Monatsarchiv: April 2011

Holy Wood: Vom guten Gefühl, etwas für Berlin getan zu haben

Derzeit stoße ich alle Nase lang auf Hinweise zum Thema “Ökologie als Ersatzhandlung”. Man kümmert sich um vermeintlich ökologische Belange, um das Soziale, das Politische links liegen lassen zu können. Man könnte das eine Form von psychischer Entlastung nennen.

Jüngstes Beispiel: Baumpatenschaften für Berlin. Man höre und staune, sowas gibt es wirklich. Holy Wood nennt sich die Sache, höhö. Die Initiatoren sind der Meinung, dass es in Berlin zu wenig Straßenbäume gibt. Ich würde zwar die Wette anbieten, dass es weltweit keine Stadt mit mehr Straßenbäumen gibt als Berlin und bin als raumästhetisch sehender Mensch der Meinung, dass man aus ebensolchen raumästhetischen Gründen mindestens ein Viertel davon fällen müsste (und durch sowas wie unten auf dem Bild ersetzen könnte), aber nun gut. Die Deutschen und der Baum, da ist Schluss mit lustig. Der heilige Wald eben.

Jedenfalls sucht Holy Wood jetzt Baumpaten:

“Eine Baumpatenschaft kostet 1000 Euro. Diese 1000 Euro beinhalten den Kauf, die Pflanzung und die Pflege des Baumes für die folgenden drei Jahre. Ihre Spende wird vollständig für einen neuen Straßen-Baum verwendet. HOLY WOOD vermittelt zwischen Ihnen und den verschiedenen Grünflächenämtern der Stadt Berlin, um einen Standort nach Ihren Wünschen zu finden.

Wenn Sie eine Baumpatenschaft übernehmen möchten, überweisen sie bitte 1000 Euro auf nachfolgend genanntes Konto:”

Mich würde schon mal interessieren, wie jemand aussieht, der da 1.000 Euro locker macht. Egal. Bürgermeister Wowereit jedenfalls findet die Aktion toll (“etwas für den Klimaschutz tun”), aber der findet ja auch toll, dass die Neumieten in ehemaligen Arbeitervierteln derzeit um zehn oder zwanzig Prozent jährlich steigen. Gleichzeitig findet eine Art gemäßigte Deportation von Menschen in Problemviertel statt. Das sind die, denen das “Amt” diese Mietsteigerungen nicht finanzieren will und die deshalb abgeschoben werden in die ganz spezielle Ecken in den Vorstädten. Aus dem Blick. Das interessiert Wowereit wahrscheinlich weniger als die neuen Bäume. Und die Ökodeppen unterstützen ihn dabei. Vielleicht finden die es auch in Ordnung, dass unter den neuen Bäumen keine Gesockse mehr herumhockt.

Einer der Organisatoren von Holy Wood heißt Ralf Schmerberg, nennt sich Künstler und sagt:

“Wir haben gelernt, dass das Geld einfach alle ist und eine Auswirkung ist natürlich “Bäume”. 430.000 stehen, 10.000 fehlen.”

Genau, das Geld ist einfach alle. So lernt man das. Oh Schreck, was sollen jetzt die armen Bäume machen! Der Künstler plappert hier den gleichen neoliberalen Blödsinn daher wie ein Kurator der INSM. Aber er ist für Bäume, dann wird es schon in Ordnung sein. (Mal konkret: Für die geforderten 10.000 Bäume müssen die zehn Millionen Euro einsammeln.)

Noch besser: Gegründet wurde Holy Wood von einer Gruppe, die sich Mindpirates nennt. Echt subersiv, die Sache. Meine Fresse.

Man muss sich das mal vorstellen: Da zahlen Menschen in einer Stadt, in der es wuchert wie die Sau, 1.000 Euro für einen weiteren Baum und zehn Millionen insgesamt, während reihenweise soziale Projekte dichtgemacht werden, weil die Mittel für Stadtförderung um prognostizierte 50 Prozent zusammengekürzt werden, in der der soziale Wohnungsbau seit mindestens zehn Jahren nicht mehr stattfindet und in der Wohnungsbaugesellschaften wie die Gagfah oder die GSW privatisiert und renditemaximiert werden. Die Häuser sind im Arsch, aber Hauptsache es steht ein Baum davor. Es ist eine organisierte Asozialität, die sich unterm grünen Mäntelchen da breit macht.

