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Die Unwirtlichkeit unserer Besitzverhältnisse

28. Dezember 2009 · 1 Kommentar

Wiederlektüren lohnen. Zum Beispiel erinnert die Unwirtlichkeit unserer Städte von Alexander Mitscherlich an das seinerzeit heiße Eisen Bodenpolitik und Bodenreform. Heute sind eher die monströsen und angeblich gescheiterten Großsiedlungen auf der grünen Wiese ein Thema, die städtebaulichen und wohnsoziologischen Aspekte werden betont. Mitscherlich dagegen redet noch davon, dass die Besitzverhältnisse entscheidenden Einfluss auf die Wohnqualität und damit auf die gesamte Stadtentwicklung nehmen. Und Mitscherlich stand damit nicht alleine:

„Wir leiden nach meiner tiefsten Überzeugung in der Hauptsache in unserem Volke an der falschen Bodenpolitik der vergangenen Jahrheznte. Ich betrachte diese falsche Bodenpolitik als die Hauptquelle aller physischen und psychischen Entartungserscheiungen, unter denen wir leiden [...] Die bodenreformerischen Fragen sind nach meiner Überzeugung Fragen der höcshten Sittlichkeit.“

Das sagte immerhin Konrad Adenauer in den 1920er Jahren, damals noch als Oberbürgermeister von Köln. Welcher OB würde sich heute trauen, so daherzureden? Als Adenauer Bundeskanzler war, hatte ihn das Kapital schon im Griff, denn, so Mitscherlich: „Was ist in der Äre Adenauer zur Bodenreform geschehen? Nichts.“

Mitscherlich macht klar, dass das ganze Gerede von neuen Städten und neuer Wohnqualität nichts taugt, wenn nicht die Eigentumsfrage gestellt wird. Das dies nicht passiert, liege „an der Heiligkeit des Besitzes“ und an den „egoistischen und irrationalen Motiven der Bodenbesitzer“. Deshalb wird der „Baufachmann“ keine befriedigenden Lösungen anbieten, „weil er gegen den Egoismus der Besitzenden machtlos ist“.

Ein Kongress des „Forschungsinstituts für die lombardischen Städte“ brachte es 1962 in Stresa auf den Punkt: Gewänne der Westen nicht stärkeren Einfluss auf die „Kontrolle des Grund und Bodens“, könne er niemals gegen den „Osten“ gewinnen. Man höre und staune. Nach gängiger Deutung war der Kampf 1962 schon längst entschieden. Die fehlende Bodenspekulation im Osten führte immerhin dazu, dass in den Innenstädten noch Menschen wohnten und nicht nur Büroangestellte arbeiteten.

Dennoch kann sich auch Mitscherlich einer nur vermeintlich rationalen Denkweise nicht entziehen, die sich schließlich als eine herausstellt, die leicht ins irrationale abkippt. So beklagt er, „dass die Stadt nach wie vor kein rational gesuchtes Gebilde ist, sondern dass in ihr eine Menge zum Scheitern verurteilter irrationaler Hoffnungen zusammenfließen.“ Mitscherlich kritisiert folgerichtig nicht die Stadtplanungen der Sechziger an sich, sondern er beklagt, dass Anthropologen und Psychoanalytiker dabei keine Rolle spielen. Die Frage, ob Siedlungen überhaupt aus einem Guss planbar sind oder geplant werden sollen oder ob man von Stadt immer nur als work in progress sprechen kann, wird sich erst zehn oder fünfzehn Jahre später stellen.

Wie auch immer: Es kam in der Bundesrepublik nie zu einer Abschöpfung des Wertzuwachses des Bodens. Es wurden die reich, die zufällig ein paar ursprünglich fast wertlose landwirtschaftliche Grundstücke geerbt hatten, deren Wert erst durch Maßnahmen der öffentlichen Hand (Ausweisung als Baugelände, Straßenbau) überhaupt real wurde. Mitscherlich spricht hier in Bezug auf die CDU/CSU auch von der „christlich dekorierten Unterwürfigkeit vor den Bodenbesitzern“. Die Heiligkeit des Besitzes eben.

