Monatsarchiv: November 2010

Nachtrag

zu dem Eintrag vom 17. Oktober:

(Foto: genova 2010)

Barock und Alltag

(Foto: genova 2010)

Junge Freunde, fürs System unbezahlbar

Der aktuelle Newsletter der jungekunstfreunde, Köln, wirbt für einen Stadtrundgang in Köln-Ehrenfeld

“Aus dem ehemaligen Arbeiterviertel nordöstlich der City ist zwischen ein anerkannter Produktions- und Umschlagplatz für internationales Design geworden – mit eigenen Netzwerkzentralen wie der Halle des Design Quartier Ehrenfeld und dem “popdesignfestival” im Crossover von Musik/Design/ Urbanismus. Wie wollen mit den Drahtziehern der Szene sprechen und einen Blick in die Bürogemeinschaften der hier ansässigen Grafik- und Kommunikationsdesign riskieren.”

(Fehler im Original)

Faszinierend, wie jungen Freunde der Kunst eh aufgeweichte Begriffe vollends banalisieren. “Ehemaliges Arbeiterviertel” klingt schon spannend, irgendwie, da, wo mal richtig zugepackt und hingelangt wurde, Industrieromantik; “internationales Design” ist auch toll, “national” klänge doch nach gestern; “Netzwerkzentralen” ist sicher die hippe, wenn auch leicht widersprüchliche Fortführung der etwas angestaubten “Netzwerke”; “Design Quartier” ist auch super, vor allem weil, ganz neudeutsch, auseinandergeschrieben; “popdesignfestival”, klasse, diesmal alles zusammen und klein, kommt auch gut, zumal dieses Festival total “crossover” ist; “Drahtzieher der Szene”, mannomann, ob seines Bezugs zur Illegalität ganz schön gewagt, aber warum nicht, die jungen Freunde der Kunst müssen schon ein wenig provozieren. Musik, Design und Urbanismus: Dass letzterer Begriff hier auftaucht, zeigt, wie flexibel die jungen Freunde sind. Urbanismus wird gerade der wissenschaftlichen Sphäre beraubt und pr-konform modelliert.

Blablabla also. Was mich interessieren würde: Was ist denn das “ehemalige” Arbeiterviertel jetzt? Wohnen da nur noch “Künstler”? Wo sind die Arbeiter? Gibt es die überhaupt noch, angesichts der tollen, dynamischen Szeneleute? Wie sehen denn die prognostizierten Wohnwertzuwächse in Ehrenfeld aus? Wie läuft es mit den Mieten? Was sagen die Leute, die dort wohnen? Um was für eine Kunst geht es eigentlich bei diesen Produktions- und Umschlagplatzspezialisten? Und wer sind diese jungekunstfreunde?

Eigenauskunft:

“Wir sind über 500 junge „Freunde des Museums Ludwig und des Wallraf-Richartz-Museums“ unter 28 Jahren. Wir sind aber auch ein Team von ca. 25 aktiven Programmgestaltern, das jederzeit durch dich erweitert werden kann. Dieses Team organisiert jedes Semester aktuelle und abwechslungsreiche Veranstaltungen nach dem Motto „von jungen Leuten für junge Leute“.”

Tolles Motto, dazu “abwechslungsreich”, “aktuell” und “aktiv” (wieso eigentlich nicht proaktiv?). Ein banalisiertes, sinnfreies Geplapper irgendwelcher nett und harmlos aussehnder Studenten, die zwecks Karriereplanung auf sich aufmerksam machen wollen, schätze ich mal. Was interessiert da schon Gentrifizierung oder die Rolle der Kunst unterm Kapital? Oder gar Kunst an sich, bevor sie auf den Begriff gebracht wird?

Ein sicher schon anerkannter Produktions- und Umschlagplatz für PR-Müll, diese jungen freunde. Kunst wird sofort und ohne Diskussionen zum Kunstgewerbe geformt. Kunst hat vor allem “spannend” zu sein, denn wer alles spannend findet, der ist interessiert und somit auch interessant. Aber bitte nicht kritisch, bitte keine Fragen, denn dann lässt sich die Kunstliebe nicht so effektiv für die eigene Karriereplanung einsetzen. Immerhin sind die jungenkunstfreunde laut ihrer cv in der Kunstszene aktiv, haben schon Führungen organisiert und Ausstellungen.

