Archiv der Kategorie: Architektur

Keine Reisen mehr

[Das Folgende ist eine rein assoziative Reihung und, wie ich annehme, kaum verständlich]

Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf, Hannover: Bei Reisen fällt auf, dass diese vier Städte austauschbar sind. Bahnhof, Fußgängerzone, die üblichen Handelsketten, die Menschen treten als Konsumenten auf in den üblichen Klamotten, die Kugel Eis kostet zwischen einem Euro und einsdreißig, neuerdings ist auch Bio-Eis im Angebot, sicher ist es nachhaltig und transparent. Die Städte sind im Zentrum im Wesentlichen kriegszerstört, ein paar historische Gebäude werden gepäppelt, bemerkenswerte und nicht geschätzte Nachkriegsarchitektur gibt es eine Menge, in jeder Stadt ein schickes Museum für zeitgenössische Kunst meist in reduzierter, aufs Bauhaus und seine Weiterentwicklungen zurückgehender Architektur, alles gleich reduziert, Sichtbeton, Stahl, Glas, alles plan, alles glatt, so hat man das halt heute. Die höheren Angestellten von mercedesdeutschebankvodaphonecontinental können da ihre Distinguiertheit unter den ökonomischen Beweis stellen, wenn gewünscht.

Das Lokale und das Regionale ist nicht mehr vorhanden und wird als einzeln vorbeikommendes Treibgut nur noch im Klischee organisiert, gemanagt und via Stadtmarketing verkauft: bieder auf dem Level von Spätzle und Maultaschen, wo immer auch das Made in Germany mittransportiert wird (Mercedes ist ja auch eine regionale Marke) in Stuttgart; mit zwanghaft-neurotischem Blick auf Frönde, Kölsch und Schunkeln in Köln; ähnlich in Düsseldorf, aber hier sind die oberen Zehntausend im Fokus, die als Vorbild für die unteren 580.000 dienen; und irgendwie sicher auch in Hannover (wenn nichts geht, wird ja gerne das Grün in der Stadt gepriesen), aber da kommen die Marketingsbemühungen nicht über die Stadtgrenze hinaus. Der Hannoveraner bleibt der eigenschaftslose Bewohner eines eigenschaftslosen Oberzentrums mit tadellosem Funktionieren der Ketten, Bahnhöfe, Autobahnkreuze und Fahrkartenautomaten. Das gilt zwar auch für die drei anderen, aber in Hannover fehlt sogar die lokale Fassade. Nicht mal dialektmäßig ist da etwas herauszuholen. In dieser kompletten Eigenschaftslosigkeit ist Hannover schon wieder interessant. Und es muss hinzugefügt werden, dass die hannoveranischen Ereignisse rund um Wulff, Maschmeier, Schröder und Dunstkreis auch eine Form des Stadtmarketings sind – nicht die uninteressanteste.

Der Blick müsste also im Detail verharren, weil nur im Detail die verwaltete Welt nicht mit Ähnlichkeit geschlagen ist. Die gegenteilige Entwicklung ist der Fall. Je ähnlicher die Welt, desto geringer der Wert, der aufs Detail gelegt wird. Je gleicher die Städte, desto oberflächlicher der Blick darauf. Der Italien-Baedecker aus den Fünzigern offenbart ein Staunen über das Beschriebene, das massentouristische Pendant von heute führt nach dem flotten Abriss irgendeiner Sehenswürdigkeit zur nächsten Starbucks-Filiale. Ob sich der Tourist das Brandenburger Tor anschaut oder den Kölner Dom, ist unerheblich.

Doch der kunsthistorische Abriss bestimmter, als sehenswürdig klassifizierter Gebäude ist in der Tat belanglos. Was soll denn interessant sein an der Auskunft, dass das Haus zwischen 1780 und 1795 gebaut wurde für irgendeinen verwöhnten Prinzen? Es ist ein Detail, das aus dem Zusammenhang gerissen keines mehr ist, sondern bloße Applikation für das Publikum einer vermeintlichen Wissensgesellschaft, wie man das heute nennt. Praktischer Beleg dafür sind die Massen von Touristen, die in der Toskana in jede Kirche rennen, weil man das halt so macht und weil man ja irgendwas machen muss.

