Zusammenhang mit Innovation sieht:

“Ich liebe und hasse Berlin. Die Stadt ist ein liebenswerter Ort. Bei niedriger Wirtschaftsleistung kann man hier eine Menge Freizeitspaß haben. Wie könnte man also gegen Berlin sein? Auf der anderen Seite pflegen eure Wortführer auf städtebaulichem Gebiet einen enormen Konformismus, sie umzingeln Berlin mit klassischen Baublocks. Die Art, wie sie den Städtebau festlegen, tötet viele mögliche Experimente.”

Meine Rede. Berlin ist, wie hier kürzlich beschrieben, noch in der angenehmen Situation, dass eine Menge fitter Leute von außen kommen und hier loslegen. Die zunehmende kapitalistische Zurichtung wird das nach und nach abwürgen.

Die “Wortführer auf städtebaulichem Gebiet” sind nach wie vor massiv beeinflusst von dem unseligen Hans Stimmann, dem Sarrazin der Architektur, der die Entwicklung der Stadt auf unvorhehbare Zeit auf eine katastrophale Art bestimmt hat und mit flachen Publikationen weiter bestimmt. Stimmann hat mit seinem Begriff der kritischen Rekonstruktion den Begriff der Kritik denunziert. Das historische Gedächtnis der Stadt erfahrbar machen, wie das genannt wurde. Das historische Gedächtnis der Stadt sind jetzt Blöcke, die fassadenmäßig kleinteilig kaschiert werden, um die wahren Eigentumsverhältnisse zu verschleiern. Die Kaschierung findet statt, um die immergleiche Stahlbetonbauweise zu verkleiden, mit in der Regel schlampig angehängten Billiggranitplatten, die dem ordentlichen Deutschen sowas wie Solidität vorgaukeln. Zwischen die Platten schiebt der Passant Abfall. Eigentlich unglaublich, dass das Haus in der Brunnenstraße von Brandlhuber das weit und breit einzige Beispiel für wirklich interessante Architektur ist, die außen und innen und bei der Materialität und auch von der Kostenseite her Neues bietet.

Stimmann wirkt auch sechs Jahre nach seinem Abdanken massiv nach. 15 Jahre hat diese intellektuelle, banale und sozialdemokratische Einöde hier die Pfähle gesteckt. In seine Verantwortlichkeit fällt auch der Abriss des Ahornblatts, nur um an diese Katastrophe einmal wieder zu erinnern.

Dass sich trotz der vielen fitten Leute hier einer wie Stimmann austoben darf, macht stutzig. Offenbar wird den Kreativen, wie man sagt, ein paar Ecken gegeben, in denen sie sich austoben dürfen. Den Rest besorgen die Erwachsenen.

Libeskind hatte seinerzeit ganz anderes vor, am Potsdamer Platz. Er wurde von Stimmann und seinem Vordenker Fritz Neumeyer zurückgepfiffen. Natürlich. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass zwischen den vielen banalen Christenarchitekten ein Jude sich besser zurückhalten soll.

Es war damals die angeblich größte Baustelle Europas, auf jeden Fall die meistbeachtete. Es sollte der tollste Platz der Welt werden, nach Aussage der Erbauer. Alle schauen auf Berlin, was sonst. Heraus kam ein Shoppingcenter in einer größtenteils dümmlichen, banalen Kommerzarchitektur. Ein Platz, wie er in Bielefeld oder Ludwigshafen stehen könnte (und auch steht). Das wäre nicht so tragisch, wenn man sich nicht vorher den Anspruch gehabt hätte, mehr bieten zu müssen als Bielefeld. So macht man sich lächerlich.

Stimmann merkt das nicht und freut sich, vermute ich, und plappert irgendwas von “europäisch”, kommt ja immer gut. Es hat vielleicht auch etwas mit dem preußischen Erbe in Berlin zu tun, das trotz aller verzweifelten Aufpolierungsversuche der vergangenen 20 Jahre nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass wir uns in Ostdeutschland in größtenteils unkultiviertem und noch nie mit Kultur, sondern nur mit Obrigkeit berührtem Gebiet befinden. Die zivilisatorische Schicht ist hier besonders dünn, das merkt man bei jeder Busfahrt mit der BVG.

