Monatsarchiv: Oktober 2011

Cellules, zweidimensional

(Foto: genova 2011)

Vom “Gespenst des Kapitals” und vom gratis mitarbeiten

Interessantes Interview in der Frankfurter Rundschau mit Joseph Vogl, der mit “Das Gespenst des Kapitals” einige Beachtung gefunden hat.

Zwei Auszüge:

“Mit dem Erdbeben von Lissabon ging das Vertrauen in eine vernünftige Weltordnung verloren. Voltaires Roman „Candide“ handelte vom Ende dieses Optimismus, vom Ende der Vorstellung, dass die wirkliche Welt die beste aller möglichen sei. In den ökonomischen Lehrmeinungen ist etwas Ähnliches noch nicht passiert. Der Crash von 2008 sollte für die ökonomische Wissenschaft nun eine ähnliche Rolle spielen wie das Erdbeben von 1755 für die Theodizee. Es ginge also um eine Art Säkularisierung des ökonomischen Wissens.”

Die Betonung des religiösen Moments ist in der Tat wichtig zur Entzauberung dieses Denkens. Alleine die Tatsache, dass Ökonomen einen homo oeconomicus zuerst erfinden und dann ihrer gesamten Logik voraussetzen, zeugt von der geistfreien Erbärmlichkeit dieser Technokraten, die Denker genannt werden. Wobei hier Religiosität gar nicht abgewertet werden soll. Insofern müsste man vielleicht eher von Banalität reden.

“Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass das, was man Kapitalismus nennt, ein kohärentes System sei, dessen Funktionieren oder Kollaps von einem bestimmten zentralen Funktionselement abhängig wäre. Der Kapitalismus ist ein sehr heterogenes Konglomerat von Praktiken, Institutionen, Akteuren. Ungenügend wäre aber auch die marxistische These, die behauptet, das System könnte an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen. Der Kapitalismus ist ein System, das sehr effizient darin ist, Widersprüche zu verwalten, Oppositionen zu absorbieren, sich an den eigenen Krisen zu optimieren. Es funktioniert, auch wenn dieses System überall knirscht oder leckt oder Elend produziert. Weder der Konflikt zwischen Arm und Reich, noch der zwischen Kapital und Arbeit führen zu seinem Untergang. Zudem hat dieser Kapitalismus eine wichtige Frage gelöst, er hat sich nämlich mehr und mehr von der Arbeit unabhängig gemacht. Marx hatte erwartet, die steigenden Kosten für Arbeit würden das System tatsächlich in eine Finanzierungsfalle treiben. Nichts dergleichen ist geschehen. Stattdessen ist es gelungen, den Faktor Arbeit zu minimieren – sei es durch Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen oder die Beanspruchung so genannter „Prosumer“, d.h. Konsumenten, die gratis an der Produktion ihrer Konsumgüter mitarbeiten. Das Ikea-Prinzip.”

Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Die Wirtschaftswissenschaften stehen – wenn es gut läuft – vor einer Art Aufklärung. Sie befinden sich also noch im Mittelalter. Wobei auch das schon wieder eine Herabsetzung wäre, nämlich eine des Mittelalters.

Kapitalismus als umfassendes ökonomisches, soziales und moralisches System, das bis in die letzte Hirn- und Herzwindung vordringt. Aber eben auch ein unglaublich flexibles und in seiner Funktionalität respektables. Respektabel auch insofern, als das dieses System es geschafft hat, ein Verhältnis herzustellen, das sein Fortkommen wahrscheinlich macht: Je offensichtlicher die Ungereimtheiten, je deutlicher die Systematik des Systems hervortreten, je klarer die zerstörende Macht wird, desto unfähiger werden die Betroffenen, all das zu analysieren. Desto tiefer verstricken sie sich in Irrationalismus, in Esoterik, in Verschwörungstheorien und in Occupy-Phantasien.

Ohne profunde Analyse geht nichts, auch wenn es schwer fällt. Und genau die wird systemisch unmöglich gemacht.

