Ein knapper Hinweis auf neoliberale Sprachpraxis

Das BMW-Guggenheim-Lab im Prenzlauer Berg bastelt “Hartz-IV-Möbel”. Auszug aus dem Kommentarbereich des dazugehörigen Blogartikels. Zwei Kommentatoren, Puppenheim und Angelika Thiele, im Gespräch:

Puppenheim:

wie viele hartzer sind denn mitintegriert? schöne heile welt aufm pfefferberg!

bin froh wenn ihr wieder weg seid!

Angelika Thiele:

Wir sollten offen sein für jede Art von Diskussion und bereit sein dazuzulernen.
Diese Veranstaltung wird Berlin gut tun. Vielleicht trägt sie dazu bei, den Politiker
auf die Sprünge zu helfen und Vorurteile abzubauen.

Gäbe es Leute wie Angelika Thiele nicht, das Kapital müsste sie erfinden. Sie sind Gold wert. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Frau Thiele eine Kunstfigur der Lab-Betreiber ist, denn so perfekt kriegen es Unbeteiligte vielleicht gar nicht hin. Für wahrscheinlicher halte ich aber, dass da eine wirklich glaubt, kritisch zu sein, sich für eine soziale Stadt zu engagieren, Gutes zu tun. Es ist ein weiteres Beispiel für das perfektionierte neoliberale Geplapper, dass ich vor ein paar Tagen anhand des Beispiels “Tempelhofer Park” hier im Blog darstellte. Völlig unkonkret, aber jede Phrase positiv aufgeladen, das Ich aktivierend, positiv denkend, aber nicht unkritisch, Zusammenhänge ignorierend, aufgeschlossen wirkend.

Offen sein für Diskussionen, immer dazulernen, es wird Berlin gut tun, Politikern auf die Sprünge helfen, Vorurteile abbauen. Jo.

Wenn ich es mir so recht überlege: Frau Thiele ist wohl doch eine Kunstfigur der Lab-Betreiber.

Wo sind eigentlich die Germanisten, die sich ansonsten so rührend um Sprache kümmern. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit fundierten Untersuchungen zu dem seit Jahren immer intensiver werdenden neoliberalen Gewäsch?

Und dann bitte eine vergleichende Analyse zur Sprache der Faschisten mitliefern.

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6 Antworten zu “Ein knapper Hinweis auf neoliberale Sprachpraxis

  1. p-a-u-p-a-u

    “Wo sind eigentlich die Germanisten, die sich ansonsten so rührend um Sprache kümmern.”

    Die wurden durch Bologna abgeschafft.

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  2. Ja, aber ist das der einzige Grund? Es gibt zu dem Thema tatsächlich fast keine Literatur, obwohl Sprache und Neoliberalismus uns mittlerweile fest in der Hand haben. Ein riesiges Forschungsfeld und keinen interessiert es. Es gibt ja die Soziolinguistik nach wie vor, aber was machen die eigentlich derzeit?

    Ohne diesen gesamtgesellschaftlich durchgesetzten orwelllschen Sprachgebrauch wäre der Laden hier wohl schon zusammengebrochen.

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  3. Die “Umdeutung” von Begriffen wie “Verantwortung” oder “Toleranz” fällt mir auf.
    Ursprünglich konnte nur das je eigene Handeln auch real “verantwortet” werden.Derzeit scheint niemand mehr zu wissen, was das “Feld der Verantwortung” eigentlich “ausmacht”.Wo beginnt und wo endet “meine” Verantwortung, wo überlasse ich “Verantwortlichkeiten” den Protagonisten dessen, was zu verantworten ist?
    Wo werde ich nach meiner “Bereitschaft” Verantwortung zu übernehmen noch gefragt, wo wird sie mir “aufgehalst”, ohne dass ich mich ihrer “entledigen” könnte.
    Der Toleranzbegriff ist inzwischen so “auf den Hund” gekommen, dass ich nicht mal mehr eine Meinung dazu habe.

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  4. Ich glaube es hat eher mit Deinem vorherigen Artikel zu tun: „einfache denkstruktur länger leben“. Schnittmengen mit der LTI wird jede Rhetorik enthalten, da die LTI viele rhetorische Möglichkeiten genutzt hat (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sprache_des_Nationalsozialismus). Einen Kontrast sehe ich darin, dass die von Dir vorgebrachten Beispiele sich eher durch eine besonders weichgespülte, nichtssagende, Konturen und Kontroversen vermeidende, einlullende Sprache auszeichnen. Das war nicht die Sache der Nazis, denen es vor allem um Agitation ging.

    Gemeinsamkeiten gibt es wiederum bei der Nutzung der euphemistischen Rhetorik, die aber sowieso das Allheilmittel der PR-Industrie ist. Das Bullshit-Bingo ist, wie im Wikipedia-Artikel zu lesen, ebenfalls gerne von den Nazis betrieben worden und ist gleichermaßen in Wirtschaftskreisen beliebt.

    Dass gerade die BMW-Stiftung die Nähe zur LTI nicht scheut ist bezeichnend, hat doch das Vermögen der Familie Quandt sein Fundament im Wirken eines Hauptkriegsverbrechers.

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  5. Chris,
    ja, Verantwortung ist als Begriff auf den Hund gekommen, vielleicht aber schon länger. Die Verantwortung des Managers über seine Schäfchen, weswegen sein Gehalt gerechtfertigt ist, ist ja eine übliche Verwendung mittlerweile. Er hat natürlich keinerlei Verantwortung, außer für sich selbst, so wie jeder andere auch. Wenn er beruflich Mist baut, wird er vielleicht entlassen, so wie andere auch, die wegen seines Mistes entlassen werden. Dieses Phänomen, dass seine Entscheidungen auf den Status seiner Mitarbeiter durchschlagen, hat aber nicht zwingend etwas mit Verantwortung zu tun, denn die realisierte sich durch eine entsprechende Haftung. Ich denke schon, dass ich Verantwortung beruflich immer nur für mich selbst übernehme, alles andere ist Rhetorik.

    Toleranz, weiß ich nicht, dazu fällt mir gerade nichts ein.

    Hannes,
    es gibt viele Kontraste zwischen Nazi-Sprache und neoliberaler Sprache, aber das ist m.E. zeitbedingt. Mit Nazisprache kommt man heute nicht weiter, einerseits, weil die historisch diskreditiert ist und man über das Formale der Hitler-Reden eigentlich nur noch lacht, andererseits sind Befehle heute out, so wie das Fließband out ist, es geht ja um die kreative Selbstaktivierung bis hin zur Biopolitik. Das Individuum soll bitte von selbst kreativ sein und alles spannend finden, positiv denken etc. Da passen die oben erwähnten Begriffe gut in die Zeit.

    Das Weichgespülte, das Nichtssagende ist m.E. gerade das, worum es geht. Es ist wohl auch eine Gratwanderung, denn gerade diese Begriffe sind es ja, die dem Leser bitte nicht einfallen sollen, wenn er solche Texte liest. Der Text von Frau Thiele ist diesbezüglich auch extrem. Der Text auf dem Schild im Tempelhofer Park kommt schon besser rüber. Es geht um Gefühle, um Stimmungen, die entstehen sollen. Man findet im Idealfall das, was da steht, sehr gut, unbedingt zustimmungswert, ohne angeben zu können, was GENAU einem gefällt.

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  6. “Vorurteile abbauen” ist aber auch Sprache der Linken, dass würde jeder Soziolinguist bestätigen.

    “Seid mal offen, lernt mal dazu, seid mal tolerant.”

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