Monatsarchiv: April 2012

Harmonie in Aspik

3D-Fotos in Glas, da kommt die heile Welt gleich dreifach so eindrucksvoll rüber:


(abfotografiert: genova 2012)

Städtebau von unten

Die städtebaulichen Vorstellungen einer Zweijährigen: Interessanter als das meiste, was deutscheordnungsliebendestudierte Fachleute zum Thema abliefern.

Kinder an die Macht.


(Foto: genova 2012)

Beitrag zum Thema: Fehlender Respekt der Bürokratie vor einstmaliger Avantgarde-Architektur

Eiermanns Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in Berlin. Derzeit komplett zugestellt von Souvenirbuden, behördlich genehmigt. Außenrum ist jede Menge Platz, man hätte ohne weiteres andere Stellmöglichkeiten gefunden.

Man versuche mal, solche Buden im Lustgarten aufzustellen. Oder am Gendarmenmarkt. Oder auf der Museumsinsel. Oder am Hackeschen Markt. Oder am Zionskirchplatz. Oder unter den Linden. Etc.


(Foto: genova 2012)

Momente der Weltgeschichte. Heute: Le Corbusier trifft Modulor

Ein wunderbares Bild: Le Corbusier trifft seinen Modulor und schaut ihm tief in die Augen. Corbusier scheint ein wenig distanziert, kein Wunder bei dem extrem strukturierten, mechanistischen und also dumpfen Blick des Modulors. Hat er vielleicht etwas falsch gemacht? Individuum trifft entworfenen Durchschnitt, da kann einem schon mulmig werden.

Außerdem frage ich mich, warum Corbusiers Durchschnittsmensch so dicke Ober- und Unterschenkel hat und so dünne Knie? Und der extrem große Bauchnabel ist meiner Beobachtung zufolge kein durchschnittlicher, sondern weist sicher auf unbewältigte Kindheitserlebnisse des Meisters hin.

Bin ich froh, dass ich kein Durchschnittsmensch bin.


(Foto: abfotografiert von genova 2012)

Die Jugend von heute

(Foto: genova 2012)

Hinweis an alle Theoretiker (2):

So geht´s dem Praktiker: Diese Geilomatfrauen organisierten 1958 eine Demonstration für den alten Knacker Corbusier (73), weil sein Philips-Pavillion, gebaut für die Expo 58 in Brüssel, am Ende abgerissen werden sollte.


Wikipedia über den Pavillion:

Das umstrittenste Gebäude auf der Weltausstellung war der Philips-Pavillon von Le Corbusier, auch als „Elektronisches Gedicht“ bezeichnet. Der „Höhepunkt der Extravaganzen in Brüssel“, eine spektakuläre Provokation, die dank eines komplett asymmetrischen Bauwerkes alle damaligen Sehgewohnheiten verletzt, so die moderne Beschreibung. „An der Spitze der architektonischen Kuriositäten“ ein Gebäude, in dem eine Multimediashow erlebbar wurde, die ihrer Zeit weit voraus war. „… Einer der wenigen [Beiträge], die an der Weltausstellung auf die wesentlichen Möglichkeiten der Zukunft hinweisen“, so ein Schweizer Kritiker, der gleichzeitig die „allzu nachlässige Ausführung“ kritisierte. Le Corbusier hatte in Zusammenarbeit mit Edgar Varèse (Musik) und Iannis Xenakis (Design) einen Bau geschaffen, in dessen Inneren täglich Tausende einer acht Minuten langen Vorführung einer Komposition aus Licht, Farbe, Ton und Raum beiwohnen konnten. Der zeltartige Bau fasste 500 Besucher und war einzig und allein für diese Vorführung zu gebrauchen bzw. geschaffen. Der Bau selbst bestand aus mehreren im Boden verankerten Betonstreben, zwischen denen nach genauer mathematischer Berechnung kreuzförmig Rundeisen gespannt wurden, die dann sphärisch gekrümmte Netze bildeten. Auf diese Netze wurden passende Betonfertigteile gelegt, die von einem zweiten Drahtnetz gehalten wurden. Anschließend wurde das Bauwerk dann verputzt, sowie mit einem silbernen Anstrich versehen.


