Monatsarchiv: Januar 2010

“Zionisten sind Rassisten”

…behaupten pikanterweise manche Juden, und zwar die ultraorthodoxen, die in dem Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim (Bild 1) wohnen. Sie sind gegen den Staat Israel, weil der nur vom Messias gegründet werden darf, nicht von gewöhnlichen Sterblichen. Die Ultraorthodoxen aus Mea Shearim haben auch etwas gegen die archäologischen Ausgrabungen, die israelische Behörden seit der Staatsgründung intensiviert haben, um vermutete israelitische Siedlungsstellen, gerne dreitausend Jahre alt, zutage zu fördern und so eine gewisse historische Begründung ihres Staates herzuleiten. Die Tora lügt nicht, sagen die Ultraorthodoxen, da braucht man nicht buddeln, um irgendwas zu finden, was sowieso da ist.

Die Vorfahren dieser Ultraorthodoxen sind in den 1870er Jahren aus Osteuropa eingewandert und haben Mea Shearim gegründet. Sie waren arm und ihre Nachfahren sind arm und haben sich allesamt um einen israelischen Staat nie gekümmert.

Man könnte meinen, die Hauptfeinde der Ultraorthodoxen sind die Zionisten. Sie sind nicht nur Rassisten, sondern auch Verursacher eines weiteren Holocaust an den Juden und selbst gar keine:

Mit den Palästinensern scheinen die Mea-Shearim-Leute insofern gut klarzukommen, als dass es keinerlei Berührungspunkte gibt: Man verlässt einfach sein Viertel nicht (und verbietet anderen den Zutritt). Imperialistisch kann man diese Auslegung von Religion nicht nennen. Man wartet einfach auf den Messias, der wird es schon richten. Eigentlich nicht das schlechteste Verhalten in einer Stadt, in der, keine fünf Kilometer weiter östlich, eine Politik der Landnahme immer weitere Teile der Westbank als israelisches Staatsgebiet faktisch festschreibt.

Die strikte Trennung von Juden und Zionisten geht zusammen mit dieser Buchreihe, gefunden in einem linken Buchladen in Jerusalem:

Dass Juden sich gegenseitig die Schuld an einem weiteren Holocaust vorwerfen, war mir neu. Die Welt ist nicht einfach im Nahen Osten.

(Fotos: genova, 2010)

“Tagesspiegel” kollaboriert mit Hassprediger

Deutsche Feuilletons führen derzeit die x-te Debatte zum Thema Islam. Die selbsternannte “Hauptstadtzeitung” Tagesspiegel muss da natürlich mithalten und tut das mit einem Beitrag von Henryk Broder. Man stelle sich das vor: Seidl in der FAZ, Assheuer in der Zeit, Steinfeld in der Süddeutschen und der Tagesspiegel kommt mit dem Rechtsaußenvollpfosten Broder. Ich habe keine Lust, diesen Artikel und den dort geschriebenen unglaublichen Blödsinn auseinanderzunehmen. Nur soviel: Ein Kern seiner Argumentation: Die FAZ, die Zeit und die Süddeutsche haben etwas gegen ihn, weil er “polnischer Jude” ist und die genannten Herren werden, kaum ummantelt, als Nazis bezeichnet.

Das ist meines Erachtens der vorläufige Gipfel des Broderschen Egozentrismus, der keines weiteren Kommentars bedarf. Das Problem dabei: Die Verantwortlichen beim Tagesspiegel bieten diesem Hansel zum wiederholten Mal ein Forum.

Die Hauptstadtzeitung lässt einen Hassprediger plappern und begibt sich damit auf Bild-Niveau. Wenn überhaupt. Steckt dahinter ein Konzept?

Lesenswert zum Thema: Arne Hoffmann und ein Beitrag des Islamwissenschaftlers Stefan Weidner im Merkur. Dort schreibt er in Bezug auf Muslime und ihre westlichen Kritiker:

Keine der beiden Seiten grenzt sich genügend gegen ihre extremen Ränder ab.

Für den Tagesspiegel zählen offenbar nur die page impressions. Gerne auch vom extremen Rand.

Woher natürliche Schönheit kommt…

…weiß ich auch nicht so genau, doch in der Stadt Boleslawiec (das frühere Bunzlau, rund 50 Kilometer östlich von Görlitz) kann man eine Ahnung von der Antwort erhalten.

Der Hauptplatz hat im Zweiten Weltkrieg ziemlichen Schaden genommen und wurde ab den 1950er Jahren teilweise wiederaufgebaut. Ich will jetzt keine Rekonstruktionsdebatte führen, sondern die Häuser als solche betrachten, genauer gesagt, nur die Fassaden. Zumindest die Front ist originalgetreu rekonstruiert, und da ergeben sich interessante Perspektiven.