Es ist die immergleiche Haltung: In einer unübersichtlichen Zeit, in der man sich politisch am liebsten überhaupt nicht positioniert, kümmert man sich um “die Natur”. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, zahlt man 1.000 Euro für einen nagelneuen Baum in Berlin. Weil Baum ist irgendwie Natur und Natur ist irgendwie Umweltschutz und Umweltschutz ist irgendwie voll wichtig. Und meine neue Baumpatenschaft kann ich bei jeder Party rumerzählen, ich bin engagiert. Und von der Steuer absetzen kann man´s auch noch. Und die Initiatoren ergänzen:

“…neben dem guten Gefühl, etwas für Berlin getan zu haben, bekommt jeder Baumpate auch noch ein kleines Schild mit seinem Namen neben dem gespendeten Baum.”

Na, dann… Unterstützt wird das gute Gefühl von Motor.FM, einem trendigen Berliner Radiosender mit guter Musik. Die werden schon wissen, was in ist.

Aus raumästhetischer und sozialethischer Perspektive das Gegenteil der Holy-Wood-Scheiße: die vielen kleinen, individuellen, bunten, sorgfältigen, sensiblen Gehwegbebuntungen in Neukölln, Kreuzberg und anderswo:

(Foto: genova 2011)

P.S.: Aktuell zum Thema Mietsteigerungen etc. ein Artikel aus der Berliner Zeitung: “Monopoly in Kreuzberg”


Auszug:

„Es ist zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden, Mietshäuser zu erwerben, in Eigentumswohnungen aufzuteilen und die Einheiten mit großem Profit weiterzuverkaufen“, sagt der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne). Diese Entwicklung sei einer der Motoren sozialer Verdrängung.

Zehn Euro Mindestlohn, sonst knallt´s

Hinweis auf eine, wie ich finde, sehr unterstützenswerte Aktion, gerade kurz vor dem 1. Mai: Die Forderung nach einem allgemeinen Mindestlohn von zehn Euro. Pro Stunde, nicht pro Tag.

Mindestlohn zehn Euro

100 Blogs für 10 Euro Mindestlohn

Es wird zwar, wenn der Mindestlohn nicht kommt, aller Erfahrung nach nicht knallen, aber ein bisschen drohen kann man ja mal. (Als guter Deutscher habe ich in der Überschrift vorsichtshalber auf das Ausrufungszeichen verzichtet.)

Weitere Informationen dazu beim Spiegelfechter.

Mehr als tausend Worte

Ich habe über Ostern meine Bildersammlung entrümpelt und dabei drei Dokumentationsfotografien entdeckt, die auf drei Reisen geknipst wurden. Ich veröffentliche sie nun, weil sie deutlich machen, dass ein Foto der Wahrheit näher kommt als tausend Worte.

Den Anfang macht eine Aufnahme aus Ostpolen: Ein ehemaliger Militärflugplatz, der früher von “den Russen”, wie man sagt, genutzt wurde. Er liegt seit 19 Jahren still und ist wegen herumliegender Munition absolutes Sperrgebiet. Doch es gibt Hoffnung: Arabische Investoren wollen dort einen Freizeitpark errichten. Im Hintergrund das Städtchen Przystawka:

Dann ein nachdenklich stimmendes Bild aus einer Bürgerkriegsregion: Eine verlassene Zahnarztpraxis in Grosny, Tschetschenien. Man spürt hier förmlich, wie brutal die russische Soldateska vorgegangen ist. Alle medizinischen Apparaturen wurden mit roher Gewalt zerstört:

Zum Schluss ein Foto aus der Megacity Lagos, Nigeria. Typisch: Gesichtslose Architektur, mörderischer Verkehr und der tropisch-dunstige Himmel. Man kann die Schwüle geradezu sehen:

Danken wir also Gott, dass er uns die Fotografie ermöglicht hat. Wie sollten wir uns sonst ein Bild machen?

(Fotos: genova)

Subversive sowjetische Superstrukturen

Kurzer Hinweis auf eine Bilderserie zu hervorragender spätsowjetischer Architektur (dort habe ich auch die Überschrift geklaut), architektonisch einmalig, unglaubliche Sachen. Das meiste davon ist in der Peripherie der Sowjetunion entstanden und wohl deshalb bis heute kaum bekannt. Der Fotograf Frédéric Chaubin hat die Sachen ab 2003 fotografiert. Drei Beispiele:

Druschba-Freizeitzentrum, Jalta

Ukrainisches Institut für wissenschaftliche und technologische Entwicklung und Forschung, Kiew

