Monatsarchiv: Oktober 2010

Anschaffungsvorschlag für eine privatisierte Bundeswehr

(Foto: genova 2010)

Kurze Konkretisierung des Warschauer suburban sprawl

(Foto: genova 2010)

Rekonstruktion und Geschichte (1): Warschau

Bis heute läuft ja in München noch eine große Ausstellung über Nutzen und Nachteil von Rekonstruktionen (“Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte”). Das passt insofern, als ich seit Monaten inhaltsreiche und mitteilungswerte Gedanken zu Warschau und seiner städtebaulichen Geschichte im Kopf habe, die sortiert werden wollen.

Warschau war die meist zerstörte Stadt nach dem Krieg. Die Deutschen versuchten, wirklich jedes Haus zu zerstören, was ihnen auch fast gelang. Das wird gerne vergessen, zumal es bei uns nur noch um Dresden und die armen deutschen Opfer geht. Das jüdische Ghetto war mit deutscher Gründlichkeit entsorgt worden, es war buchstäblich kein Stein mehr vorhanden. Der Turm blieb nur deshalb stehen, weil die SS von dort oben einen guten Blick hatte:

Die anderen Teile der Stadt sahen kaum besser aus.

Die Polen haben die Altstadt und den sich südlich daran anschließenden Königsweg kurz danach wieder aufgebaut. Und wie isses da jetzt so?

Um das Fazit vorwegzunehmen: scheiße. Viele Warschauer sind wohl recht stolz drauf, aber es ist mittlerweile Walt Disney. Zum einen wurde schon beim Aufbau Geschichtsklitterung betrieben, denn die in der Gründerzeit zerstörten Altstadthäuser wurden nicht wieder aufgebaut, weil man um 1950 herum die Gründerzeitarchitektur blöd fand, sondern stattdessen das, was vorher da stand. Es wurde also nur das rekonstruiert, was einem erinnerungstechnisch in den Kram passte. Das ist handwerklich sehr ordentlich gemacht, keine Frage. Und es hat vielleicht bis 1989 ganz gut funktioniert.

Doch mit der Einführung des Kapitalismus ging es bergab. Die Altstadt ist heute eine einzige Zone für schlechtangezogene Familien, die Eis essen und ansonsten nichts machen außer langsam hin und her zu gehen. Man kann dort sonst auch nichts machen außer sich im Schnellverfahren portraitieren lassen, Kunsthandwerk kaufen und dann noch ein Eis essen. Die Preise für die wenigen Mietwohnungen liegen mittlerweile auf westdeutschem Niveau, die Restaurants sehen alle gleich aus, weil sie sich von den wenigen Brauereien die Ausstattung spendieren ließen, es ist die gleiche unangenehme touristische Infrastruktur wie in den einschlägigen Vierteln Dresdens, Rothenburgs, Krakaus, Dinkelsbühls.

Selbst die Universität hat ihren Hauptsitz dort am Königsweg, unmittelbar neben dem Sitz des Staatschefs, und ist somit schon räumlich in einer Kultivierungszone gelegen, die sie streberhaft erscheinen lässt.

Außerhalb der Altstadt – also auf rund 95 Prozent der Stadtfläche – ist Warschau radikal anders. Dort baute bis 1989 der Staat zuerst ein bisschen sowjetischen Zuckerbäckerstil, danach die unvermeidlichen Wohnzeilen und seitdem Investoren, was sie wollen.

Die wenigen Vorkriegshäuser, die dort stehenblieben, interessieren nicht, wie man sieht oder auch nicht:

Architekturhistorisch bedeutsame Fassaden werden mit großen Werbebannern abgedeckt, weil die Fassaden ja nur aus dem Realsozialismus stammen:

95 Prozent Warschaus sind den Warschauern wurst. Die kleine Altstadt wird gehätschelt und verwöhnt, wie die einzige Enkelin, die von den Großeltern jeden Tag fein rausgeputzt wird als wäre es Sonntag. Es ist eine Du-musst-dich-wohlfühlen-Kulisse ohne jeden Anspruch. Den Warschauern ist offenbar genau der Teil ihrer Stadt am wichtigsten, der garantiert keine Zukunft bereithält, sondern nur einen getrübten Blick, einen schalen Geschmack bietet auf das vermeintliche Leben.