Die Häuserfront (also vor allem die drei mittleren Häuser) wirkt auf den ersten Blick wie aus einem Guß, keine Vor- oder Rücksprünge, die Höhen sind einigermaßen aufeinander abgestimmt, der Baustil, bis auf das Eckhaus rechts, nicht einheitlich, aber zumindest aus der Rückperspektive verbindlich. Auf den zweiten Blick sind die Fronten völlig unsymmetrisch, es ist ein völliges Durcheinander. Sämtliche Achsen brechen aus den Vorgaben aus, denen sie zu folgen scheinen, die Fensterreihungen sind unregelmäßig, die Pilaster ebenfalls, das Bullauge oben ist einmal rund, einmal rautenförmig, einmal nicht vorhanden, die Erdgeschosse enden in unterschiedlicher Höhe, die Fassadenverzierungen sind verschieden gehalten und so fort.

Alles sehr individuell und doch bildet das Ensemble tatsächlich ein solches. Es wirkt lebendig, ungezwungen, sympathisch und dennoch zusammengehörig. Diese vielfältige Differenz im Detail ist wohl das Geheimnis dieser Architektur.

Die sich links anschließende Platzseite bestätigt den Eindruck. Die Seitenansicht (2. Bild) zeigt, dass alle Fenster eine Bank besitzen, die alle tief, aber in jeweils leicht differierender Höhe angebracht sind. Auch hier liegt das Spannungsmoment im Detail, das umso wirksamer ist, weil es einem gemeinschaftlichen Plan folgt, an dem sich alle Häuser orientieren, aber dennoch jedes eine gewisse Individualität ausdrücken kann.

Nebenbei: Die Rückseiten der Häuser (Bild 3) verraten, dass man sich beim Wiederaufbau genau dafür nicht interessierte, der Ziegelstein wurde mit mehreren Sorten Naturstein verkleidet und die Stufe, verlkeidet mit blankem Granit, ist wohl erst in der Nachwendezeit angefügt worden. Hinten ist geschludert worden ohne Ende, aber, wie gesagt, lassen wir für heute die Rekonstruktionsdebatte außer Acht.

Dennoch: Dieser Platz, und mit ihm viele andere in den Städten der Gegend, erzeugen eine Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt, wie man sagt, und die mit den heutigen Bauvorschriften, zumal in Deutschland, kaum noch zu erzeugen ist. Am ehesten war vielleicht noch Bruno Taut mit einem Teil seiner Berliner Siedlungen nah dran – unter anderem die Siedlung Onkel Toms Hütte in Zehlendorf. Wenn serielle Häuser millimetergenau zueinander passen, weil die Fertigung dann angeblich günstiger ist, nützen auch absichtliche Changierungen nichts, weil auch die wieder komplett geplant sind. Das Unfertige, das sich Entwickelnde, das Lebendige, der Zufall haben keinen Platz mehr.

Zu diesem Thema im weiteren Sinn hat Jean Stubenzweig in seinem Blog einen sehr lesenswerten Artikel verfasst. (Falls er das hier liest, möge er mir sagen, warum ich bei ihm nicht kommentieren kann. Sämtliche Anmeldungsversuche schlagen fehl.)

(Fotos: genova, 2009)

Erst die Villa, jetzt das Schloss!

Gefunden auf selbiger Internetseite:

Dazu ein angenehmes Interview mit Klaus Staeck: “Da bin ich lieber bei den Sägespänen in der Arena”

(Foto: Tobias Hönig, 16.9.09)

Stadtwinter – Winterstadt

(Fotos: genova, 12/09 und 1/10)

Tocotronic: Kreative Selbstmobilisierung in die Zweiklassengesellschaft

Der Tagesspiegel hat Dirk von Lowtzow anlässlich des neuen Albums von Tocotronic interviewt. Sehr lesenswert, nicht nur dieser Ausschnitt:

Rockmusik soll ehrlich und unverfälscht sein. Trotzdem wehren Sie sich gegen Authentizität?

Früher erschien es mir unnötig, mich dagegen zu wenden. Aber mittlerweile geht mir diese perfide Ideologie, dieses permanente Gefühl, sich selber sein und vervollkommnen zu müssen, auf die Nerven. Das ist eine kreative Selbstmobilisierung, die uns zwingt, uns ständig auf uns selbst zu beziehen. Selbstverbesserung ist zum biopolitischen Imperativ geworden und durchsickert den gesamten Körper. Beginnen tut das relativ harmlos mit dem Glauben an die unbedingte Authentizität, aber es endet in der Zweiklassengesellschaft, bestehend aus denen, die über das kulturelle und das vorhandene Kapital verfügen, um die eigene Vervollkommnung voranzutreiben und “exzellent” zu werden, und allen anderen, die solche Voraussetzungen nicht haben.