Solche Freunde sind fürs System unbezahlbar. Sie stellen, ganz kostenlos, den erwünschten Bezug zwischen irgendwelchen “Künstlern”, Designern und sonstwie “kreativen” Leuten einerseits und jungen, angehenden Akademikern andererseits her. “Kunst” erst als Oberbegriff für alles, was irgendwie trendy ist, verfügen und dann ganz effizient instrumentalisieren. Das höchste, was die “riskieren”, ist “ein Blick in Bürogemeinschaften”, und es spricht leider nichts dafür, dass man es hier mit Ironie zu tun hat.

Warum soll man da noch nein sagen?

Es ist schon in Ordnung

(Fotos: genova 2010)

Ein Schweinegeld

Deutschland ist bekanntlich (Fast-)Exportweltmeister. Mittlerweile allerdings nicht mehr nur im Maschinenbau, Chemie oder Pharma, sondern auch bei toten Schweinen. Da die deutsche Elite von Mindestlöhnen nichts hält, dürfen also auch Schweine für Hungerlöhne in Deutschland geschlachtet werden, damit sie dann europaweit auf den Teller kommen, auf dass man sich billig so richtig sattessen kann. Wir ziehen also selbst Jobs im Niedriglohnbereich an. Glückwunsch. Die Süddeutsche vor ein paar Tagen auf Seite 1:

“Nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind nicht selten nur noch 20 Prozent der Beschäftigten auf einem Schlachthof in Deutschland direkt beim Betreiber angestellt – zu aus Sicht der Gewerkschaft akzeptablen Löhnen von etwa 15 Euro die Stunde. Die anderen Arbeitnehmer kommen häufig aus Osteuropa. Sie schlachten für fünf bis zehn Euro die Stunde …

Weil die Rufe der Gewerkschaft nach einem Mindestlohn in der deutschen Fleischindustrie seit Jahren ungehört bleiben, vernichtet das billige Fleisch aus deutschen Landen inzwischen anderswo Arbeitsplätze. Die Gewerkschaften in Frankreich, Dänemark und Belgien sind alarmiert. In Frankreich gilt für Schlachter eine Lohnuntergrenze von 8,86 Euro …

Die Dänen schicken inzwischen selbst gezüchtete Schweine zum Töten und Zerlegen über die Grenze nach Deutschland. In Dänemark verloren 2009 etwa 3.000 Mitarbeiter in Sclachthöfen ihren Job. Sie hatten tariflich gesicherte Stundenlöhne von 20 Euro erhalten …

Gäbe es einen allgemeinen Mindestlohn in der Branche, würde das Kilo beim Discounter vielleicht fünf Cent mehr kosten.”

Die Deutschen, die sich ja gerne als Opfer darstellen, Opfer der bösen Chinesen, Polen und jetzt auch Muslime, sind als ökonomische Einheit natürlich Täter. Soll nur, im Gegensatz zu früher, keiner wissen. Deutsche Politik als treibende Kraft neoliberaler Logik in Europa, Schlachthöfe als drastisches Beispiel einer Gesellschaft, der der Begriff “Humankapital” längst den Bilanzen entwichen ist. Wie es so zugeht in Schlachthöfen, beschreibt ein ehemaliger Schlachthofarbeiter:

“Viele Kopfschlächter sind Alkoholiker, und die gehen mit den Tieren um, als wären sie der letzte Dreck. Wenn die Tiere in der Früh geliefert werden – die kommen irgendwo von Dänemark her oder vom Sudentenland, die Schweine und Rinder -, werden sie einfach reingetrieben, dann werden sie abgeschossen und aufgehängt, viele leben noch, und dann werden sie schon durchgeschnitten. Und dann läuft das Blut von den Bullen…

Viele Tiere leben noch, na logo! Etliche kommen lebend in den Kessel rein zur Enthaarung. Das ist siedend heiß, das Wasser…

Die schlachten Montag, Mittwoch und Freitag. Nachts um eins geht es los bis mittags um elf, zwölf rum. Die machen das auf Akkord. Das geht nach Stückzahl. Da kämpft jeder gegen jeden, wer die meiste Stückzahl hat. Die verdienen ein Schweinegeld, die Kopfschlächter…

Viele der Kopfschlächter sind Alkoholiker, die hauen schon nachts die Flasche Schnaps weg und alles. Das ist ja nicht normal! Ich kenne das auch von anderen Schlachthöfen, da ist das genauso. Das sind keine Menschen mehr für mich – die sind ja irre. Ich sag ja, egal, auf welchen Schlachthof du gehst, viele sind Alkoholiker…

Manche Tiere zappeln noch, nachdem sie geschossen wurden, die haben noch Lebensgefühl, denen werden bei lebendigem Leib die Augen ausgestochen und die Beine abgeschnitten – die zappeln noch, die sind noch warm, die Tiere merken das noch. Das ist ein riesiges Leiden – wie bei einem Menschen. Tiere leiden schlimmer als wir.”

