Die FDP tut mir fast leid, denn sie demontiert sich gerade selbst, weil sie nicht anders kann. Psychologen würden von zwanghaftem Verhalten reden.
Die Fakten: Knapp 50 Prozent der FDP-Wähler sind seit September abgesprungen, Rösler beharrt weiterhin auf der Kopfpauschale, obwohl selbst Schäuble vorrechnet, dass dann zur Gegenfinanzierung die Einkommenssteuer auf über 70 Prozent steigen müsse, Westerwelle sieht “Sozialismus” im Zusammenhang mit der Karlsruher Hartz-IV-Entscheidung und sagt:
“Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.”
Die FDP kann nicht anders, weil sie ja kein anderes Ziel hat, als ihrer Klientel und dem Kapital Vorteile zu verschaffen. Das klappt nicht mehr so richtig, deshalb wird sie aggressiv. Wenn das Volk nicht will wie Westerwelle, dann lebt es halt in spätrömischer Dekadenz, und danach kommen bekanntlich Völkerwanderung und finsteres Mittelalter. Kein Zufall, dass der offensichtlich zwanghafte Westerwelle seit einer halben Ewigkeit Vorsitzender der FDP ist. Zehn Jahre lang war er zwanghaft um Contenance bemüht, was nur klappte, indem er sich all seine menschlichen Regungen abtrainierte. Kaum ist er an der Macht, verliert er sie, die Contenance.
Es hat etwas von den letzten Tagen im Führerbunker. Die jahrelang zurechtgebastelten Fiktionen kommen in Kollision mit der Realität. Die große Masse der Bevölkerung hat keinen Bock auf die neoliberalen FDP-Vorstellungen. Das kann Westerwelle nicht begreifen, wo er doch so gerne von den Leistungsträgern und dem Mittelstand redet, die auf die FDP vertrauen sollen. Ihm, der über Jahre in unzähligen Talkshows viel Applaus bekam für seine Forderungen von wegen weniger Steuern, glaubt man nicht mehr. Das verletzt ihn wirklich. Also behauptet er einfach: Das Volk will den Neoliberalismus viel schneller, die FDP muss also Gas geben.
Und das ist das Wundersamste: Jetzt stellt sich heraus, dass Westerwelle den ganzen Quatsch, den er seit Jahren erzählt, wirklich selbst glaubt! Kaum zu glauben. Ich bin bislang davon ausgegangen, dass Westerwelle genau weiß, was für einen Blödsinn er daherredet, so wie ein guter Lobbyist das eben macht. Weit gefehlt. Er hat seine neoliberalen Mantren zehn lange Jahre heruntergebetet, Tag für Tag, da bliebt ihm gar nichts anderes mehr übrig, als es selbst zu glauben. Und wie ein kleines Kind wird er nun bockig, weil das Volk, das ihn ja angeblich gewählt hat, nicht mitspielt. So ein undankbares Volk.
Lustig ist eine weitere Reaktion Westerwelles auf das Dahinscheiden seiner halben Wählerschaft:
“Ich habe eine Engelsgeduld. Aber die FDP kann auch anders”
droht er via Spiegel der CDU. Wie kann sie denn anders, die FDP? Noch zwanghafter? Westerwelle sitzt in seinem lecken Ruderboot und droht dem CDU-Tanker, dass er auch anders könne. Wie süß. Und das, wo man Merkel geradezu ansehen kann, dass sie sich in die große Koalition zurückwünscht.
Westerwelle will den neoliberalen Kurs verschärfen, denn “die Bürger” wollen das angeblich so. Er muss das so sagen, denn wenn es anders wäre, wäre die die FDP nicht mehr die fiktionale Mittelstandspartei, sondern auch in der Fiktion die Bonzenpartei, die sie real ohnehin ist. Das zuzugeben, würde ihren Untergang bedeuten.
Schade nur, dass die immer gleichen Schlachten geschlagen werden müssen. Vor ein paar Wochen war die deutsche Öffentlichkeit ganz empört über die Millionenzahlung dieses Mövenpick-Freaks. Es bestehe der Verdacht, dass die FDP käuflich sei, hörte man.
Ja, natürlich ist die FDP käuflich, was denn sonst?? Die FDP ist, spätestens seit Lambsdorff korrupt und der verlängerte Arm des Kapitals im Politbetrieb. Sonst nichts. Dass das allen Ernstes knapp 50 Prozent der FDP-Wähler nicht wussten, zeigt den traurigen Zustand politischer Bildung in Deutschland. Die Übriggebliebenen wissen besser Bescheid: Sie wollen eine korrupte Klientelpartei wählen und bekennen sich dazu.
Das ist ok. So weiß man wenigstens, woran man ist.
Mal sehn, wie´s weitergeht. Einen typisch liberalen Ausweg böte die Haiderisierung der Partei, so ein bisschen Möllemann, aber nicht so gegen die Juden, mehr so gegen das Prekariat gerichtet. Das sind ja schließlich nicht die, die “die Karre ziehen”. Die rechten Stammtische erobern, wobei Westerwelle dort nicht wirklich gut ankommt, zu affektiert, außerdem schwul. Demagogie könnte Westerwelle schon, derzeit scheitert er darin im Ansatz, denn es ist zu offensichtlich, dass er wegen der schlechten Umfragewerte getrieben wird.