Monatsarchiv: Juni 2012

Zu den Vermantelungstechniken der Lüge im Kapitalismus

Das Gelände des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof ist seit zwei Jahren fürs Publikum geöffnet. Es exisitert dort eine merkwürdig angenehme Atmosphäre, scheinbar ohne große (zumindest nicht unsinnige) Beschränkungen. Es gibt ein paar hundert spontan entstandene Mini-Schrebergärten, viele Griller, große Natur- und Tierschutzflächen, Radrennfahrer, Leute, die attraktiv anzuschauende Sportarten ausprobieren (Skateborder mit Segeln, Hammer), Kiffer, Jogatreibende, Sektenanhänger, Hardcoresäufer, doziernde Inder mit lustigen Hüten, Spaziergänger, praktizierende Künstler, zuguckende Touristen und mehr.

Es ist auch ein Ort, an dem Gebote beachtet werden, weil deren Sinn vermittelbar ist. Ein lasch gespanntes Markierungsband interessiert in Berlin eigentlich niemanden. Hier wird es respektiert, weil klar ist, dass es um den Schutz irgendwelcher Pflanzen und Tiere geht:

 

Es ist ein merkwürdiger Ort ohne jede kapitalistische Verwertung.

Das Gelände ist eingezäunt, an jedem Eingang stehen Schilder mit den üblichen Verhaltensvorschriften und dann noch das hier:

 

Da Sprachkritik immer auch Gesellschaftskritik ist (und ich schon oft an dem Schild vorbeigekommen bin), lohnt ein genauerer Blick. Wir haben hier ein schönes Beispiel für neoliberalen Neusprech erster Güte. Dessen Qualität ist unter anderem, dass man auf den ersten Blick gar nicht merkt, wie sehr man verarscht wird.

Ein lebendiger, kreativer Ort des 21. Jahrhunderts. Wunderbar. Wer hat schon etwas gegen Lebendigkeit, gegen Kreativität und gegen das 21. Jahrhundert, das doch gerade erst begonnen hat. Im fortgeschrittenen Kapitalismus muss man ja ständig kreativ sein, alles spannend finden und lebendig taugt man als Akkumulationsobjekt auch besser als tot. Was das alles fürs Tempelhofer Feld heißt, weiß man nicht.

Arbeit, Wohnen, Freizeit und Erholung werden im Tempelhofer Park miteinander verbunden. Sehr schön, klingt nach der guten alten Berliner Mischung, seit gut hundert Jahren praktiziert. Die wird allerdings derzeit zerstört, durch Immobilienspekulanten, durch massiv steigende Mieten, eigentlich durch Leute, die immer auch merkwürdige Texte verfassen. Wer genau soll da arbeiten, wohnen, seine freie Zeit verbringen und sich erholen? Zu welchen Bedingungen, zu welchen Preisen?

Der Tempelhofer Park ist ein Ort besonderer historischer und herausragender stadtplanerischer Bedeutung. Klingt auch nicht schlecht und ist in dieser Allgemeinheit sicher richtig. Doch was genau soll der Hinweis auf die “herausragende stadtplanerische Bedeutung”. Heißt das, dass da auch künftig etwas “Herausragendes” entstehen muss? Und was? Verweis auf die Geschichte, um für die Zukunft eine elitäre Auswahl treffen zu können? Es erinnert an die jahrzehntelange Diskussion um den Schlossplatz, runde fünf Kilometer weiter nördlich: Da erzählen die bekannten Wertheimer ja auch gerne, dass dieser herausragende Platz eine herausragende Stadtplanung verdiene, weshalb dort nur das Schloss in Frage komme. Ganz liberale sagen: “ein Gebäude in der Kubatur des Schlosses”, was heißt, es muss nicht die Ein-zu-eins-Fassade des Schlosses sein. Aber keine Experimente!

Das Schloss ist für den König da, das herausragende Tempelhofer Feld muss nun auch nicht für Hinz und Kunz aufgepäppelt werden.

