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Toll: Deutsche demnächst noch freier

6. November 2009 · 2 Kommentare

Die kleinen Meldungen sind meist die aufschlussreichsten.

So berichtete die Frankfurter Rundschau vor ein paar Tagen, dass die geplante ICE-Trasse von Frankfurt nach Mannheim in möglichst großem Abstand zur Autobahn A 5 gebaut werden soll, „damit diese in Zukunft eventuell noch zehnspurig ausgebaut werden kann“. Gemeint ist der Abschnitt von Frankfurt nach Darmstadt, der momentan achtspurig ausgebaut ist, also vier Spuren pro Richtung.

Das ist also noch nicht genug. Man könnte meinen, die Diskussionen um Peak Oil und End Oil und Klimaerwärmung und Versiegelung und Lärmbelästigung und hohe Energiepreise undundund seien rein theoretische Diskurse von Fachleuten. Andererseits stehen diese Themen mittlerweile in den Schullehrplänen. Demnächst also zehnspurig nach Frankfurt oder nach Darmstadt, wobei man dann testen kann, ob die eigene Karre vielleicht auch Tempo 250 schafft, so wie der ICE nebenan. Platz genug ist ja vorhanden. Und wenn nicht, bauen wir halt eine sechste bzw. zwölfte Spur dazu.

Es ist das Denken der 1960er Jahre, das sich hier fortpflanzt. Wobei eben nur zum Teil: Die gesellschaftlichen Utopien, die architektonischen neuen Wege, neue Formen des Zusammenlebens, kritisches Denken über Gesellschaft und sich selbst, Tabuverletzungen in einem vermittelbaren, politischen Sinn, überhaupt alles mutig nach vorne gedachte, ohne an die Möglichkeit der Realisierung zu denken, sind heute verpönt. Das emanzipatorische Moment wird vernachlässigt und nur noch auf das gestarrt, was man Globalisierung nennt. Der einzige Bereich, in dem sich dieses grenzenlos opitimistische Fortschrittsdenken gehalten hat, ist genau der, der schon am frühesten seine problematische Kehrseite präsentierte: Die automobile Massenmotorisierung.

Genau da ändert sich nichts. Ich persönlich habe überhaupt nix gegen Autos und fahre gerne umher. Aber verkehrspolitisch sollte man da vielleicht doch nicht mehr so naiv rangehen. Passend dazu, dass die Verkehrsminister meist wie Marionetten daherkommen und wahrscheinlich auch welche sind. Und gleichzeitig als Bauminister fungieren. Der baut nun also zeitgleich die zehnte Autobahnspur und das Berliner Schloss. Mit Vollgas in die Vergangenheit. Ich habe das Gefühl, als konserviere man aus der Vergangenheit treffsicher das, was zur Konservierung am wenigsten lohnt.

Das Phänomen der individuellen Freiheit via Auto ist nicht angreifbar. Freie Fahrt für freie Bürger, demnächst noch ein bisschen freier.

A5Langen(Foto: Wikipedia)

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Kleiner Wutausbruch am Rande

19. Oktober 2009 · 5 Kommentare

Wer in Deutschland bahnfahren will, hat zwei Möglichkeiten. Entweder er zahlt einen Mitgliedsbeitrag von 225 Euro pro Jahr (man nennt das trendy „Bahncard 50″) und kann zu halbwegs erträglichen Preisen genau dann in Züge einsteigen, wenn er das will oder muss. Oder er legt sich monatelang vor Fahrtantritt auf einen Zug fest und zahlt, wenn er Glück hat, einen ähnlichen Preis. Verpasst er den Zug oder es kommt etwas dazwischen, hat er Pech gehabt. Er kriegt dann kein Geld zurück und bleibt die nächsten drei Monate zuhause. Wenn er vielleicht noch gar nicht weiß, dass er in zwei oder drei Monaten irgendwohin muss, hat er auch Pech gehabt. Und das, obwohl die Züge im Stundentakt kreuz und quer durchs Land fahren, nicht nur alle drei Monate einer. In Deutschland nennt man sowas Fortschritt.

