Monatsarchiv: März 2012

Wenn Nazis Gas geben

Aus einem Artikel des rechtsradikalen Internetblogs pi-news über einen Bericht, der sich mit den neonazistischen Hintergründen einiger PI-Mitstreiter beschäftigt:

“Wir kreuzbraven Islamkritiker aus der Mitte der Gesellschaft von BPE und der FREIHEIT kennen diese linksradikalen Diffamierungskampagnen zur Genüge. Sie prallen mittlerweile von uns ab wie Regentropfen von der Windschutzscheibe eines immer schneller fahrenden Autos.

Was passiert mit einem Auto, das bei Regen immer schneller fährt? Genau. Diese Leute fahren nicht nur schneller, als die Polizei erlaubt, sie tappen auch immer wieder in die selbstgestellte Falle. Denn letztlich ist dieses merkwürdige Bild gar nicht so falsch. Pi und Co. hoffen unterbewusst auf das große gesellschaftliche Aquaplaning. Hauptsache, es passiert was. Schuld sind dann eh wieder die linksgrünversifften Moslems.

Aber nehmen wir die Jungs einfach wörtlich: Der Pi-Artikel handelt im Weiteren von einer Fahrt dieser Hanseln zu einer rechtsradikalen Kundgebung nach Dänemark. Heute.

Soll es heute nicht Regen geben? :-)

Warum die Bäume in Berlin noch einen Monat stehenbleiben dürfen

Das Angenehme an dem sonnigen und milden Wetter im März ist nicht nur das sonnige und milde Wetter, sondern auch der Umstand, dass im März die Bäume noch nicht blühen. Das heißt, die Sonne kommt durch und scheint sonnig und mild auf die nackte Haut, was zwei Monate später nicht mehr der Fall ist. Zumindest in Berlin.

In Berlin gibt es von Mai bis November nur Schatten, weil es überall Bäume gibt, und zwar fast immer mit Blättern dran, die so groß sind, dass man ganze Blogeinträge auf ihnen niederschreiben könnte, hätte man einen blattsensitiven Stift zur Hand. Nach November gibt es keinen Schatten, aber Dunkelheit, weil die Sonne dann nicht scheint bzw. so tief steht, dass man sie nicht sieht.

So ist also der März der beste und eigentlich der einzige Berliner Sonnenmonat (gesetzt den Fall, die Sonne scheint), solange meine nach wie vor postulierte Forderung nach dem Umhauen von mindestens der Hälfte aller Bäume in Berlin nicht umgesetzt wird.

Man versuche, sich in einem Nachmärz- und Vornovembermonat am Wann- oder Schlachtensee in die Sonne zu legen. Unmöglich. Alles voll vermodertem und dunkel- und somit unheilbringendem Grünkrempel über und neben und vor und hinter einem. Für jemanden, der an lichten, luften, sonnigen und klaren stadtnahen Baggerseen aufgewachsen ist, ein klarer Rückschritt. Für mein Gefühl sind lichte und luftige Baggerseen ein typisch westdeutsches Phänomen. Deshalb sind Wessis auch besser gebräunt als Ossis. Während der Wessi sich einfach an den lichten und luftigen Kiesstrand und also in die sonnige und milde Sonne legt, verfängt der Ossi sich im Gestrüpp.

Zurück zum Thema: Bäume gehören dahin, wo sie hingehören und wo sie sich sicher auch zuhause fühlen: in den Wald.

Doch ich bin gewohnt kompromissbereit: Bäume in der Stadt sind tolerierbar. Solange sie keine Blätter haben.

Der deutsche Sonderweg – Vortrag von Heiner Flassbeck

Wer gerade eine Stunde und dreizehn Minuten Zeit hat (bzw. beim bügeln, abwaschen oder onanieren nebenbei einen interessanten Vortrag über Makroökonomie hören will), dem sei diese kürzlich in Düsseldorf gehaltene Rede von Heiner Flassbeck (1998 Staatssektretär unter Lafontaine im Wirtschaftsministerium und derzeit Chefvolkswirt bei der UNCTAD) empfohlen.

Flassbeck macht deutlich, wie aktuell die Theorie vom deutschen Sonderweg ist, diesmal rein ökonomisch gemünzt, und wie sich die deutsche Elite von realer Kriegsführung bis Fünfundvierzig auf ökonomische Schlachten heute verlegt hat. Dazu gehört natürlich auch der historische Untertan, der das alles mit sich machen lässt. Und Flassbeck belegt noch einmal, wie katastrophal die rot-grüne Politik spätestens seit 2002 war, deren Folgen – national und international – heute von den Medien weitestgehend ignoriert werden. Es kommt da auch der hier kürzlich erschienene Artikel über die Auslese an deutschen Journalistenschulen ins Spiel.