Nochmal zum Ahornblatt: Diese konsequente Entsorgung von DDR-Vergangenheit, die sich auch im Abriss des Palastes der Republik ausdrückt, ist Stimmanns ganz besonderes Anliegen. Jetzt will er die “Altstadt” am Alexanderplatz wieder aufbauen, wobei es sich von selbst versteht, dass der Baukomplex um den Fernsehturm herum weichen soll. Es ist auch hier wieder zielgerichet eines der wenigen DDR-Ensembles, die erhaltenswert wären. Exakt das muss plattgemacht werden. Es könnte daran erinnern, dass jenseits der eigenen Granitplattenkleinbürgerlichkeit noch etwas anderes existierte, das der eigenen Mittelmäßigkeit gefährlich werden könnte, das als Alternative stumm, aber qua Existenz doch nicht so stumm dastünde.

Diese reaktionäre Städtebaupolitik macht sich, so meine Vermutung, auch in den aktuellen Gentrifizierungsdebatten bemerkbar. Wer formal zurück in die heile Welt will, wer “Bürgerlichkeit” sucht und dazu nicht mehr bietet als Granitplatten, wer überhaupt unter Architektur im Wesentlichen Granitplatten schrauben und ökonomische Akkumulationsverhältnisse zementieren versteht, von dem ist nichts zu erwarten. Es ist das alte Ding: Gesellschaft, Strukturen, Prozesse finden im neoliberalen Denken nicht mehr statt, also kann man sie auch nicht erkennen. Ein Platz ist ein Platz ist ein Platz. Granitplatten sind Granitplatten sind Granitplatten. Stimmanns Aufgabe wäre natürlich auch gewesen, sich um die sozialen Bezüge seiner Arbeit Gedanken zu machen. Solche emanzipatorischen Gedanken exitieren für aber den nicht. So gesehen ist der schlicht ein Sozialdemokrat neuer Schule.

Es ist diese deutsche verlogene, kulturlose Kleinbürgerlichkeit, die sich in ihrer verholenen Aggressivität als bedeutsam feiert. Stimmann könnte als Achtundsechziger durchgehen und birgt im Kern das Gegenteil. Lauter merkwürdige Verhältnisse.

Wer Experimente tötet, naturalisiert das Gegebene. So ist es, es gibt keine Alternative. In Berlin nicht einmal zu Granitplatten.

Kurze Anmerkung zum wichtigsten Gegenstand unserer Zeit

Die interessanteste Architektur ist ja oft die an den Behörden vorbeigeschmuggelte: nichtfertig, entwicklungsfähig, offen, spontan. Kaum zu glauben aber wahr: Selbst in Deutschland findet man sowas, wenn auch nur an entlegenen Orten, auf dem Bild in Berlin, was ja aus meiner westdeutschen Perspektive ungemein entlegen ist: im märkischen Sand, kurz vor Polen und somit kurz vor der Taiga.

Und es kommt hier einmal der ISO-Container 668 konkret ins Bild, dessen Einfluss global kaum überschätzt werden kann.
(Foto: genova 2012)

Ansichtssache (1)

Ein vermutlich von einem Architekten entworfenes Haus aus den Siebzigern (Gott habe sie selig) aus einem westdeutschen Kleinstadtneubaugebiet, das in den Siebzigern zwar angelegt, aber merkwürdigerweise erst in den vergangenen fünfzehn Jahren intensiver bebaut wurde.

Da man ja kaum besser als via Architektur gesellschaftliche Phänomene sichtbar machen kann, schauen wir uns die Fassade dieses Kleinods genauer an:

Die vier symmetrisch angeordneten Fenster rekurrieren auf die ganz gewöhnlichen, konservativen rechteckigen Kästen aus der Nachkriegszeit, die man in vielen süddeutschen Gemeinden sieht: kostengünstiges Bauen ohne Firlefanz, aber mit viel Raum. Erker, Sprossen, Türmchen, Pastellfarben, künstliche Fundamente, falsche Säulen und der ganze andere unerträgliche Kleinbürgerscheiß kamen ja erst mit den 1980ern wieder, als es die Postmoderne in die deutsche Provinz geschafft hatte und seitdem jeder anständige Bauherr sich im Baumarkt und zunehmend bei der katalogisierten Fertighausindustrie aus einem reichhaltigen Sortiment angeblich ironischer, augenzwinkender, aber in Wahrheit regressiver und die neoliberale Vernichtungsmaschine vorwegnehmender Formen bedienen kann.

Die beiden Tiefgaragen, die die komplette Hausbreite einnehmen, zeugen vom ungebrochenen Glauben ans Automobil in den Siebzigern, was aus heutiger Sicht den Vorteil hat, dass ein Vorgarten verhindert wurde. Überhaupt ist positiv zu vermerken, dass es keinerlei Grünzeug gibt; keine Tanne, kein Pseudobonsaikrempel, kein Blumenkasten, nichts. Außerdem: keine Rollläden, sondern Jalousien.

