Vorab: Dieser Artikel ist der aktuellste Teil einer Diskussion, die hier begann und sich hier, hier, hier und hier fortsetzte (Wiederholungen in der Folge möge man mir verzeihen, aber es soll ja verständlich bleiben).
Es geht darum, ob in der Geschichte ein Weg von Marx zu Stalin führte und wenn ja, ob das im linken Spektrum schon genügend reflektiert worden ist. Ich vertrete dabei den Standpunkt, dass ein Weg von Marx zu Stalin führte (unter anderem hier ausgeführt).
Diesen Standpunkt habe ich vor Monaten beiläufig formuliert und war überrascht darüber, dass ihn hier im Umfeld niemand teilte. Wobei, und da sind wir schon mitten in der Diskussion, das auf den zweiten Blick nicht stimmt:
I.
Momorulez und Che (und wohl auch Netbitch) sehen das eigentlich so wie ich: Ein von Marx ausgehender Weg führte zu Stalin. Sie bestreiten einen Zusammenhang zwischen Marx und Stalin nicht, sie tun sich nur schwer damit, das offen zuzugeben. (So rät Che dringend davon ab, ein Buch zu dem Thema zu schreiben.) Doch sie haben mir auf meine Bitte hin, Bücher zum Thema “Von Marx zu Stalin” zu nennen, bereitwillig gleich eine ganze Latte genannt, beispielsweise drei Bände von Trotzki (1929-1940), Bücher von Luxemburg, von Gramsci, von Korsch, studentische Hausarbeiten zum Thema, Lehrpläne und sogar die Filmklamotte “Sonnenallee”. Außerdem soll ich mir philosophische Diskussionen in Frankreich und den dortigen seinerzeitigen Bestseller “Schwarzbuch des Kommunismus” zu Gemüte führen. (M. Brie von der Linkspartei hat damals übrigens seinen Parteifreunden vorgeworfen, sich der Diskussion des Schwarzbuchs zu verweigern und sich damit um die eigene Zukunft zu bringen, lese ich gerade bei Wikipedia. Meine Rede.)
Unabhängig von der Qualität der genannten Quellen: Wenn ich all das rezipieren soll, um endlich Bescheid zu wissen, dann muss es doch einen Zusammenhang zwischen Marx und Stalin geben bwz. es muss bei Marx Stellen geben, an denen sich dieser Bruch festmachen lässt. Der Streitpunkt zwischen uns wäre dann also eher der, dass ich mich zum Thema erst dann äußern darf, wenn ich das alles gelesen habe.
Der Dissens zwischen CheNetbitchMomorulez und mir liegt also nur in der Frage, ob es eine Auseinandersetzung in der Breite gegeben hat oder nicht.
Natürlich werden mir die Genannten hier widersprechen, was aber nur ein erneuter Ausdruck ihres in diesem Fall unglaublich dogmatischen Denkens ist. Irgendwo hat Momorulez die Frage nach dem Zusammenhang von Marx und Stalin kurz beschrieben, ich finde die Stelle leider nicht mehr. Das war aber auch nur eine stichwortartige Aufzählung, keine Quellenkritik.
II.
An diesem Dogmatismus liegt es auch, dass mir in der Diskussion permanent Antworten gegeben werden auf nicht gestellte Fragen. Beispiel Netbitch. Auf meine Feststellung, dass ein Weg von Marx zu Stalin führte, antwortet sie:
„E s wurde gezeigt, dass die Marx´sche Theorie von den unterschiedlichsten Leuten, wie Bebel, Kautsky, Luxemburg, Bernstein, Hilferding weiterentwickelt und uminterpretiert wurde, bevor Lenin kam, und Stalin war dann noch einmal ein ganz Eigener. Und dass bei Marx zum Beispiel auch der Freudomarxismus angelegt war, der über Reich dann in die Kritische Theorie mündete. Oder dass Gewerkschaften weltweit einen beachtlichen Teil der historisch wirkungsmächtigen Linken darstellten, und auch die Sozialdemokratie, aber auch Guerrillabewegungen und Dritte-Welt-Solidaritätsprojekte. Es wurde gesagt, dass diese diffuse und disperse Linke außerhalb des UDDSSR&CoKG-Lagers mindestens eine zweistellige Millionenzahl Menschen umfasste.“
Ja, habe ich all das jemals bestritten? Ist das denn so schwer zu begreifen? Ich ergänze lediglich, dass die „zweistellige Millionenzahl“ nicht einmal im Ansatz so wirkungsmächtig war, wie die einstellige Milliardenzahl, die Stalin hinterherrannte bzw. hinterherrennen musste. Und dass Marx von den genannten weiterentwickelt wurde: Bestimmt, aber wurde deshalb Marx nicht mehr gelesen? Ich halte Marx für einen nach wie vor sehr wichtigen Denker, und genau deshalb sollte man in kritisch prüfen.
