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Selbst Schuld
Irgendwie läuft alles nach Plan. Thilo Sarrazin gibt in seinem neuen Buch neoliberaler Politik eine Note, die in Deutschland lange verpönt war. (War da was?) Der sozialdarwinistischen Komponente fügt er im Streicher-Stil eine biologistische hinzu und bringt die Chose damit auf den Punkt: Wer schon aufgrund der Zeugung durch nur mäßig intelligente (aber leider zu potente) Sexualpartner mit wenig Intelligenz ausgestattet ist, der hat sich sozusagen pränatal selbst um die gerne postulierte Chancengleichheit gebracht. Die Floskel “selbst Schuld” bekommt hier eine ganz eigene Bedeutung.
Die Frage nach der Schuld ist hier nicht mehr wichtig. Wer nicht intelligent genug ist, um Sarrazinschen Kriterien zu genügen, kann streng genommen nichts dafür, aber Pech gehabt hat er trotzdem. Da kann man nichts machen. Da hilft nur Auslese. Das ist die neoliberale Logik konsequent weitergedacht. Warum mühsam die Chancen des eigenen, privilegierten Nachwuchses mittels eines “schlanken Staates” und hierarchisierter Bildungslandschaften erhöhen, wenn man dabei offiziell immer so tun muss, als sorge man sich um alle. Mit Sarrazin kann man den dummen Kindern einfach empfehlen, sich bitte bei ihren dummen Eltern darüber zu beschweren, dass sie überhaupt gezeugt wurden. Damit hat die Gesellschaft nichts zu tun.
Wobei mir nicht ganz klar ist, was Intelligenz überhaupt ist und wie sie zu 50 bis 80 Prozent vererbt wird, wie man jetzt überall liest. Ich stelle mir ein Neugeborenes vor und frage mich, wo da die Intelligenz sitzt. Sarrazin behauptet im Umkehrschluss sogar, dass nur noch 20 bis 50 Prozent postnatal “korrigierbar” seien. Doch ohne Förderung wird der Säugling strohdoof bleiben, egal wie schlau seine Eltern sind. Bemerkenswert, dass solche Dummheiten ausgerechnet von jemandem publiziert werden, für den der einzige Maßstab lebenswerten Lebens “Intelligenz” zu sein scheint.
Bild, Spiegel und Tagesspiegel sind jetzt ganz offiziell im Boot derer, die als vermeintliche Tabubrecher solche Haltungen publizistisch befördern. Kein Grund, sich zu wundern. Wie gesagt, es läuft nach Plan.
Veröffentlicht unter Aufmerksamkeitsökonomie, Deutschland, Fremdenfeindlichkeit, Neoliberalismus, Rechtsaußen
Verschlagwortet mit Sarrazin
„´Parteienforschung` heißt die Politologie in ihrem Übergang zum Boulevard“…
…schreibt Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Juni. Warum fällt mir jetzt nur Herr Falter ein?
Über das parasitäre Wesen des postindustriellen Kapitalismus am Beispiel der Stadt Düsseldorf
Parasitismus (altgr. Para= Neben , Siteo/o = mästen, sich Ernähren) (Schmarotzertum) im engeren Sinne bezeichnet den Nahrungserwerb aus einem anderen Organismus. Dieser auch als Wirt bezeichnete Organismus wird geschädigt, aber entweder gar nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt getötet. Im weiteren Sinne kann Parasitismus als eine Steigerung der Fitness des Parasiten bei gleichzeitiger Verminderung der Fitness des Wirtes verstanden werden. Quelle: Wikipedia
Die Modestadt Düsseldorf beklagt derzeit ihre zurückgehende Relevanz: Alles schaue auf das “hippe” Berlin, die dortige Modemesse Bread and Butter laufe hervorragend, Düsseldorf sei auf dem absteigenden Ast.
Stimmt. Doch bei der Analyse, warum das so ist, versagt das traditionell geistferne Düsseldorfer Elitepublikum zwangsläufig. Es liege am falschen Stadtmarketing, hört man, die an sich so tolle Stadt werde nur falsch dargestellt.