“Aufs Tier zu achten, gilt nicht mehr bloß als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt”, schrieben Adorno und Horkheimer in der “Dialektik der Aufklrung”. Also bitte keine Sentimentalitäten. Die Tiere als “bloßes Material” erfahren ganz konkret und ökonomisch bilanzierbar Vernunft, wobei die maximal mögliche Vernunftportion offenbar nur verabreichbar ist, indem die Werkzeuge dieser Vernunft sich vorher betäuben. Betäubt sind die Tiere wohl am effizientesten unbetäubt zu verarbeiten. Es ist “eine Genialität der Produktion, die keine Zeit zum Denken lässt.” Damit das Denken auch wirklich nicht mehr vorkommt, wird mit Alkohol nachgeholfen. Immerhin können die Arbeiter im Akkordschlachten dann doch ganz gut verdienen. Nicht nur deutsche gegen dänische Schlachthöfe, sondern jeder gegen jeden, ganz marktwirtschaftlich wird die Arbeit angegangen.

Natürlich geht es anderswo nicht anders zu. Es ist dennoch aufschlussreich, dass selbst in einer Branche, wo die Logik der maximal zu erzielenden Rendite dem Lebendigen ganz wörtlich an die Substanz geht, der scheinbar rationale marktwirtschaftliche Wettbewerb konsequente Anwendung findet. Wir sind besser aufgestellt, also können wir unser Produkt günstiger anbieten, immerhin fünf Cent pro Kilo, also haben wir recht. Wir sind vernünftiger als die anderen.

Allerdings ist auch im fortgeschrittenen Kapitalismus der Trieb durch die Vernunft noch nicht ganz gebändigt, deshalb braucht es den Alkohol.Was mit dessen Zuhilfenahme in Schlachthöfen passiert, beschreibt der anonyme Ex-Schlachter von oben so:

“Derweil wird von manchen Schlächtern das Blut gesoffen, manche hauen sich Salz, Pfeffer und ein Ei rein, andere saufen es pur…

Und dann saufen manche Schlächter das Bullenblut pur, warm, so wie es ist. Oder von den Schweinen die Leber, die wird pur gefressen, so warm wie die ist, lauter so Zeugs. Oder dann werden den Bullen die Hoden abgeschnitten, dann hacken die sie zusammen, dann kommt Salz und Pfeffer dazu und dann wird´s gefressen. Die denken, davon werden sie kräftig…

Ich kenne einen, wenn der die Därme sauber macht, der macht sich in sein Fleisch einen Teil Kot mit rein und frisst das. Solche Verrückte sind das…”

Fleischliche Exzesse, und dass man den Verzehr der frisch abgetrennten Hoden damit legitimiert, dass man so “kräftig” werde, wirft ein Licht auf die sexuelle Komponente dieser mythischen Geschichte. In die auf die fünf Cent bilanzierte Berechenbarkeit der Schlachtindustrie mischt sich der verpönte Aberglaube derer, die für die korrekte Bilanzierung ganz unten zu sorgen haben.

Die im Angesicht des zappelnden Tieres vielleicht noch vorhandene Möglichkeit mimetischen Handelns wird unterdrückt durch die wörtliche Einverleibung dessen, was zu Ware geformt werden muss und der Gefahr, dass die Totalität des Verblendungszusammenhangs angesichts des fleischlichen Grauens Risse bekommt, kommt man mit Bewusstseinsvernebelung bei, worauf sich der Exzess offenbar nur noch ungehemmter entwickelt.

Mahlzeit!

(Alle nicht-kursiven Zitate aus der DdA.)