Jüngstes Beispiel: An der Humboldt-Uni in Berlin wurde diese Woche ein neues Institut gegründet. Tolle Sache eigentlich, mehr Wissenschaftlichkeit im Zeitalter der Bildung. Es ist ein Institut zur Erforschung der Zusammenhänge von Internet und Gesellschaft. Der Geldgeber ist google. Und es ist ein besonderer Erfolg kapitalistischer Verwertungslogik, dass selbst eine Zeitung wie die taz daran nichts Problematisches findet. Eine Meike Laaff schreibt:

Geld. Iiih! Böse!

Und jetzt mal ein paar Fakten: Das Institut bekommt von Google über drei Jahre verteilt gerade einmal 4,5 Millionen Euro. Eine ziemliche Portokassen-Summe für den US-Konzern…Und künftig sollen andere Sponsoren hinzukommen – etwa aus der Telekommunikationsbranche.

Man bemerke die Perspektive: Für google ist das nicht viel Geld, also ist das nicht so schlimm. Je mächtiger Unternehmen werden, je mehr Geld sie verdienen, desto harmloser werden sie also. Meike Laaff ist Jahrgang 1981 (wohnt bei mir um die Ecke, sehe ich gerade), nennt sich “Journalistin” und schreibt am liebsten über “Netzthemen”. Was immer das sein soll, das hat sie wohl in der taz gerade gemacht. Hat ja was mit google zu tun. Wahrscheinlich wählt sie auch die Piratenpartei, die machen ja auch irgendwas mit Netz und digital. Ich bin in dieser Logik wahrscheinlich analog und total out.

Wie schon viele Male in diesem Blog bemerkt: Das System funktioniert hervorragend. Religiosität ist in, die Götter heißen Kapital, Sachzwang oder google.  Die einen sind empört und veranstalten Messen unter freiem Himmel, die anderen liefern jetzt mal ein paar Fakten.

Das Gespenst des Kapitals ist ungemein aktiv. Man sollte Respekt vor ihm haben.

Der letzte Rest von Occupy

aufgenommen am Montag, 24. Oktober

Oder haben sich anderswo noch ein paar versteckt?

Eine umfassende, außerordentlich qualitätsvolle und überhaupt naturgemäß sehr, sehr gute Analyse der Gesamtsituation folgt.

(Fotos: genova 2011)

Postrealsozialistische Realitäten

Aktuelle Ästhetik in Polen:

Das ist ein kleiner Einblick in das ästhetische Ergbnis von 20 Jahren realkapitalistischer gesellschaftlicher Erfahrungen, die auf 40 Jahre realsozialistische Erfahrungen folgten. Eine regressive Gefühlsduselei, die mittels eines Satteldachs selbst auf Gartenzaunpfeilern den übermächtigen Wunsch nach Schutz in einer schutzlosen Gesellschaft ausdrückt.

Es kann nur besser werden.

(Fotos: genova 2011)

Godard über Sloterdijk: Endlich sagt´s mal jemand

“Wenn man an Freud oder Bergson denkt und dann auf jemanden stößt wie dieser Slo…, wie heißt er doch? Diesen Sloterdijk. Er kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren.”

Jean-Luc Godard in der Zeit vom 6. Oktober 2011, S. 52.

“Wir sind alle gemeinsam da drin”

Was sagen zu dem Occupy-Ding? Ich sage erstmal was zu Wolfram Siener, dem neuen Star der Bewegung. Er scheint mir symptomatisch für das, was da läuft.

Siener ist (bzw. war bis er sich gestern wegen anonymer Morddrohungen gegen seine Familie zurückzog)  der Sprecher von Occupy Frankfurt, 20 Jahre alt, sieht aus wie 15 und wie ein Mitglied der Jungen Union und ist empört. Er saß vergangenen Donnerstag bei Maybrit Illner und plapperte drauflos ohne jeden Zusammenhang.