Das ist eh so ein Merkmal dieser Diskussion: Es geht ständig um Themen, die mit dem hier zur Debatte stehenden Thema nichts zu tun haben. So fordert Momorulez von mir eine Textstelle bei Marx, die die Genehmigungsprozedur der DDR für Musikbands belegt und denkt, dass ich da nichts finde. Ergo: Marx ist aus dem Schneider. Dabei schreibt Momorulez im selben Beitrag, aus wie vielen Komponenten sich die Entwicklung zusammensetzte, die zum Holocaust führte. Sicher. Und aus wie vielen Entwicklungen setzte sich der Stalinismus zusammen?
III.
Bei Nörgler liegt der Fall anders als bei den Genannten. Er betrachtet sich als Salonmarxist, hält alleine die Frage nach dem Zusammenhang von Marx und Stalin für säkulare Blasphemie und wird voraussichtlich jeden Zusammenhang kategorisch ablehnen, weil er die in Frage kommenden Stellen bei Marx (die er sicher kennt) schlicht so interpretiert, dass sie keinen Anschluss an Lenin/Stalin zulassen. Er argumentiert also mit einer ideologischen Brille auf der Nase, da wird es schwierig.
Nörgler verhält sich hier wie ein Hobbymodelleisenbahner, der eine besonders schöne Bahn in seinem Keller aufgebaut hat und – bis auf ein oder zwei – all die Bahnen anderer Hobbymodelleisenbahner hässlich findet und sie nicht weiter beachtet. Das ist sein gutes Recht, aber politische Ideen funktionieren nun einmal nicht auf dieser Ebene. Politische Ideen, gerade linke, beziehen sich immer auf die Totalität, auf das Ganze und auf ihre Realisierung im Ganzen. Insofern muss ich eben die vielen hässlichen Modelleisenbahnen in fremden Hobbykellern zur Kenntnis nehmen und mich fragen, warum sie so hässlich sind. Nörglers Weigerung, schlicht die historische Realität anzuerkennen, führt ihn also direkt aufs Abstellgleis seines eigenen Hobbykellers. Das ist schade.
Dazu kommt ein bei ihm ausgeprägter Hang zum intellektuellen Schwanzvergleich, der auch nur dazu führt, dass einer halt den längsten hat. Punkt. Das ist ein elitäres Verhalten im negativen Sinn. Wer den Marx nicht von A bis Z gelesen hat, möge schweigen und dies nachholen. Ein l´Art-pour-l´art-Theoretiker, der sich selbst genügt.
IV.
Diese Denke zeigt sich auch in der Linkendefinition mancher Linker (leider auch in der von Momorulez und Che, wenn ich das richtig einschätze): Links ist nur das, was mir gefällt. So kommt es zu der abstrusen Umkehrung, dass “die Linke” laut Nörgler macht- und einflusslos ist und meine Aufforderung, sich um die Marx-Stalin-Frage zu kümmern, der Linken eben nur “aggressiv” ihre Macht- und Einflusslosigkeit vorwerfe, was man doch nicht machen könne. Verrückte Welt: Die Aufforderung an die Linke, eine Diskussion zu einem bestimmten internen Thema zu führen, wird damit abgetan, dass die Linke doch viel zu einflusslos sei, um diese interne Diskussion zu führen. Eine bizarre Konstruktion, die nur darauf abzielt, auf keinen Fall Strukturen freizulegen, die einem nicht genehm wären.
Dennoch gehe ich auf seine Kritik ein, soweit das möglich ist. Zuerst zitiert er Marx, der demnach gesagt hat, dass er kein Marxist ist. Aha. Soll das von einer kritischen Marx-Lektüre in meinem Sinn abhalten? Soll das bedeuten, dass man die Schriften von Marx dahingehend nicht mehr untersuchen soll? Oder soll das bedeuten, dass er einen Missbrauch seiner Schriften schon sah und sich davon distanzierte? (Dass Marx sich von Stalin distanziert hätte, geschenkt.) Das ist eine interessante Form der Erkenntnisvermeidung, eine kritische Marx-Lektüre abzulehnen mit der Begründung, dass sich Marx vom eventuellen Missbrauch seiner Texte schon distanziert habe.