Quatsch. Es zeigt sich hier das parasitäre Wesen des postindustriellen Kapitalismus. Der macht immer weniger Rendite mit industriell hergestellten Gütern, das ist bekannt. Was mittlerweile zählt, ist die Aura, neudeutsch Image, das Drumherum. Das jedoch kann ein kapitalistisch organisiertes System nicht genuin produzieren. Es ist etwas, was eher in Zwischenbereichen entsteht, aufflammt, sich ungereimt artikuliert, immer dynamisch. Etwas, was sich der Verwertung durchs Kapital entzieht. Es ist das Indifferente, das als Selbstzweck geschieht, ohne jeden Instrumentalisierungsgedanken. Es ist das, was in Berlin an manchen Ecken sein Ding macht. Genau von diesem Image, von der dadurch suggerierten Authentizität, profitiert Bread and Butter.
In Düsseldorf gibt es dieses Ding nicht mehr, denn die Stadt ist von der Durchschlagskraft des Kapitals ordentlich umgemodelt worden. Das Kapital kann nicht anders als zu versuchen, das Nicht-Verwertbare verwertbar zu machen. Ein Ergebnis: Die ziemlich konkret vorhandenen Punk- und New-Wave-Aktivitäten im Düsseldorf der späten Siebziger- und frühen Achtziger Jahre wurden seit den 1990er Jahren verdrängt und verkommerzialisiert. Aus Fehlfarben und S.Y.P.H. wurde die Stadt mit den meisten Werbeagenturen. Aus “Zurück zum Beton” wurden die Hackfressen des Medienhafens mit Abstandsgrün. Aus Kreativität wurde Grey.
Alles, was irgendwie mal subversiv war in Düsseldorf ist vom System schon längst korrumpiert und somit ausgelöscht worden. (Am subersivsten sind mittlerweile der Ballermann in der Altstadt und die Stromschnellen im Rhein.)
Und hier kommen wir zur Modestadt Düsseldorf zurück. Worum es den dort ansässigen Geistesleuchten geht, beschreibt Werner Lippert vom NRW-Forum:
“Das Bewusstsein, dass Kommerz und Kunst in dieser Stadt zusammengehören, müsste auf eine höhere Ebene transformiert werden.”
Peng. Lippert merkt natürlich nicht, was er da sagt. Natürlich gehören Kunst und Kommerz in dieser Stadt zusammen, genau deshalb läuft es mit der Modestadt ja auch nicht mehr. Je mehr er da “auf eine höhere Ebene transformieren” will, desto weniger wird ihm gelingen, was er anstrebt. Das Kapital braucht heute zur Renditebildung die zuvor entstandene nicht verwertbare Nischenkultur, an deren Verwertung man sich dann macht. Die Werbeagentur Grey gibt das indirekt zu:
“Die Marken müssen mythisch aufgeladen werden – Charakter und Ausstrahlung bekommen.”
Wenn Grey eine mythische Aufladung vornimmt, dann um den Preis der Zerstörung des Mythos. Die Länge der Zeitspanne zwischen dem Beginn der Verwertung des Mythos und dem Zeitpunkt der allgemeinen Ansicht, dass das jetzt nicht mehr Ausstrahlung hat, sondern langweilig ist, beantwortet die Frage nach der Länge der Zeitspanne, in der Rendite erzielt werden kann. Selbst die alten Kö-Schnallen gucken doch mittlerweile erstmal, was die 17-jährigen Mädels auf der Kastanienallee im Prenzlauer Berg anziehen, bevor sie sich die gleichen Klamotten kaufen, nur mit einem Designer-Label versehen. Achtundsechzig hat da ganze Arbeit geleistet.
Um es mit Adorno zu sagen: Wenn Kunst auf den Begriff gebracht wird, ist sie schon verschwunden. Das Kapital setzt quasi auf eine Fata Morgana, deren Renditefähigkeit sich mit jedem Schritt in ihre Richtung verringert und gegen Null tendiert. Deshalb braucht es ständig neues: Gestern Düsseldorf, heute Berlin – die Kastanienallee als systemische Kö auf Abruf – , und nachdem hier alles verdüsseldorft sein wird, vielleicht Kiew oder Bukarest. Langweilig wird es nie.