Er (der Park) wird sich verändern, sein Gesicht wandeln und den Bogen von einer geschichtsträchtigen Vergangenheit hin zur städtebaulichen Zukunft der Metropole Berlin sichtbar spannen. Ein toller Satz! Wichtig ist der Dreiklang, ohne Dreiklang geht in der PR ja nichts, es müssen also drei Aspekte aneinandergereiht werden. Wo der Unterschied ist zwischen “verändern” und “sein Gesicht wandeln” weiß ich nicht, aber es braucht ja den Dreiklang, und da man genau genommen nur aussagen will, dass man nichts aussagen will, ist das auch alles wurscht. Die Personalisierung ist ebenfalls schön, es menschelt, der nette Park wandelt sein Gesicht. Veränderung ist immer angesagt, wobei man vor zehn Jahren vielleicht noch gesagt hätte, dass man Reformen braucht. Nachdem sich Reformen immer als Deformen herausgestellt haben, benutzt man nun wohl das neutralere Wort der Veränderung, immer Lernen, immer neu, immer spannend, immer auf dem Sprung. Die Veränderung an sich ist offenbar positiv besetzt.

Aus der geschichtsträchtigen Vergangenheit, aus dieser massiven Last oder auch Verantwortung soll also die Zukunft entstehen. Und zwar nicht nur die des Tempelhofer Feldes, sondern die von Berlin, nein: von der Metropole Berlin.

Als erstes entsteht eine zentrale Parklandschaft, die auch künftig den Kern des Geländes bilden wird. Die Ausrichtung der Internationalen Gartenausstellung 2017 wird dabei zu einem wichtigen Meilenstein für die Entwicklung. Was ist eine zentrale Parklandschaft? Und was wäre eine dezentrale Parklandschaft? Das hier ist also eine zentrale Parklandschaft:

 

Zentral klingt wohl gut in Verbindung mit dem künftigen “Kern”. “Wichtiger Meilenstein” ist ebenfalls nicht schlecht. Gibt es auch unwichtige Meilensteine? Und dass sich etwas entwickelt, dagegen kann man nun wirklich nichts haben, es klingt schon so evolutionär und damit ganz natürlich. Entwickeln tut sich schon der Fötus im Bauch.

Warum soll ausgerechnet die IGA so wichtig sein? Für wen?

Damit wird das Gelände eine Schaustelle für die Zukunft, die sich Stück für Stück weiterentwickelt, sich verändert und an die Lebenswelt der Berlinerinnen und Berliner anpasst, sie spiegelt und bereichert. Schaustelle für die Zukunft, wow, wer möche nicht wissen, wie die Zukunft wird? Bevor das nun doch einigen zu ungefähr wird, bemüht man sich, den Lesern zu versichern, dass es natürlich um “die Berlinerinnen und Berliner” geht, sogar um deren “Lebenswelt”. Lebenswelt klingt besetzt, und, richtig, Wikipedia verortet den Begriff als geisteswissenschaftlich formiert und folgendermaßen zu verstehen:

Der Begriff der Lebenswelt bezeichnet die menschliche Welt in ihrer vorwissenschaftlichen Selbstverständlichkeit und Erfahrbarkeit in Abgrenzung zur theoretisch bestimmten wissenschaftlichen Weltsicht.

Supi. Es geht um unsere Welt, um unsere menschliche Welt ohne theoretisches Blabla und ohne irgendwelche dubiose Wissenschaft, sondern ganz selbstverständlich, so wie wir halt sind, wir Berlinerinnen und Berliner. Das Gelände passt sich also uns an, eine klare Aussage. Es bereichert sie sogar, unsere kleine, menschelnde vorwissenschaftliche, ursprüngliche Berliner Welt.

Im Tempelhofer Park wird nachhaltige Stadtentwicklung am Beginn des 21. Jahrhunderts konkret erlebbar. Na, mir war schon ein wenig bange, dass der Begriff der Nachhaltigkeit nicht auftaucht. Undenkbar. (Wo bleibt, um Gottes Willen, “Transparenz”? Ist denn nicht irgendwas transparent auf dem Tempelhofer Feld?) Schön ist, dass das bisherige Geplapper nun, gegen Ende der Ansprache, als “konkret” bezeichnet wird. Was war jetzt nochmal konkret?

Wir möchten Sie herzlich einladen, diese Entwicklung zu begleiten und den Park zu erforschen und zu genießen. Begleiten, aha. Mitgestalten, mitentscheiden, vielleicht gar Einspruch erheben, andere Vorschläge machen, wirklich mal konkretisieren, das ist alles nicht gewünscht. Begleiten soll man also das, was da auf dem Schild beschrieben wurde und man also gar nicht weißt, was man begleiten soll. Aber ohne Publikum wäre es ja merkwürdig, wenn alles so urban sein soll.
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Diese Sprache begegnet einem mittlerweile auf Schritt und Tritt. Man gewöhnt sich daran, man akzeptiert sie. Es ist ein interessantes Phänomen, denn sie ist in gewisser Weise gut gemacht. Sie lullt ein, sie erheischt Zustimmung, und die kriegt sie auch, denn wer will schon dagegen sein, wenn alles so nett, harmonisch, dynamisch, zukunftsbejahend, nachhaltig und überhaupt wird. Kein offensichtlicher Drill, kein Zwang, wir machen doch sicher alle freiwillig mit in dieser schönen neuen Welt, denn wir sind kreativ und finden alles spannend.