Und dieses Phänomen eines verhängnisvollen Bezuges zur eigenen gebauten Umwelt ist ohne das deutsche Barbarentum nicht denkbar. Ich habe noch nie eine Stadt erlebt, in der 60 Jahre nach Ende des Krieges dessen Folgen so direkt spürbar sind. Dennoch ist Warschau in den NS-Diskussionen in Deutschland weitestgehend untergegangen, vielleicht abgesehen von Brandts Kniefall 1970. Noch 1957 konnte ein ausgewiesener und hervorgehobener Nazi-Architekt, der SA-Hauptsturmführer Konstanty Gutschow ungeniert feststellen, dass Warschau sowieso ein “Sanierungsgebiet” gewesen sei und durch die vorsätzliche Zerstörung die Grundlage für eine Stadt geschaffen worden sei, “in der den Menschen eines Tages die Sonne wieder scheint”. Licht, Luft, Sonne, den Nazis sei dank.

Die Stadtstruktur Warschaus ist auch in einer weiteren Perspektive bemerkenswert. Im erweiterten Teil der aufgebauten Altstadt gibt es teure Boutiquen, internationale Modelabels haben dort ihre Shops. Das ist für die allermeisten Warschauer zwar unerschwinglich, aber hier kann man zumindest von dem träumen, was die Chicago Boys den Polen schon in den 1980ern versprochen haben. Die dünne Oberschicht hat sich hier also ihr ganz reales Refugium geschaffen, inklusive Staatspräsidentensitz und Uni. Die anderen gucken sehnsüchtig ein bisschen und fahren dann mit der klapprigen Straßenbahn zurück in die 95 Prozent, wo man große Schwierigkeiten hat, ein auch nur einfaches Lokal zu finden.

Warschau als städtebaulicher Ausdruck einer gebeutelten Gesellschaft. Walt Disney im neoliberalen Outfit und Licht, Luft, Sonne in einer Sonderform des suburban sprawl. Mit Altnazis Gnaden.

(Fotos: genova 2010, H. Konrad 2010, Wikipedia)

Eine zu hinterfragende Behauptung

(Foto: genova 2010)

S oder Marx 21

[Ein wirrer Text. Ich bitte schon an dieser Stelle um Entschuldigung.]

Vor ein, zwei Jahren waren wir hier weiter. Im Schatten der Finanzkrise, wie man sagt, diskutierte man öffentlich und gesamtgesellschaftlich über den Kapitalismus, über Strukturen, sogar ein wenig systemisch. Marx spielte plötzlich wieder eine Rolle und beantwortete ein paar Fragen. Marx 21 sozusagen.

Die Zeiten sind vorbei. Zeitgleich zum Geplapper über den gigantischen wirtschaftlichen Aufschwung geht es jetzt wieder ganz gewohnt darum, dass irgendwelche Gruppen ganz unten dafür verantwortlich sind, dass irgendwas schiefläuft. Da übernimmt die CSU die erprobte Rolle einer Teilzeit-NPD. Und die, die gegen einen neuen Bahnhof anrennen, sind strukturkonservative Egoisten oder mutige Bürger, je nach Sichtweise. Das Systemische, die ökonomisch-sozialen Grundlagen sind wieder aus dem Blickfeld geraten. Ist ja auch zu kompliziert für Anne Will.

