Monatsarchiv: Mai 2010

Lena Meyer-Landrut: Jetzt ist alles möglich

Medienökonomisch betrachtet ist Lena Meyer-Landrut natürlich interessant. Sat1, Pro Sieben und die ARD, Unternehmen mit einer gigantischen Marktmacht, vermarkten eine eine nette, attraktive, wohl wirklich ziemlich coole, offenbar extrem stressresistente und insgesamt belanglose 19-jährige über mehrere Wochen hinweg mit Vollgas, strategisch geplant vom Vollprofi Stefan Raab. Lena tingelt durch sämtliche Radioprogramme und Fernsehsendungen, darf ihr Musikvideo kurz vor der 20-Uhr-Tagesschau zeigen, tritt eine Woche lang jeden Abend bei TV Total auf, macht bei Raabs Wok-WM mit undsoweiterundsofort.

Dann gewinnt sie einen langweiligen Schlagerwettbewerb, bei dem die Mehrzahl der Konkurrenten unterirdisch schlecht ist. Sie gewinnt ihn wie vor ihr 53 andere Sängerinnen und Sänger, und schon treten die üblichen rechten Vollpfosten auf den Plan. So findet Reinhard Mohr den Versuch einer Erklärung des Sieges Meyer-Landruts auf Spiegel-online allen Ernstes “eine Denksportaufgabe ohnegleichen” und erklärt dann ganz sportlich:

Lena Nazionale, ein neues deutsches Fräuleinwunder. Ungläubiges Staunen überall. Das ist nicht wahr. Wahnsinn, Wahnsinn! Dass wir das noch erleben dürfen!…

Lenas Gesicht ist offensichtlich auch das Gesicht eines neuen Deutschland…

Schon 1945, als das Land der Nazi-Verbrecher in Trümmern lag, gab es ein sogenanntes deutsches Fräuleinwunder, das nicht zuletzt das Staunen darüber war, dass die Deutschen, die in fast ganz Europa schrecklich gewütet haben, auch ganz anders sein können – und ganz anders sind…

Und wer weiß: Womöglich entwickelt Lenas spektakulärer Erfolg auch noch Schubkraft für Jogi Löws WM-Kicker. Jetzt ist alles möglich.

Der letzte Satz klingt wie eine Drohung. Dieser unglaublich dämliche neue deutsche Nationalismus, der immer auch mit einer Eventisierung einhergeht: Eine Fernsehshow wird zum Testfall für den neuen Deutschen, der jetzt, endlich, befreit ist von Hitler und endlich auch anerkannt wird vom Rest Europas. Wir sind doch gar nicht so. Zumindest eine von 82 Millionen.

Ist der Sieg von Nicole 1982 genauso tümelig beschrieben worden? Damals ging es, wenn ich mich recht erinnere, doch eher darum, dass “Ein bisschen Frieden” in die Zeit von Pershing II und SS 20 passte. Was sagt uns “Satellite”? 1982 wäre vor allem auch kein Idiot auf die Idee gekommen, aus einem Schlagerfestival eine Neudefinition der Nation abzuleiten.

Geradezu esoterisch wird es, wenn die Fußballer jetzt von Meyer-Landrut “Schubkraft” erhalten sollen. Dieser Mohr kommt mir vor wie der geistige Bruder von Henryk M. Broder. Beide mal irgendwie links und dann abgedriftet.

Der JU-Chef Philipp Mißfelder schlägt Lena und Raab übrigens für das Bundesverdienstkreuz vor. Begründung:

“Stefan Raab und Lena haben zusammen den Grand Prix gerettet und Deutschland einzigartig präsentiert.”

Jetzt ist also alles möglich. Wie wäre es für den Anfang damit, dass unsere Lena Bundespräsidentin wird? Reinhard Mohr fände es sicher toll. Natürlich nur nach sportlichem Denken. Wahnsinn, Wahnsinn.

Solidarität, wie der BDI sie versteht

Auch nicht schlecht: Hans-Peter Keitel, Chef des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), will, dass die Hartz-IV-Bezüge gesenkt werden. Begründung:

“Zur Sanierung der Staatsfinanzen müssen alle solidarisch beitragen.”