Trostpflaster: Düsseldorf hat ja immer noch Rheinmetall. Vielleicht gibt es da Probleme mit der charakterlichen Aufladung. Die Rendite stimmt trotzdem.
Veröffentlicht unter Berlin, Düsseldorf, Kapitalismus, Kritische Theorie, Neoliberalismus, Wirtschaft
“Vielleicht Pappeln”
“Die Beiräte sind übereinstimmend der Meinung, das wenig ansprechende Gebäude der Brenzkirche müsse durch einige grössere Bäume (vielleicht Pappeln) abgedeckt werden”
Das schrieb die Stadt Stuttgart 1938 über die moderne Brenzkirche. Eine bestimmte Architektur wird als Schandfleck definiert und durch “Natur” überdeckt. Lebensunwerte Häuser sozusagen. Vielleicht Pappeln, Kastanien sind effektiver, siehe Berlin: Kaum ein innerstädtischer Kiezplatz, der nicht zugewuchert ist mit Gestrüpp und ca. 30 Meter hohen Bäumen. Drunter ist es nicht schattig, sondern duster. Man nimmt den Platz also gar nicht mehr war, weil man die städtebaulichen Begrenzungen nicht sieht. Man hat weder Über- noch Durchblick. Kein Raumgefühl, alles zugedeckt. Spazieren gehen, sich bewegen auf dem Platz als Teil einer Stadt ist nicht möglich, weil der Platz fürs Individuum nicht mehr existiert. Es existieren nur noch visuell streng abgegrenzte Bereiche im Dickicht: Hier der Spielplatz, dort die Rentner, ganz hinten der Trinkertreffpunkt. Alle voneinander streng abgeschirmt.
Was machen eigentlich die Plätze in italienischen Städten aus, die doch auch deutsche Touristen ganz toll finden? Was ist mit der Piazza del Campo in Siena oder dem Hauptplatz in Lucca (Bild)? Unvorstellbar, stünden dort Bäume über die Dächer hinaus. Woher kommt das fast zwanghafte Verhalten in Berlin, vor möglichst jedes Haus einen Riesenbaum zu stellen, sodass man in den Wohnungen auch mitten im Sommer ganztägig künstliches Licht braucht? Die gemäß dem gesunden Berliner Volkswillen auszusprechende Strafe gegen den Baumfällforderer liegt gefühlt nahe dem Genickschuss.
Jetzt soll der Gendarmenmarkt umgebaut werden. Eines der üblichen reaktionären Bauvorhaben, um DDR-Geschichte auszulöschen. Der gerade aufblühende Protest richtet sich aber nicht gegen diesen Aspekt, sondern gegen die Absicht, dort Bäume zu fällen.
Ähnlich verklärt agiert die Initiative Mediaspree versenken, die sich kritisch mit der Investorenbebauung an der Spree auseinandersetzt. Mediaspree versenken will einen breiten, frei zugänglichen Uferstreifen und befürchtet Gentrifizierungstendenzen in den angrenzenden Kiezen, natürlich völlig zurecht. Aber gleichzeitig fordern sie, dass die neuen Gebäude nicht höher als 20 Meter werden dürfen, Berliner Traufhöhe also. Was ist gegen ein Gebäude einzuwenden alleinig wegen einer Höhe von 40 oder 60 Metern?
Es ist dieser komische deutsche Romantikbezug, der Städte nur als notwendiges Übel sieht, also am besten hinter Bäumen verstecken. Schon die Nazis kannten die Funktion der Unschuld von Natur, mit der man das Andere bedeckt und damit entfernt. Heute sind sich da der Schrebergärtner mit dem 36er Akademikeröko und dem Gothic-Freak einig, mit mainstreampolitischer Absolution, weil man so ja auch was tut gegen den Klimawandel.