Dabei kann man diese Logik bei S21 so klar darlegen: Die Deutsche Bahn hat nicht das Ziel, Menschen oder Güter auf der Schiene von A nach B zu bewegen. Die Deutsche Bahn hat nur ein Ziel: Rendite erwirtschaften. Womit sie das am besten schafft, ist egal. Derzeit schafft sie es nicht so gut mit einem effizienteren Güterverkehr, mit einem verbesserten Regionalangebot, mit mehr Pünktlichkeit, weniger dämlichen Bordansagen oder günstigeren Preisen. Derzeit schafft sie es, indem sie einen unterirdischen Bahnhof baut, wo unter der Erde Milliarden Steuergelder verbuddelt werden und über der Erde ein Investor bereit ist, Unsummen für ein Filetgrundstück in der Stadt zu bezahlen, um dort ein Shoppingcenter, Büros und ähnlich dringend benötigte Stadtaccessoires zu bauen. Wichtig für den Profit der Bahn ist, dass möglichst viel Geld aus der öffentlichen Hand ins Unternehmen gepumpt wird. So wie bei S21. Und wenn diese nette Hand erwartungsgemäß sämtliche anfallenden Mehrkosten gegenüber der Projektion übernehmen wird. Dann ist es auch nicht schlimm, wenn aus vier Milliarden plötzlich zehn oder 15 werden. Papi zahlt´s ja. Dass der Bahn der Transport von Menschen und Gütern auf der Schiene egal ist, ist zwar merkwürdig, aber systemisch völlig in Ordnung. Denn sie wurde ja faktisch bereits privatisiert, das heißt, sie soll gar nichts anderes machen als Rendite. Womit, ist egal.

Die offensichtliche Korruption, die immer dann auftritt, wenn es um die Bahnprivatisierung geht, reicht weit: Die Verflechtungen zwischen Politik und S21-Wirtschaft wurden schon erwähnt. Die absonderlichen Vorgänge auf dem Hamburger SPD-Parteitag vor drei Jahren, als es um die Bahnprivatisierung ging, zeigen, wie sehr die kapitalistische Logik in gewachsene Strukturen eingreift und sie korrumpiert.

Zu diesem Filz aus Wirtschaft und Politik gehört auch der Polizeieinsatz vom 30. September, bei dem es immer mehr Hinweise darauf gibt, dass die brutale Polizeilinie von ganz oben angeordnet wurde, wie Monitor zeigt und die Stuttgarter Zeitung schreibt. Würde ich drastisch formulieren wollen: Das Kapital nimmt zur Durchsetzung seines Ziels S21 Tote in Kauf. Einen Blinden haben sie schon auf dem Konto.

Eine Kehrseite der Medaille der Profitmaximierung: Eine der wichtigsten europäischen Güterstrecken, Karlsruhe-Basel, befindet sich seit 1987 im Ausbau, mit der Fertigstellung kann man so gegen 2050 rechnen. Die Pyramiden von Gizeh wurden schneller errichtet.

Städtebaulich hat diese Privatisierung in Stuttgart einen originellen Effekt: Da die Bahn jetzt als privatwirtschaftliches Unternehmen möglichst effizient wirtschaften soll, MUSS sie das Filetgrundstück an den Höchstbietenden, also den Shoppingcentererbauer verkaufen. Täte sie das nicht, bekäme sie Stress, momentan wohl noch vom Bundesrechnungshof, im richtigen Leben später von den Aktionären. Sinnvoll wäre für Stuttgart natürlich anderes: Vielleicht bezahlbare Wohnungen, eine Müllverbrennungsanlage, generationenübergreifendes und ökologisches Wohnen, Platz für Kultur und kapitalismuskritische Aufklärung, mehr Grün, mehr Puffs, was auch immer, darüber könnten sie diskutieren, die Stuttgarter, das liegt ihnen ja offensichtlich. Müssen sie aber nicht, da eh nur das realisiert werden kann, was am meisten Geld bringt. Ganz kapitaldemokratisch. Dieser Hinweis nur, weil jetzt gerne von den “städtebaulichen Chancen” geredet wird, die S21 biete. Früher wurde die Bahn als Teil des Staates betrachtet, die dem Gemeinwohl förderlich zu sein habe. Vorbei, wie man an S21 sehen kann. Eine nette Dialektik: Die Privatisierung der Bahn hat nicht nur Auswirkungen aufs Zugfahren, sondern, viel krasser, auf bauliche und soziale Belange in Städten, die in ihren Dimensionen kaum diskutiert werden. Alte Gleisanlagen gibt es überall.

