Monatsarchiv: Dezember 2010

Zwei Ausreißer

(Foto: genova 2007)

Foto von Jesu Geburt entdeckt!

Die Geschichte muss wieder einmal umgeschrieben werden. Bislang unbekanntes Fotomaterial von Jesu Geburt, das mir zugespielt wurde, zeigt ein ungeschminktes Bild der Wirklichkeit. Die erstaunlich volllippige Maria entband auf einem schrottplatzähnlichen Gelände, das von den Evangelisten später euphemistisch zum “Stall” hingebogen wurde. Sie ließ den Heiland aber immerhin bereits in Form einer Wassergeburt in die Welt gleiten. Josef hat schon Stühle für den Besuch, der sich für den 6. Januar angesagt hat, herbeigeschafft; ein klarer Hinweis auf die ausgeprägte Gastfreundschaft der frühen Christen. Während sich die Jungfrau noch von den Strapazen erholt, liegt Jesus tief versunken in der Alu-Krippe hinten links, die leider viel zu groß ist für das arme Kind. Wie wir wissen, wurde er dort nicht vergessen.

Gott bewahre und frohe Weihnachten.

(Foto: Josef, 0)

Apokalypse auf dem Büchertisch

In Berlins größtem Buchladen Dussmann liegen auf dem zentralen Büchertisch, dem Eye-Catcher direkt vor der Kasse, friedlich nebeneinander:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Also das (nächste) Buch eines neoliberalen phantasierenden Sozialdarwinisten, das Buch eines neoliberalen technokratischen Sozialdarwinisten, das Buch einer mutigen, wie man sagt, und deshalb vielleicht depressiv gewordenen Jugendrichterin (†) und das Buch eines nicht namentlich gekennzeichneten französischen Autorenkollektivs, das glaubt, dass Unzufriedene mittels mannigfacher Sabotage das System lahmlegen. Interessant, dass sich das Aufstand-Buch offenbar sehr gut verkauft.

So geht Apokalypsen-Pluralismus. Jeder liest die Wahrheit, die ihm behagt. Dieser Büchertisch ist einer der seltenen Orte, an dem diese unterschiedlichen Perspektiven und Annahmen zusammenkommen, nicht nur in Form der Bücher, sondern auch die Leser, die direkt nebeneinander stehen und, sich mit ihren dicken Winterklamotten schon berührend, zu den favorisierten Werken greifen.

Vielleicht gibt es ja kurzen Blickkontakt.

Dann aber schnell weg. Der eine wird nach Weihnachten wissen, dass die dummen Moslems sich ausbreiten und Deutschland deshalb untergeht, der andere wird wissen, dass die faulen Südeuropäer via Euro uns runterreißen und Deutschland deshalb untergeht, die dritten werden wissen, dass die Kriminellen mit Samthandschuhen angefasst werden und Deutschland deshalb untergeht und die vierten werden wissen, dass die entwickelten Industrieländer nach und nach wegsabotiert werden und Deutschland also auch untergeht. Und alle haben es schon vorher gewusst.

An Silvester wird man sich dann unterhalten können über das Gelernte, natürlich immer schön gruppeninhärent. Deutschland ist im Eimer, so viel scheint festzustehen. German Angst. Aber letztlich ist das egal, denn spätestens zum Frühjahrsgeschäft kommen die nächsten Bestseller mit den nächsten Apokalypsen auf den Markt.

Es ist dies außerdem eine weitere Variante des flexiblen Kapitalismus. Man darf im System an dumme Moslems glauben und an faule Südeuropäer und an dreiste Kriminelle und an effektive Aufständische. Hauptsache, man kauft die dazugehörigen Bücher. Sogar alle vier auf einmal kann man kaufen und verschenken. Das System, das, zumindest in Teilen, angeblich demnächst begraben wird, freut´s. Selbst das Aufstand-Buch, das eigentlich den Verzicht predigt, das Entsagen des Konsums, ist nun ein Bestseller. Die Geschäfte gehen gut, nicht nur bei Dussmann.

