Deutschland ist bekanntlich (Fast-)Exportweltmeister. Mittlerweile allerdings nicht mehr nur im Maschinenbau, Chemie oder Pharma, sondern auch bei toten Schweinen. Da die deutsche Elite von Mindestlöhnen nichts hält, dürfen also auch Schweine für Hungerlöhne in Deutschland geschlachtet werden, damit sie dann europaweit auf den Teller kommen, auf dass man sich billig so richtig sattessen kann. Wir ziehen also selbst Jobs im Niedriglohnbereich an. Glückwunsch. Die Süddeutsche vor ein paar Tagen auf Seite 1:
“Nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind nicht selten nur noch 20 Prozent der Beschäftigten auf einem Schlachthof in Deutschland direkt beim Betreiber angestellt – zu aus Sicht der Gewerkschaft akzeptablen Löhnen von etwa 15 Euro die Stunde. Die anderen Arbeitnehmer kommen häufig aus Osteuropa. Sie schlachten für fünf bis zehn Euro die Stunde …
Weil die Rufe der Gewerkschaft nach einem Mindestlohn in der deutschen Fleischindustrie seit Jahren ungehört bleiben, vernichtet das billige Fleisch aus deutschen Landen inzwischen anderswo Arbeitsplätze. Die Gewerkschaften in Frankreich, Dänemark und Belgien sind alarmiert. In Frankreich gilt für Schlachter eine Lohnuntergrenze von 8,86 Euro …
Die Dänen schicken inzwischen selbst gezüchtete Schweine zum Töten und Zerlegen über die Grenze nach Deutschland. In Dänemark verloren 2009 etwa 3.000 Mitarbeiter in Sclachthöfen ihren Job. Sie hatten tariflich gesicherte Stundenlöhne von 20 Euro erhalten …
Gäbe es einen allgemeinen Mindestlohn in der Branche, würde das Kilo beim Discounter vielleicht fünf Cent mehr kosten.”
Die Deutschen, die sich ja gerne als Opfer darstellen, Opfer der bösen Chinesen, Polen und jetzt auch Muslime, sind als ökonomische Einheit natürlich Täter. Soll nur, im Gegensatz zu früher, keiner wissen. Deutsche Politik als treibende Kraft neoliberaler Logik in Europa, Schlachthöfe als drastisches Beispiel einer Gesellschaft, der der Begriff “Humankapital” längst den Bilanzen entwichen ist. Wie es so zugeht in Schlachthöfen, beschreibt ein ehemaliger Schlachthofarbeiter:
“Viele Kopfschlächter sind Alkoholiker, und die gehen mit den Tieren um, als wären sie der letzte Dreck. Wenn die Tiere in der Früh geliefert werden – die kommen irgendwo von Dänemark her oder vom Sudentenland, die Schweine und Rinder -, werden sie einfach reingetrieben, dann werden sie abgeschossen und aufgehängt, viele leben noch, und dann werden sie schon durchgeschnitten. Und dann läuft das Blut von den Bullen…
Viele Tiere leben noch, na logo! Etliche kommen lebend in den Kessel rein zur Enthaarung. Das ist siedend heiß, das Wasser…
Die schlachten Montag, Mittwoch und Freitag. Nachts um eins geht es los bis mittags um elf, zwölf rum. Die machen das auf Akkord. Das geht nach Stückzahl. Da kämpft jeder gegen jeden, wer die meiste Stückzahl hat. Die verdienen ein Schweinegeld, die Kopfschlächter…
Viele der Kopfschlächter sind Alkoholiker, die hauen schon nachts die Flasche Schnaps weg und alles. Das ist ja nicht normal! Ich kenne das auch von anderen Schlachthöfen, da ist das genauso. Das sind keine Menschen mehr für mich – die sind ja irre. Ich sag ja, egal, auf welchen Schlachthof du gehst, viele sind Alkoholiker…
Manche Tiere zappeln noch, nachdem sie geschossen wurden, die haben noch Lebensgefühl, denen werden bei lebendigem Leib die Augen ausgestochen und die Beine abgeschnitten – die zappeln noch, die sind noch warm, die Tiere merken das noch. Das ist ein riesiges Leiden – wie bei einem Menschen. Tiere leiden schlimmer als wir.”
