Monatsarchiv: Mai 2012

“Russland? Naja.”

Geographiekenntnisse haben zwar etwas rein Formales und sind deshalb einem kritischen Wissensbegriff eher äußerlich, doch wenn die Deutschlandchefin und Vielfliegerin Angela Merkel bei einem Schulbesuch(!) Berlin auf einer Landkarte mal eben mehrere tausend Kilometer nach Osten verschiebt, dann berührt das schon fast peinlich:

Merkel verschiebt Berlin nicht einfach nach Warschau, Kaliningrad oder St. Petersburg, sondern noch mehrere hundert Kilometer östlich hinter Archangelsk. Bedeutet insgesamt rund dreieinhalbtausend Kilometer. Aber halb so wild: Die großen Entfernungen in Russland haben ja schon mal einen deutschen Häuptling verwirrt.

Interessant auch, dass das Thema – abgesehen von der heute-show – nur in Blogs vorkommt. Es lebe die deutsche Medienlandschaft. Im portugiesischen Publico (so eine Art Süddeutsche Portugals) stand das Thema inklusive Video gestern auf der Startseite.

Aber immerhin ist Frau Merkel voller guter Absicht:

Merkel: “Thema Bildung liegt mir sehr am Herzen”

 Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrem neuen Video-Podcast das Ziel bekräftigt, Deutschland zur Bildungsrepublik zu machen. Bildung sei “ein zentrales Thema für unsere Zukunft”, sagt die Kanzlerin.

Keine Reisen mehr

[Das Folgende ist eine rein assoziative Reihung und, wie ich annehme, kaum verständlich]

Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf, Hannover: Bei Reisen fällt auf, dass diese vier Städte austauschbar sind. Bahnhof, Fußgängerzone, die üblichen Handelsketten, die Menschen treten als Konsumenten auf in den üblichen Klamotten, die Kugel Eis kostet zwischen einem Euro und einsdreißig, neuerdings ist auch Bio-Eis im Angebot, sicher ist es nachhaltig und transparent. Die Städte sind im Zentrum im Wesentlichen kriegszerstört, ein paar historische Gebäude werden gepäppelt, bemerkenswerte und nicht geschätzte Nachkriegsarchitektur gibt es eine Menge, in jeder Stadt ein schickes Museum für zeitgenössische Kunst meist in reduzierter, aufs Bauhaus und seine Weiterentwicklungen zurückgehender Architektur, alles gleich reduziert, Sichtbeton, Stahl, Glas, alles plan, alles glatt, so hat man das halt heute. Die höheren Angestellten von mercedesdeutschebankvodaphonecontinental können da ihre Distinguiertheit unter den ökonomischen Beweis stellen, wenn gewünscht.

Das Lokale und das Regionale ist nicht mehr vorhanden und wird als einzeln vorbeikommendes Treibgut nur noch im Klischee organisiert, gemanagt und via Stadtmarketing verkauft: bieder auf dem Level von Spätzle und Maultaschen, wo immer auch das Made in Germany mittransportiert wird (Mercedes ist ja auch eine regionale Marke) in Stuttgart; mit zwanghaft-neurotischem Blick auf Frönde, Kölsch und Schunkeln in Köln; ähnlich in Düsseldorf, aber hier sind die oberen Zehntausend im Fokus, die als Vorbild für die unteren 580.000 dienen; und irgendwie sicher auch in Hannover (wenn nichts geht, wird ja gerne das Grün in der Stadt gepriesen), aber da kommen die Marketingsbemühungen nicht über die Stadtgrenze hinaus. Der Hannoveraner bleibt der eigenschaftslose Bewohner eines eigenschaftslosen Oberzentrums mit tadellosem Funktionieren der Ketten, Bahnhöfe, Autobahnkreuze und Fahrkartenautomaten. Das gilt zwar auch für die drei anderen, aber in Hannover fehlt sogar die lokale Fassade. Nicht mal dialektmäßig ist da etwas herauszuholen. In dieser kompletten Eigenschaftslosigkeit ist Hannover schon wieder interessant. Und es muss hinzugefügt werden, dass die hannoveranischen Ereignisse rund um Wulff, Maschmeier, Schröder und Dunstkreis auch eine Form des Stadtmarketings sind – nicht die uninteressanteste.