Das BMW-Guggenheim-Lab, das derzeit im Prenzlauer Berg gastiert, ist ein ähnlicher Fall. Der Guggenheim-Chef sagte zur Eröffnung über Kritiker, diese Leute wollten “keine Veränderung.” Eine Diffamierung ohne Begründung, eine Lüge und eine Unverschämtheit angesichts der realen gentrifizierenden Prozesse, die – unter anderem – das Lab hervorrufen wird, aber er sagt es und man akzeptiert es. Neben ihm stand Wowereit.

Vor zehn Jahren lautete der entsprechende Vorwurf an die Gewerkschaften “Besitzstandswahrer”. Heute haben wir in Deutschland einen Niedriglohnsektor mit 9,15 Millionen Menschen.

Zurück zum Tempelhofschild: Jeder Begriff ist positiv, ohne überschwänglich zu sein. Es muss ein gewisser kritischer, rationaler Schein gewahrt bleiben. Kein “Jauchzet, frohlocket”, sondern im Rahmen bleiben.

Um das mal kurz auf den Punkt zu bringen: Das Tempelhofer Feld befindet sich direkt neben Neukölln. Dort findet derzeit eine massive Gentrifizierung statt, es ziehen viele Vermögende hin, die Mieten steigen, arme Menschen werden deportiert, dazu ist hier im Blog schon viel geschrieben worden. Es ginge als ganz konkret darum, das im Blick zu haben: Man bräuchte auf einer Fläche von vielleicht zehn Prozent des Ex-Flughafens Wohnungsbau, eine Mischung aus preiswerten und gerne auch teuren Wohnungen, damit alle in die Gegend ziehen können, die das wollen. Man bräuchte ernsthafte Anwohnerbeteiligung. Gleichzeitig bräuchte man eine radikale Begrenzung der Mietsteigerungen auf die Höhe der Inflation in den ans Feld angrenzenden Wohngegenden, eine ebenso radikale Begrenzung der Maklergewinne, die zudem der bezahlen muss, der ihn bestellt. Forderungen, die die Berliner SPD via Bundesrat in die Politik bringen könnte, wenn Wowereit ein sozialer Demokrat wäre und kein asozialer Neoliberaler.

Es böte sich eine hervorragende städtebauliche Chance, ein ernsthafter Versuch, menschenwürdige Urbanität zu entwickeln, denn welche Trend-Gegend hat schon direkt daneben so viel frei verfügbaren Platz?

Zu den Grünflächen: Es ist gut so, wie es ist. Vielleicht könnte man irgendwas neu machen, vielleicht auch nicht. Dass man ausgerechnet auf so einer großen und für ein Stadtgebiet einzigartigen Fläche eine angelegte Gartenschau braucht, ist natürlich inhaltlich Unsinn und einzig dem kapitalistischen Verwertungsdruck geschuldet, der es nicht erträgt, dass so eine wertvolle innerstädtische Fläche nicht verwertet wird. Wertvoll bedeutet fürs Kapital ja immer nur: Geld daraus machen. Es geht hier nicht um Urbanität, nicht um Bereicherung, nicht um Berlinerinnen und Berliner, nicht um Menschen. Gerade der Bezug auf die Menschen, auf die Berliner, ist infam angesichts der Tatsache, dass es sich exakt umgekehrt verhält: Die Menschen, die Berliner müssen sich dem Kapital anpassen. Ansonsten erfolgt die Deportation, wie schon erwähnt. Die ist real, wenn man sich die massenhaften Zwangsumzüge aus Kreuzberg und Neukölln ansieht. Vom Amt angeordnet.

Jeder einzelne Satz auf dem Schild da oben ist Lüge. Eine einzige Affirmation, die früher nur in der Werbung möglich aber, aber längst deren enges Korsett abgelegt hat. Die Werbung ist total geworden und damit der Verblendungszusammenhang. Und jeder wird Teil der Maschine. Es ist eine Lügenproduktion, die in ihrer Effektivität Anerkennung verdient. Während die Finanz-, Euro- oder Schuldenkrise mittlerweile auch dem größten Marktapologeten die Grenzen kapitalistischer Verwertungslogik aufzeigt, läuft genau diese Logik auf einer Ebene weiter, die unverdächtig scheint. Es geht doch nur um einen Park.