Mehr dazu auch bei Bersarin.


Rudis Reste Rampe oder: Wie man in Braunschweig fürstlich liest

Das Blog Schlossdebatte berichtet über das Braunschweiger Schloss, das im Krieg schwer beschädigt und 1960 abgerissen wurde. Vor ein paar Jahren wurde es als Shopping-Center (“Arkaden”) mit Stadtarchiv und Stadtbibliothek neu errichtet, mit barocker Fassade und sogenanntem modernen Innenleben.

So sieht es jetzt von außen aus:

Wer reingeht, erkennt die bemerkenswerten Details, mit denen das Büro Stuhlemmer Architekten die Aufgabe löste, den “Räumlichkeiten für 1,2 Millionen Euro eine schlossähnliche Anmutung zu geben.”

Den Wänden wurden Pilaster vorgesetzt, schätzungsweise aus Gips, und da wohl die Berechnungen nicht ganz den realen Maßen entsprachen, fehlt dem Abakus ein halber Meter zur Decke. Also wurden halt zwei weitere Kapitelle (oder was das sein soll) obendrüber gesetzt, aber alles schön abgestuft, das sieht wertiger aus. Dazu kommt die dezente Farbgebung, mal etwas mehr, mal etwas weniger beige.

Selbst bei einem Retro-Einfamilienhaus aus dem Katalog würde der Bauherr den Hersteller erschlagen für sowas (hoffe ich).

Gelungen auch diese Gipssäule mit quadratischer Marmorbasis und quadratischer Abschlussplatte, die leider nicht ganz den Maßen des Deckenstrangs entspricht. Aber man kann ja nicht alles haben, wenn man bei Rudis Reste Rampe einkauft. Man beachte auch die unauffällig platzierten Lüftungsschlitze in ja angeblich tragenden, massiven Deckensträngen.

Wie schön eine Begegnung von alt und neu sein kann, zeigt im Bild oben die rechteckige tatsächliche Stütze aus Beton, die hervorragend mit der Gipssäule harmoniert. Der Zwischenraum wurde findig für eine Glasvitrine genutzt. Vielleicht stößt ein Bibliotheksbesucher einmal rein zufällig an die Säule, die kippt dann bestimmt um und keiner merkt was.

Bei diesem Bild atmet man fast schon auf: einfach banal. Der Feuerlöscher ist an zentraler Stelle angebracht, so kann der König schneller löschen, wenn es brennt.

Der Clou laut Schlossdebatte:

Dies kann man auch als eine Vorschau auf das sehen, was beim Berliner Schloss kommen mag. Denn der Architekt ist der selbige, der vom Förderverein Berliner Schloss mit der Planung der Fassadenrekonstruktion beauftragt ist. Der Auftrag erging an ihn, als er selber den Verein kommissarisch leitete.

Zumindest die Auftragsvergabe ist irgendwie barock.

Aus Zeitmangel wenig durchdachter Zusatz:

Wie hätte die Bauausführung besser laufen können? Letztlich war das Kind schon in den Brunnen gefallen, als die Repräsentanten Braunschweigs entschieden, die Fassade des Schlosses wieder aufzubauen. Eine barocke Bauweise auch im Innern hätte wohl wegen der abstrus hohen Kosten die ein solcher Baustil provoziert und wegen seiner Praxisferne unmöglich fortgesetzt werden können. Ein Stadtarchiv und eine Bibliothek haben bestimmte finanzielle Rahmenbedingungen einzuhalten, da geht nix mit schlossähnlicher Anmutung.  Und eine – wie auch immer – innovative Architektur ist von solchen Stadtoberhäupten nicht zu erwarten.

Konsequenterweise sollten die aktuellen Herren Braunschweigs das gemeine Volk aus der schlossähnlichen Bibliothek raushalten. Diese ganze restaurative Logik ist zum Scheitern verurteilt. Nichts Neues, aber immer wieder schön zu sehen.

(Fotos: 1. Kudalla, 2. und 3. mit freundlicher Genehmigung von  Schlossdebatte)

Wer ist schuld an der Finanzkrise? Klar: die Gutmenschen

Wer sich in drei Minuten über das analytische Niveau des Rechtsintellektualismus in Deutschland informieren möchte, kann das derzeit in einem fulminanten Video des Magazins Cicero tun. Dort erklärt der ehemalige BDI-Chef und Präsident der Leibniz-Gesellschaft, Hans-Olaf Henkel, die Ursachen der Finanzkrise.