Eine Ergänzung

(Foto: genova 2010)

Ilse Aigner: das nette Gesicht der Korruption

Randnotiz zur politischen Kultur:

Die sogenannte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat die Ampelkennzeichnung für Lebensmittel abgelehnt und mit manipulierten Ergebnissen einer Umfrage argumentiert. Zwar würden, sagt die Umfrage in Wahrheit, die Ampel gerade “bildungsferne Schichten” verstehen und vielleicht auf manche Pizza von Dr. Oetker verzichten, doch das darf nicht sein, denn das Anliegen der Nahrungsmittelindustrie ist es naturgemäß, ihre Produkte mit möglichst viel Fett und Zucker anzureichern: Fett ist Geschmacksträger und billig, somit margensteigernd. Ilse Aigner hat mit ihrem Verhalten exakt den Wünschen der Nahrungsmittelindustrie entsprochen: Profit machen auf Kosten der Verbraucher. Aktuell ist sie dabei, ihre Klientelpolitik auf EU-Ebene durchzusetzen. Morgen dann die ganze Welt.

Man kann in diesem Fall behaupten, Aigner ist faktisch keine Verbraucherschutz-, sondern eine Verbraucherschädigungs- und Nahrungsindustrieschutzministerin, sie hat damit auch glasklar verletzt, was sie in ihren Amtseid geschworen hat. In einer Gesellschaft mit einer ernstzunehmenden politischen Kultur müssten solche einfachen und klar zu vermittelnden Rechtsbrüche zu einem Rücktritt führen, zumal auf dieser Ebene. Ganz einfach. Passiert aber nicht. Man hat sich wohl daran gewöhnt, dass Politiker die Interessen des Kapitals vertreten. Korruption hat viele Gesichter. Gerne auch harmlos-nett.

Morgen wird sich wieder ein Bildungsbürger darüber aufregen, dass das Prekariat zu dick ist, weil es zu viele Pizzen von Dr. Oetker isst.

(Foto: Wikipedia)

“Die langsamste Bahnfahrt mit dem unsichersten Fahrplan des Jahres”

schreibt die französische Zeitung Journal du Dimanche über die Fahrt des Castorzuges. Laut taz beginnt auch in Frankreich “die Stimmung zu kippen”. Das ist ja mal ne Meldung.

Respekt jedenfalls für die Blockierer entlang der gesamten Strecke, die den Arsch hochgekriegt haben bzw. ihn fest auf den Gleisen ließen. Und die Bauern, die mit ihren Traktoren mal flott Wasserwerfer einkreisen und ihnen damit den Effekt nehmen. Bemerkenswert auch die irgendwie sympathisierende Berichterstattung vieler etablierter Medien, die wohl damit zusammenhängt, dass die Korruptheit der Bundesregierung bei der Laufzeitverlängerung der AKWs zu offensichtlich wurde.

Andererseits merke ich, dass ich bei der Betrachtung der TV-Bilder an diese komische deutsche Lust an der Apokalypse erinnert werde. Ein Familienvater, der, neben den Gleisen sitzend, weinend von seinem durch den Castor gefährdeten – nicht anwesenden – vierjährigen Sohn erzählt, ist mir suspekt und ich vermute, dass Papis überbordende Emotionalität den Sohn mehr überfordert und noch überfordern wird als es der Castor je vermag. “Contenance!”, ruft da der Franzose in mir, und zwar nicht, weil man sich immer beherrschen müsste, sondern weil die Bedeutung eines Castor-Transportes fürs Individuum dessen Tränen nicht rechtfertigt.

Des Individuums Tränen rechtfertigen würden diese Szenen hier und ich finde es irritierend, dass sie keine weitere Aufregung verursachen:

Staatsvertreter, die einfach so auf friedliche Leute mit dem Schlagstock einprügeln. Könnte auch in Birma passieren. Nur, dass die da nicht gefilmt werden.

Derzeit wird ja auch über “L´insurrection qui vient” diskutiert, das jetzt als “Der kommende Aufstand” übersetzt vorliegt. Ist mir (wohlgemerkt: auf den ersten Blick) zu pubertär, dieser Sabotageansatz, aus dem dann irgendwas Vernünftiges werden soll. Hat was von Wohlstandskinderphantasien, denn wie die Kluft zwischen Alltagssabotage und Basisdemokratie überbrückt werden soll – die ja genau dann kommen müsste, wenn die Sabotage erfolgreich ist -, bleibt diffus.

Wie auch immer, es bleibt spannend.