Es könnte so einfach sein: Die Bahn gehört nach wie vor dem Staat und damit uns allen. Unsere Volksvertreter aber setzen Mafiosi wie Mehdorn oder seinen Nachfolger an die Spitze und fahren damit die Bahn als soziales und effektives Verkehrsmittel seit Jahren konsequent an die Wand. Mittlerweile kutschieren tausende Menschen jeden Tag via Mitfahrgelegenheiten in fremden Autos durch die Gegend, weil die Bahn ein kapitalistischer und durch und durch asozialer Laden geworden ist. Dazu kommt, dass die Bahnmitarbeiter immer übler getriezt werden und nach und nach in den Niedriglohnsektor abwandern. Überdies wählt eine in weiten Teilen minderbemittelte Bevölkerung die Marionetten von Union und FDP an die Macht, die ständig von Mobilität und Flexibilität faseln und gleichzeitig das absurde Frühbuchungssystem tolerieren. Diese Damen und Herren haben nun die Bahnprivatisierung erneut auf die Agenda gesetzt. Manche Deutsche finden es sogar sportlich, in nächtelangen Internetsitzungen die günstigsten Verbindungen rauszusuchen.

In einem vernünftigen Land wie Italien kann man jederzeit zu sozialen Preisen zugfahren (ja, auch unter dem bösen Berlusconi), vielleicht nur mit Tempo 130 statt 260, aber was habe ich von einem Hochgeschwindigkeitszug, wenn ich drei Monate warten muss, bis ich einsteigen darf? Verkehrspolitik findet in Deutschland nicht mehr statt, weil neoliberale Ärsche die Bahn lieber Stück für Stück in die Asozialität kicken. Die Bahn war einmal das ökologische Fortbewegungsmittel für alle. Heute ist sie Spielball des Kapitals, das Rendite erwartet, sonst nichts. Auch eine Form von Sozialdarwinismus made in Germany.

Und das Schlimmste: Man kann sich mittlerweile mit einem lächerlichen Blogeintrag in zehn Minuten die Wut von der Seele schreiben, statt den nächsten ICE abzufackeln.

Gute Reise.

Train_wreck_at_Montparnasse_1895(Foto: Wikipedia)

Kategorien: Alltagskultur · Deutschland · Kapitalismus · Neoliberalismus
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Das Bauhaus – vom Politikum zur Distinktionsmaschine

7. September 2009 · Kommentar schreiben

Das Bauhaus wird 90 und die kommerzielle Berliner Kulturbranche feiert das mit einer großen Ausstellung im Gropius-Bau. Sie ist so aufwendig inszeniert, dass man sich fragt, wie man das wohl zum hundertsten Geburtstag toppen wird. Antwort: gar nicht.

Die Schau arbeitet daraufhin, dass das Bauhaus heute vor allem eine Marke und damit ein Distinktionsmerkmal ist, wie das die Soziologen so schön sagen. Das Bauhaus ist  massenkompatibel, und genau das macht es für das Kapital interessant. Die einigermaßen gut verdienende und sich orientierende Mittelschicht nutzt das Bauhaus als Ego-Verstärker. Sich mit dem Bauhaus ein bisschen auszukennen, ist Allgemeinbildung, die auch Günter Jauch abfragen könnte. 90.000 Besucher in knapp sechs Wochen belegen das eindrucksvoll. Distinktionstechnisch grenzt man sich so von Leuten ab, die Geld haben, aber keinen Geschmack, unter anderem von Neureichen. Das dürfte für das, was gerne Bildungsbürgertum wäre, ein ganz wichtiger Aspekt sein. Anders herum: Dem Neureichen wird hier eine Möglichkeit gegeben, das bildungsbürgerliche Lager zu betreten, wenigstens ein bisschen.