Der Blick müsste also im Detail verharren, weil nur im Detail die verwaltete Welt nicht mit Ähnlichkeit geschlagen ist. Die gegenteilige Entwicklung ist der Fall. Je ähnlicher die Welt, desto geringer der Wert, der aufs Detail gelegt wird. Je gleicher die Städte, desto oberflächlicher der Blick darauf. Der Italien-Baedecker aus den Fünzigern offenbart ein Staunen über das Beschriebene, das massentouristische Pendant von heute führt nach dem flotten Abriss irgendeiner Sehenswürdigkeit zur nächsten Starbucks-Filiale. Ob sich der Tourist das Brandenburger Tor anschaut oder den Kölner Dom, ist unerheblich.

Doch der kunsthistorische Abriss bestimmter, als sehenswürdig klassifizierter Gebäude ist in der Tat belanglos. Was soll denn interessant sein an der Auskunft, dass das Haus zwischen 1780 und 1795 gebaut wurde für irgendeinen verwöhnten Prinzen? Es ist ein Detail, das aus dem Zusammenhang gerissen keines mehr ist, sondern bloße Applikation für das Publikum einer vermeintlichen Wissensgesellschaft, wie man das heute nennt. Praktischer Beleg dafür sind die Massen von Touristen, die in der Toskana in jede Kirche rennen, weil man das halt so macht und weil man ja irgendwas machen muss.

Der Blick aufs Detail wäre auch nur dann möglich, wenn das heute übliche Reisetempo radikal in Frage gestellt würde. Goethe brauchte von Karlsbad bis zum Brenner sechs Tage und fand das zu flott: “Die schnelle Abwechslung der Gegenstände gibt zu hundert Beobachtungen Anlass.” Die Pendant zur Kutsche wäre heute ist das Fahrrad und auch das ist meist zu schnell. Der Satz Goethes ist kaum mehr sagbar, denn aus heutigen Perspektiven gibt es keine Abwechslung und keine Beobachtung: Das Detail und der Blick darauf bedingte eine radikal andere Herangehensweise an Stadt.

 

Es wäre im Rahmen dessen zu denken, was Leute wie Boris Sieverts in angenehmer Weise betreiben: Reisen von unten, Reisen aus nicht-herrschaftlicher Perspektive. Sieverts lenkt den touristischen Blick aufs Sein statt aufs Haben, auf den Effekt, den Architektur mit einem macht, weswegen eine Tiefgarage sehenswerter sein kann als ein Einkaufszentrum. Das Staunen des 50er-Jahre-Italientouristen wird von Sieverts auf einer alltäglichen Ebene rekonstruiert, die in der Regel verborgen bleibt. Es ist so ähnlich wie mit serieller Kunst, die im Museum den Bildungsbürgerdepp dazu verleitet, andächtig zu verweilen, während ganz ähnliche Phänomene in der Praxis draußen keine Sau interessieren.

Es wären völlig neue Perspektiven, die sich auch radikal von dem unterschieden, was heute die offzielle Stadtplanung vorgibt: Die totale Kontrolle aller denkbaren Bereiche, die durchrationalisierte Planung und damit Auslöschung aller Affekte. Es ist eine unselige Verbindung der Erwartungen, die der Neoliberalismus an Stadt stellt und der deutschen und also tendenziell totalitären und zwanghaften Verplanung einer jeden spontanen Regung.

In dem Zusammenhang wäre der Begriff der Heimat weiterzuenwickeln. Abseits von konkreten geographischen Bezügen, von Laubsägestil und Kitsch, vom reinen Bezug aufs Dekor ist Heimat dann das, was man sich aneignet. Vielleicht hülfen Ruskin und Morris weiter.

Was ich eigentlich sagen will? Keine Ahnung.

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(Foto: genova 2012)

Ordnung ist das halbe Leben

 

 

 


(Fotos: genova 2012)

Kurzes Statement zum coolen Alexis Tsipras

Keine Ahnung, was ich von diesem neuen linken Superstar der Griechen halten soll. Ich kenne ihn nicht und griechisch kann ich nicht. Alexis Tsipras heißt er. Er ist heute in Berlin, die Temperaturen hier sind schon mal griechisch. Eine ernsthafte Analyse der Situation ist nicht möglich, schon gar nicht über kapitalistische deutsche Zeitungen. Aber wenn ich diese Äußerungen lese:

Er will Europa bezwingen, die „Barbarei“ beenden, die Griechenlands Gläubiger den Hellenen antun. Tsipras spricht von „Umsturz“ und „Revolution“.