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Der BDI-Chef nimmt das Wort Solidarität in den Mund (wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben), um sie sogleich von Sozialhilfeempfängern zu fordern.

Falls Ihr, liebe Leser, nun völlig zurecht denkt, dass man für solch abartige Informationen keinen Qualitätsblog aufsuchen muss, biete ich als Serviceleistung folgenden Podcast an. Die taz-Autorin Ulrike Herrmann unterhält sich im Saarländischen Rundfunk über ihr neues Buch “Hurra wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht”.

Hörenswert:

Hurra, wir dürfen zahlen

(gefunden bei kritik und kunst)

Die Mittelschicht wäre es auch, die angesichts des auf uns zukommmenden Wahnsinns den Arsch hochkriegen müsste. Ein wohl allzu frommer Wunsch.

Immer wieder Kälteströme – bis auf sonntags

Notiz aus der Provinz: Der Chefredakteur der Ludwigshafener Tageszeitung Rheinpfalz, Michael Garthe, hat sich in einem Leitartikel zu Pfingsten gewünscht, dass die Kirche wieder “in die Mitte unserer Gesellschaft rücken” soll. Warum?

“Kirche ist doch notwendiger Kontrapunkt zu unserem materiellen Lebensstil, zu unserer durchrationalisierten Arbeitswelt, zu Egozentrik und schneller Bedürfnisbefriedigung … Nie ist die Zeit so rastlos und hektisch gewesen wie heute.”

Und:

“Der Sonntag als Tag des Gottesdienstes, des Rastens und der Muße, als Tag für Familie und Freunde ist heute notwendiger denn je … Kirche kann die Kälteströme globaler Wirtschaft, Wissenschaft und Technik mit den Wärmeströmen der Zuwendung und Zuneigung, der Liebe und der Gemeinsamkeit des Glaubens durchmischen.”

(online nicht verfügbar)

Kurzversion: Das Diesseits ist ein Jammertal, da hilft nur noch die Konzentration aufs Paradies.

Wer ist dieser Garthe? Den Chefredakteursposten hat er seit 16 Jahren inne, außerdem ist er Fellow des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP). Das CAP ist ein Ableger der Bertelsmann-Stiftung, zu der schon genug geschrieben wurde. Garthe ist sozusagen ganz offiziell ein publizistischer Propagandist des Neoliberalismus.

So geht das: Erst sorgen die irdischen Vertreter des Neoliberalismus für eine Politik der Ausgrenzung und der realen Kälteströme, dann postulieren dieselben Gestalten die Hinwendung zur Kirche, um ebendiese Kälteströme so zu “durchmischen”, auf dass die Durchschnittstemperatur gerade noch erträglich ist, so eine Art umgekehrte Oase. Dass Politik dafür sorgen müsste, aus den Kälte-strömen Wärmeströme im Hier und Jetzt zu machen, ist zwar ein naheliegender Gedanke, dessen Ausführung aber von neoliberalen Apologeten unter allen Umständen verhindert werden muss. Dann doch lieber die Kirche als transzendente Retterin präsentieren, natürlich nur, solange die der herrschenden Klasse verbunden bleibt. Bezeichnend auch, dass Garthe in seinem Leitartikel zustimmend Udo di Fabio zitiert, der seit Jahren versucht, die Reaktion in der gesellschaftlichen Entwicklung (ja zur Familie, nein zur Homoehe) mit einem Manchesterkapitalismus zusammenzubringen.

Natürlich ist das, was Garthe da verkauft, eine Beruhigungspille mit Verdum-mungsfunktion, und genau das soll es auch sein. Wahrscheinlich funktioniert es: Garthe schreibt gegen schätzungsweise 95 Prozent seiner Leser an und hält sich dennoch seit 16 Jahren an der Spitze der Zeitung. Daran sieht man, wie eingespielt das System ist,  die Politik der herrschenden Klasse als die des kleinen Mannes darzustellen.

Apropos Kirche und Neoliberalismus: Naomi Klein berichtet in ihrer “Schockstrategie”, dass die Chefstrategen der neoliberalen Bewegung um Milton Friedman bei ihrem Versuch, in Chile Fuß zu fassen, von der dortigen Katholischen Universität bereitwillig unterstützt wurden. Die Uni-Leitung hat sogar extra eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät gegründet, fast komplett beherrscht von Friedmans Chicago Boys. Die sorgten dann einträchtig mit dem Diktator Pinochet dafür, dass die chilenische Gesellschaft ab September 1973 in die Freiheit gefoltert wurde.