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Das Bauhaus wird, im Gropius-Bau wie auch in der Praxis (siehe Foto) reduziert auf Ästhetik. Schönes Design, elegant, schlank, zeitlos. Der politische Aspekt fällt weitgehend weg, der sozialistische Ansatz unter dem Bauhaus-Chef Hannes Meyer kommt praktisch nicht mehr vor. Schlimmer noch: Für die Anfeindungen, denen das Bauhaus in Dessau ausgesetzt war, werden die Bauhäusler selbst verantwortlich gemacht. Auf den Schrifttafeln liest sich das so:

„Doch in der von Krisen geprägten Zeit gelang es Meyer nicht, die Offenheit und Radikalität des Bauhauses in der Thematisierung politischer und gesellschaftlicher Probleme zu zügeln, was ihm innerhalb und außerhalb des Bauhauses Kritik einbrachte. Die Stadt Dessau fand den Ausweg in der Kündigung des Direktors.“

Man staunt. Die Aufgabe des Bauhauschefs ist also, seine Dozenten und Studenten zu „zügeln“. Tut er das nicht, wird er nicht nur kritisiert, sondern beruflich liquidiert. Die Ausstellungsmacher haben im Jahr 2009 offenbar vollstes Verständnis dafür, dass Meyer 1930, unter anderem auf Druck der NSDAP, „von hinten abgekillt“ wurde, wie er das unmittelbar nach seinem Rauswurf  ausdrückte. Und das war nur das Vorspiel: 1932 musste das Bauhaus in Dessau komplett schließen, weil die Nazis in dieser netten Stadt schon die Ratsmehrheit hatten.

Dazu passt eine andere Lesart des Bauhauses (wobei fairerweise gesagt werden muss, dass die Gropius-Ausstellung diese Haltung nicht einnimmt): Die Bauhäusler selbst waren Nazis. In der Tat haben sich Gropius und van der Rohe nach 1933 an Wettbwerben in Deutschland beteiligt. Die Bauhäusler waren also auch nicht besser als andere, will man damit sagen. Diese Logik funktioniert, weil es einen Bedarf dafür gibt: Die Rechten werden damit moralisch entlastet, den Linken wird erschwert, dieses Erbe anzunehmen. Natürlich ist der Nazi-Vorwurf Blödsinn. Der dicke und träge Mies hat versucht, nach 33 in Deutschland weiterzuarbeiten, was Zugeständnisse an die Nazis bedeutete, doch die Nazis wollten nicht, verständlicherweise. Ein paar Jahre später ist er in die USA ausgewandert. Mies hätte kooperiert, sicher, bis zu welchem Grad, weiß man nicht. Ist ihm daraus ein Vorwurf zu machen? Meines Wissens war kein Bauhäusler naziaffin, geschweige denn, dass einer im 3. Reich Karriere gemacht hätte – im Unterschied zu vielen konservativen Architekten, die sich Hitler andienten (und nach 1945 munter weitermachten).

Viel interessanter ist Mies´ Werk, sein Bemühen, Form und Inhalt zusammenzubringen. Alleine diese Ansatz macht klar, dass er keine ernsthafte Nazi-Architektur zustande gebracht hätte. Erklärt man Kunst und somit auch Architektur aus ihrem Sosein (wow!) in der realen Welt, wird der Nazivorwurf absurd.

Beispielsweise das Revolutionsdenkmal von 1926 in Berlin (Bild): Für damalige Verhältnisse war nicht nur das Thema, sondern auch die Formgebung revolutionär. Die auftraggebenden Sozialisten wollten übrigens ein neoklassizistisches Denkmal mit dorischen Säulen. (Worüber man schon wieder einen ganzen Aufsatz schreiben könnte: Spießer-Sozis, die später in der DDR ihr Paradies fanden.) Mies lehnte die Vorstellungen der Sozialisten als „für einen Bankier“ geeignet ab und schlug eine modellierte Mauer vor, weil Revolutionäre gerne vor Mauern erschossen werden. Die Nazis haben das Denkmal 1935 abgerissen.