Die Untwirtlichkeit der Städte ist genau genommen eine Aufsatzsammlung, die Anstiftung zum Unfrieden ein weiteres lesenswertes Referat darin. Dort geht es ans Eingemachte. Die gestaltungshemmenden Bodenbesitzverhältnisse waren zur Zeit der Niederschrift, 1965, wohl noch mehr ein Thema als heute, doch die ästhetischen Aspekte machten das Buch damals, weit vor postmodernen sozialen und ästhetischen Diskussionen der 1980er Jahre, ganz richtig zu etwas Besonderem. Aus der Sicht der Psychoanalyse schreibt Mitscherlich: „Wir beobachten zugleich die Flucht in Raumästhetik, welche die fehlenden menschlichen Affektbeziehungen trügerisch ersetzen soll.“ Er liefert auch gleich eine, an Thomas Bernhard erinnernde Erklärung: „Noch nie zuvor in der Geschichte hat eine so bedenkenlose und vorerst noch keineswegs abgeschlossene Traditionsvernichtung stattgefunden.“ Moderne Raumgestaltung, die das Primat des Ästhetischen vertritt und reale soziale Bezüge unbeachtet lässt. Eine Moderne-Kritik, die regressiv wäre, würde sie nicht differenzieren. Denn zum einen sieht er keineswegs einen Ausweg zurück in die Vergangenheit. Die „Mietskasernenepoche“, also die Hobrechtsche Stadterweiterung in Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war ebenfalls gekennzeichnet vom „brutalen Niedertrampeln der Individualitätsfreuden“, die man ja heute in geschichtsseeliger Vergessenheit gerne ausblendet. Zum anderen lobt Mitscherlich ausdrücklich die Ideen Le Corbusiers und seiner Wohnmaschinen, die eine „Intensivbesiedelung“ zum Ziel gehabt hätten. Allerdings habe er zuwenig beachtet, dass diese Besiedelung „eine neue Form der städtischen Gemeinschaft“ vorausgesetzt hätte „und auch von einer anders akzentuierten Privatheit“ ausgegangen sei, „als sie das überkommene Gewohnheitsschema suggeriert“.

Mitscherlich will mehr Demokratie, mehr Mitbestimmung und der Regionalplanung einen höheren Stellenwert einräumen, den vor allem die Bewohner erkennen müssten. Trabantenstädte führten zur Entdemokratisierung, zur fehlenden Identifizierung mit der konkreten Umwelt, zu Sprachlosigkeit, zur Asozialität. Die moderne Stadt im Kapitalismus schafft keine „libidinöse Einbindung“, sondern „aggressive Enttäuschtheit“. Heute Standardwissen, damals nicht. Und das führt wiederum zu verzogenen Kindern:

„Vornehmlich in Deutschland wird die Verfügungsgewalt über das Kind mit der gleichen Rücksichtslosigkeit ausgeübt, die man auch sonst Minoritäten gegenüber für angebracht hält. Der faktische Unverstand bildet sich auf die Roheit seiner Methodik noch etwas ein.“

Architekturkritik als Modernekritik und Modernekritik nicht als eine, die zurück will in eine verklärte Vergangenheit, sondern so genau hinschaut, dass der Text auch fünfundvierzig Jahre später noch lesenswert ist. Komisch, wenn man dann erfährt, dass das Buch im Psychologiestudium keine Rolle mehr spielt.

Kategorien: Architektur · Deutschland · Geschichte · Kapitalismus · Politik
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Berlin: Die herrschende Klasse plappert sich warm

15. Dezember 2009 · Kommentar schreiben

Der Berliner Tagesspiegel bietet hin und wieder guten und kritischen Journalismus. Bei manchen Reizthemen muss er allerdings reflexartig klarmachen, dass er die Interessen der herrschenden Klassen vertritt. Beispiel Mieten. Heute berichtet die selbsternannte „Zeitung für Berlin und für Deutschland“ in großer Aufmachung über eine Studie des Bonner Immobilienberatungsunternehmens Quaestio, das herausgefunden hat, dass die Mieten in Berlin „billiger als gedacht“ seien (wer hat da gedacht?). Noch besser: Laut der Studie darf es „verzweifelte Wohnungssucher eigentlich gar nicht geben“. Und natürlich erliegt Redakteur Thomas Loy der Versuchung, das beliebte Argument zu bringen, dass München doch viel teurer sei. Bei der Gelegenheit zeigt auch die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer von der SPD, aus welcher Perspektive sie auf die Stadtbewohner herunterschaut:

„Überall in der Stadt gibt es Möglichkeiten, preisgünstige Wohnungen zu mieten“.