Georgisches Straßenbauministerium, Tiflis

Die Gebäude sind allesamt später entstanden, als das der im Westen sozialisierte Architekturbeobachter vermuten würde: ab Ende der 1970er bis weit in die 1980er hinein. Es ist eine Art sowjetische Postmoderne, ein entstehender formaler Pluralismus, der vielleicht als erster Schritt zum Zerfall der UdSSR gesehen werden kann. Ein totalitäres System, das sich öffnet, zerstört sich notwendigerweise. Es ist eine Postmoderne, deren Absicht nicht darin besteht, in einem Gebäude einen möglichst großen und beliebigen Stilmischmasch unterzubringen, sondern in dem jedes Gebäude in sich stimmig, aber autonom daherkommt. Man spürt beim Betrachten den Einfluss der sowjetischen Avantgarde aus den Zwanzigern, man spürt, dass Leute wie El Lissitzky und Tatlin in der Sowjetunion Einfluss hatten. Die Stalinalleen dieser Welt wirken dagegen so unglaublich hausbacken. Man bekommt auch ein Gefühl für die Ernsthaftigkeit des damaligen Versuchs, Individualität in einer gewollten Massengesellschaft möglich zu machen. Veränderung der Welt durch Ästhetik.

Abgesehen davon ungemein wohltuend zu sehen, dass es seinerzeit noch die Möglichkeit gab, mitten in einen Wald hinein so ein imponierendes Gebäude zu stellen, ohne dass irgendwelche selbsternannten Ökos, die in Wahrheit nur Kulturfeinde sind, dies verhinderten.

Soweit ich weiß, ist keines der abgebildeten Gebäude Weltkulturerbe. An die Arbeit, UNESCO!

(Fotos: Frédéric Chaubin 2005)

Vittorio Hösles merkwürdige Tipps für die Grünen

Die Positionierung der Grünen, nächste Runde: In der Süddeutschen Zeitung kam vergangenen Samstag (Printausgabe, S. 13 und auch online.) der Philosoph Vittorio Hösle zu diesem Thema zu Wort. Sein Beitrag ist, abgesehen von der intellektuellen Banalität über weite Strecken, schlicht Ausweis dafür, dass ihm für die politische Analyse jedes Talent fehlt.

Zur Banalität nur folgendes Beispiel. Mister Hösle schreibt:

“Winfried Kretschmann wird erst zeigen müssen, wieweit er die enormen Erwartungen in Baden-Württemberg erfüllen kann, zumal er in einer Koalitionsregierung nicht alle Wunschvorstellungen wird verwirklichen können.”

Na, sowas aber auch. Den Satz hat Bettina Schausten am Wahlabend sicher auch schon gesagt.

Ärgerlich aber ist seine gesellschaftspolitische Erklärung:

“Viele Bürger haben den Eindruck, dass soziale Gerechtigkeit in Deutschland weitgehend erreicht ist – die SPD hat an Attraktivität verloren, gerade weil sie so viel beim Aufbau des deutschen Sozialstaates geleistet hat: Ihre Mission scheint erschöpft. Deutschland hat schlicht und einfach mehr Nachholbedarf bei der intergenerationellen als bei der sozialen Gerechtigkeit, und daher wenden sich junge Wähler, die genau wissen, dass die Umweltrisiken sie noch direkt betreffen werden, eher den Grünen zu.”

Meine Fresse. Dass seit zehn oder fünfzehn Jahren sämtliche Kennzahlen, mit der man soziale Gerechtigkeit messen könnte, sich negativ entwickeln, hat Hösle noch nicht mitbekommen. Dabei müsste er sich nur mal die Dozenten mit Zeitvertrag an seiner Uni angucken. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hat rotgrün, vor allem nach 2002. (Das zum tausendsten Mal zu belegen, ist mir zu aufwendig.) Die SPD hat exakt seitdem an Attraktivität verloren, seit sie Politik gegen die eigenen Wähler macht, seit sie also für den Aufbau des Sozialstaates nichts mehr geleistet hat, sondern nur noch was für dessen Abbau. Die Linkspartei als Ersatz ist zeitgleich auf Werte zwischen zehn und fünfzehn Prozent gestiegen. Es ist also genau das Gegenteil von Hösles Behauptung wahr.

Dann der Schwachsinn von der “intergenerationellen Gerechtigkeit”. Was soll das sein? Wahrscheinlich die Diskussionen auf dem Niveau, dass man heute nicht die Rente erhöhen dürfe, weil das zu Lasten der Jungen gehe. FDP-Ortsverbandsgeschwätz.