Kurzum: Sinnvoller als das Lamentieren über S21 wäre ein Hinweis auf die Bahnprivatisierung und darauf, dass diese Privatisierungslogik nach und nach die ganze Gesellschaft aushebelt.

Und am Horizont irrlichtert ein Adeliger mit zehn Vornamen, der Kanzler werden soll, falls die Zeiten noch ein bisschen unübersichtlicher werden. Zumindest, wenn es nach dem Willen des Spiegel und anderer Vertreter der vierten Macht geht. Die wichtigsten Argumente: Er hat ein großes Schloss, seine Frau hat große Möpse und ist gegen Kindesmisshandlung. Wer kann da schon nein sagen? Eine deutsche Lösung.

Eon: “Nicht immer rentabel genug”

Falls jemand gerade nicht weiß, wozu neoliberale Politik gut ist: Einer zumindest weiß es. Die Süddeutsche von heute (Printausgabe, S. 25) schreibt anlässlich eines Interviews mit dem Eon-Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen, dass die drei größten Energiekonzerne Deutschlands (wohl Eon, RWE und EnBW, wo bleibt Vattenfall?) zwischen 2002 und 2009 “mehr als 100 Milliarden Euro Gewinn” gemacht haben. Gewinn, nicht Umsatz.

Darauf Herr Teyssen:

“…unsere 40.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun auch viel für Deutschland und sind darauf zurecht stolz … Wir sind dabei aber, auch im Vergleich zu anderen Unternehmen, nicht immer rentabel genug. Und das müssen wir ändern.”

SZ: Der Gewinn soll weiter wachsen?

“Unsere Aktionäre, das sind auch viele Bürger wie Sie und ich, die ihre Ersparnisse angelegt haben, erwarten eine ordentliche Rendite, sonst entziehen sie uns das Kapital.”

Mich als Bürger wie Herr Teyssen und der andere freut das natürlich.

Die Hypo Real Estate hat in etwa genauso viel vom Staat, also von der Öffentlichkeit erhalten, allerdings pr-taktisch dilettantischer, es gab bekanntlich viel  Murren. Die Energiekonzerne stellen das geschickter an. Sie entziehen der Öffentlichkeit mal flott 100 Milliarden (das sind 34,25 Millionen Euro pro Tag) und kündigen an, das Tempo zu forcieren. Schön auch der Hinweis auf den Patriotismus der “Mitarbeiter”. Auch die so weltoffene neoliberale Politik kann mit nationalen Gefühlen etwas anfangen. Klar, wenn man so tolles für Deutschland leistet.

Als die Linkspartei dieses Jahr in NRW die Vergesellschaftung von Eon und RWE gefordert hat, wurde ihr Linksradikalismus vorgeworfen.

Radfahren in Bukarest

(Fotos: genova 2010)

Bukarester Bricolagen

Zwei Aspekte fallen in den Straßen Bukarests besonders ins Auge: erstens die schwarzen Stromkabel:

Selbst der Palast des großen Conductors ist von Kabelsalat umgeben:

Zweitens die gelben Gasleitungen:

Der Gaszähler an der Außenwand ist praktisch. Man kann jederzeit nachschauen, wie viel Gas der Nachbar verbraucht. Praktisch auch das Notruftelefon in Reichweite, falls eine Leitung undicht ist.