(Screenshot: ZDF)

Ein Auszug:

“Der Steuerzahler rettet sich doch irgendwann selbst, da müssen wir hinkommen. Wir selbst als Volk haben eine Stimme, wir können etwas verändern … Ich denke, man muss verstehen, dass die Berichterstattung und das, worauf gezeigt wird, das, was gerne verteufelt wird, nicht das ist, was uns wirklich zurückhält …. Wir bieten dem Volk eine Plattform, wo es sich ausdrücken kann … Ich muss da mal ganz ehrlich die Frage stellen: Sind die Leute, die uns führen, diejenigen, die unsere Häuser bauen, sind das die, die sich  in Stromkraftwerken, in Wasserkraftwerken und auf dem Bauernhof tagtäglich abschuften? Das sind sie nicht. Das sind wir.”

Auf die Frage, ob Siener, wie in den USA geschehen, auch “vor die Villen der Reichen” gehen würde, antwortet er:

“Ich denke nicht. Ich denke, die Reichen sind auch ein Teil des Systems. Wir sind alle gemeinsam da drin, es hat sich über eine lange Zeit entwickelt. Machen wir das gemeinsam als die gesamte Menschheit.”

Und, besonders erwähnenswert:

“Es ist die Verantwortung der Banken, dafür zu sorgen”, dass die Zocker nicht mehr zocken können.”

Kein Wunder, dass selbst der anwesende Standard & Poor´s-Chef Deutschlands, Torsten Hinrichs, auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, in Frankfurt auch mit auf die Straße zu gehen, antwortete: “Im Grundsatz ja”. Angela Merkel findet ihn auch gut. Siener, meine ich. Den Hinrichs wohl auch.

Mit diesen Bemerkungen ist Siener über Nacht zum Medienstar geworden. Die Financial Times schreibt:

Mit einfachen, präzise gewählten Bildern kann er aber im nächsten Atemzug die Schwächen des Finanzkapitalismus darlegen und zeigen, dass er versteht, wovon er redet. Er sucht die Schuld nicht allein in der Upperclass.

Der Spiegel hält ihn für den “Hoffnungsträger der Generation Occupy”. Ist das die gleiche wie die Generation Wodka?

Dazu passt auch, dass der ebenfalls bei Frau Illner anwesende Ulrich Wickert “den Leuten” empfahl, die Piratenpartei zu wählen. Warum? Weil die etablierten Parteien dann wüssten: “Jetzt wird es gefährlich”. Aha.

Was will ich damit sagen? Es herrscht Konfusion. Es herrscht Empörung. Es herrscht Sprachlosigkeit. Siener wird zum Medienstar, weil er genau dafür steht. Weil er nichts zu sagen hat außer Plattitüden, die er aber authentisch und mit den Armen rudernd rüberbringt.  Im Moment scheint jeder toll zu sein, der kein Politiker einer etablierten Partei ist und sich authentisch empört. Die Piraten kommen bundesweit auf acht Prozent, obwohl oder gerade weil sie kein Programm haben. Acht Prozent für eine Partei, die als einzige Merkmale “nicht-etabliert” und “für´s Internet” hat. Die Financial Times freut sich über soviel Harmlosigkeit und darüber, dass sich kritisches Potenzial medial in dem unkritischen Hampelmann Siener fokussieren lässt.

Wozu gibt es seit 170 Jahren Kapitalismuskritik, wenn sich im Ernstfall keiner dafür interessiert? Warum besetzen genau dann, wenn Analyse gefragt wäre, die Unpolitischen, die Gefühligen, die jungdynamisch Authentischen die Bühne?

Es sind meines Erachtens immer noch die Nachwehen der politisch grauenhaften 1990er Jahre bis weit in die Nuller hinein. Wer in diesem Zeitraum politisch sozialisiert wurde, ist zwangsläufig sprachlos. Man wuchs auf mit dem Bewusstsein, dass der Kapitalismus das Ende der Geschichte darstellt und dass Deutschland aufgeteilt ist in Ossis und Wessis und ein paar Nazis und man doch jetzt endlich wieder stolz aufs Land sein müsse. Neoliberales Denken war en vogue, es gab keine Alternative.