Nachtrag: Der Fairness halber möchte ich anmerken, dass Kirsten Heisig ein durchaus relevantes Problem anschneidet und das Aufstand-Buch zumindest literarisch lesenswert ist. Dass die beiden anderen Bücher Bullshit sind, ist ja bekannt.

Zu unrecht missachtete Berufe: der Kartoffelgroßschäler

Was wäre die sich jetzt in aller Munde befindliche deutsche Kartoffel ohne ihn?

Und was wäre deutsche Maschinenbaukunst, würde sie nicht gleich die größte Kartoffelschälmaschine der Welt erfinden?

(Foto: genova 2005)

Na, wenn das so ist!

Übersetzung auf Anfrage.

(Foto: genova 2006)

Alles Fassade

Eine konsequente Umsetzung der banalen Version neckisch-postmoderner Architektur. Man nehme eine Spiegelglasfassade aus Massenkonfektion, krümme sie barock-konvex und klebe ein wenig Zierat dran: Plastikrahmen, die französische Fensterformate und Giebel suggerieren, dazu, ganz real, barock anmutende Geländer der nicht vorhandenen französischen Balkone.

Was haben wir gelacht.

(Foto: genova 2010)

Gainsbourgianer

Wer hat La Boum mit Sophie Marceau seinerzeit nicht gesehen? Ich. War wohl der einzige. Ich weiß nicht, warum, mir fehlt die Erinnerung. Teeniekomödien haben mich wohl schon damals nicht interessiert, was mich jetzt über meine Sozialisation nachdenken ließe, was nicht hierher gehört. Erinnern kann ich mich aber an Charlotte Gainsbourg, von der ich in den Achtzigern alle Filme sah, die es in westdeutsche Programmkinos schafften. Einige gruben sich tief ein ins Hirn. Der Zementgarten, Das freche Mädchen, Die kleine Diebin, vielleicht noch Meine Tage mit Julien. Ein seltsames, feenartiges Wesen mit enttäuschend kleinen Brüsten (französische Nachwuchsschauspielerinnen mussten sich damals ausnahmslos vor der Kamera ausziehen). Und vor ein paar Jahren nahm sie mit 5:55 eine wunderbare Platte auf.

Marceau oder Gainsbourg. Zwei französische Schauspielerinnen, altersmäßig nicht weit auseinander, ich mittendrin. Die eine, 1966 geboren, spielte in La Boum nicht nur mit, sie war La Boum; die andere, 1971 geboren, hatte berühmte Eltern. Marceaus Vater war LKW-Fahrer. Das sagt sie heute im Wochenendinterview in der Süddeutschen Zeitung. Und das auch noch:

“Wir gehörten zur Arbeiterklasse, wohnten im Vorort und wenn wir nach Paris wollten, mussten wir die Metro nehmen. Und ja, mein Vater war zeitweise Lastwagenfahrer. Dann auch wieder Bauarbeiter oder Barkeeper. Gelegenheitsjobber eben. In der Welt, aus der ich stamme, ging es nicht um Fortbildung oder Kunst. Die Kinder wurden nicht dazu erzogen, Ärtze oder Anwälte zu werden. In meiner Welt fuhren Männer Trucks. Und Frauen wurden Kellnerinnen.”

Ein angenehmes Interview mit dem Foto einer ziemlich attraktiven Sophie Marceau (sie ist schmaler geworden). Obwohl heute viel mehr Männer Trucks fahren als damals, ist das Truckerthema keins mehr. Alle labern nur noch von Bildung und meinen Zurichtung zur Verwertung. Ob Trucks in Gainsbourgs Welt auch eine Rolle spielten?

Marceau oder Gainsbourg. So kommt mir das in der Erinnerung vor. Entweder sah man die eine oder die andere. Marceau habe ich kaum wahrgenommen. Die Zeit macht solche Gräben bedeutungslos. Ich werde mir demnächst La Boum anschauen. Und Fernfahrer wollte ich früher auch werden.

Marke Eigenbau

Ein Haus in einem Neubauviertel in Bukarest: Interessante Fensteranordnung, auf das Wesentliche reduziert, und schon morgen kann ein drittes Fenster dazukommen. Wie überhaupt diese Wand eine ganz besondere Dynamik ausstrahlt: die nur angedeutete und doch ganz klare Vierteilung, der auf cirka fünf Achteln der Breite eingezogene Boden, der ein wenig übersteht, die gelungene Asymetrie, gerade weil sie nicht beabsichtigt war.