Der Blick aufs Detail wäre auch nur dann möglich, wenn das heute übliche Reisetempo radikal in Frage gestellt würde. Goethe brauchte von Karlsbad bis zum Brenner sechs Tage und fand das zu flott: “Die schnelle Abwechslung der Gegenstände gibt zu hundert Beobachtungen Anlass.” Die Pendant zur Kutsche wäre heute ist das Fahrrad und auch das ist meist zu schnell. Der Satz Goethes ist kaum mehr sagbar, denn aus heutigen Perspektiven gibt es keine Abwechslung und keine Beobachtung: Das Detail und der Blick darauf bedingte eine radikal andere Herangehensweise an Stadt.

 

Es wäre im Rahmen dessen zu denken, was Leute wie Markus Sieverts in angenehmer Weise betreiben: Reisen von unten, Reisen aus nicht-herrschaftlicher Perspektive. Sieverts lenkt den touristischen Blick aufs Sein statt aufs Haben, auf den Effekt, den Architektur mit einem macht, weswegen eine Tiefgarage sehenswerter sein kann als ein Einkaufszentrum. Das Staunen des 50er-Jahre-Italientouristen wird von Sieverts auf einer alltäglichen Ebene rekonstruiert, die in der Regel verborgen bleibt. Es ist so ähnlich wie mit serieller Kunst, die im Museum den Bildungsbürgerdepp dazu verleitet, andächtig zu verweilen, während ganz ähnliche Phänomene in der Praxis draußen keine Sau interessieren.

Es wären völlig neue Perspektiven, die sich auch radikal von dem unterschieden, was heute die offzielle Stadtplanung vorgibt: Die totale Kontrolle aller denkbaren Bereiche, die durchrationalisierte Planung und damit Auslöschung aller Affekte. Es ist eine unselige Verbindung der Erwartungen, die der Neoliberalismus an Stadt stellt und der deutschen und also tendenziell totalitären und zwanghaften Verplanung einer jeden spontanen Regung.

In dem Zusammenhang wäre der Begriff der Heimat weiterzuenwickeln. Abseits von konkreten geographischen Bezügen, von Laubsägestil und Kitsch, vom reinen Bezug aufs Dekor ist Heimat dann das, was man sich aneignet. Vielleicht hülfen Ruskin und Morris weiter.

Was ich eigentlich sagen will? Keine Ahnung.

blablafadeout

(Foto: genova 2012)

o.T. (2)

Ein ziemlich skurriles Teil, das Mercedes-Museum in Stutttart von Ben van Berkel. Das Gebäude ist aufgebaut wie ein Wankelmotor, mit verschobenen und damit aufgelösten Hierarchien, Raumspiralen, die ineinander verkeilt sind, doppelt gekrümmete Flächen, horizontale Flächen, die immer irgendwo ins Vertikale abkippen, mit zwei gleichberechtigten Hauptwegen und vielen verschlungenen Alternativpfaden.

Das könnte man fotografieren. Oder die vielen netten Details, die dabei und nebenbei entstehen:

 

 

 

 

 

 

 

Als Museum taugt das Museum leider nichts. Ein Museumsbesucher braucht straffe Führung, einen klaren Weg ohne Alternative, einen roten Faden durch die Ausstellung, er will nicht gefragt, sondern an die Hand genommen werden, nicht alle drei Meter einen Abzweig, der eine Entscheidung verlangt, zu deren Treffen die nötigen Informationen fehlen. Es ist eine merkwürdige, überfordernde Interpretation von Freiheit.
(Fotos: genova 2012)

Städtebau von unten

Die städtebaulichen Vorstellungen einer Zweijährigen: Interessanter als das meiste, was deutscheordnungsliebendestudierte Fachleute zum Thema abliefern.