Jetzt ist klar, dass etwas nicht stimmt, aber es fehlen die Begriffe. In dieser desolaten Situation sind Bekenntnisse wie dieses (vergangenen Samstag bei Occupy Berlin) bezeichnend:

Lustig, authentisch, ehrlich. Und jetzt? Vielleicht sollte man auch von einem neoliberal-medialen Komplex sprechen, der diese Form des Unpolitischen hypt. (Interessant in dem Zusammenhang: Das Versagen des Wirtschaftsjournalismus in der Finanzkrise. Auch systemisch bedingt.) Es herrscht Unzurfriedenheit im “Volk”, es herrscht Empörung über die da oben und die Banken. Da ist es doch praktisch, wenn sich nette junge Menschen vor die EZB in Frankfurt stellen und demonstrieren. Was die EZB für den Schlamassel kann, weiß wohl niemand so genau, aber egal. Man ist empört, das reicht. Und man nimmt damit jeder ernsthaften Kritik den Wind aus den Segeln. Was besseres kann Merkel und Co. nicht passieren.

Lustigerweise meldete sich jetzt Joachim Gauck zu Wort, er findet die Occupy-Bewegung “unsäglich albern”. Gauck war ja ebenfalls ein von den Medien Gehypter, seinerzeit als Bundespräsidentschaftskandidat. Ein Mann von gestern, reaktionär, ohne Durchblick, aber ein rot-grüner Volksheld. Eine schon wieder vergessene anti-emanzipatorische Katastrophe.

Kann eine Bewegung etwas erreichen, die niemandem wehtut? An die sich Gabriel, Merkel, die FDP und überhaupt alle dranhängen können?

Die Situation ist kompliziert, sicher, und niemand fordert finale Lösungen hier und jetzt. Doch wer ein wenig PR-affin ist, weiß, dass es Symbole braucht, die eine Richtung ausdrücken. So wie in Wackersdorf der Bauzaun wichtig war, an dem man rütteln oder sägen konnte, bräuchte man auch jetzt etwas Griffiges. Beispielsweise den Hinweis auf Vermögensverhältnisse. Es ist ja viel von den 99 Prozent die Rede. Wie wäre es, man wiese konzentriert darauf hin, dass in Deutschland ein Prozent der Bevölkerung über ein Finanzvermögen von 2,2 Billionen Euro verfügt, zufälligerweise fast exakt die Summe der Staatsverschuldung? Und dann Namen nennt? Köpfe zeigt? Deren Enteignung fordert? Das ist sicher keine genuine Kapitalismuskritik, aber es ist plastisch, nachvollziehbar, und es drückt konkrete Verhältnisse aus.

Das Plakat hier könnte auch weiterführen, weil es, gerade vor dem Reichstag, auf die innere Logik des Kapitalismus verweist:

In einer Gesellschaft, die sich nicht in jeder Ritze von kapitalistischen Zumutungen zurichten lässt, geht es und es geht gleichzeitig nicht, wenn man sich die Mechanismen nicht klarmacht, also auch die Abhängigkeit des Parlaments vom Kapital. Parteispenden sind da nur die offensichtlichste Form der Korruption, obendrein noch legal.

Und so ist an dieser zufällig festgehaltenen Verbindung zweier Plakate wohl was dran:

Gut möglich also, dass das Occupy-Ding zumindest in Deutschland als große Lachnummer in Erinnerung bleiben wird. Als ein Versuch, die Verhältnisse zu ändern, der sich als die Visualisierung der realen Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen erweist. Ein Beleg dafür, dass die gesellschaftliche Totalität im kapitalistischen System weiter fortgeschritten ist, als man es vielleicht glaubt. Wir sind sprachlos.