Es kommt auf dem Bild das Element zum Vorschein, das für westliche Betrachter auch die Attraktivität brasilianischer Favelas erzeugt: Das Individuelle, nicht exakt Geplante, weil nicht exakt planbare, eine Ästhetik, die in ihrer Schroffheit und Unbeholfenheit ehrlich ist, kein Anbiedern, jede Individualität zulässt, zu keiner Norm fähig ist. Und gerade diese Indifferenz in der Planung erzeugt eine umfassende Sensibilität. Der banale Begriff der Schönheit wird hier vorgeführt.

Interessanter anzusehen als jede Architektenbemühung in deutschen Eigenheimvierteln.

(Foto: genova 2010)

Straßenausbesserungsarbeit

(Foto: genova 2010)

König Heiner

Was hat die Schlichtung wegen Stuttgart 21 gebracht? Wir haben einen neuen König. Einen mehr. Geißler wurde bejubelt als toller, unabhängiger, weiser Mann, der ganz automatisch zu einem weisen Urteil kommen wird. Auch von S-21-Gegnern, das haben sie nun davon. Dabei ist eine “Schlichtung” offenbar ein undemokratischer Akt. Es gibt einen Chef, der bestimmt, und der Rest hält dann den Mund. Geißler wurde ja gerade wegen seiner ruppigen Diskussionsführung von vielen Seiten gelobt. Vielleicht macht eine Schlichtung Sinn, wenn man sich im Ergebnis annhähern kann. Bei S 21 aber gibt es kein Souterrain. Entweder oben oder unten.

Mal unabhängig davon, was von dem Schlichtungsspruch zu halten ist: Der völkische Teil des Volkes blickt nicht mehr durch und ist, ganz in deutscher Tradition, Debatten grundsätzlich abgeneigt. Zu kompliziert, zu langwierig, zu uneindeutig. Dann doch besser jemand, der ein Machtwort spricht: Gott, König, Führer. Diese Haltung ist es, die Geißler nun so beliebt macht, zumindest bei vielen Medien.

Es ist dies eine weitere Folge neoliberaler Politik: Der Alltag wird faktisch komplizierter. Man hat alle Hände voll zu tun, die richtige Krankenkasse, den richtigen Stromanbieter, die richtige Altersvorsorge und den besten Viagraanbieter zu ermitteln, da fehlt verständlicherweise die Kraft für mehr. Wenn schon die Bahnfahrt über Weihnachten zur Verwandschaft ein ergebnisloses Wühlen nach dem besten Preis, der sich zugleich als möglichst schlechtester entpuppt, voraussetzt, wer soll da noch Interesse für wirklich komplizierte Zusammenhänge entwickeln? Während der Einzelne sich in Konkurrenzkämpfen auf allen Ebenen verstrickt, vertritt das Kapital immer raffinierter, also verdeckter, seine notwendigerweise immer umfassenderen Interessen. Das Kapital produziert gewollt eine gefährliche Unübersichtlichkeit (die mit der von Habermas diagnostizierten nicht zu tun hat), die Gegenreaktion ist der Ruf nach dem Führer. Eigentlich ganz praktisch: Zuerst Unübersichtlichkeit herstellen, dann die eigenen Interessen durchsetzen und gleichzeitig verhindern, dass diese noch als solche erkannt werden. Die Medien sind größtenteils im Sack, von denen ist keine Aufklärung zu erwarten.

Das ganze Geplapper auf der Rechten, man brauche mehr Volksentscheide, dürfte seine Grenzen genau dann erfahren, wenn das Volk vielleicht doch nicht so rechts ist, wie man es im Begriff der “schweigenden Mehrheit” gerne vermutet. Wenn die Rechte Volksentscheide fordert, von jüngsten Schweizer Erfahrungen befördert, haben sie offenbar mehr Führerqualitäten als gedacht. Bzw: Einem vom Neoliberalismus notwendigerweise verunsicherten und dadurch verdeckt-autoritär nach rechts gerückten “Volk” kann man Fragen mit rechtsautoritärem Hintergrund stellen (Keine Minarette! Kriminelle Ausländer raus!): Sie stimmen zu, das neoliberal produzierte Feindbild bedienend.