Die Jungen wählen also grün, weil sie Angst vorm Atom haben, aber sich sicher sind, dass ihre Rente einmal üppig sein wird – der SPD sei dank, die ja den Sozialstaat so großzügig ausgebaut hat.

Vielleicht meint der Vittorio ja auch, dass die Jungen später mal mit der Zahl der tropischen Nächte in Berlin mehr Probleme haben werden als mit ihren dann wahrscheinlich mickrigen Renten. Oder meint Vittorio, dass die Renten gar nicht mickrig sein können werden, weil die SPD ja so viel für den Sozialstaat getan hat?

Je länger man sich mit Hösles komischem Denken beschäftigt, desto verwirrter wird man.

Doch einigermaßen deutlich wird Hösle in dem SZ-Artikel kurz darauf. Nicht nur die Grünen, sondern…

“…alle deutschen Parteien sind wohlberaten, Nachhaltigkeit in viel intensiverer Weise in ihr Denken zu integrieren und ihr etwa die soziale Gerechtigkeit unterzuordnen, wenn sie langfristig wieder bessere Ergebnisse an den Wahlurnen erzielen wollen.”

Nachhaltigkeit meint also Umweltpolitik. Soziale Gerechtigkeit kann offenbar nicht nachhaltig sein, sondern nur Klimbim. Und die Wähler werden solche Politik langfristig “an der Wahlurne” honorieren?

Vielleicht hat er mit der Prognose dennoch recht. Aus neoliberaler Politik folgt, so haben wir bei Harald Schumann gelernt, irrationales Verhalten der Geschädigten.

Wer ist der Mann mit dem lustigen Namen? Hösle promovierte mit 22 und habilitierte mit 24. Vorher hat er wohl im Schnelldurchlauf studiert. Wahrscheinlich hatte er einfach keine Zeit, sich mit Realitäten auseinanderzusetzen.

Wort zum Sonntag

(Foto: genova 2011)

“…ein unglaublich gefährliches Phänomen”

Bemerkenswert im Zusammenhang mit der Diskussion hier im Blog über die Rolle der Grünen derzeit ist folgender Vortrag, den mein Lieblingsjournalist Harald Schumann vor ein paar Wochen auf dem “Demokratiekongress” der Grünen gehalten hat. Es ist ein Plädoyer gegen die praktische Politik der Grünen, von der ersten bis zur letzten Minute. Schumann sagt das ab 10.40 im ersten Teil auch recht deutlich. Es wird auf die Politik der Grünen keine Auswirkungen zeitigen. Aber schön, dass wir darüber geredet haben.

Wie auch immer, der Vortrag ist als Überblick hervorragend.

Zusammenfassung: Neoliberalismus als absurdes System, das durch immer stärker werdende Ungleichheit eine “zunehmende Instabilitiät des ganzen politischen System” hervorruft. Folge: “Verunsicherung der Menschen in ihrer Identität”, Abwertung des Anderen. “Rassismus” folgt “beinahe automatisch”. Die Grünen als Förderer des Rassismus. So geht das. Das Naive wird Opfer des Politischen.

Anders ausgedrückt: Neoliberale Politik als beste Möglichkeit, eine andere Politik zu verhindern. Eigentlich kann niemand etwas dafür, es ist alles systemisch.

Erster Teil:

Zweiter Teil:

Köln – Ostberlin: ein profunder Städtevergleich

In Köln sind die Fließen kapitalistisch und ohne Schnörkel, in Berlin sozialistisch und mit Fries, man braucht Abwechslung in der Monotonie. Die Kölner Fließen sind in einem warmen Ton gehalten, es ist ja die nördlichste Stadt Italiens. Der kühle Farbton in Ostberlin zeigt die Nähe zu Sibirien. Der Kapitalismus macht krank, deshalb ist die Apotheke gleich im Haus untergebracht. Im Sozialismus braucht man Fluchtwege, am besten unterirdisch. Im Sozialismus verzichtet man auf Gardinen, man hat offenbar nichts zu verbergen. Ganz im Gegensatz zum Kapitalismus, wo man sich sogar hinter Grünzeug verbarrikadiert. Im Sozialismus schenkt man der Natur keine Beachtung, das Grünzeug vertrocknet auf dem Vordach.

In beiden Systemen schauen Frauen im Top aus ihren Fenstern. Sie sind auf der Suche.