Er verspricht Renten von 80 Prozent des letzten Gehalts, höhere Löhne und ein Arbeitslosengeld von 75 Prozent des Tariflohns, fünf Jahre lang. Die bereits gezahlte Sonderabgabe auf Immobilien will er nicht nur abschaffen sondern das Geld sogar zurückerstatten…

Er will den aufgeblähten Staatsdienst um weitere 100000 Beschäftigte vergrößern, Privatisierungen rückgängig machen, die Banken und andere strategisch wichtige Unternehmen verstaatlichen. Die Arbeitsmarktreformen will er zurückdrehen, Kleinsparer für die Verluste beim Schuldenschnitt entschädigen und die Gelder aus der EU-Regionalförderung nicht mehr für Infrastrukturprojekte einsetzen sondern für Sozialleistungen. Wenn Tsipras gefragt wird, wie solche Ideen ins heutige Europa passen, antwortet er freundlich, Europa müsse sich eben ändern.

dann wird mir ganz warm ums Herz. Er stellt ziemlich radikale Forderungen in einer ziemlich hoffnungslosen Situation, und genau diese Kaltschnäuzigkeit finde ich wunderbar. Während sich in Deutschland auch Linke ständig auf vermeintliche Sachzwänge einlassen, die nur über Jahrzehnte aufgebaute Herrschaftsstrukturen sind, sagt Her Tsipras einfach: Leckt uns am Arsch, Europa, wir fordern jetzt mal ordentlich! Geld her, und zwar dalli, sonst gibt es Saures!

Recht hat er. Fordern, was das Zeug hält und den Bonzen aufs Maul hauen, egal, wo die gerade sitzen. Alleine der Begriff “Arbeitsmarktreformen”. Mittlerweile weiß jedes Kind, dass das nur Sozialabbau ist, also weg damit, wieso noch lange diskutieren?

Gut aussehen tut er auch, der Tsipras, und er trägt gepflegte Oberhemden. Und die Griechen sind offenbar doch ganz cool, wenn sie so einen zum Staatschef wählen wollen. Sollen die mal machen und die Sachzwänge ein merkwürdiges Wort sein lassen. Die europäischen Kapitaleliten sind sicher nicht ohne Grund derzeit so hektisch.

Traurig natürlich die Rolle Deutschlands. Wir hier hätten eigentlich die Pflicht, so einen zu unterstützen, solidarisch zu sein.

Keine Angst, liebes Kapital, das wird nicht passieren.

P.S.: German Foreign Policy schreibt zu den Hintergründen:

“Vor der Neuwahl in Griechenland debattieren die deutschen Eliten unterschiedliche Gewaltszenarien zur Sicherung der Kontrolle über Athen. Diskutiert werden neben der Errichtung eines Protektorats auch ein Putsch sowie die Entsendung von “Schutztruppen” in den südeuropäischen Staat. Das deutsche Spardiktat, das Griechenland in die Verelendung treibt, entfacht einen immer stärkeren Widerstand in der Bevölkerung, der sich auf demokratischem Wege nicht länger niederhalten zu lassen scheint.”

o.T. 2

Ein ziemlich skurriles Teil, das Mercedes-Museum in Stutttart von Ben van Berkel. Das Gebäude ist aufgebaut wie ein Wankelmotor, mit verschobenen und damit aufgelösten Hierarchien, Raumspiralen, die ineinander verkeilt sind, doppelt gekrümmete Flächen, horizontale Flächen, die immer irgendwo ins Vertikale abkippen, mit zwei gleichberechtigten Hauptwegen und vielen verschlungenen Alternativpfaden.