Henkel hat nach Eigenaussage “die Sache mal ein bisschen recherchiert”, und zwar an sich selbst. Er hat 1978 in Amerika ein Haus für 210.000 Dollar gekauft und knapp zwei Jahre später für 230.000 Dollar verkauft. Doch dann ging es erst richtig los mit dem Preisanstieg. 2005 war das Haus schon fast drei Millionen Dollar wert. Warum? Das “Gutmenschentum” ist schuld. Denn vor allem die Präsidenten Carter und Clinton haben “jedem Amerikaner” “ein Dach über dem Kopf versprochen … Und das ham se gemacht. Das Resultat ist die Immobilienblase.”

So einfach ist das also. Belege für seine steile These liefert Henkel nicht. “Ein Dach über dem Kopf” zu versprechen meint für mein Dafürhalten schlicht, Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Oder haben die Präsidenten allen Ernstes jedem Amerikaner ein eigenes Haus versprochen? Kaum vorstellbar.

Weimer glaubt das auch nicht so ganz und widerspricht und die beiden kommen dann auch schnell auf die unseriösen Kreditvergaben amerikanischer Banken zu sprechen, die in keinem Zusammenhang mit den bösen Präsidenten-versprechungen stehen, was Henkel aber souverän ignoriert. Dann thematisieren sie noch die bösen Linken, die kritisieren, dass die Finanzmärkte nach wie vor nicht an die Leine genommen wurden. Dieser Vorwurf erntet bei den beiden Experten nur Kopfschütteln. Die Liste der Gesetze, die genau das beabsichtigen, hätte mich interessiert.

Am Turbokapitalismus sind also die Gutmenschen und ihr soziales Geplimper schuld. Wer gegen Obdachlosigkeit ist, ist für die Finanzkrise. Der Wert von Henkels Ex-Haus hat sich mehr als verzehnfacht, weil die turbosozialistischen US-Präsidenten das Paradies auf Erden versprochen haben. (Nach Carter kam übrigens Reagan. Was hat der eigentlich dazu gesagt?)

Wohlgemerkt: Weimer unterhält sich mit Henkel, weil der gerade ein Buch zum Thema geschrieben hat, er gilt also eine Art Experte. Und der Mann tingelt durch die Talkshows und die politischen Radiosendungen, gibt Interviews (unter anderem einem rechtsradikalen Internetblog), schreibt Beiträge.

Henkel ist ideologisiert bis obenhin. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Es darf nicht sein, dass man sein Leben lang für den Kapitalismus streitet und dann, mit knapp siebzig, erkennen muss, dass da wohl doch etwas schiefgelaufen ist. Da ist es bequemer, das alte Feindbild, den Gutmenschen, beizubehalten und ihm das Dilemma in die Schuhe zu schieben. Es ist das alte Lied. Wer Feindbilder braucht, hat keine Probleme mit deren Fütterung. In seriösen Kreisen allerdings würde sowas erkannt, Henkel wäre ein alter, bornierter Mann, der keine öffentliche Beachtung fände.

Das Buch heißt übrigens “Die Abwracker. Wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen”. Die Süddeutsche hat es gelesen und resümiert:

“Am Ende bleibt der Eindruck, die deutschen Wirtschaftkapitäne sind durch die Bank vor allem eines: Schafe. Und vorneweg läuft eines, das auf den Namen Hans-Olaf hört.”

Doch es gibt eine gute Nachricht für Henkel: Die Obdachlosigkeit in den USA hat – wegen der Krise – wieder deutlich zugenommen. Endlich Schluss mit den sozialistischen Experimenten. Wer nichts leistet, schläft jetzt wieder unter der Brücke. Ist ja auch ein Dach, zumindest mit etwas Phantasie. Henkel und Co. sei Dank.

René Pollesch und das interpassive Theater

Der Dramatiker René Pollesch erklärt in seinem neuen Stück “Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!”, das vorgestern in der Berliner Volksbühne Premiere hatte, Interpassivität, also die Theorie von Robert Pfaller, nach der Menschen dazu neigen, Handlungen und Objekte an Dritte zu delegieren, zum Beispiel Pornos zu gucken statt selbst zu pimpern oder ganze Bücher zu kopieren, statt sie zu lesen oder fremden Menschen via TV beim Kochen zuzuschauen, statt selbst zu kochen etc.