Kinder an die Macht.


(Foto: genova 2012)

Beitrag zum Thema: Fehlender Respekt der Bürokratie vor einstmaliger Avantgarde-Architektur

Eiermanns Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in Berlin. Derzeit komplett zugestellt von Souvenirbuden, behördlich genehmigt. Außenrum ist jede Menge Platz, man hätte ohne weiteres andere Stellmöglichkeiten gefunden.

Man versuche mal, solche Buden im Lustgarten aufzustellen. Oder am Gendarmenmarkt. Oder auf der Museumsinsel. Oder am Hackeschen Markt. Oder am Zionskirchplatz. Oder unter den Linden. Etc.


(Foto: genova 2012)

Momente der Weltgeschichte. Heute: Le Corbusier trifft Modulor

Ein wunderbares Bild: Le Corbusier trifft seinen Modulor und schaut ihm tief in die Augen. Corbusier scheint ein wenig distanziert, kein Wunder bei dem extrem strukturierten, mechanistischen und also dumpfen Blick des Modulors. Hat er vielleicht etwas falsch gemacht? Individuum trifft entworfenen Durchschnitt, da kann einem schon mulmig werden.

Außerdem frage ich mich, warum Corbusiers Durchschnittsmensch so dicke Ober- und Unterschenkel hat und so dünne Knie? Und der extrem große Bauchnabel ist meiner Beobachtung zufolge kein durchschnittlicher, sondern weist sicher auf unbewältigte Kindheitserlebnisse des Meisters hin.

Bin ich froh, dass ich kein Durchschnittsmensch bin.


(Foto: abfotografiert von genova 2012)

Hinweis an alle Theoretiker (2):

So geht´s dem Praktiker: Diese Geilomatfrauen organisierten 1958 eine Demonstration für den alten Knacker Corbusier (73), weil sein Philips-Pavillion, gebaut für die Expo 58 in Brüssel, am Ende abgerissen werden sollte.


Wikipedia über den Pavillion:

Das umstrittenste Gebäude auf der Weltausstellung war der Philips-Pavillon von Le Corbusier, auch als „Elektronisches Gedicht“ bezeichnet. Der „Höhepunkt der Extravaganzen in Brüssel“, eine spektakuläre Provokation, die dank eines komplett asymmetrischen Bauwerkes alle damaligen Sehgewohnheiten verletzt, so die moderne Beschreibung. „An der Spitze der architektonischen Kuriositäten“ ein Gebäude, in dem eine Multimediashow erlebbar wurde, die ihrer Zeit weit voraus war. „… Einer der wenigen [Beiträge], die an der Weltausstellung auf die wesentlichen Möglichkeiten der Zukunft hinweisen“, so ein Schweizer Kritiker, der gleichzeitig die „allzu nachlässige Ausführung“ kritisierte. Le Corbusier hatte in Zusammenarbeit mit Edgar Varèse (Musik) und Iannis Xenakis (Design) einen Bau geschaffen, in dessen Inneren täglich Tausende einer acht Minuten langen Vorführung einer Komposition aus Licht, Farbe, Ton und Raum beiwohnen konnten. Der zeltartige Bau fasste 500 Besucher und war einzig und allein für diese Vorführung zu gebrauchen bzw. geschaffen. Der Bau selbst bestand aus mehreren im Boden verankerten Betonstreben, zwischen denen nach genauer mathematischer Berechnung kreuzförmig Rundeisen gespannt wurden, die dann sphärisch gekrümmte Netze bildeten. Auf diese Netze wurden passende Betonfertigteile gelegt, die von einem zweiten Drahtnetz gehalten wurden. Anschließend wurde das Bauwerk dann verputzt, sowie mit einem silbernen Anstrich versehen.


(Foto: Wikipedia)

“Außerdem müssen mir die Menschen sympathisch sein.”