Zu der Bemerkung „Sozialismus in einem Land“: Mag sein, dass Marx bei diesem Programm gestöhnt hätte, nur wieso soll es bei Marx in Bezug auf Freiheit, Demokratie, Individuum, Menschenrechte für Stalin keinerlei Anknüpfungspunkte gegeben haben? Nur weil Stalin sagte, Sozialismus kann sich isoliert in einem Land entwickeln und Marx das nur als gemeinschaftlichen Prozess aller Proletarier sah? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? (Davon abgesehen, dass Marx selbst 1882 – im Vorwort zur zweiten russischen Ausgabe des Manifests – schon bereit war, seine teleologische Geschichtsidee über den Haufen zu schmeißen, wenn es zuerst in Russland eine Revolution geben würde.)
Der Rest des Nörglerschen Beitrags beschäftigt sich mit Schwanzlutschen, Shoa und Scheiße, worauf ich jetzt nicht eingehe.
V.
Kurz zu HannesWurst, der den Nörglerschen Beitrag toll findet und ihn auf Kindergartenniveau herunterbricht: Wenn jemand gerne Schach gespielt hätte und deshalb massenweise real Bauern abschlachten ließ, müsste ich mich dann für meine Schachleidenschaft rechtfertigen? Nein, aber ein paar tausend Seiten Marx mit Postulaten, die auf den revolutionären Umsturz der Welt mit Milliarden Menschen abzielen, haben vielleicht doch ein wenig mehr Substanz, als ein Schachspiel. Genauso gut könnte ich fragen, ob ich noch Zwiebeln schneiden darf, wo es doch schon Menschen gab, die mit einem Messer jemanden umgebracht haben. Nichts gegen absurdes Theater, aber das führt uns hier doch nicht weiter.
VI.
Versuchen wir einen kurzen Einstieg in die Klärung der Frage, was genau von Marx zu Stalin geführt hat. Lustigerweise hilft Che uns (versehentlich) bei der Klärung der Frage, wenn er Marx´Urteil über die Pariser Commune 1871 vorstellt:
Karl Marx: “Die Pariser Kommune, das war die Diktatur des Proletariats.”
Dazu che: “Und die Pariser Kommune war radikal basisdemokratisch. Die Vorstellung der Diktatur des Proletariats als eine reale Diktatur mit einem Diktator an der Spitze lag außerhalb des Marx´schen Denkens. Er verstand unter Diktatur des Proletariats die Durchsetzung einer neuen Klassenherrschaft mit Zwangsmitteln wie Enteignung, aber auf Grundlage eines demokratischen Konsenses, und die kapitalistische Gesellschaft, egal ob demokratisch oder monarchistisch verfasst war ihm die Diktatur des Kapitals. Die Diktatur des Proletariats als echte Diktatur zu denken, diese Idee hatte erst Lenin, der noch von Luxemburg heftig dafür kritisiert wurde. Dutschke vertrat später den Standpunkt, Diktatur des Proletariats sei als soziokulturelle Vorherrschaft zu verstehen, und so interpretiere ich auch Gramsci und Poulantzas.”
Vielleicht finden wir hier eine Antwort auf meine Frage. Die Pariser Commune war in der Tat basisdemokratisch. Komisch also, wenn Marx trotzdem von einer „Diktatur“ spricht. Der Begriff hatte vor 140 Jahren sicher eine ähnliche Bedeutung, „Demokratie“ war ebenfalls geläufig. Warum trennte Marx das nicht? Inwieweit lag das „außerhalb des Marx´schen Denkens“? Einer, der sonst ziemlich viel und ziemlich differenziert gedacht hat, spricht also von Diktatur, wenn er genau das Gegenteil meint? Und er spricht von der „Diktatur des Kapitals“ als dem zu Zerstörenden und dann von der „Diktatur des Proletariats“ als dem zu Installierenden? Instrumentalisieren lässt sich so eine Begriffsschluderei jedenfalls leicht. „Außerhalb des Marx´schen Denkens“ könnte auch bedeuten, dass ihm das wurscht war, dass er das Problem gar nicht sah. Wenn einem der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie wurscht ist, muss man sich nicht wundern, wenn man instrumentalisiert werden kann.