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Zurück zur Ausstellung in Berlin. Das Bauhaus als lukratives Investitionsobjekt. Eckehard Fuhr, Feuilletonchef der Welt, hat das kürzlich in einer Diskussion ganz gut beschrieben. Die Sonderbeilage der Welt zum Thema „Bauhaus“ habe den enormen Umfang von 30 Seiten, weil sich die Anzeigekunden geradezu gedrängt hätten, in diesem Umfeld zu inserieren. Texte habe man nicht so viele. Anders ausgedrückt: Die Beilage gibt es nur, weil die Anzeigekunden das so wollen. Selbst die konservative Welt hat keine Berührungsängste mehr mit dem Bauhaus. Dem entkernten, versteht sich.

Dem Bauhaus als mal mehr, mal weniger linker Angelegenheit wird das Gesellschaftliche, das Praxisnahe, die Ideologie entfernt, um als ästhetischer Schein um so strahlender weiterzuleben. Der Mainstream ignoriert die notwendige Verbindung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Form und Inhalt. So lebt das Bauhaus weiter.

Der 90. war ein willkommener Anlass, die immer noch einflussreiche Kunstschule endgültig als Marke zu etablieren, die weiterhin für Qualität steht, für gutes Design, für Haptik, für Praxisnähe und für neue Perspektiven. Die Leiter hinauf zur Metaebene wurde zusammengeklappt. Die politische Sicherung ist eine doppelte: Der linkspolitische Bauhausaspekt wurde gekappt, und falls das nicht reicht, kommt man mit der Nazi-Keule, die natürlich nur vorsichtig geschwungen wird, denn die edle, hochwertige Atmosphäre inmitten des schönen Designs darf nicht über Gebühr gestört werden.

Läuft alles im Sinne der Verantwortlichen, ist eine Feier zum 100. Geburtstag nicht mehr nötig. Die Marke wird etabliert sein. Irgendwann wird sie sich abnutzen. Spätestens dann wird man sich auf die Suche nach dem nächsten Opfer machen.

(Fotos: genova und Bundesarchiv Bild)

Kategorien: Alltagskultur · Architektur · Design · Kunst
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Griebnitzsee: Was Zivilcourage mit einer Gartenschere zu tun hat

22. August 2009 · 6 Kommentare

Kleiner Kursus in Sachen Zivilgesellschaft:

Am Potsdamer Griebnitzsee gibt es einen Uferweg, der bis 2007  für Fußgänger und Radfahrer öffentlich nutzbar war. Direkt hinter dem Weg, also etwa fünf Meter vom Seeufer entfernt, befinden sich großzügige Villengrundstücke mit großen Gärten

Kurz zum Hintergrund (ausführlich, mit einer sehr guten Beschreibung der historischen und architektonischen Hintergründe, siehe Link oben): Der See stellt bis 1990 die Grenze zwischen Potsdam und West-Berlin dar, zwischen 1961 und 1989 nutzten die DDR-Grenztruppen den Uferweg zur Patrouille. Ab 1990 war er frei zugänglich, Menschen gingen dort joggen und spazieren, ein Radweg rund um Berlin führte auch vorbei. Irgendwann hat wohl ein findiger Jurist entdeckt, dass die rechtliche Situation des Weges ungeklärt ist. Jedenfalls haben acht Villenbesitzer – allesamt nach der Wende zugezogen im Bewusstsein des existierenden Uferwegs – vor zwei Jahren ihre Grundstücke mit Zäunen illegal und über Nacht bis an den See verlängert, der Weg war nicht mehr passierbar. Es folgten öffentliche Entrüstung und von den Villenbesitzern engagierte Wachleute, die mit der Präsenz dicker Muskeln die Menschen fernhielten, es gründete sich der Verein „Griebnitzsee für alle“.