Das könnte man fotografieren. Oder die vielen netten Details, die dabei und nebenbei entstehen:

Als Museum taugt das Museum leider nichts. Ein Museumsbesucher braucht straffe Führung, einen klaren Weg ohne Alternative, einen roten Faden durch die Ausstellung, er will nicht gefragt, sondern an die Hand genommen werden, nicht alle drei Meter einen Abzweig, der eine Entscheidung verlangt, zu deren Treffen die nötigen Informationen fehlen. Es ist eine merkwürdige, überfordernde Interpretation von Freiheit.
(Fotos: genova 2012)

Schichtenübergreifende Interpretationen

Endlich mal eine gute Nachricht. Die Tagesschau zitiert den Chef der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut:

Die Missachtung von Verkehrsregeln sei unter Radfahrern inflationär, an keine Altersgruppe oder soziale Schicht gebunden, sagte Witthaut. “Anzugträger ignorieren rote Ampeln ebenso wie Kinder, junge Mütter, Jugendliche und auch ältere Menschen.

Stimmt. Fällt mir auch auf. Eine prima Entwicklung in Zeiten sich entsolidarisierender Menschen: Schichtenübergreifend interpretieren Massen von Menschen blinkende Lichter als das, was sie sein sollten: Dezente Hinweise auf Vorfahrtsregeln, die man fallbezogen in die Praxis umsetzt.

Unserem Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer ist dabei etwas besonders Erschröckliches aufgefallen:

“Ich habe zum Beispiel beobachtet, wie Radler unter den Augen von Polizisten rote Ampeln und jede Verkehrsregeln missachten”, sagte Ramsauer der “Neuen Osnabrücker Zeitung”. Es gelte, “der Verrohung dieser Kampfradler endlich Einhalt zu gebieten”.

Ersteres stimmt auch. Vielen Polizisten ist es wohl zu dämlich, Radfahrern hinterherzurennen. Doch statt seine aus Steuergeldern bezahlten Polizisten dafür zu loben, dass sie keinen Blödsinn machen, wittert der Burschenschaftler Ramsauer sowas wie Majestätsbeleidigung und stellt eine direkte Verbindung zu Gewalt her, Kampfradler.

Es scheint ein weiteres Kapitel zu sein im Buch der zeitgemäßen und deshalb nur begrenzt spürbaren Repression. So, wie man Rauchern demnächst zehn Euro für die Schachtel abknöpfen wird (ist ja ungesund), so wie man Kiffer kriminalisiert (ungesund und senkt tendenziell die Leistungsbereitschaft, schadet der deutschen Wirtschaft, also dem Export!!!), so wie man bei jedem betrunkenen Jugendlichen und jedem bengalischen Feuer in einem Fußballstadion durchdreht und den Zusammenbruch irgendeiner nicht näher defininierten “Ordnung” herbeifantasiert, so dreht nun auch Ramsauer mit seinem markanten Bass in der Stimme am Rad.

Ich weiß nicht, ob das wieder so eine typisch deutsche Angelegenheit ist, diese Angst vor Chaos in einem durch und durch regulierten, bürokratisierten und geordneten Land, das immer einen Schritt näher am Faschismus ist als andere. Aktuell wird das alles unter der Decke gehalten, indem man, ganz in imperialistischer Tradition, ein weiteres Mal die Welt erobert, mit guter deutscher Wertarbeit.

Die aktuelle Debatte über die Fortuna-Fans läuft ja ähnlich, da haben die Fans die rote Ampel ignoriert. Wir bleiben am Ball.

Falsch parkende Blumenkübel. Ein Fall für Ramsauer:

(Foto: genova 2012)

Matthias Matussek: nervt, rechts, nazi, scheiße

Wenn ich wissen will, ob der Superkatholik, (Ex)-PI-Freund und Spiegel-Journalist Matthias Matussek in den Medien wieder einmal bleibenden Eindruck hinterlassen hat, schaue ich nicht TV, sondern mir die Suchbegriffe an, mit denen Exportabel-Artikel gefunden werden. Nach einem durchschnittlichen Matussek-Auftritt in einer Talkshow im TV sieht das in den Original-Suchanfragen via google so aus (Beispiel 16. Mai 2012):

matthias matussek nazi
matthias matussek nervt
matthias matussek rechts
scheiß matussek
matussek matthias nazi
matthias matussek npd
matthias matussek polnisch
matyssek, spiegel, radikal
matussek verbindung
matussek brandstifter

Keine Ahnung, was Matussek aktuell vom Stapel gelassen hat: Die erwähnten Assoziationen habe nicht nur ich.