(Foto: Wikipedia)

Kurze Bemerkung zum Weltfrieden

Günter Grass hat Israel gerade vorgeworfen, den “Weltfrieden” zu “gefährden”. Das Echo darauf war bei den führenden Journalisten eher kritisch, im Volke, wie man sagt, aber schon eher affirmativ. Ich habe das Wort Weltfrieden bis zur Grassdiskussion nie wahrgenommen. Was ist das eigentlich?

Gewöhnlich spricht man von Frieden und von Krieg als dem Gegenzustand, das reicht zur Unterscheidung. Wer vom Weltfrieden redet, will offenbar eins draufsetzen. Nun könnte man sagen, man spricht vom Weltfrieden, wenn der Frieden auf der gesamten Welt gefährdet ist, nicht nur in einer Region. Wer den Weltfrieden gefährdet, nimmt den Weltkrieg in Kauf, er ist ein Weltkriegshetzer. Weltkrieg Nummer drei also.

Dennoch klingt das Wort in meinen Augen merkwürdig, überhöht irgendwie, es hat etwas Metaphysisches, vielleicht auch etwas Esoterisches. Ein Blick auf Wikipedia fördert Interessantes zutage:

Weltfrieden ist der Ausdruck für den Idealzustand eines weltweiten Friedens, also für das Ende aller Feindseligkeiten und aller Kriege – aktuell also der andauernden Kriege und Konflikte. Er beinhaltet dauerhafte Freiheit, Gerechtigkeit und Glück für alle Menschen und Völker.

“Weltfrieden” wird da im Weiteren als wesentlich religiös geprägt dargestellt. Das passt ins Bild.

Der jüdische Messias soll bekanntlich irgendwann den erlösenden Frieden bringen, und das verhindern also laut Grass die Juden durch ihre aktuelle Politik.

Ist es Zufall, dass Grass, Literaturnobelpreisträger und somit wohl jemand, der mit Sprache bewusst und sorgfältig umgeht, der Begriffe in einem Gedicht bewusst verwendet, Israel nicht einfach eine Gefährdung des Friedens, sondern des Weltfriedens vorwirft? Juden gefährden den Weltfrieden, sie gefährden das, was doch alle Menschen wollen: dauerhafte Freiheit, Gerechtigkeit und Glück für alle Menschen und Völker – außer den Juden natürlich. Die wollen das alles zerstören, weltweit.

Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Gleichzeitig ist Grass natürlich nicht nur in großer Sorge um den Weltfrieden, sondern auch um Israel, dem er “verbunden” ist. Das ist der moderne Aspekt dieses Antisemitismus: Der Jude ist nicht mehr offiziell von Grund auf böse, nein, er ist nur uneinsichtig, ihm muss geholfen werden, und zwar zu seinem eigenen Vorteil. Das ist so ein bisschen wie bei den Schwulen, die die Christen heute auch nicht mehr töten wollen, sondern nur noch behandeln. Wir wollen doch nur euer Bestes!

Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, berichtete kürzlich bei Maybrecht Illgner, dass er bei seinem Amtsantritt, 1993, viele wichtige Deutsche um ein Antrittsgespräch gebeten habe. Alle hätten ihm das gewährt, bis auf Günter Grass. Primors Nachfolger Shimon Stein sei es ebenso ergangen. Primor: “Grass hat ein Problem mit Israel.”

Georg Diez schreibt zu Grass:

Er urteilt, ohne sich einzufühlen oder hineinzudenken, er ignoriert die Umstände der Gründung Israels genauso wie die aktuellen Sorgen und Ängste vieler Israelis, er sagt, er bleibe dem Land “unkündbar verbunden”, aber das klingt bei ihm wie eine Drohung.

Es ist dieser gerade für einen Romanautor überraschende Mangel an Emphase, der so frustrierend ist.

Die Schriftstellerin Sibylle Berg nennt Grass “einen Männerdarsteller wie aus dem Bilderbuch”. Hat was. Männer, die sich permanent zur Weltlage äußern müssen, die sie nur effzient darstellen können, indem sie die Makroperspektive verabsolutieren. Das ist im Fall Grass einfacher, als sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Der merkt das nicht, seine Apologeten noch viel weniger.