Ein Gericht hat den Anwohnern zwischenzeitlich recht gegeben, juristisch ist der Fall aufgrund der ehemaligen deutsch-deutschen Grenzlage dennoch knifflig. Die Argumentation der Stadt („freie Landschaft“, „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“) fruchtete nicht. Jetzt denkt sie über Enteignung des schmalen Streifens nach, was wahrscheinlich Jahre und Millionen kostet, die die Millionäre dann bekommen.

Jedenfalls gilt der Status quo. Der Weg ist auf einer Länge von mehreren Kilometern gesperrt und verwildert, manche Anwohner sollen den Asphaltbelag schon zertrümmert haben, um vollendete Tatsachen zu schaffen. So wie es aussieht, hat kein Anrainer ein Interesse daran, den Seezugang zu nutzen. Da die Grundstücke ja schon jahrzehntelang vom Uferweg mit einem Zaun abgetrennt waren (siehe unteres Foto), kommt nun überhaupt niemand mehr ans Wasser. Die Atmosphäre erinnert an die Mauerzeit.

Worauf ich hinauswill: Auch von seiten der Sperrungsgegner passiert nichts. Obwohl es so einfach wäre: Eine bessere Gartenschere oder ein Bolzenschneider und zehn Minuten Zeit würden genügen, und der Weg wäre wieder frei. Eine ganze Stadt lässt sich hier von acht Villenbesitzern an der Nase herumführen (von „terrorisieren“ will ich nicht reden), die formaljuristisch im Recht sein mögen und daraus das Recht zu asozialem Verhalten ableiten. Zumal die Anwohner sich selbst nicht einig sind. Der Regisseur Volker Schlöndorff beispielsweise wohnt dort auch, ist aber gegen die Sperrung, weil er dann selber am Ufer nicht mehr joggen kann. Die Anrainer schneiden sich ja auch selbst den Weg ab. Zu ihnen gehört auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Die sind hier bestimmt in ihrem Element.

In einer vitalen Zivilgesellschaft hätten die Betroffenen das Problem längst kreativ gelöst, wie gesagt. In der verwalteten Welt wartet man lieber fünf oder zehn Jahre Entscheidungen der Verwaltung ab. Konkretes, human und rational legitimierbares Handeln wird vermieden zugunsten von Aktenzeichen.

Die Situation erinnert an die Enclosure-Bewegung in England. Dort besetzten im 18. und 19. Jahrhundert Landlords Flächen, die bis dato zur allgemeinen Verwendung oder in Erbpacht einfacher Bauern standen. Das Parlament hatte dieses Vorgehen zuvor gebilligt. Die Vertriebenen blieb nichts anderes übrig, als in die Städte zu ziehen, wo sie als Industrieproletarier ausgebeutet wurden – von derselben herrschenden Klasse, die sie zuvor vertrieben hatte.

Natürlich ist der Griebnitzsee damit nur bedingt vergleichbar. Gemein ist beiden Konstellationen die Unverschämtheit im Wortsinn, mit der sich Bonzen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, und das auch noch visuell so dreist. Genau diese fehlende Scham ist es, die eine Gartenschere zur Anwendung kommen lassen sollte. Man muss halt Grenzen ziehen.

Übrigens: Der Umweg, den Spaziergänger und Radler nun machen müssen, führt durch die Karl-Marx-Straße, und zwar auch direkt an den Villengrundstücken vorbei, nur oberhalb. Man könnte fast sagen, die Bonzen sind eingezingelt, von Marx und Gartenschere. Das sollten selbst Potsdamer checken.

Der Uferweg am Griebnitzsee in Potsdam im Jahr 2004…(Foto: Jorges)

Griebnitzsee

und 2009: eine bessere Gartenschere würde am „Privatgarten“ gute Dienste leisten. (Foto: genova)

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Noch mehr zum Thema bei BildungstadtSchloss.