Dieser Satz ist eine Lüge. Die Zahl der innerstädtischen Kieze, in denen man kaum eine Wohnung bekommt, geschweige denn eine günstige, steigt immer weiter an. Oder wie soll ich das interpretieren, dass in akzeptabler, aber nicht bonziger Kreuzberger Lage bei einem Wohnungsbesichtigungstermin für eine Erdgeschoßwohnung mit einer Miete von zehn Euro warm pro Quadratmeter 40 Leute auf der Matte stehen?

Altmietverträge sind oft noch günstig. Doch es ist hier seit Jahren ein Thema, dass das Mietniveau bei Neuvermietungen auf dem Niveau von Köln oder Düsseldorf ist. Also noch nicht ganz München, aber wir sind auf einem guten Weg.

Die Quaestio-Studio hat die Investitionsbank IBB in Auftrag gegeben. Ziel ist es, das Potenzial für Mietsteigerungen in Berlin deutlich zu machen. Um nichts anderes geht es hier. Der Tagesspiegel schreibt es zum Ende hin sogar ganz deutlich:

„Die neue Studie dient vor allem dazu, den Berliner Wohnungsmarkt als günstigen Standortfaktor anzupreisen. Unternehmer können ihre Lohnkosten entsprechend nach unten kalkulieren.“

So isses. Warum die Zeitung darüber auf der ersten Seite berichtet, weiß die Redaktion sicher am besten. Beim letzten Satz des Artikels ist der Autor dann wieder ganz PR-Maschine: „Für die Berliner Mieter bleibt die Erkenntnis, dass es ihnen objektiv besser geht als angenommen“. Es schwingt mit, dass es ihnen zu gut geht, vor allem dem ganzen Prekariatspack.

Der Sozialwohnungsbau ist vor Jahren schon zum Erliegen gekommen, die Mietpreise bei neuen Mietveträgen steigen seit ebensoviel Jahren überdurchschnittlich an. Und die Zeitung für die Hauptstadt erledigt das Geschäft der Bonzen.

Vielleicht findet man hier noch was Günstiges: Zwischennutzung in einem Sanierungsgebiet in Berlin-Mitte (oder schon Prenzlauer Berg?)

Passend dazu ein Artikel in derselben Tagesspiegel-Ausgabe über die „wirklichen“ Erbauer des Stadtschlosses. So bekommt die Reaktion endlich ein Gesicht: Wolfgang Thierse (SPD), Hans-Joachim Otto (FDP), allen Ernstes der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz (der in den 1990er Jahren Verwaltungsdirektor der Berliner Volksbühne war, so ändern sich die Zeiten), Hermann Parzinger, alles Mitglieder im Stiftungsrat der Schlossstiftung. Dazu kommen der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Matschies, und die Chefin der Landesbibliothek, Claudia Lux. Wenigstens von ihr hätte man erwarten können, dass sie ein paar Geschichtsbücher liest und die Geschichtsklitterung dann ablehnt. Aber auch das ist offenbar zuviel erwartet. Warum ist eigentlich der Oberhampelmann, der FU-Präsident Lenzen nicht dabei?

Von einem „Meilenstein“ ist die Rede im Artikel über die Schlosserbauer, von einem „Zukunftsprojekt“, das eine Referenz sei für die „Bildungsnation“ Deutschland. Es wird auch begrüßt, dass mit dem Schloss „der Hype um Berlin zementiert“ werde und man endlich „in der selben Liga wie London oder Paris“ angekommen sei – was auch wieder einen dezenten Hinweis auf das avisierte Mietniveau gibt, das es freilich noch ein wenig zu hypen gilt.

Vielleicht ist im Druckhaus des Tagesspiegel ja eine Fahne der Titanic dazwischengeraten.

Die Mieten sollen steigen, dass Schloss soll wiedererstehen, der Tagesspiegel druckt PR-Artikel und den Rest besorgen Pöbler wie Sarrazin und Sloterdjik. Keine Sorge, es läuft.

(Foto: genova)

Kategorien: Architektur · Berlin · Geschichte · Neoliberalismus · Politik · Zeitungen
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Schweiz: Warum mit Blocher keine direkte Demokratie zu haben ist

4. Dezember 2009 · 12 Kommentare

Ein paar viel zu späte Anmerkungen zum Schweizer Minarettverbot.