VII.
Auch Momorulez hat sich schon Mühe gegeben. In einem alten Artikel hier im Blog erklärte er mir, dass die Marx´schen Ideen bei Lenin gekippt sind, weil der „Kleingruppen vorpreschen lassen“ wollte, um den „neuen Menschen“ zu entwickeln. Lenin entwickelte sozusagen den Diktaturbegriff von Marx weiter und sprach nun schon von “diktatorischen Vollmachten”, die die “Leiter des Arbeitsprozesses” innehaben sollten und von der “widerspruchslosen Unterordnung unter den einheitlichen Willen” dieser Leiter.
Der erste verwechselt Demokratie und Diktatur, der nächste entwickelt das weiter, und Stalin schließlich konnte den Parteiapparat offenbar mühelos nutzen, um ein gigantisches System der Zwangsarbeit und Gewalt zu etablieren, mit Schauprozessen und Führerkult. Demokratie wäre so ein Stichwort, das man bei Marx kritisch untersuchen könnte, Menschenrechte ebenfalls, die ständige Reden von den Proletariern und die seltene Erwähnung von individuellen Bedürfnissen und sicher auch die teleologische Herangehensweise an Geschichte, die ja schon in den Vorworten zum Kommunistischen Manifest zum Ausdruck kommt, wenn Marx dort von der “unvermeidlich bevorstehenden Auflösung des modernen bürgerlichen Eigentums” spricht (das sich bekanntlich bis heute hartnäckig weigert, sich aufzulösen). Und Freiheit: Wie vereinbart Marx das denn mit Diktatur? Das lag wohl auch außerhalb seines Denkens. Bezeichnend dann die Linkspartei-AG „Cuba Sí“, der der Freiheitsbegriff auch unbekannt ist. So pflanzt sich dieses Denken fort.
VIII.
Ein anderer Fall ist der polnische Philosoph Leszek Kolakowski, der in „Die Hauptströmungen des Marxismus“ folgendes geschrieben hat:
“Wenn das Proletariat definitionsgemäß sein Streben durch den proletarischen Staat zum Ausdruck bringt, sind alle, die sich der erreichten Einheit nicht anpassen können, Überbleibsel der bourgeoisen Gesellschaft und verdienen nichts anderes als ihre Zerstörung.”
Damit macht er auf eine mögliche Marxinterpretation aufmerksam, die man, was das Wording angeht, bei Marx schnell findet. Dass etwas nichts anderes als seine Zerstörung verdient, ist Folge eines Denkens mit einem absoluten Wahrheitsanspruch. Bewegt man sich nur in dieser immanenten Logik (die übrigens völlig undialektisch ist), ist der Gedanke ok. Aber es ist offensichtlich, dass er für Gewaltphantasien leicht missbraucht werden kann.
Doch auch hier zeigt sich ein komisches Rezeptionsbild. Che nimmt den Text nicht weiter ernst mit dem Hinweis, dass Kolakowski “verschiedene Schaffensphasen” hatte und sich “jeder das Passende heraussuchen” könne. Er merkt nicht, dass er damit nur seine eigene Herangehensweise an den Text beschreibt: Che ignoriert bei Kolakowski einfach das, was ihm nicht passt. Warum sich mit dem Marxschen Text auseinandersetzen, wenn man dessen Kritiker als “sehr frömmelnd” und “sehr dogmatisch” beschreiben kann, tja, das passt in das Bild, sich nur ja nicht mit Kritik auseinandersetzten zu müssen. Ich weiß zwar nicht, was an dem obigen Zitat frömmelnd oder dogmatisch ist, aber da Kolakowski Pole war und selbst mal irgendwie Stalinist, wird schon was dran sein. Kein Wunder, dass man bei dieser eindimensionalen Rezeptionsweise sich selbst der Erkenntnis beraubt.
IX.
Das ist nur ein klitzekleiner Ausschnitt aus dem, was man zu dem Thema sagen könnte. Die Crux ist nun, dass ich diese Diskussion gar nicht führen wollte und kann und auch nur begrenzt Interesse habe, die nächsten Jahre mit einschlägiger Lektüre zu verbringen. Ich sage nur, dass solche eine Diskussion innerhalb des linken Spektrums in den vergangenen 20 Jahren nicht geführt wurde, zumindest nicht in der Linkspartei, nicht breitenwirksam, nicht in Zeitungen (weder im ND, noch in der jw, in dem eigentlich sehr interessanten Magazin „Sozialismus, erweitert könnte ja die FR in Frage kommen und mehr), nirgendwo.