Kategorien: Alltagskultur · Deutschland · Geschichte · Kapitalismus · Kritische Theorie · Neoliberalismus · Politik
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Knappe Kritik des Parkens

18. August 2009 · 2 Kommentare

So geht das:

IMG_3877(Foto: genova)

Kategorien: Alltagskultur · Berlin
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Es wird Regen geben

13. August 2009 · 3 Kommentare

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(Fotos: genova)

Kategorien: Alltagskultur · Design · Fotografie

Autos in die Augen schauen

11. August 2009 · 5 Kommentare

Wie man das Aggressionspotenzial einer Gesellschaft an den Gesichtern ihrer Autos ablesen kann, zeigte kürzlich ein sehr lesenswerter Beitrag des Design-Professors Paolo Tumminelli in der Süddeutschen Zeitung. Tumminelli schreibt dort, was ich mir – schwammiger – schon länger denke:

„Die Ästhetik des Automobils hat sich binnen eines Jahrzehnts grundlegend verändert. Wie der Automobildesigner in einem unbewussten Prozess der Abstraktion sich von seiner Schöpfung entfernt hat (er entwirft nicht mehr per Hand, sondern an der virtuellen Wand), so ist das Automobilprodukt weit weg von der Menschenmaßlehre gerutscht.“

Die Menschenmaßlehre von Vitruv ist nun futsch. Statt dessen werden die Autos immer breiter und höher, die sogenannte Stirnfläche, also quasi das Gesicht eines Autos, nimmt an Umfang zu. Beispiel Ford Fiesta. In den 1970 sah das Auto so aus:

800px-Ford_Fiesta_(early_days)_Garmisch-Partenkirchen

Die neueste Version des Fiesta ist die konsequente Entwicklung in Richtung Ungetüm. Zielgruppe ist jetzt wohl die Sekretärin, die gerne Eindruck schinden möchte, sich aber keinen SUV leisten kann bzw. dann mit dem Einparken Probleme hätte:

800px-Ford_Fiesta_Mk7_20090223_front

Noch besser kann das dieser Audi namens Q7:

Audi_Q7_front_presentation

Nicht nur das Gesicht, auch Bauch, Po, Beine, nichts ist mehr im Lot. Dazu Tumminelli:

„Gäbe es einen Body-Mass-Index für Autos, so wären wir heute vom gesunden Schönheitsideal weit entfernt. Ein Panda wog 200 Kilo pro laufendem Meter, so wie früher ein Fiesta auch. Ein neuer Fiesta packt pro Meter 100 Kilo drauf. Mehr als damals ein Volvo Kombi. Und das ist ungesund: 50 Prozent BMI-Zuwachs bei lediglich elf Prozent mehr Länge. Von einem Kleinwagen darf nicht mehr die Rede sein.“

Warum ist das so? Findet es die Sekretärin wirklich geil, in so einem unförmigen Ding rumzufahren? Sind die heutigen Autos das Abbild von Bodybuildern? Ist das das neue Schönheitsideal? Oder steckt hinter dieser Art von brachialer Ästhetik mehr? Es ist anzunehmen.

Es ist ein Aggressivitätspotenzial, das in dem Maß zunimmt, in dem die Gesellschaft unsozialer wird. Dieses Unsoziale findet seinen Ausdruck in einem Abwehrverhalten, das grundsätzlich ein passives sein kann (man kann auch mit solchen Ungetümen einen sozialen Fahrstil pflegen und die Oma über die Straße lassen), das aber jederzeit unmissverständlich klarmacht, dass man auch anders kann. Es ist eine mögliche Rücksichtslosigkeit, für die man sich nicht mehr schämen muss, sondern die mittlerweile dazugehört, wenn man seinen Status zeigen will: Seht her, ich habe es geschafft! Dazu gehört keine Eleganz mehr, kein Stil, sondern Brachialität. Der Q7 macht es vor, die Fiestas und Corsas machen es nach.