Grimmig kommt es daher, das Plakat zur Initiative: Eine burkaverschleierte Frau, bestimmt eine Selbstmordattentäterin, und eine Schweizer Flagge, die von schwarzen und bedrohlichen Minaretten, raketen- und phallusgleich, beherrscht wird. Mit der Realität hat das nichts zu tun: Es gibt in der Schweiz genau vier Minarette. Wie viele Burkaträgerinnen gibt es dort? In Frankreich sind es, nach Ermittlungen des französischen Inlandgeheimdienstes, 357, sagt die Süddeutsche Zeitung. In der Schweiz demnach in etwa so viele Burkaträgerinnen, wie es Minarette gibt.

Das Thema ist also, anders als das Plakat es suggeriert, keines. (Die kulturhistorisch interessantere Frage, nämlich ob Minarette via Architektur einen Machtanspruch signalisieren, wurde kürzlich im Tagesspiegel abgehandelt.) Dass dennoch 57 Prozent der zur Wahl gegangenen Schweizer „ja“ zu dieser Initiative sagen, zeigt einerseits natürlich, dass es überraschend viele Deppen unter den Schweizern gibt. 57 Prozent haben offenbar kein Problem mit dem tendenziösen Plakat, mit der Lächerlichkeit des Anliegens insgesamt, mit dem antizivilisatorischen Effekt, mit der in Teilen rechtsradikalen Partei, die dahinter steht. (Andererseits wurde diese in Teilen rechtsradikale Partei ja auch bei turnusmäßig stattfindenden Wahlen schon mit 20 oder 30 Prozent gewählt.)

Was eigentlich dahinter steht, ist etwas anderes: Zum einen das, was man das kollektive schlechte Gewissen Europas nennen könnte. Dass sich seit Jahrzehnten Menschen weltweit aufmachen, um hier besser zu leben, hat ja auch mit der Politik Europas in den letzten vier Jahrhunderten zu tun. Afrika ist von Europäern nachhaltig zugrunde gerichtet worden. Ein Kontinent, dessen Bevölkerung in weiten Teilen jahrhundertelang rechtlos gehalten und dann, oft Hals über Kopf, ver- und sich selbst überlassen wurde. Bürgerkriege waren die Folge.

Das europäische Kollektiv hat, ganz zu recht also, ein schlechtes Gewissen. Und schon deshalb traut man Fremden nicht, denn man könnte ihnen ja nur trauen, wenn man annähme, dass sie sich nicht genauso unmöglich verhalten wie man selbst (nicht nur) in der Vergangenheit. Das ist die europäische Version dieser Abstimmung. So gesehen ist die Schweiz überall.

Zum anderen ist das Minarettabstimmungsergebnis ein spezifisches Problem der Schweiz. Man kann die Schweiz wohl als Schmarotzergesellschaft beschreiben. Milliarden fließen jedes Jahr zu Schweizer Banken, weil die Schweiz Verschwiegenheit garantiert. Milliarden, die in der Regel im Erzeugerland nicht versteuert wurden. Wie viele Milliarden fließen aus Berlusconiland jährlich ins Tessin? Wie viele Milliarden aus Deutschland nach Zürich? Die Schweizer wissen unbewusst wohl sehr genau, dass sie ihren hohen Lebensstandard nicht halten könnten, wenn diese kleine Ländchen, noch dazu mit einer in weiten Teilen als absurd zu bezeichnenden Topographie ausgestattet, die ohne teure Technik kaum zu bewältigen wäre, auf sich selbst gestellt wäre. Wo wäre denn die Schweiz ohne das viele Schwarzgeld? Gibt es dazu Berechnungen? Was würde aus dem Absatz von USM Haller in der Schweiz? Gäbe es dort immer noch die am besten gearbeiteten Sichtbetonwände? Und das herausgeputzte Zürich, wogegen München als verlottert gelten kann? Wer macht die Bilanz auf? Die USA machen mittlerweile Druck wegen des Bankgeheimnisses, die EU auch. Die Schweizer spüren wohl, dass ihr Schmarotzerleben auf wackeligen Beinen steht.