(Fotos: genova 2011)

Aktueller Hinweis für Verbraucher

(Foto: genova 2011)

Variationen zum Thema “Ordnung – Unordnung”

(Fotos: genova 2011)

Der “liebe Stefan”: Die Verbindungen von CDU und FDP zu Politically Incorrect

Kurz etwas zu den Verbindungen zwischen den vermeintlich bürgerlichen, konservativen, liberalen Lagern in Deutschland und Rechtsextremisten. Dem Verlag DuMont-Schauberg wurden kürzlich interne Mails der Verantwortlichen des Vollpfostenblogs PI-News zugespielt. Die zu DuMont gehördenden Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau berichteten deshalb in den vergangenen Wochen öfter über PI, man erhielt ein paar interessante Einblicke in die Geisteswelt der Nazis 2.0. Kurzversion:

Dokumente, die dieser Zeitung zugespielt wurden, belegen, dass PI weit mehr ist als eine harmlose Internetseite. Es handelt sich vielmehr um eine Organisation, die zum Teil hochkonspirativ an der Verteufelung einer ganzen Glaubensgemeinschaft arbeitet. Die in einem internationalen Netzwerk von Islamhassern eine entscheidende Rolle spielt und diese noch auszuweiten gedenkt. Die Gewaltverherrlichern und Rassisten, deren Weltbild dem des norwegischen Massenmörders Anders Breivik ähnelt, ein Forum bietet. Und in der die Person Stefan Herre [der Bloggründer aus Bergisch Gladbach] weit mehr ist als ein bloßer Moderator.

Die Macher dieser Seite sind sektenartig miteinander verbunden, es existieren mannigfaltige Kontakte zu rechtsextremen Parteien. Die politischen Argumente dieser Leute sind nur unter psychologischen Gesichtspunkten diskutierbar. (Man vergleicht sich allen Ernstes mit der Weißen Rose.) Das war aber schon vorher klar. Die angeblich fest vereinten Kameraden bezeichnen sich in Mails hintenrum schon mal gegenseitig als “Gehirngewaschene”, womit man ihnen wenigstens einmal zustimmen kann.

Interessanter aber sind die Informationen darüber, wer sich so alles mit diesen Leuten gut versteht. Die Berliner Zeitung schreibt:

Die Strahlkraft des Blogs scheint inzwischen sogar bis in lupenrein demokratische Parteien zu reichen. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass auch der Stresemann-Club – ein rechtslastiger Verein innerhalb der FDP – Kontakt mit dem “lieben Stefan” aufgenommen hat. Gleiches gilt für die Senioren-Union der CDU Deutschlands. Deren Geschäftsführer Dirk Hülsenbeck wandte sich am 19. Mai an das PI-Team, weil er “Sympathie für Ihr Engagement” empfindet. Es gebe “viele in der CDU, die die Union von innen erneuern möchten”, so Hülsenbeck, der einen islamfeindlichen Blog dafür offenbar als Mittel zum Zweck erachtet. Daher bot er PI an, gelegentlich “brauchbare Infos” zu liefern.

Ein leitendes Mitglied einer offiziellen CDU-Gruppierung empfindet Sympathie für volksverhetzende Rechtsradikale, will in diesem Sinne offenbar seine Partei “erneuern” und sieht sich darin parteiintern massiv unterstützt. Ähnliches gilt für die FDP. Der Stresemannclub nennt sich “rechtsliberal” und “demokratisch” und “patriotisch”. Gut zu erfahren, was Liberale meinen, wenn sie von Liberalismus reden. Offenbar sind tägliche Volksverhetzung, Begriffe wie “Museldreck” und das dahinter stehende Weltbild einfach nur Ausflüsse liberalen Denkens. Hätte ich mir ja denken können.

Dass Teile der FDP schon immer zu Rechtsradikalismus neigen, ist historisch begründet und bekannt. Dass in der Seniorenunion verkappte Nazis auch im Jahr 2011 noch maßgeblichen Einfluss haben, verwundert dann doch ein wenig. Mich zumindest.