Gestrüpp vorm Haus als banalisierte Form vermeintlicher Sehnsucht zur Natur, rationalisiert als ökologisch korrektes Verhalten. Schnell weg nach Lucca.
(Foto: Wikipedia)
Veröffentlicht unter Alltagskultur, Architektur, Berlin, Rechtsaußen
Vorbeigeschrammt
Ein Satz des Kabarettisten Georg Schramm, dessen Programme in mir ob ihrer Intensität ein unwohliges Behagen auslösen:
“Wenn mich mit Anfang 20 einer von RTL aufgegabelt hätte, dann wäre ich verloren gewesen. Die hätten mich locker für die größte Scheiße gekriegt.”
Schramm wurde stattdessen mit Anfang 20 von der Bundeswehr aufgegabelt, brachte es dort zum jahrgangsbesten Einzelkämpfer, studierte danach Psychologie und wurde Kabarettist. Das Militär war seiner Entwicklung also weniger abträglich als es der Scheißsender gewesen wäre. Jahrgangsbester ist er ja immer noch.
Vielleicht sollte man die ganzen Castingshowepigonen (nicht nur von RTL) zur Grundausbildung schicken, dann bestünde noch Hoffnung.
Vom “falschen, verdrehten Bewusstsein”
Nichts Neues, aber ungemein prägnant auf den Punkt gebracht. Der Adorno-Schüler Oskar Negt im Spiegel:
“Die gegenwärtig vorherrschende Form des falschen, verdrehten Bewusstseins, das, was ich die Ideologie betriebswirtschaftlicher Rationalisierung mit ihrer Umverteilung nach oben und dem Sparzwang nach unten nenne, läuft den traditionellen Emanzipationsidealen von Aufklärung, Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichheit zuwider. Dieser verkürzte, auf Anpassung an das Bestehende ausgerichtete Realitätssinn höhlt die politische Moral aus und gefährdet damit das Fundament unserer Demokratie.”
Dem Marxschen “falschen Bewusstsein” fügt Negt “verdreht” hinzu. Sicher eine Folge der Postmoderne: Wer traut sich heute noch, kommentarlos von “richtig” und “falsch” zu sprechen?
Postmodern ist es auch, dass der Spiegel ohne zu Zögern einen fundamentalen Kritiker wie Negt ausführlich zu Wort kommen zu lassen und im nächsten oder übernächsten Artikel genau den neoliberalen Blödsinn zu fordern, den Negt kritisiert.
Alles ist möglich. Nichts hat Konsequenzen.
Man könnte sich ja eh mal fragen, wieso der ganze neoliberale Nonsense kurz nach Achtundsechzig wieder ausbrach, mit Bretton Woods und Pinochet und Reagan und Thatcher und rotgrün undundund bis zum von Negt erwähnten vorläufigen Höhepunkt der 480-Milliarden-Bankenrettung?
Alles im Angesicht der Adorno-Schüler.
Veröffentlicht unter Kritische Theorie, Neoliberalismus, Philosophie
Verschlagwortet mit Oskar Negt
Der Messias erscheint in Warschau
Ich habe dieses Foto seit einiger Zeit als Desktophintergrund installiert und bin mittlerweile davon begeistert. Je öfter ich draufgucke, desto mehr zieht es mich förmlich rein. Deshalb heute eine luzide Bildanalyse. Aufgenommen wurde es im Plakatmuseum in Warschau.
Zuerst fällt die Thematisierung von innen vs. außen auf, typisch für (moderne) Architektur, die schon immer das Bestreben hatte, die Wand aufzulösen, geltende statische Gesetze zu überwinden. Das gelang ihr schon in der Gotik ganz gut (die Katharinenkirche in Oppenheim ist diesbezüglich phänomenal und leider kaum bekannt), seit der Erfindung von Stahlbeton und Vorhangfassaden noch besser, dazu kam der Verzicht auf Fundamente und Sockel. All das ist hier schön zu sehen. Die Wand ist in Fenster aufgelöst, die Profile sind schmal, keine Stufe. Dazu kommt ein gewisses konstruktives Element, alles bleibt im rechten Winkel.