Der Ami, der in einer Neuköllner Kneipe mit seiner Gitarre auftritt, leicht abgewetzt und wohl nicht reich, authentisch das Unverdorbene repräsentierend und “I love Neukölln!” ruft, kommt dem Berliner Immobilienmakler und vielen anderen wie gerufen.

Der Ami braucht den Ruf nicht, er ist trotzdem da. Das ist das entscheidende.

Wir haben uns an die Lüge gewöhnt. Der Mythos ist besiegt, denn wir sind kreativ, vernünftig, spannend, interessiert, immer im Rahmen bleibend, gebildet, lernend, nette Bücher lesend etc. Wir haben gelernt, solche Texte zu schreiben, die uns der Überwindung des Mythos versichern sollen. Wir sagen nicht mehr “Fortschritt”, denn das wäre zu fortschrittsgläubig. Wir sagen “kreativ und lebendig”, um den Mythos zu überlisten. In Wahrheit wird der Mythos auf dieser scheinbar reflektierten Ebene um so heftiger reproduziert.

Der Mythos wird reproduziert, weil nichts von alledem, was ich hier in Bezug auf Tempelhof fordere, umgesetzt wird. Warum? Aus einem einzigen Grund: Das Kapital hat nichts davon. Und wir sind sprachlos. Dass der Mythos und mit ihm der Verblendungszusammenhang im habermasschen Sinne kommunikativ zerschlagen werden könne, ist angesichts des Schildes auf dem Tempelhofer Feld die Phantasie eines hoffnungslosen Träumers oder die eines anbiedernden Pragmatisten. (Aber Habermas ist mittlerweile ja auch nur noch mit der Frage beschäftigt, ob Religionen vielleicht doch nötiger sind, als er früher dachte.)

Die neoliberale Verschärfung kapitalistischer Wervertungsinteressen läuft gerade in so einer hippen Metropole wie Berlin ganz hervorragend. Hier gibt es all die interessanten, kreativen, lebendigen, spannenden Indidivuen, die zufällig dieselben Attribute aufweisen wie sie das Kapital fordert, siehe BMW-Guggenheim-Lab, siehe mittlerweile auch die 48-Stunden-Neukölln. Es ist eine merkwürdige Eliminerung jedes kritischen Bewusstseins, ein Aufsaugen und Umwandeln eines jeden kritischen Gedankens. Das Kapital suggeriert einem sogar, es schaffe eine vorwissenschaftliche, von jedem zivilisatorischen Zwang entledigte Idealwelt, die oben erwähnte Lebenswelt, ein Paradies.

Wir plappern den ganzen Tag daher und schreiben kreative Schilder. Je sprachloser wir sind, desto mehr wird geplappert.

Und das Paradies ist nur zu haben, wenn die Rendite stimmt.

(Fotos: genova 2012 und Grün Berlin)

EM: Gott sei es gedankt, der Seeßlen hilft mir aus der Patsche

Nachdem ich zum EM-Nationalismus nicht die richtigen Worte fand, aber naturgemäß das richtige Bauchgefühl hatte, übersetzt Georg Seeßlen meinen Bauch in den Kopf. Deshalb ausnahmsweise ein Fremdtext ohne Interpretation.

Auszug aus seinem Beitrag heute in der taz:

Die Fahne ist kein Spaß, sondern die Lizenz zur Regression

Es ist ja weder „der rechte Rand“, noch sind es unbedingt besonders Fußball-affine Menschen, die sich dem neuen deutschen Fahnenrausch hingeben, als vielmehr die Angehörigen jener in Auflösung begriffenen Mitte, die ökonomisch und kulturell zersprengte Mehrheit, die um ihren sozialen, politischen und kulturellen Status nicht mehr weiß. Man versucht zugleich, möglichst viel Wirgefühl und kollektive Wärme zu erzeugen und sich trotzdem persönlich hervorzutun, immer noch größer, besser, mehr als die anderen zu sein [...]

Das Nationale und das Volkstümliche, in das man sich einkauft, scheint die Lizenz zur Regression als Lebenshaltung mit zu versprechen. Dabei kann die hedonistisch-politische Masse sich jeweils perfekt herausreden: Das Hedonistische darf sich im Nationalen verbergen und das Nationale im Hedonistischen. Es ist eine „heilige Sache“, und es ist doch nur ein Spiel. Jede Kritik ist daher Blasphemie oder Spaßverderberei [...]

