Schnell ein paar Zeilen, die ich mir auch schenken könnte.
Es geht um eine Frau namens Cora Stephan, die ein Buch namens “Angela Merkel. Ein Irrtum” geschrieben hat. Das Interview, das die FASZ deswegen vergangenen Sonntag mit ihr führte, ist ein Lehrstück politischer Dummheit.
Frau Stephan, 2005 haben Sie Angela Merkel gewählt. Jetzt sind Sie enttäuscht. Warum?
“Ich habe „Angie“ gewählt, eine Frau mit einer deutlichen Sprache und einem mutigen Reformprogramm.”
Sagt eine Frau, die sich hauptberuflich mit Sprache beschäftigt. Cora Stephan ist Schriftstellerin. Was meint sie mit “deutlicher Sprache”, was mit “Reform”, was mit “mutig”? Angie? Die FASZ fragt nicht nach, obwohl exakt das bei diesen Phrasen die Hauptaufgabe eines Journalisten wäre.
Wann hat Merkel Ihre Zustimmung verloren?
“Ach, ich habe wie viele andere lange die Hoffnung nicht aufgegeben. Aber es bewegte sich einfach nichts. Und dann kam die Sarrazin-Debatte. Da ist mir der Geduldsfaden gerissen. Wie bitte? Die Frau, die von Mut und Freiheit geredet hat, erklärt ein Buch für „nicht hilfreich“, das sie noch nicht einmal gelesen hat?
Peng. Eines der dümmsten politischen Argumente des vergangenen Jahres fehlt also auch nicht. Man darf demnach die Thesen eines Menschen nicht kritisieren, wenn man sein Buch nicht gelesen hat, auch wenn der zig Seiten Vorabdrucke in Spiegel, Bild etc. bekam, wochenlang ununterbrochen in den Medien seine Thesen präsentierte, von allen Seiten analyisiert wurde? Und Merkel soll ihre Zeit damit verschwenden, es zu lesen? Ist Frau Stephan nicht auf die Idee gekommen, dass es Referenten gibt, inhaltliche Zuträger, ohne die man wichtige Ämter nicht ausfüllen könnte? Und was hat die Kritik an Sarrazin mit Mut und Freiheit und dem angeblichen Mangel daran zu tun?
Daneben das übliche neoliberale, tausendmal wiederholte, formelhafte, sozialdarwinistische Geplappere. Sie stellt “Fragen einer Steuerzahlerin”, die sie mit Begriffen wie “Sozialstaatsillusion”, “Befreiungsschlag” “Reformmotor” beantwortet. Sie will die Reformmotormerkel zurück. Geilomat.
Der Sozialstaat jedenfalls wuchert wie die Sau:
“Als schlichte Steuerzahlerin fragt man sich ja, warum man da nicht gleich hartzen geht.”
Ja, wer so schlicht ist, dem sollte ein starker Staat unter die Arme greifen. Auf zum Amt!
Das Motiv der schweigenden Mehrheit darf natürlich nicht fehlen. Endlich mal eine kritische Bürgerin:
Werden Sie Merkel wieder Ihre Stimme geben?
“Nein. Obwohl ich die Alternativen auch nicht sonderlich attraktiv finde. Vielleicht werde ich die größte Partei von allen stärken: die der Nichtwähler.”
Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Dazu passt eine Bemerkung aus einem Beitrag von ihr für die Welt:
“Es kommt hinzu, dass die beständig wahlkämpfenden Politiker am liebsten jene Klientel bedienen, die Stimmen versprechen. Und das sind alle, die ungern am Ast sägen, auf dem sie sitzen: Rentner, Beamte, Staatsangestellte, Arbeitslose und Harz-IV-Empfänger.”
Exakt diese fünf Gruppen sind nachweislich die Verlierer der Politik der vergangengen Dekade. Welche Wahrnehmungsstörungen liegen solchen Aussagen zugrunde? Muss man nur fleißig die Welt und ähnliche Blätter lesen? Vermutlich. Vielleicht kommt bei ihr die aktuelle Diskussion, ob Arbeitslose fünf oder acht Euro mehr kriegen, als bevorzugte Klientelbedienung an.
Die SPD hat es auch nicht gebracht:
Schröder wurde für seine Agenda 2010 abgestraft.
” Aber nicht zuerst von der Bevölkerung, sondern von seiner Partei.”
Hätte die Partei nicht gemurrt, dann hätte der Wähler nichts gemerkt und Schröder wäre immer noch mit 40 plus x Prozent Kanzler. Und Angie mutige und freiheitliche Oppositionsführerin.
In dem Interview plappert sie so skurrile Sätze, dass man kaum glauben kann, dass sie das Ernst meint. Letzte Kostprobe, gemeint ist wiederum “Angie”:
“In ihren Reden als Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin spürte man eine geradezu emphatische Freiheitsliebe.”
Wer ist Cora Stephan? Eine Krimiautorin aus Frankfurt, die – Achtung – 2006 Jurymitglied für den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt war. Wer hat da den Preis bekommen? Sarrazin? Vielleicht aber auch die emphatisch freiheitsliebende Angie, damals hatte das Jurymitglied die Hoffnung ja noch nicht aufgegeben. Beim “Deutschen Atomforum” trägt sie ebenfalls vor und fordert allen Ernstes den “Bau neuer, sicherer, effizienterer Atomkraftwerke”, was für jemanden, die hauptberuflich mit Sprache zu tun hat, nicht schlecht ist. Neu, sicher, effizient, wer kann da schon nein sagen? Ich nicht. Wahrscheinlich fordert sie auch besseres Wetter für Deutschland. Ich auch. Sie hinterfragt keinen Begriff und benutzt zielsicher all das, was ihr die neoliberalen Spindoktoren lauwarm vorgesetzt haben. Reformmotor. Brummbrumm.
Was rät sie, um die german angst vor Atomkraft zu überwinden, kein Scherz?
“Gespräche mit Wissenschaftlern und Ingenieuren bei Besuchen in Atomkraftwerken.”
Cora Stephan scheint Teil dieses informellen deutschen rechten Deppennetzwerks zu sein, Achse der Guten, Bolz, Baring, Henkel etc. Von irgendwoher eine Reputation haben und sie fürs Ressentiment nutzen.
Andererseits: Stephan schrieb in den Achtzigern für den Pflasterstrand und promovierte zuvor über “die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert”. Sie scheint der Fraktion der Gewendeten anzugehören, die das nur mit analytischer Niveaulosigkeit schaffen, Broder ähnlich. Eine Art deutsche Tea-Party. Es wäre also ratsam, ihr Geplapper aus biographischer Perspektive zu untersuchen, was ich naturgemäß nicht leisten kann, da ich die Frau bis vergangenen Sonntag gar nicht kannte.
Und warum gibt die FASZ diesem Schwachsinn ein Forum? Wo fast täglich Bücher auf den Markt kommen, wie man sagt, die eine publizistische Förderung verdient hätten? Hat Cora zu Schirrmacher ähnlich gute Kontakte wie zur Adornopreisjury? Ist Frankfurt ein Dorf? Änderte man den Titel des Buches ein wenig ab, wäre es zu bewerben: Cora Stephan. Ein Irrtum. So aber ist das Buch so überflüssig wie diese Zeilen. Ich sollte sowas künftig bleiben lassen.
So sieht sie aus, die Cora:
(Foto: Wikipedia)