Bis auf die geöffnete Tür. Hier ist der Übergang von Innen und Außen doch deutlich sichtbar, weil außen Natur pur vorherrscht. Ein Grün, das zwar parkähnlich angelegt und deshalb seinen kulturellen Einfluss sichtbar lässt, aber eben ohne direkte bauliche Gestaltungen daherkommt.
Dann haben wir die Besonderheit des braunen Glases, ähnlich wie im Palast der Republik, das in Verbindung mit der geöffneten Tür einen speziellen Effekt erzielt: Es zieht einen förmlich durch den hellen, vom Braunglas abgesetzen Türauschnitt in den Garten, und dort trifft man auch noch mittig auf den von Sonnenstrahlen, die durch die Bäume fallen, durchfluteten Bereich. Es hat etwas Verheißungsvolles, etwas Messianisches.
Die einzige Abweichung vom konstruktiven Prinzip ist also die Abweichung vom rechten Winkel durch die geöffnete Tür, der Bedingung des Gewahrwerdens des messianischen Erlösungsgedankens.
Irritieren die Stühle? Vielleicht eher positiv?
Man könnte jetzt generell fragen, was diese Art von Kunstdidaktik soll: alles erklären (und dazu noch so notbehelfsmäßig). Meine Antwort wäre schlichtweg die, dass der Mensch ein kommunikatives Wesen ist.
Selbstredend habe ich dieses Meisterwerk selbst geknipst.
(Foto: genova 2010)
Die Dummheit wird intensiver sein als heute
Leider kommt schon wieder etwas Negatives. Aber was bleibt einem bei diesem Interview, das der Tagesspiegel mit dem neuen Präsidenten der FU Berlin, Peter-André Alt, geführt hat, anderes übrig? Unter dem Titel “Das Studium wird intensiver sein als heute” geht es darin um die Zukunft der Universität, genauer gesagt um ihren prognostizierten Zustand im Jahr 2030.
Dazu mein Alt:
“Wir müssen uns zudem jenseits der staatlichen Förderung finanzieren können … Wir werden sehr viel mehr auf das Kapital privater Stiftungen zurückgreifen. Das Geld wird von den klassischen Wirtschaftsunternehmen kommen, verstärkt aber auch aus kulturellen Einrichtungen. Ich denke nicht zuletzt an die Medienindustrie: Bill Gates ist jetzt schon einer der größten Stifter der Welt.”
Finanziert werden soll eine der wichtigsten Universitäten des Landes “jenseits der staatlichen Förderung”. Klartext: Der Staat soll sich aus der Hochschulfinanzierung komplett zurückziehen. Die Wirtschaft finanziert den Laden dann komplett, was natürlich eine vollständige und reine ökonomische Ausrichtung von Bildung zur Folge haben wird (siehe auch die Zustände an der Düsseldorfer Universität). Und Alt hofft allen Ernstes, dass Gates es schon richten wird. Vielleicht schießen Bertelsmann, Springer und Holtzbrinck noch was zu.
Die Professoren werden, so eine weitere luzide Prognose Alts, 2030 “präsenter” sein als heute. Warum?
“Weil sie wegen neuer Kommunikationsmittel weniger reisen.”
Eine echt originelle Idee. Um welche neuen Kommunkationsmittel geht es? Vielleicht ums beamen. Und wie überzeugen die Profs die Wirtschaft, Mittel zur Verfügung zu stellen? Per SMS?
Richtiggehend unglaublich werden diese Ergüsse, wenn man sich Alts Ausbildung anschaut, die er im Tagesspiegel-Interview erläutert:
“Ich bin Präsident einer Universität mit starken Geisteswissenschaften und selbst Geisteswissenschaftler. Daher bin ich überzeugt, dass die Geisteswissenschaften 2030 noch dominant sein werden. Die Fächer werden gebraucht, weil sie Sinnfragen stellen. Sie denken über den Zweck menschlichen Handelns nach, sie wirken gedächtnisbildend. Wenn es das nicht gibt, ist die Wissensgesellschaft nicht überlebensfähig.”