Die Schweizer sind also, volkswirtschaftlich betrachtet, Schmarotzer, die wohl nur noch von den Liechtensteinern übertroffen werden. Und genau deshalb zeigen sie den Muslimen jetzt die rote Karte und geben den schwarzen Peter weiter. Alles verständlich, wer getreten wird, tut treten.

Und so kommt es zu dieser brisanten Mischung: Ölscheichs sind mit ihren Milliarden willkommen, da können sie ruhig ihren Frauen eine Burka umhängen. Aber wehe, der gemeine Moslem macht sich als solcher bemerkbar.

Man hat ja nichts gegen das Fremde, nein. Man muss sich nur seiner Haut erwehren. Sonst fordern die Verarschten wohlmöglich noch ihr Recht.

Übrigens: Es gibt in der Schweiz mittlerweile angeblich auch eine Germanophobie. Fast schon lustig, dass wir, so gesehen, uns mit den Muslimen solidarisieren können als arme Unterdrückte, aber natürlich nur, wenn wir in der Schweiz leben.

Schade allerdings, dass nun auch die Schweizer bewiesen haben, dass direkte Demokratie nicht umsonst zu haben ist. Eine Bevölkerung, die sich mehrheitlich an einer schlicht fremdenfeindlichen Kampagne beteiligt, müsste sich fragen, ob sie von direkter Demokratie nicht die Finger lassen soll. Ob Blocher oder die Bildzeitung: Wer solche Phänomene beheimatet, ist offenbar zur direkten Demokratie nicht fähig.

(Plakat: Minarette.ch)

Update: Ein hervorragender Artikel zum Thema beim Spiegelfechter.

Kategorien: Architektur · Fremdenfeindlichkeit · Kapitalismus · Rechtsaußen
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Materialkunde 2 (Granit/Beton)

2. Dezember 2009 · 1 Kommentar

Park in Barcelona, vor ein paar Jahren angelegt.

(Fotos: genova)

Kategorien: Architektur · Design · Fotografie · Städte
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ICC: Was von Monarchie und Alltag übrigbleibt

22. November 2009 · 11 Kommentare

In Berlin wird derzeit diskutiert, ob das Kongresszentrum ICC abgerissen werden soll. Begründung: Das Monstrum ist überholt. In der Tat ist die technische Ausstattung nicht mehr zeitgemäß, vor allem, was die Energiebilanz angeht. Dennoch kommen die Abrissforderungen so vehement, dass man sich fragen muss, was dahinter steckt.

Die Diskussion ist, natürlich, gesellschaftspolitisch zu verorten. Das ICC ist in den Siebzigern gebaut worden, und deshalb sind in den Bau eine Unmenge neuer, gewagter und seinerzeit fortschrittlicher Ideen eingeflossen. Fortschritt hat sich in den vergangenen Jahren aber bekanntlich schleichend in Reaktion gewandelt, und deshalb ist das ICC heute nicht schützenswert. Der Klotz muss weg. Rationale Argumente fallen dabei unter den Tisch. Beispielsweise die Einzigartigkeit der Architektur. In Deutschland und (meines Wissens) weltweit gibt es kein vergleichbares Gebäude, sowohl ästhetisch als auch von den Dimensionen und der Struktur her. Das Leitystem, also die Orientierung der Besucher im Gebäude, war seinerzeit völlig neu. Dazu kommt die verkehrstechnische Situation: Umgeben von Autobahnen und mit einer unterirdischen Autozufahrt. Grund genug eigentlich, das Ding unter Denkmalschutz zu stellen.

Nicht so in Berlin. Die Wirtschaft hat sich in Form der Industrie- und Handelskammer schon positioniert:

„Aus Sicht der Wirtschaft darf jetzt keinesfalls die lähmende, ideologische Diskussion über die ´Ikone` ICC wieder aufleben.“ Außerdem wird „rasche Entscheidung“ des Senats „angemahnt“.

Es soll also auf rein wirtschaftlicher Basis entschieden werden. Und diese Basis führt angeblich zum Abrissbeschluss.

Von wegen: Das ICC ist sehr gut ausgelastet und der Abriss würde eine hohe dreistellige Millionensumme erfordern, da das Teil so massiv und statisch kompliziert gebaut wurde. Laut dem leitenden Bauingenieur von damals sei dagegen der Abriss des Palastes der Republik „ein Kinderspiel“ gewesen. Der Mann rät vom Abriss dringend ab, da nicht einmal er selbst wisse, wie das ökonomisch vertretbar vonstatten gehen könne.