(Fotos: genova 2004 und 2011)

Zwei Bemerkungen zu den jüngsten Erfolgen der Grünen

Es wird hier meines Erachtens zweierlei deutlich. Erstens der, wie ich aus meiner begrenzten Perspektive glaube, typisch deutsche (vielleicht nicht nur typisch deutsche) Hang, Ökologie als Ersatzreligion zu betrachten, und zwar auf Kosten des Sozialen. Umwelt gegen Mensch. Zweitens der Erfolg der neoliberalen Ideologie. Hirne und Herzen sind verwirrt und deshalb verunsichert.

Zu Punkt eins: Der Erfolg der Grünen bedeutet mitnichten eine Stärkung des sozialen gesellschaftlichen Gewissens. Das Soziale wird ersetzt durchs Ökologische, oder auch nur durchs Pseudo-Ökologische. In Berlin beispielsweise kümmert man sich derzeit mit Hingabe um die prognostizierten Folgen der globalen Klimaveränderung für die Hauptstadt. Was sagen die Prognosen? Die Zahl der “tropischen Nächte” (die Temperatur fällt nicht unter 20 Grad) steigt von heute fünf bis 2050 auf vielleicht acht. Pro Jahr. Die durchschnittliche Jahrestemperatur steigt demnach von 10,5 Grad auf 12,5 Grad. Was folgt aus diesen doch eigentlich erfreulichen Vorhersagen für besorgte Ökos? Man fördert die Einrichtung von “Frischluftschneisen”, mehr “Grün” und ähnlichem. Das in einer Stadt, in der es ca. 300 Tage im Jahr zu kalt ist und 65 Tage gerade richtig und in der es grünt, was das Zeug hält. Hier keimt es, wo man hinspuckt.

Die Klimaveränderung wird vielleicht katastrophale Auwirkungen haben auf Länder wie Bangladesh oder Sri Lanka oder die Seychellen. Aber nicht auf Berlin. Soziales Engagement wird ersetzt durch ökologische Phantasien. Und zwar, weil man diesen Ersatz WILL.

Und, viel schlimmer, in einer Stadt, in der JETZT, nicht in 40 Jahren, innerstädtisch die Mieten steigen, was das Zeug hält, arme Menschen vertrieben werden in baufällige Problemviertel in den Vorstädten; in einer Stadt, in der sogenannte Investoren von sonstwoher auf weitere gigantische Renditen auf dem sogenannten Wohnungsmarkt in den nächsten 20 Jahren spekulieren. Das Kapital hebt derzeit die Berliner Mietpreise auf das Niveau von London oder Paris, der soziale Sprengstoff von dort wird, ebenfalls mit sozialdemokratischer Hilfe, in den Vorstädten gleich mitinstalliert, und das Gewissen des gehobenen deutschen Ökobürgertums sorgt sich um die Nachttemperaturen in 40 Jahren. Streng genommen sorgt man so dafür, dass das gehobene Bürgertum, das die Innenstädte dann vornehmlich okkupiert haben wird, nächtens nicht zu sehr schwitzt, während der Pöbel draußen in zugigen Betonsilos wohnt, dem das Thema zurecht völlig egal ist.

Es ist, um mal richtig auf die Pauke zu hauen, eine Form von Menschenfeindlichkeit, die sich da Bahn bricht. Es ist eine Variante der typisch deutschen Urbanitätsfeindschaft. Lieber schön romantisch zurück in die Natur, dahin, wo die Welt noch in Ordnung ist. Problemausländer gibt es da auch keine, und überhaupt: der ganze Lärm! Frischluftschneisen sind da willkommen: wieder ein bisschen weniger Stadt.

Punkt zwei: Diese Naturheinis betreiben das Geschäft des Neoliberalismus, wenn auch vielleicht ohne es zu wollen. Denn eine Gesellschaft ist nicht für beliebig viele Themen aufnahmefähig. Das Argument, man könne ja etwas für das Klima und etwas für die soziale Stadt machen, ist theoretisch in Ordnung, aber nicht praktikabel. Faktisch kümmern sich heute ungleich mehr Gruppen und Leute um Naturschutz, Umweltschutz und Klimaschutz in Berlin als um soziale Belange. Es ist Agendasetting im Sinne des Kapitals. Eine Demo gegen die Finanzkrise bringt 20.000 Leute auf die Beine, eine gegen Atomstrom 200.000. Nichts  gegen das Anti-AKW-Engagement, aber das ist halt einfach. Man wechselt zu Lichtblick, zahlt monatlich drei Euro mehr für den Strom, geht auf eine Demo und ist irgendwie vorn dabei im Ökobürger-Mainstream. Gegen kapitalistische Zumutungen auf die Straße zu gehen (und somit auch gegen die Ursachen des Betriebs von AKWs), überlässt man lieber irgendwelchen Linksradikalen. Nicht, dass man auf eine Pro-Kapitalismusdemo ginge, nee. Da ist man lieber indifferent. Besser unpolitisch. Aber ein Engagement gegen das Atom und für die Natur bringt eben mehr gesellschaftliches Prestige als klare linke Standpunkte. Ökologisches Engagement bringt mittlerweile das Lob des Kapitals. Denn da geht es nicht um Klassengegensätze, sondern um neue Renditemöglichkeiten. Die deutschen Ökodeppen fallen drauf rein bzw. sie checken nix.