Der Schauspieler des Ein-Mann-Stücks, Fabian Hinrichs, erzählt den Zuschauern, was er unter interpassivem Theater versteht:

“Interpassives Theater wäre, wenn der Schauspieler am Ende der Vorstellung mit Ihrem Partner nach Hause geht. Dann müssen Sie das nicht tun.” (aus dem Kopf zitiert)

Entweder hat Pollesch den Pfaller nicht verstanden oder ich. Interpassives Theater wäre doch eher, sich ein Theaterabo zu kaufen und dann nicht hinzugehen. Oder seinen Partner hinzuschicken. An anderer Stelle im Stück wird Dosengelächter eingespielt, so mussten wir Zuschauer nicht selbst lachen. DAS wäre interpassives Theater.

Egal. Interessant jedenfalls war, dass Pollesch im Stück das Jahr 1971 als große Zeitenwende definiert: das Ende von Bretton Woods und damit der Beginn des Finanzkapitalismus. Als historische Zäsur wäre das jedenfalls mindestens so sinnvoll wie die üblichen Einteilungen mit 1945 und 1989 oder gar 2001 wegen nine eleven.

Die Volksbühne als künstlerischer Ort politischer Aufklärung. Fast wie in den 1920ern. Ob mit oder ohne Partner.

Update, 15.1.: Der Blogozentriker beschreibt Interpassivität viel besser, als ich das hinkriege.

Schwarzgelb: Selbst Zyniker sind erschüttert

Einer meiner Lieblingsjournalisten heißt Harald Schumann. Sein Kommentar im Tagespiegel von gestern bringt nichts wirklich Neues, aber eine prima Zusammenfassung der regierungspolitischen Logik, nicht erst seit September.

Die schwarz-gelbe Koalition, schreibt er, erweise sich

“inzwischen in einem Maße als unseriös, das selbst die gelernten Zyniker beim Bundesrechnungshof erschüttert.

Das begann bereits mit dem kürzlich beschlossenen acht Milliarden Euro schweren Steuerentlastungsprogramm. Da verliehen die Realitätsverweigerer im Amt einer Lüge Gesetzeskraft, indem sie die Steuernachlässe für ihre Klientel zur „Wachstumsbeschleunigung“ verklärten. Tatsächlich werden die erlassenen Steuermilliarden vor allem Hotelbesitzern, reichen Erben und Kapitalbesitzern zugutekommen, also nur solchen Leuten, die auch bei steigenden Nettoeinkommen ihren Konsum kaum noch steigern werden. Selbst der höhere Kinderfreibetrag nutzt überwiegend den Besserverdienenden, während arme Familien leer ausgehen. Und die Behauptung, die nun schon fünfte Senkung der Unternehmens- und Gewinnsteuern binnen eines Jahrzehnts werde zu höheren Investitionen führen, wird auch durch Wiederholung nicht wahrer. In Wahrheit gibt es keinerlei empirischen Beleg, dass Steuersenkungen jemals die wirtschaftliche Leistung erhöht hätten. Nachweisbar ist allerdings, dass die Ausdünnung der Staatseinnahmen zum Abbau der staatlichen Investitionen führt. Nicht zuletzt deshalb ist Deutschland bei den Bildungsausgaben im Vergleich der Wohlstandsländer der OECD inzwischen auf den drittletzten Platz abgerutscht.

Dabei ist aber längst klar, dass die Kanzlerin und ihr Finanzminister ihren staatszersetzenden Koalitionspartnern eine grundlegende Korrektur des Koalitionsvertrages werden abringen müssen. Das darin gegebene Versprechen, auch in der Krise die Steuern nicht zu erhöhen, ist nur haltbar, wenn die Zuschüsse zu den Sozial- und Krankenkassen in zweistelliger Milliardenhöhe gekürzt würden. Damit müssten aber gleichzeitig die Sozialbeiträge so drastisch steigen, dass die Regierung die ganze Republik gegen sich aufbringen würde. Nicht zufällig dringen daher sogar Unionspolitiker auf eine Finanztransaktionssteuer, wie sie die Globalisierungskritiker schon seit Jahren fordern. Würden dazu noch die Steuern auf Vermögen, Erbschaften und Grundbesitz nur auf das durchschnittliche Niveau der OECD-Staaten angehoben, kämen gut 30 Milliarden Euro mehr in die Staatskasse, und das ohne die Kaufkraft wesentlich zu mindern.”

Zusammenfassung: Reiche werden reicher, Arme zahlreicher und die Bildungsausgaben (BRD 4,8 Prozent des BIP, Dänemark 7,2 Prozent) sorgen dafür, dass das künftig niemand mehr merken wird.

Was genau meint eigentlich der Begriff “Sozialstaat”?