Das ICC passt ideologisch nicht mehr in die Zeit, sodass selbst solche Inneneinrichtungen der Abrissbirne geopfert werden sollen. Man hat von der Abrisswut der Nachkriegszeit nichts gelernt. Alles, was eine im Moment nicht passt, was im Moment nicht angesagt ist, wird zum Abschuss freigegeben. So lief das in den 1950er Jahren auch, als straßenzugsweise an Altbauten die Abrissbirne geschlagen wurde.

Nun wird das Ganze zusätzlich lehrreich, wenn man die ICC-Ablehner vergleicht mit den Stadtschloss-Befürwortern. Es wäre interessant zu erfahren, wie groß die Schnittmenge zwischen beiden ist. Ich vermute, sehr groß.

Denn es geht nun einmal nicht zusammen, sich über Walter Ulbricht zu echauffieren, der den Schlossabriss 1950 zu verantworten hatte, und gleichzeitig den Abriss des ICC fordern. Hier zeigt sich wieder einmal das wahre Gesicht dieser Leute. Ein Gebäude ist jetzt nur dann erhaltenswert, wenn es aus der guten alten Zeit stammt.

Der Schlossabriss seinerzeit mag falsch gewesen sein, doch immerhin gab es einen guten Grund, den Kasten plattzumachen: Er repräsentierte eine vormoderne, inhumane und undemokratische Herrschafts: die Monarchie mit all ihren Formen, Absolutismus. Das ICC steht für ein Vorwärtsdenken, das sich in Massenkultur ausdrückte und überhaupt darin, dass die Masse als respektables Moment von Gesellschaft wahrgenommen wurde. Man könnte das ICC sogar als Gehäuse sehen, in dem 20.000 Menschen auf einmal weitergebildet wurden und werden.

Ein anderer Aspekt ist heute natürlich problembehaftet: Der Gedanke, dass es die Technik schon richten wird, die Gigantomie. Doch 20.000 Leute in unterschiedlichen Veranstaltungen in einem Gebäude sich bewegen zu lassen, erforderte neue Herangehensweisen. Dass die Beschilderung dann der auf Autobahnen ähnlich ist, muss nicht so schlecht sein, wie es der deutsche Romantiker empfindet, wenn man diese Beschilderung als etwas dem Individuum Äußerliches betrachtet, das nicht notwendigerweise seine Seele verbiegt. Und gab überhaupt ein Denken nach vorne, und das Bedürfnis, Technik für gesellschaftlichen Fortschritt einzusetzen, ist uralt und nicht grundfalsch, sondern völlig ok. Ohne dieses Denken wäre nicht einmal das Rad erfunden worden.

[Fotos: Wikipedia (1), abfotografiert in der Ausstellung zum ICC im Heimatmuseum Berlin-Charlottenburg (2, 3, die Originalfotos sind von Mila Hacke aufgenommen), von Postkarte abfotografiert (4)]

Einen interessanten, knapp halbstündigen Film zum Bau des ICC gibt es hier.

Kategorien: Architektur · Berlin
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Kein Zufall 2 (Vorstadt)

31. Oktober 2009 · 3 Kommentare

(Fotos: genova)

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Kategorien: Architektur · Fotografie

Kein guter Tag in Zlín

17. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Dass die Dialektik der Aufklärung nach Auschwitz führen kann, ist bekannt. Doch auch abseits diese Katastrophe stolpert man beim Blick aufs Detail oft über Rational-Irrationales, beispielsweise in Zlín.

In der osttschechischen Stadt hat der Industrielle Tomás Bata um 1900 eine Schuhfabrik samt Wohnmöglichkeiten für die Arbeiter gebaut. Bei einer Reise in die USA erwärmte sich Bata für tayloristische und fordistische Arbeitsprinzipien, also Arbeitsteilung und Fließbandproduktion. Das führte nach seiner Rückkehr dazu, dass er die Effizienz- und Rationalisierungsmöglichkeiten auf die Spitze trieb. So verbot er seinen Mitarbeitern Begrüßungsformeln am Telefon und kontrollierte die Einhaltung dieser Vorschrift durch Gesprächsmitschnitte, die sogar auf Grammophonplatten aufgenommen wurden. „Guten Tag“ oder „Wie geht es Ihnen“: überflüssiges Kauderwelsch, das Zeit kostet und zu Lasten des Profits geht.