Fortuna Düsseldorf: kein Skandalspiel, sondern Skandalmedien

Mal ehrlich: Was ist denn in der Schlussphase des Relegationsspiels der Fortuna überhaupt Schlimmes passiert? Ein paar hundert oder tausend Fans sind zwei Minuten zu früh aufs Spielfeld gerannt. Wahrscheinlich dachten sie, das Spiel sei schon vorbei. Nachdem sie ihren Irrtum eingesehen hatten, sind sie brav wieder auf die Ränge zurückgekehrt. Ansonsten war doch alles friedlich, soweit man das überblicken kann. Mit Feuer spielen liegt in der Natur des Menschen, wie Andreas Lambertz zeigte.

Und es ist doch nett anarchisch, dass die Fans nach dem Spiel das Tor zerlegen und sich Rasenstücke mitnehmen. Andere sammeln schnelle Autos. Der Moment, in dem Zuschauer den Rasen betreten, ist ja ein ganz besonderer. Eine normalerweise nicht überschreitbare Grenze, deren Überschreitung eben deshalb reizvoll wird. Und wann soll dafür der richtige Moment sein, wenn nicht beim Aufstieg? Und wenn ich wissen will, was denn wirklich Gravierendes vorgefallen sein soll in den Minuten kurz vorm Abpfiff, finde ich Folgendes:

Mit einem Mal lagen die Menschen sich auf dem Platz in den Armen, einige brannten Feuerwerkskörper ab, ein Mann schnitt den Elfmeterpunkt aus dem Rasen.

Ja, wirklich schlimm.

Was da rauskommt, ist doch in erster Linie die Verlogenheit weiter Teile der Medien. Man will ein “Fußballfest”, heitere Fans, aber bitte alles im Rahmen, und zwar in dem, in dem die Bundesliga finanziell attraktiver wird. Da sind die abgesperrten VIP-Lounges für irgendwelche Lobbyhanseln eben wichtiger als jemand, der eine Fackel hochhält. “Skandal-Spiel” heißt es jetzt, und man spürt die Aufgeregtheit der Medien, die es total geil finden, dass etwas passiert. Die Fotostrecke bei Spiegel-online bringt prima Bilder, stimmungsgeladen, atmosphärisch dicht, es menschelt, und ohne die Feuer wäre das nur halb so bunt.

Die Mediengesellschaft braucht den prinzipiell unkontrollierbaren Effekt, er bringt dem Karussel Millionen. Die zahlenden Deppen sitzen zuhause vorm Fernseher und empören sich über ein Feuerwerk, ganz so, wie es der Kommentator vorgibt. Nur bitte immer schön im Rahmen bleiben. Nicht zufällig redet diese Männerwelt ja auch immer über Emotionen, nie über Gefühle.

Also, Glückwunsch der Fortuna zum Aufstieg und den Fans für die gute Unterhaltung!

P.S.: Zum Thema Fußball und Gewalt ist das hier interessanter.

Die FU Berlin und Suzanne Mubarak: “Menschenrechtsverletzungen: Was kann ich dagegen tun?”

Weil ich´s gerade zufällig gelesen habe: Die ehemalige First Lady Ägyptens, Suzanne Mubarak, bekam nicht nur von der Uni Stuttgart die Ehrendoktorwürde verliehen (wie hier, hier und über Reaktionen hier berichtet), sondern im Jahr 2003 auch von der Freien Universität Berlin eine hochrangige Auszeichnung.

Der Tagesspiegel berichtete damals:

Während ihr Mann Hosni Mubarak mit Außenminister Joschka Fischer und Bundeskanzler Gerhard Schröder die Lage im Nahen Osten erörtert, erhält Suzanne Mubarak für ihr außerordentliches gesellschaftspolitisches Engagement auch in Berlin eine Auszeichnung. Suzanne Mubarak ist diplomierte Soziologin, Mutter, Großmutter und Preisträgerin zahlreicher internationaler Preise … Die Veranstaltung zu ihren Ehren wird von Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts eingeleitet. Die Laudatio hält Professor Peter Hüfner, der ehemalige Präsident der Deutschen Unesco-Kommission [Der Tagesspiegel meint wohl Klaus Hüfner, g.]. Als Ehrengäste werden Hans-Dietrich Genscher und Liz Mohn erwartet.