Das ist keine Sache, die ein paar national berauschte Dumpfbacken oder Natural Born Fähnchenhänger angeht; es ist eine innere Rekonstruktion dessen, was in der nächsten Politikerrede „Leitkultur“ genannt wird. Ein Phänomen der jeden von uns betreffenden öffentlichen Diskurskorrektur.

Nationalismus und Volkstümelei als Waren- und Eventsprache dienen zweifellos der Hegemonialisierung und der „Einschüchterung“ und werden als solche genossen. Mitmachen? Cool bleiben? Den ahnungsvollen Ärger herunterschlucken? Sich keinesfalls als Spiel- und Spaßverderber outen? Doch bitte nicht so empfindlich sein?

So leben wir von Event zu Event, von Konsumwelle zu Konsumwelle, von Zeichensturm zu Zeichensturm. Und erleben nach jedem Rausch Absturz und Ernüchterung. Denn am Ende ist noch stets diese Reintegration der Masse in die Krisen- und Finanzwirtschaftsgesellschaft gescheitert.

Morgen also brauchen wir wieder etwas anderes, um Hedonismus und „Identität“, Ich und Wir, neoliberale Wirklichkeit und nationale Träume unter ein Tuch zu bekommen. Den nächsten Anlass zur Fahnensucht, das nächste Produkt für unsere Volksempfänglichkeit. Man gewöhnt sich daran, oder? (Hervorhebung von mir, g.)

 

Noch was zur EM und überhaupt:

Interview mit Oskar Negt, Soziologe und Adorno-Schüler. Alles nicht neu, aber es muss ja hin und wieder gesagt werden:

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“Der Sport boomt, die Volksmusik ebenso, und vorwiegend im Privatfernsehen werden Menschen vorgeführt wie im Zirkus. Funktioniert das Prinzip Brot und Spiele auch heute noch?”

Ich glaube schon, dass die unterhaltenden Verdrängungsleistungen, so möchte ich das bezeichnen, ein gewaltiges Ausmaß angenommen haben. Insofern trifft der Vergleich mit dem späten Rom ein Stück weit zu: Je stärker die Probleme des Imperiums werden, desto größer wird der Circus maximus. Die Verdrängung der Probleme hat ein sehr großes Ausmaß erreicht, weil die Orientierungsnot der Menschen sehr groß ist.

“Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Arbeitswelt. Welche Rolle spielt die Verdrängung in diesem zentralen gesellschaftlichen Bereich?”

Die Verdrängung der Probleme der Arbeitsgesellschaft ist so groß, dass ich immer wieder erstaunt bin, wie wenig das in die offizielle Öffentlichkeit eindringt. Nicht die Mangelerscheinungen sind das Problem, sondern die Überflussproduktion, die erhöhte Produktivität. Wie wird die Wertschöpfung gesellschaftlich verteilt? Inzwischen wird mit Geld umgegangen, wie es noch vor zehn Jahren undenkbar war. Wenn heute über 100 Milliarden für die spanischen Banken geredet wird, dann sind das ja unvorstellbare Dimensionen, wenn man zugleich die Kürzungen der Sozialleistungen sieht.

“Zurück zur Erosion: wodurch wird die Gesellschaft zerstört?”

Der Hauptpunkt ist die Kommerzialisierung, der gesamte Produktions- und Lebensvorrat einer Gesellschaft wird warenmäßig organisiert. Dies führt zur Auflösung einer Gesellschaft. Und um sie zusammenzuhalten, da kommen wir auf den Ausgangspunkt zurück, gibt es solche Veranstaltungen wie die Fußballeuropameisterschaft gewissermaßen. Plötzlich bilden sich wieder Nationen. Das hat nicht diesen kriegerischen Charakter, noch nicht, aber das ist nicht auszuschließen. An den Rändern, den Bruchlinien nehmen die Kriege zu. Das ist etwa auf dem Balkan so gewesen. Es ist jedenfalls fatal, dass das Gewinner-und-Verlierer-Syndrom eine so große Bedeutung hat. Auch das kann man sehr gut bei der Fußball-EM studieren. Wie zum Beispiel die niederländische Mannschaft gezeigt wurde, wie sie abzog mit gesenkten Häuptern, so, als ob eine Hinrichtung stattgefunden hat.