Heute läuft es anders herum, aber nicht weniger erstaunlich. Kein Supermarkt-Angestellter, kein Blumenhändler, kein Verkäufer einer Obdachlosenzeitschrift, der einem nicht „einen schönen Tag noch“ wünscht. Selbst mein local dealer macht das (wobei das in diesem Fall ein Vehikel ist, das illegalem Verhalten etwas legales, offizielles geben soll, was auch fast gelingt). Dieser Spruch nach dem Kaufakt kommt so zuverlässig wie Weihnachten und hat mit individueller Kommunikation nichts zu tun. Wahrscheinlich überwachen anonyme Tester die Einhaltung dieser Vorschrift, die Ergebnisse werden sicher auch festgehalten, wenn auch nicht auf Grammophonplatten. Das Standardisierte und Künstliche solcher Dialoge wird besonders deutlich, wenn die Brötchen-Verkäuferin morgens um halb acht einen „schönen Tag noch“ wünscht, wo er doch gerade erst begonnen hat.

Der Verblendungszusammenhang reicht bis in die kleinste Ritze. Freundlichkeit als zur Floskel reduziertes zweckrationales Handeln. Fast noch verlogener als Batas Ansatz, sie wegzulassen.

(Quelle: bauwelt 26/09)

Kategorien: Architektur · Kritische Theorie · Städte
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Monarchie und Alltag: Die Linke und das Schloss

16. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Die schwarz-gelbe Koalition will bis Sonntag ihren Koalitionsvertrag unter Dach und Fach bringen und muss auch zum geplanten Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses Stellung nehmen, weil die Vorgängerregierung rund 440 Millionen Euro zuschießen wollte. Das Projekt ist ins Stocken geraten.

Deshalb melden sich nun bis Sonntag alle mehr oder weniger berufenen Leute zu Wort. Dass CDU-Lokalpolitiker keine Verzögerung des Schlossaufbaus wünschen, verwundert nicht. Dass aber auch der Kulturpolitiker der Linksfraktion, Wolfgang Brauer, sich verschwommen äußert, ist merkwürdig. Er sagt: „In Zeiten der Not können wir uns ein Schloss nicht leisten.“ Und wenn die Not vorbei ist? Ist die Linkspartei dann für den Schlossbau?

Googeln zum Thema bringt eine Menge schaler Aussagen. So meinte die Berliner Linkspartei 2007, dass eine Rekonstruktion der Fassade okay sei, wenn sie aus privaten Spenden realisiert werde. Sechs Jahre vorher schrieben Petra Pau, Thomas Flierl und Carola Freundl ein Positionspapier, in dem sie ein Schloss deutlich ablehnen:

„Der Verlust des Berliner Stadtschlosses ist nicht zu ersetzen. Wir müssen den Verlust durch erinnernde Trauerarbeit annehmen, uns nicht aber durch Surrogate über den Verlust hinwegtäuschen. Ein solches Surrogat ist die Forderung nach der Errichtung eines Gebäudes in der Kubatur und mit der Fassade des Berliner Stadtschlosses.“

Damals stand allerdings auf dem Schlossplatz noch der Palast der Republik, den sie gerne erhalten hätten. Der ist jetzt weg, da erlahmt offenbar der Widerstand gegen die Symbolpolitik der Reaktion.

Vielleicht kommt hier das kleinbürgerliche Moment der Linkspartei zum Vorschein. Dennoch und gerade deshalb wäre alles andere als eine klare Ablehnung jedweder Schlossatrappen für die Genossen ein Armutszeugnis.

Kategorien: Architektur · Berlin · Politik
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Duisburg: „Architektur im Aufbruch“

12. Oktober 2009 · 2 Kommentare

Eine empfehlenswerte Ausstellung, nicht nur für Architekturinteressierte: „Architektur im Aufbruch. Planen in den 1960ern“ in der brutalistischen Duisburger Liebfrauenkirche (bis 18. Oktober).