Meint Garthe diesen Typus Kirche?

Eigentlich kein Wunder: Neoliberalismus und weite Teile des Katholizismus sind seit Beginn ihrer Existenz damit beschäftigt, Emanzipation zu verdrängen und Sozialdarwinismus in Szene zu setzen – und zwar immer mit einem tröstenden Gegenpart. Während die Neoliberalen die freien Märkte propagieren, die irgendwann ertragreich für alle sein sollen, zeigt uns die Kirche, wo das immaterielle Glück zu finden ist – eben auch im Irgendwann und bis dahin immer wieder sonntags.

In der Gegenwart reicht es also, perfide Tipps zu geben. Die Rheinpfalz ist keine Ausnahme, die meisten Regional- und Lokalzeitungen ticken so. So gesehen ist das Zeitungssterben keine Tragödie. Ganz im Gegenteil.

(Foto: genova 2008)

Die Folgen der Bechermania

Wie sehr man sich unbewusst an der Becher-Ästhetik orientiert, zeigen solche Fotos. Kaum sind Himmel und Motiv einheitsgrau, drücke ich ab. Ohne Becher würde es das Foto nicht geben, schätze ich. (Den nun möglichen Kommentar, dass das nicht schlimm wäre, nehme ich zustimmend in Kauf.)

(Foto: genova 2007)

Im Zweifel für Ziellosigkeit

(Foto: genova 2004)

DDR: “Sehr demokratisch und sehr antifaschistisch”

Kleiner Nachtrag zur hiesigen Stalinismus-Debatte:

Die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Ulla Jelpke, hat Ex-Stasimit-arbeitern zu deren jährlich stattfindender Tagung (bezeichnenderweise in Straußberg, ) ein Grußwort geschickt. Demnach war die Stasi offenbar ganz harmlos, im Gegensatz zum bösen BND, “eines von Altnazis aufgebauten aggressiven imperialistischen Dienstes”.

Jelpke mag in Sachen BND von mir aus Recht haben, aber darum geht es nicht. Wer als angeblich Linke nicht einmal in der Lage ist, die Stasi klar als das zu bezeichnen, was sie war – also ein stalinistische Krake in einem Nichtrechtsstaat mit Armen in jeden noch so privaten Winkel -, von dem erwarte ich so einiges, aber keine emanzipierte linke Politik.

Hoffentlich gibt es in der Partei Mehrheiten, die solche Hampelmänner und -frauen zur Seite zu drängen. Als einfaches Parteimitglied wäre eine Jelpke egal, als Bundestagsabgeordnete ist sie eine Fehlbesetzung. Es ist ja auch eine Art parteischädigendes Verhalten, kurz vor den Sondierungsgesprächen in Düsseldorf mit solchen Diskussionen aus Absurdistan zu kommen.

Es gilt hier das gleiche wie für ähnliche Debatten, die derzeit etwas wehleidig im linken Spektrum geführt werden: Natürlich fahren weite Teile der sogenannten bürgerlichen Presse einen Kampagnenjournalismus gegen die Linkspartei, um deren Regierungsbeteilung in NRW zu vereiteln. Natürlich wird hier das Gespenst des Kommunismus aus dem Keller geholt, natürlich ist das (so wie der TV-Beitrag unten) niveaulos und dumm. Und natürlich zeigen SPD und Grüne erneut, wie weit sie nach wie vor im neoliberalen Lager verwurzelt sind und kein Interesse an einer anderen Politik haben.

Doch all das entbindet die Linkspartei in NRW nicht vor einem halbwegs seriösen Auftreten. Oder was ist davon zu halten, wenn die jetzige Abgeordnete des Landtages, Carolin Butterwegge, auf die Frage eines TV-Reporters, ob “die Stasi legitim war”, keine Antwort parat hat? Oder wenn Anna Conrads, ebenfalls jetzt im NRW-Landtag, auf die Frage nach der “Solidarität mit RAF-Terroristen” nur zu antworten weiß, sie wisse nicht, was der Reporter von ihr wolle? Oder wenn Gunhild Böth ( ehemaliges DKP-Mitglied) die DDR als “sehr demokratisch und sehr antifaschistisch” bezeichnet? Und wenn die Spitzenkanditatin, Bärbel Beuermann, auf die Frage, ob die Stasi “legitim” war, mit der Gegenfrage antwortet, ob der Verfassungsschutz legitim sei?