In Verbindung mit Alts Finanzierungsvorstellungen sind diese Auslassungen hammerhart. Um welche “Sinnfragen” handelt es sich? Um die, welche geistige Prostitution nötig ist, um an die nächste Geldspritze zu kommen? Was ist der “Zweck menschlichen Handelns”? Gemeinwesen aufzulösen und sich freiwillig an den zweckrationalen Tropf des Kapitals zu hängen? Wer bildet welches Gedächtnis? Eine PR-Agentur, die dann Geschichte schreibt im Sinne der Geldgeber? Was ist das für extremistisch-harmloses Geschwätz, dass der Präsident da zum Besten gibt? Worthülsen, sonst nichts.
Eine zu stellende Sinnfrage wäre ja gerade, inwieweit solch profitorientierte Uni-Finanzierungen den kompletten Bildungsgedanken der Aufklärung infrage stellen, von Humboldt ganz zu schweigen. Inwieweit diese Form der Refeudalisierung jedes kritische Potenzial ausschaltet, sofern es nicht unmittelbar instrumentalisiert werden kann.
Die Tatsache, dass so ein neoliberaler Vollpfosten Universitäts-Chef werden kann, noch dazu der einer “Elite”-Uni, zeigt die katastrophale Lage des deutschen Gemeinwesens. Die neoliberale Umgestaltung der Welt ist offenbar nicht am Ende, wie die Finanzkrise suggerierte, sondern nur auf der politischen Ebene derzeit nicht populär, das ist alles. Hinter den Kulissen geht es mit aller Gewalt weiter.
Wozu ist ein geisteswissenschaftliches Studium gut, wenn als Quintessenz, im Alter von 50 Jahren, ein Geisteszustand wie der von Alt erreicht wurde? Und wo bleibt der Protest an der FU? Der bisherige FU-Präsident Dieter Lenzen kann sich jedenfalls entspannen. Er ist Mitglied der “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” und hat seine Nachfolge offensichtlich gut geregelt.
Der Literaturwisschenschaftler Alt hat eine lange Publikationsliste, natürlich. Zwei Titel wirken wie unfreiwillige Vorwegnahmen seines aktuellen Geplappers. Sie lauten “Tragödie der Aufklärung” und “Schlaf der Vernunft”.
Der Mann weiß offenbar doch, wovon der redet.
Veröffentlicht unter Berlin, Kapitalismus, Neoliberalismus, Wirtschaft
Verschlagwortet mit FU Berlin, Geisteswissenschaften, Peter-André Alt
Neues aus Scheißland
Nur, falls mal wieder jemand was vom ausufernden Sozialstaat faselt: Mittlerweile arbeiten 20 Prozent der Menschen in Deutschland für Niedriglöhne, schreibt die FAZ:
“Insgesamt 6,55 Millionen Arbeitnehmer sind in Deutschland im Niedriglohnsektor tätig – so viele wie nie zuvor. Das hat das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) berechnet. „Kein anderes Land“ habe in den vergangenen Jahren ein derartiges Wachstum des Niedriglohnsektors erlebt, sagen die Studienautoren…
In europäischen Nachbarländern sei der Niedriglohnanteil in den vergangenen Jahren deutlich niedriger gewesen, teilte das IAQ mit. In Frankreich hätten im Jahr 2005 rund 11,1 Prozent der Beschäftigten einen Niedriglohn bekommen. In Dänemark läge der Niedriglohnanteil bei 8,5 Prozent.”
Die fleißigste Exportweltmeisternation, gleichzeitig das effektivste Menschenschinderland, in dem man stolz ist auf die geringe Zahl der Streiktage.
Der deutsche Sonderweg ist aktuell, nach wie vor.
Älteres zum Thema “Deutschland einig Scheißland” gibt es hier.
Veröffentlicht unter Deutschland, Kapitalismus, Neoliberalismus, Wirtschaft
Verschlagwortet mit Niedriglohnsektor