Es geht nicht um mehr Volksentscheide, sondern um demokratischere, aufgeklärtere Strukturen, und zwar überall. Die wären Voraussetzung für wirklich aufschlussreiche Diskussionen, Debatten, Entscheidungsprozesse. Die Debatten um S 21 waren da in Teilen gar nicht schlecht, immerhin. Lobbystrukturen und die vielen Verflechtungen zwischen Kapital und Politik wurden in Teilen offengelegt, man erkannte (wenn man dazu in der Lage ist), dass es mal wieder um das alte Spiel ging: Wenn der Staat für ein “Projekt” ordentlich zuzahlt, lohnt sich das fürs Kapital. Dann ist es völlig egal, was gebaut wird. Beteiligt der Staat sich an der privaten Mehrwertproduktion, wird das gemacht. Auch wenn man sich ein paar Wochen mit einem alten Mann auseinandersetzen muss.

Stuttgart 21 ist verkehrspolitischer Blödsinn, gerade in Anbetracht der enormen Summen, die anderswo fehlen. Das wurde nun, auch hier, dargelegt. Darüber noch zu diskutieren, wäre nur dann sinnvoll, wenn die Gegenseite überhaupt einmal neue, belastbare Argumente auf den Tisch bringen würde. Tut sie aber nicht. Wenn ich das richtig sehe, war Geißlers einziges Argument für S 21, dass ein Ausstieg eine Milliarde Euro kosten würde.

Die Geißlerschen Auflagen sind dennoch in Teilen interessant, vor allem, was den Versuch der Verhinderung von Immobilienspekulation angeht. Es ist aber kaum vorstellbar, dass das Kapital sich hier von einem alten Mann bremsen lässt, dessen Spruch keinerlei juristische Kompetenz hat. Die halbe Innenstadt Stuttgarts wird neu bebaut, der Projektentwickler ECE steht in den Startlöchern, und die sollen jetzt aufgeben? Es ist da ja schon von einer “Stiftung” die Rede, also einem Instrument, das demokratisch überhaupt nicht zu kontrollieren ist. Wer die quasi-kriminellen Methoden solcher Projektentwickler kennt (ich sollte mal etwas über die Entstehungsgeschichte der “Düsseldorf Arcaden” schreiben), lacht sich an dieser Stelle schlapp.

Genauso schlapp lacht man sich ob des vom Schlichter verfügten “Stresstests”: Den wird wohl eine S-21-freundliche Firma durchführen und bis dahin gibt es nicht einmal einen Baustopp. Selbst wenn der Stresstest ein negatives Ergebnis brächte, kletterten die Ausstiegskosten vermutlich auf 1,5 oder zwei Milliarden Euro. Ob Geißler das selber checkt oder nicht, würde mich interessieren, ist aber tatsächlich keine wichtige Frage.

Ein König für Deutschland, besser gesagt, einige Könige: Seit einiger Zeit latenter Anwärter auf den Thron ist Guttenberg, praktischerweise von Haus aus adelig. Vor ein paar Monaten war es der neoliberale Gauck. Der war übrigens auch als Schlichter für S 21 im Gespräch. Er hatte keine Zeit.


Der umtriebige Heiner, schon mit Mitte 50 so lustig zerknittert: In den 1970ern nannte er Günter Wallraff, Herbert Marcuse und andere “Sympathisanten des Terrors”, 1983 war die SPD für ihn die “fünfte Kolonne” Moskaus, dann wechselte er die Seite. 1987 betrachtete er die CDU, auf Kohl gemüntzt, als “führerkultische Partei” trat vor ein paar Jahren attac bei und wurde 2009  nicht nur Sympathisant, sondern Rädelsführer der Gewalt:

“Wenn mich einer anfasst, dann schlage ich zurück – und wenn es ein Polizist ist, dann schlage ich zurück.”

(Alle Zitate und Bild: Wikipedia)