Sicher: Der Reportbeitrag ist billiger Kampagnenjournalismus. Doch genau, WEIL er so billig ist, sollte es für halbwegs professoniell agierende Politiker kein Problem sein, nicht in die gestellten Fallen zu tappen. Und die Linkspartei sollte so langsam checken, dass sie kein esoterisches Grüppchen mehr ist, für deren Verlautbarungen sich niemand interessiert.

Wenn die Linkspartei nicht in der Lage ist, sich von solchen Gestalten zu distanzieren, braucht sie sich nicht wundern, wenn dieses Projekt auf Dauer nix wird. Selbstredend, dass es schade wäre, wenn sich ein linker parlamentarischer Politikansatz  durch Stalinismus und Dilettantismus selbst diskredittiert.

Hoffen wir, im Sinne eine linken Politik, dass der Kelch einer Regierungsbeteiligung dieses Mal an den NRW-Linken vorbeigeht.

P.S.: Der Fahnenträger im Report-Beitrag ist übrigens ein Kabarettist der PARTEI. Nicht mal das haben diese investigativen und GEZ-finanzierten Journalisten gechekt.

Na sowas: Arvato-Pilotprojekt Würzburg gilt als gescheitert

Arvato funktioniert nicht. Zumindest nicht so, wie sich die Stadt Würzburg das vorgestellt hat. Es funktioniert wahrscheinlich durchaus im Sinne von Bertelsmann.

Kurz zum Hintergrund: Arvato ist eine Dienstleistungssparte Bertelsmann-Konzern und hofft auf ein neues Milliardengeschäft, die Privatisierung kommunaler Aufgaben. Würzburg ist so eine Art Pilotprojekt in Deutschland, seit drei Jahren mischt Arvato dort mit. Das vorläufige Ergebnis laut der sicher nicht sonderlich kritischen Mainpost: Das Projekt…

ist gescheitert, auch wenn kein Beteiligter das so direkt bestätigen mag … kaum messbare Einspareffekte …

Natürlich gibt es keine Einspareffekte. Wie auch? Arvato drängt in die Kommunen und will Rendite, die aus dem Stadtsäckel genommen wird. Mag sein, dass Arvato einiges “verschlankt” und entbürokratisiert, doch eben um den Preis eines Renditeanspruchs, den es vorher gar nicht gab. Es ist schlichtweg das Kapital, das unermüdlich weitere Renditemöglichkeiten sucht.

Arvato-Chef Rolf Buch hat das vor ein paar Jahren im Handelsblatt noch offen zugegeben:

„Ein riesiger Markt vor der Haustür“

Die Bertelsmann-Tochter Arvato will das Dienstleistungsgeschäft mit Städten und Gemeinden massiv ausbauen. „Das ist ein Markt von mehr als 20 Milliarde Euro, also so viel wie der derzeitige Umsatz von Bertelsmann“, sagte der neue Arvato-Chef Rolf Buch dem Handelsblatt. Arvato, einst die reine Drucksparte, startete vor wenigen Tagen die erste Zusammenarbeit mit einer Kommune.“

Außerdem bestätigt sich, was jeder denkende Mensch sowieso weiß: Neoliberalismus ist antidemokratisch, wie die Mainpost weiter ausführt:

Was die finanzielle Regelung mit Arvato anbelangt, gibt sich [Oberbürgermeister ] Rosenthal einsilbig: „Über Geld haben wir bislang nicht geredet“, berichtet er von den Gesprächen und lässt offen, ob die Stadt schon Erfolgshonorar an Arvato überwiesen hat.

Von Arvato gibt es keine Stellungnahme: „Als Dienstleister äußern wir uns prinzipiell nicht zu Projekten, Aufträgen und Kundenbeziehungen“ lautet die Antwort aus Gütersloh.

Zum Projekt beigesteuert hat die Stadt viel Arbeitskraft, sprich Personalkosten, die Projektleiter Kleiner nicht beziffern mag.