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Brot und Spiele, Kommerzialisierung, derzeit die Eventisierung, Boulevardisierung und Nationalisierung eines an sich angenehmen Ballspiels, tja, so ist es. Und wie oft ich in den letzten Tagen gehört habe, dass Ronaldo zu viel Gel in den Haaren und hat und sich die Augenbrauen zupft, also eine Schwuchtel ist und auf dem Fußballplatz nichts zu suchen hat, weiß ich auch nicht mehr. Wie wird die Wertschöpfung gesellschaftlich verteilt? Die alte Frage, aber immer noch zentral, heute mehr denn je.

Nebenbei und ganz aktuell: Die Durchschnittsmiete in Neukölln ist im ersten Quartal 2012 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent gestiegen. Bei Neuvermietungen gerne auch um 50 bis 100 Prozent. Alles ganz legal im Kapitalismus, der sich seit einiger Zeit soziale Marktwirtschaft nennt. Auch nicht neu, aber es muss ja hin und wieder mal gesagt werden.

Und jetzt noch die obligatorische Bitte:

Liebe Italiener, haut den Deutschen am Donnerstag bitte ordentlich aufs Maul!

Danke im Voraus.

Max Strauß: “Griechen hätten SYRIZA wählen sollen”

Lustig: Max Strauß, 53, Sohn von Franz Josef, CSU-Mitglied und seit rund 20 Jahren in diverse Korruptionsfälle verwickelt, schreibt im Handelsblatt einen (zumindest in Teilen) lesenswerten Beitrag zur jüngsten Geschichte Griechenlands mit der Kernaussage:

“Die Griechen haben bei der Wahl ihre Chance verpasst. Nur mit Syriza hätten sie sich selbst von den korrupten „Eliten“ befreien können. Jetzt drohen sie, auf Dauer zu Europas Kostgänger zu werden.”

Hat was. Mit korrupten Eliten kennt der sich sicher aus, schon vom Elternhaus her. Max ist ja so eine Art Geschädigter seine Übervaters. Vielleicht konnte er gar nicht anders als im Sumpf mitwaten und hofft jetzt ganz freudianisch auf SYRIZA.

Auch das hier:

“Seit dem Ende der unrühmlichen Militärdiktatur 1974 hatten in Griechenland Nea Dimokratia (ND) und Pasok regiert und das Land strukturell ruiniert. Die Protagonisten dieses undurchdringlichen Machtkartells kamen immer wieder aus denselben Familien, Positionen in Staat wurden an ein gigantisches, laufend anwachsendes Klientel verteilt. Der Staat verkam zum Selbstbedienungsladen der Parteien.”

Eigentlich bekannt. Aber angesichts der aktuellen deutschen Berichterstattung über Griechenland ist so ein Hinweis schon eine Wohltat, während man bei ARD und ZDF ganz offen erleichtert ist, dass die bösen “Linksradikalen” oder gar “Kommunisten” nicht in der Regierung sitzen (“nochmal gut gegangen” “Europa atmet auf” etc.). So gerne sich das bürgerliche Feuilleton mit Leuten wie dem Anarchisten David Graber beschäftigt und Occupy toll findet: Wenn die nicht mehr nur spielen wollen, hört der Spaß auf.

Und so erfährt man ausgerechnet via Handelsblatt und Max Strauß das Wesentliche: Die europäischen Eliten freuen sich, dass die korrupten und für die Korruption in Griechenland und für die desaströse Lage verantwortlichen Parteien ND und Pasok weiterhin im Sattel sitzen.

Mich würde mal interessieren, wie die Schützenhilfe des deutschen und europäischen Kapitals vor der Griechenland-Wahl aussah. Oder haben die nur zugeguckt, dass möglicherweise Tsipras an die Macht kommt? Die Berichterstattung in den deuschen Medien war schon klar gegen die “Linksradikalen” gerichtet, doch das lesen die Griechen nicht.

Bis vor 20, 30 Jahren gab es Gladio, heute geht es finanziell und machtpolitisch um mindestens genauso viel. Und warum diskutiert angesichts der Situation von EU, Griechenland und Kapital niemand über Naomi Kleins Schockstrategie?

Bei Sturm duckt man sich erstmal. Merkwürdige Zeiten, irgendwie.

Ein Euro zwanzig plus Erdbeeren

Ferdos Forudastan in der Berliner Zeitung über deutsche Zustände:

Menschenhandel hat viele Gesichter. Sexuelle Ausbeutung wird von Medien und Politik wahrgenommen, doch Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung ist hier kein Thema. Erntehelfer erhalten höchstens 1,20 Euro. Zu essen bekommen sie nichts als Erdbeeren. Und das leider ist kein Einzelfall.