Ästhetische Standards werden nach unten durchbrochen als Folge einer rücksichtsloser werdenden Gesellschaft, die die Solidarität mit Schwächeren als individuelle Leistung toleriert, aber als gesellschaftliches Prinzip ablehnt. Wer es geschafft hat, darf asozial sein und dennoch und deswegen auf gesellschaftliche Reputation hoffen. Hauptsache kein Weichei. Solidarität als individuelles Prinzip entlastet so nach Bedarf die unsozialsten Subjekte der Gesellschaft: Stiftungen gründen, moderne Kunst sammeln, am Zebrastreifen brav bremsen und den Penner mit einer generösen Handbewegung die Straße queren lassen, aber gleichzeitig klarmachen, dass ein leichter Druck aufs Gaspedal eine geräuschlose Liquidierung mittels Stirnfläche zur Folge hätte. Auch der Fahrer eines 1976er Fiestas sollte sich mit seinen 800 Kilogramm Leergewicht besser nicht mit den zwei Tonnen des Audi anlegen. Totschlaggeräte als Zeichen gesellschaftlichen Erfolgs.

Das Wesentliche dazu sagte übrigens kürzlich Clint Eastwood in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

„Diese Autos heute, sie schauen allesamt, als hätten sie in eine Zitrone gebissen! Diese verzweifelten und vulgären Visagen! Diese hochstehenden Ärsche! Was ist los? Nehmen die Designer die falschen Drogen? Will man in so einem Auto mit seinem Mädchen herumfahren?“

Wohl nicht. Er bevorzugte diesen Wagen, einen Ford Gran Torino:

800px-1974_Ford_Torino_from_Starsky_&_Hutch

Kein 70er-Jahre-Fiesta, aber doch eine ganz andere Art von Aggressivität als die eines Q7. Eine, die wahrhaft cool daherkommt. Eine Bulligkeit, die dennoch elegant ist und der protziges Gehabe durch falsche Proportionen peinlich wäre. Angeben mit Stil.

Tumminelli nennt die Q7-Autos die “Jurassic Cars”, die “keine Zukunft haben. Nur die Pandas dürfen weiterleben.” Das mag irgendwann aus ökologischen und ökonomischen Gründen so kommen. Das wäre eine rein formale, keine inhaltliche Korrektur. Das gesellschaftliche Aggressionspotenzial wird dann nach anderen Ausdrucksformen suchen.

(Fotos: Wikipedia)

Kategorien: Alltagskultur · Design · Neoliberalismus
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Warum Berliner meist spermaübersät sind

6. August 2009 · 5 Kommentare

Ein allzu merkwürdiges und vielleicht deshalb totgeschwiegenes Thema: Die Berliner laufen mehrere Monate im Jahr spermaübersät durch die Stadt. Das liegt an den vielen Linden, die ab Frühling notgeil werden und ihren Saft hemmungslos verspritzen. Ein Auto, das länger als zehn Tage unter einer sexuell aktiven Linde steht, kann man zum Schrottplatz schieben, so verklebt ist es. Menschen sind nach einem langen Spaziergang durch die Stadt ähnlich verschmiert, nur sieht man es nicht so deutlich. So mancher coole Hairstyle ist nicht beabsichtigt. Vielleicht wirken deshalb viele so cool hier. Straßen, Pflaster, alles schmierig. Brillenträger registrieren den Niederschlag am deutlichsten.

Vielleicht steht der Berliner an sich ja auf diese Praxis, die dann nicht nur für den Baum eine sexuelle wäre, wer weiß. Immerhin heißt die wichtigste Straße der Stadt „Unter den Linden“, was wörtlich gemeint ist und wo man beim Spazierengehen dauerhaft und gründlich besamt wird, quasi mit Nieselsperma.