Im Klartext: Bürgermeister und Projektleiter verheimlichen den Umgang mit Millionen Euro an Steuermitteln, was ihnen vermutlich der Vertrag mit Arvato vorschreibt. Das Gebaren erinnert an viele PPP-Projekte und besonders an das Cross-Border-Leasing, wo den Städten verboten wird, die Verträge zu veröffentlichen und somit mit Steuermitteln umgegangen wird, als handele es sich um privates Vermögen. Fehlende Informationen sorgen auch dafür, dass Widerstand gegen solch quasi-kriminelles Verhalten meist ausbleibt.

Fast schon lustig, dass der Bürgermeister offen zugibt, dass man über Geld bislang nicht geredet habe. Ja, worüber reden die denn sonst? Soll es nicht um Einsparungen gehen?

Andererseits ist das eine gute Nachricht. Schon beim deutschen Pilotprojekt von Arvato merkt die Lokalpresse, dass die Stadt sich übers Ohr hauen ließ. Hoffen wir, dass auch andere Bürgermeister die Mainpost lesen. Oder diesen Blog.

Blaue Stunde

(Foto: genova 2009)

Merkel will schmerzhafte Einschnitte – soll sie bekommen!

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Bürger auf schmerzhafte Einschnitte vorbereitet. «Da wird kein Bereich ausgenommen sein», sagte die CDU-Vorsitzende auf dem Ökumenischen Kirchentag in München.


Deutschland habe seit vielen Jahrzehnten über seine Verhältnisse gelebt, sagte Merkel. In den nächsten Wochen werde deshalb eine Kernfrage lauten: «Wo können wir sparen?» Auch Subventionen müssten überprüft werden. Sparmaßnahmen allein nach der Rasenmäher-Methode werde es nicht geben. Bei den notwendigen Sparmaßnahmen werde sich der Zusammenhalt der Gesellschaft zeigen.

So die FTD vom Freitag.

Es ist eigentlich unfassbar, dass Angela Merkel immer noch den gleichen Blödsinn redet wie Gerhard Schröder vor zehn Jahren. Ein Land mit einer dermaßen positiven Handelsbilanz, das gerade die halbe EU ökonomisch niedergerungen hat, kann natürlich unmöglich über, sondern es muss unter seinen Verhältnissen gelebt haben. Das ist alles bekannt, fast müßig zu wiederholen.

Die letzte große Debatte über “schmerzhafte Eingriffe” ist also gerade mal zehn Jahre her. Ergebnis war die Agenda 2010 mit mehr Reichen und mehr Armen. Jetzt geht es offenbar erneut los. Dazu kommt die Verlogenheit, das alles direkt nach der NRW-Wahl zu sagen und vorher so zu tun, als müssen man eine Steuerschätzung abwarten, deren Ergebnis die Spatzen schon monatelang von den Dächern pfiffen.

Man muss sich das mal vorstellen: Vor ein paar Jahren, als Kanzlerin der Großen Koalition, fand Merkel, dass sich Deutschland “auf einem guten Weg” befinde. Dann kam die Finanzkrise wegen der neoliberalen Politik, daraufhin wurden Steuermilliarden verballert, doch der Turbokapitalismus darf ungerührt weiter machen. Und nun stellt sich Merkel auf einen Kirchentag und fordert schmerzhafte Einschnitte. Vom “Bürger” wohlgemerkt, nicht von denen, die das alles verursacht haben.

Hoffen wir in der Tat, dass sich der Zusammenhalt der Gesellschaft nun zeigen wird. Die herrschende Klasse lebt seit ihrer Beginn ihrer Existenz über ihre Verhältnisse und hat schmerzhafte Einschnitte dringend nötig.

Wie gerufen kommt da ein lesenswertes Interview mit Oskar Lafontaine in der Frankfurter Rundschau.

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Das Wachstum der herrschenden Klasse in drei Jahrzehnten (50er, 70er, 90er): Schmerzhafte Eingriffe sind dringend nötig.

(Foto: genova, 2007)

Neu in der Blogroll: der Gentrification Blog

Das Thema wird immer wichtiger. Man beachte die interessanten Links in der dortigen Blogroll.

(Foto: genova, 2010)