Ein User kommentiert den Artikel treffend:

Erdbeeren müssen billig sein. Also können die Pflücker nicht teuer sein. Das nennt man Marktwirtschaft.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB), die größte Arbeitnehmerorganisation der Schweiz und mit dem DGB vergleichbar, sammelt derzeit Unterschriften für einen Volksentscheid. Ziel: ein Mindestlohn von 22 Franken die Stunde bzw. 3.800 Franken monatlich bei einer 40-Stunden-Woche. Das sind 18,32 Euro bzw. 3.164 Euro. Nur, damit man mal wieder daran erinnert wird, wie scheiße dieses Land hier mittlerweile ist. Die Linkspartei gilt ja mit ihrer Forderung von zehn Euro die Stunde als kommunistisch.

 

Neues von der Neuen Nationalgalerie

 

 

 


(Fotos: genova 2012)

Luft/Wasser/Plasma/Autowäsche/Dankeschön


(Foto: genova 2012)

Zur Sozialpsychologie des Fußballpatriotismus – Deutschland in Form

Aus aktuellem Anlass: die Psychologin Dagmar Schediwy zum Thema Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive. Schediwy hat Besucher der Fanmeilen der vergangenen Turniere befragt. Über die Ergebnisse berichtet sie im Interview mit Publikative:

Sie schreiben auch vom „Bedürfnis nach Selbstverständigung“, also dem Wunsch, zu erläutern, was man tut. Wie ist das zu deuten?

Das Bedürfnis, die eigene Praxis zu erklären, trat vor allem bei der Frage nach der persönlichen Bedeutung der schwarz-rot-goldenen Kostümierung auf. Die meist jugendlichen Interviewpartner_innen hatten offensichtlich ein großes Verlangen, dieses Verhalten zu erklären. Die Aussage „Wir stehen zu unserem Land“ hat dabei mitunter fast etwas Trotziges. Das ließe sich so deuten, dass die Demonstration von Nationalgefühl für sie eben doch nicht so selbstverständlich und entspannt war, wie in den Medien beschrieben.

Gab es eine Veränderung über die Turniere von 2006 bis 2010 hinweg?

Zwei Veränderungen sind mir aufgefallen, die sich beide auf die Motive für das Zur-Schau-Stellen von Nationalgefühl beziehen. Zum einen nahm die „eventbezogene“ Begründung mit den Turnieren zu. Als Antwort auf die Frage, warum sie in Deutschlandfarben herumlaufen, sagten die Fans: „Es ist EM/WM. Da trägt man so was.“ Zum anderen wurde Nationalstolz immer mehr als natürlich und normal empfunden. So antworteten Fanmeilenbesucher_innen während der EM 2008 und der WM 2010 nicht selten „Wir leben in Deutschland. Da ist man stolz auf sein Land.“

Sozialpsychologisch ist der Stolz auf die eigene Gruppe jedoch immer mit der Abwertung anderer Gruppen verknüpft. In der Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer, die an der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ arbeitet, wurde als Ergebnis des gestiegenen Nationalstolzes rund um die WM daher auch eine Zunahme gruppenbezogener Menschenfeindlichkeitausgemacht. Daran ändert auch eine multi-ethnische Zusammensetzung der Nationalelf nichts. Die Gefühle, die der Nationalelf während des Fußballevents entgegengebracht werden, verbessern im Alltag nicht notwendigerweise das Verhältnis zu Menschen mit Migrationshintergrund. Zur Erinnerung: Wenige Monate nach der WM 2010 wurde Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ mit rassistischen Thesen zum Beststeller.

Neben dem subjektiven Erleben analysieren Sie auch gesellschaftliche Veränderungen. Warum und wie entstand der „Neue deutsche Fußballpatriotismus“ gerade zu diesem Zeitpunkt?

Die Einführung von Hartz IV ein Jahr vor der WM 2006 markierte einen Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik. Wie die empirische Sozialforschung nachweist, wurde das in der Bevölkerung quer durch alle Schichten als tiefer Einschnitt empfunden. Die WM im eigenen Land bot eine Steilvorlage, um den sozialen Sprengstoff, den die Hartz-Gesetze enthielten, zu entschärfen. Nationalismus hatte schon immer die Funktion, soziale Gegensätze zu befrieden. Wir haben hier ein Zusammenspiel zwischen sozioökonomischen Verhältnissen und öffentlichen Diskursen. Die Ideologie des naturalisierten Nationalismus lieferten die Medien dazu. Das Bekenntnis zum Land wurde in den Medien mit Attributen wie „cool“, „geil“ und „unverkrampft“ verknüpft. Dass das kein notwendiger Bestandteil einer WM im eigenen Land sein muss, sieht man im Vergleich mit dem Turnier von 1974, das ja sogar gewonnen wurde. Da gab es keine vergleichbare Entwicklung.