“Aufs Tier zu achten, gilt nicht mehr bloß als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt”, schrieben Adorno und Horkheimer in der “Dialektik der Aufklrung”. Also bitte keine Sentimentalitäten. Die Tiere als “bloßes Material” erfahren ganz konkret und ökonomisch bilanzierbar Vernunft, wobei die maximal mögliche Vernunftportion offenbar nur verabreichbar ist, indem die Werkzeuge dieser Vernunft sich vorher betäuben. Betäubt sind die Tiere wohl am effizientesten unbetäubt zu verarbeiten. Es ist “eine Genialität der Produktion, die keine Zeit zum Denken lässt.” Damit das Denken auch wirklich nicht mehr vorkommt, wird mit Alkohol nachgeholfen. Immerhin können die Arbeiter im Akkordschlachten dann doch ganz gut verdienen. Nicht nur deutsche gegen dänische Schlachthöfe, sondern jeder gegen jeden, ganz marktwirtschaftlich wird die Arbeit angegangen.
Natürlich geht es anderswo nicht anders zu. Es ist dennoch aufschlussreich, dass selbst in einer Branche, wo die Logik der maximal zu erzielenden Rendite dem Lebendigen ganz wörtlich an die Substanz geht, der scheinbar rationale marktwirtschaftliche Wettbewerb konsequente Anwendung findet. Wir sind besser aufgestellt, also können wir unser Produkt günstiger anbieten, immerhin fünf Cent pro Kilo, also haben wir recht. Wir sind vernünftiger als die anderen.
Allerdings ist auch im fortgeschrittenen Kapitalismus der Trieb durch die Vernunft noch nicht ganz gebändigt, deshalb braucht es den Alkohol.Was mit dessen Zuhilfenahme in Schlachthöfen passiert, beschreibt der anonyme Ex-Schlachter von oben so:
“Derweil wird von manchen Schlächtern das Blut gesoffen, manche hauen sich Salz, Pfeffer und ein Ei rein, andere saufen es pur…
Und dann saufen manche Schlächter das Bullenblut pur, warm, so wie es ist. Oder von den Schweinen die Leber, die wird pur gefressen, so warm wie die ist, lauter so Zeugs. Oder dann werden den Bullen die Hoden abgeschnitten, dann hacken die sie zusammen, dann kommt Salz und Pfeffer dazu und dann wird´s gefressen. Die denken, davon werden sie kräftig…
Ich kenne einen, wenn der die Därme sauber macht, der macht sich in sein Fleisch einen Teil Kot mit rein und frisst das. Solche Verrückte sind das…”
Fleischliche Exzesse, und dass man den Verzehr der frisch abgetrennten Hoden damit legitimiert, dass man so “kräftig” werde, wirft ein Licht auf die sexuelle Komponente dieser mythischen Geschichte. In die auf die fünf Cent bilanzierte Berechenbarkeit der Schlachtindustrie mischt sich der verpönte Aberglaube derer, die für die korrekte Bilanzierung ganz unten zu sorgen haben.
Die im Angesicht des zappelnden Tieres vielleicht noch vorhandene Möglichkeit mimetischen Handelns wird unterdrückt durch die wörtliche Einverleibung dessen, was zu Ware geformt werden muss und der Gefahr, dass die Totalität des Verblendungszusammenhangs angesichts des fleischlichen Grauens Risse bekommt, kommt man mit Bewusstseinsvernebelung bei, worauf sich der Exzess offenbar nur noch ungehemmter entwickelt.
Mahlzeit!
(Alle nicht-kursiven Zitate aus der DdA.)