Die Partei der Grünen ist die perfekte Wohlfühltruppe für diese Leute (IG mal ausgenommen ;-) ). Im Zweifelsfall tut man ein bisschen sozial, aber ansonsten Hauptsache ökologisch. Was auch immer genau das heißen mag. Es heißt oftmals: eine Politik des Unpolitischen. Die ernsthafte sozialpolitische Auseinandersetzung wird ersetzt durch kapitalintensivierte Ökologiepolitik.

So gesehen sind mir nach wie vor linke Gewerkschaftler oder einfach klassenbewusste Arbeiter, die in der Eckkneipe ihr Feierabendpils trinken und sich einen Scheiß um ihren CO2-Fußabdruck kümmern, tausendmal lieber als die Ökos, die mit ihren übertragenen Sorgen und ihrem komischen, lächerlichen Engagement für Öko-Berlin vor allem die eigenen Ängste übergrünen. Hauptsache: nicht zu heiß.

Was mir bei Lamm mit Spinat auffällt

Ein Gespräch, das ich vor ein paar Tagen beim Mittagessen in einer Kreuzberger Gaststätte belauschte, natürlich rein zufällig: Eine Frau und ein Mann, beide Mitte, Ende Dreißig, unterhalten sich über einen Vortrag, den die Frau noch halten muss. Es geht um solidarisches Wirtschaften, grüne Ökonomie und sowas. Die beiden erzählen ganz vernünftiges Zeug, doch es fällt auf, dass ihnen die richtigen Begriffe fehlen. Zwei Beispiele:

Dem Mann fällt sofort der Begriff “Schuldner” ein, doch leider nicht der Gegenbegriff “Gläubiger” (bis ich ihm auf die Sprünge helfe). Meines Erachtens ein kleines Beispiel einer typischen Folge der langjährigen Herrschaft des neoliberalen Diskurses. Es wird der Öffentlichkeit eingebleut, von den bösen Schulden zu sprechen und den Zinszahlungen, die geleistet werden müssen. Alleine der Bund jedes Jahr 50 Milliarden Euro. Kaum thematisiert wird aber, wer das Geld kriegt. Wer von den Schulden profitiert. Da würde dann zu offensichtlich klar, wie Kapitalismus funktioniert.

Beispiel zwei: Die beiden Gaststättenbesucher fragen sich, warum die Stromkonzerne jetzt gegen die AKW-Abschaltung klagen wollen, da sie ihre Aktionäre doch gar nicht gefragt hätten. Der Begriff “Aktionäre” fällt mehrmals, mit diesem Begriff versuchen die beiden, die Welt zu erklären, warum die AKWs vielleicht doch nicht abgeschaltet werden, es geht irgendwie um das Böse. Der Aktionär als der Weltenbeweger. Wohlspürend, dass das Böse mit dem Begriff des Aktionärs nur unzureichend erfasst wird. “Kapital” wäre das Wort, mit dem das besser ginge. “Kapital” fällt ihnen aber nicht ein, es ist in weiten Teilen aus dem aktiven Wortschatz getilgt, eben WEIL es so sinnvoll reale Zusammenhänge beschreiben könnte. “Aktionär” verweist nur auf jemanden, der Geld gezahlt hat und dafür etwas bekommen will, also ein uns allen vertrauter Vorgang. Mit “Kapital” könnte man da systemisch argumentieren.

Wenn einem die Begriffe genommen werden, kann man das, was man ausdrücken will, irgendwann nicht einmal mehr denken. Ganz praktisch, für den Gläubiger und fürs Kapital.

Systemisch denken ist aber eh out. Wäre das nicht so, wären die Grünen nicht derart populär, wie sie es gerade sind. Stoff für einen anderen Artikel.