Der Architekt Peter Zumthor (er war im Blog hier schon einmal ungenannt Thema) über seine Kriterien, nach denen er Aufträge auswählt:

“Ich nehme Aufträge dann an, wenn ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt vorhanden ist. Außerdem müssen mir die Menschen sympathisch sein. Ich lese mir die Leute aus, für die ich ganzheitlich und sorgfältig arbeiten kann, um ein schönes, gut funktionierendes Haus zu bauen.”

Ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt, wie nett. Zumthor ist in der seltenen Lage, als Freiberufler oder Selbstständiger tatsächlich nur die Aufträge annehmen zu müssen, die ihn wirklich interessieren. Und nicht nur das:

“Ich arbeite nicht nur am Wie, sondern auch am Was, also an Form und Inhalt. Ich habe das zurückschauend auch immer so gemacht: In Bregenz hat man eine Landesgalerie bestellt und zehn Jahre später eine internationale Kunsthalle bekommen; die Thermen in Vals hatten vor zwanzig Jahren ein besseres Sportbad bestellt und etwas ganz anderes bekommen. Die Inhalte wurden nicht über Nacht, sondern nach langen Diskussionen neu formuliert.”

Zumthor macht, was er will, weil das, was er macht, mit voller Überzeugung macht, vielleicht auch mit Liebe zum Gegenstand. Man sieht und fühlt es bei seinen Bauten. Wer Zumthor einmal erlebt hat, weiß, dass er nicht gerade ein Rhetorik-Genie ist. Dennoch (oder deswegen?) ist er glaubwürdig, man nimmt ihm ab, was er sagt. Und man sieht, dass man ihm abnehmen kann, was er sagt. Er behandelt die verwendeten Materialien wie andere nur ihr Geschlechtsteil. Es ist von Vorteil, wenn ein Architekt auch ausgebildeter Schreiner ist.

Das ungefähre Gegenteil von Zumthor ist unser aller Freund Hans Stimmann, der kürzlich auf diesem Blog behandelte rechtsreaktionäre und zugleich sozialdemokratische Berliner Architektur- und Stadtzerstörer. Und es ist sicher kein Zufall, dass Peter Zumthor gerade in Berlin seine größte Pleite erlebte, nämlich mit dem von ihm geplanten Neubau der Topographie des Terrors. Ein komplexer und technisch anspruchsvoller Entwurf ließ die Kosten steigen, Zumthor flog raus, der Rohbau wurde abgerissen. Selbst wenn man bar jedes kulturellen und architektonischen Verständnisses ist, muss man als rein monetär denkender Mensch in einer Touristenstadt wie Berlin ein Volltrottel sein, um einen Zumthor abzureißen.

In Berlin kommen solche Leute in Entscheiderpositionen.

Egal. Was wollte ich sagen? Wohl nur das: Jemand wie Zumthor ist selten, einer, dem es unangenehm wäre, man würde ihm zum Bilbao-Effekt eines von ihm gebauten Museums gratulieren. Einer, der macht, was er will, und erfolgreich ist. Einer, der aus der Zeit gefallen scheint. “Ein gutes Leben braucht viel Geduld”, meinte er anlässlich der Eröffnung des Kolumba-Museums in Köln, aber Geduld ist ja nun nicht mal mehr eine Sekundärtugend.

Ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt. Könnte eine Floskel, PR-Gelaber sein. Ist es bei Zumthor aber nicht, habe ich das Gefühl. Und ich habe das Gefühl, das mich mein Gefühl hier nicht trügt.

(Zitate aus der bauwelt 6/2012)

Berlin: Vertreibung unterm Diktat des Kapitals

Pünktlich zum Wochenbeginn ein weiteres kleines Beispiel, wie Kapitalismus funktioniert. In Berlin fand um das Jahr 1984 die iba statt, eine Bauaustellung, die unter anderem für den neuen Blick auf die alte Stadt sorgte: Es wurden das Wohnen in der Innenstadt reaktiviert, Altbauten instandgesetzt und tausende von bezahlbaren Neubauwohnungen geschaffen.