Gas ohne Haus:

Auch die Gasleitungsstützen sind gelb angemalt:

Deutsch anmutendes Gasleitungsambiente:

Manchmal kommt es dann zu solchen wunderbaren Koalitionen: schwarz und gelb in Eintracht zusammengebastelt:

(Fotos: genova 2010)

Sechs oder sieben Dinge, die ich von Bukarest weiß

Was mir innerhalb der ersten Stunden nach meiner Ankunft aufgefallen ist:

1. Jeder Bukarester hat seine eigene Stromleitung, die er munter und kreuz und quer oberirdisch durch die Stadt verlegt. Bei zwei Millionen Einwohnern ist das Ergebnis eine stadtweite gigantische Outdoor-Installation schwarzer, sich von Mast zu Mast hangelnder und kräuselnder Kabel, die manchmal sogar den Himmel verfinstern.

2. Bukarester lieben frische Schnittblumen. An jeder Straßenecke ein Blumenstand. Die Blumenverkäuferinnen telefonieren und rauchen. Meist gleichzeitig.

3. Jeder Bukarester hat zwei Autos. Das eine parkt er auf einem Bürgersteig, mit dem anderen fährt er zielgenau in den nächsten Stau.

4.  Wenn es in der Vielvölkerstadt Bukarest einen bestimmten Frauentyp gibt, dann ist er schlank mit fein gezeichneten, knochigen Gesichtern, großen, tiefen Augen und schmalen Händen.

[bitte selbst imaginieren, das Fotografieren dieses Sujets habe ich mich nicht getraut]

5. Bukarester Straßenhunde sind sympathisch, weil sie so sind, wie große Hunde sein sollten: ängstlich und devot. Und für eine Scheibe Salami sind sie den ganzen Tag dein treuer Partner.

6. Manche Buslinien fahren zur Endhaltestelle und dann direkt ohne Halt wieder zurück. Der ahnungslose Tourist finde sich somit nach einer Weile am Ausgangspunkt wieder und macht sich Gedanken über Raum-Zeit-Fragen. Ein respekteinflößender erster Eindruck.

Überhaupt ist Bukarest eine ungemein interessante Stadt, überall ist Geschichte, und zwar authentisch. Ein architektonisches Durcheinander aus Gründerzeit-Historismus, unglaublich viel moderner Architektur der 1920er, 30er und 40er Jahre, die an Lissabon erinnert und wohl auf das gemeinsame Vorbild Paris zurückzuführen ist. Dann Plattenbauten, die ihren Monotypus erfolgreich verbergen. Sie sind abwechslungsreich, weil mit Erkern und Balkonen ausgestattet, auch verglast und verschieden groß. Kein Vergleich zu WBS 70. Leider vieles in baufälligem Zustand, manches sicher nicht mehr zu retten. Zwischendrin immer wieder alte, wohl typische zweistöckige Bukarester Wohnhäuser mit kleinen Gärten. Und schließlich die natürlich sehenswerte Gigantomanie Ceausescus. Der ließ ganze Stadtviertel abreißen und schaffte es bis zu seiner, äh, Absetzung 1989 nicht, alles wieder zuzubauen. Ergebnis: Riesige leere Flächen, nur von Unkraut überwuchert und von Hunden bewohnt. Dennoch ist die Stadt an dem meisten Stellen dicht bebaut, ein Straßen- und Häusergewirr, keine einheitlichen Fassaden und schon gar keine einheitliche Traufhöhe, wenige gerade verlaufenden Straßen. Haussmann und Hobrecht würden speien. Eine Stadtplanung schien und scheint nicht zu existieren, wer Geld hat, baut. Das führt zumindest zu heftigen Kontrasten, sowohl im Zentrum als auch in reinen Wohngebieten. Große Boulevards gibt es kaum, große Plätze auch nicht (immer abgesehen von der Ceausescu-Phase), aber man vermisst die nicht, zumal sich städtisches Leben anderswo inszeniert.