Und ganz aktuell zur Linkspartei: Ich habe vor ein paar Tagen in einer Printspiegelausgabe geblättert und einen Artikel über den Parteiprogrammentwurf der Linken gelesen. Verglichen wurde der Entwurf von Brie mit dem von Wagenknecht. Laut Spiegel sind die Brieschen Vorschläge zur Beschäftigung mit der realsozialistischen Vergangenheit alle rausgestrichen worden. Es ging um die Feststellung, dass es in der Geschichte des Realsozialismus zu unendlichem Leid gekommen ist, Ausbeutung, Unterdrückung etc. Selbst das ist offenbar einflussreichen Kreisen bei der Linken zuviel. (Falls jemand diese Spiegel-Ausgabe zur Hand hat, kann er ja den exakten Wortlaut nachschauen.)
Wenn nun nicht einmal die Linkspartei als Rechtsnachfolgerin der SED die Pflicht hat, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, wer dann? Und die Linkspartei ist nun einmal ein bedeutender Teil der deutschen Linken, und zwar der mit Abstand einflussreichste Teil.
X.
Und da sind wir beim nächsten Punkt. Die vielen linken Gruppierungen,
Es ist eben eine Tatsache, dass die vielen linken Gruppen und Grüppchen wenig realen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Sie mögen interessante Ansätze haben, sie mögen mit Stalin nie etwas zu tun gehabt haben, doch sie sind gesamtgesellschaftlich eine Randnotiz. Auch der marxistische Einfluss in Gewerkschaften und Betriebsräten ist doch im Arsch, verglichen mit den Siebzigern. Die „realsozialistische Linke“ hat rund 70 Jahre lang das Geschehen in der Welt maßgeblich mitbestimmt, jeden Tag, für Milliarden Individuen. Das Ergebnis sind 100 Millionen Tote in der Sowjetunion, in China, im gesamten Ostblock. Nach Stalins Tod (und das müsste genauso intensiv diskutiert werden), setzte zwar eine leichte Milderung ein, aber in allen sich sozialistisch nennenden Staaten wurden den Menschen grundsätzliche Menschenrechte verwehrt, und zwar bis zum bitten Ende 1989. Also reichte selbst die Zeit von 1953 bis 1989 nicht, um sich selbstständig aus der Pfütze zu ziehen. Stalinismus war also weltweit praktizierbar, ohne größere Widerstände und mit der theoretischen Legitimation des Marxismus, wenn auch instrumentalisiert. Es zählt eben auch, was hinten rauskommt.
Man kann es sich nun einfach machen und sagen, das war alles nicht links, das hatte nichts mit Marx zu tun. Inhaltlich mag das zum allergrößten Teil richtig sein, aber im real life funktioniert dieser Ansatz nicht, weil sich der Realsozialismus auf Marx bezog und gegen diese Deutungsmacht auf breiter Front eben niemand ankam. Da mag Adorno viel Richtiges geschrieben haben und die französischen Poststrukturalisten auch. Gegen die realsozialistische Linke kamen andere Marx-Interpreten faktisch in keinster Weise an, in den siebzig Jahren änderte sich nichts Wesentliches. Die ökonomischen Widersprüche führten 1989 zum Zusammenbruch, nicht Adorno. Keine einzige Gesellschaft hat es bisher geschafft, Marx adäquat anzuwenden, dafür haben es unzählige geschafft, im Namen von Marx unglaubliche Katastrophen anzurichten.
XI.