Portugal: Breites Bündnis für Kommunisten

Coole Sache: Der portugiesische Architekt Álvaro Siza unterstützt bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen in Portugal Francisco Lopes, den Kandidaten der Kommunistischen Partei (der PCP, die seit langem bei Wahlen immer gemeinsam mit den Grünen antritt. Diese Liste nennt sich dann, um die Verwirrung perfekt zu machen, CDU, nur dass das C da für Coligaςão steht, für Koalition). Neben Siza bekennen sich 30 prominente Schriftsteller, Dichter, Musiker, überhaupt Kulturschaffende, Ärzte, Journalisten, Juristen für Lopes. Daneben gibt es eine weitere ziemlich linke Partei, den sympathisch daherkommenden, modernen Bloco Esquerda, der einen anderen Kandidaten unterstützt. Linke Zersplitterungen.

Scheinbar ist Siza seinem sozialen Engagement der portugiesischen Nachrevolutionsära treu geblieben. Schon damals baute er wunderbare Sachen: Durchdachter sozialer Wohnungsbau in einer von sozialistischen Ideen bewegten Gesellschaft, hervorragende Solitäre, nie formalistisch modern, sondern immer kontextualistisch verortet, dabei ohne jede Anbiederung. Ein bisschen erinnert er an die Tessiner Schule. Dagegen wirken Leute wie Mies oder Gropius formalistisch und dogmatisch. Aber auch deshalb sind die ja so bekannt. Überhaupt wäre es mal Zeit, eine ganze Reihe extrem guter portugiesischer Architekten zu loben: Eduardo Souto de Moura, Fernando Távora oder die jüngeren Pedro Mendes und Aires Mateus. Alle haben sie gemeinsam den Ortsbezug, der einhergeht mit einer ganz spezifischen Materialität, aber dabei ohne jede Anbiederung. Meterhoher Sichtbeton passt ja bekanntlich überall hin, und deshalb wird er auch eingesetzt. Es ist immer eine kritische, reflexive und behutsame Sicht auf die Gegebenheiten, was in einem bestimmten Sinn immer ein radikales Ergebnis zeugt, Architektur wird immer von innen heraus entwickelt, die Form ist das Ergebnis eines dialektischen Prozesses des Annehmens und Zurückgebens. Kein Abkupfern und eine geradezu selbstverständlich daherkommende Liebe fürs Detail. Gerade Siza hat ja schon früh einiges von dem vorweggenommen, was man heute Dekonstruktivismus nennt. (Und zwar ohne das Marketinggebaren von Coop Himmelblau etc.) Es ist eine Architektur, die politisch überhaupt nicht zu missbrauchen ist, weil sie sich jeder über den Gebrauchsnutzen hinausgehenden Instrumentalisierung verweigert. Und wie angenehm, dass es Siza scheißegal ist, dass der Regen die bis runter glattgeputzten Fassaden verschmutzt.

Ich schweife ab.

Merke aber, dass man da wirklich mal was schreiben müsste. Siza und die anderen genannten wären ein praktikabler Ansatz für eine kritische Theorie der Architektur.

Unter der neoliberalen und im wesentlichen von deutschen Imperialisten forcierten EU-Politik leiden viele Portugiesen ganz besonders. Umso angenehmer, wenn jemand wie Siza da politisch Farbe bekennt. Das in seiner Architektur ausgedrückte ästhetische und soziale Schaffen passt da gut hin. Und den Frampton muss ich auch noch lesen.

Teehaus von Álvaro Siza, 1958:

(Foto: Wikipedia)

„Fast jeder Soldat führte damals ein Tagebuch“

sagte Ernst Jünger über den Ersten Weltkrieg in einem Interview aus dem Jahr 1966, das in der aktuellen Zeit veröffentlicht wird (Printausgabe, S. 50). Fast jeder? Also wirklich fast jeder? (Da Sarrazin uns ja beigebracht hat, dass man am besten irgendwelche nicht nachprüfbaren Prozentzahlen in die Welt setzt, sage ich: 97 Prozent der Soldaten!) Ob das stimmt? Oder hatte der Ernst 1966 so eine Art Nachstahlgewitter, ein verspätetes inneres Erlebnis? Immerhin sagte er im selben Interview:

“Auch ich habe Respekt vor der Vergangenheit. Selbst vor den eigenen Irrtümern.”