Hans-Olaf Henkel denkt ja jetzt darüber nach, eine neue Partei zu gründen. Stramm-rechts mit Eurokritik als Aufhänger. Henkel hat ebenfalls gute Kontakte zu PI. Vielleicht wird hier ein gelb-schwarz-brauner Sud aufgesetzt, der über kurz oder lang vielen mundet. Das Potenzial ist in Sarrazin-Land auf alle Fälle vorhanden.

Helmut Schmidt will plötzlich Lafontaine sein

Ein Zitat aus dieser Woche:

“Auf den sogenannten Finanzmärkten tummeln sich intelligente, aber einäugige Idioten. Sie sind blind auf dem Auge, welches das Gemeinwohl im Blick haben sollte, und mit dem anderen Auge schielen sie auf ihre eigene Bonifikation. Sie haben kein Verantwortungsbewusstsein und gehören deshalb unter viel straffere Aufsicht. Dieser Meinung bin ich seit zweieinhalb Jahrzehnten. [Hervorhebung von genova]

Tolli. Da weiß also jemand seit 1986, wo der Neoliberalismus hinführt. Und wer hat´s gesagt? Bsirske? Wagenknecht? Genova? Lafontaine? Alles falsch. Es ist Helmut Schmidt im aktuellen Zeit-Magazin, S. 39, im Interview mit dem stets gut gekleideten, aber leider immer belangloser werdenden Giovanni di Lorenzo. Komisch nur, dass man die Finanzmarktkritik von Schmidt in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten nie gehört hat, sondern erst, seit kernige antikapitalistische Lippenbekenntnisse en vogue sind.

Er hätte das ja 1998 sagen können (immerhin zwölf Jahre, nachdem er sich diese Meinung gebildet hatte), als Schröder Lafontaine, der die Finanzmärkte unter straffere Aufsicht stellen wollte, absägte und die SPD auf neoliberalen Kurs brachte. Oder 2002ff., als seine Partei, zusammen mit den Grünen, die Finanzmarktaufsicht nicht straffte, sondern lockerte. Oder 2004, als Hans Eichel Hedge-Fonds in Deutschland zuließ. Oder 2005, als Peer Steinbrück in der Koalitionsvereinbarung mit der Union ausdrücklich eine weitere Liberalisierung der Finanzmärkte forderte.

Wo war Schmidt damals? Im Tabakladen? Warum hat er seinerzeit nicht flott di Lorenzo angerufen, er möge hochkommen und ihn interviewen? Es wäre ja sofort gedruckt worden in der Zeit. Oder er hätte Sandra Maischberger einen Wink gegeben, die hätte live an seinen Lippen gehangen. Hat Helmut Schmidt also 25 Jahre mit seiner Meinung hinterm Berg gehalten? Ts, ts.

Helmut Schmidt wird überschätzt. Die Sehnsucht nach dem König/Führer/Supermann spült solch illustre Persönlichkeiten wie Gauck, Guttenberg, Lena oder eben Schmidt nach oben. Wo sind die inhaltlich wirklich interessanten Beiträge Schmidts? Ich finde keine. Man kläre mich auf, wenn ich hier irre. Stattdessen sein Blick in den ungesicherten Brunnen und die Bemerkung, man habe schon vor 25 Jahren gewusst, dass das Kind da mal reinfallen werde.

Schmidt sagt ja so manches, was man unterschreiben kann. Aber das haben eben immer schon einige vor ihm gesagt. Das Zitat da oben würde mittlerweile selbst Frau Merkel unterschreiben. (Bis auf den letzten Satz.) Nur wenn Schmidt sowas sagt, hören alle ganz ehrfürchtig hin: Er hat wieder gesprochen, der große Staatsmann!

Peer Steinbrücks Vorbild ist übrigens, na, wer wohl: Helmut Schmidt. Und der stellte kürzlich Steinbrücks neues Buch vor und fördert dessen Kanzlerambitionen.

Es wäre eigentlich di Lorenzos Aufgabe, solche Zusammenhänge herzustellen. Doch man sollte von der Zeit nicht zuviel verlangen.