Ganz sonderbar und heute fast nicht mehr begreiflich: Es gab damals noch ein Gespür und ein Interesse für gesellschaftlichen Fortschritt. Man dachte ganzheitlich, man hatte keine Angst vor neuen Ideen, waren sie auch unausgereift, und man hätte sich empört, wäre man wegen seiner Visionen zum Arzt geschickt worden.

Die Metastadt Wulfen, nördlich des Ruhrgebiets gelegen, war so eine Vision:

Flexible Wandkonstruktionen und dynamische Außengestaltung, die individuelle Grundrisse und Balkone für alle möglich machte. Eine architektonische Entwicklung, die auf die Fehler im Massenwohnungsbau der Nachriegszeit reagierte, wo haufenweise langweilige Zeilenbauten vor die Städte gestellt wurden, wie auch eine Möglichkeit, ausufernde Siedlungsteppiche von Einfamilienhäusern zu verhindern. Die ursprüngliche Gestaltung sah einen viel größeren Komplex vor. Die Bewohner waren in den 1970er Jahren laut Ausstellungsvideo noch sehr zufrieden mit ihrem neuen Zuhause.

Das Gebäude erinnerte an die HABITAT-67 inMontreal:

Habitat_panorama

Der Rohbau der Metastadt, wenn man das so nennen kann:

Metastadtskelettfarbig

Leider war die technische Umsetzung in Wulfen nicht optimal, in das Verbundsystem aus Hohlräumen drang Wasser ein, das in alle Etagen einsickerte. Die richtige Idee zur richtigen Zeit, leider in der Beta-Version. Die Metastadt wurde 1987 abgerissen, der gesellschaftliche Trend war dann auch ein anderer, die Wohnidee der Metastadt wurde begraben. Schade.

(Fotos: Wulfen-Wiki und Wikipedia)

Kategorien: Architektur · Design · Politik
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Schlampige Großmannsucht

25. September 2009 · Kommentar schreiben

Das Berliner Schloss wird vorläufig nicht wieder aufgebaut. Die Vergabekammer des Bundeskartellamts (was es nicht alles gibt) hat das so entschieden, weil der ausgewählte Architekt, Franco Stella, offensichtlich überfordert ist: Sein Büro ist kleiner als von ihm selbst angegeben (er hat nur einen Mitarbeiter statt vier), und er hat sich seine leitende Rolle von den professionelleren Kollegen von Gerkan, Mark und Partner sowie Hillmer und Sattler abnehmen lassen,die er via einer „Projektgesellschaft“ ins Boot geholt hat. In Wirklichkeit würden die beiden Büros also bestimmen, was auf dem Schlossplatz gebaut wird, nicht Stella.

So erfreulich es ist, dass dieses reaktionäre Größenwahnprojekt erst einmal gestoppt ist, so interessant ist der Blick hinter die Kulissen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse behauptete vor einer Weile noch, das Bauministerium müsse Stellas angaben nicht prüfen (kein „Baupolizist“). Besser noch: Stella hat im Juni ein zusätzliches Honorar für sich gefordert mit der Begründung, der Vorsitzende des Fördervereins Berliner Schloss, Ruppert Stuhlemmer, müsse auch noch Geld bekommen. Dass der für die Planung der historischen Fassade schon drei Millionen Euro eingestrichen hat, blieb unerwähnt. Stella war nach kurzer Zeit also schon Teil der aus Westberliner Zeiten bekannten Baupraxis: Ohne zusätzliche Gelder läuft nichts. Außerdem exisiteren im Bundesbauministerium keine Unterlagen über die Vergabe, lediglich ein „Konglomerat von E-Mails“, wie die Richter kritisieren.

Schlamperei in deutschen Behörden trifft auf Großmannsucht. Es wäre skurril, wenn aufgrund dieser quasi-kriminellen Strukturen das ganze Vorhaben aufgegeben wird. Aber nicht konsequent. Das Schloss an sich steht ja für aus demokratischer Perspektive kriminelles Verhalten. Ein Schlossherr nimmt sich, was ihm passt, ohne demokratische Kontrolle. Warum sollen sich ausgerechnet die Architekten dieses Schlosses an Gesetze halten, deren Gültigkeit schon von der historischen Schlossfassade infrage gestellt wird?

Deutschland ist zwar willens, aber zu blöd für eine Monarchie. Kommt noch.

Kategorien: Architektur · Berlin · Geschichte · Politik
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