Und so dichtete hier ein typischer Mann und ein alter SS-ler eine brisante Kombination. Nochmal Georg Diez:

Es kommt eben immer darauf an, wer spricht und wie er spricht. Und was er mit seinen Worten wirklich erzählt: Grass redet nur von sich, er redet nicht von seinen Ängsten, seinem Schweigen, seiner Geschichte. Das macht sein Gedicht so dumm.

Klar, Grass und Co. wollen nur das Beste. Sie kriegen es aber nicht.

Alle gegen Bild – bitte unterschreiben!

Endlich mal was Sinnvolles auf diesem Blog:


Springer will am 23. Juni, dem 60. Geburtstag der Bild-Zeitung, das Blatt an alle deutschen Haushalte verschicken. Für den eigenen Haushalt kann man das verhindern, wenn man sich via der Gegenkampagnenseite  einträgt – der Link ist hinter den Briefkästen versteckt.

(Man kann sich auch via campact eintragen.)

Hintergrund der Aktion  (soweit ich das verstanden habe): Es wird für Springer unmöglich, das Vorhaben durchzuziehen, wenn wenigstens 50.000 Menschen bundesweit Einspruch erheben, weil es dann logistisch schwierig und zu teuer wird, jeden einzelnen Nichtzustellwunsch (der juristisch bindend ist) zu berücksichtigen.

Bei campact, die die Aktion unterstützen, gibt es Hintergründe.

Nett ist auch, dass es schon eine Menge Berichte in der Presse gab, obwohl die Aktion erst gestern gestartet ist.

Eine prima Sache und Wallfraff ist nicht mehr der jüngste, also bitte flott unterschreiben, man kann ja praktischerweise einfach sitzenbleiben, ein bequemer Protest.

Und man muss am 23. Juni weniger Altpapier entsorgen.

Update: Die Website der Bild-Gegner ist unter dem Ansturm zusammengebrochen. Die 50.000er-Marke ist laut campact schon heute Vormittag erreicht worden :-)

Ich bitte um Gnade für Günter Grass

Zu der aktuellen Grass-Geschichte nur die Randnotiz, dass Grass mittlerweile viellleicht einfach senil ist. Das sollte man dem Mann nachsehen, das passiert halt. Denn Grass hat schon vor vier Jahren dummes Zeug geplappert in einer Qualität, die man rein intellektuell nicht mehr zu fassen vermochte und vermag.

Grass äußerte sich 2008 in der Zeit zu seiner Lieblingspartei SPD und meinte, der “demokratische Sozialismus” habe sich

„immer wieder erneuern müssen. Ihn prägt kein Dogma. Der Weg ist ihm Ziel. Ständig bedarf er der Revision. Demokratische Sozialisten sind gelernte Revisionisten. Weshalb die Agenda 2010 und in ihr Hartz IV, weil von Menschenhand geschaffen und deshalb fehlerhaft, auf Revision angewiesen sind. Nur dank dieser Fähigkeit konnte der demokratische Sozialismus Verbot und Verfolgung überleben.

Wer also 2008 Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Peer Steinbrück und die anderen Kameraden als “demokratische Sozialisten” bezeichnete, die mit der Agenda 2010 doch bloß den Sozialimus erneuern wollten (und im gleichen Atemzug in der Zeit der Linkspartei das Etikett des demokratischen Sozialismus abspricht): Wie soll so einer vier Jahre später etwas Angemessenes zu einem weitaus komplizierteren Phänomen sagen? Noch dazu, wo der alte SS-ler da noch tiefer drinhängt als der alte Sozialdemokrat?

Die Welt ist kompliziert. Man möge seiner Seele gnädig sein.

(Hervorhebung und Foto von genova, 2012)

Grass im Original:

Was gesagt werden muss

(1) Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir als Überlebende allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

(2) Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar, aber – weil keiner Prüfung zugänglich – außer Kontrolle  ist? Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.

(3) Jetzt aber sage ich, was gesagt werden muß, weil aus meinem Land – das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird – ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll (wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert), dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will.

(4) Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten. Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

(5) Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben, und letztlich auch uns zu helfen.

Hinweis an alle Theoretiker:

“There are men, often vain, who are active in the arts, philosophy or literature but who have no idea of the laws of physics and the time it takes for men to work together to create something permanent.”

Le Corbusier, Notizbuch, o. J.