Die Stadt ist voller Menschen und Autos und großen Hunden, was sofort eine Urbanität suggeriert, die auch wirklich vorhanden ist. Immerhin bin ich in den vier Tagen meines Aufenthalts zufällig in das Internationale Rumänische Filmfestival, das Animationsfilmfestival und die Bukarester Kunstbiennale gestolpert. Das ist zwar alles eine Nummer kleiner und vor allem weniger schick als hier, aber wer die Berlinale in den letzten Jahren mitbekommen hat, kann sich darüber sehr wohl freuen. Nicht zufällig bin ich in den Bukarester Teil von Knotland gestolpert, von dem ich leider nur die Eröffnung mitbekommen habe.

Die Bukarester haben es in der Regel eilig, alle müssen irgendwohin und etwas tun, Schnittblumen kaufen, zum Beispiel. Flanieren ist Luxus. Das unterstreicht den Eindruck, dass Bukarest auch eine harte Stadt ist. Zum einen viele arme Menschen, obdachlose Mütter mit knochigen Gesichtern und schmalen Händen halten am Straßenrand ihre Säuglinge auf dem Schoß, daneben protzige Neureiche, dumpf aus ihren SUVs schauende Männer, mal smart, mal dick, immer mindestens ein Handy am Ohr, die sich, laut der Aussage eines Rumänen, mit ihrem Geld „jedes Gesetz kaufen können.“ Es wird gerne gerast, vor allem nachts, weil sich der Dauerstau dann aufgelöst hat. Fußgängern wird das Überqueren der Straße oft nur ungeduldig erlaubt. Die Stadtverwaltung versucht, die Straßen vom Autoverkehr zu entlasten, indem sie aufgeständerte zusätzliche Straßen durch die City legt. Das ist natürlich eine Deppentaktik, aber da das Auto von weiten Teilen der Bevölkerung offenbar als das Messinstrument des Status angesehen wird, folgerichtig.

Das Kapital darf sich hier viel erlauben, wenn es überhaupt  nach Bukarest kommt. Unzählige Wohngebäude sind großflächig mit Werbeplakaten internationaler Konzerne verhängt. Was die Bewohner davon halten, weiß ich nicht.

Touristen trifft man nur in kleiner Zahl und eigentlich nur im Leipziger Viertel, das so eine Art touristengerechte Altstadt werden soll. Bislang ist allerdings nur ein kleiner Teil fertiggestellt, mit teuren Shops und Systemgastronomie. Im größeren Rest des Viertels sind die Straßen aufgerissen, und das seit Jahren. Man behilft sich mit verrottenden Holzstegen unter den zwei Millionen Stromkabeln. Irgendwas in der Planung ist wohl schiefgelaufen. Man sagt, die Kooperation zwischen den Behörden sei ungenügend, was die Nachwirkungen der seinerzeitigen Führerqualitäten Ceausescus unterstreicht, der hatte es mit Kooperation ja auch nicht so. Was ich aber in diesem Detail ganz sympathisch finde. Systemgastronomie gibt es ja genug. Systemstädte, in denen man vor lauter Glitzer-Glitzer nicht mehr über Raum-Zeit-Fragen nachdenkt, auch.

(Fotos: genova 2010)

Ein paar Ergänzungen zu Stuttgart 21

In der Debatte um das Projekt Stuttgart 21 kommen täglich neue Details ans Licht, die lohnen, zusammengefasst zu werden. Für das Kapital scheint in der Tat einiges auf dem Spiel zu stehen.

1. Nachdem in den 1994 von 2,5 Milliarden Euro Gesamtkosten für S21 die Rede war, spricht das Verkehrsberaterunternehmen Vieregg und Rößler (das seinerzeit die Transrapidkosten-Berechnungen als zu niedrig entlarvt hat) nun von 18,7 Milliarden Euro.

2. Dasselbe Büro sagt zu der Neubautrasse von Stuttgart nach Ulm, es müsse durch „porösen, feuchten Karst“ gebaut werden: „Das geht an die Grenze des technisch Machbaren.”

