Interessant, was der norwegische Attentäter Anders Breivik in den vergangenen Jahren in diversen Blogs, bei facebook und sonstwo im Netz publiziert hat. Er bezeichnete sich als Protestant, aber die heutige evangelische Kirche als “Witz”, weil deren Priester “für Palästina marschieren” und ihre Kirchen “wie minimalistische Einkaufszentren aussehen”. Und: “Das einzige, was die evangelische Kirche retten kann, ist eine Rückkehr zu ihren Grundlagen.”Auge um Auge, Zahn um Zahn, meint er wohl. Spiegel-Online sieht bei Breivik einen “christlich-fundamentalistischen Standpunkt”.
Weiter schreibt er:
“Für mich ist es sehr heuchlerisch, Muslime zu behandeln, als unterschieden sie sich von Nazis und Marxisten. Sie sind alle Anhänger von Hass-Ideologien.”
Breivik sieht sich außerdem als “Rechtsnationalen”, als “Multi-Kulti-Hasser” und er ist gegen “Kulturmarxismus”. Vieles davon schrieb Breivik auf dem norwegischen Blog document.no, der größten norwegischen “anti-Islam, anti-immigration and pro-Israel website”. Auf einem anderen Blog sympathisierte er mit dem niederländischen Rechtspopulisten Gert Wilders. Breivik war von 1999 bis 2006 Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei.
Na, an was erinnern diese Beschreibung und die Zitate Breiviks? Klar, an die glorreichen Kameraden von pi-news, dem antiislamischen, rassistischen und vorgeblich israelfreundlichen Blog des Kölner Sportlehrers Stephan Herre. Der schließt sich den Aussagen Breiviks an. Der Blog bemerkt: “Was er schreibt sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten.”
Die Verbindungen sind offensichtlich, aber nicht nur das. Auch die Morde Breiviks stehen in Einklang mit der PI-Logik. Wer vom “Geburten-Dschihad” spricht, von der Scharia, die kommen wird, von dem nicht überbrückbaren Gegensatz von Okzident und Orient, von “wir oder die”; wer eine islamische Bedrohung an die Wand malt, die dazu führen wird, dass in wenigen Jahren alle Frauen in Deutschland mit einer Burka rumlaufen müssen, impliziert die Tat. Die Botschaft des publizistischen Dauerfeuers ist klar: Entweder wir wehren uns oder wir gehen in Dekadenz unter. Der Bürgerkrieg kommt. Und danach Nürnberg II.
Zu weit hergeholt? Von wegen: Bei PI wird gerne die Waffenfreigabe für “Bürger” gefordert und die passenden Kaliber diskutiert. Der “Hass auf alle Musels” und “Schleiereulen” gehört zum täglichen Repertoire. Fundamentalistische Christen werden gerne zitiert. Die vertreten ja “unsere” Werte. Wer sich sowas täglich durchliest und einschlägig deformiert ist, für den kann Widerstand zur Pflicht werden. Es ist ja für die gute Sache. Und folgerichtig bemerkt ein Kommentator, dass seit dem Attentat in Norwegen “sicher schon Hunderte Opfer islamischer Anschläge” wurden.
Ein anderer PI-User bringt das klar zur Sprache:
“Von seiner (Breiviks) Warte aus hat er wahrscheinlich rational gehandelt. Islamisierung ist mit friedlichen Mitteln nicht mehr aufzuhalten, also wende ich Gewalt an und zwar nicht gegen die Symptome (Moslems), sondern gegen die Ursache ( linksgrüner multikulti sozi Wahn).”
Der PI-Sud ist die Grundlage für eine Geisteshaltung, die Norwegen möglich machte. Es geht da nicht um “Islamkritik”, es geht um Hass. PI selbst ist das angesichts von 90 Toten wohl auch eine Nummer zu heftig. Die “Redaktion” schreibt:
“Dieser Beitrag soll darum auch eine sachliche Analyse und kein Reinwaschen von Eigenverantwortung sein … Wir dürfen uns vor lauter Auf-andere-mit-dem Finger-Zeigen nicht unserer Eigenverantwortung entziehen. Wir stehen in der Verantwortung für unser Handeln und Denken.”
Eigenverantwortung, aha. Doch erwartbar kommt keine Analyse zur Eigenverantwortung, sondern lediglich die Aussage, die Tat sei “das Werk eines einzigen Mannes”, eines Irren, gewesen. Er handelte wohl gesellschaftlich im luftleeren Raum. Wie könnte denn “Eigenverantwortung” angesichts des Blutbads aussehen?
Und selbst diese vagen Erklärungen der “Redaktion” gehen den meisten Lesern schon zu weit: User “Mastro Cecco” beispielsweise schreibt:
“Die Regierungen haben doch auf diesen Anschlag lange gewartet und gehofft, er möge möglichst bald kommen, damit sie allen Kritikern von Masseneinwanderung, Islamisieurung und Migrantengewalt den endgültigen “Todesstoß” verpassen können! …
DAS dürfen wir uns nicht gefallen lassen!
JETZT erst recht!!!”
Weitere bezeichnende Reaktionen der PI-Leserschaft zum Attentat von Norwegen finden sich im Blog Lindwurm.
Es geht noch besser. Pro Deutschland, ein Ableger der Rechtsradikalen von Pro Köln, stellt angesichts des Massakers in Norwegen die Frage: “Heute Oslo – morgen Berlin?” und dreht im dazugehörigen Artikel den Spieß um:
Auch in Berlin ist es ja bereits zur akzeptierten Normalität geworden, dass jede Nacht Autos angezündet werden, dass die Polizei um Leib und Leben fürchten muß, und dass sich viele Bürger in bestimmte Stadtviertel gar nicht mehr getrauen.
Es sind also böse Linke und böse Muslime, gegen die es jetzt vorzugehen gilt. Es gilt, das Feindbild aufrechtzuerhalten, egal, wie zwanghaft dieses Vorhaben daherkommt. Wer offiziell für “Grundgesetz und Menschenrechte” kämpft, kann wohl psychologisch nicht anders. Folgerichtig titelte PI am Freitag Abend noch, bar jeder (auch grammatikalischer) Erkenntnis:
“Warum bombt Islam ausgerechnet in Norwegen?”
Die Suppe köchelt. Es geht bei PI (täglich rund 50.000 Leser) und anderen Nazis 2.0 ja nicht um Islamkritik. Die wird, soweit ich das sehe, am effektivsten noch von kritischen Muslimen selbst praktiziert. Es geht um die Dauerproduktion von Hass. Hass auf Linke, Grüne, Schwule, Moslems, Türken, Araber, Afrikaner, alle, die sich für die Produktion von Hass anbieten.
Wohin das führen kann, haben wir jetzt gesehen.
Zitatquellen, soweit nicht anders gekennzeichnet: Spiegel-Online und pi-news. Zu pi-news außerdem das hier.