Kaum zu glauben, aber wahr:

Der damals CDU-geführte Senat verfolgte für die IBA das Ziel, das West-Berliner Zentrum wieder als Wohnstandort zurück zu gewinnen, vor allem für junge Familien. Schwerpunkt war die später bundesweit als beispielhaft gefeierte, sogenannte behutsame Stadterneuerung: der Erhalt der Altbau-Quartiere etwa in Kreuzberg unter Einbeziehung der angestammten Mieter.

Mathias Ungers baute am Lützowplatz architektonisch anspruchsvollen Wohnraum für 250 Menschen, “mit 84 bezahlbaren Maisonette-Wohnungen, alle mit großzügiger Terrasse, einer Raumhöhe von teils drei Metern und Blick in den grünen Innenhof mit Spielplatz.”

Weiter ging es so:

Verändert hat sich seit den 80er Jahren am Lützowplatz vor allem die Nachbarschaft. Gegenüber steht jetzt der Glaspalast der Beratungsgesellschaft KPMG, gleich nebenan die vor zwölf Jahren bezogene futuristische Parteizentrale der CDU. Etwa in dieser Zeit, 1998, ersteigerte die Dibag Industriebau GmbH des Münchner Immobilienunternehmers Alfons Doblinger nach der Insolvenz des Vorbesitzers die Ungers-Bauten. Im Mai 2001 kaufte Doblinger vom Land das zunächst nur per Erbbaurecht überlassene Grundstück. Der Preis für die gut 7 000 Quadratmeter in Berlins neuer politischer Mitte soll bei zwölf Millionen Euro gelegen haben. Schon zwei Monate vor dem Grundstückskauf hatte die Dibag den ersten Abrissantrag für die IBA-Bauten gestellt, begründet mit dem desolaten baulichen Zustand der Wohnanlage.

Jetzt werden die Ungers-Bauten abgerissen. Über eine Noch-Bewohnerin, eine Architektin, berichtet die Berliner Zeitung:

Ihr Mann arbeitet als EDV-Spezialist. Finanziell hat das Paar keine Sorgen. „Aber hier in der Gegend zahlst du selbst für unmögliche Wohnungen inzwischen 1 700 Euro. Das können wir nicht.“ Die Ackermanns ziehen im Mai nach Tegel.

Die beiden zahlen bislang 850 Euro.

Was wird da jetzt hingebaut? Man ahnt es:

Nach ihrem Auszug im Mai werden die IBA-Bauten wohl bald abgerissen. Alfons Doblinger will ein Hotel mit 112 Betten bauen, eine Tiefgarage, drei Geschäfts– und fünf Wohnhäuser. In bester Lage.

So geht das. Eine Vorzeige-Wohnsiedlung, die vor gut 25 Jahren mit Steuermitteln (20 Millionen D-Mark) gebaut wurde, wird jetzt abgerissen. Das ist zum einen natürlich  ökologisch absurd und zeigt, wie wenig Kapitalismus und Ökologie zusammengehen. Ein modernes, funktonierendes Haus nach 25 Jahren abzureißen ist ökologisch in etwa so sinnvoll, wie einen Jahreswagen mutwillig an einen Baum zu fahren. Wäre eine Partei wie die Grünen auch nur noch halbwegs glaubwürdig, müssten sie an einem solchen Beispiel ihr Scheitern eingestehen. Machen sie natürlich nicht.