Ganz hervorragend auch die Materialauswahl: Den Giebel geradezu revolutionär mit Sichtbeton gefüllt, vertikal verschalt und damit den Gegensatz zum Strukturalismus der horizontalen Betonstruktur betonend, den Zwischenraum mit Kalksandsteinen verblendet. Die Balkonbrünstung ist geschmackssicher und firlefanzfrei mit Waschbetonplatten verkleidet.

Einzig die Sichtblende links am Balkon könnte man der Kritik aussetzen. Aber die wurde sicher nachträglich angebracht.

Schließlich: Das Haus ist giebelständig ausgerichtet, die Giebelseite steht also zur Straße. Die Giebelständigkeit zitiert ein typisches süddeutsches Motiv und bei unserem genauen Hinschauen wird deutlich, dass dieses Haus, das sich in den Siebzigern einigermaßen auf dem Stand des Materials befand, Traditionsstränge in sich aufgenommen und weiterentwickelt hat. Dieses Haus macht also genau das, was ihm vom reaktionären Standpunkt abgesprochen wird: Den Blick zurück aufnehmen, Geschichte beachten. Jedes Detail dieser Fassade atmet Geschichte und denkt sie nach vorne. Die Konstruktion ist so sichtbar und an jeder Stelle ableitbar wie bei der Urhütte, im mittelalterlichen Fachwerk oder im Klassizismus. Im Gegensatz zu den Häusern der Umgebung, die Geschichte als reines Blendwerk behandelt: Fertighäuser, die jegliche bauliche Tradition ignoriert, mit einer verlogenen Materialität arbietet, bei der schon die Herstellungsprozesse entfremdet sind, mit ebenso verlogenen Formen, die keine Geschichte sind, sondern Klitterung. So ähnliche wie die Milchpackungen aus der Massentierhaltung, auf denen vorne drauf eine Kuh auf einer Alm abgebildet ist.

Im herrschenden falschen Bewusstsein ist es aber genau umgekehrt: Die Blendwerkhäuser sind die historisch bewussten, die regional verankerten, die Traditionen aufnehmenden und deshalb richtigen. Die kleinbürgerliche Angst vorm gesellschaftlichen Abstieg soll kompensiert werden durch Nippes, der ans Großbürgerliche erinnern möge und so zumindest auf der eigenen Scholle ein Refugium schafft, wenn auch um den Preis jeglicher Authentizität.

Das Haus da oben ist das Fremde, von außen Eindringende, Intellektualisierte und somit Zersetzende, Unwohlfühlige, Falsche. Es muss weg.

Wir sehen also: eine vollständig geschmackssichere Fassade, weil sie sich in keinem Detail von der entwürdigten baulichen Umgebung leiten lässt, sondern konsequent ihren Weg geht, einen der jederzeit begründbaren Ästhetik bis ins Detail, und zwar immer traditionsbewusst. Selbst die Hausnummer verzichtet auf den Versuch der pseudobarockisierenden und doch nur massenmaschinell hergestellten Schnörkelei.

Was soll diese merkwürdige Analyse? Kein “früher war alles besser”. Doch bis etwa 1980 sind deutsche Neubaugebiete in der Regel genießbar. Regressive Bauherrn gab es sicher auch, aber ihnen wurde kein entsprechendes Material geboten. Wer heute durch ein durchschnittliches deutsches Neubaugebiet geht, bekommt bekanntlich schnell Brechreize. Diese ästhetische Barbarbei der Mittelklasse hat ihre Gründe, und darüber ist zu sprechen. Je weiter man nach Osten kommt, desto schlimmer wird es. Wobei auch die jüngste Baukunst am Niederrhein eine absolute und jedes Detail durchdringende ästhetische Katastrophe darstellt. Noch schlimmer ist Polen.

Das eine ist die Qualitätsarchitektur in Fachzeitschriften. Doch im Alltag herrscht derzeit eine ganze Baugeneration, die sich der Regression, dem Ressentiment, dem falschen Bewusstsein verschrieben hat. Sicher insgeheim ahnend, welchen Scheiß sie da machen.

Ich bedanke mich bei jenen, die allen Ernstes bis hierhin gelesen haben, für die Aufmerksamkeit.

(Foto: genova 2012)

o.T. (7)


(Foto: genova 2012)