Wenn man sich nun noch überlegt, dass die Linde in Mitteleuropa oft als Dorfmittelpunkt diente und als Gerichtsort, tja, dann wird es heikel. Nach einem langen Prozess hat der Richter das Urteil in verklebtem Zustand verkündet, woraufhin sich der Angeklagte nicht den Schweiß, sondern das Sperma von der Stirn strich. Vielleicht diente der Samen auch als eine Art ökologisches Sonnenschutzmittel, mit dem man automatisch eingeschmiert wurde.

Die Sexualität eines Baumes und was der Mensch daraus macht. Berlin ist  eine Reise wert. Zumindest ab Frühling.

Spermanieselanlage Unter den Linden in Berlin:

289798722_63ac99f41fFoto: http://www.flickr.com/photos/69047098@N00/289798722

Kategorien: Alltagskultur · Berlin
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Sonderbare Orte (3) – Brandenburg

2. August 2009 · 6 Kommentare

Ein repräsentativer Querschnitt durch das sympathische Bundesland:

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(Fotos: genova)

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Charaktermaske

29. Juli 2009 · 4 Kommentare

Auf ciao.de können, ganz basisdemokratisch, Bürger oder Kunden oder user ihre Meinungen zu Produkten aller Art kundtun. Das soll dann Transparenz schaffen und anderen bei ihrer Kaufentscheidung helfen. Bei vielen Einträgen lässt sich schön zeigen, wie sehr sich die Sprache der Marketingabteilungen in die Köpfe der Bürger (Kunden, user) gefressen hat. Beispielsweise, wenn „Cerano“ über den Audi A6 berichtet:

„Wer Neues will, muß Fragen stellen. Zum Beispiel, ob Konventionen immer richtig sind. Oder ob die eine Idee immer das Ergebnis einer anderen sein muß. Der Audi A6 ist ein Automobil, das sich kaum mit anderen vergleichen läßt. Weil hier das Thema Limousine völlig neu gedacht wurde. Der A6 begeistert durch innovative Technik. Er fasziniert durch sein kühnes und progressives Design. Und er gibt der Überzeugung Raum, daß Individualität eine Frage von Persönlichkeit ist. Neben umfangreichen Serien- und Sonderausstattungen bieten sich charakterstarke Interieurlinien.“

Die PR-Experten von Audi freuen sich bestimmt. Besser hätten sie das auch nicht hingekriegt. Besser gesagt, besser hätte Cerano es nicht nachplappern können. Denn sämtliche Begriffe werden täglich durch den Begriffswolf der Werbeindustrie gedreht und dem Publikum als Frikassee vorgesetzt.

Cerano zeigt auch, dass es gar nicht mehr um die Beschreibung eines Produktes geht. Nein, es geht um die Verstärkung menschlicher Eigenschaften, um Individualität, Charakter, Persönlichkeit. Da muss man sich nicht weiter mit sich selbst beschäftigen, der Kauf eines A6 reicht vollkommen aus.

Schön auch zu sehen, dass seit Achtundsechzig keiner mehr nur konservativ auftreten will. Nö, seitdem hinterfragt man Konventionen, will etwas Unvergleichbares und völlig neu Gedachtes, das kühn und progressiv ist. Achtundsechzig hat so gesehen dem Kapitalismus das gesellschaftliche Feld für Expansion geschaffen und sich einen Bärendienst erwiesen. Wer Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, taugt als Kunde mehr denn sein konservatives Pendant.

Denkt man Cerano weiter, sind wir schon fast bei Sloterdijk: Die Unproduktiven haben kein Geld für einen A6, folglich wird es auch schwierig mit deren individueller Entwicklung ihrer Persönlichkeit, die bitteschön eine charakterstarke sein soll. Wie soll das gehen ohne A6?

Der A6 als konkret gewordenes Begriffs-Frikassee der Werbeindustrie. Reinsetzen, losfahren, fertig. Solange Cerano die Charaktermaske aufbehält, kein Problem.

Eigentlich kann er nichts dafür, der A6:

800px-Audi_A6_C5_front_20070518

(Foto: http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Randy43)

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