All diese Fragen sind im Kapitalismus irrelevant, jedes noch so aufgeklärte Argument ist obsolet, weil die Lage des Grundstücks bei anderer Nutzung eine höhere Rendite verspricht. Das Land Berlin hat das Grundstück 2001 für zwölf Millionen Euro an den privaten Investor verkauft. Da steht die Politik natürlich in der Pflicht, die Justiz lässt sich ebenfalls instrumentalisieren. Da können ruhig mal 250 Menschen vertrieben werden. Natürlich bräuchte man dringend bezahlbaren Wohnraum in der Mitte Berlins und nicht deren Abriss, natürlich ist das Verhalten des Investors asozial, natürlich stehen die relevanten politischen Kräfte dieses Landes unterm Diktat des Kapitals (und sind somit nicht mehr relevant), demokratisch kaschiert. Es bringt ja Rendite. Der zuständige Stadtbaurat Ephraim Gothe von der SPD findet das selbstredend in Ordnung:

“Da das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht und sich nicht im Sanierungsgebiet befindet, ist der Abriss nicht zu beanstanden”

Ganz ab davon, dass hier ein Kulturdenkmal zerstört wird (ob unter Denkmalschutz oder nicht) von einem Architekten, der zu den wichtigsten Deutschlands gezählt wird und der 2007 noch eine eigene Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie bekam, was als Zeichen allgemeiner gesellschaftlicher Adeligung gesehen werden kann.

Alles wurscht, wenn es um´ s Geld geht. Auch ein Beleg dafür, dass sich Kultur beliebig instrumentalisieren lässt. In der Nationalgalerie heilig gesprochen, ein paar Kilometer weiter real vernichtet.

Übrigens wäre das ein schöner Anlass für Widerstand: KPMG und die CDU-Zentrale in Sichtweite. Widerstand braucht ja das Konkrete. Leider auch bezeichnend, dass sich um den Abriss eines 25 Jahre alten Komplexes das aufgeklärte Bürgertum nicht schert. Wäre es ein abgefuckter Altbau aus der guten alten Kaiserzeit, würde der Papa mit dem Kind auf den Schultern seiner ehrlichen Empörung auf der Straße Ausdruck verleihen.

(Mir fällt gerade kein guter Schluss ein, also fade out.)

Danke, Hans Stimmann: “Der Sarrazin der Architektur”

So sieht es mittlerweile an vielen Ecken Berlins aus. Eine vorgetäuschte Solidität, die durch bemerkenswert tolerante Spaltmaße selbst den harmlosesten Touristen nicht mehr täuschen kann. Wichtig auch, dass Granitplatten immer poliert sind, das wirkt offenbar hochwertig.

Mittlerweile, weil man an solchen Ecken das Ergebnis der Tätigkeit des ehemaligen Berliner Senatsbaudirektors Hans Stimmann ablesen kann. Also des Menschen, der wesentlich im Berlin der 1990er Jahre (sein Einfluss dauert bis heute an) das durchsetzte, was man gerne “kritische Rekonstruktion” nennt, wo man sich aber fragt, was denn an den gebauten Schachteln kritisch sein soll. Stimmann selbst redete ja gerne von den “Fundamenten der europäischen Stadt”, an denen er sich orientiere. Seine Fundamente dienen nun dazu, Kippen unauffällig verschwinden zu lassen. Die vielleicht ehrlichste Handlung, die man an solch einem Stimmann-Bau vollbringen kann.

Eine schöne Fünf-Minuten-Übersicht über die Auswirkungen der Stimmannschen Regression findet sich hier.

Aus dem Video:

“Dank Stimmans ästhetischem Frackzwang und diffuser Altstadtheileweltsehnsucht ergibt das neue Zentrum Berlins ein kleinbürgerliches, banales, altmodisches, reaktionäres, unrealistisches, provinzielles und vor allem dilettantisches Bild der Stadt…

Im Namen von Geschichte verleugnete Hans Stimmann die Geschichte Berlins. Er radierte ihre Spuren aus, vernichtete die besondere Qualität der Stadt und das Essentielle ihrer Identität.”