3. Das bislang durch Gleise belegte Areal direkt neben dem Stuttgarter Hauptbahnhof will ein Konsortium aus dem „Projektentwickler“ (wie das heißt) ECE, der Strabag und anderen mit Hotels, Büros, Shopping-Center und ein paar Wohnungen bebauen. Volumen: 500 Millionen Euro. „Ein Baustopp oder gar ein komplettes Aus für S-21 wäre verheerend – für die Stadt, aber erst recht für die ECE.“

4. ECE hat eine Stiftung namens „Lebendige Stadt“ gegründet (das ist so, als wenn Greenpeace eine Stiftung für mehr Atomkraftwerke gründete), in deren Vorstand Friederike Beyer sitzt, das ist die Lebensgefährtin von Ex-Ministerpräsident Günther Öttinger. Dem Stiftungsrat gehören die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner an (die sich vehement für das Projekt einsetzt) sowie der Architekt von S21, Christoph Ingenhoven.

5. Die Herrenknecht AG aus B-W baut Tunnelbohrmaschinen und soll nach dem Willen von Öttinger und dem aktuellen Landeswirtschaftsminister (FDP) auch die Strecke nach Ulm bohren. Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens mit dem sinnigen Namen ist Lothar Späth. Firmenchef Martin Herrenknecht spendete der CDU im vergangenen Jahr 70.000 Euro.

6. Rudolf Häussler bietet mit seinem Unternehmen komplette Bürogebäude an und ist in dieser Eigenschaft “Projektpartner” von S21. Häussler ist auch ehemaliger Arbeitgeber von Bahnchef Grube und Duzfreund von Öttinger.

7. Der Spiegel berichtet aus einem internen Papier der Bahn AG, wonach die Landesregierung von B-W die finanzielle Grenze für eine politische Durchsetzbarkeit von S21 bei 4,5 Milliarden Euro sieht. Das war die Vorgabe für alle Finanzplanungen der Bahn. Die Kosten seien heruntergerechnet worden durch „Optimierung der Bauwerke“ und durch geologische Annahmen, die die Stahlmenge in Tunneln erheblich reduziert.

8. Bahnchef Grube will S21 mit allen Mitteln durchsetzen. Er hat Grund dazu: Die freiwerdenden Gleisflächen hat ihm die Stadt Stuttgart schon abgekauft zu einem Preis, der 2009 weit über ein Drittel des Konzerngewinns ausmachte. Platzt S21, muss Grube zurückzahlen.

9. Stuttgarts Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) ist vehementer S21-Befürworter und sitzt im Beirat der Baufirma Wolff & Müller. Die ist mit dem Teilabrisss des aktuellen Bahnhofs beauftragt.

Angela Merkel mischt sich derzeit auffällig oft in die Diskussion um S21 ein und behauptet, daran mache sich die „Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ fest. Und sie benutzt ein Argument, das in der Tat zitierenswert ist:

“Wenn man nur an sich denkt und nicht an kommende Generationen, ist das ein Problem für unser Land.”

Volle Zustimmung.

Das sind nur ein paar Punkte, die ich auf die Schnelle und nicht geordnet zusammengefasst habe.

Bemerkenswert ist, neben dem offensichtlichen Korruptionssumpf, wie die Befürworter von S21 vorgehen: Nachdem der Versuch, den Widerstand zu kriminalisieren, gescheitert ist, versucht man es jetzt mit dem Vorwurf des Egoismus und der Ewiggestrigkeit und einem “Richtungsentscheid für Deutschland” (Mappus). Die Leute sollen eingeschüchtert werden. Wer sich gegen S21 engagiert, versündigt sich an der Zukunft, an unseren Kindern. Wer sich gegen S21 engagiert, nimmt eine staatsbürgerliche Last auf seine Schulten, die er nicht tragen kann.

Wahrscheinlich versucht die herrschende Klasse so, die Zauderer, die Ängstlichen unter den Gegnern dahin zu kriegen, wo sie ihrer Meinung nach hingehören: weg von der Straße. Und demnächst zum Shoppen in das neue, lebendige ECE-Center.