Thomas Struth fotografiert gerne Menschen, die sich Kunst anschauen. Fotografiert man gerne Menschen, die sich ebendiese Bilder von Thomas Struth anschauen, wird man fortgejagt.
Eine Ausnahme dieser Regel:
Und sonst? Struth in einer großen Ausstellung im K20 in Düsseldorf. Hm. Seine frühen Stadtbilder, Straßen in Düsseldorf, Amerika, sonstwo, sehr respektabel. Und aus heutiger Sicht nich nur von künstlerischem, sondern auch von hohem dokumentarischen Wert. Google View schon in den Siebzigern. Seine aktuellen Sachen finde ich eher banal, weil sie das Dokumentarische zu sehr wollen. Es sind nun keine öffentlichen Straßen mehr, die Struth ohne Menschen knipst, sondern nicht-öffentliche Gebäude und Maschinen. Oder der Urwald, wo man bei Struth zu der Erkenntnis gelangt, dass ein Urwald ziemlich verwirrend sein kann. Viele Blätter und so. (siehe hier)
Der Katalog sagt zu den Urwaldbildern:
Die chaotische Dichte und simultane Präsenz der pflanzlichen Details fordern den Betrachter dazu heraus, sich den Vorgang der Wahrnehmung bewusst zu machen, und werfen ihn so auf die eigene Gegenwart zurück.
Auf die eigene Gegenwart zurückgeworfen werden. Floskel, belanglos.
Die Becher-Sachen wirken heute genau dann lächerlich, wenn sie sich zu ernst nehmen. Das Dokumentarische ist als Dokumentarisches interessant, nicht als überhöhter Kunstfetisch im renommierten Museum. Die Bechers fuhren in den Siebzigern mit ihrem VW-Bus durch Europa und formten mit einer Engelsgeduld ihren Stil. Sie hatten eine Idee und ließen sich nicht beirren, obwohl sie von vielen als irr bezeichnet wurden. Die Ruffs und Struths sind heute mit Ferrari und Kunstnutten und Stoschek-Connection und dem ganzen lächerlichen Düsseldorf-Geplänkel längst angekommen in einem Umfeld, in dem man sich nur entscheiden muss, ob man sich jetzt eine neue Rolex an den Arm bindet oder einen neuen Struth an die Wand hängt. Dann kommen noch nette Mädels dazu, die Texte wie den oben schreiben.
Es ist unausgegoren, was ich hier schreibe. Aber ich merke, dass mich diese Mixtour mittlerweile nervt: Nur noch Großformate, alles sehr gut verkäuflich, alles eher harmlos, kein dokumentarischer, eher ein technisierter Blick aufs Objekt, keine Neugier mehr, kein Ekel, marktkonform. Welchen Aspekt beim Fotografieren spielen die Urteile der Kunsthändler? Geht es nicht nur noch um die Trademark “Düsseldorfer Schule”?
Kunst in hochkapitalisierten Zeiten HAT sich zum Kapital zu verhalten, Stellung zu beziehen. Es gab Zeiten, da wollte aktuelle Kunst den Betrieb unterlaufen, subversiv sein. Die Struths und Ruffs machen heute eher das Gegenteil. Ihre Kunst ist nicht mehr autonom, sondern, so meine Vermutung, von vornherein auf den Markt ausgerichtet. Daher das Gefühl der Banalität der neueren Sachen.
Dieser Kunst ist die Aura zu nehmen. Beispielsweise, indem man sich beim Gegenfotografieren nicht verjagen lässt.
(Foto: genova 2011)