Es ist ja nicht nur der Palast der Republik, der weg musste, damit da jetzt ein großes Stück Rasen prangt, es ist auch das Außenministerium der DDR, gleich nebenan, das man eliminierte auf einem Grundstück, das heute ebenfalls immer noch leer ist. Vom zerstörten Ahornblatt, einer wahrhaften baukulturellen Katastrophe,  ganz zu schweigen.

Das slab magazine hat sich kürzlich dankenswerterweise mit den Realitäten der Stimmannschen Ideologie in Text und Bild auseinandergesetzt. Solche Schäden wären verzeihlich, wenn man mit neuen Materialien experimentiert hätte, mit neuen Verarbeitungstechniken oder Anstrichen und im praktischen Langzeitversuch entdeckt man Unzulänglichkeiten. Also das, was  Architekten der 1960er gerne vorgeworfen wird. Es geht hier aber nicht um Avantgarde, sondern um Regression, und weil auch die möglichst billig sein muss, sieht das dann so aus. Selten wird die Kluft zwischen Anspruch und Realität offensichtlicher als in der aktuellen Architektur in Berlin.

Der Architekt Arno Brandlhuber in der Welt:

“Es gibt oder gab bisher nur eine einzige Bildregie, die ganz klar kodiert und stark reglementiert war und die sich eine rückwärtsgewandte, steinerne Oberfläche zueigen gemacht hat. Gleichzeitig wurde jahrelang der Siedlungsbau der zwanziger Jahre, das architektonische Weltkulturerbe von Berlin, als sozialistisch abgelehnt und der bedeutende Architekt und Stadtbaumeister Hans Scharoun diskreditiert. Stimmann mag mit seiner Bildpolitik vielleicht das Schlimmste verhindert haben, wie er glaubt. Aber es ist eben auch nichts Gutes entstanden. Es ist völlig lächerlich, dass Berlin als eine der kulturell anregendsten Metropolen der Welt nicht in der Lage ist, gute Architektur zu produzieren. Und das wird weltweit so eingeschätzt.” (Hervorhebung von mir)

Man kann diesen Ansatz in Berlin ruhig allgemeiner fassen: Es existiert eine spürbare Diskrepanz zwischen dem Ruf Berlins als trendiger, kreativer, progressiver, quirliger Weltstadt einerseits und der hier herrschenden Politik und den hier herrschenden Eliten andererseits. Das, was das Nette, das Differente, das Widerständige, das Interessante an Berlin ausmacht, wird von außen, von Eingewanderten produziert. Die in Berlin Geborenen kann man eh vergessen, die lokale Politik noch mehr. Zu dem alten Westberliner Filz, der solch in der Tat herausragende Persönlichkeiten wie Heinrich Lummer und Klaus-Rüdiger Landowsky hervorgebracht hat, kamen dann Politiker wie Stimmann oder Klaus Wowereit, der bundesweit vor allem deshalb als progressiv gilt, weil er schwul ist.

Wohl überflüssig zu erwähnen, dass Stimmann Mitglied der SPD ist.

(Foto: genova 2011)

MAS: Inhalt und Form im Neoliberalismus

Worum geht es in diesem Artikel? Ich weiß es nicht genau. Zum einen darum:

Das neue Museum Aan de Strom (MAS) im stadtnahen Teil des riesengroßen Hafens von Antwerpen wirkt architektonisch wie aus einem Guss: wesentlich mit handgearbeiteten Sandsteinplatten aus Indien verkleidet, die den Kasten optisch zusammenhalten und ihm trotz seiner Monumentalität etwas Nicht-Abweisendes verleihen, da das Blockhafte durch die haptische und farbliche Differenz von Platte zu Platte gemildert konterkariert wird. Dazu die gewellten Glasscheiben ohne Fensterleibungen, die, wohl das Treppenhaus visualisierend, um die Ecken ansteigend verlaufen und auch damit den Klotz, der an die umliegenden Lagerhäuser erinnert, verweichlichen. Man könnte fast meinen, es wäre ein monolithischer Sandsteinblock in den Hafen von Antwerpen gestellt und dann von einem der großen Kräne, die in der Nachbarschaft stehen, gedehnt worden, worauf dann das Glas zum Vorschein kam, quasi als innenliegende zweite Haut. Überhaupt ist das mal wieder ein nettes Beispiel für die gestalterischen Möglichkeiten, die einem Stahlbetonskelette bieten. Der Segen der statisch nicht mehr notwendigen und damit spielerisch zu interpretierenden Abgrenzung, für dessen Erteilung wir hiermit Gott danken.