Wie genau sieht der spezifische Zusammenhang zwischen dem Fußballpatriotismus und der „Hartz-IV-Gesellschaft“ aus?

Die Bezugnahme auf die Nation – und das gilt meiner Meinung nach nicht nur für den Fußballpatriotismus – hat in einer solchen Gesellschaft eine kompensatorische Funktion. Je bedrohter die eigene wirtschaftliche Situation erscheint, je mehr man einen Statusverlust befürchten muss, desto mehr wird die Identifikation mit dem eigenen Land zum Ventil, das von existentiellen Ängsten und Exklusionsbedrohungen entlastet. Die Nation als Basis der Selbstdefinition hat den psychologischen Vorteil, dass die Zugehörigkeit zu ihr nicht verloren geht. Während eine Stelle gekündigt werden kann und ein Vermögen schwindet, bleibt die Zugehörigkeit zur Nation für die bereits Zugehörenden bestehen. Das macht in Krisenzeiten die Attraktivität des Nationalen aus. Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft haben meine Interviewpartner_innen auf den Fanmeilen selbst thematisiert. Je größer die Prekarisierung und je stärker der Konkurrenzdruck in den neoliberalen Verhältnissen, desto größer ist die Sehnsucht nach dem schichtenübergreifenden Gemeinschaftserlebnis, das die Fanmeilen und der Fußballnationalismus versprechen.

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Alles prima beschrieben. Schichtenübergreifendes Gemeinschaftserlebnis – der Volkskörper wird neu geformt via nationaler Eventisierung. Je eventiger desto besser lässt sich diese merkwürdige Masse später manipulieren. Diese Form des Schichtenübergreifenden sorgt gerade dafür, dass die Schichtung, die Separierung sich festigt, das Gegenteil dessen, was offziell propagiert wird, ist beabsichtigt. Es ist auch kein Wunder, dass sich solch unangenehme und banale Zeitgenossen wie Johannes B. Kerner in Sachen Fußball-EM so ins Zeug legen. Die Pflicht zur Freude wird in den kommenden Wochen dominieren – und wer sich nicht freut, steht außerhalb des Volkskörpers. Exportweltmeister reicht nicht. Alles vor dem Hintergrund, dass Deutschland seit geraumer Zeit mal wieder das Land der Täter ist.

Und wie alle zwei Jahre spreche ich hier die Erwartung aus, die naturgemäß alle Leserinnen und Leser dieses Blogs teilen: Hoffen wir, dass nach der Vorrunde Schluss ist mit Deutschland. Spätestens.

(Foto: genova 2011)

o.T. (4)


(Foto: genova 2008)

Statt einer Kritik der Linkspartei:

Irgendwer meinte am Wochenende, man möge sich überlegen, was ein Scheitern der Linkspartei bedeutete: Der linkeste Politiker der Republik hieße Sigmar Gabriel.

Da kann schlicht nicht sein, was nicht sein darf.

Der Politikwissenschaftler und Abendroth-Schüler Arno Klönne heute in telepolis über die SPD:

Wie sozialdemokratisch ist die SPD heutzutage?

Arno Klönne: Die SPD in ihrer jetzigen Form hat sich strukturell von ihrer Geschichte verabschiedet. Gefühle und Bedürfnisse der auf abhängige Arbeit angewiesenen Menschen, der Masse von Nicht-Privilegierten, kommen in dieser Partei nicht mehr zum Ausdruck. An ihrer Basis spielt sich nicht mehr viel ab, Ausnahmen wie im Ruhrgebiet bestätigen diese Regel. Der SPD als Volkspartei fehlt in der eigenen Organisation das Volk.

Die Willensbildung der SPD erfolgt heute im Zusammenspiel von Profizirkeln, Politikflüsterern aus den einflussreichen Medien und Leuten aus der Werbebranche. Wenn die Partei Wählerinnen und Wähler aus sozial bedrängten Schichten zeitweise zurückgewinnt, so ist das vorwiegend ein Marketingeffekt – Hannelore Kraft als Mutter der kleinen Leute und so weiter. Die Sozialdemokratie wird dadurch nicht zu einer Partei des Prekariats.

Wenn irgendwas scheitern sollte, dann diese scheiß SPD.

Also, liebe Linksparteiler, bitte reißt euch zusammen. Ihr werdet gebraucht.