Überdies hat Flassbeck einen angenehmen Plauderflow drauf. Man beachte auch den wunderbaren grauen Vorhang, der einen geradezu zwingt, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen; erinnert an Robert Lembke seinerzeit.

Hier gibt´s die Folien des Vortrags einzeln

Und hier die sich an den Vortrag angeschlossene Diskussion

Frühling in Berlin (2)

In Fortsetzung von Frühling in Berlin (1)

(Foto: genova 2011)

Das erklärt so manches

Eine wissenschaftliche Studie einer gewissen Klarissa Lueg über die soziale Herkunft der Absolventen von Journalistenschulen, veröffentlicht bei telepolis:

Was passiert, wenn “Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor von Guttenberg trifft? Nein, es gesellt sich nicht nur Haar-Gel zu Haar-Gel und Kaschmir-Pullover zu Kaschmir-Pullover, sondern dann geht es auch um die Verständigung der Macht-Eliten, die sich gegenseitig quasi am Geruch erkennen…

Mehr als zwei Drittel der Schüler stammen aus einer “hohen Herkunftsgruppe”. Kinder von Facharbeitern etwa kommen gar nicht vor…

Im Zentrum der sozialen Auslese, so Lueg, steht dabei die Persönlichkeitsprüfung im Auswahlgespräch. Es ist der Mechanismus, über den der Habitus in Anschlag gebracht wird und der als Filter dient, um die Plebejer auszusieben. Dabei geht es um verschiedene Merkmale einer “journalistischen Persönlichkeit” wie Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, Sprachgefühl und Gesprächsführungskompetenz oder ein “Vertrauen erweckendes Wesen”. “Insgesamt formen diese fünf Merkmale eine journalistische Persönlichkeit, die durch eine bürgerliche Sozialisation und den daraus resultierenden Habitus begünstigt wird. Diese Merkmale können weniger durch schulische oder universitäre Sozialisation erworben werden”, so die Autorin…

Nicht blöd: Die Meinungsbilder sollen natürlich die richtige Meinung bilden. Und da bekanntlich nichts so stabil ist wie das in der individuellen Sozialisation Erlernte und Erfahrene, setzt man exakt da an. Jetzt wäre nur noch interessant zu erfahren, ob sich die wenigen Unterschichtlerabsolventen danach in ihren Artikeln vom Mainstream unterscheiden.

Die Studie bestätigt jedenfalls meine seit langem gehegte Vermutung, dass Journalistenschulen einen merkwürdigen Typus Journalist hervorbringen. Sie können schreiben, sicher, aber sie können auch um jeden neuralgischen Punkt herumschreiben, nötige Recherche ersetzen durch ein paar flotte Statements. Sperrige Erkenntnisse werden flott in Form gegossen. Man will ja an den Leser denken. Und wer da sonst noch so mitliest.

Danke, liebe Linksextremisten!

BMW wollte zusammen mit der Guggenheim-Stiftung eine Repräsentanz, wie man heute sagt, in Kreuzberg eröffnen, in einer Gegend, die seit Jahren massiv durchgentrifiziert wird. Laut Tagesspiegel haben das nun “Linksextremisten” verhindert. Es ist lustig: Der Tagesspiegel beschäftigt sich ja des öfteren mit dem Thema Gentrifizierung, auch und vor allem in Kreuzberg, und zeigt da gerne Verständnis für die Kritiker. Zumindest, solange es bei der Theorie bleibt. Wehren sich Leute konkret, sind sie plötzlich nicht links, nicht linksradikal, nicht linksextrem, nein:  linksextremistisch und damit jenseits der Gesellschaft, Aussätzige. Dabei geht es schlicht mal nur wieder um Widerstand gegen eine neoliberale Zumutung.

Die Repräsentanz heißt offiziell “BMW Guggenheim Lab”, man suggeriert also ein Laboratorium, eine Art Werkstatt, in der alle mitmachen dürfen bei der Neudefinition von Stadt, “eine Kombination aus Ideenschmiede, öffentlichem Forum und Gemeindezentrum”, wie BMW schreibt.

Man beachte die Sprache: Gemeindezentrum und öffentliches Forum. Also genau das, was neoliberale Politik zerstört, soll da angeblich hinkommen. Es zeigt das schlechte Gewissen dieser Leute, wenn sie Begriffe benutzen (und damit zerstören) müssen, die in Zusammenhängen geprägt wurden, die nicht-kapitalistisch waren und nur dann funktionierten. Aus dieser Mischung von High-Tech und einer funktionalisierten modernen Kunst soll eine Atmosphäre geschaffen werden, die “Stadt” einer exklusiven Schicht von Gutverdiendenen zuführt, natürlich in einer Gegend, die zig Jahre von echter Kreativität geprägt war und ohne die die Hampelmänner von BMW und Guggenheim aufgeschmissen wären. Man könnte es Schmarotzertum nennen, wäre der Begriff nicht belastet.