Er und die Architekten (Neutelings Riedijk Architecten) wie auch die praktisch Ausführenden haben sich Mühe gegeben.

 

Bei einem durchdachten, ganzheitlichen Entwurf fallen lustige Details um so deutlicher ins Auge: Der Ständer für den Aschenbecher vorm Eingang ruht auf einer Waschbetonplatte, die wahrscheinlich seit den 1970er Jahren da irgendwo unbeachtet rumlag. Sandstein ist nun mal empfindlich, da greift man zu praktischen Lösungen. Mit einer Waschbetonplatte kann man es ja machen.


 
Ist nun der filigrane Kompletteindruck hin? Wohl nicht, aber es macht auch die Rigorosität dieser architektonisch ums Perfekte bemühten Entwürfe deutlich: Solche Gebäude sind kaum noch anschlussfähig, was gerade bei einem Museum ein Problem darstellt, weil da doch eigentlich nur die Hülle zur Verfügung gestellt werden soll. Zum anderen geht es in diesem Artikel nämlich auch darum:

Das Museum selbst (Ich war leider an einem Montag vor Ort. Der Montag stellte sich mir einmal mehr als weltweit gültiger Museumsruhetag dar.) wird zumindest abseits der PR-Industrie kritisch betrachtet:

Mit der Form des MAS hält der museale Inhalt bei weitem nicht mit. Was einst ein Stadtmuseum werden sollte, ist nun ein Kraut- und-Rüben-Museum mit rund 470.000 Objekten und Artefakten aus insgesamt fünf Sammlungen, die in tageslichtlosen, aber mit Licht und Klang sehr theatralisch inszenierten Innenräumen strukturiert sind.

In der Abteilung “Machtentfaltung” werden völlig zusammenhanglos afrikanische Gebrauchs- und Kunstgegenstände präsentiert. Die (grausame) belgische Kolonialgeschichte hingegen wird mit keiner Silbe erwähnt.

Tja. Vielleicht will man dem Publikum keine Bilder von abgeschnittenen schwarzen Kinderhänden und Genitalien zeigen, ganz zu schweigen von den zehn Millionen Kongolesen, die zwischen 1880 und 1920 ermordet wurden. Antwerpen als wichtigster Hafen Belgiens, in dem die Kautschukmassen aus dem Kongo Europa erreichten. Wichtiger ist der Bilbao-Effekt. Und so gibt es eine weitere Destination, wie man sagt, für Architekturtouristen, die der Hülle fröhnen und zeigen, dass neoliberales Stadtmarketing funktioniert. Wo gehobelt wird, fallen Späne, damals wie heute.

Gewohnt liberal sieht das die Zeit:

Doch das Museum, in dem gleich mehrere zuvor verstreute und kaum sichtbare städtische Sammlungen zusammengeführt sind und zum Zusammenklingen gebracht werden sollen, ist nicht nur Schauplatz der Selbstbesinnung der Antwerpener Bürger und des Rückblicks in ihre große Geschichte als Welthafen und Heimat für Kosmopoliten. Es ist auch vibrierendes »Warenhaus« und bedeutendes Kunstzentrum.

Soviel zur bürgerlichen Selbstbesinnung auf eine große Geschichte.

Architektur als die zeitgenössisch beste Möglichkeit, Kritik auszuschalten und Perspektiven umzuleiten. Da bin ich doppelt froh über die Waschbetonplatte.

(Fotos: genova 2012)