Das mit dem außerordentlichen gesellschaftspolitischen Engagement hat der Tagesspiegel übrigens in der Tat nicht in Anführungszeichen gesetzt.

Jutta Limbach, Hans-Dietrich Genscher, Liz Mohn und Klaus Hüfner, lauter ehrenwerte Leute. Sie alle priesen Frau Mubarak als soziale und menschenfreundliche Wohltäterin. Die Ehrenmedaille wird laut FU “an herausragende Persönlichkeiten der internationalen Politik verliehen”.

Wie sah das Herausragende an der Persönlichkeit von Frau Mubarak aus? Der Focus schrieb vergangenes Jahr:

Ägyptens einstige First Lady Suzanne Mubarak galt als mächtige Frau hinter den Kulissen des Regimes. Schon längst prüfen Ermittler in Kairo Unterschlagungsvorwürfe gegen die Frau, die sich als Vorkämpferin für Bildung und Gesundheit stilisierte.

Und zur Erinnerung nochmal ein wenig von dem, was der Tagesspiegel, Genscher, Limbach, Mohn und Hüfner “außerordentlichem gesellschaftspolitischen Engagement” verstanden und bei Bedarf sicher immer noch verstehen. Eine Anektote:

Es war einer der üblichen Auftritte der Suzanne Mubarak, First Lady Ägyptens, stets auf ihr Image und ihr Renommee bedacht. Eine Mädchenschule in einer Vorstadt Kairos wurde eingeweiht, die erste ihrer Art, komplett gespendet und errichtet von dem Bauunternehmer Mamdouh Hamza. In der Eingangshalle hatte er an jeder der vier Wände ein Porträt einer erfolgreichen Ägypterin aufhängen lassen – „als Vorbilder für die künftigen Schülerinnen“, erzählt er: eine Pilotin, eine Tänzerin, eine Feministin und eine Wissenschaftlerin.

Suzanne Mubarak stolzierte in die Eingangshalle, sah die vier Bilder – und stellte fest, dass keines von ihr darunter war. „Da hat sie geschäumt vor Wut“, erinnert sich Hamza. Und seine Firma war fortan von staatlichen Bauaufträgen ausgeschlossen.

Und die aktuellen Folgen:

Sechseinhalb Jahre später, im Mai 2011, ordnete die ägyptische Justiz an, Suzanne Mubarak in Untersuchungshaft zu nehmen. Weil sie sich in großem Stil an ausländischen Hilfsgeldern bereichert haben soll – auch an den Spenden für ihre Lesekampagne. Unter anderem hatte sie offenbar direkten Zugriff auf ein 147 Millionen Dollar schweres Bankkonto der Bibliothek von Alexandria. Als Suzanne Mubarak vor zwei Wochen von dem Haftbefehl erfuhr, erlitt sie einen Zusammenbruch und verkündete noch im Krankenhaus, sie werde eine Villa sowie zwei Bankkonten mit knapp drei Millionen Euro dem Staat übergeben.

Der Lieblingssohn von Suzanne, Gamal:

Gamal Mubarak, von seiner Mutter angeblich schon früh zum Thronfolger auserkoren, lernte als Banker in London sein Handwerk, gründete dort eine Investmentfirma namens Medinvest, kaufte sich ein Haus im teuren Knights bridge. Und baute offenbar über die Jahre mit seinem Bruder Ala’a ein komplexes System auf, das dazu diente, öffentliche Mittel Ägyptens in ausländischen Firmen und Fonds verschwinden zu lassen, unter anderem wohl auf Zypern und den als Steueroase berüchtigten Cayman-Inseln.
Und insgesamt:
Seit der Revolution sprudeln in Ägypten Tag für Tag neue Details zutage, die zeigen: Der Mubarak- Clan hat sein Land geplündert, gemolken, verramscht und sich in einem Ausmaß bereichert, das selbst nach gängigen Diktatorenstandards atemberaubend ist … Wie viel Geld haben Husni Mubarak, seine Frau Suzanne und die Söhne Gamal und Ala’a im In- und Ausland tatsächlich auf die Seite geschafft? Anfang Februar 2011 hatte der britische „Guardian“ unter Berufung auf nicht näher benannte Quellen geschrieben: „Das Vermögen der Mubarak-Familie könnte sich auf 70 Milliarden Dollar belaufen.“
70 Milliarden. Sehr freundlich von Frau Mubarak, dass sie davon nun drei Millionen ihren Untertanen überlassen möchte.
Sage nun niemand, das habe die FU und ihre illustren Alumni 2003 nicht gewusst. Dass Jutta Limbach damals als Chefin aller Goethe-Institute da mitmachte, hat eine besondere Note. Aber lassen wir die Goetherianer mittels ihres “Leitbildes” selbst zu Wort kommen:
Wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in aller Welt, stehen für ein offenes Deutschland. Über kulturelle und politische Grenzen hinweg bauen wir Brücken. Durch unsere Arbeit entsteht Neues und Außergewöhnliches, weil Menschen offen miteinander reden und phantasievoll zusammen arbeiten. Wir entwickeln die Fähigkeit, Eigen- und Fremdbilder zu hinterfragen und konstruktiv mit kultureller Vielfalt umzugehen.

Das Beste ist das mit dem Hinterfragen.

Den Vogel aber schießt, wie man sagt, Klaus Hüfner ab. Der sorgte nämlich 2009 dafür, dass das seit 1998 erscheinende Handbuch “Menschenrechtsverletzungen: Was kann ich dagegen tun?” 2009 in hebräischer Sprache erschien:

Das Handbuch von Klaus Hüfner informiert über die Menschenrechtsinstitutionen und -verfahren der Vereinten Nationen, der UNESCO und der ILO. Es veranschaulicht die unterschiedlichen Menschenrechtsverfahren, liefert Formblätter für Beschwerden und Hinweise für die Menschenrechtsarbeit. Die Publikation klärt auf, wie Nichtregierungsorganisationen, Einzelpersonen und Opfer bei Menschenrechtsverletzungen verfahren können.

“Dies ist mein längstes Projekt, an dem ich bisher gearbeitet habe. Es fehlen noch die spanischen und chinesischen Ausgaben, dann wären die sechs Amtssprachen der UNESCO abgedeckt. Dies wäre eine wichtige Grundlage, um den Beitrag der UNESCO zur Wahrung der Menschenrechte weltweit bekannter zu machen”, sagte Klaus Hüfner.

Gab es 2003 noch keine Ausgabe des Menschenrechtsverletzungsbuches in einer Sprache, derer der nette Herr Hüfner mächtig gewesen ist? Vielleicht spricht er ja nur chinesisch und hebräisch, dann sei ihm verziehen. Vielleicht steht in dem Buch aber auch, dass man den Verantwortlichen der Menschenrechtsverletzungen möglichst viele Preise überreichen muss, wer weiß?

Ich werde die genannten Supermänner und -frauen dezent auf diesen Artikel hinweisen. Mal sehen, ob ihnen mehr einfällt, als jenen, die ich vor einem Jahr dazu befragte: Bis auf ein wachsweiches, um nicht zu sagen menschenverachtendes Statement der Uni Stuttgart kam auch nach diversen Erinnerungen keine Reaktion.

(Foto: genova 2010)

Rerum cognoscere causas

Screenshot Tagesspiegel vom 5. Mai 2012:

Wegen eines vor Jahren angestrebten Zusammenschlusses der Verlage, die hinter Tagesspiegel und Berliner Zeitung stehen, bemerkte das Bundeskartellamt, dass der Tagesspiegel “einen anderen Markt bediene, indem er einen höheren Qualitätsanspruch als die beiden anderen Berliner Abonnementzeitungen Berliner Zeitung und Morgenpost verfolge”.

Und unser Lieblingsjournalist Giovanni di Lorenzo, im Nebenjob derzeit Herausgeber des Tagesspiegel, bemerkte anlässlich einer Diskussion über ein neues Layout im Jahr 2004 (damals noch Chefredakteur):

“Zwischen Sein und Schein kann sich eine Qualitätszeitung nur für das Sein entscheiden…”

P.S.: BER ist das Kürzel des neuen Berliner Flughafens.