Die Ecke Schlesische Straße/Cuvrystraße, an der das Projekt entstehen sollte, nahe der Spree, ist ein sensibler, quirliger Teil Kreuzbergs, der seit Jahren unter massiven Mietsteigerungen und “Aufwertung”, wie man das nennt, zu leiden hat. Auf dem Gelände war bisher ein Kulturprojekt untergebracht. Dass genau hier Widerstand gegen neoliberale Zumutungen erfolgreich ist, ist wirklich mal eine angenehme Nachricht. Erfolgreich vor allem deshalb, weil der Staatsschutz dauerhafte Angriffe auf die Repräsentanz befürchtete, so wie das bei der O2-World, einer benachbarten Mehrzweckhalle und beim CarLoft, ein paar Straßen weiter, der Fall ist.

Die Repräsentanz sollte übrigens nur vorübergehend dort aufgebaut werden und dann in andere Trendstädte weiterziehen. Der Grundstücksinhaber will dann, nach eigenen Angaben, “Luxuswohnungen” bauen.

Der grüne Bürgermeister von Kreuzberg, Franz Schulz, findet das Lab natürlich toll:

„Das Lab ist ein Gewinn für die Stadt“, sagt er – gerade weil dort auch kritische Stimmen beim Thema Stadtentwicklung einbezogen werden sollten. Schulz sprach von einem „Einknicken“ vor Gewalttätern, dies sei „falsch“. Ende dieser Woche hätte der Aufbau des Labs beginnen sollen.

Kritische Stimmen einbeziehen, stimmt wahrscheinlich. Das ist ja auch eine Taktik neoliberaler Politik: Kritiker “mitnehmen”, liberal tun, sich alles anhören, ganz postmodern. Aber wenn es Ernst wird, dann weg mit denen, sie könnten ja der Profitmaximierung im Weg stehen. Wenn es Ernst wird, dann sind die Kritiker halt linksextremistisch. Dass ein Grüner das nicht sieht, ist mittlerweile naturgemäß und verwundert nicht mehr.

Vollens lächerlich wird die Aussage von Schulz, wenn man sich ein offenherziges Zitat eines BMW-Marketing-Menschen zum Thema Kreuzberger Guggenheim-Lab im manager-magazin anschaut:

“Wir haben es hier mit einem interessierten, aufgeschlossenen Publikum zu tun, das wir mit traditionellem Marketing und herkömmlichen Kommunikationskanälen immer weniger erreichen. All jene, die ganz definitiv keine Autozeitschriften lesen… Mit der Experiential branding-Strategie, und ganz konkret mit dem BMW Guggenheim Lab, möchten wir jene ansprechen, die heute vielleicht noch keine besondere Affinität zur Marke BMW haben.”

Der neue Innensenator von Berlin, Frank Henkel von der CDU, nennt die Kritiker des BMW-Guggenheim-Lab gleich “Chaoten”, da weiß man, was man hat.

Das Lab hat schon Station in New York gemacht. Auch dort gab es Proteste, eine Kritikerin resümiert:

In New York scheint das Projekt kaum mehr als schnelllebige, bunt-schillernde Wegwerflösungen geschaffen zu haben; von der viel beschworenen Nachhaltigkeit keine Spur.

Das Lab soll nun im Prenzlauer Berg aufgestellt werden. Mal sehen, ob die Pappnasen dort dem etwas entgegenzusetzen haben.

P.S.: Direkt gegenüber vom jetzt geplatzten Standort, am anderen Spreeufer, will Daimler-Benz eine neue Vertriebszentrale bauen.  Die Polizei berät Mercedes in Sachen Sicherheit.

Liebe Linksextremisten, danke im Voraus!

P.P. S.: Occupy Berlin würde sich wahrscheinlich vor das Grundstück stellen und per Megaphon rufen:

“Liebes BMW-Lab, wir sind empört!”

Weitere Informationen zu dem BMW-Guggenheim-Lab bei der lokalen Initiative dagegen und hier.