Nörgler meint nun, mein Geschichtsbild sei so “steil idealistisch”, dass sich selbst Hegel geweigert hätte, das zu diskutieren. Marx könne schon deshalb mit Stalin nichts zu tun haben, weil Stalin “und andere Aberrationen des Arbeitermarxismus … alle die Marxsche Theorie gar nicht kannten”. So einfach geht das. Die realsozialistisch Verantwortlichen haben bis 1989 intensiv Marx gelesen, seine Werke editiert, studiert, es gab unzählige Institute dafür. Sie mögen vieles instrumentalisiert und bewusst falsch verstanden haben, aber dass 99 Prozent der Marxrezipienten einfach überhaupt nicht rezipiert haben und ihre Terrorherrschaften somit auch nichts mit Marx zu tun haben, erinnert ein wenig an die Verlautbarungen zum antifaschistischen Schutzwall. Man muss sich in dieser inneren Logik nur intensiv einrichten, dann passt das schon. Es besteht keinerlei Bereitschaft, Marx auf “undichte” Stellen hin zu untersuchen. Alleine die Frage, warum Marx von Lenin und Stalin so leicht entsorgt werden konnte, müsste jeder nachgehen, der an geschichtlichen Zusammenhängen interessiert ist. (Mir ist in diesem Zusammenhang auch nicht klar, wie man angesichts dieser eklatant fehlenden Bereitschaft zur Selbstreflexivität noch mit Adorno argumentieren kann, wie das hier ja gerne gemacht wird.)
Geschichtstheoretisch meint Che folgendes:
“Politische Entwicklungen aus der Auslegung von Schriften abzuleiten ist Theologie, aber nicht Historie. So funktioniert auch keine politische Ideengeschichte. Die rückkoppelt vielmehr Theoriemodelle und Ideologien mit empirisch beobachteten politischen Prozessen und verfolgt dann, was in der Praxis dabei herauskommt.”
Mal abgesehen davon, dass der zweite Satz so viel heißt wie, dass die Ideengeschichte Theoriemodelle mit der Praxis rückkoppelt und dann verfolgt, was in der Praxis dabei herauskommt, halte ich diesen Ansatz nicht für falsch, aber nicht für den einzig möglichen. Wenn sich zig Terrorregime weltweit und über einen Zeitraum von rund siebzig Jahren hinweg auf Marx berufen, dann könnte man als Historiker doch durchaus auf die Idee kommen, einmal bei Marx nachzuschlagen, oder? Das ist keine Theologie, das ist schlicht naheliegend. Weigert ihr euch auch, “Mein Kampf” zu lesen? Wäre das auch Theologie? Was ist eigentlich gegen Quellenstudium einzuwenden?
XII.
Ihr benehmt euch auf eine Art, die ihr in anderen Zusammenhängen scharf kritisieren würdet – völlig zurecht. Eine Aufarbeitung von 1933 bis 45 als genügend zu betrachten, weil doch schon Tucholsky vor 33 Erhellendes gesagt hat und überhaupt haben schon Adorno und Horkheimer 1944 wichtige Strukturen des NS beschrieben – warum sich also noch um irgendwas kümmern?
Vielleicht hat euer Verhalten auch damit zu tun, dass es natürlich ganz praktisch ist, wenn man solchen totalen Wahrsagungen folgt, so eine Art Gottersatz, wer weiß. Und Gott pinkelt man ja auch nicht ans Bein. Wobei der Gläubige bei Naturkatastrophen und anderem Unbill noch von göttlichen Prüfungen sprechen kann, bei euch müssen dann die anderen Schuld sein.
XIII.
Grundsätzlich und zum x-ten mal wiederholt: Wenn Stalin sich Marx realpolitisch langfristig und dominant einverleiben konnte, bedeutet das nicht, dass Marx in irgendeiner Weise “wertlos” geworden wäre. Es bedeutet aber sehr wohl die Notwendigkeit einer Untersuchung der Marxschen Texte auf eine mögliche Anschlussfähigkeit in Richtung stalinistischer Terror. Das mag in den mir empfohlenen Büchern teilweise geschehen sein, doch ich halte es für notwendig, eine solche Diskussion in der Breite zu führen, vorrangig natürlich in der Linkspartei (siehe meine obige Bemerkung zu Brie), und zwar, weil zum einen eine linke Bewegung am besten eine massenkompatible und massenanschlussfähige sein sollte mit emanzipierten Subjekten, und zum zweiten, weil man nur dann weiterhin auf Marx aufbauen kann, wenn man diese Leerstelle klärt. Die Bücher in Ehren, aber das ist zu wenig, zumal die von mir gebrachten Beispiele sich auf Stalinismus heute beziehen (und Christoph Jünke hier ebenfalls zu interessanten Beobachtungen kommt).
Marx sollte von seinen Verteidigern kritisiert werden, nicht vom vom Rote-Socken-Hintze.
Also, geht in euch, kehrt auf den Pfad der Tugend zurück, gebt mir recht, dann drücke ich ein Auge zu. Ich bin ja nicht nachtragend.