Materialkunde 5 (Ziegel/überfragt/Beton)


(Fotos: genova 2012)

Bisherige Materialkunden:
eins
zwei
drei
vier

Ich versteigere Exportabel – Mindestgebot: 4.750 Euro

Auf dieser Qualitätsseite namens URLPULSE kann man den Tauschwert der eigenen Website ermitteln lassen. Das enttäuschende Ergebnis für den Exportabel-Blog: Er soll lediglich 4.750 Euro wert sein. Angesichts der vielen wertvollen Informationen, mit denen der Leser hier seit Jahren versorgt wird, kaum zu glauben.

Exportabel ist der zweihundertfünfzehntausenddreihunderachtundsechzig-meistgelesene Blog Deutschlands. Bei 82 Millionen Einwohnern kann man ihn also zur quantitativen Blogelite überhaupt zählen. So eine Art Bildzeitung der Bloggosphäre.

Ich mache die 4.750 Euro deshalb zum Startpreis einer Auktion. BieterInnenfrist, wie man sagt: eine Woche. Angebote entweder per Kommentar oder per Mail.

Möge der neue Besitzer mit dem Erbe verantwortungsvoll umgehen.

“Außerdem müssen mir die Menschen sympathisch sein.”

Der Architekt Peter Zumthor (er war im Blog hier schon einmal ungenannt Thema) über seine Kriterien, nach denen er Aufträge auswählt:

“Ich nehme Aufträge dann an, wenn ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt vorhanden ist. Außerdem müssen mir die Menschen sympathisch sein. Ich lese mir die Leute aus, für die ich ganzheitlich und sorgfältig arbeiten kann, um ein schönes, gut funktionierendes Haus zu bauen.”

Ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt, wie nett. Zumthor ist in der seltenen Lage, als Freiberufler oder Selbstständiger tatsächlich nur die Aufträge annehmen zu müssen, die ihn wirklich interessieren. Und nicht nur das:

“Ich arbeite nicht nur am Wie, sondern auch am Was, also an Form und Inhalt. Ich habe das zurückschauend auch immer so gemacht: In Bregenz hat man eine Landesgalerie bestellt und zehn Jahre später eine internationale Kunsthalle bekommen; die Thermen in Vals hatten vor zwanzig Jahren ein besseres Sportbad bestellt und etwas ganz anderes bekommen. Die Inhalte wurden nicht über Nacht, sondern nach langen Diskussionen neu formuliert.”

Zumthor macht, was er will, weil das, was er macht, mit voller Überzeugung macht, vielleicht auch mit Liebe zum Gegenstand. Man sieht und fühlt es bei seinen Bauten. Wer Zumthor einmal erlebt hat, weiß, dass er nicht gerade ein Rhetorik-Genie ist. Dennoch (oder deswegen?) ist er glaubwürdig, man nimmt ihm ab, was er sagt. Und man sieht, dass man ihm abnehmen kann, was er sagt. Er behandelt die verwendeten Materialien wie andere nur ihr Geschlechtsteil. Es ist von Vorteil, wenn ein Architekt auch ausgebildeter Schreiner ist.

Das ungefähre Gegenteil von Zumthor ist unser aller Freund Hans Stimmann, der kürzlich auf diesem Blog behandelte rechtsreaktionäre und zugleich sozialdemokratische Berliner Architektur- und Stadtzerstörer. Und es ist sicher kein Zufall, dass Peter Zumthor gerade in Berlin seine größte Pleite erlebte, nämlich mit dem von ihm geplanten Neubau der Topographie des Terrors. Ein komplexer und technisch anspruchsvoller Entwurf ließ die Kosten steigen, Zumthor flog raus, der Rohbau wurde abgerissen. Selbst wenn man bar jedes kulturellen und architektonischen Verständnisses ist, muss man als rein monetär denkender Mensch in einer Touristenstadt wie Berlin ein Volltrottel sein, um einen Zumthor abzureißen.

In Berlin kommen solche Leute in Entscheiderpositionen.

Egal. Was wollte ich sagen? Wohl nur das: Jemand wie Zumthor ist selten, einer, dem es unangenehm wäre, man würde ihm zum Bilbao-Effekt eines von ihm gebauten Museums gratulieren. Einer, der macht, was er will, und erfolgreich ist. Einer, der aus der Zeit gefallen scheint. “Ein gutes Leben braucht viel Geduld”, meinte er anlässlich der Eröffnung des Kolumba-Museums in Köln, aber Geduld ist ja nun nicht mal mehr eine Sekundärtugend.

Ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt. Könnte eine Floskel, PR-Gelaber sein. Ist es bei Zumthor aber nicht, habe ich das Gefühl. Und ich habe das Gefühl, das mich mein Gefühl hier nicht trügt.

(Zitate aus der bauwelt 6/2012)

Weißer, nichtstandardisierter Altbaufeiler, auf den die gegenüberliegende rote Wand abfärbt

 

 

 

(Fotos: genova 2012)